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Der einsame Weg

Kurz vor Weihnachten habe ich Der einsame Weg von Arthur Schnitzler an der Josefstadt gesehen.

Ich mochte Schnitzler immer schon sehr; vor allem dafür, dass er seine Figuren alles noch so ungeheuerliche sagen ließ – als Subtext der Sätze, die sie tatsächlich verwenden. So ist es auch bei diesem Stück, das die großen Themen Schnitzlers behandelt: Lebenstraum und Lebenslüge, Kunst versus Banalität, Leidenschaft, Betrug, Versagen und Versäumnis. Der einsame Weg jeder einzelnen Figur ist der, den sie eigentlich nicht gehen wollte – aber durch eigene (Fehl-)Entscheidung oder schicksalshafte Wendung dann irgendwann doch eingeschlagen hat.

Foto: (C) Theater an der Josefstadt

Der einsame Weg wurde in der Josefstadt recht kühl inszeniert. Jeglicher Lokalkoroit wurde geglättet, das hier muss kein Wiener Stück sein, außer ein paar Ortsangaben deutet nichts auf den Schauplatz der Handlung hin. Das ist nichts schlechtes, denn so fällt auch das Süßliche weg, das Schnitzler-Inszenierungen durchaus gefährden kann. Die moderne Inszenierung erlaubt die Vermittlung einer Art von universeller Wahrheit – obwohl das Stück über hundert Jahre ist, vermittelt es eine extrem zeitgemäße Lesart. Dazu trägt auch das Bühnenbild bei. (Zwischen)Räume, die sich nach jeder Szene geräuschvoll verschieben, meine Begleitung meinte darin das Rattern von Gedanken zu hören.

Die Schauspieler, obwohl alle in grau gekleidet, bleiben keineswegs blaß. Aber obwohl Publikumsmagneten (Maria Köstlinger, Ulrich Reinthaller, Bernhard Schir), tritt dieser Aspekt ganz hinter die Interpretation ihrer Figuren zurück. Ist Reinthaller gar einer der “alten” weißen Männer, die noch soviel begangenes Unrecht als für sie lebensnotwendige und unabdingbare Maßnahme mansplainen? Stilisiert sich Köstlinger als Opfer der Männer und konterkariert damit die feministische Lebensführung, die diese finanziell unabhängige, beruflich erfolgreiche Frau eigentlich perfekt verkörpern würde? Und zieht sich Alma Hasun nach dem Sex ihren Slip etwas zu anzüglich wieder an, um ihrer Beziehung etwas mehr den Charakter einer Affäre zu geben, die sie doch gar nicht haben will?

Nachdenken kann man jedenfalls mehr als genug über diesen Schnitzler-Abend, leider gibt es nur noch eine Vorstellung dieses Stückes in der laufenden Spielzeit. Dafür eine neue Schnitzler Premiere (Zwischenspiel) im Jänner.

Die Stühle

Zum Geburtstag habe ich einen Theaterbesuch geschenkt bekommen und zwar Die Stühle von Eugene Ionesco. Dafür Karten zu ergattern, war gar nicht so leicht, denn Regie führte dabei Claus Peymann, nach dessen Erkrankung dann Leander Haußmann, der ja auch kein Unbekannter ist. Am Ostersonntag wars dann soweit.

Die Stühle, derzeit im Akademietheater zu sehen, ist ein absurdes Theaterstück, dessen Protagonisten ein greises Ehepaar, Semiramis (Maria Happel) und Poppet (Michael Maertens), sind. Die beiden sind über 90 und gefangen in ihrem Alltag aus Langeweile und absonderlichen Ritualen, wobei die beiden Komponenten nicht zweifelsfrei voneinander unterscheidbar sind. Semiramis klagt, dass ihr Mann alles hätte werden können – Chefkoch, Chefredakteur, Chefarzt, Hauptsache Chef-, Poppet es aber nur zu einem Hausmeister in einem Turm auf einer einsamen Insel gebracht hätte. Poppet verspricht, heute, an diesem Abend, würden viele Gäste kommen, um einem von ihm engagierten Redner (Mavie Hörbiger) zu lauschen, der die Quintessenz seines Lebens widergeben würde. Somit sei sein Leben nicht sinnlos gewesen, denn er habe ja die ganze Zeit an seiner Botschaft für die Nachwelt gearbeitet.

Schließlich kommen die Gäste – und auch wieder nicht; Semiramis und Poppet nehmen die – für die Zuschauer unsichtbaren – Menschen in Empfang, führen Smalltalk und holen Stühle, Stühle und nochmals Stühle herbei, die auf der Bühne aufgestellt werden. Tragikkomischer Slapstick wechselt mit Larmoryanz, es wird größenwahnsinnig outriert, im Wechsel mit ganz leisen und nachdenklichen Tönen. Alle, die auf die durch den Redner verkörperte Botschaft warten, werden, nun sagen wir mal überrascht. Denn Ionesco ist nicht Brecht, er hat keine allgemeingültigen Weisheiten zu bieten, er glaubt ja nicht einmal daran, dass es solche gibt.

Ein bisschen denkt man dabei an Warten auf Godot von Beckett, nochmehr allerdings hat es mich an das Kalkwerk von Thomas Bernhard erinnert. Im Kalkwerk – wenn man so will ein ebensolcher Locus terribilis wie die einsame Insel in Die Stühle – arbeitet der Protagonist die ganze Zeit an der bahnbrechenden Studie über das Gehör, sein geniales Opus magnum, für das er alle notwendigen Opfer bringt, sogar seine Frau, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass er niemals eine Zeile dafür zu Papier gebracht hat.

Wer es gern schräg und surreal hat, wird bei Die Stühle sehr gut unterhalten werden, und weil ich es noch nicht erwähnt habe: dazu braucht es auch die richtigen Schauspieler, die nämlich auch keine Scheu davor haben, so lange zu lachen, bis das Publikum auch lacht, wobei dieses gar nicht weiß, worüber eigentlich. Diese Schauspieler hat man in Wien gefunden.