Philadelphia von Demme

Jonathan Demme ist gestorben, bekannt vor allem durch den Kultfilm Das Schweigen der Lämmer, für den er auch mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet wurde.

Und nun ein Sakrileg: viel mehr als diesen Film hab ich Demmes Nachfolgewerk geliebt, Philadelphia. Es war einer der Lieblingsfilme meiner Teenagerzeit. Als er im Kino lief, war ich 17. Gestern schrieb auf twitter jemand:

Und er hatte Recht. Tom Hanks war brilliant in dieser Rolle und ich finde den Film selbst bis heute unterschätzt. Wir erinnern uns: es geht um den erfolgreichen Anwalt Andrew Beckett, der mit allen Ehren Partner in einer der besten Kanzleien der Stadt wird. Kurz darauf kommen die (wesentlich älteren, sehr konservativen) anderen Partner dahinter, dass er HIV-positiv ist. Was damals noch meistens ein Todesurteil war. Aber darum ging es gar nicht in erster Linie. Es ging vor allem darum, dass nun herauskam, dass Beckett homosexuell war und ein Leben lebte, dass von den anderen Partnern verachtet und als wider die Natur betrachtet wurde. Daher wollte man sich seiner so schnell wie möglich entledigen. Was folgte, war ein spannendes Courtroom-Setting, in dem der erst ebenfalls mit Vorurteilen kämpfende Anwalt Joe Miller (Denzel Washington) seine Verteidigung übernahm –  aber auch eine Annäherung an das Thema Homosexualität.

Obwohl das alles erst knapp 25 Jahre her ist, war das Thema damals noch sehr sehr tabuisiert. Sowas wie gleichgeschlechtliche Heirat gab es noch nicht. Der Life Ball war erst im Entstehen. Und Conchita Wurst hatte noch nicht den Song Contest gewonnen. Wir haben damals in der Schule ein Buch über Indianer – der Ausdruck ist wahrscheinlich auch nicht mehr PC, also indogene Völker eher – gelesen und unsere Lehrerin sprach im Zuge dessen über Rassismus und Intoleranz. Aber gleichzeitig fühlte sich sich von Philadelphia und dem Homosexuellen-Thema abgestoßen. Ich hab mich in der Schule wirklich selten gemeldet und nur was gesagt, wenn es unbedingt sein musste, aber in dem Fall hab ich aufgezeigt und diesen Film verteidigt. Weil ich es nicht verstehen kann und bis heute nicht verstehe, warum Menschen nicht lieben können wen sie wollen und leben können wie sie wollen, ohne dafür verurteilt zu werden.

Jedenfalls trug Philadelphia meines Erachtens viel zur Enttabuisierung bei. Auch weil mit Tom Hanks jemand besetzt wurde, der damals in erster Linie noch ein Schauspieler in leichten Komödien war. Ein Publikumsliebling. Wenn man so will ein “klassischer Amerikaner”. Eine Identifikationsfigur. Jemand, den man auf keinen Fall leiden sehen wollte, dem keine Ungerechtigkeit widerfahren sollte. Ich glaube, dass der Film viel zur Bewusstseinsbildung beigetragen hat. Weil er gezeigt hat, wie schmerzhaftes ist, wenn jemand etwas so Elementares wie eine faire, angemesse Behandlung eben nicht mehr widerfährt, obwohl er niemandem etwas getan hat.

Ich habe den Film etliche Male gesehen, das Buch gelesen und den Soundtrack rauf und runter gehört. Er hat bei mir einfach einen Nerv getroffen. RIP!

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