Doppelzimmer mit Horwath

Gestern, zu Allerheiligen sendete fm4 ein Doppelzimmer (noch sechs Tage zum nachhören) mit Alexander Horwath, nunmehr Ex-Direktor des Filmmuseums.

Ich bin ja eine bekennende Horwath Fanin, seit ich ihn von der Oscar-Co-Moderation im ORF kenne. Erstens, weil er ein wirklich Auskenner ist und ich immer wieder von ihm lerne, wenn er über Film spricht und zweitens, fast genauso wichtig, er nicht nur ein Liebhaber des Arthouse Kinos ist (dem ich auch sehr viel abgewinnen kann), sondern auch das (gute) Hollywood Kino sehr schätzt. Das finde ich immer schön, wenn so jemand nicht die Nase rümpft über den scheinbaren Kommerz, denn nicht jeder US-amerikanische Film ist per se schlecht, nur weil es sich um eine Hollywood-Produktion handelt.

Im Doppelzimmer mit Elisabeth Scharang darf Horwath nun zwei Stunden (mit natürlich einigen Musikunterbrechungen) über Film und sich selbst sprechen und es war wie immer sehr aufschlussreich und schön zum zuhören. Er findet zb dass der Western als Genre uns noch einiges zu sagen hätte, ihm ist aber bewusst, dass das Genre nicht gerade in aller Munde ist, derzeit. Den letzten Tarantino Western The Hateful Eight mochte Horwath aber zum Beispiel nicht so besonders, weil er ihn als zu postmodern empfindet, “als dreifach ums Eck gewickelter Western” und wohl als “Western to end all Westerns” konzipiert war, also als quasi überdrüber Western, in dem alles reingepackt ist, nur der alte tatsächliche Western-Spirit weniger.

Sehr witzig fand ich auch, dass er einen Song von Jeanne Moreau mitgebracht hat, nämlich Le tourbillon den ich selber sehr mag, auch wenn ich kein Wort verstehe, da ich nicht französisch kann, aus dem Film Jules und Jim und den ich komischerweise vor gut einer Woche zufällig in meinen youtube Bookmarks wieder gefunden habe. Horwath denkt laut darüber nach wie das ist, einen Song quasi unmittelbar im Film zu singen und nicht als Soundtrack über eine Szene zu legen und welche Wirkung das hat. Im Fall von Jules und Jim eine sehr bedeutsame natürlich.

Interessant ist auch, als Scharang ihn fragt, wie das für ihn so war mit Sexualität, die man meist quasi durch Film kennenlernt, bevor man sie selbst praktiziert. Das hab ich mich auch schon lange gefragt, weil ich eine Freundin hatte, die ihr Beziehungsleben immer in Relation zu dem stellte, was sie im Kino so sah und das war sehr oft natürlich viel zu idealistisch und ziemlich realitätsfern. Scharang meinte, das Kino habe ihr viele Dinge beigebracht, diesbezüglich, auch “viel Blödsinn” – Horwath hat dazu einen anderen Zugang. Er hat damals die Klischee-Filme vermieden und lieber Bogart und Bacall geschaut. Was hat er dabei gelernt, fragt Scharang: “Geste, Pause, Stille.” (…) Ich bin ein Quassler. (…) Wenn man auch weiß, wo man ein Wort sagt und wie man besser schweigt (…) Wie eine Geste fünf ganze Sätze ersetzen kann.”

Super, dass genau nach dieser Gesprächspassage mein Lieblingssong als Tween folgte, den ich immer noch total gern mag, nämlich Do you remember the first time von Pulp, passt zur nerdigen Selbstbeschreibung von Horwath, denk ich. Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema erster Sex, aufgrund der mutmaßlichen Wiederbegegnung des Song-Protagonisten mit dessen erster Freundin. Man kann da sehr viel interpretieren in die Lyrics, und das ist immer spannend.

Spannend ist auch, dass Horwath derzeit noch nicht weiß, was er als nächstes beruflich machen wird oder will. Und das findet er gerade auch sehr gut so. Denn jetzt, mit 52, war es ihm wichtig, “in einem Lebensabschnitt zu sein, in dem man nicht weiß, was der nächste Lebensabschnitt sein wird, das war mir wichtig, so einen Moment nochmal zu erhaschen, (…) dass es nochmal einen Moment gibt, wo man nicht weiß, wie es weitergeht.”

Ich hoffe jedenfalls, weiterhin von ihm zu hören und auch auf weitere Einsätze als Oscar-Co-Moderator.

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