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Muss Botox?

Gestern hab ich einen bemerkenswerten Artikel in der Zeit gelesen. Bemerkenswert schwachsinnig, Entschuldigung. Wer reinschauen will, das geht hier.

Da schreibt eine Dozentin für Körperkultur über den Einsatz von Botox auf verteidigende Art und Weise. Soweit sogut, es bleibt ja jedem selbst überlassen, was er zur (scheinbaren) Optimierung seines Aussehens tun will. Aber die Gründe, weshalb eigentlich praktisch jede Frau ab 40 Botox verwenden muss oder sollte sind derart haarsträubend, dass es einem beim Lesen wirklich selbige aufstellt.

Die Autorin bemüht laufend Gemeinplätze, Dinge, die sie offenbar für gottgegeben und unhinterfragbar hält, beispielsweise: eine Frau ab vierzig holt keinen (Mann) mehr hinter dem Ofen hervor. Ihre sexuelle Anziehungskraft ist komplett dahin. Sie ist auf dem Weg in die Unsichtbarkeit. Für den Mann ab 40 gilt das naturgemäß nicht, denn Schönheit ist kein Wert, der für Männer besondere Signifikanz hat bzw über den verhandelt werden muss. Die Autorin zieht den Schluß: wenn ich als Frau auf der Bildfläche bleiben will, dann muss ich mich den Regeln der Oberflächlichkeit unterwerfen, dann kann ich aus diesem Spiel nicht aussteigen, und dafür sollte Verständnis da sein. Das ist ein beängstigendes Frauen- und auch Männerbild, dass die Autorin da beschwört und ich weigere mich, dieses Bild ernstzunehmen.

Ja, es kann nicht schaden, wenn man mit zunehmendem Alter auf einen Körper achtet und ihm gutes tut. Es kann nicht schaden, sich zu pflegen und sich nicht zu vernachlässigen. Das wird niemand in Abrede stellen und gilt für beide Geschlechter. Aber ist Botox & Co. für Frauen die Antwort darauf? Geht es nicht eher darum, sich gut zu fühlen, um das dann auch auszustrahlen? Verlieben wir uns in Menschen nur dann, wenn sie makellos aussehen, wenn sie “perfekte” Gesichter und Körper haben? Ich würde mal behaupten, wir finden Menschen attraktiv, die Ausstrahlung haben, die offen auf uns zugehen, uns anlächeln, mit uns in Beziehung treten und die interessante Dinge zu sagen haben, die uns zuhören. Und die auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein haben, sich so anzunehmen wie sie sind. Diese Menschen finde zumindest ich schön, weil sie – auch wenn es platt klingt – auch innerlich schön sind.

Wenn jemand Botox verwenden will, bitte. Aber machen wir daraus keine Doktrin, erheben wir es nicht zu einem Dogma, ohne das wir in unserer oberflächlichen Gesellschaft nicht auskommen. Steigen wir lieber offensiv aus dem Spiel mit der Oberflächlichkeit aus und setzen wir ihm etwas anderes entgegen. Zum Beispiel Selbstironie und Souveränität. Das ist auch deutlich günstiger.

Wunschgeschlecht?

Heute geisterte ein Text über die sozialen Medien, der einiges an Aufsehen erregte. Da hatte eine werdene Mutter geschrieben, wie entäuscht sie war, als sie erfuhr, dass ihr zweites Kind ein Junge werden würde und nicht – wie erhofft – ein Mädchen. Die Mutter äußerte sich sehr negativ über das “Outing” und schrieb, sie empfände jetzt gar keine Freude mehr auf ihr Baby und frage sich, ob sie es so lieben würde können wie ihre Tochter. Gleichzeitig war ihr sehr bewusst, wie problematisch diese Gefühle waren. Sie reflektierte das genau.

Dann erschien ein 2. Text auf einem Mama-Blog, wo quasi über die Worte und Gefühle dieser ersten Mutter gerichtet wurde. Wie könne das sein, sowas über sein Kind zu schreiben und sie solle doch froh sein, dass sie ein gesundes Kind erwartet, andere haben das Glück nicht und sowieso und überhaupt, was, wenn das Kind später mal diesen Text lesen würde, es war insgesamt sehr wertend.

Es ist nicht so, dass mich Text 1 nicht auch irgendwie betroffen gemacht hatte, durch seine drastische Wortwahl. Ich hab mir selber nie einen Buben oder ein Mädchen gewünscht, ich hatte da keine Präferenz. Ich war – schon lange bevor ich schwanger wurde – sehr sicher, dass ich einen Buben bekommen würde, aus der Familienkonstellation (sehr viele männliche Nachkommen) heraus. Insofern fühlte ich mich eigentlich nur bestätigt, als die Ärztin in der 18. Woche auf einen Jungen tippte. Vielleicht hätte ich ein paar Momente gebraucht, mich darauf einzustellen, wenn sie gesagt hätte, es wäre ein Mädchen. Aber letztendlich denke ich bei den meisten Dingen im Leben, auf die man eigentlich keinen Einfluss hat, dass ich sie so nehmen will, wie sie kommen, ich bin damit immer gut gefahren. Selbst wenn es möglich wäre, sich das Geschlecht des Kindes frei zu wählen, würde ich davon nicht Gebrauch machen wollen.

Anyway: ich kenne im echten Leben einige, die sich das jeweils andere Geschlecht für ihr Kind gewünscht und teilweise auch ihre Enttäuschung artikuliert haben haben, und alle diese Mütter (und auch Väter) sind wunderbare Eltern geworden. Nach der Geburt ist es, meiner Beobachtung nach, unerheblich, ob man das “richtige Geschlecht” bekommen hat oder nicht. Das Leben mit einem Neugeborenen bietet soviele Herausforderungen, dass das Thema sowieso bald in den Hintergrund rückt. Und letztlich liebt man sein Kind so wie es ist, das schließt natürlich auch das Geschlecht mit ein. Natürlich mag es Ausnahmen geben, aber nur aufgrund eines einzelnen Blogposts einer Frau, deren Kind noch nicht mal geboren ist, Zeter und Mordio zu schreiten, erscheint mir stark übertrieben.

Ich finde es schade, dass hier bei manchen der Reflex einsetzt, die ehrliche Schilderung einer Schwangeren so abzukanzeln. Ja, vielleicht hatte man diese Gefühle selbst nicht und kann sie auch nicht nachvollziehen, aber ich behaupte mal, jeder hatte schon mal Gefühle, für die er sich geschämt hat, die ihm falsch erschienen, die vielleicht objektiv auch falsch oder ungehörig waren. Und dennoch waren diese Gefühle da. Wir sind alle Menschen und wir machen Fehler. Wir sind nicht auf alles stolz, was wir tun und denken. Im Idealfall reflektieren wir unser Verhalten und lernen dazu. Und deshalb finde ich es schade, Fronten zu errichten, als einfach mehr zu akzeptieren, was nicht bedeutet, dass man alles verstehen oder gutheißen muss.

Modern Jazzdance. Progress

Mittlerweile haben wir drei Jazztanz/Modern Stunden hinter uns und es ist doch schon viel besser geworden.

Zwar merkt man das nicht unbedingt, wenn wir den Saal verlassen – gestern sagte der Chef des Studios zu uns, als wir an ihm vorbeigingen: “Alles in Ordnung?” und es ist auch einigermaßen fies, wenn man nach dem Training mehrere Stockwerke über eine Treppe zur Ubahn geht, aber während der Stunde läuft es deutlich besser. Gestern hatte ich nur einmal das Gefühl, dass ich keine Luft mehr kriege, und ich weiß nun wieder, wo meine Stärken liegen und wo meine Schwächen.

Drehungen kann ich nicht so gut. Das heißt, ich bin zu langsam, wenn da direkt nachher irgendwas anderes dran getanzt wird. Bei den Choreografien belaste ich meistens das richtige Bein. Das ist eigentlich fast das wichtigste, bei Choreografien, dass man am richtigen Bein steht, um korrekt weitermachen zu können. Harhar. Hab mich heute mit einer Freundin und Ballettkollegin/selbst Trainerin unterhalten, die meinte, der Vorteil, den wir haben ist, dass wir die richtige Körperspannung und Haltung schon als Kinder gelernt haben. Das braucht man nicht nur fürs klassische Ballett, sondern ist auch für andere Tanzstile hilfreich.

Die Älteste bin ich aber immer noch. War schön letztens zu beobachten, als wir so eine leicht spirtuelle Choreografie getanz haben, mit “betenden Händen” am Anfang und dabei intonierte unser Trainer einmal spaßeshalber: “Life is a mystery, everyone must stand alone…” und ich war die Einzige, die gelacht hat. Weil ich noch den riesigen Skandal um diesen Song in der Unterstufe des Gymnasiums miterlebt habe.

 

Modern Jazzdance. Again

Ich kann mich nicht mehr bewegen.

Ich habe gestern – nach ungefähr 20 Jahren Pausen – einen Jazz/Modern Tanzkurs besucht, wo ich ungefähr die Älteste war. Es war sauanstrengend, komplett über meinem Niveau, vor allem von der Geschwindigkeit her, aber auch total lustig und toll. Ich hab früher wirklich gerne getanzt und habe ja eigentlich eine klassische Ballettausbildung auch (Talent war mittelmäßig), aber in den letzten Jahren einfach keine Zeit mehr dafür gehabt.

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Es war jedenfalls gut, dass ich im Jahre Schnee mal Ballett gemacht haben, denn das wurde eigentlich vorausgesetzt und auch, dass man schon mal Tanz-Choreografien gelernt hat. Denn der Trainer war ziemlich schnell, die Erklärungen waren kurz und knackig. Passen musste ich allerdings, als er einen Spagat machte. Da hab ich nur gelacht und er verstand mein Dilemma. Harhar. Ich war aber nicht die Einzige, die da w.o geben musste – obwohl ich mal doch halbwegs ordentlich einen Spagat hingekriegt habe, aber wie gesagt, im Jahre Schnee.

Eigentlich glaube ich, dass ich für diesen Kurs zu alt und eingerostet bin, und auch gestern viel zuviel geschwitzt habe. Man muss dann wöchentlich den Schweinehund überwinden und von Transdanubia bei in den nächsten Wochen sicher schon völliger Dunkelheit aufs “Festland” fahren. Allerdings wars wirklich schön und herausfordernd und lustig das mit einer Freundin zu besuchen, plus: ich habe anschließend geschlafen wie ein Stein und tanze heute dauernd die Cheoreografie nach.

Also: Challenge accepted.

Kind ja oder nein?

Diese Woche las ich auf Edition F den Artikel Warum ich mich nicht entscheiden kann, ob ich ein Baby will.

Die Autorin stellt spannende und durchaus auch sehr zutreffende Fragen, wie ich finde. Anscheinend hat sie ein recht gutes Gespür dafür, was sich mit Baby ändert, im eigenen Leben. Sie bezeichnet ein Kind zu bekommen als Nullsummenspiel – dh die Vorteile und Nachteile halten sich in etwa die Waage. Nachdem sie Antworten von Frauen möchte, die bereits Kinder haben, hier kommt meine.

Bei dem Artikel musste ich spontan an den Film Kramer gegen Kramer denken: Dustin Hoffman wird von seiner Frau verlassen und bleibt mit seinem kleinen Sohn alleine. Er ist plötzlich alleinerziehender Vater und das macht ihm, dem bisher die Karriere am wichtigsten war, ganz schön zu schaffen. Eines Abends, nach einem besonders anstrengenden Tag, macht er sich eine Liste mit den Vorteilen und Nachteilen des Elternseins. Bei der Nachteile Liste stehen viele Punkte wie keine Zeit mehr für Hobbys und gesellschafliches Leben, die Arbeit kommt zu kurz, zuwenig Schlaf, Chaos usw. Auf der Seite der Vorteile steht: nichts. Schnitt, nächste Szene: Hoffmann sitzt am Bett seine Sohnes und hält ihn im Arm.

Das sagt eigentlich alles aus. Ich halte nix davon, der Autorin nun zu versichern, es würde alles nicht so schlimm werden, und es wird sicher Menschen geben, die sie entlasten werden. Das kann niemand versprechen und darauf sollte man nicht bauen. Kinder haben ist ein Commitment mit der Ungewissheit. Das ist der Deal dabei. Was genau auf einen zukommt, kann nicht vorausgesagt werden. Das kann zermürbend sein, wie Julia von Sinn.Im.Puls, deren Blog ich kürzlich kennengelernt habe, richtig schreibt. Das Leben mit Kind unterscheidet sich elementar von der Zeit zuvor, wo man zwar durchaus auch stressige Phasen zb. im Job hatte, aber ungefähr wusste, wie lange die dauern und mehr Einfluss nehmen konnte. Und auch Erholungsphasen planen konnte. Bei Kindern weiß man das nicht, oder wie Julia schreibt: “Schreien in der Nacht? Geht das jetzt noch 2 Monate oder 2 Jahre? Stress beim in den Kindergarten gehen? 6 Monate oder 4 Jahre?” Da bleibt nur ein Motto: Go with the flow.

Ist das immer einfach, zufriedenstellend, angenehm? Wird man immer Zeit haben, sich genügend um sich selbst, seine Hobbys und seine Partnerschaft zu kümmern? Eher nicht, sorry. Tatsächlich gibt es für mich nur einen Grund ein Kind zu bekommen, und das ist der Wunsch danach. Nur wenn man diesen Wunsch hat, ist man wohl bereit, die Kontrolle abzugeben und diese Ungewissheit, die auf einen zukommt, anzunehmen.

Denn das Leben ist defintiv nicht mehr so wie vorher und das ist auch gut so. Aber eben nur, wenn man es so will.

Jeremy, who?

Nun gut, die gerade sehr populäre Schauspielerin Jennifer Lawrence fordert gleichen Lohn von Männern und Frauen, auch in Hollywood. Fair enough, immerhin wurde sie für ihre Rolle in American Hustle wesentlich schlechter bezahlt als beispielsweise Jeremy Renner, der in diesem Film eine der männlichen Nebenrollen spielte.

Jetzt argumentieren Menschen in Social Media Netzwerken damit, dass J. Law sich ja wohl nicht beschweren bräuchte, immerhin sei sie ja ohnehin super bezahlt und reich. Und das gilt nur für Frauen? Wenn Frauen mehr Geld wollen, kommen die Argumente, alle Schauspieler seien so und so überbezahlt? Das mag sein, tut aber hier nichts zur Sache, denn es geht ja um gleiche Bezahlung bei ähnlicher Leistung und nicht darum, ob die Gehälter prinzipiell angemessen sind. Und nur weil J. Law an und für sich gut bezahlt ist, darf sie sich dafür nicht einsetzen? Wenn nicht sie als eine der populärsten Schauspielerinnen im Hollywood dieser Tage, wer denn dann? Irgendeine Statistin, deren Namen niemand kennt, wird wohl kein Gehör erhalten.

Jedenfalls tat ihr Co-Star Bradley Cooper das einzig richtige, was man hier tun kann, er unterstütze ihre Forderung. Während ihr andere Co-Star Jeremy Renner wissen ließ: “Not my job!” Womit er ja nicht unrecht hat. Es ist auch nicht Coopers Job, Gehälter zu verhandeln. Darum ginge es aber auch nicht wirklich. Es ginge darum als Mann ihre Forderung zu verstehen und das zum Ausdruck zu bringen. Niemand erwartet sich, dass Renner zu seinem Agenten geht, mit der Faust auf den Tisch haut und sich beschwert, warum er mehr Geld für seine Rolle als Jennifer Lawrence bekommen hat.

Eine Alternative wäre gewesen, sich an Ludwig Wittgenstein zu halten. Sonst werden es in Zukunft wohl einige dem Filmjournalisten Sam Adams nachmachen:

 

Aberland

Am Freitag Abend hatte ich überraschend kindfrei, Mann war auch unterwegs, da war ich zuerst leicht überfordert, hab mir dann aber meinen Kindle geschnappt und beschlossen, endlich Aberland von Gertraud Klemm zu lesen, den Roman, den ich mir schon vor einiger Zeit heruntergeladen hatte.

Aberland, bzw. das erste Kapitel davon, war beim Bachmannpreis 2014 gelesen und heiß diskutiert worden. Der Autorin war es gelungen, dafür den Publikumspreis zu gewinnen. Warum war Aberland so extrem umstritten? In Kapitel 1 (und das Thema zieht sich auch durch den Roman), geht es um die 35 jährige Franzisika, verheiratet, ein kleines Kind, und ihr persönlich Unglück. Denn Franzisika befindet sich in einem Leben, in das sie eigentlich so gar nicht führen will. Sie arbeitet mehr schlecht als recht an ihrer Dissertation und würde sich dann gerne beruflich verwirklichen, aber ihr Mann Tom will unbedingt noch ein zweites Kind, was sie sich gar nicht vorstellen kann, da sie – und da war Klemm der aktuellen #regrettingmotherhood Debatte um die Nasenlänge voraus – die Mutterschaft und alles, was damit zusammenhängt hasst. Sie hasst nicht ihren kleinen Sohn Manuel, aber alles, was mit Kleinkinderziehung/Betreuung und Pflichten (auch von außen vorgegeben) zu tun hat.

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Der Text ist – zugegebenermaßen – bitter und stellenweise sehr hart formuliert. Bei #Regrettingmotherhood wurde vor kurzem gemeint, dass Mütter manchmal noch nicht mal vor sich selbst zugeben können, dass sie ihre Mutterrolle verabscheuen. Das gilt nicht für Franzisika, sie nimmt sich kein Blatt vor dem Mund und betreibt alles andere als Selbstzensur. Was Juror Burkhard Spinnen im Sommer auch sehr missfiel. Er verstand nicht, welches Problem Franzisika denn eigentlich hätte? Ihr Kind wäre gesund und munter, ja vielleicht etwas lebhaft und laut, aber mein Gott, das wäre doch alles normal! Warum darüber klagen und einen langen Text schreiben?

Das fand wiederum ich befremdlich, denn wenn wir so denken, können wir Literatur gleich abschaffen. Denn mit vielen Dingen, die Autoren schreiben, müsste man sich nicht auseinandersetzen, man könnte sie einfach vom Tisch wischen, wie Spinnen dieses ungeliebte und ihm unangenehme Thema. Wenn ein Depressiver etwa über seine Gefühle schreibt, kann man genauso sagen: “Hey reiß dich mal zusammen, du hast doch gar keinen Grund, traurig zu sein.” Daniela Strigl hat sehr passend auf Spinnen geantwortet: “Könnte es nicht sein, dass wir es nicht aushalten, wenn ein derartig düsteres Welt- und Lebensbild von einer souveränen Position aus, die weiblich ist, zur Sprache gebracht wird?” Ja, so ist es, denke ich und das ist auch das, was wir bei #regrettingmotherhood erleben. Jeder Ansatz davon, Mutterschaft nicht mehr zu verklären, wird von vielen panisch abgewehrt.

Aberland jedenfalls ist das Buch einer Autorin, die wahnsinnig präzise beobachtet und formuliert und es schafft, die Gefühlslage der Protagnostin richtiggehend fühlbar zu machen:

“Und gerade als Manuel ein bisschen robuster war, als er endlich mit dem Schreien aufhörte, als er ordentlich trinken konnte und ihr dabei in die Augen sah, als die Liebe über das schiere Gewährleisten des Überlebens hinauszugehen schien, spuckte er die Brust aus, drehte den Kopf weg und begann sich rückwärts schiebend die Welt untertan zu machen, immer weg von Mama.”

Aberland ist aber nicht nur die Geschichte dieser Tochter, sondern auch ihrer Mutter, die ihr Leben lang das getan hat, was Franziska nicht will: nur für ihre Familie da zu sein, keinen Beruf, keine Hobbys, keine Affäre – wie sie selbst sagt: trotz Gelegenheit. Irgendwann waren die Kinder weg, die Enkel kommen spärlich und selten zu Besuch, und jetzt hat sie einen Mann zuhause, der in Pension ist, und sie hat keine Ahnung, was sie mit dem Rest ihres Lebens (sie ist erst 58) noch anfangen soll. Ihre eigene Mutter ist Franzisika, wenn man so will, eine lebendige Warnung davor, wie ihr Leben verlaufen kann. Zuerst soll die Mutter immer da und verfügbar sein, sich selbst nicht so wichtig nehmen, doch dann, wenn die Kinder erwachsen sind, dann soll sie bitteschön schnell loslassen und sich unsichtbar machen.

Aberland ist keine Erbauungsliteratur. Der Roman ist schon starker Tobak, aber eben auch gnadenlos ehrlich, aus der Sicht seiner Protagonisten. Und er beleuchtet die andere Seite der Mutterschaft, die Herausforderung, trotz Kindern auch ein eigenständiger Mensch zu bleiben. Und erzählt von der schwierigen Balance, die es für jede Mutter zu finden gilt. Täglich.

Tag 22

Tag 22 – Welcher Film enthält deine Lieblingsszene?

Tja, da lande ich dann schon wieder bei Lost in Translation. Ich liebe die Szene, in der Karaokebar. Diese Szene ist eigentlich recht unscheinbar. Eigentlich.

Charlotte (mit rosa Perücke) und Bob sind also in Tokio in dieser Bar, inmitten von Japanern. Bob verausgabt sich zunächst Peace, Love and Understanding von Nick Lowe, danach performt Charlotte tanzend Brass in Pocket von den Pretenders mit den Zeilen “I am special, so special, i gotta have some of your attention”, Bob lächelt sich an und singt teilweise mit. Dann großer Auftritt von Bob. Er soll More than this von Roxy Music interpretieren, einen Song, der zum einen nicht gerade einfach zu singen ist, zum anderen sich auch sehr passend für die Situation der beiden interpretieren lässt.

Bob sieht beim Chrous “More than this, you know there is nothing, more than this, tell me one thing, more than this” immer wieder zu Charlotte hinüber, als wollte er ihr zwischen den Zeilen etwas sagen. Charlotte lächelt zuerst, wird daraufhin ernst, später etwas verlegen. More than this könnte hier interpretiert werden, als das, was zwischen ihnen ist, mehr geht nicht. Zumindest in genau diesem Moment. Es ist etwas anderes als Flirten, was Bob und Charlotte hier tun, etwas tieferes, etwas viel verbindlicheres. Das man schwer beschreiben oder definieren kann. Aber man spürt den Gleichklang der beiden in diesem Augenblick ganz deutlich. Das Szene hat aber auch eine gewisse sexuelle Komponente, weil Charlotte und Bob anschließend im Nebenraum der Bar sitzen und gemeinsam eine Zigarette rauchen.

Sie ist jedenfalls für mich einfach so schön, weil so vielschichtig, sinnlich und stimmungsvoll. Bild, Musik und Darstellung sind eine Einheit.

Motherhood revisted

Stadt Land Mama – vom urban-suburban Mommy Talk Blog – haben kürzlich auf Facebook die Frage an ihre Leserinnen aufgeworfen, ob sie denn die Mama geworden sind, die sie ursprünglich werden wollten.

Eine nur scheinbar einfache Frage. Bevor ich ein Kind hatte, hatte ich von mir als Mutter ein idealtypisches Bild. In diesem Bild litt ich nie unter Schlafmangel, war immer gut gelaunt, hatte Geduld und Energie für Beschäftigung mit dem Kind ohne Ende, und ich lebte nebenbei mein Leben so weiter wie gewohnt. In 24 Stunden pro Tag. Ja, ich war immer schon schlecht in Mathematik.

Tatsächlich ist ein Kind die wahrscheinlich größte Herausforderung meines Lebens. Jetzt mal abgesehen von den Umständen seiner Geburt, wo mir ein naher Verwandter sagte, dass ich diesen Kind umso mehr lieben werde, weil es so ein Kampf ist, es zu behalten. Ich kann natürlich nicht mit einem Parallel-Leben vergleichen, in dem alles anders gekommen wäre, aber das, was wir sind, hat natürlich auch diese Erfahrung aus uns gemacht. Ich sehe es als Privileg an, ein gesundes Kind zu haben.

Jedenfalls ist mein Sohn ganz anders als ich. Er ist sehr sozial, aufgeschlossen, offen, sehr lebhaft und aktiv und vor allem kommunikativ. Seine Betriebstemperatur ist sehr viel höher als meine. Das ist körperlich für mich oft anstrengend. Manchmal strengt es mich auch an, dass er soviel Gespräch braucht, weil ich problemlos viele Stunden hintereinander nichts reden müsste. Ich komme an Grenzen, die ich nicht kannte und nicht erwartet hatte. Denn Ausruhen vom Mama-sein kann man nicht.

Das Muttersein nimmt ingesamt viel mehr Raum ein, als ich das vorher vermutet hatte. Er ist immer in meinen Gedanken, auch dann, wenn er nicht bei mir ist. Es erscheinen immer neue Vorstellungen davon, was ich tun muss, um eine gute Mama zu sein, was er braucht, was ihm guttut. Es ist eine permanente Reflexion und ein tägliches Dazulernen. Für ihn und für mich. Wann muss man die Zügel anziehen, wann lockerlassen. Es ist spannend und bunt und unerwartet. Und es ist mit sehr vielen Sorgen und Verdrängung von Ängsten verbunden.

Aber ich drücke mich ein bisschen um die Beantwortung der eigentlichen Frage, bin ich die Mutter, die ich sein wollte? Ich denke, hier spielen natürlich viele Erfahrungen aus der eigenen Kindheit hinein. Ich will eine Mama sein, die da ist, präsent ist. Ich will ein Fels in der Brandung sein und ein Rückhalt. Ich will mein Kind so nehmen wie es ist, ich will seine Vorstellungen und Gefühle nicht abwerten, ich will, dass es sich immer geliebt, gewünscht und geborgen fühlt. Und diese Dinge sind mir, so hoffe ich – trotzdem ich manchmal zu ungeduldig, viel zu müde, zu energielos und manchmal auch zu motzig bin – doch gelungen.

Aufschrei

Ok, an diesem Thema kam vorige Woche keiner vorbei: die Affäre Brüderle und ihre Aufdeckung (darüber kann man unterschiedlicher Meinung sein) und der Twitter Hashtag #Aufschrei (darüber kann man, m.E. nicht unterschiedlicher Meinung sein).

Unter #Aufschrei twittern seit Tagen Tausende von Frauen, mitunter auch Männer, über sexuelle Übergriffe und Sexismus in den Büros, auf der Straße, in Lokalen, überall. Das ist gut und wichtig, denn es rückt dieses für Frauen tatsächlich oft sehr präsente Thema in den Vordergrund des Interesses. Obwohl ich nichts dazu getwittert habe, hätte es einiges gegeben, was ich schreiben hätte können. Anzügliche Bemerkungen. Wie auch Übergriffe körperlicher Art. Auf der Straße. Am hellichten Tag.

Mit Kind an der Hand nehmen solche Dinge ab. Aber wenn ich abends mal später alleine nachhause komme (kommt zugegebenermaßen nicht sehr oft vor), dann sehe ich mir schon im Bus die Menschen an, die mit mir fahren und ich laufe meistens von der Bushaltestelle bis zu unserer Haustür, das Handy und den Schlüssel griffbereit. Ich komme mir dabei durchaus verschroben vor und es ist irgendwie auch unwürdig, aber wohl fühle ich mich bei Dunkelheit alleine nicht und ich verbringe nicht mehr Zeit nachts draußen alleine, als das unbedingt sein muss.

Nun wurde dieses Thema bei Günter Jauch in der ARD am Sonntag diskutiert und teilweise wurde da wirklich abenteuerliche Meinungen vertreten. Zum Beispiel von Wibke Bruhns, der ersten deutschen Fernsehsprecherin, die zum Thema sexuelle Übergriffe nur sagt, Frauen sollen sich wehren, wo sei denn hier das Problem, wir sind doch keine Opfer. Worauf die Politikerin Silvana Koch-Mehrin richtigerweise anmerkte, dass es in einer gleichberechtigen Gesellschaft doch nicht darum gehen sollte, sich gegen Männer wehren zu müssen, das sollte nicht mehr unsere Realität sein.

Und hier sind wir dann auch wieder beim Hashtag #weilsimmersowar. Weil “die Männer” eben immer so waren und sind und sein müssen. Was ja erstmal eine absolut unzulässige grobe Verallgemeinerung ist. Nicht DIE Männer sind so, manche Männer sind so. Und sie müssen durchaus nicht so bleiben, nur weil derartige Machtdemonstrationen von Männern gegenüber Frauen irgendwann mal zeitgeistig war. Ich teile da übrigens die Meinung mancher Twitter User, dass den meisten Männern bewusst ist, wenn sie eine Grenzüberschreitung begehen. Das passiert nicht einfach so, ups, jetzt habe ich mich danebenbenommen, jetzt ist mir ein Übergriff passiert, zumindest nicht ab einem gewissen Intelligenzquotienten.

Frau Bruhns sieht das anders. Männer und Frauen sind unterschiedliche Spezies. Und bei ihr klingt das so, als wäre das wie bei den zwei Königskinder, die nicht zueinander kommen können. Das ist ein sehr bedenkliches und trauriges Bild. Wenn ich daran denke, wie muffig das Wien meiner Kinderheit war, wie eigenartig ich manche Beziehungen von Ehepaaren damals fand und die Beziehungen zu ihren Kindern, wie unfrei ich Menschen damals fand… The times they are changing. And people do too.