All Aboard, fünf

Es ist schon erstaunlich, wie schnell es bisweilen geht, dass die Realität die Satire überholt.

2014 hat Österreich den Song Contest mit Conchita Wurst gewonnen und was haben wir uns alle gebrüstet weltoffen und tolerant zu sein. Ein paar Tage später wurden die Festwochen Plakate aufgehängt, auf denen nackte Menschen mit beiden Geschlechtsmerkmalen zu sehen waren, und schon waren wir wieder ganz die alten. Ich hab damals eh was dazu gebloggt.

2018 gewinnt die Israelin Netta den ESC mit einem Lied, in dem sie mit Männern hart ins Gericht geht, die sie aufgrund ihrer Figur und Andersartigkeit verachten. Und man denkt sich: ja eh, aber ist das wirklich noch so ein großes Thema, ich mein, wir schreiben 2018? Und ein paar Tage später die eindrucksvolle Antwort von Thomas Chorherr, 85-jähriger Ex Chefredakteur und Ex-Herausgeber der Presse. Ebendort setzt er einen Kommentar ab, der in seiner Gesamtheit etwas wirr und konstruiert erscheint – was hat der Wiener Stephansdom mit Nettas Sieg beim Song Contest zu tun, aber soll sein – im Detail aber vor allem eines ist: extrem bösartig und gemein. Wer sich den ganzen Text antun will, hier bitte.

Chorherr mag Netta und ihr Lied nicht, das ist selbstverständlich sein gutes Recht. Was aber nicht mehr geht im Jahr 2018, ist folgende Wortwahl, getarnt als “Meinung”:

“Sie war hässlich. Sie war dick. Sie war jenseits aller Ideen zuwider. Sie war abgrundtief schiach.”

Nein, nein, nein, einfach nur nein. Abgesehen davon, dass es extrem subjektiv ist was man schön findet, ist es kränkend und beleidigend und absolut letztklassig, eine Person so zu bewerten und zu beschreiben. Inhaltliche Kritik jederzeit. Aber das nein. Und nein, Netta hat es nicht verdient (wie manche meinen), weil sie selbst ja auch Männer basht. Netta hat einen Song geschrieben, sie hat sich künstlerisch ausgedrückt, nicht mit Samthandschuhen, nicht subtil, nein. Aber sie hat niemand persönlich beleidigt oder angegriffen; hier teilt sie übrigens ihr Schicksal ein bisschen mit Thomas Bernhard, dem man seine Rollenprosa auch bitter übel genommen hat und diese als Argument gesehen hat, ihn persönlich anzugreifen.

Dass Chorherr, quasi in einem Aufwaschen, sich auch darüber wundert, dass Österreich einen “Farbigen” zum ESC schickt, ist da sozusagen nur noch konsequent, in der Kategorie: jenseits von Gut und Böse.

Edition F. hat sich übrigens zur Causa auch so ihre Gedanken gemacht, und das hier sollte man wirklich lesen.

My Fair Lady, zwei

Jetzt hab ich mich eingehender mit der Film-Version des Musicals beschäftigt und das ist durchaus interessant. Wenn man sich überlegt, wie kultig der Film ist, ist es erstaunlich, wieviel “Pfusch” im Vorfeld und auch bei der Produktion passiert ist.

Es fängt damit an, dass Audrey Hepburn für viele als Fehlbesetzung galt, so etwa auch für “Higgins”. Hauptdarsteller Rex Harrison wollte eigentlich – wie in der Bühnenversion, in der er Erfolge feierte – mit Julie Andrews spielen, aber die war den Produzenten zu unbekannt für einen Film dieser (finanziellen) Größenordung. Harrison kritisierte, dass Eliza Doolittle ja aus der Gosse kam, und sich in Ballsälen wie ein kompletter Fremdkörper fühlen musste, aber: “Audrey has never spent a day in her life out of European ballrooms” Hepburn selbst war mit Julie Andrews befreundet und wollte ihr die Rolle nicht wegnehmen, erst als die Produzenten ihr sagten, dass Andrews auch nicht besetzt werden würde, wenn sie absagt, sondern sie dann Elisabeth Taylor fragen würden, stimmte sie zu.

Rex Harrison selber war übrigens auch nicht fix, er sähe zu alt für Hepburn aus, fanden die Produzenten. Stattdessen wurde die Rolle u.a. Cary Grant angeboten, der genaugenommen sogar noch vier Jahre älter ist. Grant meinte aber, seine natürliche Sprache käme eher der von Eliza gleich als der von Prof. Higgins. Er lehnte also ab und sagte außerdem, wenn jemand anderer als Rex Harrison die Rolle spielen würde, würde er sich nicht mal den Film ansehen.

Dann die Singerei: Harrison kann genaugenommen nicht wirklich singen, er sprechgesangt sich quasi durch den Film. Hepburn wiederum hat extra monatelanges Gesangstraining genommen, um dann im letzten Moment zu erfahren, dass jemand anders an ihrer Stelle den Großteil des Parts singen wird, und sie nur die Lippen bewegen soll. Was sie ziemlich gekränkt haben dürfte. Das Ganze kam schlecht an, weil noch die Kontroverse um die Nicht-Besetzung von Andrews in aller Munde war; letztendlich wurde Hepburn für diese Rolle auch nicht für den Oscar nominiert. Was schon ein Statement ist, da sowohl der Hauptdarsteller, als auch die Nebendarsteller (Elizas Vater übrigens der einzige unter den Hauptdarstellern, der tatsächlich selbst sang, Higgins Mutter) nominiert waren. Harrison hat schließlich den Oscar gewonnen und als er einmal gefragt wurde, wer seine Lieblingspartnerin überhaupt gewesen sei, antworte er mit “Audrey Hepburn in My Fair Lady”. Es wird vermutet, dass das nur britische Höflichkeit war (oder ganz perfide gedacht: Ironie)

Eines ist allerdings auch erstaunlich: Rex Harrison, der spätere Oscarpreisträger und quasi DER Higgins, bekam für seine Rolle damals 250.000 Dollar, während Hepburn 1 Million bekam. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass heute die Frauen in Hollywood oft um gleiche Bezahlung wie die Männer kämpfen müssen, selbst wenn sie unangefochten die Hauptrolle spielen.

My Fair Lady

Am Wochenende hab ich mit meiner Mama My Fair Lady gesehen. Ich kenne das 60ziger Jahre Musical natürlich, aber es ist ewig her, dass ich es gesehen haben und eigentlich hab ich mich nur an die Szene mit “Es grünt so grünt” erinnern können.

Wenn man den Film mit 40 plus Lebensjahren sieht, ist natürlich einiges daran zum Haare raufen. Das Pygmalion-Motiv, auf dem dieser Musical-Film fußt, ist ja bekannt; Henry Higgins (Rex Harrison), ein Mann in den besten Jahren, Junggeselle und Sprachforscher, trifft zufällig die Blumenverkäuferin Eliza (Audrey Hepburn), quasi “aus der Gosse”, die auch so spricht und macht es sich, gemeinsam mit seinem Kumpel Pickering (auch Phonetiker), zum Ziel, ihr in sechs Monaten ein so perfektes Englisch zu verpassen, dass sie in der vornehmen englischen Gesellschaft als ihresgleichen akzeptiert wird.

Higgins, der ja eigentlich ein britischer Gentleman sein sollte, verhält sich zu Eliza teilweise extrem unhöflich und sogar misogyn. Seine Haushälterin fängt an, Eliza zu verteidigen und bei Pickerton meldet sich zumindest sowas wie ein väterlicher Schutzinstikt. Eliza selbst ist aber kein Opfer, im Laufe der Handlung gewinnt sie die Oberhand und am Ende “blattelt” sie Higgins natürlich auf – allerdings fragt man sich schon ein bisschen: was will sie eigentlich von ihm? Sie ist 21, er ist Mitte 50 und eigentlich ein arroganter Arsch; nur das einnehmende Wesen des Schauspielers Harrison bewahrt einen davor, ihn als Zuschauer komplett zu verachten.

Der Film ist aber als ganzes schon sehr interessant. Über weite Strecken eine relativ konservative Musical-Verfilmung seiner Zeit (1964), fällt die Szene in Ascot – wo Higgins, Pickering und Eliza das Pferderennen besuchen – komplett aus dem Rahmen.

Besonders der Teil, wo die Hauptfiguren noch nicht anwesend sind und die feine Gesellschaft dargestellt wird. Die Männer in grau, die Frauen in schwarz weiß, wie sie sich bewegen, ihr ganzes Auftreten ist spooky, so künstlich-überhöht, dass es mich mich spontan total an die Ästhetik von A Clockwork Orange (1971) von Stanley Kubrick erinnnert; ja das ist natürlich eine ganz andere Baustelle, das Kubrick Werk ist ziemlich brutal und voller Ambivalenzen, aber My Fair Lady ist, zumindest bei der Betrachtung der “oberen Zehntausend”, durchaus auch sehr gesellschaftskritisch…

Wenn man ein bisschen danach googelt, finden sich noch ein paar Verrückte, die ebenfalls Parallelen zwischen den beiden Filmen sehen, also bin ich zumindest nicht ganz alleine damit.

Royal Wedding

Immer wenn ich was über die künftige Hochzeit von Prinz Harry lese, muss ich an die Schilderung der Hochzeit von Charles und Diana in Sue Townsends Buch The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13 3/4 denken, das ich als Jugendliche mit Begeisterung gelesen habe.

Adrian Mole ist ein Kind aus dem Arbeitermilieu in Leicester der 1980er Jahre. Er sieht sich aber selbst als Intellektueller. Er schreibt Gedichte und betreibt, seiner Meinung nach, Gesellschaftskritik. Tatsächlich ist er oft sehr naiv und unbedarft, was die Komik des Buches auch ausmacht.

Jedenfalls ist 1981 das Thema Royal Wedding und Adrian schildert, wie die Straße, in der er lebt, abgesperrt wird, um dort mit Nachbarn aus allen Nationen zu feiern. Am 29. Juli 1981 notiert er in seinem Tagebuch “How proud I am to be English.” Am 30. Juli: “I have seen the royal wedding repeats seven times on television.” Und am 31. Juli: “Sick to death of royal wedding.”

Dank Internet und Social Media, kommt man im Jahr 2018 wohl schon früher an diesen Punkt.

All aboard, vier

Mein Lieblingstweet zum ESC gestern:

Die Zweitplatzierte, Eleni Foureia aus Zypern, fand ich übrigens auch ganz gut. Vor allem gefällt mir, wenn so ein Sommerhitze-Lungo-Mare taugliches Lied irgendwie doch ein paar außergewöhnliche Schlenkerer macht und Begriffe wie “Hidden Agenda” in ihren Lyrics hat. Das ist dann doch irgendwie ein bisschen sophisticated und mehr als 08/15 Pop.

Viel mehr als 08/15 Pop hatte auch Italien zu bieten. Sehr Song Contest und Bühnen-untaugliches Lied eigentlich, wie schon mal erwähnt, von Etmal Meta und Fabrizio Moro, aber auch sehr eindringlicher, beklemmender Text, wobei der natürlich italienisch ist, was ja nicht soviele Europäer sprechen. Aber vielleicht fühlt man die Eindringlichkeit auch raus, wenn sie über die Rambla in Barcelona singen, über der die Sonne nicht mehr die gleiche ist, und darüber, dass es keine friedlichen Bomben gibt (“E non esiste bomba pacifista”). Ingesamt echt eigenwillig, aber natürlich total am Puls der Zeit, wenn man in der Songcontest Pause über einen weiteren Anschlag in Frankreich hört…Immerhin Rang 5 am Ende, der Song kam vor allem beim Publikum sehr gut an.

Für den Norweger Alexander Rybak hat es nicht zu einem zweiten Song Contest Sieg gereicht, sein Liedtitel How to write a song ist ja schon reichlich aufgelegt für Spott, wenns nicht so toll läuft (a la: “Ja, dann schreib halt einen guten…”). Ich weiß nicht, was einen reitet, nochmal am ESC teilzunehmen, wenn man bereits einmal siegreich war. Sehr selten hat das funktioniert, Johnny Logan hat zwar sogar dreimal gewonnen (einmal als Songwriter), aber das ist dann doch die Ausnahme. Recht erfolgreich war noch Carola nach ihrem Sieg mit Fångad av en stormvind (1991), 2006 wurde sie immerhin Fünfte. Und Rybaks Fairytale war anno 2009 halt auch wesentlich orgineller.

Für einen abschließenden Blick auf den ESC 2018 kann man Marco Schreuders Betrachtung zu rate ziehen, die ich sehr lesenswert finde.

Nächstes Jahr in Jerusalem (oder doch Tel Aviv)?

All aboard, drei

Na gut, ich bin heuer mit allen Prognosen und Erklärungsversuchen bezüglich Song Contest Ergebnis aber sowas von daneben gelegen und das war eigentlich sehr erfreulich. Denn, und ich habs wirklich nicht erwartet, Österreich wurde Dritter. Nach der Jury-Wertung lagen “wir” sogar auf Rang 1.

Ich hab es schon nach Conchitas Sieg gesagt, die Kinder heutzutage kriegen ein ganz anderes Song Contest Mindset mit, denen muss man ganz schön eindringlich klar machen, wie schlecht Österreich immer war, sonst glauben sie einem das gar nicht oder wie ich gestern zum Kind gesagt hab: “Das war das 2. beste österreichische Ergebnis, das ich in 42 Jahren miterlebt habe. Wir haben echt ur oft auch null Punkte bekommen!!!” Und dann schaut einen das Kind so verblüfft an wie bei Großmutter erzählt vom Krieg.

Wobei man sagen muss, dass dieses politisch Punkte hin und herschieben sich großteils echt aufgehört hat. Abgesehen von Griechenland und Zypern natürlich. Bester Moment des Abends, als die Jurypunkte-Verleserin von Griechenland einen Zettel in der Hand hält, auf dem steht, wer 12 Punkte von Griechenland bekommt und seit gefühlt 80 Jahren ist das natürlich immer Zypern und alle sagen vor dem Fernseher Zypern, Zypern und sie muss tatsächlich vom Zettel ablesen und es ist, Überraschung, Zypern.

Was ist zum Siegerlied zu sagen, dem ich ja vor einigen Tagen den Sieg abgesprochen habe. Nun ja, die Live- Performance gestern war um einiges besser als im Halbfinale, ich finds zwar immer noch nicht sehr bühnentauglich, aber prinzipiell gefällt mir das Lied und es ist ein Reißer bei Kindern, wie ich gestern feststellen durfte (neben Tschechien übrigens). Natürlich polarisiert es sehr, aber Sängerin Netta meinte gestern, Vorjahressieger Sobral (der das Lied als “horrible” bezeichnet hat), hat ihr bei der Übergabe des Siegespokals Respekt entgegen gebracht.

Apropos Sobral, der schaut eigentlich ziemlich gut aus, nach seiner Herztransplantation und ist auch live aufgetreten. Übrigens waren das portugiesische Rahmenprogramm und die Songs sehr landestypisch – also ziemlich eigenwillig und schwer depressiv – was einen meiner Freunde in der Whatsapp Gruppe zur Aussage: “Gefälliger happy Pop, der einen gleich mitreißt” veranlasste (harhar).

Insgesamt war so ein spannender Abend, wie ich das überhaupt gar nicht erwartet hatte. I like.

All aboard, zwei

Das erste Semifinale ist vorbei und Letztjahressieger Salvador Sobral hat sich schon zu Favorit Israel zu Wort gemeldet, der Song von Netta sei nämlich “horrible”.

Ich glaube seit gestern übrigens nicht mehr, dass sie gewinnt, denn im Gegensatz zu Sobral finde ich den Song nicht schlecht, aber er kommt auf der Bühne überhaupt nicht rüber. Toy ist ein Song fürs Radio und den ESC gewinnt normalerweise nur jemand, der einen auf der Bühne komplett in seinen Bann ziehen kann.

Insofern sind die Chancen von Cesar Sampson gestiegen, der mit seiner Performance live überzeugt, und dessen Song auf der Bühne viel besser wirkt als im Radio.

Schön im ersten Semifinale war der Moment, als einige der letzjährigen ESC Teilnehmer als Tribut an Sobral Amar pelos dois interpretiert haben. Das war schon ein eindrucksvoller Song, der auch sehr vorteilhaft altert, wie ich finde.

Morgen dann Semifinale 2.

All aboard, eins

Es ist wieder mal Song Contest Woche und wie man an meiner Blog(un)tätigkeit merkt, hab ich gerade eigentlich nicht so wirklich Zeit dafür. Daher hab ich quasi erst gestern begonnen, mich mit dem ESC zu beschäftigen, der heuer – nach dem beeindruckenden Sieg von Salvador Sobral – in Lissabon stattfindet.

Heute ist das erste Semifinale und wenn man den Experten glaubt (siehe Marco Schreuders tolles Song Contest Tagebuch beim Standard), ein extrem dichtes, weil fast alle favorisierten Songs in dieses 1. Halbfinale gelost wurden. Was für unseren Starter Cesar Sampson nicht unbedingt optimal ist, weil er ist auch heute dran, harhar.

Was gibt es zu unsrem Song zu sagen. Nun ja, er heißt Nobody but you und ist solide. Ich persönlich mag ihn lieber als Running on Air von Nathan Trent voriges Jahr, aber ein bisschen erinnert er mich auch an diesen. Rocco Clein von Viva hätte ihn vielleicht als energielosen Hotelbar Soul bezeichnet, obwohl er dazu wohl etwas zu lebhaft ist. Herr Sampson singt tadellos, aber irgendwie fehlt dem Song das gewisse Etwas. Dabei hat er hier und da eine Wendung eingebaut, die mehr verspricht, aber der Refrain ist irgendwie zu vorhersehbar

Heute tritt auch die bisher große Favoritin des Bewerbs an, Netta aus Israel, mit Toy. Hier mischt sich Beth Ditto Attitüde mit #metoo und Männerbashing en gros und en detail. Dazu ein bisschen stranges Gegacker (Israel ist immer für etwas Weirdness beim ESC zu haben). Beim ersten Mal hören denkt man sich, WTF, aber bei weiteren Hördurchgängen setzt sich das Lied schon recht gut im Gehörgang fest und wird sicher ziemlich weit vorne landen. Ob es für den Sieg reicht, wird man sehen. Es wäre jedenfalls ein ziemliches Kontrastprogramm zum letztjährigen Siegertitel Amor pelos dois.

Italien ist – wie eh immer – fix gesetzt, und versucht es heuer mit ernsthafter Gesellschaftskritik, der Song heißt Non mi avete fatto niente (ungefähr: Ihr habt mir nichts angetan). Und na ja, also ähm. Mir persönlich hat Occidentali’s Karma, der selbstironische Blick von Francesco Gabbani voriges Jahr auf unsere Zeit um einiges besser gefallen, aber Occidentali’s Karma wird sowieso einer meiner ewigen ESC-Favoriten bleiben; der aktuelle Song ist jetzt nicht schlecht und man muss Italien zugute halten, dass sie sich quasi jedes Jahr neu erfinden und immer was anderes, neues probieren. Ich denk aber, wie auch immer man das Lied prinzipiell findet, es ist zu schnell gesungen, für einen ESC-Sieg¹.

 


¹Das Problem hatte IMO 2014 schon Emma Marrone (mit La mia Citta) – ein super Song, aber absolut bühnenuntauglich.

Im Auto

In der Verfilmung der Operette Die Fledermaus spielt Otto Schenk den Gerichtsdiener Frosch und da gibt es eine Szene, die eigentlich ziemlich blöd ist, aber die ich jedesmal wieder lustig finde, nämlich als der Frosch das Büro seines Chefs verlassen will und statt der Tür den Kasten aufmacht und dann total verzweifelt ruft: “Herr Direktor, wir sind eingemauert.”

Gestern hatte ich so einen Frosch-Moment im Garten, als ich die Zündung meines Autos eingeschaltet hab, um die Außenspiegel neu einzustellen, das Radio hat sich dann auch gleich aufgedreht und die Kimaanlage, es war also relativ laut. Jedenfalls löse ich dann die Handbremse und rolle vom Parkplatz und denk mir: Oh mein Gott, was ist mit meiner Lenkung los, das Auto lässt sich nicht mehr lenken, da ist was gebrochen, was wohl die Reparatur kostet, zahlt sich das überhaupt aus? Bis mir dann aufgefallen ist, dass ich den Motor noch gar nicht gestartet hatte… (und ich war im Gegensatz zum Frosch in der Fledermaus komplett nüchtern)

Apropos Radio, als ich dann nachhause gefahren bin, war auf Ö3 eine Sendung der besten One-Hit-Wonders, sowas liebe ich ja, weil da fallen einem die ganzen Songs wieder ein, die man schon fast vergessen hat, zu denen man aber noch immer fehlerlos mitsingen kann, wie zb zu Edwyn Collins und A Girl like you. Die Moderatorin hat, bisschen gemein, gesagt: Der werkelt immer noch in London herum und schreibt Songs (Subtext: Nur niemand kennt sie mehr).

Danach kam Crazy von Gnarls Barkly (einem Song, der soweit ich mich erinnere, sowohl bei FM4 als auch bei Ö3 rauf und runter gespielt wurde und das muss man erstmal schaffen), Too shy von Kajagoogo, Kung Fu Fighting von Carl Douglas und dann Mhmmmbob von Hanson, dieser Brüderband, die jetzt selber gemeinsam 12 Kinder haben, wie die Moderatorin informierte. Als sie damals diesen Hit hatten, waren sie selber noch Kinder und sie sangen: “That’s a secret no one knows”, was irgendwie ein Pleonasmus ist, weil sonst wärs ja kein secret, aber gut, sie waren beim Texten ja gefühlt erst acht Jahre alt. Dann folgte noch Dragostea tin te, wo ich gegrübelt habe, ob das tatsächlich Liebe im Fliederbusch heißt, oder ob das ein anderes Gewächs ist. Und One Night in Bangkok und Runaway Train, aber da musste ich dann aussteigen, was eh gut ist, weil der Song erinnert mich immer an das ur traurige Video von Soul Asylum, das ich nicht aushalte.

Und sonst war das lange Wochenende auch sehr schön. Harhar.

Step by Step

Letztens war meine Steplehrerin in der Bezirkszeitung von Margareten. Sie sieht immer noch ziemlich so aus als Anfang der 90ziger, als sie mir das Steppen beibrachte, übrigens auch in Favoriten, wie in der Zeitung zu lesen.

Ich habe mit sechs Jahren mit Ballett begonnen, weil meine beste Freundin das auch gemacht hat. Mein Herz hab ich nicht dran verloren, aber wie einiges in meiner Kindheit hab ich nicht soviel hinterfragt, wieso ich es eigentlich tue. Später, so mit 13, 14 habe ich mit Jazztanz begonnen, wie die meisten in meiner Ballettgruppe. Das hat mir viel besser gefallen, aber in der Pubertät fiel es mir nicht unbedingt leicht, mich auf die Art zu bewegen, die Jazztanz erfordert. Trotzdem oder gerade deshalb war es gut, dass ich es gemacht hab.

Steppen hab ich mir selber ausgesucht, das machten anfangs wirklich noch ganz wenige in der Ballettschule, wir waren vielleicht fünf in der Anfängergruppe und fünf bei den Fortgeschrittenen. Steppen wollte ich lernen, weil ich das in den amerikanischen Musicalfilmen gesehen hab, sowas wie Fred Astraire und Ginger Rogers und “Dancing in the rain” von Gene Kelley fand ich überhaupt immer genial.

Wir gingen zum Steppen immer ins Unterschoß der Schule, da gabs ein extra Kammerl, wo wir melodisch vor uns hin klappern konnten. Mit Dagmar wars immer sehr lustig, sie hatte so eine lockere Art, anders als die anderen Lehrerinnen war sie eher eine Freundin für uns. Die erste Choreografie, die Dagmar mit uns einstudiert hat, und die wir dann am Jahresende aufgeführt haben, war so cool und hat so lässig gewirkt, obwohl wir alle ja noch nicht wirklich viel konnten, dass sich im nächsten Jahr dutzende andere aus der Ballettschule zum Steppen angemeldet haben und im Extrakammerl wurde es fast eng.

Steppen ist nicht so einfach wie es ausschaut. Ich finde bis heute, man kann bei Jazz viel mehr “faken”, wenn man die Basics beherrscht als bei Steppen, weil die Bandbreite einfach (zumindest gefühlsmäßig) größer ist, in dem, wie man tanzen kann. Steppen ist weniger einnehmend auf den ersten Blick, es kann auch recht hölzern wirken, da hat es ein bisschen was von Flamenco für mich. Fast hab den Steptanz ein bisschen vergessen gehabt, bis letztes Jahr zum Film La La Land, als es der Choreografin m.E. auch gelungen ist, mit zwei (an sich) Nicht-Tänzern sehr einnehmende Dinge einzustudieren. Gut, sie mussten nebenbei dazu auch noch singen. Mittels You Tube Tutorials hab ich mir ein bisschen was aus dem Film selbst beigebracht und dadurch wieder gemerkt, was mich damals dran fasziniert hat.

Danke Dagmar.