Archiv für Dienstag, 12. Februar 2019

Ästhetisches in den Semesterferien, zwei

In den Semesterferien hab ich mir auch die Thomas Bernhard Doku im Kulturmontag angeschaut, ich finde Bernhard schon immer sehr faszinierend. Auch wenn ich bei ihm zuerst an ein Erlebnis im Gymniasum denken muss, als unsere Deutschprofessorin zu meiner Schulfreundin sagte: “Du schreibst wie Thomas Bernhard” und die darauf antwortete: “In welche Klasse geht der?” Harhar.

Alle anderen Österreicher denken bei Thomas Bernhard vermutlich zuerst an Heldenplatz, den größten Theaterskandal der 2. Republik, auch schon wieder ewig her. Ein Skandal übrigens, der komplett ohne Text funktionierte, weil den Skandal gab es ja bereits vor der Aufführung und das nur deswegen, weil ein Zitat aus dem Text, das die Östereicher als “sechseinhalb Millionen Debile” bezeichnete, allzu wörtlich genommen wurde. Bzw die Rollenprosa direkt als Ansichten das Autors antizipiert wurden. Heute kann man sich kaum mehr vorstellen, dass sogar Leute wie Zilk und Kreisky in die Massenempörung miteinstimmten. Oder wie der Journalist Michael Frank in der Süddeutschen Zeitung schrieb: “Im Augenblick jedenfalls müht sich Österreich, die größtmögliche Übereinstimmung der Wirklichkeit mit Bernhards grotesken Texten herbeizuführen.” Genau deswegen liebte Peymann es auch, in Wien zu inszenieren, weil sich die Wiener noch empören können, im Gegensatz zu den Deutschen. Die Premiere – übrigens Bernhards letzter öffentlicher Auftritt – war ein fulminanter Erfolg und Heldenplatz wurde 120 Mal aufgeführt und zu einer der erfolgreichsten Produktionen des Burgtheaters überhaupt. Auch das ist irgendwie wieder typisch Wien.

Bernhard wurde, meiner Ansicht nach, oft verkannt, vor allem der Witz, der seinen Texten auch innewohnt, den man aber überlesen kann. Am augenfälligsten erkennt man das vielleicht in seinem Einakter Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mir mir essen. Bernhard diagnostizierte sich selbst als einen Kranken, und sagte: “Meine Krankheit ist die Distanz”. Damit ist vielleicht zu erklären, weshalb in seinem Werk Liebe und vor allen Dingen Sex überhaupt keine Rolle spielten – wie auch in seinem Privatleben mutmaßlich nicht. Dennoch hatte Bernhard zwei Menschen, denen er quasi sein Überleben verdankte und das waren sein Großvater und eine 37 Jahre ältere Frau und Vertraute, Hedwig Stavianicek. Übrigens prägte Bernhard für die beiden den Ausdruck “Lebensmensch” – und nicht, wie manchmal angenommen Stefan Petzner (für Jörg Haider)

In meiner Doktorarbeit hab ich unter anderem Bernards Roman Das Kalkwerk analysiert, es ist ein mühsames und anstrengendes Buch und von daher perfekt für den Leitsatz “form follows function”. Denn das Leben eines alten Ehepaares im Kalkwerk – wo der Protagonist Konrad eine wissenschaftliche Studie schreiben will und seine gelähmte Frau quasi im “Dienst der Wissenschaft” zu absurden bis sadistischen Experimenten zwingt – ist ein unbarmherziges. Auch wenn hier ebenfalls Humor durchscheint, etwa, dass immer irgendwas dazwischenkommt, wenn Konrad sich endlich dazu durchringt, den ersten Satz seiner Studie zu schreiben.

Heute vor 30 Jahren ist Thomas Bernhard gestorben.