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Parasite

Mit Parasite – seinem neuen Film, nach cineastischen Geheimtipps wie Snowpiercer und Okja – hat Regisseur Bong Joon Ho als erster Koreaner die goldene Palme in Cannes gewonnen. Er nimmt sich mit Parasite eines sehr schweren Themas an, nämlich den Klassenunterschieden in seiner Heimat und macht daraus einen anspruchsvollen Arthouse-Film, der sich als Popcorn-Movie verkleidet. Und das ist auch ein Leitmotiv von Parasite selbst: Tarnen und Täuschen.

Doch worum geht es? Parasite stellt die arme Familie Park, die in einer schäbigen Soutterain Wohnung in einer slumartigen Wohngegend lebt der reichen Familie Park gegenüber, die in einer großzügigen, von einem Stararchitekten gebauten Villa residiert; beides sind vierköpfige Familien, aber das ist auch schon die einzige Parallele. Während die arbeitslosen Kims am Existenzminimum leben, schwelgen die Parks im materiellen Wohlstand, inklusive Personal. Aufgrund einer Fügung beginnt der Sohn der Kims als Nachhilfelehrer bei den Parks zu arbeiten und schafft es nach und nach, seine ganze Familie als Dienstboten in der Park’schen Villa zu beschäftigen. Doch das ist erst der Anfang der Geschichte…

Sehr viel kann man vom Plot nicht erzählen, ohne dem Zuseher die Spannung zu rauben. Die Figurenzeichnung ist nicht schwarz/weiß, wie man ob des Themas vielleicht befürchten könnte. Vater Kim sagt über die Parks: “Sie sind reich, aber freundlich.” Worauf seine Frau entgegnet: “Sie sind freundlich, weil sie reich sind.” Vater Park hingegen sagt zu seiner Frau, er schätzt es, wenn das Personal eine gewisse Grenze nicht überschreitet und gleich darauf sieht man ihn mit seinem Chaffeur – Vater Kim – im Auto fahren, der ihn fragt, ob er seine Frau liebt. Und als Zuschauer spürt man deutlich, dass Kim sich damit sehr nah an dieser angesprochenen Grenze bewegt, ja quasi auf ihr balanciert. Das gibt dem Filmbeginn, der mit hohem Tempo und äußerst unterhaltsam erzählt ist, einen gewissen Unterton, den man nicht gleich deuten kann.

Ästhetik und Inszenierung spielt eine bedeutene Rolle in Parasite. Da wird ein simples Indianerzelt (aus den USA, wie betont wird) zu einer Art Kunstinstallation, ja sogar ein Plastik-Einweghandschuh, also etwas banal-funktionales- zu einem fast entrückten Objekt. Parasite spielt gern mit Licht und Schatten nicht nur im übertragenen Sinn. Durch die Glasfront der hippen Villa scheint immer die Sonne – und selbst wenn es einmal stark regnet, wirkt es so, als würde der Regen dem Anwesen noch mehr Style und Flair geben. Während heftiger Regen im Slum etwas völlig anderes ist: ein Unheilbringer, eine Gefahr für das wenige Hab und Gut der dort lebenden Familien, ein Verstärker der schlechten hygienischen Verhältnisse.

In ein bestimmtes Genre einordnen lässt sich Parasite nicht und das umso weniger, je länger der Film läuft. Erwartungen werden unterlaufen, so scheint es mir, mit großem Genuss. Selten ist ein Film so unvorsehbar wie dieser, was per se natürlich noch kein Qualitätskriterium sein muss. Aber es spricht für Originalität, Dinge geschehen zu lassen, die man in diesem Moment einfach so nicht erwartet hat. So entzieht sich Parasite auch in dieser Beziehung den herkömmlichen Deutungsmustern und wirkt noch weit über das Filmende hinaus nach.

Parasite wird in der nun startenden Award-Season wahrscheinlich eine nicht ganz unwesentliche Rolle spiele und das zurecht. Im Votivkino läuft der Film übrigens koreanisch mit deutschen Untertiteln. Hier der Trailer:

Oscars 2020, vier

Das waren sie also schon wieder, die Oscars, und meine Prognose war falsch, dass die Oscars nicht spannend werden. Ja, die Schauspielerkategorien boten keine Überraschungen. Dafür hat Parasite doch die Auszeichnung für den besten Film bekommen, als erster nicht-englischsprachiger Film überhaupt. Und dazu noch beste Regie, bestes Originaldrehbuch und bester internationaler Film. Schön, ich habe darüber gebloggt.

Und um 5.30 hab ich dann mit meiner Mama über den Film ge-whatsappt und über die Frisuren (berufsbedingt eine wesentliche Sache für sie). Oscars sind auch haartechnisch sehr white. Blöd ist schon, wenn die Verleihung dann um halb sechs aus ist, aber es noch eine Stunde dauert, bis man das Kind aufwecken muss. Vielleicht das nächste mal doch etwas später anfangen, mit der Verleihung.

Was gibts noch zu sagen über die diesjährigen Oscars? Host gabs keinen, aber Steve Martin und Chris Rock haben den Abend quasi eröffnet und das gar nicht so übel. Martin: “How come, we don’t have hosts anymore?” – Rock: “Twitter. Everyone has embarrissing tweets.” Dazu ein paar Witze über Jeff Bezos – Martin sinngemäß “Ich sage nichts über ihn, ich will meine Pakete pünktlich haben.” Dazu Seitenhiebe auf #oscarssowhite und fehlende Nominierungen für Frauen. Hat schon gepasst, der Standup

Ich weiß, dass viele Joaquin Phoenix‘ Rede super fanden – sie wurde in meiner Facebook Timeline des öfteren geteilt; ich fand sie ein bisschen Kraut und Rüben, einerseits poetische Zitate von seinem verstorbenen Bruder River, andererseits Vowürfe, dass wir den Kälbern die Milch ihrer Mütter wegnehmen. Apropos Mütter: cool fand ich die Rede von Drehbuch-Preisträger Taika Waitit (Jojo Rabbit), der seiner Mutter dankte und suchend ins Publikum schaute: “Where are you, I lost you hours ago.”

Warum Eminem aufgetreten ist, um 17 Jahre nach seinem Oscar für Lose yourself (immerhin damals Bono und Paul Simon geschlagen, aber bei der Zeremonie nicht aufgetaucht) zu performen, man weiß es nicht so genau, aber es stellte sich heraus, dass der Song sehr vorteilhaft gealtert ist und Eminem eigentlich auch. Dazu die unsterbliche Zeile: “A normal life is boring, but super stardom is close to post mortem.” Scorsese fand es wohl etwas ermüdend, ansonsten aber auch viel Begeisterung im Auditorium.

Und dann also der koreanische Traum und auch der Traum aller Filmemacher die nicht-englischsprachige Filme produzieren, weil Hoffnung auf Paradigmenwechsel – und da wars wiederum lustig, dass weder Bong Joon Ho noch seine Produzentin Englisch sprachen, sondern alles auf koreanisch sagten (und das dann erst übersetzt wurde). So auf die Art, wurscht, dass das Hollywood ist, wir reden trotzdem wie wir wollen. Da musste ich an eine meiner Italienischprofessorinnen denken, die mir immer vorwarf, mein Italienisch würde so Wienerisch klingen. Non c’e problema. Wenn ich meinen Drehbuch Oscar gewinne, werde ich auch deutsch sprechen. Harhar.

Oscars 2020, drei

Die heurige Oscar-Verleihung – let’s face it – wird wohl nicht sehr reich an Überraschungen werden.

Die SchauspielerInnen sind – sowohl in den Haupt- als auch in den Nebenkategorien wohl klar, Zellweger, Phoenix, Dern und Pitt. Einen großen Favoriten gibt es auch bei Regie und Film. Wobei: Regie und Film ist ja in der letzten Zeit des öfteren gesplittet, dh der beste Regisseur ist nicht notwendigerweise der, der für den ausgezeichneten besten Film tätig war.

Gehen wir nach den Statistiken, wird der Kriegsfilm von Sam Mendes 1917 gewinnen und Mendes selbst wird – 20 Jahre nach seinem Debütfilm American Beauty – erneut für Best Directing ausgezeichnet werden. Aber wir Oscar Nerds wünschen uns doch meistens auch eine kleine Überraschung, wenn wir schon extra mitten in der Nacht aufstehen, um die Show zu sehen. Kann die kleine Überraschung vielleicht Parasite heißen, bzw. Bong Joon Ho? Es wäre eine Sensation. Wenn, dann sehe ich die Überraschung eher bei der besten Regie.

Denn: Noch niemals hat ein nicht englischsprachiger Film den Oscar für den besten Film gewonnen. Dafür jedesmal den Preis für Best Foreign Film, wenn er in beiden Kategorien nominiert war. Die Kandidaten bisher waren: La vita e bella (1999), Crouching Tiger, Hidden Dragon (2001), Amour (2013), Roma (2019). Ja, mehr waren es tatsächlich nicht. Ich frage mich ja, ob es möglich ist, dass ein Film nicht bester ausländischer Film wird und dann aber bester Film überhaupt schon. Das wäre doch ein Widerspruch oder. Aber wird sowieso nicht (so schnell) schlagend werden.

Nebenbei: es haben auch erst zwei Schauspieler geschafft, den Oscar für einen nicht-englischsprachigen Film zu bekommen, nämlich 1960 Sophia Loren (La Ciocara) und 1999 Roberto Benigni (Das Leben ist schön). Interessant ist, dass weder bei 1917 noch bei Parasite Darsteller nominiert wurden.

P.S. Dank Alexander Horwaths Ausführungen in der Oscarnacht weiß ich, es gab noch einen Film neben den angeführten, der sowohl international als auch als best film nominiert war und zwar der für Algerien an den Start gegangen Film Z, aus dem Jahr 1969.