Archiv für literatur

Gregs 13

Ende Oktober ist Gregs Tagebuch Nr. 13 erschienen. Das ist eventuell Werbung, obwohl mich niemand sponsert.

Immer ein Tag zur Freude, weil das Kind nämlich jedes Gregs Tagebuch innerhalb von 24 Stunden ausliest. Mir wäre recht, wenn es zwölfmal im Jahr erscheinen würde oder noch öfters.

Es wird bereits in der Thalia Filiale gelesen und dann weiter in der Schnellbahn.

Meine Lieblingsgeschichte von Greg ist übrigens die, wo Greg mit seinem Freund ins, fies gesagt, Unterschichten-Lokal “Landei” Abendessen geht. Greg bestellt einen Burger ohne Mayonaise, bekommt diesen aber dann doch mit Mayo serviert. Als er die Kellnerin darauf aufmerksam macht, nimmt diese eine Serviette, und wischt aus dem Burger die Mayonaise raus. Ich hab damals so lachen müssen, als ich das dem Kind vorgelesen habe. Ewiges Hightlight.

Meinen Berechungen nach müsste Gregs übrigens jetzt schon ca. 27 Jahre alt sein, harhar.

Herbstbücher

Anlässlich des nahenden Kind-Geburtstages war ich bei Thalia, und habe einen ausführlichen Streifzug gemacht. Disclamer: für die Vorstellung der folgenden Bücher erhalte ich keinen müden Cent. Muss ich das dennoch als Anzeige markieren?

Einige Dinge sind mir dabei aufgefallen, die ich meinen Lesern hier nicht vorenthalten will, beispielsweise das:

Ich habe das gestern schon auf twitter gesehen und gedacht, ah netter Scherz, aber die Bücher gibt es offensichtlich wirklich? Häh? Leider gab es keine offenen Exemplare, so konnte ich nicht hineinlesen und schauen, was es damit auf sich hat

Unmittelbar daneben, das neue Werk von Hera Lind:

Diskutiert man hierzulande sehr ernsthaft über “Islamiserung” und wieviel Islam verträgt Europa et al., klatscht Hera Lind jovial in bester “Superweib“-Manier einen Titel wie Mein Mann, seine Frauen und ich einfach mal locker aus dem Handgelenk. Es geht darin um eine Frau, die sich in den bereits verheirateten Muslim Karim verliebt und ihn ebenfalls heiratet, später kommen noch Ehefrau drei und vier dazu.

Wenn man diesen Klappentext gelesen hat, erscheinen über dem eigenen Kopf ziemlich viele Fragezeichen – was will uns die Autorin damit sagen? So in Gehweite zu Thilo Sarrazins neuem Polemiker Feindliche Übernahme: Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht, erscheint es zumindest ein bisschen Ausgleich schaffen zu wollen.

Und schließlich:

Gregs Tagebuch auf Latein. Ein Buch, das offenbar verzweifelt seine Zielgruppe sucht…. ¹


¹ Die einzige Person, die ich kenne, die fließend Latein spricht, ist meine ehemalige Nachbarin, jetzt ungefähr 78 Jahre alt, ob die sich wohl für die Abenteuer eines renitenten Teenagers interessiert?

July so far

Jetzt ist die WM auch vorbei, von der ich nur zwei bis drei Halbzeiten gesehen habe, darunter auch Teile des gestrigen Finales, das ja durchaus spannend und erstaunlich torreich war.

Mein Lieblings-WM Moment war trotzdem der als wir – im Urlaub in Bibione – im Hotelzimmer die zweite Halbzeit England gegen Kroatien gesehen haben. Mit logischerweise italienischem Live Kommentar. Und das Kind so: “Dreh den Fernseher lauter, ich versteh nichts.” Harhar.

Am Rückweg über Südtirol hab ich dann erfahren, dass Christine Nöstlinger gestorben ist. Und obwohl das nicht so extrem überraschend kam, war ich betroffen. Denn sie war meine absolute Lieblingsautorin als ich eine Teenagerin war. Und mein Kind war auch betroffen, weil ich ihm schon ziemlich viel von ihr vorgelesen habe. Und das ist eine wirklich Kunst, finde ich, gerade im Kinder/Jugendbuchbereich, dass man Bücher schreibt, die über Generationen “funktionieren”, die total vorteilhaft altern, auch wenn niemand mehr Festnetztelefone benutzt, in Schilling zahlt und der amerikanische Präsident schon lange nicht mehr Ronald Reagan heißt.

Meine Lieblingsbücher von Christine Nöstlinger war die Gretchen Sackmaier Trilogie Gretchen Sackmeier, Gretchen hat Hänschen Kummer und Gretchen, mein Mädchen. Zu schön war die Geschichte über die pummelige Außenseiterin Gretchen, ihre Familienprobleme und die Liebesgeschichte mit Hinzel – versus Florian, wobei ich niemanden kenne, der #teamflorian war, denn ihm war Gretchen immer peinlich, weil sie keine Modellfigur hatte. Als (pummelige) ca. 13-jährige kam ich durch die Bücher auch erstmals mit mir ganz unbekannten Begriffen in Berührung, denn der Hinzel wollte nicht, so wie der Florian, nur mit Gretchen ins Bett, sondern mehr und galt deshalb bei den anderen Jugendlichen als “impotent”. Dabei war er nur nett und warmherzig und die Herzen der LeserInnen flogen ihm deshalb wie selbstverständlich zu.

Das war überhaupt das schöne an den Büchern von der Nöstlinger. Sie waren unkonventionell, ohne dass das bemüht erschien. Man hatte als LeserIn nicht das Gefühl, dass sich Nöstlinger irgendwie verbiegen wollte oder für irgendeinen Lesergeschmack schrieb. Ihre Bücher waren eigenwillig und unverblümt, auch wenn es um Sex ging. Da gab es verschiedene Abstufungen an Direktheit, ich glaub, das “ärgste” Buch war diesbezüglich Pfui Spinne (knapp gefolgt von Stundenplan) – und natürlich war man darauf neugierig, in diesem Alter. Ich besaß dieses Buch mal, finde es aber leider nicht mehr. Harhar.

Außerdem waren die Bücher sprachlich oft total pointiert und witzig formuliert, und, auch sehr wichtig, tröstlich. Denn die Heldenbeschreibung war ihre Sache natürlich nicht, Nöstlingers Figuren waren immer fehlbar, sehr menschlich, Antihelden quasi, die auch nicht wissen, wo es langgeht, und trotzdem oder gerade deshalb als Vorbilder taugen. Als Vorbilder in Sachen “sei wie du bist.”

Royal Wedding

Immer wenn ich was über die künftige Hochzeit von Prinz Harry lese, muss ich an die Schilderung der Hochzeit von Charles und Diana in Sue Townsends Buch The Secret Diary of Adrian Mole Aged 13 3/4 denken, das ich als Jugendliche mit Begeisterung gelesen habe.

Adrian Mole ist ein Kind aus dem Arbeitermilieu in Leicester der 1980er Jahre. Er sieht sich aber selbst als Intellektueller. Er schreibt Gedichte und betreibt, seiner Meinung nach, Gesellschaftskritik. Tatsächlich ist er oft sehr naiv und unbedarft, was die Komik des Buches auch ausmacht.

Jedenfalls ist 1981 das Thema Royal Wedding und Adrian schildert, wie die Straße, in der er lebt, abgesperrt wird, um dort mit Nachbarn aus allen Nationen zu feiern. Am 29. Juli 1981 notiert er in seinem Tagebuch “How proud I am to be English.” Am 30. Juli: “I have seen the royal wedding repeats seven times on television.” Und am 31. Juli: “Sick to death of royal wedding.”

Dank Internet und Social Media, kommt man im Jahr 2018 wohl schon früher an diesen Punkt.

Alles über Beziehungen

Lange hab ich mich auf den (halbwegs) neuen Roman von Doris Knecht gefreut, Alles über Beziehungen, weil: ich lese ihre Kolumnen sehr gerne, ihre Kolumnensammlungen über das Leben mit ihren Kindern finde ich sehr amüsant und klug. Und ich lese gerne über Beziehungen, das ist sogar das, was mich am meisten interessiert in der Literatur, im Film und auch sonst.

Bei Alles über Beziehungen gefällt mir der Titel also schon ziemlich gut, weil er mich einerseits neugierig macht, andererseits aber auch gleich eine gewisse Ironie transportiert, denn wie soll denn das gehen, alles über Beziehungen in einem Buch mit knapp 300 Seiten. Wirklich alles kann da nicht enthalten sein, dass es aber so wenig ist, hat mich dann doch etwas überrascht.

Es geht um Viktor, Theatermacher (bzw. seit kurzem auch Indendant) einen Mann in den besten Jahren, dh er wird demnächst 50. Er hat fünf Kinder von drei Frauen, seine aktuelle Lebensgefährtin Magda möchte ihn gerne heiraten, aber Viktor möchte eigentlich nicht. Das mit der kleinen Familie ist schon ok, er kommt gerne abends heim, vor allem, wenn er dann nicht mehr soviel mit allem zu tun hat, aber große Teile seiner Freizeit verbringt er lieber mit, erraten: anderen Frauen. Und anderen Suchtmitteln.

Nun denkt man sich ok, das ist vielleicht ein Klischee, ein Sexsüchtiger gut, aber vielleicht erfährt man ja etwas von seinem Innenleben, vielleicht erfährt man, wie er zu dem wurde, der er ist und warum er handelt wie er handelt und was er tatsächlich fühlt, aber tatsächlich erfährt man vor allem eines und das sehr ausführlich: wie er seine diversen Freundinnen, nun ja, beglückt. Es ist nicht so, dass das uninteressant wäre oder Knecht nicht gut übers Vögeln schreiben kann, um in ihrem Jargon zu bleiben, das kann sie sehr wohl und ich lese das auch gern, aber ausschließlich nur Sex, nur Kratzen an der Oberfläche, das ist doch etwas mager, man merkt sich kaum, welche Frau welche ist, so wie im Weezer-Song Tired of Sex: “Monday night i am making Jen, Tuesday night im am making Lyn usw.” Wie auch schon beim Antonia Baum Buch frage ich mich: Wo ist der Erkenntnisgewinn?

Der Plot dümpelt vor sich hin. Ich habe mal gelesen, ein Autor sollte seine Hauptperson immer in die schlimmste Situation seines Lebens bringen und dann aufzeichnen, was die Person in dieser schlimmsten Situation tut, ansonsten ist es schade um das Buch. Und das macht Knecht eben nicht oder nur zum Schein. Viktor bleibt Viktor, ein offenbar mittelmäßig attraktiver Mann, mittelmäßig gut im Bett (warum er so ein Frauenmagnet ist bleibt weitgehend unklar), mittelmäßig sympathisch, empathisch, durchschnittlich in allem, außer in seinem Narzissmus, und wirklich in die Krise, so in Richtung Karthasis kommt er auch nur peripher.

Im Buch schreibt eine seiner Geliebten, Lisbeth, Viktor einmal eine kyrptische SMS, mit nur einem Satz: “Das können wir besser”. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Von Nervensägen

Heut hab ich auf Instagram gesehen, wie eine Schwangere das Buch Warum französische Kinder keine Nervensägen sind von Pamela Druckerman liest, weil es von sovielen empfohlen wurde. Ich habe mir auch schon überlegt, dieses kontroversiell diskutierte Werk zu lesen, aber ehrlich gesagt find ich den Titel schon so daneben, dass ich mich dazu bis dato nicht überwinden konnte.

Ich habe eigentlich wenig Kontakt zu Franzosen und – innen, und noch weniger zu französischen Eltern, nur einmal ist mir eine französische Familie beim Urlaub in Bibione aufgefallen. Und zwar deshalb, weil die kleine Tochter, sie mag vielleicht zwei oder zweieinhalb gewesen sein, stundenlang quasi unbewegt auf der Liege neben ihren Eltern gesessen ist.

Ich war mit meinem Kind (und der Oma) erstmals länger am Meer auf Mallorca, als er fast sechs war und er ist keine fünf Minuten auf der Liege gesessen, geschweige denn gelegen. Die Freundinnen meiner Mutter, die auch mit im Urlaub waren, haben immer gesagt, jetzt muss er doch mal müde sein und sie haben mit mir gewettet, dass er einmal einschlafen wird und haben diese Wette knapp vorm Abflug – nach einer Woche nonstop Halligalli – gewonnen. Aber das war nur komplette Kapitulation wegen absoluter Übermüdung. Mein ausgeschlafenes Kind verbringt auch heute noch kaum je Zeit auf einer Liege.

Wie war es also diesen Franzosen möglich, dass ein so kleines Kind so ruhig auf der Liege sitzt, dass die beiden stundenlang in ihren Büchern und Zeitschriften lesen konnte (ja ich war etwas neidisch). Und dann sah ich warum. Irgendwann wollten die Eltern nämlich gehen und das Mädchen wollte aber endlich ins Wasser und es ist ein bisschen “weggelaufen” – eh nur zwei Schritte Richtung Pool und hat dabei ein bisschen gejammert und da kam die Mutter und gab ihr ein paar auf den Po, und das keineswegs sanft, und der Vater hat ganz böse geschaut und dann fügte sich die Kleine gleich wieder ihrem Schicksal; ich fand diese Szene ziemlich fuchtbar und hätte am liebsten was gesagt und frag mich bis heute, ob ich hätte etwas sagen hätte sollen.

Ich will von diesem Einzelfall sicher nicht auf alle französischen Eltern schließen, aber ich muss immer dran denken, wenn von den disziplinierten französischen Erziehung die Rede ist und dann will ich davon lieber doch nichts wissen.

Still Leben

Auf Empfehlung habe ich letzte Woche das Buch Stillleben von Antonia Baum gelesen. Als ich es in der Buchhandlung gesucht habe, war es unter der Rubrik “Geschichte” eingeordnet. Und das verdeutlich schon ein bisschen das Problem von Stillleben, wenn man mich fragt.

Worum geht es? Um Dinge, in die es in der letzten Zeit recht oft geht, zumindest in einem eher urbanen, eher akademischen Milieu, moderne Mutterschaft und ihre Probleme. Baum arbeitet sich an den üblichen Dingen ab: Entscheidung für ein Kind ja oder nein (sie lässt es “passieren”), die Vereinbarkeitsfrage, Beziehungsprobleme, Stillen oder nicht, Krabbelgruppen-Hass und so weiter. Baum schreibt sehr wahrhaftig und in vielen ihrer oft poetischen Sätze finde ich mich wieder, beispielsweise:

Nach der Geburt war mein Körper wund. Alles wund und offen und heiß. Die Wunde zwischen meinen Beinen, die Brüste. Die Gefühle in meiner Brust, die Nerven, die Hirnhaut, die Gedanken hinter meiner Stirn, die Augen, alles war wund und offen und heiß. Ab sofort war die Möglichkeit, etwas zu wollen und es dann zu tun, vollkommen ausgeschlossen. Alleinsein ausgeschlossen, aufstehen und gehen vollkommen ausgeschlossen.

Aber was geht darüberhinaus? Was ist der Erkenntnisgewinn? Antonia Baums Text ist ein Hybrid, dessen verschiedene Einzelteile nicht so ganz zueinanderfinden wollen. Sie schreibt über die sogenannte “Migrationsproblematik” und ausländerfeindliche Nachbarn, generell ihre Wohngegend, die ihr schwer zu schaffen macht, seit sie mehr Zeit zuhause verbringt, sie schreibt über Putzfrauen und deren Lebensumstände und baut auch andere gesellschaftspolitische Schlenker ein und man fragt sich, was das alles konkret mit Mutterschaft zu tun hat. Lieber würde man tiefergehende Gedanken dazu lesen.

Dass sie keine Lösungen für das große Thema Frau mit Kind hat, überrascht nicht, das muss auch nicht sein, aber mir geht ein bisschen der Mehrwert im Text ab, der sich zuoft in Nebenschauplätzen verliert. Vielleicht geht mir auch der Humor ab, den man in Werken mit ähnlicher Thematik bei Rike Drust (Muttergefühle, Gesamtausgabe) oder Doris Knecht (ich hab mal drüber geschrieben: Wie man fidel verspießert) findet. Dort werden ganz ähnliche Baustellen begangen, aber der Benefit ist, dass sie mit einer gehörigen Portion Humor und auch Selbstironie beschritten werden. Ich möchte Frau Baum nicht aufzwingen, ein unterhaltsames Buch zu schreiben, wenn ihr nicht danach ist, aber mir fällt es leichter, auch schwierige Dinge mit Humor zu betrachten. Und die Botschaft kommt, m.E., trotzdem rüber.

Am Ende von Baums Buch ist man als Leserin dann ganz ratlos, wenn sie eigentlich keine Lösungen hat, aber ihr Buch mit einer Art Glückseligkeits-Schwamm-drüber Message abschließt. Why, oh why? Dennoch hat mir Still leben einige interessante Stunden beschert, wenn das Gesamtbild für mich – wie gesagt –  dann nicht ganz gestimmt hat.

Donne

Zu Weihnachten hab ich ein wirklich tolles Buch geschenkt bekommen, Frauen von Andrea Camillieri. Ich hab schon länger kein fiktionales Werk mehr gelesen, weil mir oft die nötige Ruhe fehlt, aber hier konnte ich nach der ersten Seite einfach nicht mehr aufhören und war schon am Christtag fertig.

Camillieri kennt man ja eher als Kriminalautor, sein Comissario Montalbano ist vielleicht sowas wie ein Gegenpart zu Gudio Brunetti; während dieser in Venedig ermittelt, tut Montalbano das in Sizilien, was atmosphärisch wahrscheinlich schon einen großen Unterschied macht. Ich kann es nicht näher beurteilen, da ich alle Brunetti Romane gelesen haben, aber (noch) keinen von Montalbano. Ich mag Brunetti ja deshalb, weil die Kriminalfälle so nebensächlich und oft auch unspektakulär sind und die Stadt, die Menschen und vor allem das Essen soviel wichtiger.

Jedenfalls portraitiert Camillieri in seinem Buch, Nomen est Omen, Frauen, alphabetisch geordnet, quasi um weder Wertung nach Wichtigkeit zu treffen, noch einer Chronologie folgen  zu müssen, es sind auch nicht immer Frauen, die er persönlich gekannt hat, sondern manchmal auch literarische Figuren wie Antigone oder Desdemona, zu denen er einen persönlichen Bezug hat. Und obwohl die Texte eher kurz sind – es sind ungefähr 40 Geschichten enthalten – und die Frauen sowohl in Alter als auch Charakter und Background komplett unterschiedlich sind, gelingt es Camillieri spielend, die Figuren mit ein paar Sätzen so umfassend lebendig werden zu lassen, dass man sie sofort erfassen kann.

Mir haben schon diese Texte am besten gefallen, in denen Camillieri persönliche Begegnungen beschreibt – oder zumindest sehr gut erfunden oder fantasiert hat. Diese Texte sind oft ein bisschen schräg, meistens auch sehr erotisch, überraschend und geheimnisvoll und vermitteln sehr viel an italienischer Atmosphäre. Manchmal sind sie auch recht witzig, etwa als Camillieri in ein Flugzeug steigen muss und darüber sagt “Wenn ich fliege, empfinde ich mich nicht gerade als einen glücklichen Menschen.” Oder als er als Gastprofessor einer jungen Schwedin nach einer unmissverständlichen Einladung nach Hause folgt und dort keine Studenten-WG vorfindet, sondern feststellen muss, dass Ingrid noch bei den Eltern wohnt. Er simuliert dann eine Erkrankung und wird von ihrem  Vater zurück ins Hotel gebracht. Lakonisch bemerkt er: “In dieser Woche muss der Index italienischer Manneskraft in Schweden steil abgefallen sein.”

Camillieri sagt im Nachwort, dass er nicht psychologsieren oder Frauen irgendwie deuten will, sondern nur Geschichten aus einem subjektiven Blickwinkel erzählen will. Das ist ihm sehr gut gelungen.

Waiting… Literaturnobelpreis 2017

Angeblich wird am Donnerstag der Literaturnobelpreis vergeben. Ganz sicher ist man sich da noch nicht, wenn man Medienberichten glauben mag. Warum auch immer da so ein Geheimnis drum gemacht wird, weiß ich nicht. Aber jedenfalls wird es in den nächsten Tagen soweit sein. Also mal wieder Zeit für Spekulationen über mögliche Gewinner.

Nachdem voriges Jahr Bob Dylan ausgezeichnet wurde, gehe ich mal nicht davon aus, dass es dieses Jahr wieder ein US-Amerikaner wird. Also wenig Chancen für den praktisch jedes Jahr genannten Autor Philipp Roth und wohl auch wenig für Paul Auster, der dieses Jahr immerhin mit 4 3 2 1 (s)ein Opus Magnum veröffentlich hat (das ich allerdings leider noch nicht geschafft habe zu lesen).

Wird heuer wieder jemand gewinnen, der praktisch aus der Welt gefallen ist und selbst bei Literaturwisenschaftern unterm Radar läuft wie Le Clezio 2008 oder Tomas Tranströmer 2011? Oder wird es politischer und ein Provokateur wie Michel Houellebecq etwa, der mit seinem Roman Unterwerfung das heiße Eisen Islamisierung in Europa gewohnt kontroversiell anpackt, hat Chancen auf den Preis? Oder doch diesmal wieder jemand aus Österreich, Peter Handke vielleicht, einfach um einen nahen Verwandten von mir zu schocken, wie damals bei Jelinek? Harhar.

Schön wäre ja, wenn jemand wie Zeruya Shalev den Preis bekäme, eine starke, feministische Autorin, mit einer sehr intensiven, atemlosen und eigenwilligen Sprache. Die vor allem über menschliche Beziehungen und Familienkonstellationen schreibt (Über die Ehe: “Man kommt einander näher, um sich voneinander zu entfernen, wozu also das Ganze”), schonungslos, aber nicht bitter, ehrlich, aber nicht ohne Hoffnung. Und voller eigenwilliger Poesie (“Als ich ein Kind war, hatte ich keinen Ehemann, ich schlief alleine ein und wachte alleine auf”). Das alles vor dem Hintergrund ihres Landes mit all seinen Herausforderungen. Spannend sind ihre Gedanken und was sie zu sagen hat, auch wenn sie den Preis dieses Jahr vermutlich nicht gewinnen wird.

POTUS

Ich lese gerade mit dem Kind Olfi Obermeier und der Ödipus von Christine Nöstlinger und gestern sind wir über eine interessante Stelle gestolpert:

Ronald Reagan (!), da wird einem erst bewusst wie alt das Buch schon ist. Das Kind hat mich dann gefragt, ob Ronald Reagan ein guter Präsident war und ich hab geantwortet, auf jedenfall ein besserer als Donald Trump (zugegeben: keine besondere Kunst). Dann musste ich ihm die Präsidenten seitdem aufzählen und war mir dann kurz gar nicht mehr sicher, ob Georg W. Bush tatsächlich zwei Perioden POTUS war oder ob es mir nur so lang vorgekommen ist, aber tatsächlich, er war es, sein Vater ja nicht.

Als ich dann bei Obama angekommen war, sagte das Kind: “Der war ein toller Präsident, stimmts?”

Hach ja.