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Original und Fälschung, neun

Als John Lennon starb, waren Roxy Music gerade auf Europa-Tour. Als sie von seiner Ermordung erfuhren, spielten sie als Hommage spontan Jealous Guy, ein Song, der auf dem 1971 erschienen Album Imagine enthalten ist.

Vorab: Ich mag beide Versionen von Jealous Guy. Sowohl die von Lennon als auch die von Roxy Music. Nur ist die Version, die Bryan Ferry singt natürlich eine dementsprechende Poser-Version, ganz im Stil der beginnenden 1980er Jahre. Lennon leidet, jammert, bettelt ein bisschen, dann ist er wieder zerknirscht, dass er so eifersüchtig ist, ein bisschen Selbsthass ist auch dabei, die ganze Gefühlspalette eben. Bei Lennon hat man das Gefühl, dass er wirklich meint, was er singt.

Dagegen Bryan Ferry, im Video als Achtziger-Dandy herausgeputzt, schaut sich in ebendiesem Video zuerst mal in den Spiegel quasi als der Narzisst, der eben ist. Bei ihm hat man eher das Gefühl, dass er mit dem Image des Eifersüchtigen eher ein bisschen kokettiert als es wirklich zu fühlen. Oder sagen wir so: man hat das Gefühl, er gibt der Frau die schuld, dass er eifersüchtig sein muss. Eigentlich sollte sie sich bei ihm entschuldigen. Harhar. Außerdem muss ich immer, wenn ich Bryan Ferry sehe, daran denken, dass er die Ex-Freundin seines Sohnes geheiratet hat. Tut zwar nicht sehr viel zur Sache, abgesehen von Gossip, aber ist halt so.

Jedenfalls trotzdem thumps up für diese Coverversion, auch wenns ein bisschen Folklore ist.

ESC, deine Texte zwei

Weils so lustig war, noch ein paar Gedanken zu Lyrics von Song Contest Songs.

Eine Zeile, die Marco Schreuder im Merci Cherie Podcast besonders gut gefallen, gerade im ESC-Kontext, kommt von der “Combo” Sisters, die 2019 Sister performten. Die Zeile lautete. “I am tired of competing”. Wie gesagt, im Wettbewerbskontext gesungen.

Sehr nett auch Verka Serducka 2007 mit Dancing Lasha Tumbai: “Me English nix verstehen, let’s speak dance.” Vorgeworfen wurde der Ukrainerin allerdings, dass sie nicht “Lasha Tumbai” singen würde, sondern “Russia Goodbye”. Was übrigens “Lasha Tumbai” tatsächlich heißt, darüber gibt es diverse Spekulation. Die wahrscheinlichste davon ist: es heißt gar nichts.

Von den Strichmännchen bei ESC Sieger 2015 – Mans Zelmerlöw mit Heroes – sollte man nicht verwirren lassen. Der Song ist gar nicht fröhlich und easy going. Hier wird zwar auch getanzt, allerdings “with the demons in my mind.” Er singt auch: “Don’t tell the gods I left a mess”. Irgendwie fast etwas gruselig.

Da gehts bei Netta dann – trotz massiver Kritik an männlicher Toxität – bei Toy doch wieder etwas entspannter zu. Da läuft der Teddybär weg und die Barbie hat etwas zu sagen, aber am wichtigsten: “I’m taking my Pikachu home.” Das finden sogar die Kids von heute cool, weil Pikachu ist ja wieder “fresh”.

Noch erwähnenswert an dieser Stelle – die Konjunktiv-Hymne von Frans, If I were sorry. Da zählt er auf, was er nicht alles tun würde, würde es ihm leidtun. Durch die Wüste auf allen vieren kriechen, den höchsten Berg erklimmen, tausend Meilen rennen, so lange tauchen bis seine Lungen explodieren. Problem nur: “If I were sorry. But I’m not sorry. No.” Ok, wäre das auch geklärt.

ESC, die Runner Ups

Siehe letzter ESC Beitrag, ich nehme jede Gelegenheit wahr über den ESC zu bloggen.

Diesmal ist es so, dass unsere ESC Gruppe auf Facebook den besten Zweitplatzierten der Song Contest Geschichte sucht. Man soll für alle Jahrzehnte eine Bewertung von 6 bis 1 Punkt abgeben. Das ist recht spannend, denn oft sind ja die Zweitplatzierten sogar die spannenderen Acts.

Ich habe mich jetzt erstmal für den Moment mit den Runner Ups der 2010er Jahre beschäftigt, da ich diese noch sehr klar in Erinnerung habe. Und meine Punkteverteilung sieht folgendermaßen aus

6 Punkte: Soldi / Mahmood / 2019 / für Italien

Ehrlich gesagt, ist das eines der besten ESC Lieder der jüngeren Verganheit überhaupt. Nur wiedermal laborierte der italienische Beitrag an akuter Bühnenshow-Schwäche. Die Italiener schaffen es oft nicht, ihre wunderbaren Songs auch live vor Publikum attraktiv zu präsentieren. Auch Mahmoods Auftritt ist massiv überladen mit zuvielen Sinnesreizen. Weniger wäre mehr gewesen. Der Song geht dabei etwas unter. Aber an sich gehört er zu meinen all time Favorits.

5 Punkte: Beautiful Mess /Kristian Kostov / 2017 / für Bulgarien

Hier gilt ein bisschen das Gegenteil. Nein, der Song selbst ist auch wunderschön. Aber hier tut das Staging auch einiges dazu, dass man richtig Gänsehaut bekommt, bei der Performance von Kostov. Der Song ist von den Erfolgsgarantien Symphonix, er hat einen wunderbaren Titel, es ist eine reduzierte, sehr zeitgemäße Ballade, top.

4 Punkte: Sound of Silence / Dami In / 2016 / Australien

Dami In ist ein perfektes Beispiel für jemanden, dessen Song auf der Bühne rein stimmlich genauso gut, wenn nicht besser klingt als aus der Konserve. Der Auftritt als ganzes ist so perfekt und durchgestylt, dass es fast schon weh tut. Ich mag ihn trotzdem (harhar) sehr.

3 Punkte: Fuego / Eleni Foureira / 2018 / Zypern

Höre ich immer noch sehr gerne, diesen Partyhit, aber auf sophisticated, Lyrics: “Take me in, take a breath. Ain’t no hidden agenda.” Von der Live Performance her hat mir das sogar besser gefallen als der Siegersong.

2 Punkte: Calm after the Storm / Common Linnets / 2014 / Niederlande

Die Common Linnets hatten 2014 nur ein Problem und das hieß Conchita Wurst. Sie waren der große kommerzielle Gewinner des Jahres 2014, mit einem absolut Radio-tauglichen Lied, das dort auch sehr häufig gefeaturted wurde. Auch hier gefällt mir die Bühnenshow sehr gut.

1 Punkt: Madness of love / Raphael Gualazzi / 2011 / Italien

2011 kehrte Italien nach langer Abstinenz zum ESC zurück, und wurde gleich Zweiter. Mit einem verrückten, nicht gerade idealtypischen Song, Jazz geht eigentlich nie beim ESC, aber in der Erscheiungsform, in der ihn Italien verpackt, dann doch.

ESC, deine Texte

Mir ist ja kein Anlass zu gering, dass ich ihn nicht nütze, um über den Songcontest zu bloggen harhar.

Am Samstag war wieder Eurovision Again, diesmal das Jahr 2005. Ich war nicht daheim und hab es daher nicht gesehen, aber ich habe folgenden Tweet dazu entdeckt:

Wir erinnern uns (oder, oder??) 2005 hat Griechenland mit My number one gewonnen. Und mit eben dieser ersten Zeile.

Mir persönlich gefällt ja folgende Zeile aus der Sergey Lazarevs Nummer You are the only one – btw. hat der Titel Ähnlichkeiten zu oben angesprochenem griechischen Song – noch besser: “Thunder and lightning, it’s getting exciting”. Aber Russland wurde damit “nur” Dritter.

Und weil wir alle etwas Aufheiterung brauchen, hier Lazarevs Auftritt 2016 – reduziert und zurückhaltend, wie die meisten russischen Beiträge harhar. Aber ehrlich gesagt: den Effekt bei Minute 2 finde ich schon auch toll.

ESC 2021

Die gute Nachricht – einsam im Schatten aller miesen Nachrichten der Woche – im Jahr 2021 wird es wieder einen Songcontest geben. Und weil die Veranstalter in Rotterdam ja nicht hinter dem Mond leben, gibt es gleich vier mögliche Austragungsszenarien.

Erstens ein ganz normaler ESC. Let’s face it, das wirds nicht sein.

Zweitens einen ESC mit 1,5 Meter Abstand. Da gäbe es zwar Shows und alle würden vor Ort performen, aber natürlich mit deutlich reduziertem Audiotorium.

Drittens bei Reisebeschränkungen. Da würden diejenigen live performen, die reisen dürfen. Die andern würden in ihrem jeweiligen Land auftreten und zugespielt werden.

Viertens Lockdown Szenario. Alle performen daheim.

Zu viertens ist zu sagen: Sorry Island, Litauen, Malta und Bulgarien, ihr Favoriten für 2020. Das hätte man dieses Jahr nämlich auch noch hinkriegen können.

Caution!

Die Killers haben unlängst ihr sechstes Album veröffentlicht. Es heißt Imploding the Mirage. Ich habe eine lange durchaus leidenschaftliche Liebesbeziehung zu den Songs der Killers.

Weil. Nun ich mag die Stimme von Frontman Brandon Flowers sehr gern. Und ich mag die Sentimentalität, die ihren Songs anhaftet. Ihre Songs sagen: Das Leben ist fürchterlich schmerzhaft, aber auch wunderschön. Und oft beides gleichzeitig. Das habe ich früher gefühlt und jetzt, wo ich Mitte 40 bin, fühle ich es noch viel stärker. Vielleicht sind es die Wechseljahre, vielleicht das Leben, das sich so verwirrend-verwandelt hat in den letzten Jahren, das Größerwerden des Kindes und ja, jetzt haben wir auch noch eine weltweite Pandemie. Vielleicht ist es auch alles zusammen. Jedenfalls können die Killers diese Gefühle wunderbar in Worte und Melodien transformieren.

Die Single Caution vermittelt wieder alles, was man von den Killers vermittelt bekommen will. Zuerst mal: Caution! Vorsicht! Da weht der Wind der Veränderung und das in der Wüste. Da hat eine Frau Hollywood-Eyes – in die hoffentlich nichts vom Sand gelangt. Egal, sie will die Stadt – Las Vegas natürlich – verlassen. Da ist jede Menge Bitterkeit, oder wie Flowers singt: “”If I don’t get out of this town, I just might be the one who finally burns it down.”Flowers hat in einem Interview den autobiografischen Hintergrund des Songs eingestanden: seiner Familie zuliebe ist er aus Vegas weggezogen.

Das neue Album ist nach dem ersten Durchhören vielleicht weniger poppig als die früheren, aber die typischen Killers-Signature Riffs sind geblieben, die uns oder zumindest mir sagen: Wir wissen immer noch nicht genau Bescheid, wir versuchen Dinge, vielleicht scheitern wir, aber das alles ist ok. Es ist in Ordung, zu fühlen, was immer wir fühlen.

Cesar: Nachtrag

Eines muss ich noch anmerken, zur Merci Cherie Podcast Folge mit Cesar Sampson:

2018 hatte Symphonix ja – wie erwähnt – zwei Acts beim ESC am Start, Bulgarien und Österreich. Das vierköpfige Team splittete sich also, zwei unterstützten die bulgarischen Starter Equinox und zwei unterstützten Österreich. Oder wie Sampson launig anmerkte: “Einer der beiden war ich” Harhar.

Das erinnert mich an 1989, als damals Dieter Bohlen die Songs für Deutschland und Österreich geschrieben hatte. Nino de Angelo trat mit Flieger für Deutschland an und zählte zum Favoritenkreis; alles drehte sich um ihn, während Thomas Forstner relativ naiv und unbehelligt weitgehend aufmerksamkeitsfrei sein Ding durchzog. So erzählte es auch Dieter Bohlen rückblickend. Nur ein Lied wurde damals 5. (bis heute eine der besten Platzierungen Österreichs beim ESC) und Nino de Angelos Flieger 14.

Merci Cherie- Cesar!

In der neuen Folge des Merci Cherie Podcast war Cesar Sampson zu Gast, in der Folge Nobody but him.

Jener Cesar Sampson, der 2018 sensationeller Dritter beim Songcontest für Österreich wurde, mit Nobody but you. Ich war ja, wie ich schon öfters erwähnt habe, kein so glühender Fan des Songs, fand die Bühneperfomance und seine Stimme aber wirklich gut. Nachdem ich nun das ausführliche Interview mit ihm gehört hab, weiß ich auch warum er so gut abgeschnitten hat. Er kommt wirklich authentisch rüber, klug, charismatisch, dabei aber auch noch total locker. Ihm glaubt man, wenn er sagt, dass er aus Spaß am ESC teilgenommen hat und würde er es wieder tun, dann auch nur aus diesem Grund. Aber dann wohl für England – denen er schon 2018 fast im Wort war, als er dann letztendlich doch auf Österreich umgeschwenkt ist.

Was man vielleicht nicht weiß: Sampsons Vater ist Pilates Trainer, seine Mutter hat den Kommisar Rex Titelsong gesungen und er selbst ist erfolgreicher Komponist und Teil des Musikkollektivs Symphonix. Über dieses habe ich erst kürzlich geschrieben. 2018 hatte Symphonix zwei Songs beim ESC am Start, neben Nobody but you auch noch den Beitrag für Bulgarien von Equinox – Bones. Bones kam sehr gut an und war im Vorfeld viel besser eingeschätzt als Nobody but you. Sampson erzählt im Podcast, dass Borislaw Milanow – der Symphonix Chef – aber schon damals sagte, er schätzt dass Nobody but you in die Top 5 kommt und Bones bestensfalls in die Top 10. Weil den Song Bones auf die Bühne zu transformieren wesentlich schwerer zu bewerkstelligen wäre. Niemand hätte ihm geglaubt, erzählt Sampson. Doch Milanow sollte recht behalten: Bones wurde am “nur” Ende 14.

Ich denke aber, dass ein bedeutender Grund für Sampsons’ Erfolg tatsächlich auch seine Persönlichkeit war/ist. Nachdem ich jetzt schon viele ESC (Ex)Starter beim Podcast gehört habe, muss ich sagen: es ist wirklich so. Dieses gewisse Etwas für einen ESC Erfolg ist tatsächlich hörbar.

Falter oida

Im Falter las ich gestern folgende Bemerkung zu Jarvis Cocker respektive seiner früheren Band Pulp – meiner Lieblingsband als Spät-Teenie:

Als ich den ersten Satz las, dachte ich noch: wow coole Formulierung. Und dann dachte ich, hm, das kommt mir irgendwie bekann vor. Das hab doch ich selbst geschrieben – und dann? Dann suchte ich hier auf dem Blog und fand einen Blogeintrag vom Jänner 2019, siehe hier.

Und dann denk ich mir Oida, Falter!

When I get older, losing my hair

Das Kind heute so zu mir: “Was magst du lieber, Deutschrap oder Ami-Rap?”

Ich: “Das kommt drauf an.”

Kind: “Also ich mag lieber Ami Rap.”

Ich: “Na ja, es gibt auch ganz guten deutschen Rap.”

Kind: “Und was zum Beispiel?”

Ich: “Äh, puh… die Fantastischen Vier?”

Kind: “Ich mein nicht, was vor 20 Jahren war.”

ENDE

P.S. Eigentlich schon eher 25 Jahre…