Archiv für Mittwoch, 25. Dezember 2019

Frohes Fest

Ich wünsche allen meinen Lesern schöne Weihnachtsfeiertage

Der einsame Weg

Kurz vor Weihnachten habe ich Der einsame Weg von Arthur Schnitzler an der Josefstadt gesehen.

Ich mochte Schnitzler immer schon sehr; vor allem dafür, dass er seine Figuren alles noch so ungeheuerliche sagen ließ – als Subtext der Sätze, die sie tatsächlich verwenden. So ist es auch bei diesem Stück, das die großen Themen Schnitzlers behandelt: Lebenstraum und Lebenslüge, Kunst versus Banalität, Leidenschaft, Betrug, Versagen und Versäumnis. Der einsame Weg jeder einzelnen Figur ist der, den sie eigentlich nicht gehen wollte – aber durch eigene (Fehl-)Entscheidung oder schicksalshafte Wendung dann irgendwann doch eingeschlagen hat.

Foto: (C) Theater an der Josefstadt

Der einsame Weg wurde in der Josefstadt recht kühl inszeniert. Jeglicher Lokalkoroit wurde geglättet, das hier muss kein Wiener Stück sein, außer ein paar Ortsangaben deutet nichts auf den Schauplatz der Handlung hin. Das ist nichts schlechtes, denn so fällt auch das Süßliche weg, das Schnitzler-Inszenierungen durchaus gefährden kann. Die moderne Inszenierung erlaubt die Vermittlung einer Art von universeller Wahrheit – obwohl das Stück über hundert Jahre ist, vermittelt es eine extrem zeitgemäße Lesart. Dazu trägt auch das Bühnenbild bei. (Zwischen)Räume, die sich nach jeder Szene geräuschvoll verschieben, meine Begleitung meinte darin das Rattern von Gedanken zu hören.

Die Schauspieler, obwohl alle in grau gekleidet, bleiben keineswegs blaß. Aber obwohl Publikumsmagneten (Maria Köstlinger, Ulrich Reinthaller, Bernhard Schir), tritt dieser Aspekt ganz hinter die Interpretation ihrer Figuren zurück. Ist Reinthaller gar einer der “alten” weißen Männer, die noch soviel begangenes Unrecht als für sie lebensnotwendige und unabdingbare Maßnahme mansplainen? Stilisiert sich Köstlinger als Opfer der Männer und konterkariert damit die feministische Lebensführung, die diese finanziell unabhängige, beruflich erfolgreiche Frau eigentlich perfekt verkörpern würde? Und zieht sich Alma Hasun nach dem Sex ihren Slip etwas zu anzüglich wieder an, um ihrer Beziehung etwas mehr den Charakter einer Affäre zu geben, die sie doch gar nicht haben will?

Nachdenken kann man jedenfalls mehr als genug über diesen Schnitzler-Abend, leider gibt es nur noch eine Vorstellung dieses Stückes in der laufenden Spielzeit. Dafür eine neue Schnitzler Premiere (Zwischenspiel) im Jänner.

HIMYM

Nach meiner Gilmore Girls Reminiszenz hab ich jetzt übrigens mit der Wiederholung von How I met your mother angefangen. Die Serie hab ich ja damals gar nicht bis zum Ende gesehe, weil es mich irgendwann genervt hat, dass man die Muttersuche so hinaus gezögert hat.

Ich muss sagen, dass Gilmore Girls für mich besser gealtert ist als HIMYM. Natürlich sind hier wie da die Staffeln von unterschiedlicher Qualität, aber HIMYM driftet doch sehr oft ins Klamaukige und Slapstick-hafte ab und behandelt auch seine Protagonisten nicht immer ganz liebevoll. Oder sagen wir so, für einen guten Gag verkauft man schon mal deren Integrität.

Natürlich ist HIMYM immer noch unterhaltsam, gestern war sogar ein sehr witziger Dialog, an den ich mich noch vom ersten Mal sehen erinnern konnte. Und zwar geht es darum, dass Lily wenn sie jemanden nicht leiden kann, den Freunden immer vorschreibt, diese Person auch nicht mögen zu dürfen. Deshalb kommt es zum Streit mit Ted.

Ted: “I blindly hated Renee Zellweger with a burning passion for eight years only to discover you meant Reese Witherspoon.”

Lily: “I hate her until I get my money back for You, me and Dupree

Ted: “That’s Kate Hudson!”

Lily: “Ok guys, we hate Kate Hudson!”

Und nochmal Frühstück

Wieder mal habe ich neue Frühstückslocations ausprobiert. Was folgt, ist absolut unbezahlte Werbung. Diese Frühstücke hab ich mit Freundinnen gemeinsam eingenommen und aus eigener Tasche finanziert.

Zuerst mal Cafe Stein im 9. Bezirk. Dort habe ich eine Lachseierspeis mit Avocado und Vollkornbrot. Sah sehr hübsch aus und schmeckte auch gut.

Beim nächsten Mal waren wir im Ulrich, einem Hipster Lokal im 7. Bezirk. Dort habe ich ein Frühstück gegessen, das gleichzeitig Mittagessen war, so satt war ich bis abends, es nennt sich Tabula Rasa:

Lustig ist übrigens, wenn man beim Zahlen dann sagt, ich hatte dieses große Frühstück, ich habe den Namen vergessen (Tabula rasa, eben)

Und diese Woche war ich mit I., die wieder mal aus I. zu Besuch ist (hihi) im Naschsalon, einem wirklich netten, wenn auch sehr kleinen Lokal am Lichtensteinplatz mit vielen selbstgemachten Süßigkeiten – ich hab dann aber ein klassisches Frühstück mit Ham and Eggs gegessen:

And the pain stays the same

Marie Fredriksson – sehr gut bekannt als weibliche Hälfte des Duos Roxette – ist gestorben.

Und ich bin ganz kurz wieder Teenagerin, so wie offenbar übrigens auch meine ganze Twitter und Facebook Timeline. N. schreibt mir auf Whatsapp: “Das war meine erste Lieblingsband”. Der Musikproduzent Walter Gröbchen schreibt auf Facebook: “Für ein paar Monate war das die beste Musik, die man auf einem Mainstream Pop Sender spielen konnte.” Und was ihr Bandkollege Per Gessle über Marie Fredriksson geschrieben hat, kann man kaum lesen, ohne, dass einem Tränen in die Augen steigen.

Ich war 15 als Joyride veröffentlich wurde. Meine Jugendzeit hört sich genauso an wie dieses Album. Es war nicht das erste Hit-Album von Roxette, aber es war reifer und vielschichtiger als Look Sharp. Ich übernachtete bei meiner Freundin S., es war dunkel im Zimmer und wir hörten alle Songs bis wir einschliefen. Jeden Morgen, wenn ich S. für die Schule abholte, sang sie jetzt Roxette Songs. Es klang wunderschön. Damals wussten wir beide noch nicht, dass sie einige Monate schlimmen Liebeskummer haben würde und Fading like a flower und Spending my time zu ihren persönlichen Schmerzenshymnen werden würden. Wahrscheinlich erinnert sie sich heute wieder daran.

So wie wir uns alle – 40 plus zumindest – an den Moment erinnern, in dem Richard Gere Julia Roberts eine Perlenkette in einer Schmuckschatulle zeigt. Als Roberts die Kette berühren will, klappt er die Schachtel zu, sie erschrickt und beginnt zu lachen. Zumindest denke ich da immer als erstes daran, wenn ich It must have been love höre. Wenn man als schwedische Band das retardierende Moment eines der kultigsten Hollywood Liebesfilme überhaupt musikalisch untermalen darf, dann hat man wohl geschafft, den Zeitgeist perfekt einzufangen.

1994 hat Per Gessle einen stillen, eigentlich ziemlich unscheinbaren Song geschrieben, der den – diesbezüglich – irreführenden, ja fast comic-artigen Titel Crash Boom Bang trägt. Diesen Song habe er für seine Bandkollegin geschrieben, sagte er damals, er beschreibe Marie, die da singt: “My mama told me not to mess with sorrow, but I always did, and lord I still do.”

Ich empfand und empfinde Crash Boom Bang auch tatsächlich als Roxettes persönlichsten Song, deshalb habe ich ihn heute sofort angehört, als ich von ihrem Tod gelesen habe.

Jugendwort des Jahres

“Brexiten” ist also Jugendwort des Jahres.

Ich zu Kind: “A. benutzt du das Wort brexiten?”

Kind: “Digger, niemand sagt das.”

Im Gegensatz zu zum Beispiel “Digger” (Anm. der Verfasserin). Ich glaube ja, dass “brexiten” nur ein guter Gag für Sprachforscher ist, in freier Wildbahn aber tatsächlich nicht vorkommt.

Wenn ich zum Beispiel das Wort Digger benutze, sagt das Kind übrigens: “Der Moment, in dem eine 43 jährige versucht jugendlich zu wirken.” Ja eh.

Spotify Jahrescharts

Ich habe mich geirrt, was meine Spotify Prognose angeht. Nicht die ersten fünf Songs sind Soncontest-Songs, sondern die ersten 20. (Hier bitte mehrere Affen Emojis einfügen)

Außerdem bin ich offenbar wieder 21 oder so, weil mein Top 1 Song ist eigentlich aus der Rubrik guilty pleasure. Es handelt sich nämlich um Luca Hänni mit She got me. Mir ist ein Rätsel, wie der vor Soldi landen konnte – der tatsächlich Platz zwei geworden ist, nicht nur beim ESC, sondern auch bei mir in den Jahrescharts. Na ja vermutlich, weil ich den öfters verwende, wenn ich einfach mal vor mich hin tanzen möchte…

Der erste Song in meinen Jahrescharts, der nichts mit dem Songcontest zu tun hat, ist übrigens The Carpet Crawlers von Genesis aus dem Jahr 1975. Abseits des ESC bin ich also total am Puls der Zeit. Harhar.

Ich hoffe, meine LeserInnen schätzen es, wenn ich hier gnadenlos ehrlich bin, auch wenns bisschen peinlich ist.

ESC – best of der Dekade

Weil auf Twitter gefachsimpelt wird, was nun der beste ESC-Gewinnersong der Dekade ist, hab ich mir auch meine Gedanken gemacht. Ich finde das gar nicht so leicht, weil ich die meisten der Gewinnersongs der letzten zehn Jahre gut bis ok finde.

Wenn ich danach gehe, was ich in meiner Song Contest Playliste auf spotify am meisten höre, dann heißt die Gewinnerin Netta mit Toy, für Israel. Einen Song, den ich beim ersten Mal hören irgendwie strange, aber trotzdem gut fand. Mir ist natürlich klar, dass gerade Netta bei ihrem Sieg 2018 sehr polarisiert hat und ich muss auch erwähnen, dass ich ihren Bühnenauftritt nicht besonders gelungen fand, weil es schwer ist, das Feeling von Toy auf die Bühne zu bringen; aber der Song selbst ist und bleibt für mich die Nummer 1 der Gewinnersongs der 2010er Jahre, wenn ich mich entscheiden müsste.

Auf Platz 2 würde ich es genau umgekehrt machen: da steht für mich ein Song, der auf der Bühne einfach irrsinnig gut rübergekommen ist und meiner Ansicht genau deshalb auch gewonnen hat. Wegen dieser einzigartigen Performance. Es handelt sich um Salvador Sobral, der 2017 mit Amar pelos dois für Portugal gewonnen hat. Wir wissen alle, dass Sobral damals schwer herzkrank war, einige Monate später ein neues Herz bekam und jetzt soweit wieder gesund ist. In seinem Song singt er über eine zerbrochene Beziehung und, dass er ja für zwei lieben könne – Amar pelos dois eben. Und das rührt mich schon sehr.

Platz 3 – und es wird nicht einfacher, würde ich an Ell und Nikki vergeben mit Running Scared. Das Duo aus Aserbaidschan war vielleicht nicht der einprägsamte Sieger, aber ich finde diesen kleinen, eigentlich recht unscheinbaren Song immer noch sehr bezaubernd. Ich erinnere mich auch gut daran, dass die beiden 2011 nach der österreichischen Starterin Nadine Beiler an der Reihe war, und jemand bei der damaligen ESC Party sagte: “Das ist jetzt blöd, dass die nach uns dran kommen.” Guter Riecher würde ich sagen, denn ich glaube Favoriten waren Eli und Nikki nicht wirklich.

Mans Zelmerlöw hat mir damals in Wien als Sieger mit Heroes gar nicht gefallen, mittlerweile finde ich den Song aber ganz gut, wenn man diese Strichmännchen-Show wegdenkt. Weniger vorteilhaft finde ich Lenas Satellite gealtert. Wirkt irgendwie etwas altmodisch, wenn man ihn jetzt hört. Gerne höre ich immer noch Emmelie de Forest mit Only Teardrops. Der diesjährige Siegersong Duncan Laurence mit Arcade ist für mich schon ein bisschen in Vergessenheit geraten. Ich war aber ohnehin immer der Meinung, dass hier weniger der Song bewertet wurde, als das vermittelte Gefühl (“Loving you is a losing game). Loreen mit Euphoria ist der beliebteste Siegersong, wenn man nach den Befragungen im ESC Merci Cherie Podcast geht. Und Conchita? Die hab ich wegen Befangenheit ausgelassen. Aber großartig, sowieso.

The Irishman

Ehrlicherweise muss ich sagen, ich hätte mir den neuen Scorsese The Irishman im Kino wohl nicht angesehen.

Ich bin (Sakrileg!) kein besonders großer Scorsese Fan. Mein Lieblingsfilm von ihm ist The Departed und das war bezeichnenderweise ein Remake (von Internal Affairs). Ich finde seine Filme immer zu lang und er geht mit seinen Figuren äußerst distanziert um, das ist irgendwie nicht meine Welt. Zu The Irishman hab ich auf Twitter gelesen, dass die ersten 90 Minuten etwas zäh sind, wo ich mir dann gedacht habe, dass andere Filme da schon zuende sind. Na ja, aber nachdem The Irishman auf Netflix läuft und gute Oscar Chancen hat, hab ich ihm also eine Chance gegeben.

Worum geht es also? Um Frank Sheeran (Robert de Niro) – irischstämmig, siehe Filmtitel – ursprünglich Lastwagenfahrer, der aufgrund von Fleischlieferungen an die Mafia immer wieder mit der “Familie” zu tun hat, bis er irgendwann selbst Teil davon wird. Im Zuge dessen wird Frank zum Leibwächter des berühmten Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa (Al Pacino) und hat ein Vereinbarkeitsproblem der anderen Art – er muss seinen neuen Job mit seiner wirklichen Familie, vor allem seinen Töchtern vereinbaren, die mit zunehmendem Alter immer weniger Verständnis dafür aufbringen können. Und auch sonst läuft alles nicht ganz rund…

In einer der eigentlich zwei Rahmenhandlungen sitzt de Niro im Rollstuhl in einem Altersheim und es könnte deprimierender nicht sein. Warum Scorsese sich entschlossen hat, gerade die Anfangsszene mit dem Song In the still of the Night zu unterlegen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Die schlüssigste Erklärung ist wohl die, dass Scorsese niemals Dirty Dancing gesehen hat, und daher offensichtlich nicht weiß, dass jeder diesen Song mit der ersten gemeinsamen Nacht von Johnny und “Baby” verbindet. Ihn an dieser Stelle wiederzuhören ist doch mehr als befremdlich, um es mal vorsichtig auszudrücken.

The Irishman ist, wenn man so will, naturalistischer als frühere Scorsese Werke. Die Mafia hat ganz und gar ihre Coolness verloren, die Brutalität und Gewalt passiert auf nonchalente Weise. Da gibt es nicht endlose Action und perfekt durchchoreografierte Gewaltszenen, sondern da wird die Pistole angesetzt, zweimal abgedrückt und das wars dann. Was ist die Triebfeder der Männer, auf diesen Weg eingebogen zu sein? Ist es wirklich nur Geld, ist das eine Art von Geborgenheit, die sie innerhalb der Organisation spüren, ist es resignative Ausweglosigkeit? Ich weiß es nicht und auch der Film schafft es für mich nicht, diese Frage zu beantworten. Hier wird abgebildet, nicht großartig analysiert, es geht Scorsese mehr um Atmosphäre als um ein Blicken hinter die Fassade.

The Irishman ist natürlich ein guter Film. Scorsese versteht sein Handwerk ebenso wie seine hochkarätigen Schauspieler. Aber die drei Stunden und nochwas bringen mich in diese typisch resignative Stimmung, in die ich mit Scorsese Filmen oft gelange. Und das ist nichts, was ich in einem Film suche und das war noch nie anders.

Waiting for Spotify

Andere machen am 1. Dezember eine Tür im Adventkalender auf, ich warte auf meine Spotify Hitliste mit meinen meistgespielten Songs des Jahres. Wie jedes Jahr informiert einen Spotify big brother mäßig über die eigenen Hörgewohnheiten und während mich das im ersten Jahr noch etwas befremdet hat, kann ich es mittlerweile kaum mehr erwarten.

Wobei ich dieses Jahr eine Prognose abgebe. Ich glaube, dass mein meistgespielter Song des Jahres Soldi von Mahmood sein wird – der 2019 Zweiter beim Eurovision Song Contest wurde. Die Bühnenperformance hat mir zwar nicht sonderlich gefallen, weil das auch eher ein Radiosong ist, aber dort funktioniert er super (und das Video ist auch fein). Soldi ist übrigens vor einigen Wochen zum meistgespielten ESC Song auf Spotify geworden, mit 123 Millionen Downloads oder so. Jedenfalls haben Marco Schreuder und Alkis Vlasakakis in ihrem ESC Podcast gemeint: Wow soviele Millionen Streams, da kriegt Mahmood jetzt ungefähr 23,50 Euro dafür. Harhar. (It’s funny cause it’s true).

Na jedenfalls erwarte ich Soldi auf Platz 1 und die anderen vier aus den Top fünf könnten eventuell auch ESC Songs sein… (hier den Affen-Emoji dazu denken, der sich die Hände vors Gesicht hält)