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The Irishman

Ehrlicherweise muss ich sagen, ich hätte mir den neuen Scorsese The Irishman im Kino wohl nicht angesehen.

Ich bin (Sakrileg!) kein besonders großer Scorsese Fan. Mein Lieblingsfilm von ihm ist The Departed und das war bezeichnenderweise ein Remake (von Internal Affairs). Ich finde seine Filme immer zu lang und er geht mit seinen Figuren äußerst distanziert um, das ist irgendwie nicht meine Welt. Zu The Irishman hab ich auf Twitter gelesen, dass die ersten 90 Minuten etwas zäh sind, wo ich mir dann gedacht habe, dass andere Filme da schon zuende sind. Na ja, aber nachdem The Irishman auf Netflix läuft und gute Oscar Chancen hat, hab ich ihm also eine Chance gegeben.

Worum geht es also? Um Frank Sheeran (Robert de Niro) – irischstämmig, siehe Filmtitel – ursprünglich Lastwagenfahrer, der aufgrund von Fleischlieferungen an die Mafia immer wieder mit der “Familie” zu tun hat, bis er irgendwann selbst Teil davon wird. Im Zuge dessen wird Frank zum Leibwächter des berühmten Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa (Al Pacino) und hat ein Vereinbarkeitsproblem der anderen Art – er muss seinen neuen Job mit seiner wirklichen Familie, vor allem seinen Töchtern vereinbaren, die mit zunehmendem Alter immer weniger Verständnis dafür aufbringen können. Und auch sonst läuft alles nicht ganz rund…

In einer der eigentlich zwei Rahmenhandlungen sitzt de Niro im Rollstuhl in einem Altersheim und es könnte deprimierender nicht sein. Warum Scorsese sich entschlossen hat, gerade die Anfangsszene mit dem Song In the still of the Night zu unterlegen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Die schlüssigste Erklärung ist wohl die, dass Scorsese niemals Dirty Dancing gesehen hat, und daher offensichtlich nicht weiß, dass jeder diesen Song mit der ersten gemeinsamen Nacht von Johnny und “Baby” verbindet. Ihn an dieser Stelle wiederzuhören ist doch mehr als befremdlich, um es mal vorsichtig auszudrücken.

The Irishman ist, wenn man so will, naturalistischer als frühere Scorsese Werke. Die Mafia hat ganz und gar ihre Coolness verloren, die Brutalität und Gewalt passiert auf nonchalente Weise. Da gibt es nicht endlose Action und perfekt durchchoreografierte Gewaltszenen, sondern da wird die Pistole angesetzt, zweimal abgedrückt und das wars dann. Was ist die Triebfeder der Männer, auf diesen Weg eingebogen zu sein? Ist es wirklich nur Geld, ist das eine Art von Geborgenheit, die sie innerhalb der Organisation spüren, ist es resignative Ausweglosigkeit? Ich weiß es nicht und auch der Film schafft es für mich nicht, diese Frage zu beantworten. Hier wird abgebildet, nicht großartig analysiert, es geht Scorsese mehr um Atmosphäre als um ein Blicken hinter die Fassade.

The Irishman ist natürlich ein guter Film. Scorsese versteht sein Handwerk ebenso wie seine hochkarätigen Schauspieler. Aber die drei Stunden und nochwas bringen mich in diese typisch resignative Stimmung, in die ich mit Scorsese Filmen oft gelange. Und das ist nichts, was ich in einem Film suche und das war noch nie anders.

Parasite

Mit Parasite – seinem neuen Film, nach cineastischen Geheimtipps wie Snowpiercer und Okja – hat Regisseur Bong Joon Ho als erster Koreaner die goldene Palme in Cannes gewonnen. Er nimmt sich mit Parasite eines sehr schweren Themas an, nämlich den Klassenunterschieden in seiner Heimat und macht daraus einen anspruchsvollen Arthouse-Film, der sich als Popcorn-Movie verkleidet. Und das ist auch ein Leitmotiv von Parasite selbst: Tarnen und Täuschen.

Doch worum geht es? Parasite stellt die arme Familie Park, die in einer schäbigen Soutterain Wohnung in einer slumartigen Wohngegend lebt der reichen Familie Park gegenüber, die in einer großzügigen, von einem Stararchitekten gebauten Villa residiert; beides sind vierköpfige Familien, aber das ist auch schon die einzige Parallele. Während die arbeitslosen Kims am Existenzminimum leben, schwelgen die Parks im materiellen Wohlstand, inklusive Personal. Aufgrund einer Fügung beginnt der Sohn der Kims als Nachhilfelehrer bei den Parks zu arbeiten und schafft es nach und nach, seine ganze Familie als Dienstboten in der Park’schen Villa zu beschäftigen. Doch das ist erst der Anfang der Geschichte…

Sehr viel kann man vom Plot nicht erzählen, ohne dem Zuseher die Spannung zu rauben. Die Figurenzeichnung ist nicht schwarz/weiß, wie man ob des Themas vielleicht befürchten könnte. Vater Kim sagt über die Parks: “Sie sind reich, aber freundlich.” Worauf seine Frau entgegnet: “Sie sind freundlich, weil sie reich sind.” Vater Park hingegen sagt zu seiner Frau, er schätzt es, wenn das Personal eine gewisse Grenze nicht überschreitet und gleich darauf sieht man ihn mit seinem Chaffeur – Vater Kim – im Auto fahren, der ihn fragt, ob er seine Frau liebt. Und als Zuschauer spürt man deutlich, dass Kim sich damit sehr nah an dieser angesprochenen Grenze bewegt, ja quasi auf ihr balanciert. Das gibt dem Filmbeginn, der mit hohem Tempo und äußerst unterhaltsam erzählt ist, einen gewissen Unterton, den man nicht gleich deuten kann.

Ästhetik und Inszenierung spielt eine bedeutene Rolle in Parasite. Da wird ein simples Indianerzelt (aus den USA, wie betont wird) zu einer Art Kunstinstallation, ja sogar ein Plastik-Einweghandschuh, also etwas banal-funktionales- zu einem fast entrückten Objekt. Parasite spielt gern mit Licht und Schatten nicht nur im übertragenen Sinn. Durch die Glasfront der hippen Villa scheint immer die Sonne – und selbst wenn es einmal stark regnet, wirkt es so, als würde der Regen dem Anwesen noch mehr Style und Flair geben. Während heftiger Regen im Slum etwas völlig anderes ist: ein Unheilbringer, eine Gefahr für das wenige Hab und Gut der dort lebenden Familien, ein Verstärker der schlechten hygienischen Verhältnisse.

In ein bestimmtes Genre einordnen lässt sich Parasite nicht und das umso weniger, je länger der Film läuft. Erwartungen werden unterlaufen, so scheint es mir, mit großem Genuss. Selten ist ein Film so unvorsehbar wie dieser, was per se natürlich noch kein Qualitätskriterium sein muss. Aber es spricht für Originalität, Dinge geschehen zu lassen, die man in diesem Moment einfach so nicht erwartet hat. So entzieht sich Parasite auch in dieser Beziehung den herkömmlichen Deutungsmustern und wirkt noch weit über das Filmende hinaus nach.

Parasite wird in der nun startenden Award-Season wahrscheinlich eine nicht ganz unwesentliche Rolle spiele und das zurecht. Im Votivkino läuft der Film übrigens koreanisch mit deutschen Untertiteln. Hier der Trailer:

Marriage Story

Seit Wochen freue ich mich auf den neuen Film von Noah Baumbach Marriage Story, der leider erst Ende November in die Kinos kommt, bevor er auf Netflix zu sehen ist.

Auf der Viennale gab es drei Vorstellungen, aber ich wusste nicht, wann ich Zeit habe und habe daher nicht rechtzeitig Karten bestellt. Und dann, als ich wusste, wann ich Zeit habe, war alles ausverkauft. Aber thank god, es gibt eine Viennale Tickettauschbörse auf Facebook. Und obwohl ich nichts zu tauschen hatte, hatte ich einfach Glück, genau 5 Sekunden, nachdem jemand zwei Karten zu verkaufen hatte, zu antworten. Und somit diese Karten zu meinen zu machen.

In Marriage Story geht es um das Künstlerehepaar Nicole (Scarlett Johansson) und Charlie (Adam Driver), die in New York leben und arbeiten, sowie einen achtjährigen Sohn, Henry, haben. Die Ehe ist schon lange nicht mehr glücklich, aber Charlie will es “aussitzen”. Die treibende Kraft für die Scheidung ist Nicole, die das Gefühl hat, ihre Eigenständigkeit für Charlie aufgegeben zu haben und außerdem zurück nach Los Angeles, zu ihrer Familie, ziehen will, was für Charlie immer ein no go war. Beide wollen sich in Frieden trennen, doch nachdem Anwälte (herrlich: Laura Dern und Ray Liotta) eingeschaltet werden, scheint dieses Ziel in weite Ferne zu rücken.

Es gibt viele Dinge, die an Marriage Story faszinieren. Zum einen: es gibt hier keine Schuldigen. Weder Nicole noch Charlie sind dafür verantwortlich, dass diese Ehe nicht (mehr) funktioniert. Beide sind vernünftigte, durchaus sympathische und mitfühlende Menschen. Keiner der beiden ist ein egostisches Arschloch. Trotzdem passen ihre Vorstellungen eines Tages nicht mehr zusammen. Sowas kommt vor, sowas gibt es, und man muss sich deswegen nicht zwangsläufig anschreien und schlagen und hassen, wenn das passiert. Man kann Freunde bleiben, was aber nicht heißt, dass das immer einfach ist. Und, dass es einem nicht trotzdem das Herz zerreißt, gerade wenn ein Kind im Spiel ist, das beide lieben, das in beider Leben auch die Hauptrolle spielt.

Am Anfang des Filmes hört man Nicoles positive Gedanken zu Charlie – und vice versa – eine Aufgabe innerhalb der Ehemediation. Es sind große Dinge und scheinbar Alltägliches, Talente und Schrullen gleichermaßen, die sie mit dem anderen verbinden. Beide haben eine ganze Menge positive Gedanken zum anderen, sowas ist nicht weggewischt im Moment einer Trennung. Der Film schafft es auch sehr schön, die Charaktereigenschaften, die sie am anderen bewundern dann auch im Laufe der Handlung zu “zeigen”, man muss nur aufmerksam genug sein, es ist teilweise sehr subtil. Aber etwas, was den Film so authentisch und wahrhaftig macht, meiner Meinung nach.

Die schauspielerischen Leistungen sind hervorragend, hier sind wirklich viele Oscar Nominierungen drinnen, sowohl in den Haupt-wie auch Nebenrollenkategroien, denn jeder Einzelne hier ist auf dem richtigen Platz. Driver und Johansson sowieso, aber auch die Anwälte, die hinzugezogen werden. Beide eigentlich nahe an einer Karikatur: auf der einen Seite die überkandidelte feministische, female empowerment- West Coast Anwältin, auf der anderen Seite der von sich selbst sehr eingenommene Macho-Verteidiger, der gefühlt schon alles an menschlichen Abgründen gesehen hat, und dabei selbst ein kleiner Strizzi ist; und dennoch glaubt man beiden jedes Wort und auch hier fällt es schwer, wirklich Antipathien zu entwickeln.

Wie Marriage Story ausgeht, werde ich natürlich nicht verraten. Es sei nur gesagt, dass es eine Kunst ist, bei so einem schwierigen und schmerzvollen Thema nicht auf die Tränedrüse zu drücken und dabei aber doch alles andere als einen nüchtern-sachlichen Film gedreht zu haben. Anschauen, ab 22. November im Kino und etwas später auf Netflix. Hier der Trailer:


3 Männer und ein Baby, revisited

Gestern bin ich zufällig abends auf Drei Männer und ein Baby gestoßen, im free tv. Und irgendwie hatte ich Lust, mir diesen Film, den ich erstmals ziemlich zeitnah an seinem Entstehen, 1985 gesehen habe, nochmal anzuschauen. Es ist ja ein Unterschied, ob man als Teenager einen Film sieht oder mit 40 plus.

Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass ich den Film damals gut, aber doch relativ übertrieben empfunden haben. Was da drei Männer soviele Schwierigkeiten mit einem (!) Kind haben können, das konnte ich gar nicht nachvollziehen. Oh wie anders hab ich mich gefühlt, als ich den Film jetzt gesehen habe. Obwohl nicht alle Aspekte des Filmes vorteilhaft gealtert sind (darauf komme ich noch zu sprechen), ist die Überforderung um die Obsorge eines kleinen, hilflosen Menschen an vielen Punkten sehr wahr.

Zunächst mal die Überforderung: was brauche ich alles für ein Baby und was genau. Der Kauf von Fläschen und Schnuller und Windeln ist eine Wissenschaft für sich. Es klingt so trivial, in Wahrheit wird man aber von Informationen und dem Abwägen von Für und Wider tatsächlich erschlagen. Dann: dieser komplette Zeitmangel, wenn ein Baby im Haus ist. Die Männer trinken den Kaffee kalt, sie stopfen sich zwischendurch Baguettes rein, weil sie nicht zum kochen kommen, abends sitzen sie komplett ermüdend, bis halbschlafend am Tisch, wo das Baby fröhlich und ausgeruht sein Fläschen trinkt usw.

Dazu der Verlust an sozialen Kontakten: als die Männer dann endlich wieder mal ein Essen für ihre Freunde organisieren, können sie sich kaum auf die Gespräche konzentrieren, weil das Baby im Nebenraum zu weinen beginnt, weil es zahnt. Der Culture Clash: Eltern versus Kinderlose, Zitat: “Wir haben unseren Freundeskreis verloren, als Marie zahnte.” Das ist natürlich eine Spur überzeichnet, aber das Gefühl, dass einem das Leben entgleitet, das kennen wohl viele Eltern in den ersten Lebensmonaten ihres Kindes. Und schließlich, Zitat: “Ich habe seit vier Monaten nicht mehr gebumst! Seit VIER MONATEN!!” Ja, in den 80zigern hat man das noch so genannt.

Schön fand ich auch, wie sich die drei den Tag mit Kind einteilen: Der eine ist für die Frühschicht von 6 bis 10 Uhr zuständig, der nächste von 10 bis 18 Uhr (wegen Home Office), der dritte 18-22 Uhr. Und wer um Himmels Willen macht die Nachtschicht, wenn alle arbeiten gehen müssen? Als 08/15 Mum klopft man sich da ein bisschen auf die Schulter, wenn man das alles quasi im Alleingang geschafft hat, während sie zu dritt am Zahnfleisch gehen. Aber nochmal: DAS ist nicht der Punkt, an dem der Film unrealistisch ist.

Gar nicht nachvollziehbar – aber natürlich der Plot-Starter – ist es, dass die Mutter des Babys (eine Affäre eines der Männer in der WG) für sechs Monate in die USA geht und das Kind einfach vor der Tür mitsamt des Babykörbchens abstellt. Ohne zumindest anzuläuten, ohne abzuchecken, ob überhaupt jemand zuhause ist usw. Das ist nicht nur eine unverzeihliche Verletzung der Obsorgepflicht, ich kann mir überhaupt niemanden vorstellen, der das übers Herz brächte.

Die Frauen kommen generell relativ schlecht weg, in Drei Männer und ein Baby. Entweder sie sind verantwortungslos wie die Kindsmutter, oder nur auf ihren Vorteil bedacht, jedenfalls sind sie allesamt sehr eindimensional gezeichnet. Wobei man das auch als interessanten Ansatz verstehen könnte: die Frauen sind so emotional und auch faktisch abwesend wie Männer oft gezeichnet werden, während die Männer ihre weiche und verletzliche Seite entdecken.

Also: Der Film ist, trotz seiner Schwächen, immer noch gut. Am besten hat mir auch dreißig Jahre später das Zusammenspiel zwischen Pierre und Michele gefallen, die beiden hatten eine tolle Chemie miteinander und haben es verstanden, das Gefühlswirrwarr, in dem sie sich befinden, sehr nuanciert darzustellen.

Leid und Herrlichkeit

Ein Sommer, in dem ein neuer Almodovar Film herauskommt, ist ein guter Sommer. Ein Sommer, in dem ein neuer Jarmusch Film herauskommt, ist prinzipiell auch ein guter Sommer, es sei denn, der Film handelt von Zombies.

Ich kenne fast alles von Almodovar, ich mag ihn sehr gerne und seinen letzten Film, Julieta, hab ich als sein Meisterwerk bezeichnet. Weil er wirklich beeindruckend war, ohne die Folie von Komik. Dieser Folie, die in vielen Werken von Almodovar quasi über dem Ernst des Lebens liegt, um ihn zu entschärfen und zu sagen, alles nicht ganz so schlimm. Diese Folie hat Julieta gefehlt und sie fehlt auch in Leid und Herrlichkeit wieder, trotzdem ist dieser neue Film nicht ganz so schwer und bedrückend geworden, obwohl oder vielleicht weil er ja einigermaßen autobiografisch sein soll.

In Leid und Herrlichkeit lässt Almodovar die Mutter des Portagonisten, des erfolgreichen Regisseurs Salvador Mallo (Antonio Banderas) sagen, sie mag nicht, wenn seine Werke “autofiction” sind. Und während des Filmes fragt sich der Zuschauer wohl oft, was nun tatsächlich passiert ist, in Almodovars Leben. Salvador Mallo ist jedenfalls traurig, sehr trauig. Er ist voll von körperlichen Schmerzen (Kopf, Rücken, Hals, Beine). Er ist einsam, er ist uninspiert und wie gelähmt. Und er kann keine Filme mehr machen. Roger Ebert hat Fellinis 8 1/2 als “Best film about filmmaking” bezeichnet. Und zwar, weil seine Hauptfigur Guido unfähig ist, einen neuen Film zu drehen: “But Fellini manifestly is not.” So ist es bei Almodovar auch.

Natürlich kann man auch bei Leid und Herrlichkeit das Almodovar Bullshit-Bingo spielen. Gewisse Versatzstücke sind dabei, wie ein trauriges spanisches Lied, inbrünsig dargeboten, viele bunte Farben mit einer gewissen Neigung zu Kitsch, nackte Menschen, eine übermächtige Mutterfigur – doch so schablonenartig wie früher sind Almodovars Filme bei weitem nicht mehr. Nach einem eher artifiziell-distanzierten Beginn, wird man unmerklich immer tiefer die Gefühlswelt von Mallo gezogen, in seine Erinnerungen an seine Kindheit, die sich in seine Gegenwart mischen (seine junge Mutter wird von Penelope Cruz dargestellt), in seine vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen, in seine Kunst- und Gedankenwelt. Irgendwann ist man so im Flow dieser – trotz der schweren Themen – ganz ruhigen Erzählung, dass das Filmende komplett unvorhergesehen kommt und einem ziemlich überraschend einfällt, dass man ja im Kino sitzt und, das eigene Leben draußen auf einen wartet.

Die Entdeckung des Filmes ist Antonio Banderas. Ok ja, wir alle kennen ihn, aber wir haben ihn noch nie so gesehen wie in diesem Film. Banderas hatte vor zwei Jahren einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt und Almodovar hat ihm gesagt, er habe seitdem etwas in seinem Wesen, was vorher nicht da war. Genau das wolle er für Leid und Herrlichkeit. Und genau das verkörpert Banderas hier auch – eine eigenwillige Verletzlichkeit, die aber nie leidend wirkt, eine in-sich-Gekehrtheit, die weder Protest gegen die Außenwelt, noch als Hilfeschrei an diese gerichtet ist. Wir Zuseher sehen Banderas beim Nachdenken zu und das ist spannender als ein Thriller. Banderas ist am vorläufigen Höhepunkt seiner Kunst angekommen – und ähnliches gilt für seinen Regisseur.

Hier der Trailer.


Nochmal Kino

Die Kino Indie-Webseite Indiewire hat ein Ranking herausgegeben. Die besten Filme der 2010er Jahre und Gott sei es gedankt, fehlt Manchester by the Sea auf dieser Liste. Einen Film, den ich abgrundtief, na ja, hassen ist ein starkes Wort. Den ich wirklich gar nicht mag.

Andere Filme fehlen (mir) wie Birdman – aber die Liste hat eine Richard Linklater Schlagseite, dessen Boyhood ja damals gegen Birdman verloren hat; Boyhood ist Platz 24 der Liste. Auch Julieta fehlt mir, dem IMO besten Film von Pedro Almodovar. Oder auch August Osange County.

Dafür findet man auf Platz 73 La La Land, über den es heißt: ” And while the movie is destined to be remembered for the Academy Award it didn’t win, Chazelle earned his title as the youngest person to ever be named Best Director.” Auf Platz 65 haben wir Melancholia, laut den Listenmachern, der “least disturbing” Film von Lars von Trier. Allerdings hat der mit Dogma auch nix mehr zu tun, oder kann irgendjemand von euch Blitze aus seinen Finger sprühen lassen?

Es gibt einen Jarmusch auf Platz 35 (Only lovers left alive) und einen Wes Anderson auf Platz 32 (The Grand Budapest Hotel) und Sofia Coppola mit Somewhere auf Platz 31, ein Film der Understatement pur ist, gegen den sogar Lost in Translation wie ein kalkulierter Blockbuster wirkt. Und auf Platz 11, LadyBird – ganz bezaubernd.

Ganz viel empfinde ich persönlich ja auch für Platz 18 Call me by your Name. Eine wunderbar-traurige homosexuelle Lovestory, viel besser als Brokeback Mountain IMO und durch den Indiewire Artikel hab ich jetzt auch erfahren, dass der Regisseur selber schwul ist. Vielleicht liegt es auch daran. Indiewire schreibt jedenfalls sehr zutreffend:

The last 10 years saw the romantic drama vanish along with the romantic comedy, but “Call Me by Your Name” made falling in love feel sexy again. All it took was the sight of Timothée Chalamet and Armie Hammer staring each other down in short shorts (…) If “Moonlight” is the decade’s defining queer coming-of-age film, then “Call Me By Your Name” is its grand gay romance.

Platz 1 ist übrigens Moonlight, den ich peinlicherweise immer noch nicht gesehen habe.

Once upon a time in Hollywood

Ich muss ehrlich sagen, unter dem neuen Tarantino Once upon a time in Hollywood kann ich mir gar nichts vorstellen.

Es wird auch nicht besser, wenn ich mir den Trailer anschaue. Eher im Gegenteil. Ein bisschen erinnert es mich an Wolf of Wall Street, aber ich hoffe, das liegt nur an Leo, weil an den Film habe ich nicht allzu gute Erinnerung, es ging quasi nur ums Saufen und Rauchen und Vögeln und das war alles insgesamt sehr redundant.

Ok Brad und Leo sind cool und Margot Robbie war echt super in I, Tonya. Aber hier spielt sie Sharon Tate. Die Frau von Roman Polanski, die dann von der Charles Manson Gang hingerichtet wurde und ich frage mich, wird das auch Thema im Film sein und will ich das sehen? Also nein, eigentlich will ich das gar nicht sehen, alleine daran zu denken finde ich schon schmerzvoll.

Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass die Trailer zu den Quentin Tarantino Filmen meistens extrem irreführend sind, man denke nur an den schauerlichen Trailer zu Inglorious Basterds, der mit dem tatsächlichen Plot, seien wir uns ehrlich, kaum was zu tun gehabt hat (Gottseidank!)

Die Kritiken sind jedenfals gut, Sasha Stone von Awardsdaily nennt ihn in ihrer Rezension “Tarantinos most accomplished film” – und da bin ich auch gespannt, wie das gemeint ist – denn so in Richtung reifes Alterswerk, will man sowas bei Tarantino sehen? Ist das zu sehr Mainstream dann? Na ja, man darf gespannt sein.

Oscars…

Wie jedes Jahr erreichen mich um diese Zeit Fragen zu Oscars und den nominierten Filmen und das war in den letzten naja, 20 Jahren echt genau mein Metier. Vor dem Kind und als nur 5 Filme in der Königskategorie nominiert waren, hab ich sogar oft alle gesehen gehabt und noch viele andere, die in anderen Kategorien nominiert waren.

Dieses Jahr, nun ja. Ich hab keinen einzigen Film in der Königsklasse bisher gesehen, und auch in den anderen Kategorien schaut es – abgesehen von Mary Poppins Returns und The Incredibles 2 – eher finster aus. Was ist mit mir passiert?

Nun ja, es haben sich offensichtlich die Prioritäten in meinem Leben verschoben und zwar in diese Richtung, dass ich derzeit kaum ins Kino gehe und auch sonst extrem selten Filme anschaue. Entweder ich habe keine Zeit dafür (bzw. nehme sie mir nicht) oder ich bin mit meinen Gedanken woanders, oft trifft sogar beides zu. Ich, die sich gern in eine fiktionale Welt mitunter aus dem Leben geflüchtet habe, lebe ich jetzt tatsächlich in der Realität? Kann man so vermutlich auch nicht sagen. Harhar. Es ist gerade ok, es wird vermutlich wieder eine Zeit kommen, in der ich die Oscars mit glühenden Wangen verfolge, weil ich alles gesehen habe und meinem Favoriten die Daumen drücke.

Also muss ich bei den Oscars 2019 auf die Meinungen aus meinem Umfeld zurückgreifen: A Star is born top bei vielen, meine Mum schwärmt von The Favourite und gehört zu denen, die meinen, dass Olivia Coleman verdientermaßen über Glenn Close gesiegt hat (denn sie hat auch The Wife bereits gesehen). Wobei ihr Rachel Weisz überhaupt am besten in dem Film gefallen hat. Aber wenn es nach ihr geht, dann war ja Mary Queen of Scots noch besser.

Was ist sonst noch zu sagen: der vielleicht meist diskutierte Moment der Show, der Bradley Cooper/ Lady Gaga Moment, als sie Shallow performt haben, was die Gerüchteküche ordentlich befeuert hat (Sind die jetzt zusammen, was ist mit seiner Frau, sie hat sich ja von ihrem Verlobten getrennt etc.) Aber beide sind halt auch gute Schauspieler und mediale Vollprofis, das darf man auch nicht vergessen. Eine gute Show war es allemal.

Dann noch: die Kontroverse um den Siegerfilm Green Book, der aus Frust hinausstürmende Spike Lee und die Gewissheit, dass es auch diesmal einen Director/Film Split gegeben hat, das heißt, dass die beste Regie an einen anderen Film (nämlich Roma von Cuaron ging), als an den später tatsächlich als bester Film ausgezeichneten Film.

Das ist mittlerweile allerdings gar nicht mehr so ungewöhnlich, ist es doch bereits das fünfte Mal in den letzten zehn Jahren passiert. Siehe auch 2017: Chazelle versus Moonlight, 2017: Innaritu versus Spotlight, 2014 Cuaron versus 12 Years a Slave und 2013 Ang Lee versus Argo. Wobei Ben Affleck 2013 ja nicht mal als bester Regisseur nominiert war.

Film Challenge – Auflösung

Auf mehrfachen Wunsch – danke für euer Interesse – die Auflösung der Film-Challenge.

1) 8 1/2

2) Lost in Translation

3) Julieta

4) Eternal sunshine of the spotless mind

5) Closer

6) The Royal Tennenbaums

7) La La Land

8) Fight Club

9) Sex, lies and videotape

10) Moulin Rouge!

 

Movie Challenge #day10

#tendaysmoviechallenge #day9