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Herbstgedanken, zwei

Mein Leben spielt sich ab zwischen: ich wäre jetzt bereit für meine Einkommenssteuererklärung – oh, es ist erst Mitte Jänner und man kann sie noch nicht abgeben und oh, es ist Mitte Oktober und das Finanzamt schreibt mir, dass ich meine Einkommenssteuererklärung noch nicht eingebracht habe.

Zwischen Mitte Jänner und Mitte Oktober, zwischen zu früh und zu spät, da liegt ein Problem. Harhar.

Oder wie Mark Forster singt: so selten fitte Planung, bin mehr so dritte Mahnung.

Herbstgedanken

Einen schönen Herbst haben wir, in der Früh kalt, am Nachmittag oft fast spätsommerlich warm, manchmal nebelig, aber viel öfter richtig schön sonnig, und mir kommt vor, blauer als im Oktober ist der Himmel nie.

Die Schule läuft wieder so dahin, die ersten Schularbeiten bzw. Tests sind erledigt, es gibt schöne und weniger schöne Themen, und manchmal erschlagen mich die Eindrücke, mit denen das Kind nach Hause kommt, die Befindlichkeiten, die Emotionen und natürlich auch die “to do’s” – da ist etwas nachzukaufen, dort ist etwas verloren gegangen, was war schnell nochmal Hausübung. Hier gibt es außerdem diesen Konflikt, und dort diese Gruppenbildung, mich nimmt das oft mehr mit als das Kind selbst, das einerseits ziemlich gute soziale Kompetenzen, andererseits die schöne Fähigkeit hat, das Leben so zu nehmen, wie es ist. Damit tue ich mir viel schwerer.

Ich grüble manchmal viel zu viel, ich finde manchmal keine Ruhe, ich mache mir zu lange zu viele Gedanken, unnötige Gedanken über eigentlich nebensächliche Dinge. Ich hadere auch damit, mich manchmal als Mutter Diskussionen auf “Zuruf” stellen zu müssen, wenn ich am liebsten gar nichts sagen möchte. Wenn ich nichts zu sagen weiß. Wenn ich am Ende meines Lateins bin. Wobei mir natürlich klar ist – und ich setze das auch in die Tat um – dass man auch darüber kommunzieren kann und sogar sollte.

Heute hab ich zum Kind gesagt, es tut mir leid, ich mache im Moment, so denke ich, viele Fehler. Und das Kind hat dann gesagt, das macht nichts, wir alle machen Fehler Mama. Ich hab auch Fehler gemacht, Mama.

Jemand sagt mir, wenn ich mit ihm darüber spreche, zehn Fehler am Tag machen die perfekte Mutter aus. Wenn ich daran denke, dann muss ich doch noch lächeln.

Neubeginn

Heute war Schulbeginn und ein paar Kinder von Freunden hatten heute ihren allerersten Schultag überhaupt. Leider war das Wetter ähnlich schlecht wie am ersten Schultag des Kindes vor fünf Jahren. Das heißt: Kräftiger Dauerregen über Stunden. Bei uns war heuer kein besonderer Schulbeginn. 2. Klasse Gymnasium ist recht unspektakulär.

Die Ferien sind irrsinnig schnell vergangen, vor allem der August. Wenn die Schule wieder anfängt, ist man ein bisschen wehmütig, weil der Alltag wieder beginnt und auch ein bisschen froh, weil der Alltag wieder beginnt.

Spätsommer ist meine liebste Zeit im Jahr, wenngleich (oder weil?) sie auch sehr bittersüß ist. Wenn es nicht gerade schüttet, sondern warm ist, dann riecht die Luft ganz besonders, wie sie im Hochsommer niemals riecht. Es mag noch dreißig Grad und mehr haben, aber man spürt, bald wird es wieder kühl und grau werden. Das gibt diesen Tagen einen besonderen Tiefgang. Und man macht Fotos, um sich später daran zu erinnern, wie unbeschwert man gerade war, wie leicht das Leben manchmal ist, und wie glücklich man selbst, wenn man nicht gerade über alles mögliche nachgrübelt.

Manchmal denke ich zu dieser Zeit an Südtirol, an die Tage bevor das Kind zur Welt kam. Auch das sind schöne und weniger schöne Gefühle – vor allem an die Angst, damals, die macht immer noch ein bisschen Angst. So eine ohnmächtige, hilflose, verzweifelte Angst.

Heute ging ich vom Supermarkt nachhause und mein Kind mit anderen Kindern hinterher und da dachte ich über das alles nach, und dann drehte ich mich um und ich hatte dabei ein viel kleineres Kind im Kopf und bin fast erschrocken, wie erwachsen er in diesem Moment gewirkt hat, bei diesem Beiläufigen nach hinten schauen. Als hätte ich ihn jetzt monatelang nicht gesehen. Und ich war sehr erleichtert darüber.

Kindersicherung

Den Shitstorm der letzten Woche hat Hans Rauscher zu verantworten, mit seinem Kommentar im Standard Keine Kindersicherung im Kopf.

Bei Rauscher selbst haben auch einige Sicherheitsmaßnahmen wohl nicht funktioniert, als er diesen Text geschrieben hat. Ja, nichts ist faktisch falsch daran, auf (kleine) Kinder ganz besonders gut aufzupassen, ganz im Gegenteil. Es kann, da hat er schon recht, lebensgefährlich sein, das nicht zu tun.

Laborbedingungen gibts im Alltag aber nicht – und genau das ist der Pferdefuß dieses mehr als selbstzufriedenen Kommentars. Ja, im im Prinzip wissen wir alle, dass wir immer da sein müssen, bei Kleinkindern, immer alles im Blick haben, alle Gefahren vorausahnen, die Verhaltensweisen des Kindes sowieso. Und dabei natürlich möglichst entspannt sein, um dem Kind natürlich ein Urvertrauen ins Leben und seine eigenen Fähigkeiten mitzgeben. Vergessen wir aber auch nicht die Kehrseite der Medaille, dass wir Eltern uns dem Vorwurf des Helikopterings ausgesetzt sehen, wenn wir zuviel tun. Denn mediale Artikel über Eltern oszillieren permanent zwischen “den Kindern wird von ihren Latte macchiato Eltern gar nichts mehr zugetraut und sie werden mit dem SUV bis ins Klassenzimmer geführt” und “Verwahrlosung, Unachtsam- und Wurschtigkeit bei der Kinderaufzucht.”

Die Herausforderung liegt zwischen diesen Polen. Und es ist tatsächlich nicht ganz so easy wie von Rauscher beschrieben. Zu wissen, welche Gefahren es gibt, bedeutet nicht, diese immer komplett unter Kontrolle zu haben. Ich kann mich an Wochen erinnern, in denen ich mit Kleinkind kaum geschlafen habe und dachte, ich werde in meinem Leben wohl nie mehr richtig wach sein. Es war mehr als anstrengend, in so einem Zustand 12 Stunden am Tag auf ein Kleinkind aufzupassen. Es kann passieren, dass man etwas übersieht, es kann passieren, dass die eigenen Reflexe nicht tadellos funktionieren, es kann auch sein, dass man die Verantwortung kurz an jemandem abgibt, der vielleicht auch nicht immer an alles denkt. Ja und es kann sein, dass man mal einen richtigen Blödsinn macht, wie das jedem Menschen unterlaufen kann. Und jetzt spreche ich noch gar nicht von den Familien, die zwei und mehr Kinder haben.

Solche Texte, wie Rauscher sie schreibt, sind zugegebenermaßen schwierig. Ich nehme an, er hatte die besten Absichten. Aber es bleibt ein sehr bitterer Beigeschmack zurück, weil der Kommentar nicht nur paternalistisch ist, sondern auch eine wirklich Tragödie – den Unfall mit dem Radanhänger letzte Woche – als Aufhänger verwendet und verurteilt, ohne die genauen Umstände zu kennen. Und das ganze ziemlich empathielos, was die Elternseite betrifft.

Eine vertane Chance, im besten Fall.

Sommergeräusche/ Abschiedsgeräusche

Wenn ich im Sommer nicht im Garten bin, sondern in der Wohnung, wie jetzt gerade und eine Menge Urlaubswäsche wasche, dann kann ich am Balkon Sommergeräusche hören. Manche Sommergeräusche sind bei näherer Betrachtung eigentlich Abschiedsgeräusche. Wie ich das meine?

Also beispielsweise höre ich sehr oft das Geräusch von Rollwagerln, die gezogen oder geschoben werden, das ergibt ein doch auffälliges Holpern, an unserem Kopfsteinpflaster-Gehweg. Und solange ich nicht vom Schreiben aufschaue – so wie John Boy Walton damals in Unsere kleine Farm in Erwartung eines Radiogerätes – kann ich nicht wissen: ist das jemand, der auszieht und seine Möbel auf derartige Weise transportiert oder sind das Menschen, die auf Urlaub fahren und ihre Trolleys nachziehen.

Zugegebenermaßen ist es öfter letzteres, immerhin haben wir Juli, und es ist ein ständiges Abreisen und wieder heimkommen; aber es wird doch auch wieder reichlich ausgezogen, für immer, hier bei uns. Schon wieder eine Familie aus der “Stammbelegschaft”, also den Menschen, die von Beginn an hier wohnen, in diesem Fall sogar eine Eigentumswohnung besessen haben, was ja nach “gekommen, um zu bleiben”, klingt. Aber nun haben sie es sich anders überlegt, und ziehen anderswohin, um dort zu bleiben, vielleicht zumindest. Und ich muss aufpassen, dass das kein sentimentaler “the times, they are changing” Text wird.

Eine Familie mit drei Kindern zieht aus, mit denen ich anfangs doch relativ viel zu tun hatte. Denn wenn man einzieht, in so ein offenes Haus, wir übrigens im Hochsommer 2013, wo sich alle andauernd im Hof treffen und nichts von der sonstigen Anonymität der Großtsadt zu merken ist, denkt man, das sind alles potentielle neue Freunde, mit denen man viel teilen wird. Und das ist auch so, viele Nachmittage lang. Aber letztendlich werden die Kinder größer und wir alle sind nicht mehr sooft im Hof, und plötzlich lebe nicht nur ich ein völlig anderes Leben als ich das 2013 vermutet hätte, sondern die anderen offenbar auch.

Im Hochsommer ist es ist zu heiß für trübe Gedanken, das macht Abschiede vielleicht einfacher.

Privat

Dieses Jahr ist das Thema des FM4 Litertaturwettbewerbs “privat” und ich werde mitmachen.

Ich habe schon einmal am Wortlaut-Wettbewerb teilgenommen, es war irgendwann in den Nullerjahren, ich erinnere mich peinlicherweise nicht mehr an das Thema und auch nur rudimentär an den Text, den ich damals geschrieben habe. Ich bin nicht auf die Longlist gekommen, die die besten 20 Teilnehmer namentlich nennt, ganz zu schweigen von den Top drei. Genau genommen erwarte ich das auch heuer nicht, aber ein Thema wie “privat” ist so spannend, dass ich mich einfach damit beschäftigen möchte, auch wenn ich mir keine Chancen ausrechne.

Meine erste Assoziation zu privat war, dass ich dem Kind als es noch ein Kleinstkind war, einmal gesagt habe, ich würde ganz gerne alleine aufs WC gehen, weil das ist privat. Tatsächlich wollte ich ein paar Minuten Ruhe haben, Kleinstkind Mütter wissen, wovon ich rede. Harhar.

Privat – das löst natürlich vielfältige Assoziationen aus. Es klingt immer etwas geheimnisvoll, möglicherweise auch ein bisschen verboten, und es gab tatsächlich eine Zeit in meinem Leben, da war das, was in mir vorging, was ich fühlte und erlebte, ein großes Geheimnis, aus verschiedenen Gründen. Zuerst ist das natürlich durchaus aufregend, man weiß selbst noch nicht, wohin das alles führen wird, und man ist ganz froh, dass man sich gerade niemandem erklären muss, und für den Anfang nur fühlen und seinen Emotionen folgen darf. Dann fängt man an zu schreiben, nur für sich selbst, also zumindest ich tue das, wenn ich etwas aufarbeiten muss, weil Schreiben immer mein Mittel der Wahl ist. Aber als ich das einem jemand erzählte, meinte der zu mir: “Das Tagebuch redet halt so wenig zurück.”

Was zu einem anderen Punkt führt: ganz privat will man in der Regel nicht immer sein oder bleiben, man will sich jemand anvertrauen, wenn auch erst nach reiflicher Üerblegung, weil man sicher sein will, dass das, was man erzählt, beim Zuhörer gut aufgehoben ist. Manche Dinge sind eben so schön oder so schmerzvoll privat – manchmal auch beides gleichzeitig – dass man platzen würde, wenn man das dauerhaft alleine mit sich selbst ausmachen soll. Aber je intimer das ist, was man erzählen will, umso verletzlicher und angreifbarer macht man sich auch. Man geht das Risiko ein, bewertet und beurteilt zu werden. Und es gibt in der Regel nur wenige Menschen, denen man sich so zeigen will, weil man sicher ist, dass sie das Wissen nicht gegen einen verwenden werden. Wenn man Glück hat, dann vertieft so ein “Geständnis” auch die Beziehung. Bei mir war es so.

Ich habe schon eine Idee, was meine Kurzgeschiche für den Wortlaut betrifft, und sie wird ein bisschen traurig sein, und ein bisschen hoffnungsvoll, ein bisschen sinnlich, und ein bisschen witzig. Eben die ganze Bandbreite eines privaten Lebens.

Unversöhnlich

Vor zwei Wochen ist ein Bekannter von mir gestorben, aus meinem Lieblingsdorf. Es gab eine Explosion an seinem Arbeitsplatz es ist so unheimlich tragisch und so “sinnlos” für mich. Am Abend saß ich vor dem Fernseher als darüber berichtet wurde und dachte, warum muss ein Leben so enden, als Meldung in der ZIB1? Im April wäre er 50 Jahre alt geworden.

Als Teenies sind wir mit seinem Moped durch das besagte Dorf gefahren und ich habe mich ganz stolz gefühlt, dass ich mit ihm mitfahren durfte. Am Kärntner Abend hat er so schwungvoll mit mir getanzt, dass er mir nachher ganz schwindlig war. Dann hat er mich auf ein Spezi in die “Blacky Bar” eingeladen, die kennen nur Einheimische. Weil ich noch zu jung war, gab es nichts alkoholisches. Es war schön mit ihm und ein bisschen aufregend auch. Und dann führte er sein Leben und ich meines. Später hatten wir nur noch wenig Kontakt. Er hat geheiratet und zwei Töchter, die einige Jahre älter sind als mein Sohn. Er war beruflich sehr erfolgreich und hatte dazu noch eine große Landwirschaft. Wenn wir uns ab und zu im Dorf getroffen haben, wenn ich im Sommer dort war, haben wir ein paar Worte gewechselt. Wir haben so unterschiedliche Leben gelebt, dass es nicht wahr wäre zu sagen, wir hätten viel gemeinsam gehabt. Aber er ist Teil meiner Kindheit und meiner sentimentalen Erinnerungen.

Ich konnte das gar nicht fassen, dass er so überraschend einfach “weg” ist. Wie man das ja meistens nicht fassen kann, wenn es so unerwartet kommt und wenn der Mensch noch viel zu jung dafür ist. Wir wurden dann darüber informiert, dass bei seinem Begräbnis soviele Menschen waren, dass die Autos einfach überall im Dorf geparkt haben, kreuz und quer teilweise auf der Wiese und Richtung Felder. Irgendwie, und das mag kindisch klingen, fand ich das tröstlich. Es ist schön, dass soviele Leute gekommen sind, um sich von ihm zu verabschieden.

Mir fehlt ein versöhnliches Schlusswort. Manchmal gibt es das einfach nicht.


Whats your age, zwei

Gestern hab ich ein Fotoposter von mir gefunden, auf dem ich genau halb so alt bin wie ich jetzt bin, nämlich 21.

Es ist an einem Strand von Zakynthos aufgenommen worden, ich lieg auf einem Liegestuhl und es war windig und etwas kühl, ich bin irgendwie in das Badetuch eingewickelt. Ich kann mich noch genau dran erinnern. Banana Beach war das vermutlich. Oder Agios Nikolaos (so heißt ungefähr jeder 2. Strand auf griechischen Inseln, harhar) Es war entweder Ende August oder Anfang September 1997.

Ich zeige das Poster dem Kind, das Kind schaut es an und sagt: “Du hast dich ja gaaar nicht verändert.” Das ist sehr süß vom Kind, und ich glaub ihm, dass er es so meint, weil er nämlich sehr ehrlich ist, in solchen Dingen. Aber ich tu mir echt schwer, das selbst zu beurteilen. Am meisten fällt mir mein Alter an meinen Armen auf, die Haut schaut so frisch und jugendlich aus und ich glaub, so ist sie heute nicht mehr.

Erstmals hatte ich das Gefühl, dass ich altere, nach etlichen schlechten Nächten mit Baby, da hab ich mich eines Tages in den Spiegel geschaut und mir gedacht, wow, ich hab Augenringe bis zum Knie und schau komplett fertig aus, wird das irgendwann mal wieder anders werden? Aber sagen wir so, das wurde es länger nicht, in den 30er sah ich oft sehr erschöpft aus, weil ich auch auf vielen Ebenen auch sehr erschöpft war. Rushhour des Lebens und so. Vielleicht hätte das Kind da gar nicht gefunden, dass ich mich nicht verändert habe.

Jetzt, mit über 40, sehe ich auch nicht jünger aus (harhar), aber ich glaub, dass ich glücklich aussehe, zumindest oft. Weil ich mich so fühle. Und ich glaube außerdem – ganz unabhängig vom Alter – dass das Aussehen ganz stark von der Ausstrahlung abhängt und die wiederum von der Lebenseinstellung und dem eigenen Blick auf die Welt. Und insofern fürcht ich mich vor “dem Alter” nicht so sehr, solang ich ausgeglichen und zufrieden bin.

Whats your age

Aufgrund eines Tweets auf Twitter, hab ich mir gedacht:

Jetzt bin ich also 42 Jahre und ein paar zerquetschte Monate alt und viele meiner Freunde sind auch 40 plus und irgendwie sind wir nicht alt, aber auch nicht mehr wirklich jung. Wieso ich zu dieser tiefschürfenden Erkenntnis komme?

Früher, sagen wir vor 10 Jahren, hat man gedacht, wow, jetzt weiß man wo es lang geht und verfolgt seine Ziele und ist genau in der richtigen Fahrspur. Und jetzt sagen Menschen, mit denen ich mich treffe, auf ganz normale Fragen so Dinge wie, “Ja, das werden wir sehen, wer weiß was bis dahin ist.” Oder “Es kommt eh immer anders als man denkt.” Oder “Das kann man eh nicht planen.”

Und ja, jetzt haben wir Falten und die ersten grauen Haare und die eine oder andere Narbe, und ein bisschen erschöpft sind wir alle, vom Leben. Wir haben vielleicht unsere ersten unklaren Befunde gekriegt oder unseren Beziehungsstatus geändert, gekündigt oder vielleicht beruflich ganz neu orientiert. Wir haben Kinder oder keine und beides ist manchmal eine Herausforderung. Manches haben wir uns ganz anders vorgestellt, einfacher, selbstverständlicher, manches hat uns überrumpelt, schockiert, ernüchtert, nachdenklich gemacht. Manchmal verzweifeln wir über der unerbittlichen Regelmäßigkeit des Alltags und über unsere immer kleiner werdenen Freiräume, manchmal fehlt uns die Luft zum Atmen.

Jetzt sollte ein versöhnlicher Schluß kommen, so auf die Art, wir haben aber auch viel Lebenserfahrung gewonnen, wir genießen die Tage mehr, an denen wirklich alles gut läuft, wir erkennen, dass das nicht selbstverständlich ist. Und so ist es auch.

Denn manchmal fühlen wir uns wieder wie mit 17 und erleben plötzlich wieder Gefühlsexplosionen, weil wir uns wieder spüren, und merken, wenn wir alle Barrieren, die wir aufgebaut haben, um uns vor irgendwas zu schützen, fallen lassen, dann fühlt sich das ur gut an. Und noch besser ist, weil wir nicht mehr 17 sind wissen wir, dass wir das genießen müssen, sooft es passiert und so richtig

Meine Antwort auf den Tweet war:


 

Tartarotti und die Verletzlichkeit

Der Kurier Journalist Guido Tartarotti hat eine tolle Kolumne mit seiner Ex-Frau im woman, die nennt sich Glücklich geschieden und nomen es omen. Die beiden schreiben zu verschiedenen Beziehungsthemen und wie sie es geschafft haben, trotz Scheidung gute Freund zu bleiben.

Sowas finde ich ja sehr gut, denn man hat ja manchmal den Eindruck, Menschen, die Jahre bis ihr halbes Leben oder mehr miteinander geteilt haben und sich dann trennen, müssen sich bekriegen und hassen, anders geht eine Trennung nicht. Das find ich immer schade und ich finde Tartarotti/Braunrath sind gute Role Models im Sinne von, es geht da auch anders.

Die letzte Kolumne war trotzdem traurig. Denn Tartarottis letzte Freundin hat sich nach 13 Jahren von ihm getrennt. Sein Resümee aus dieser Trennung ist: er hat zu wenig gekuschelt, er war zu distanziert, er hat nicht oft genug gesagt, was er empfindet. Ich bewundere ja immer Menschen, die so ehrlich mit sich selber sind, auch wenn sie damit ihre eigenen Schwachstellen aufdecken. Und das dann noch öffentlich machen.

Das erinnert mich dann immer an die Worte von Autor Stewart O’Nan, der gemeint hat, natürlich gibt es bei ihm Widerstände, über gewisse Dinge zu schreiben, aber genau dieser Widerstand zeigt ihm auch, dass er etwas gefährliches gefunden hat, was die Leser interessieren wird und so ist es auch. Es sind genau diese Tabus, diese Dinge, die einen selbst verletzlich machen, die einem Angst machen, die es wert sind, sie einem Publikum zu teilen.