Archiv für Mittwoch, 22. Januar 2020

Fleabag, eins

Jetzt hab ich doch tatsächlich eine gänzlich neue Serie auf Amazon Prime entdeckt. Eine Serie, die Harald Schmidt empfiehlt, die mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde und die nur aus zwei Staffeln besteht, zu je sechs Folgen. Und dennoch ist sie kultig. Sie heißt Fleabag.

Wenn man sich die Beschreibung durchliest, könnte man zunächst einen falschen, jedenfalls zu flachen Eindruck von Fleabag (Phoebe Waller-Bridge, die die Serie auch geschrieben und entwickelt hat) bekommen. Fleabag – das ist ihr Spitzname, ihr tatsächlicher Name wird nicht erwähnt – wird als chaotische, leicht perverse Frau beschrieben, die Pornos schaut, ständig wechselnde Männerbekanntschaften hat und sich durch London schnorrt. Das alles stimmt schon, dennoch ist sie viel mehr. Das wird schon in der allerersten Szene klar, in der sie nachts um zwei auf einen Mann wartet, der kurzfristig bei ihr vorbeikommen wollte. Dabei erzählt sie dem Publikum – mittels Durchbrechen der vierten Wand – , wie sich sich seit einer Stunde auf diesen Moment vorbereitet hat (geduscht, sich rasiert, eine halbe Flasche Wein getrunken) und jetzt so tun muss, als hätte sie fast vergessen, dass er vorbeikommt. Dabei gibt sie zu, wie aufgeregt sie ist. Alleine diese eine Szene gibt der Protagonistin Tiefe und Wahrhaftigkeit und als Zuschauer merkt man sich diese Szene und erkennt nach ein paar Sätzen bereits viel von ihrem Charakter – bei aller Flapsigkeit, die Fleabag im Verlauf dieser zwei Staffeln noch ausstrahlen wird.

Und die Flapsigkeit geht schon in der zweiten Szene los, als Fleabag und der Lover “gleich loslegen” und sie die folgende Tätigkeit als “durchschnittliches Rumgevögel” bezeichnet. Das ist das zweite, neben den sehr differenziert gezeichneten Charakteren, das an dieser Serie sensationell ist: diese absolut offene, tabulose Sprache, die dennoch nicht unnötig vulgär wird (es sei denn, man kann es prinzipiell nicht leiden, Dinge offen auszusprechen), sondern vorallem frech und erfrischend wirkt. Über ihre on/off Beziehung und ihren Freund Harry sagt Fleabag: “Er will immer nur Liebe machen. Warum kann er mich nicht einfach vögeln?” Und als sie ihrer Familie einen anderen, gerade aktuellen Freund vorstellt und sie fragen, wie sie sich kennengelernt haben, sagt sie (allerdings nur in Zwiesprache zum Publikum): “Er hat mich in den Arsch gefickt.” Wenn einem diese paar Zitate beim Lesen allerdings Schwierigkeiten bereiten, rate ich von dieser Serie eher ab. Harhar.

Fleabag hat natürlich eine Geschichte. Und die ist gar nicht mal so lustig. Sie besitzt ein kleines Cafe, das sie eigentlich mit ihrer Freundin Boo betrieben hat. Aber Boo ist gestorben – die Umstände sind skurill und gleichzeitig tragisch – und Fleabag kommt über ihren Tod nur schwer hinweg. Dazu kommt der Verlust ihrer Mutter, die ebenfalls noch nicht lange tot ist. Ihr namenloser Vater ist ein gutmütiger, herzlicher Mensch, die Stiefmutter (herrlich unsympathisch: Olivia Coleman) ist der passiv-aggressive Horror, den sie mit einer Menge Zuckerguß-Überfreundlichkeit zu überdecken versucht. Ihre Schwester Claire (Sian Clifford) ist verklemmt und neurotisch und hat ihr eigenes kompliziertes Leben. Die Familienzusammenkünfte sind teilweise bis an die Schmerzgrenze peinlich, aber irgendwie freut man sich als Zuseher darauf, wenn alle wieder zusammentreffen. Und ich denke Waller-Bridge geht es ähnlich, man markt ihr die diebische Freude an, die sie beim Schreiben dieser Szenen wohl gehabt haben dürfte.

…to be continued…

Jen and Brad

Ja, heute haben alle ein Foto von Jen und Brad bei den SAG Awards bewundert.

Aber ich habe unlängst gerade die Friends Folge The One with the Rumor gesehen, in der Brad Pitt Gaststar war, und einen ehemaligen Schulkollegen von Rachel (Aniston) spielte, der sie in der Schule gehasst hat. Was natürlich besonders pikant war, da Aniston und Pitt damals relativ frisch verheiratet waren. Es war also einerseits eine bemerkenswerte Folge wegen des Gastauftritts des damals schon extrem erfolgreichen Filmstars Pitt, andererseits wegen dem Glamourfaktor des Ehepaares Pitt/Aniston.

Aniston hat gestern einen SAG-Award für ihre Serienrolle in The Morning Show erhalten, Pitt als bester Nebendarsteller für Once upon a time in Hollywood, und man lehnt sich nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn man sagt, dass er in drei Wochen ziemlich sicher auch den Oscar bekommen wird.

Was mit ihm und Aniston noch so passiert, da traue ich mir keine Prognosen zu.

Oscars 2020, zwei

Was ist noch zu den Nominierten zu sagen: Also Tom Hanks ist wieder mal an der Reihe, der auch eine durchaus wechselvolle Oscar-Historie hat. Er ist zum sechsten Mal nominiert und hat 1994/95 back-to-back Oscars gewonnen – für Philadelphia und Forrest Gump. Seit 2001 aber völlige Ebbe, obwohl er ja die letzten 19 Jahre nicht untätig war. Relativ ungewöhnlich, für jemanden, der quasi ein Kritiker-Darling war. Wie auch immer: 2020 ist es wieder soweit, er ist als Nebendarsteller nominiert, für seinen Film A beautiful day in the neighbourhood.

Das erste Mal nominiert ist Antonio Banderas – und ich freue mich sehr darüber, weil ich ihn unbeschreiblich gut fand, in Leid und Herrlichkeit. Auch wenn ich den Almodovar Vorgänger Julieta noch eine Spur intensiver empfunden habe, es ist einfach der Film von Banderas, auch wenn er gegen Phoenix keine Chance haben wird.

Bereits zum vierten mal ist Saoirse Ronan nominiert und das im zarten Alter von 25. Wer wissen will, wie man ihren Namen richtig ausspricht, ich habe schon mal darüber gebloggt, merke es mir aber trotzdem auch nie. Sie selbst sagt, ihre Name sei “ridiculous”. Und, auch spektakulär: Scarlett Johansson ist erstmals nominiert, und das gleich zweimal, sowohl als beste Hauptdarstellerin für Marriage Story, wie auch als beste Nebendarstellerin für Jojo Rabbit.

Eine interessante Doppelnominierung der anderen Art gibt es in der Kategorie bester männlicher Nebendarsteller. Da sind sowohl Al Pacino wie auch Joe Pesci für The Irishman nominiert. In dieser Kategorie haben übrigens alle Nominierten bereits einen Oscar zuhause stehen, Brad Pitt allerdings als Produzent (12 years a slave)

Oscars 2020, eins

Gestern wurden die Oscar Nominierungen bekannt gegeben und wie jedes Jahr gehen damit auch einige Kontroversen einher.

Die größte dieses Jahr: Wieder keine Regisseurin nominiert, obwohl Greta Gerwigs Film Little Women für sechs Oscars insgesamt nominiert wurde. Fairerweise muss man dazu sagen, dass Gerwigs Ehemann Noah Baumabch für seinen Film Marriage Story ebensooft nominiert wurde – aber ebenfalls nicht in der Kategorie Regie. So kann es hier zumindest keine Konflikte geben. Und obwohl beide für einen Drehbuchoscar nominiert sind, gibt es auch hier keine Probleme, denn Baumbach hat ein Originaldrehbuch geschrieben und Gerwig eines adaptiert, also zwei unterschiedliche Kategorien.

Darin liegt auch schon eines der Argumente, weshalb Gerwig nicht Regie-Oscar worthy sei: sie hat ein Buch verfilmt, das vor ihr bereits fünfmal verfilmt wurde. Über dieses Argument habe ich lange nachgedacht, letztendlich ist das aber für mich kein Grund. Fast im Gegenteil: einen Stoff so neu zu verfilmen, dass er eine andere Sichtweise und Perspektive bietet als die Vorgängerversionen, erscheint mir nicht besonders einfach zu sein. Und wenn wir uns erinnern: Martin Scorsese bekam seinen bisher einzigen Regieoscar (The Departed) tatsächlich auch für ein Remake. Und zwar für das Remake eines Filmes und nicht einer Buchneuverfilmung.

Dann gab es noch das Argument, dass Gerwig nicht die beste Frau im Filmgeschäft dieses Jahres war, es hätte da noch andere gegeben, deren Filme nicht mal irgendwo nominiert waren, weil eben auch Hollywood voller alter weißer Männer sei, die gerne andere weiße Männer nominieren. Prinzipiell ist es schon gut, wenn man darüber spricht, denn bisher hat wirklich nur eine Frau den Regieoscar gewonnen (Kathryn Bigelow 2010 für einen Kriegsfilm The Hurt Locker) – und insgesamt waren erst fünf Frauen insgesamt für einen Regieoscar nominiert: Lina Wertmüller 1977 (Sieben Schönheiten), Jane Campion 1994 (Das Piano), Sofia Coppola 2004 (Lost in Translation) und Greta Gerwig (sic) 2018 (Lady Bird)

Prinzipiell kann man aber schon sagen, dass Gerwig jetzt nicht gerade die schlechteste Karriere in Hollywood hinlegt.

At my most beautiful

Gut ins neue Jahr gekommen. Heute wäre eigentlich der 12. Geburtstag des Kindes (nach den Berechnungen), tatsächlich ist er ja schon eine ganze Weile zwölf. Dafür hat Michael Stipe heute Geburtstag und wird 60 Jahre.

Auf Twitter hat jemand sich an die neunziger Jahre erinnert und, dass er in Italien dauernd REM gehört hatte, auf allen Radiosendern. Das kann ich bestätigen. Ich war 1991 auf einem Schüleraustausch in Trento und alle dort waren verrückt nach REM oder wie sie die Band nannten “Rar-Re-Rem”, damals war Losing my Religion ein riesiger Hit und wie wir alle – jetzt – wissen, geht es in dem Song nicht darum, seinen Glauben zu verlieren, sondern eher seine Fassung. Es ist einer dieser Songs, die in den Listen der besten Songs aller Zeiten sicherlich immer seinen Platz haben wird.

Ich bin nicht der größte REM Fan oder Kenner, aber ich erinnere mich noch gut an das Everybody hurts Video, das sehr stark von der Anfangsszene des Fellini Films 8 1/2 inspiriert wurde. Stipe verkörpert darin quasi Marcello Mastroianni und daran ist wirklich nichts schlechtes.

Gut gefallen hat mir auch Bad day – von der aufgereten Vortragsweise erinnert der Song mich sehr an We didn’t start the fire von Billy Joel. Sehr lebhaft für Stipe’sche Verhältnisse. Und REM sparen da nicht mit Gesellschaftskritik, politischer Kritik und Kritik an Medien, die ja wohl nicht lügen würden, da bleibt dann wohl nur die Zusammenfassung: “It’s been a bad day, please don’t take a picture.”

Aber REM kann auch ganz anders, wie die sehr poetischen Lyrics zu At my most beautiful belegen, als Stipe – adressiert an seinen Geliebten – singt, dem er etwas auf den Anrufbeantworter gesprochen hat: “I read bad poetry into your machine”, sowie: “You listen carefully to akward rhymes”, und weiter “You always say your name, like I wouldn’t know it’s you”. Als sehr schönes Liebeslied empfinde ich auch E bow the letter, ein Duett von Michael Stipe mit Patti Smith, das an Understatement kaum zu überbieten (oder eher zu unterbieten) ist. Und außerdem die sehr schöne Zeile “Will you show me something that nobody else has seen?” beinhaltet.

Michael Stipe hat sich bewusst am Höhepunkt seiner Karriere als homosexuell geoutet, er wollte nie vorgeben jemand zu sein, der er nicht ist. Vielleicht das größte Erfolgsrezept von allen.