Eine sexuelle Biografie

Auf fm4 hab ich zufällig eine Rezension zu Doris Anselm Roman Die Hautfreundin. Eine sexuelle Biografie gelesen. Und hab mir gedacht, das Buch muss ich haben.

Ich habe schon sehr lange kein Buch mehr gelesen. Weil mir die Ruhe dazu gefehlt hat. Weil meine eigenen Gedanken zu laut waren, mich abgelenkt haben, von dem, was mir ein Autor erzählen will. Frau Anselm hat es geschafft, meine Aufmerksamkeit nicht nur zu erregen, sondern auch zu halten. Ich habe Die Hautfreundin innerhalb von zwei Tagen ausgelesen.

Eine sexuelle Biografie – nun ja, das liest sich erstmal etwas verrucht. Was ist das, ein Porno zwischen zwei Buchdeckel? Nein, ganz und gar nicht. Obwohl es natürlich schon darum geht, dass die namenlose Protagonistin ihre erotische Biografie vor der*m geneigten Leser*in ausbreitet. Die Protagonistin lebt in keiner Beziehung, sondern hat wechselnde Partner, mit denen sie Sex hat. Aber es ist nicht nur anonymer, beiläufiger Sex, das wäre ja auch sehr langweilig zu lesen.

Es sind tatsächlich Begegnungen, die wenn auch nicht auf Liebe beruhen, dann zumindest auf einer gewissen – sexuellen – Verbindung, auf starker körperlicher Anziehung, auf der Lust, miteinander eine kleine Geschichte zu schreiben. Es ist sinnlich und teilweise auch explizit, manchmal aber auch voller schwer aufzulösender Umschreibungen, dass man gar nicht so genau weiß, was da nun im Detail passiert ist. Und das macht das Buch natürlich auch spannend und lässt viel Spielraum für eigene Fantasien.

Doris Anselm spricht eine betörende Sprache. Und sie findet Formulierungen, die weder harmlos-blumig sind, noch derb-explizit. Sie beobachtet ganz genau, wenn sie schreibt: “Kommen. Ich will kommen und ich will ihn kommen sehen. Ich will wissen, ob es verschiedene Orte sind, an die wir gelangen.” Oder: “Ich wand mich hilflos unter seiner Berührung, presste das Gesicht ins Kissen und stöhnte immer wieder, ein Stöhnen das mir völlig fremd war (…) unsagbar peinlich und so geil wie kein Geräusch, an das ich mich erinnere.”

Oder, etwas aus dem praktischen Leben, was wir, sind wir uns ehrlich in der einen oder anderen Form alle kennen, den Kopf verlieren und dabei doch noch irgendwie an mögliche Konsequenzen denken; und überlegen, wie weit man jetzt tatsächlich gehen will, wenn man sich zwingt, noch schnell einen klaren Gedanken zu fassen. Im Buch ist das Sex auf einem Parkplatz, auf den die Protagonistin nicht vorbereitet war (ergo keine Verhütungsmittel zur Hand sind): “Gut, vielleicht hätte man bei uns damit rechnen können. Rechnen müssen. Also rechne ich jetzt, ich verrechne alles Mögliche miteinaner, Zyklusphase, Risiko, Pauls mutmaßliche sexuelle Vorgeschichte und die Minuten, die uns bleiben, bevor das zu spät kommen auffällig wird.”

Anselm gibt ihrer Protagonistin eine selbstbestimmte, feministische Stimme, sie lässt sie ein erfülltes, üppiges Leben führen, ein Leben, dass Frauen vor einiger Zeit in der Art und Weise noch nicht hätten führen können, ohne zumindest schief angeschaut zu werden. Ihre Protagonistin darf nicht nur glücklich sein, sie darf geil sein und sie darf alles darüber erzählen, was sie möchte, wie sie es möchte – und wir LeserInnen sollen sehen und spüren, das es vollkommen in Ordnung so ist. Und, dass wir das selbst auch dürfen. Auch wenn es uns vielleicht nicht gelingt, so schöne Worte dafür zu finden.

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