Archiv für literatur

Schmerz

Ich habe alle Romane der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev gelesen. Ich mag ihren atmenlosen Stil, ihre detailierten Beobachtungen und vor allem mag ich ihre immerwährenden Themen: Beziehungen zwischen Mann und Frau, Beziehungen in einer Familie, Beziehungen zu Kindern. Oft spielen schicksalshafte Begegnungen eine Rolle und schwierige Entscheidungen.

In Schmerz ist es auch wieder so. Protagonistin Iris, eine 45 jährige Volksschuldirektorin, verheiratet und Mutter zweier (fast) erwachsener Kinder, wurde vor zehn Jahren bei einem Selbstmordattentat in Jerusalem schwer verletzt (ein Schicksal, das sie mit der Autortin Shalev teilt). Am Jahrestag der Verwundung kehren die starken Schmerzen zurück und sie muss ins Krankenhaus. Dort trifft sie ihre große Liebe Eitan wieder, ihre Beziehung scheiterte tragisch. Die Chance für einen Neubeginn zeichnet sich ab, doch will Iris das? Inzwischen gerät ihre erwachsene Tochter Alma in eine schwere Krise…

Schmerz hat mich begeistert, wie Shalevs Romane zuvor. Allerdings muss ich zugeben, dass mich der Handlungsstrang Iris/ Eitan wesentlich mehr gefesselt hat, als der Handlungsstrang Iris/Alma. Ich habe persönlich das Gefühl, dass Shalev selbst mehr Enthusiasmus für die leidenschaftliche Wiederbegegnung ihrer Protagonisten mitbringt, dass sie viel mehr in den Treffen der beiden, mit großen Gefühle und viel Sex, mitlebt. Sex ist überhaupt ein Liebligsthema von Shalev (und mir harhar) und sie schafft es, so darüber zu schreiben, dass es nie derb oder plump wirkt, aber auch nicht technisch oder steril. Das ist eine große Kunst.

Die Passagen dagegen, in denen sie die Probleme von Alma im Vordergrund stehen, erscheinen mir sehr konstruiert. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man in eine solche Situation gerät, wie das Alma tut, sowas passiert schon hin und wieder, aber es ist ungewöhnlich, es ist nicht ganz schlüssig erzählt, es ist für mich persönlich thematisch irgendwie weit weg. Wozu ich aber Bezug nehmen kann, ist die innere Zerissenheit, die diese Probleme bei Iris auslösen. Sie, die gerade die wichtigste Entscheidung ihres Lebens treffen muss, kämpft nun an verschiedenen Fronten, es ist auch ein Kampf zwischen Kopf und Bauch, und der Leser ahnt, dass es bei jeder möglichen Opion viele Verlierer geben wird…

Nomen est Omen, Schmerz begleitet die Protagonist in jeder Form. Und auch wir LeserInnen kennen vermutlich alle das Gefühl, erlöst werden zu wollen, in welcher Form auch immer, und zu bemerken, dass uns das Leben einfach manchmal eine Erlösung verwehrt. Und wir trotzdem weiterleben müssen. Einen Lernprozess zu erleben, zu lernen und im besten Fall daran zu wachsen.

Unterwerfung

Mein Vater sagte gerne über Männer, die naja, nicht unbedingt jugendlich geblieben wirken: “Na hoffentlich wird der einmal so alt wie er ausschaut.” Das ist natürlich oft etwas übertrieben, um genau diese Pointe anbringen zu können. Beim Autor Michel Houllebecq – Wikipedia ist gnädig und zeigt ein barmherziges Foto – hab ich mich dabei ertappt, genau das ganz unironisch zu denken, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Wobei Houllebecq nicht unbedingt alt aussieht, er sieht sehr ungesund aus. Oder sagen wir so: Ich hoffe, er ist gesünder als er aussieht.

Jedenfalls hab ich seit dieser Woche eine Büchereikarte und mir gleich fünf Bücher ausgeborgt. Und als erstes habe ich Unterwerfung gelesen. Wie die meisten großen Autoren ist Houllebeqc umstritten, die Leserschaft, ja sogar die Kritiker sind sich unsicher, wie sie ihn rezipieren sollen bzw. was er denn jetzt wirklich genau meint. Und was meint Houllebecq denn nun tatsächlich, wenn er ein Frankreich schildert, dass 2022 von einer muslimischen Regierung geführt wird und in dem sich einfach alles verändert? Ist das ein Thilo Sarrazin Szenario, unter dem Motto: Frankreich schafft sich ab? Warnt Houllebecq seine Landsleute vor dem Islam? Ist er gar am Ende ein rechter Autor, der zündelt?

Wenn man mich fragt: er hat einen echt abgefahrenen Humor und Lust an der Provokation. Das liest man schon auf den ersten Seiten und es hat mit dem Islam noch gar nichts zu tun. Nein, es geht da erstmal nur um den Protagonisten Francois, einem Professor für Literaturwissenschaften, der gleich mal lapidar feststellt: “Ein Studium im Fach der Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts.” Ich habe selbst Literatur studiert, ich habe mehr darüber gelacht als ich wahrscheinlich sollte. Das zeigt: Houllebecq (der Name ist übrigens ein Horror zum Schreiben) nimmt vieles nicht ernst, auch und wahrscheinlich vor allem sich selbst nicht.

Der Text ist ein Hybrid: Manchmal eher flapsige Schilderung des deprimierenden Lebens seines Protagonisten Francois – und ja, natürlich geht es da um Alkohol und Sex – und Fertiggerichte. Dann wieder ist es ein Befund, eine Bestandsaufnahme; mehr von Frankreich als vom Islam, der stellenweise eher in Klischees daherkommt. Und dann wieder gibt es Passagen, die einem wirklich Angst machen. Das kann H. also auch mit seiner Sprache, Situationen so bedrohlich zu schildern, dass einem der Atem stockt. So gesehen hätte Unterwerfung auch ein viel finsteres und abgründigeres Buch werden können, bei dem ich mir nicht sicher wäre, ob ich es zuende gelesen hätte.

So ist Unterwerfung aber vor allem ein Unterhaltungsroman, an der Grenze zur Satire, eine Was-wäre-wenn Geschichte, in der Houllebecq demonstriert, dass er virtous auf der Klaviatur des “Skandalsschriftstellers” spielen kann, aber das auf entsprechend hohem Niveau.

Sommerfrauen, Winterfrauen

Auf eine Empfehlung auf Facebook hin, hab ich das Buch Sommerfrauen, Winterfrauen von Chris Kraus gelesen.

Mein erster Eindruck war: Kraus’ Schreibweise erinnert mich total an Arnon Grünberg, von dem ich vor Jahren einige Romane gelesen habe, unter anderem Phantomschmerz. Das liegt wahrscheinlich daran, dass beide sich mit jüdischer Famliengeschichte beschäftigen und das auf durchaus auch flapsige Art und Weise. Bei Phantomschmerz ging es u.a. um einen Autor, der auf Kochrezepte umsattelt – sein Buch trägt den Untertitel “Kochen nach Auschwitz”, als (durchaus provokant zu lesende) Anlehnung an die Diskussion, dass man nach Auschwitz keine Lyrik mehr schreiben kann. Noch böser und politisch unkorrekter wird es, als ein deutscher Journalist das Buch unter dem Titel “Frisch aus dem Ofen” rezensiert.

Der Protagonist bei Kraus, Jonas Rosen, ein Filmstudent, soll einen Film drehen, will aber – entgegen anderslautender Wünsche – keinen “Nazischeiß” machen. Er geht also nach New York, um dort einen Film über Sex zu drehen. Wer jetzt erwartungsvoll ist: darum geht es nur am Rand. Es geht mehr um das Leben in New York, um die schrulligen Personen, die Jonas dort trifft und um – Nomen est Omen – Sommer und Winterfrauen. Er lässt eine Winterfrau zurück, seine asiatische Freundin Mah, und lernt in NY eine Sommerfrau, die Deutsche Nele Zapp kennen. Was ist nun eine Winterfrau, im Vergleich zu einer Sommerfrau? “Eine Winterfrau ist autark. Sie wohnt in ewigem Permafrost. (…) Verantwortungsvoll und groß ist sie im Schmieden von kleinen Plänen.” Sommerfrauen dagegen sind “Schönwetterfrauen. (…) Sie sind gewohnt, dass ihre Träume wichtig sind. Niemals zügeln sie ihren Leichtsinn (…)

Das ist das Beste an diesem – im Gesamtkontext gesehen vielleicht nicht optimal durchkomponierten Buch: Die genialen Formulierungen und Personenbeschreibungen. Kraus ist ein sehr genauer Beobachter und er versteht es, seine Personen so plastisch erscheinen zu lassen, dass man mit ein paar kurzen Zeilen ein ziemlich genaues Gefühl dafür bekommt, mit wem man es zu tun hat.

Über den windigen Vorstand des Goethe-Institutes in NY schreibt Kraus etwa:

Er stolperte die Treppe herunter, nur im inneren Gleichgewicht gehalten durch ein volles Bankkonto, seine Hölderlinpromotion und die Genugtuung, jede Menge Vorfahren auf preußischen Schlachtfeldern verloren zu haben.


Kraus erzählt über eine Psychologin, deren Freund ihr zu langweilig ist, weil er keine psychischen Defizite hat. Nach dem Sex mit ihm ruft sie daher ihre schwulen Freunde an, um mit denen über ihre Probleme zu reden oder sich fürs Theater zu verabreden. In der Frage, wo (sexueller) Betrug beginnt, lässt er eine Figur im Buch sagen: “Was tun wir schon? Wir liegen da und das Einzige, was wir bewegen, sind traurige Gedanken und ein paar Finger.” Ich finde das brilliant formuliert.

Also: Die Sprache ist wunderbar bei Chris Kraus, inhaltlich stehen Schilderungen von wirklich brutalen Nazimethoden (erzählt von einer Wahltante von Jonas) neben den merkwürdigen Eskapaden der Künstlertypen der New Yorker Kunstszene und die Diskrepanz könnte natürlich nicht größer sein. Als Leser fragt man sich, ob Kraus seinen eigentlichen Stoff vielleicht etwas zu oberflächlich und unbedeutet gefunden hat und – genauso wie sein Protagonist mit dem geplanten Sexfilm – nicht wirklich weiß, was er Tiefgreifendes damit sagen will. Das Holocaust Thema alleine war Kraus dann aber eventuell zu schwer und bedrückend? Die Kunst imitiert hier also, wenn man so will, das Leben.

Sommerfrauen, Winterfrauen sei den LeserInnen empfohlen, die etwas für originelle Sprache und skurille Charaktere übrig haben. Und die denken, sie können sich mit einer Collage aus “Nazischeiß” und verkrachtem Künstlerexistenz-Epos anfreunden. Ich konnte es durchaus.

Eine sexuelle Biografie

Auf fm4 hab ich zufällig eine Rezension zu Doris Anselm Roman Die Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie gelesen. Und hab mir gedacht, das Buch muss ich haben.

Ich habe schon sehr lange kein Buch mehr gelesen. Weil mir die Ruhe dazu gefehlt hat. Weil meine eigenen Gedanken zu laut waren, mich abgelenkt haben, von dem, was mir ein Autor erzählen will. Frau Anselm hat es geschafft, meine Aufmerksamkeit nicht nur zu erregen, sondern auch zu halten. Ich habe Die Hautfreundin innerhalb von zwei Tagen ausgelesen.

Eine sexuelle Biografie – nun ja, das liest sich erstmal etwas verrucht. Was ist das, ein Porno zwischen zwei Buchdeckel? Nein, ganz und gar nicht. Obwohl es natürlich schon darum geht, dass die namenlose Protagonistin ihre erotische Biografie vor der*m geneigten Leser*in ausbreitet. Die Protagonistin lebt in keiner Beziehung, sondern hat wechselnde Partner, mit denen sie Sex hat. Aber es ist nicht nur anonymer, beiläufiger Sex, das wäre ja auch sehr langweilig zu lesen.

Es sind tatsächlich Begegnungen, die wenn auch nicht auf Liebe beruhen, dann zumindest auf einer gewissen – sexuellen – Verbindung, auf starker körperlicher Anziehung, auf der Lust, miteinander eine kleine Geschichte zu schreiben. Es ist sinnlich und teilweise auch explizit, manchmal aber auch voller schwer aufzulösender Umschreibungen, dass man gar nicht so genau weiß, was da nun im Detail passiert ist. Und das macht das Buch natürlich auch spannend und lässt viel Spielraum für eigene Fantasien.

Doris Anselm spricht eine betörende Sprache. Und sie findet Formulierungen, die weder harmlos-blumig sind, noch derb-explizit. Sie beobachtet ganz genau, wenn sie schreibt: “Kommen. Ich will kommen und ich will ihn kommen sehen. Ich will wissen, ob es verschiedene Orte sind, an die wir gelangen.” Oder: “Ich wand mich hilflos unter seiner Berührung, presste das Gesicht ins Kissen und stöhnte immer wieder, ein Stöhnen das mir völlig fremd war (…) unsagbar peinlich und so geil wie kein Geräusch, an das ich mich erinnere.”

Oder, etwas aus dem praktischen Leben, was wir, sind wir uns ehrlich in der einen oder anderen Form alle kennen, den Kopf verlieren und dabei doch noch irgendwie an mögliche Konsequenzen denken; und überlegen, wie weit man jetzt tatsächlich gehen will, wenn man sich zwingt, noch schnell einen klaren Gedanken zu fassen. Im Buch ist das Sex auf einem Parkplatz, auf den die Protagonistin nicht vorbereitet war (ergo keine Verhütungsmittel zur Hand sind): “Gut, vielleicht hätte man bei uns damit rechnen können. Rechnen müssen. Also rechne ich jetzt, ich verrechne alles Mögliche miteinaner, Zyklusphase, Risiko, Pauls mutmaßliche sexuelle Vorgeschichte und die Minuten, die uns bleiben, bevor das zu spät kommen auffällig wird.”

Anselm gibt ihrer Protagonistin eine selbstbestimmte, feministische Stimme, sie lässt sie ein erfülltes, üppiges Leben führen, ein Leben, dass Frauen vor einiger Zeit in der Art und Weise noch nicht hätten führen können, ohne zumindest schief angeschaut zu werden. Ihre Protagonistin darf nicht nur glücklich sein, sie darf geil sein und sie darf alles darüber erzählen, was sie möchte, wie sie es möchte – und wir LeserInnen sollen sehen und spüren, das es vollkommen in Ordnung so ist. Und, dass wir das selbst auch dürfen. Auch wenn es uns vielleicht nicht gelingt, so schöne Worte dafür zu finden.

Bachmannpreis

Heute startet der Bachmannpreis. Ja eh. Super timing.

Ist ja nicht so, dass letzte Schulwoche wäre – Kind(er) – also Kind plus diverse Schulfreunde, denen allein fad ist – also viel früher zuhause, dass man alles mögliche noch erledigen will, vorm Kurzurlaub und dann vorm auch länger weg sein, eine Arbeitsdeadline einhalten zum Beispiel und, dass man Berge an Wäsche wascht und to do listen schreibt und abarbeitet. Ich freu mich schon auf meine Pension, wenn ich tagelang am Sofa herumliegen werde und Bachmannpreis schauen kann.

Davon wollt ich aber gar nicht schreiben, sondern über Daniel Heitzler. Oder lasst mich anders beginnen. Vor kurzem ging es auf twitter darum, was man arbeiten würde, wenn Geld keine Rolle spielt. Ich habe daraufhin Schriftstellerin geschreiben, wie auch noch eine twitter-Bekannte von mir. Und dann, einige Tage später wies sie mich darauf hin, dass wir super Chancen haben, denn Daniel Heitzler, der diese Jahr beim Bachmannpreis liest, hat bislang nichts veröffentlich, und keine Stipendien oder Preise bekommen. Er ist, zugegebenermaßen, auf twitter und sein bislang einziger Tweet lautet:

Ich finde das ehrlich gesagt großartig. Das befreit uns alle vom Leistungs- und Anerkennungsfetisch.

Die Stühle

Zum Geburtstag habe ich einen Theaterbesuch geschenkt bekommen und zwar Die Stühle von Eugene Ionesco. Dafür Karten zu ergattern, war gar nicht so leicht, denn Regie führte dabei Claus Peymann, nach dessen Erkrankung dann Leander Haußmann, der ja auch kein Unbekannter ist. Am Ostersonntag wars dann soweit.

Die Stühle, derzeit im Akademietheater zu sehen, ist ein absurdes Theaterstück, dessen Protagonisten ein greises Ehepaar, Semiramis (Maria Happel) und Poppet (Michael Maertens), sind. Die beiden sind über 90 und gefangen in ihrem Alltag aus Langeweile und absonderlichen Ritualen, wobei die beiden Komponenten nicht zweifelsfrei voneinander unterscheidbar sind. Semiramis klagt, dass ihr Mann alles hätte werden können – Chefkoch, Chefredakteur, Chefarzt, Hauptsache Chef-, Poppet es aber nur zu einem Hausmeister in einem Turm auf einer einsamen Insel gebracht hätte. Poppet verspricht, heute, an diesem Abend, würden viele Gäste kommen, um einem von ihm engagierten Redner (Mavie Hörbiger) zu lauschen, der die Quintessenz seines Lebens widergeben würde. Somit sei sein Leben nicht sinnlos gewesen, denn er habe ja die ganze Zeit an seiner Botschaft für die Nachwelt gearbeitet.

Schließlich kommen die Gäste – und auch wieder nicht; Semiramis und Poppet nehmen die – für die Zuschauer unsichtbaren – Menschen in Empfang, führen Smalltalk und holen Stühle, Stühle und nochmals Stühle herbei, die auf der Bühne aufgestellt werden. Tragikkomischer Slapstick wechselt mit Larmoryanz, es wird größenwahnsinnig outriert, im Wechsel mit ganz leisen und nachdenklichen Tönen. Alle, die auf die durch den Redner verkörperte Botschaft warten, werden, nun sagen wir mal überrascht. Denn Ionesco ist nicht Brecht, er hat keine allgemeingültigen Weisheiten zu bieten, er glaubt ja nicht einmal daran, dass es solche gibt.

Ein bisschen denkt man dabei an Warten auf Godot von Beckett, nochmehr allerdings hat es mich an das Kalkwerk von Thomas Bernhard erinnert. Im Kalkwerk – wenn man so will ein ebensolcher Locus terribilis wie die einsame Insel in Die Stühle – arbeitet der Protagonist die ganze Zeit an der bahnbrechenden Studie über das Gehör, sein geniales Opus magnum, für das er alle notwendigen Opfer bringt, sogar seine Frau, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass er niemals eine Zeile dafür zu Papier gebracht hat.

Wer es gern schräg und surreal hat, wird bei Die Stühle sehr gut unterhalten werden, und weil ich es noch nicht erwähnt habe: dazu braucht es auch die richtigen Schauspieler, die nämlich auch keine Scheu davor haben, so lange zu lachen, bis das Publikum auch lacht, wobei dieses gar nicht weiß, worüber eigentlich. Diese Schauspieler hat man in Wien gefunden.

Gefesselt

Vom richtigen Buch sind die Kids so gefesselt, dass sie sich in der Shopping Mall auch einfach mal auf den Boden neben den Putzwagen setzten – unbezahlte Werbung – es handelt sich um Zu nett für diese Welt. Gregs (Tagebuch) Freund Rupert schildert seine Sicht der Dinge – und Autor Jeff Kinney kann man wohl als durchaus geschäftstüchtig bezeichnen.

Privat

Dieses Jahr ist das Thema des FM4 Litertaturwettbewerbs “privat” und ich werde mitmachen.

Ich habe schon einmal am Wortlaut-Wettbewerb teilgenommen, es war irgendwann in den Nullerjahren, ich erinnere mich peinlicherweise nicht mehr an das Thema und auch nur rudimentär an den Text, den ich damals geschrieben habe. Ich bin nicht auf die Longlist gekommen, die die besten 20 Teilnehmer namentlich nennt, ganz zu schweigen von den Top drei. Genau genommen erwarte ich das auch heuer nicht, aber ein Thema wie “privat” ist so spannend, dass ich mich einfach damit beschäftigen möchte, auch wenn ich mir keine Chancen ausrechne.

Meine erste Assoziation zu privat war, dass ich dem Kind als es noch ein Kleinstkind war, einmal gesagt habe, ich würde ganz gerne alleine aufs WC gehen, weil das ist privat. Tatsächlich wollte ich ein paar Minuten Ruhe haben, Kleinstkind Mütter wissen, wovon ich rede. Harhar.

Privat – das löst natürlich vielfältige Assoziationen aus. Es klingt immer etwas geheimnisvoll, möglicherweise auch ein bisschen verboten, und es gab tatsächlich eine Zeit in meinem Leben, da war das, was in mir vorging, was ich fühlte und erlebte, ein großes Geheimnis, aus verschiedenen Gründen. Zuerst ist das natürlich durchaus aufregend, man weiß selbst noch nicht, wohin das alles führen wird, und man ist ganz froh, dass man sich gerade niemandem erklären muss, und für den Anfang nur fühlen und seinen Emotionen folgen darf. Dann fängt man an zu schreiben, nur für sich selbst, also zumindest ich tue das, wenn ich etwas aufarbeiten muss, weil Schreiben immer mein Mittel der Wahl ist. Aber als ich das einem jemand erzählte, meinte der zu mir: “Das Tagebuch redet halt so wenig zurück.”

Was zu einem anderen Punkt führt: ganz privat will man in der Regel nicht immer sein oder bleiben, man will sich jemand anvertrauen, wenn auch erst nach reiflicher Üerblegung, weil man sicher sein will, dass das, was man erzählt, beim Zuhörer gut aufgehoben ist. Manche Dinge sind eben so schön oder so schmerzvoll privat – manchmal auch beides gleichzeitig – dass man platzen würde, wenn man das dauerhaft alleine mit sich selbst ausmachen soll. Aber je intimer das ist, was man erzählen will, umso verletzlicher und angreifbarer macht man sich auch. Man geht das Risiko ein, bewertet und beurteilt zu werden. Und es gibt in der Regel nur wenige Menschen, denen man sich so zeigen will, weil man sicher ist, dass sie das Wissen nicht gegen einen verwenden werden. Wenn man Glück hat, dann vertieft so ein “Geständnis” auch die Beziehung. Bei mir war es so.

Ich habe schon eine Idee, was meine Kurzgeschiche für den Wortlaut betrifft, und sie wird ein bisschen traurig sein, und ein bisschen hoffnungsvoll, ein bisschen sinnlich, und ein bisschen witzig. Eben die ganze Bandbreite eines privaten Lebens.

Ästhetisches in den Semesterferien, zwei

In den Semesterferien hab ich mir auch die Thomas Bernhard Doku im Kulturmontag angeschaut, ich finde Bernhard schon immer sehr faszinierend. Auch wenn ich bei ihm zuerst an ein Erlebnis im Gymniasum denken muss, als unsere Deutschprofessorin zu meiner Schulfreundin sagte: “Du schreibst wie Thomas Bernhard” und die darauf antwortete: “In welche Klasse geht der?” Harhar.

Alle anderen Österreicher denken bei Thomas Bernhard vermutlich zuerst an Heldenplatz, den größten Theaterskandal der 2. Republik, auch schon wieder ewig her. Ein Skandal übrigens, der komplett ohne Text funktionierte, weil den Skandal gab es ja bereits vor der Aufführung und das nur deswegen, weil ein Zitat aus dem Text, das die Östereicher als “sechseinhalb Millionen Debile” bezeichnete, allzu wörtlich genommen wurde. Bzw die Rollenprosa direkt als Ansichten das Autors antizipiert wurden. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass sogar Leute wie Zilk und Kreisky in die Massenempörung miteinstimmten. Oder wie der Journalist Michael Frank in der Süddeutschen Zeitung schrieb: “Im Augenblick jedenfalls müht sich Österreich, die größtmögliche Übereinstimmung der Wirklichkeit mit Bernhards grotesken Texten herbeizuführen.” Genau deswegen liebte Peymann es auch, in Wien zu inszenieren, weil sich die Wiener noch empören können, im Gegensatz zu den Deutschen. Die Premiere – übrigens Bernhards letzter öffentlicher Auftritt – war ein fulminanter Erfolg und Heldenplatz wurde 120 Mal aufgeführt und zu einer der erfolgreichsten Produktionen des Burgtheaters überhaupt. Auch das ist irgendwie wieder typisch Wien.

Bernhard wurde, meiner Ansicht nach, oft verkannt, vor allem der Witz, der seinen Texten auch innewohnt, den man aber überlesen kann. Am augenfälligsten erkennt man das vielleicht in seinem Einakter Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mir mir essen. Bernhard diagnostizierte sich selbst als einen Kranken, und sagte: “Meine Krankheit ist die Distanz”. Damit ist vielleicht zu erklären, weshalb in seinem Werk Liebe und vor allen Dingen Sex überhaupt keine Rolle spielten – wie auch in seinem Privatleben mutmaßlich nicht. Dennoch hatte Bernhard zwei Menschen, denen er quasi sein Überleben verdankte und das waren sein Großvater und eine 37 Jahre ältere Frau und Vertraute, Hedwig Stavianicek. Übrigens prägte Bernhard für die beiden den Ausdruck “Lebensmensch” – und nicht, wie manchmal angenommen Stefan Petzner (für Jörg Haider)

In meiner Doktorarbeit hab ich unter anderem Bernards Roman Das Kalkwerk analysiert, es ist ein mühsames und anstrengendes Buch und von daher perfekt für den Leitsatz “form follows function”. Denn das Leben eines alten Ehepaares im Kalkwerk – wo der Protagonist Konrad eine wissenschaftliche Studie schreiben will und seine gelähmte Frau quasi im “Dienst der Wissenschaft” zu absurden bis sadistischen Experimenten zwingt – ist ein unbarmherziges. Auch wenn hier ebenfalls Humor durchscheint, etwa, dass immer irgendwas dazwischenkommt, wenn Konrad sich endlich dazu durchringt, den ersten Satz seiner Studie zu schreiben.

Heute vor 30 Jahren ist Thomas Bernhard gestorben.

Gregs 13

Ende Oktober ist Gregs Tagebuch Nr. 13 erschienen. Das ist eventuell Werbung, obwohl mich niemand sponsert.

Immer ein Tag zur Freude, weil das Kind nämlich jedes Gregs Tagebuch innerhalb von 24 Stunden ausliest. Mir wäre recht, wenn es zwölfmal im Jahr erscheinen würde oder noch öfters.

Es wird bereits in der Thalia Filiale gelesen und dann weiter in der Schnellbahn.

Meine Lieblingsgeschichte von Greg ist übrigens die, wo Greg mit seinem Freund ins, fies gesagt, Unterschichten-Lokal “Landei” Abendessen geht. Greg bestellt einen Burger ohne Mayonaise, bekommt diesen aber dann doch mit Mayo serviert. Als er die Kellnerin darauf aufmerksam macht, nimmt diese eine Serviette, und wischt aus dem Burger die Mayonaise raus. Ich hab damals so lachen müssen, als ich das dem Kind vorgelesen habe. Ewiges Hightlight.

Meinen Berechungen nach müsste Gregs übrigens jetzt schon ca. 27 Jahre alt sein, harhar.