Archiv für Samstag, 3. August 2019

Unterwerfung

Mein Vater sagte gerne über Männer, die naja, nicht unbedingt jugendlich geblieben wirken: “Na hoffentlich wird der einmal so alt wie er ausschaut.” Das ist natürlich oft etwas übertrieben, um genau diese Pointe anbringen zu können. Beim Autor Michel Houllebecq – Wikipedia ist gnädig und zeigt ein barmherziges Foto – hab ich mich dabei ertappt, genau das ganz unironisch zu denken, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Wobei Houllebecq nicht unbedingt alt aussieht, er sieht sehr ungesund aus. Oder sagen wir so: Ich hoffe, er ist gesünder als er aussieht.

Jedenfalls hab ich seit dieser Woche eine Büchereikarte und mir gleich fünf Bücher ausgeborgt. Und als erstes habe ich Unterwerfung gelesen. Wie die meisten großen Autoren ist Houllebeqc umstritten, die Leserschaft, ja sogar die Kritiker sind sich unsicher, wie sie ihn rezipieren sollen bzw. was er denn jetzt wirklich genau meint. Und was meint Houllebecq denn nun tatsächlich, wenn er ein Frankreich schildert, dass 2022 von einer muslimischen Regierung geführt wird und in dem sich einfach alles verändert? Ist das ein Thilo Sarrazin Szenario, unter dem Motto: Frankreich schafft sich ab? Warnt Houllebecq seine Landsleute vor dem Islam? Ist er gar am Ende ein rechter Autor, der zündelt?

Wenn man mich fragt: er hat einen echt abgefahrenen Humor und Lust an der Provokation. Das liest man schon auf den ersten Seiten und es hat mit dem Islam noch gar nichts zu tun. Nein, es geht da erstmal nur um den Protagonisten Francois, einem Professor für Literaturwissenschaften, der gleich mal lapidar feststellt: “Ein Studium im Fach der Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts.” Ich habe selbst Literatur studiert, ich habe mehr darüber gelacht als ich wahrscheinlich sollte. Das zeigt: Houllebecq (der Name ist übrigens ein Horror zum Schreiben) nimmt vieles nicht ernst, auch und wahrscheinlich vor allem sich selbst nicht.

Der Text ist ein Hybrid: Manchmal eher flapsige Schilderung des deprimierenden Lebens seines Protagonisten Francois – und ja, natürlich geht es da um Alkohol und Sex – und Fertiggerichte. Dann wieder ist es ein Befund, eine Bestandsaufnahme; mehr von Frankreich als vom Islam, der stellenweise eher in Klischees daherkommt. Und dann wieder gibt es Passagen, die einem wirklich Angst machen. Das kann H. also auch mit seiner Sprache, Situationen so bedrohlich zu schildern, dass einem der Atem stockt. So gesehen hätte Unterwerfung auch ein viel finsteres und abgründigeres Buch werden können, bei dem ich mir nicht sicher wäre, ob ich es zuende gelesen hätte.

So ist Unterwerfung aber vor allem ein Unterhaltungsroman, an der Grenze zur Satire, eine Was-wäre-wenn Geschichte, in der Houllebecq demonstriert, dass er virtous auf der Klaviatur des “Skandalsschriftstellers” spielen kann, aber das auf entsprechend hohem Niveau.