Wie es wirklich ist in Favoriten zu leben

Heute machte ein Text über meinen Heimatbezirk Favoriten die Runde in den sozialen Medien, erschienen im Biber und nennt sich Wie es wirklich ist in Favoriten zu leben.

Ich muss sagen, der Text hat was. Als in Favoriten Sozialisierte kann ich da vieles unterschreiben. Gut, Dönerstände gabs in meiner Jugend noch nicht soviele… Man bekommt aber wirklich immer eindeutige Rückmeldung, wenn man sagt, dass man im zehnten Bezirk wohnt, und diese Rückmeldung schwankt zwischen Mitleid und großem Mitleid. Einmal sagte jemand zu mir, als ich ihn gegenfragte, wo er denn wohne: “Ich wohne in einem schönen Bezirk.” Ziemlich vielsagend, oder?

Finden wir (Ex-)Favoritner unseren Bezirk schön? Nun ja, es kommt darauf an. Im Text heißt es, es sei ein Unterschied, ob man in Oberlaa (Naherholungsgebiet) wohne oder in der Herzgasse, dann muss ich sagen, ich hab fast in der Herzgasse gewohnt, und ich weiß, was die Autorin meint. Ich habe auch mal fast am Reumannplatz gelebt, und zwar acht Jahre lang und ich fand das damals gar nicht schlimm. Denn vom Reumannplatz aus bist du zb. in acht Minuten am Stephansplatz. Interessant aber, dass ich es gut fand, wie schnell ich von dort woanders hinkomme. Ein krasser Unterschied zu zb. Floridsdorf. Hier dauert es gefühlt ewig, bis man aus dem Grätzel draußen ist, man (oder ich) hat aber auch nicht den Drang danach. Schön, im Sinne von pittoresk, ist der zehnte Bezirk an manchen Orten vielleicht, sicherlich weniger an seinen Hotspots, aber er dennoch hat er seine Qualitäten.

Zu diesen zählen, dass man sehr man selbst sein kann. In Favoriten ist man ziemlich anonym und es gibt sehr viele skurille Menschen (einfach weil es soviele Bewohner dort gibt), da fällt die eigene Skurillität nicht auf. Außerdem leben viele Kulturen zusammen, und das geht nicht ohne Clashes ab, die – wie im Text dargestellt – auch von einer bemerkenswerten Direktheit sein können. Von elitärem Verhalten ist so und so keine Spur, es gibt keine wie immer geartete Upper Class in Favoriten, auf der Favoritenstraße prominiert man nicht, und es gibt kein Sehen und Gesehen werden, keine Dresscode, insofern ist man im Zehnten schon auch sehr relaxt unterwegs.

Was ich mit den Jahren immer weniger mochte waren die vielen Menschen überall, der ganze Trubel auf den Straßen. Mit einem Kind, das den Drang zu laufen hat, den Drang die Welt zu erobern, ist es mitunter mühsam in Favoriten zu leben, weil es einfach  anstrengend ist, weil man – zumindest subjektiv – dem Kind nicht das bieten kann, was man eigentlich möchte an Freiflächen, Selbstständigkeit, an Natur und ja, auch ein bisschen an Feingefühl. Wobei das Kind heute noch sagt, dass es ihm auch dort gefallen hat und, dass er auch gerne in Favoriten gelebt hat.

Es ist schon interessant, was Wahrnehmung ausmacht und wie sich die Wahrnehmung mit der Zeit auch ändern kann. Und natürlich ändert sich der Bezirk auch als solches in einem Zeitraum von 30 Jahren. Aber es mag schon stimmen, was die Autor in Biber am Ende ihres Artikels schreibt:

Du kriegst vielleicht dich aus Favoriten aber Favoriten nie aus dir.

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