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Tartarotti und die Verletzlichkeit

Der Kurier Journalist Guido Tartarotti hat eine tolle Kolumne mit seiner Ex-Frau im woman, die nennt sich Glücklich geschieden und nomen es omen. Die beiden schreiben zu verschiedenen Beziehungsthemen und wie sie es geschafft haben, trotz Scheidung gute Freund zu bleiben.

Sowas finde ich ja sehr gut, denn man hat ja manchmal den Eindruck, Menschen, die Jahre bis ihr halbes Leben oder mehr miteinander geteilt haben und sich dann trennen, müssen sich bekriegen und hassen, anders geht eine Trennung nicht. Das find ich immer schade und ich finde Tartarotti/Braunrath sind gute Role Models im Sinne von, es geht da auch anders.

Die letzte Kolumne war trotzdem traurig. Denn Tartarottis letzte Freundin hat sich nach 13 Jahren von ihm getrennt. Sein Resümee aus dieser Trennung ist: er hat zu wenig gekuschelt, er war zu distanziert, er hat nicht oft genug gesagt, was er empfindet. Ich bewundere ja immer Menschen, die so ehrlich mit sich selber sind, auch wenn sie damit ihre eigenen Schwachstellen aufdecken. Und das dann noch öffentlich machen.

Das erinnert mich dann immer an die Worte von Autor Stewart O’Nan, der gemeint hat, natürlich gibt es bei ihm Widerstände, über gewisse Dinge zu schreiben, aber genau dieser Widerstand zeigt ihm auch, dass er etwas gefährliches gefunden hat, was die Leser interessieren wird und so ist es auch. Es sind genau diese Tabus, diese Dinge, die einen selbst verletzlich machen, die einem Angst machen, die es wert sind, sie einem Publikum zu teilen.

Ehe für alle

Christoph Schönborn sagte etwas zur Ehe für alle.

Zunächst: er sagt einige richtige Dinge, wie, dass dem Wunsch nach Ehe der Wunsch nach Beständigkeit innewohnt und, dass es gilt, Ungerechtigkeiten in “anderen Beziehungsformen” zu beseitigen. Gleichzeitig aber solle die Ehe Mann und Frau vorbehalten bleiben, wegen des Nachwuchses.

Wenn ich sowas lese, fühl ich immer so eine eigenartige Schwere und Beklemmung in mir, das geht mir übrigens generell so, wenn ich mich mit sehr dogmatischen Ansichten auseinander setzen muss; ich habe da immer das Gefühl, dass es die Welt und das Leben so unfrei macht, so eigenartig normiert, uns alle um Vielfältigkeit und Buntheit beraubt. Und so tut, als gäbe es in so wichtigen Fragestellungen nur schwarz und weiß.

Denn: sowas setzt einfach unter Druck. Nicht nur homosexuelle Paare, die heiraten wollen, auch (ältere) Paare, die rein biologisch gar keine Kinder (mehr) bekommen können oder auch solche, die gar keine haben möchten. Sowas soll es ja auch geben.

Ich bin katholisch, ich bin auch nicht aus der Kirche ausgetreten, aber ich verstehe da die Menschen, die an die Trennung von Kirche und Staat appellieren. Die Gesellschaft ist weiter als es der kirchliche Blickwinkel zulässt, zumindest möchte ich das glauben. Und eigentlich möchte ich, dass jede(r) heiraten kann, der/die sich liebt, wenn er/sie sich das wünscht. Weil eigentlich gibts im Leben nichts schöneres als zu lieben. Aber vielleicht bin ich auch nur ein Sozialromantiker.

A Star is born

Die Award Season hat Fahrt aufgenommen und nun hatte A Star is Born Vorpremiere.

Es handelt sich dabei um das 3. Remake eines Filmes von 1937. Frührere Remakes waren 1954 eine Musical-Version mit Judy Garland und 1976 eine Rockversion mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson. Für die 2018-er Version hat Bradley Cooper Regie geführt (sein Debüt), er spielt auch die männliche Hauptrolle neben Lady Gaga.

Das ist schon eine recht spannende Prämisse. Cooper (bisher viermal Oscar nominiert), der in Silver Linings Playbook bereits getanzt hat, singt hier und Lady Gaga, die für ihre Performance in der Serie American Horror Story einen Golden Globe bekommen hat, schauspielt erneut. Gewisse Parallelen zu ihrem echten Leben sind wohl nicht auszuschließen.

Ich finde den Trailer sehr beeindruckend:

 

Die Geschichte – alternder Rockstar bringt junge, unsichere Sängerin groß raus, während er selbst zu Straucheln beginnt – ist spannend. Die beiden Hauptdarsteller sind super, Cooper war großartig in Silver Linings, witzig in Hangover und souverän im “Kraut und Rüben” Machwerk von David O Russel American Hustle; und Gaga kann hier zeigen, dass sie ihre Nemesis Madonna zumindest in schauspielerischer Hinsicht weit überflügelt. Und, dass sie keine großartigen Verkleidungen und Alter Egos braucht, sondern auch natürlich aussehend große Präsenz hat.

Die Kritiken sind sehr gut, bis euphorisch. MaryAnn Johanson von Flickfilospher etwa schreibt: “A perfect movie in all ways”. Filmkritiker Sean Burns twittert:

Und ein Freund von mir, der alles, was auch nur im entferntesten die Bezeichnung Hype trägt meidet wie der Teufel das Weihwasser schrieb mir unlängst: “Ich fürchte, ich finde A Star is Born interessant.” Ja ich auch, und wie!

Kindheit 2018

Da geht man nichtsahnend ins Zimmer des Kindes und fragt, was er in der Schule gegessen hat und er antwortet auch recht ausführlich (nämlich was anderes als “weiß ich nicht mehr”) und dann hört man fünf Sekunden später belustigt aus dem Fernseher:

“Deine Mutter kommt einfach in den Livestream, Orrrrr….”

Ich war also mit einer banalen Frage live am Games Livestream des Kindfreundes und es irrtiert mich immer noch wahnsinnig, wenn mich jemand “Mutter” nennt. Aber sonst eh alles ganz nice. Glaub, ich bin jetzt bisschen berühmt, harhar.

Das Kind würde sagen: Hashtag Kindheit 2018.

Absurdes

Aus der Rubrik Absurdes aus der Wien und der Welt:

Gestern kommt das Kind vorbei, als ich gerade den Bericht darüber lese, dass Herzogin Meghan ihre Autotür selbst geschlossen hat, und ist total verblüfft: “Waaas – wieso berichten die über das, wen juckt sowas?”. Und ich erkläre dann: “Na ja, sie berichten nicht einfach so darüber, sondern weil eine Herzogin die Autotür nicht selbst zumachen sollte.” Das Kind so: “Alles klar” (ironisch gemeint). Und er hat recht, diese Erklärung ist mindestens genauso absurd. Vergesst den Brexit, das sind die Themen, die UK wirklich bewegen.

Aber auch in Österreich sind wir für Blödsinn gut, denn die Grabenkämpfe der SPÖ erreichen Tag für Tag neue Höhe- bzw. Tiefpunkte in Sachen wie uneinig kann man sich öffentlich sein. Jetzt wurde Thomas Droszda zum neuen Bundesgeschäftsführer gemacht und eine steirische Landtagsabgeordnete merkt an, er, Drozda, könne sicher alle wichtigen Shakespeare Zitate in fünf Sprachen wiedergeben – aber, Subtext, von tatsächlicher Arbeit hat er keine Ahnung. Ich glaube, das ist dann sowas wie Bildungsbashing oder brauchen wir jetzt, ähnlich dem Begriff fatshaming, einen Ausdruck, wie educationshaming?

Award Season Kickoff

Mit dem Filmfestival in Venedig im Spätsommer wird die Film-Award Season tradtionell eröffnet.

Der Eröffnungsfilm war dieses Jahr First Man von Damien Chazelle – sein Nachfolgefilm zu La La Land und sein erster Film, in dem Musik keine Hauptrolle spielt; vielmehr geht es um Neil Armstrong und seine Mondmission.

Der Film hat sehr wohlwollendes Feedback erhalten, was ihn auf alle Fälle zu einem Oscarkandidaten macht, es sei denn, es gibt einen Skandal. Wie das zb in jüngster Vergangenheit Nate Parkers Birth of a Nation passiert ist; ein Film, der ebenfalls euphorische Kritken erhalten – doch dann wurden Vergewaltigungsvorwürfe gegen Parker laut und der Film ging sang und klanglos unter.

Als ich also gestern auf Twitter las, dass First Man sich auch einer Kontroverse ausgesetzt sieht, dachte ich schon, oje, was hat Chazelle denn gemacht? Ich dachte an #metoo oder an irgendwelche rassistischen Äußerungen. Aber es ist ganz anders: Chazelle wird kirtisiert, weil First Man anti-amerikanisch ist und zwar deswegen, weil im Film die Szene fehlt, in dem Neil Armstrong die amerikansiche Flagge am Mond befestigt.

Dazu hat Filmkritiker Sam Adams eigentlich schon alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt:

Ich habe spontan an den Film No Country for old man der Coen-Brüder denken müssen. Die Coens lassen den Showdown des Filmes (ich will nicht spoilern, aber es ist quasi der Höhepunkt einer Konfrontation) einfach abseits passieren. Man sieht was vorher und was nachher passiert, ist aber als Zuschauer abwesend, in dieser Situation. Es ist so, als würde man aufs WC gehen und derweil wird das entscheidende Tor bei einer Fußball-WM geschossen.

Wieso machen Künstler das? Weil sie etwas tun wollen, was den Zsuchauererwartungen zuwiderläuft, weil sie die Perspektive wechseln wollen, weil sie Dinge anders darstellen wollen, als das gemeinhin gemacht wird. Das ist ja eigentlich auch das Spannende an der Kunst, dass sie uns überrascht, provoziert und zum Nachdenken herausfordert. Und ohne den Film gesehen zu haben: Chazelle wird seine Gründe gehabt haben, diese Szene nicht in den Film aufzunehmen.

Summer thoughts, drei

Wieder mal ORF Sommergespräche, diesmal mit gleich zwei Moderatoren, wieder mal erscheint es mir, zumindest nach Gespräch Nummer eins, dass das wieder nichts wirkliches wird.

Das Kind jedenfalls, dass zufällig im Wohnzimmer vorbeigekommen ist, als ich geschaut hab, hatte nur eine einzige Frage: “Sitzen die wirklich im Freien oder ist das ein Blue Screen?” Das ist das, was Kinder heutzutage beschäftigt.

Und weil wir gerade bei Kindern sind, ich finde es ja sehr lustig, dass Bella Ciao aus der Netflix Serie Haus des Geldes jetzt anscheinend ein Sommerhit geworden ist. Genau das Bella Ciao, das wir im Italienischunterricht im Gymnasium als antifaschistisches Lied kennengelernt und interpretiert haben. Warum weiß ich gar nicht mehr so genau, aber ich hab es mir gemerkt.

Jetzt singen gerade zwei Kinder im Hintergrund bei mir “Oh partigano”, als wäre das was fröhliches. Und natürlich ist das nicht die Version, die wir in der Schule gehört haben, sondern ein gewisser Herr Hugel hat das Lied durch den Fleischwolf gedreht und eine tanzbare, den ernsten Hintergrund komplett ausblendende Dance-Stampfer-irgendwas-Version draus gemacht, die die Kids natüüürlich lieben.

Bella Ciao wurde übrigens auch beim Begräbnis von Dario Fo gespielt.

Summer thoughts, zwei

Auf Twitter wurde gerade diskutiert, ob es ein subversiver Akt sei, den Wolfgang Ambros Hit von 1976 Skifoarn via i tunes runterzuladen oder nicht.

Das machen ja derzeit viele, um Ambros quasi in seiner Kritik an den Regierungsparteien moralisch zu untertsützen, aber viele andere finden das wiederum nicht so gut, Autorin Barbara Kaufmann twittere etwa: “Wenn Ambros zur Hymne der Digitalrevolutionäre wird, möchte ich lieber keine Revolutionärin sein.”

Dann wurde diskutiert, warum “die Linken” nicht so zusammenhalten wie “die Rechten”, nur weil Ambros alt und das Lied “oasch” sei, könne man doch, der Sache wegen, das trotzdem unterstützen, andere schrieben wieder, es wäre das völlig falsche Lied, warum gerade das. Und dann der Rundumschlag a la: damals ging man wenigstens noch an die frische Luft alias in die Berge, eben schifahren, anstatt dauernd im Internet zu hängen.

Und eigentlich erklärt dieser Schlagabtausch das Phänomen Twitter ziemlich gut.

Plagiat

Vor ein, zwei Wochen geisterte die Meldung herum, das diesjährige ESC Siegerlied sei ein Plagiat von — und als ich das las, dachte ich, jetzt kommt sicher eine unbekannte Band, deren Song tatsächlich voll ähnlich wie Toy von Netta klingt. Aber — festhalten bitte, es geht um die White Stripes und Seven Nation Army.

Ähm, na ja ok, mal probehören, also das:

…klingt ähnlich wie das

Warum sind wir da um Himmels Willen nicht früher draufgekommen? Harhar.

Pro-Tipp: wenn man erst eine musikwissenschaftliche Expertise braucht, um in einem Song ein Plagiat zu vermuten, ist es vielleicht nicht so ganz offensichtlich. Ich hab eh nie mehr was davon gehört, aber sollte das als Plagiat durchgehen, kann man gleich bei anderen ESC Siegerliedern weitermachen, zb. Heroes von Mans Zelmerlöw versus David Guetta (Lovers on the Sun), das habe sogar ich als Laie ziemliche Assoziationen gehabt und zwar bevor ich etwas in den Medien drüber gelesen habe.

All Aboard, fünf

Es ist schon erstaunlich, wie schnell es bisweilen geht, dass die Realität die Satire überholt.

2014 hat Österreich den Song Contest mit Conchita Wurst gewonnen und was haben wir uns alle gebrüstet weltoffen und tolerant zu sein. Ein paar Tage später wurden die Festwochen Plakate aufgehängt, auf denen nackte Menschen mit beiden Geschlechtsmerkmalen zu sehen waren, und schon waren wir wieder ganz die alten. Ich hab damals eh was dazu gebloggt.

2018 gewinnt die Israelin Netta den ESC mit einem Lied, in dem sie mit Männern hart ins Gericht geht, die sie aufgrund ihrer Figur und Andersartigkeit verachten. Und man denkt sich: ja eh, aber ist das wirklich noch so ein großes Thema, ich mein, wir schreiben 2018? Und ein paar Tage später die eindrucksvolle Antwort von Thomas Chorherr, 85-jähriger Ex Chefredakteur und Ex-Herausgeber der Presse. Ebendort setzt er einen Kommentar ab, der in seiner Gesamtheit etwas wirr und konstruiert erscheint – was hat der Wiener Stephansdom mit Nettas Sieg beim Song Contest zu tun, aber soll sein – im Detail aber vor allem eines ist: extrem bösartig und gemein. Wer sich den ganzen Text antun will, hier bitte.

Chorherr mag Netta und ihr Lied nicht, das ist selbstverständlich sein gutes Recht. Was aber nicht mehr geht im Jahr 2018, ist folgende Wortwahl, getarnt als “Meinung”:

“Sie war hässlich. Sie war dick. Sie war jenseits aller Ideen zuwider. Sie war abgrundtief schiach.”

Nein, nein, nein, einfach nur nein. Abgesehen davon, dass es extrem subjektiv ist was man schön findet, ist es kränkend und beleidigend und absolut letztklassig, eine Person so zu bewerten und zu beschreiben. Inhaltliche Kritik jederzeit. Aber das nein. Und nein, Netta hat es nicht verdient (wie manche meinen), weil sie selbst ja auch Männer basht. Netta hat einen Song geschrieben, sie hat sich künstlerisch ausgedrückt, nicht mit Samthandschuhen, nicht subtil, nein. Aber sie hat niemand persönlich beleidigt oder angegriffen; hier teilt sie übrigens ihr Schicksal ein bisschen mit Thomas Bernhard, dem man seine Rollenprosa auch bitter übel genommen hat und diese als Argument gesehen hat, ihn persönlich anzugreifen.

Dass Chorherr, quasi in einem Aufwaschen, sich auch darüber wundert, dass Österreich einen “Farbigen” zum ESC schickt, ist da sozusagen nur noch konsequent, in der Kategorie: jenseits von Gut und Böse.

Edition F. hat sich übrigens zur Causa auch so ihre Gedanken gemacht, und das hier sollte man wirklich lesen.