Archiv für film

Summer thoughts, eins

Wie man Sommerferien des Kindes, Arbeiten, eigene Freizeit und Bloggen unter einen Hut kriegt, kann ich nicht beantworten. Ich schaffe es nämlich nicht, daher ist es hier etwas ruhig geworden.

Heute hab ich aber doch mal etwas Zeit übrig und kann mich mit den Themen beschäftigen, die mir in den letzten Wochen durch den Kopf gegangen sind. Zum Beispiel wird es bei der kommenden Oscar-Verleihung anscheinend eine neue Kategorie geben, die da heißt “Best popular film” (oder so ähnlich). Ich muss sagen, es ist auch eine Kunst, etwas einzuführen, was wirklich alle gleichermaßen ankotzt harhar. Ich habe in den Social Media keine einzigen Kommentar gelesen, der diese Entwicklung positiv sieht, das höchste der Gefühle war sinngemäß sowas wie “na ja, wird man auch überleben.”

Tatsächlich aber muss man sich fragen, was ist ein populärer Film eigentlich genau? Muss der eine bestimme Summe einspielen? Und welchen Anspruch muss so ein populärer Film darüber hinaus noch haben, um oscarwürdig zu sein? Und ist der Film dann auch in der Kategorie “Best Film” allgemein zugelassen oder dezitiert nicht? Und waren Filme wie Titanic oder Lord of the Rings – beide bekanntermaßen mit Oscars überhäuft – etwa keine Publikumsmagneten? Würden diese beiden Filme ab 2019 etwa nur noch in der Populär-Schiene laufen? Schon klar, Kunst ist etwas sehr subjektives und Kunst zu beurteilen und zu vergleichen war immer schon schwierig, aber die Einführung einer solchen neuen Auszeichnung wird das Dilemma wahrscheinlich nicht kleiner machen.

Auf Twitter schrieb der Filmkritiker Mark Harris: “There is already an award for popular films. It’s called money.” Und da hat er eigentlich recht.

Lady Bird

Gestern hab ich Lady Bird im Wiener Admiral Kino gesehen, das Regie-Debut von Greta Gerwig, das für fünf Oscars nominiert war – für den besten Film, beste Hauptdarstellerin/Nebendarstellerin, Regie und Drehbuch und leider nichts gewonnen hat. Dafür zwei Globes.

Ich mag Greta Gerwig sehr gern, wie könnte man nicht, sie lebt quasi den Traum. Sie hat diese nerdig-hippe Aura, ist eine großartige Komikerin, sie schreibt schräge Drehbücher und jetzt ist sie auch noch Regisseurin. Dabei wirkt sie so bescheiden und bodenständig, fast ein bisschen zurückhaltend, wenn man sie auf solchen Großveranstaltungen wie den Oscars oder den Golden Globes sieht. Dabei ist sie erst die fünfte Frau überhaupt, die für einen Regie-Oscar nominiert wurde.

Lady Bird ist so was wie ein semi-autobiografische Coming of Age Geschichte. Im Mittelpunkt der Handlung steht die 17-jährige Christine “Lady Bird” Mc Pherson (Saoirse Ronan), die eine katholische High School im kalifornischen Sacramento besucht. Als sie im Rahmen einer Audition für ein Musical vom Pfarrer gefragt wird, ob Lady Bird ihr “given name” ist, sagt sie: “Yes, I gave it to myself, it’s given to me, by me”, was schon recht viel über ihre Persönlichkeit aussagt. Lady Bird fühlt sich als Künstlerin, sie möchte nach dem Abschluß auf ein College an der Ostküste gehen, was aufgrund der finanziell mehr als prekären Situation ihrer Familie quasi ein Ding der Unmöglichkeit zu sein scheint. In diesen turbulenten Zeiten macht sie auch ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und Sex…

 

Lady Bird hätte nun ein lakonischer, etwas flapsiger Film übers Erwachsenwerden einer jungen Frau werden können, wie man solche Filme ja durchaus kennt. Ein paar Witzchen hier, etwas harmloses Drama da, quasi auf dem Reißbrett. So leicht hat es sich Greta Gerwig allerdings nicht gemacht, denn an der Oberfläche zu bleiben ist ihre Sache nicht. Lady Bird ist deshalb eine authentische, differenzierte Betrachtung eines Erwachsenwerdens in einer Familie geworden, in der jeder seinen eigenen Kampf führt, der – so hart er auch manchmal sein mag –  niemanden bitter oder ungerecht macht; höchstens etwas zynisch.

Laurie Metcalf, bekannt als Schwester von Roseanne in der gleichnamigen Sitcom, spielt hier als Mutter im Dauerkonflikt mit ihrer Tochter quasi die Rolle ihres Lebens; was überrascht ist, dass die anderen Darsteller ihr gegenüber nicht abfallen, die Ensambleleistung ist erstaunlich, wobei mein heimlicher Liebling Lady Birds Vater (Tracy Letts) ist, ein sehr ruhiger, besonnener Mensch, von ihrer Mutter dafür kritisiert, immer “der Nette” sein zu wollen, während sie, die Mutter, den “Bad cop” spielen muss. Einmal fährt er Lady Bird zur Schule und sie hören Hand in my Pocket und Lady Bird fragt “Do you know, Alanis Morissette wrote this song in only ten minutes”, und er antwortet recht trocken: “I belive it.”

Wenn man solche Dialoge mag und sich für kleine, warmherzige Geschichten, die vor allem vom menschlich-sein erzählen, interessiert, dann sollte man diesen Film unbedingt in Betracht ziehen. Und man sollte Greta Gerwig wohl im Auge behalten. Das Hollywood-Kino braucht einen weiblichen Blickwinkel, das hat es sich selbst im Zuge von #metoo und Co attestiert, und Gerwigs Debütfilm ist ein vielversprechender Anfang einer vielleicht großen Karriere.

My Fair Lady, zwei

Jetzt hab ich mich eingehender mit der Film-Version des Musicals beschäftigt und das ist durchaus interessant. Wenn man sich überlegt, wie kultig der Film ist, ist es erstaunlich, wieviel “Pfusch” im Vorfeld und auch bei der Produktion passiert ist.

Es fängt damit an, dass Audrey Hepburn für viele als Fehlbesetzung galt, so etwa auch für “Higgins”. Hauptdarsteller Rex Harrison wollte eigentlich – wie in der Bühnenversion, in der er Erfolge feierte – mit Julie Andrews spielen, aber die war den Produzenten zu unbekannt für einen Film dieser (finanziellen) Größenordung. Harrison kritisierte, dass Eliza Doolittle ja aus der Gosse kam, und sich in Ballsälen wie ein kompletter Fremdkörper fühlen musste, aber: “Audrey has never spent a day in her life out of European ballrooms” Hepburn selbst war mit Julie Andrews befreundet und wollte ihr die Rolle nicht wegnehmen, erst als die Produzenten ihr sagten, dass Andrews auch nicht besetzt werden würde, wenn sie absagt, sondern sie dann Elisabeth Taylor fragen würden, stimmte sie zu.

Rex Harrison selber war übrigens auch nicht fix, er sähe zu alt für Hepburn aus, fanden die Produzenten. Stattdessen wurde die Rolle u.a. Cary Grant angeboten, der genaugenommen sogar noch vier Jahre älter ist. Grant meinte aber, seine natürliche Sprache käme eher der von Eliza gleich als der von Prof. Higgins. Er lehnte also ab und sagte außerdem, wenn jemand anderer als Rex Harrison die Rolle spielen würde, würde er sich nicht mal den Film ansehen.

Dann die Singerei: Harrison kann genaugenommen nicht wirklich singen, er sprechgesangt sich quasi durch den Film. Hepburn wiederum hat extra monatelanges Gesangstraining genommen, um dann im letzten Moment zu erfahren, dass jemand anders an ihrer Stelle den Großteil des Parts singen wird, und sie nur die Lippen bewegen soll. Was sie ziemlich gekränkt haben dürfte. Das Ganze kam schlecht an, weil noch die Kontroverse um die Nicht-Besetzung von Andrews in aller Munde war; letztendlich wurde Hepburn für diese Rolle auch nicht für den Oscar nominiert. Was schon ein Statement ist, da sowohl der Hauptdarsteller, als auch die Nebendarsteller (Elizas Vater übrigens der einzige unter den Hauptdarstellern, der tatsächlich selbst sang, Higgins Mutter) nominiert waren. Harrison hat schließlich den Oscar gewonnen und als er einmal gefragt wurde, wer seine Lieblingspartnerin überhaupt gewesen sei, antworte er mit “Audrey Hepburn in My Fair Lady”. Es wird vermutet, dass das nur britische Höflichkeit war (oder ganz perfide gedacht: Ironie)

Eines ist allerdings auch erstaunlich: Rex Harrison, der spätere Oscarpreisträger und quasi DER Higgins, bekam für seine Rolle damals 250.000 Dollar, während Hepburn 1 Million bekam. Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass heute die Frauen in Hollywood oft um gleiche Bezahlung wie die Männer kämpfen müssen, selbst wenn sie unangefochten die Hauptrolle spielen.

My Fair Lady

Am Wochenende hab ich mit meiner Mama My Fair Lady gesehen. Ich kenne das 60ziger Jahre Musical natürlich, aber es ist ewig her, dass ich es gesehen haben und eigentlich hab ich mich nur an die Szene mit “Es grünt so grünt” erinnern können.

Wenn man den Film mit 40 plus Lebensjahren sieht, ist natürlich einiges daran zum Haare raufen. Das Pygmalion-Motiv, auf dem dieser Musical-Film fußt, ist ja bekannt; Henry Higgins (Rex Harrison), ein Mann in den besten Jahren, Junggeselle und Sprachforscher, trifft zufällig die Blumenverkäuferin Eliza (Audrey Hepburn), quasi “aus der Gosse”, die auch so spricht und macht es sich, gemeinsam mit seinem Kumpel Pickering (auch Phonetiker), zum Ziel, ihr in sechs Monaten ein so perfektes Englisch zu verpassen, dass sie in der vornehmen englischen Gesellschaft als ihresgleichen akzeptiert wird.

Higgins, der ja eigentlich ein britischer Gentleman sein sollte, verhält sich zu Eliza teilweise extrem unhöflich und sogar misogyn. Seine Haushälterin fängt an, Eliza zu verteidigen und bei Pickerton meldet sich zumindest sowas wie ein väterlicher Schutzinstikt. Eliza selbst ist aber kein Opfer, im Laufe der Handlung gewinnt sie die Oberhand und am Ende “blattelt” sie Higgins natürlich auf – allerdings fragt man sich schon ein bisschen: was will sie eigentlich von ihm? Sie ist 21, er ist Mitte 50 und eigentlich ein arroganter Arsch; nur das einnehmende Wesen des Schauspielers Harrison bewahrt einen davor, ihn als Zuschauer komplett zu verachten.

Der Film ist aber als ganzes schon sehr interessant. Über weite Strecken eine relativ konservative Musical-Verfilmung seiner Zeit (1964), fällt die Szene in Ascot – wo Higgins, Pickering und Eliza das Pferderennen besuchen – komplett aus dem Rahmen.

Besonders der Teil, wo die Hauptfiguren noch nicht anwesend sind und die feine Gesellschaft dargestellt wird. Die Männer in grau, die Frauen in schwarz weiß, wie sie sich bewegen, ihr ganzes Auftreten ist spooky, so künstlich-überhöht, dass es mich mich spontan total an die Ästhetik von A Clockwork Orange (1971) von Stanley Kubrick erinnnert; ja das ist natürlich eine ganz andere Baustelle, das Kubrick Werk ist ziemlich brutal und voller Ambivalenzen, aber My Fair Lady ist, zumindest bei der Betrachtung der “oberen Zehntausend”, durchaus auch sehr gesellschaftskritisch…

Wenn man ein bisschen danach googelt, finden sich noch ein paar Verrückte, die ebenfalls Parallelen zwischen den beiden Filmen sehen, also bin ich zumindest nicht ganz alleine damit.

I, Tonya

Gestern hab ich mir – auf Empfehlung – I Tonya angesehen. Nominiert für einige Golden Globes und Oscars ist er, abgesehen vom Oscar für Nebendarstellerin Allison Janney, etwas untergegangen. Zu Unrecht!

I, Tonya beleuchtet die, den meisten von uns zumindest am Rande bekannte Geschichte der US-amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding (dargestellt von Margot Robbie). Harding war die erste US-Amerikanerin und die zweite Frau überhaupt, die es schaffte, einen dreifachen Axel zu stehen. Sie war technisch extrem gut, eckte allerdings aufgrund ihres familären Backgrounds und ihres – sagen wir – unkonventionellen Auftretens immer wieder bei den Juroren an. Da Eiskunstlauf ein Sport ist, der die Athleten nicht nur noch objektiven Kriterien beurteilt, sondern quasi ein Gesamtpaket, hatte sie dadurch einen enormen Wettbewerbsnachteil. Ihr Ehemann wollte die “Bedingungen ausgleichen” und verstrickte sich in dabei in ein Attentat auf ihre damals größte Rivalin und “Sauberfrau” Nancy Kerrigan…

Dieser Film ist kein Bio-Pic im herkömmlichen Sinne. Gleich am Anfang wird klargestellt, das ganze basiert auf “ironiefreien, hochgradig widersprüchlichen und absolut wahren Interviews.” Und es sind auch interviews mit den handelnden Personen, die dem Film den Charakter einer Mockumentary geben. Es wird ziemlich schnell klargestellt: DIE Wahrheit gibt es nicht und daher wird man sie in diesem Film auch nicht finden. Sehr schön illustiert, als man Tonya sieht, wie sie mit einer Pump-Gun auf ihren Mann schießt und danach sagt: “Das habe ich nie getan.” Es gelingt dem Film auch sehr gut, offenzulassen, wieviel Tonya Harding tatsächlich von den Plänen zum Attentat gewusst hat.

Was der Film hingegen vermittelt: eine Art Verständnis für seine Hauptdarstellerin. Alles, was Tonya Harding in ihrem Leben hatte, war der Eiskunstlauf. Sie kam aus sehr armen Verhältnissen. Ihre Mutter war gefühlskalt und grob, ihr Vater hat die Familie verlassen, ihr erster Freund und späterer Ehemann Jeff hatte quasi zwei Gesichter und eines davon war alles andere als schön. Auch er schlug Tonya regelmäßig. Tonya selbst war nicht sonderlich gebildet, derb in ihrer Wortwahl und eigenwillig auf dem Eis. Sie wollte keine Eisprinzessin sein, sondern performte ihren Kür zu Songs von ZZ Top und anderer eher harter Kost. Ihre Kostüme schneidert sie selbst. Tonya war und ist aber auch eine Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt und immer wieder aufsteht und alles gibt, um sich ihren Traum von einer olympischen Medaille zu erfüllen.

I, Tonya ist ein extrem interessant gemachter Film mit vielen originellen Einfällen; wenn etwa Tonya ihren Ehemann erstmals verlässt, dann tut sie das zu den ganz typischen Klängen eines achtziger Jahre Hits, Supertramps Goodbye Stranger. Und wenn sie in ihrer Garderobe sitzt und schminkt, psychisch komplett fertiggemacht durch den Medienrummel um ihre Person und durch die Befragungen durchs FBI, wirkt sie fast wie Batmans Joker, mit diesem künstlichen, hilflosen Grinsen, mit dem sie sich Mut machen will. I, Tonya vermittelt auch die Macht der Medien, für die diese Geschichte ein gefundenes Fressen war, und die gehörig dabei mithelfen, zu stigmatisieren und die Stimmung aufzuheizen. Nancy Kerrigan bleibt allerdings diesem Film seltsam fern, als wolle man sagen, sie hat damit nur ganz am Rande zu tun, um sie geht es nicht; Harding sagt nur einmal über sie: “Sie hat die Silbermedaille geholt und sieht aus als wäre sie in Hundescheiße getreten.” Kerrigan darf in diesem Film kein Wort sagen.

Am Ende empfindet sicher jeder anders über das, was er gerade gesehen hatte, was sicher auch im Sinne der Macher. Für mich ist I, Tonya ein schräger, aber auch ein tragischer Film, und wenn man liest, was aus Harding geworden ist, nämlich unter anderem eine Mutter, die der Welt mitgeben will, dass sie “eine gute Mutter ist”, dann kann man fast nicht anders, als darüber berührt zu sein.

Hier der Trailer:

 

Call me by your name

Am Wochenende hab ich mir also Call me by your name angesehen. Vorige Woche ausgezeichnet mit dem Drehbuch-Oscar für James Ivory, weitere Nominierungen für bester Film, Hauptdarsteller und bester Song.

Die Auslangslage: eine jüdisch-amerkanische Familie verbringt, wie jedes Jahr, den Sommer auf ihrem Anwesen in Norditalien. Zur Familie gehören der Vater, ein Professor für Archäologie (so genial Michael Stuhlbarg), die Mutter, sehr literaturaffin und der 17-jährige Sohn Elio (Timothee Chalamet), ein passionierter Musiker. Die drei haben ein sehr inniges Verhältnis zueinander. Der Status der Familie wird durch eine Haushälterin und einen eigenen Gärtner unterstrichen.

Jedes Jahr engagiert der Professor einen Studenten, der ihm bei seinen Forschungen assistiert. Diesmal ist es der 24-jährige Oliver (Armie Hammer), auch Jude, über den Elios Freundin Marzia sagt: “Sicuramente e meglio di quello dell’ anno scorso, aaa?”¹ Ungefähr: “Der ist aber viel besser als der letzte Jahr nicht wahr?” Damit meint sie, dass Oliver ein einnehmender Typ ist, sehr offen, locker, auch sehr gutaussehend. Elio runzelt die Stirn. Er findet Oliver eigentlich arrogant, und beklagt sich bei seinen Eltern, dass er sich immer mit einem dahingesagten “Later!” (bis später) aus dem Staub macht, wenn er genug von Gesellschaft hat.

Tatsächlich aber muss Elio eingestehen, dass er Gefühle für Oliver entwickelt. Gleichzeitig intensiviert sich seine Beziehung zu Marzia, was aber mehr als Flucht vor seinen homoerotischen Emotionen zu verstehen ist, so als wolle er sich selbst dazu zwingen, einen konventionellen Weg zu gehen. Doch letztendlich ist Elio – vermutlich auch durch die liebevolle Bindung zu seinen Eltern, die ihn sehr offen erzogen haben – mutig genug, sich seinen Gefühlen zu stellen, was bei Oliver allerdings zunächst auf Ablehnung stößt…

Regisseur Luca Guadagnino gelingt es perfekt, die Stimmung dieser endlos-trägen italienischen Sommer einzufangen, die einen energielos herumschleichen, und einen erst abends – nach Sonnenuntergang – munter werden lassen. Immer gibt es Pasta und Wein und Pfirsche, jede Menge Tagszeitungen und Bücher, es wird über Heidegger und dessen Rezeption diskutiert (“Does that make any sense to you?” fragt Oliver Elio einmal, nachdem er eine sehr wissenschaftliche Abhandlung über den Philosphen zitiert), und Elio antwortet auf die Frage, was man im Sommer hier macht, ungefähr, darauf warten, dass er endet. Das hat mich an Torbergs Tante Jolesch erinnert. Die Gesellschaft, die Guadagnino porträtiert, ist intellektuell-burgeois, aber nicht seelenlos, ganz im Gegenteil.

Was Elio und Oliver erleben, erzählt von der Liebe, nicht der homosexuellen oder der heterosexuellen, sondern von der Liebe an sich, da gibt es keine Unterschiede. Es geht um das Erschrecken vor tiefen Gefühle, der Unfassbarkeit, diese erwidert zu sehen, und dabei immer Zweifel zu haben; die anhaltende Angst vor Zurückweisung, die Ambivalenz, sich komplett im anderen verlieren zu wollen und gleichzeitig davor zurückzuschrecken, was das mit einem machen kann – ist die größte Liebe die, die letztendlich unerfüllt bleibt, weil sie keinen Alltag zu fürchten hat?

Was Elios Vater zum Umgang mit Gefühlen zu sagen hat, ist ebenso wahr wie schmerzlich, jedenfalls zutiefst menschlich. Und man mag lange, wie Elio, neben ihm am Sofa sitzen und ihm zuhören. Nicht, weil er sagt, dass alles gut wird, sondern weil er sagt, es muss gar nicht alles gut werden, es ist in Ordnung verwirrt und hilflos zu sein, das alles lässt uns lebendig fühlen, lebendiger als dass wir uns komplett vor allem abgrenzen und uns scheinbar unverwundbar machen, “Nature has cunning ways of finding our weakest spot.”

Ein sehr, sehr schöner, trauriger, aber auch lebensbejahender Film.


¹ Italiener verwenden gerne dieses charakteristische “aaa”, am Ende von Fragesätzen, um ihre Verblüffung auszudrücken. Harhar.

Oscars 18

Dieses Jahr habe ich die Oscars nur sehr oberflächlich verfolgt, weil ich kaum einen Film gesehen haben, außer Coco (harhar), der dann aber auch zum besten animierten Film gekürt wurde.

Jimmy Kimmel fand ich sehr amüsant, vor allem die Ironie, mit der er der letztjährige Panne – falscher Film wurde als bester Film ausgerufen – begegnete. Er sagte: “This year, when you hear your name called, don’t get up right away – give us a minute.” Und dann erzählte er, dass er letztes Jahr gefragt wurde, ob er “Comedy” mit den Accountants von PricewaterhouseCoopers machen wolle und er lehnte ab und dann “So the accountans went ahead and did comedy on their own. It was hilarious, but it won’t happen again.” Harhar.

Am Ende durften die Presenter des letzten Jahres erneut den besten Film präsentieren (was sie ja 2017 taten, um den 50. Jahrestag ihres Kultfilms Bonnie and Clyde zu feiern) und Kimmel kündigte das so an:

“We will present the final award of the night. This is the home stretch. Nothing can possibly go wrong form here on. Here now, on the historic 51th anniversary of Bonnie and Clyde, welcome Warren Beatty and Faye Dunaway.”

Und dann ging tatsächlich alles gut. Als die Filme vorgestellt wurden, die für “best film” nominiert waren, hat mich sofort ein Film sehr stark angesprochen. Und das ist Call me by your Name. Als ich Ausschnitte dazu gesehen habe, ist mir spontan eingefallen, dass ich gerne mal A Bigger Splash sehen wollte, so eine Beziehungsgeschichte, angesiedelt hauptsächlich an einem pittoresken Pool in Italien. Und nach einem Blick in die imdb hab ich festgestellt, dass beide Filme vom selben Regisseur sind, nämlich von Luca Guadagino. Der wohl eine recht unverwechselbare Handschrift hat, wenn ich den einen Film sofort mit dem anderen asoziiere. Ich kenne bereits einen Film von Guadagnino, und zwar I am love, den habe ich damals für Uncut angeschaut und der hat mir auch sehr gut gefallen.

Ich muss ehrlich sagen, mit The Shape of Water, der gestern als bester Film ausgezeichnet wurde, kann ich so auf den ersten Blick weniger anfangen. Ich mag so Science Fiction/Fantasy Filme nicht übermäßig gerne und der Plot mit diesem fischartigen Wesen na ja, mal sehen. Interessant ist, dass der Sieg von The Shape of Water eine 22 jährige Konstante bei der Oscar-Voraussage zunichte gemacht hat, nämlich diese: die SAG (Screen Actor Guild) Awards, die vor den Oscars vergeben werden, haben die Kategorie “Beste Ensembleleistung”. Und 22 Jahre gab es keinen best picture Gewinner, der für diese Kategorie nicht mal nominiert war (Sieg in dieser Kategorie zwar hilfreich, aber kein Muss). Bis gestern.

Oscar Review, drei

2010 war wieder ein Jahr für play it safe. The Kings Speech über den stotternden König Georg gewann damals, und ganz ehrlich, der gesamte Plot des Filmes verbirgt sich im Titel. Der wesentlich interessantere Colin Firth Film war im Jahr davor A Single Man, in dem Firth den Tod seines Lebenspartners nicht verkraftet. 2010 hatte mit Inception oder The Social Network zwei Filme am Puls der Zeit in der Nominierungsliste. Auch wenn der Falter zurecht schrieb, dass sich The Social Network “etwas über Gebühr als Königsdrama aufbläht” – es hatte wesentlich mehr, wie sagt man so schön, contemporary relevance

Im Jahr 2011 gewann ein Stummfilm die Auszeichnung bester Film und obwohl ich zuerst sehr skeptisch war, schafft The Artist tatsächlich über 100 Minuten fast ohne Worte zu fesseln, obwohl der Plot nicht extrem aufregend ist. Und wie gesagt, ich mag Filme, die andere Wege gehen und etwas neues versuchen, auch wenn es vielleicht nicht die Art von Film ist, die ich normalerweise bevorzugen

2012 wurde Ben Affleck – obwohl siegreich bei den Globes, Baftas, et al – nicht für den Regieoscar nicht nominiert, sein Film Argo allerdings schon. Sowas schätzen Oscarnerds nicht so sehr, vielleicht mit ein Grund, dass die gleichermaßen spannende wie unterhaltsame Geschichte (trotz des nicht witzigen Themas) später mit dem Preis in der Königsklasse ausgezeichnet wurde. 2013 wars weniger locker: der streckenweise sehr hart anzusehende Film 12 years a Slave über einen freien Schwarzen, der versklavt wird, wurde ausgezeichnet. Ich habe damals bei Die Academy drüber geschrieben.

Und nun zu meinem bisherigen Lieblingsgewinner der Nullerjahre: Birdman (or the unexpected virtue of ignorance) Alleine schon der Untertitel, brilliant. Viele fanden es ja schade, dass nicht Boyhood gewonnen hat, zugegebenermaßen ein sehr interessantes Konzept, einen Film über das Großwerden eines Jungens tatsächlich über 12 Jahre zu drehen. Nur hätte sich das ganze ein etwas komplexeres Drehbuch verdient gehabt. Birdman ist dagegen echt außergewöhnlich in seiner Machart, quasi ungeschnitten, zumindest hat man die Schnitte gut verborgen, mit einer sich ständig bewegenden Kamera, einem Schlagzeug, das die Schauspieler vor sich hertreibt, sehr amüsanten, spleenigen Dialogen, und Edward Norton ist dafür auch wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Ich mag Filme, die so speziell sind, dass sie sich kaum mit anderen vergleichen lassen.

2016 hat Spotlight gewonnen, ein solider gemachter, sehr spannender und wichtiger Film über Investigativjournalismus mit tollen Schauspielern. Und 2017 schließlich Moonlight, den ich leider noch immer nicht gesehen hab, weil ich ein bisschen traurig war, dass es nicht La La Land war, aber das ist ok.

Oscar Review, zwei

Im Jahr 2004 wurde Million Dollar Baby von Clint Eastwood mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet und ich habe meine Probleme damit. Der erste Teil des Films ist in Ordung, wenn er mich auch nicht unbedingt zu Begeistertungsstürmen hinreißt, den zweiten Teil würde ich aber getrost als Pain-Porn bezeichnen. Ich möchte nicht zu sehr spoilern, falls ihn jemand nicht kennt, aber die halbdokumentarische Aufarbeitung einer Pathogenese ist nicht gerade das, was ich mir im fiktionalen Kino erwarte.

Einen wirklichen Skandal unter Filmnerds hat die Verleihung 2005 ausgelöst. Man erinnert sich, damals war Brokeback Mountain in aller Munde, die Liebesgeschichte zweier Cowboys von Ang Lee. Hochfavorisiert, sehr viel gewonnen bis zur Oscarnacht, gelobt für den mutigen Umgang mit dem Thema, noch dazu als Neo-Western, einem traditionell heteronormativ-virilen Genre and so on. Jedenfalls war dann nicht nur Jack Nicholson überrascht, als er das Kuvert öffnete und den Gewinner bekannt gab, der Crash hieß – ein Episodendrama, angesiedelt im Los Angeles der Gegenwart, das Rassismus und Vorurteile anhand von einigen miteinander verwobenen Geschichten beleuchtet. Hätte es damals schon Social Media im heutigen Ausmaß gegeben, dieser Gewinn hätte den Mega-Shitstrom ausgelöst. Ich muss ehrlich sagen, ich bin da echt zwiegespalten. Ich schätze die Message von Brokeback Mountain, ich finde das Thema wichtig und ich mag es, wenn Tabus gebrochen werden, aber ich fand den Film an sich, sorry, extrem öde. Jedenfalls wohl eine der Entscheidungen der Academy, die am kontroversiellsten diskutiert wurden, bis heute.

2006 hat Martin Scorsese dann endlich seinen ersten Oscar gewonnen, für einen Film, der eigentlich ein Remake war, The Departed. Für eingefleischte Scorsese-Fans wahrscheinlich der falsche Film, ich bin kein eingefleischter Fan und ich fand den Film gut, auch wenn er wohl nicht sein relevantester ist; die Konkurrenz war in diesem Jahr mit der sperrigen Eastwood Produktion Letters form Iwo Jima, der Feelgood Indie-Komödie Little Miss Sunshine, sowie der Innaritu Parabel Babel zwar interessant, aber da lag kein anderer Gewinner auf der Hand.

No Country for Old Man von den Coen-Brüdern gewann 2007 den Oscar und das geht für mich voll in Ordnung. Obwohl (oder weil?) er kein typisches Coen-Werk ist, der schräge Humor fehlt dieser Produktion großteils, es ist ein rauher, nüchterner Film, der von Gewalt erzählt, ohne dabei irgendeine Art von Karthasis im Blick zu haben. Und, was ich an diesem Film am erstaunlichsten finde: sein Höhepunkt findet ohne die Zuschauer statt. Das bedeutet, die Szene, die für den Film eigentlich die wichtigste ist, passiert quasi offline. Das ist sehr skurill, so als würde man im Finalspiel der Fußball-WM das entscheidende Tor verpassen, weil man sich gerade ein Bier holt. Das muss man sich als Regisseur erstmal trauen, seinen Zusehern zuzumuten, weil es komplett den Sehererwartungen zuwiderläuft. Und sowas mag ich ja sehr.

2008 war dann wieder ernüchternd für mich. Die Danny Boyle Produktion Slumdog Millionaire dominierte die Verleihung und ich weiß bis heute nicht wieso. Ich kann aber mit Danny Boyles Regiearbeiten grundsätzlich wenig anfangen. 2009 war mit The Hurt Locker dann wieder interessanter. Kathryn Bigelow war die erste Frau, die mit einem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde, was ihr Ex-Mann James Cameron noch huldvoll beklatschte; als sie seiner Produktion Avatar dann allerdings noch den Preis wegschnappte, war er nicht mehr so begeistert.

Oscar Review, eins

Die Oscars stehen vor der Tür, daher eine kleine Rückschau auf die besten Filme der letzten zwanzig Jahre, in denen ich die Oscars intensiv verfolgt habe, um ein bisschen in Stimmung zu kommen.

1998 war ich ein großer Fan von Roberto Benigini und seinem Film Das Leben ist schön. Mit Shakespeare in Love, der dann zum besten Film des Jahres ausgezeichnet wurde, konnte ich weniger anfangen. Wenn man bedenkt wie selten es vorkommt, dass Komödien/Musicals dem Dramafach bevorzugt werden, fragt man sich schon, was diese harmlose und etwas orientierungslos erscheinende Liebeskomödie an sich hatte, um zu diesem Kreis der auserwählten aufgenommen zu werden. Mr Weinstein erhielt übrigens damals als Produzent den Oscar und dominierte von da an als Marketingmann die Academy Awards für nun ja, ziemlich lange Zeit bis #metoo.

1999 und schon wieder #metoo. Damals gewann American Beauty und wenn wir mal außer acht lassen, was Kevin Spacey heute vorgeworfen wird, muss ich ehrlich sagen, dass ich dieser Film bei meinem 23-jährigen Ich total den Nerv getroffen hat. Weil er eigentlich ein so untypischer Gewinnerfilm ist, eher eine Indie-Produktion, sehr Amerika/konsum/gesellschaftskritisch, wie er hinter die Fassaden von angepassten Familien blickt und Tabuthemen quasi im Vorbeigehen aufgreift und abarbeitet, ohne dabei irgeneinen moralischen Zeigefinger zu heben. Dazu ist dieser Film sehr ästhetisch in Bild und Musik, man glaubt kaum, wieviel Poesie ein herumflatterndes Einkaufssackerl haben kann, wenn man es richtig in Szene setzt.

2000 hat Gladiator gewonnen und sorry, der Film ist mir einfach zu langsam und zu lang und das Thema ist auch nicht wirklich meines. Das absolute Kontrastprogramm zum vorigen Jahr, eine monumentale Ridley Scott Produktion, die vor Pathos nur so trieft, aber wenn man auf römische Feldherren steht, die sinnierend durch ein Weizenfeld gehen, ist man hier richtig. Im Jahr darauf war übrigens schon wieder Russel Crowe, der an sich ja schon recht cool ist, in einem Gewinner-Film zu sehen, nämlich A Beautiful Mind. Crowe spielt darin das schizophrene Mathematik-Genie John Nash (den es tatsächlich gab) und man warf dieser Ron Horward Produktion vor, aus Kalkül die tatsächliche Persönlichkeit des John Nash von möglicherweise allzu problematischen Wesenszügen befreit zu haben. Der Film ist aber an sich nicht uninteressant, auch wenn ich 2001 total verknallt in Moulin Rouge war.

2002 hat dann tatsächlich ein Musicalfilm gewonnen, aus meiner Sicht aber der falsche. Chicago ist eine sehr angepasste Musical-Verfilmung, die mit Catherine Zeta-Jones eine tolle Nebendarstellerin hat, aber gegen die Baz Luhrmann’sche Innovationskraft sehr brav und bieder wirkt. Ich halte diesem Film nur zu gute, dass er Gangs of New York verhindert hat, den ich wirklich leidenschaftlich hasse. Harhar. Ja, ich weiß, das ist ein Sakrileg, weil von Martin Scorsese, aber ich kanns nicht ändern.

2003 gewann Lord of the Rings alle verfügbaren Oscars außerhalb der Schauspielerkategorien, in denen er nicht nominiert war – ein sogenannter Clean Sweep. Was irgendwie ein bisschen schade ist, weil sowohl Lost in Translation als auch Master and Commander (schon wieder Russel) und auch Mystic River die für mich die wesentlich spannenderen Filme waren, aber Hype ist Hype. Ich bin aber auch kein Fantasy-Fan.