almis personal blog

Vent’ anni

Apropos kein ESC Content mehr: K. will mit mir aufs Maneskin Konzert gehen, wenn sie mal nach Wien kommen.

Ist wohl so ein MittvierzigerInnen Ding. Wir hören uns jetzt an, wie die Zwanzigjährigen die Welt sehen, unsere Söhne sind ja auch (halbwegs) bald zwanzig, also vent’ anni. Anscheinend sind die Zwanzigjährigen von heute viel weiter als wir damals waren oder zumindest als ich war. Sie sagen, sorry, dass wir Drama machen, aber wir sind halt gerade 20. Und wir wollen, dass mehr von uns überbleibt als nur Geld. Sie entschuldigen sich für alles mögliche im voraus, und wollen denen die Farben zeigen, die nur schwarz und weiß sehen. Sie sagen: Wähle Liebe oder Diamanten, wähle Dämonen oder Heilige! Und sie haben jetzt schon einen ausgewachsenen Weltschmerz, dafür musste ich erst vierzig werden, ehrlich.

K. will ihr Italienisch auffrischen. Die anderen wollen Italienisch lernen. Ich habe sogar in Italienisch maturiert, aber komplizierte Texte strengen mich ziemlich an. Ach ja und ich mag diese Tupfenbluse, die der Schlagzeuger im Video trägt.

Before Trilogie

An diesem langen Wochenende habe ich mir die Before Trilogie wieder angesehen bzw. ich habe mir Teil 1 und 3 wieder angesehen, den 2. Teil habe ich überhaupt erstmals gesehen.

ACHTUNG SPOILER

Wir erinnern uns: Celine (Julie Delpy) und Jesse (Ethan Hawke) haben sich damals 1995 im Zug kennengelernt, sind dann gemeinsam in Wien ausgestiegen und haben den restlichen Tag und die Nacht miteinander verbracht. Sie haben sich geschworen, sich ein halbes Jahr später am Westbahnhof wiederzutreffen. In Film 2 treffen sich sich tatsächlich wieder, aber es sind neun Jahre vergangen und eigentlich passen ihre Leben nicht mehr zueinander. Und dann, in Film 3 sind sie endlich verheiratet und haben Kinder. Und nun?

Wenn man alle drei Filme so knapp hintereinander sieht, kann man die Entzauberung einer Beziehung quasi in Echtzeit miterleben. Jeder, der so um die Mitte 40 ist, wird verstehen können, was ich meine. Mit 20 wirkt alles federleicht und als Paar sieht man alles mit einer romantischen Brille, mit 30 ist man schon abgeklärter und mehr im Leben angekommen, ist aber bereit, noch an den Zauber von damals zu glauben. Na ja und dann mit 40 steht man mitten in einem mühsamen Alltag angekommen und alle Leichtigkeit ist dahin. Und bevor jetzt jemand meint, ich sehe das zu negativ: Es kann auch wieder besser werden. Auf verschiedenen Wegen.

Beim Wiedersehen fällt mir noch mehr auf, wie bitter der dritte Teil, Before Midnight, tatsächlich ist. Während Before Sunrise zuckersüß-naiv war, ist Before Midnight tatsächlich Resignation pur. Der Glaube, dass Celine und Jesse füreinander geschaffen sind, wird nur durch die Erinnerung an die Nacht in Wien gespeist und ein paar leidenschaftliche Nächte, die sie wohl nach dem zweiten Teil miteinander verbracht haben. Before Midnight handelt von Scheidungskrieg und brüllenden Kleinkindern, vom unaufhörlichen etwas-zu-erledigen haben, aber keine Zeit mehr für die Beziehung finden, von Seitensprüngen und passiver Agression, davon, dass man nur noch etwas Funktionelles ist, für die Kinder, für die betagten Eltern, für den Arbeitgeber, für die Gesellschaft, aber sich selbst plus Partner komplett verloren hat.

Celine hat die Ehe eigentlich aufgegeben. Ist das pessimistisch oder realistisch? Sie tut etwas, das ich wirklich hasse – nicht nur als mögliche Beteiligte, sondern auch als Zeugin: den Partner in geselligem Beisammensein mit anderen Paare diskredieren. Da ist soviel Häme und Verachtung – das kann nicht als harmlose Stichelei dem anderen gegenüber aufgefasst werden. Wie man die Frage nach dem Fortbestand der Ehe beantwortet, hängt wohl maßgeblich davon ab, wo man selbst im Leben steht und welche Erfahrungen man gemacht hat. Mich jedenfalls überzeugt das halbgare Ende nicht bzw. ich ziehe meine Schlüsse daraus. Ein Teil 4 wäre wohl interessant, ich wüsste wie ich ihn gestalten würde. Für mich wären Celine und Jesse wahrscheinlich aber kein Paar mehr.

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Zunächst mal: Happy 2021. Laut meinen empirischen Erfahrungen sind die ungeraden Jahre immer die besseren – also…

Gestern hab ich einen gemütlichen Silvesterabend verbracht, unter anderem habe ich die Fledermaus live aus der Wiener Staatsoper gesehen. Ohne Publikum versteht sich. Die Fledermaus ist meine Lieblingsoperette, ich kann fast mitsprechen, weil ich früher mit meinem Papa immer die Ausgabe mit Otto Schenk als Frosch gesehen habe. Der Gerichtsdiener Frosch ist ja keine Gesangsrolle, sondern tritt nur im 3. Akt auf und wird immer von einem meist bekannten Schauspieler, mit zumindest Hang zur Komik verkörpert. Gestern war das Peter Simonischek. Der aus dem Frosch einen Steirer macht.

Der Frosch bietet auch immer wieder Raum für Improvisation, neben den althergebrachten Dialogen. Am besten hat mir diesbezüglich gefallen, als der Protagonist aus seiner Zelle heraussingt: “Sing mit mir, sing mit mir, sing, sing!” Und Frosch antwortet: “Ich singe nicht mit dir, ich habe eine Sprechrolle.” Ich mag ja so Metaebene-Sachen.

Geknallt wurde auch heuer, trotz Verbot, aber hier an der alten Donau doch lange nicht soviel wie in den vergangenen Jahren. Feuerwerk hab ich kein einziges gesehen, es war aber um Mitternacht auch sehr, sehr neblig. Und in der Schnellbahn war es dann sehr, sehr leer. Um genau zu sein war ich um halb eins der einzige Fahrgast. Letztes Jahr am Praterstern war der gesamte Zug überfüllt…

Paul Celan. 100.

Heute wäre der 100. Geburtstag von Paul Celan – eigentlich Ancel, sein Name ist ein Anagram.

Ich habe auf der Uni ein thematisches Proseminar zu Paul Celan besucht, es hieß “Wahr spricht, wer Schatten spricht – Lyrik und Poetologie bei Paul Celan”. Und dann noch ein anderes Proseminar, das sich nicht nur um Celan drehte, aber auch einen Zitat aus einem seiner Gedicht im Titel hat: “Gelobt seist du Niemand – Psalmen im Zeitalter des Nihilismus.” Ja und genau deshalb hab ich Germanistik studiert, wegen dieser und ähnlicher abgedrehten Seminare. Ich hab auch den Briefwechsel zwischen Nelly Sachs und Paul Celan gelesen. Über ein Treffen mit ihr hat Celan das Gedicht Zürich, zum Storchen geschrieben.

Ja, jeder kennt die Todesfuge, sie wurde wahrlich genügend analysiert in den Gymnasien, aber Celan ist soviel mehr. Er ist schwer zu rezipieren, aber seine Lyrik ist unheimlich eindrucksvoll, auch wenn man ihn gar nicht zu verstehen versucht: seine Sprache ist mächtig und beklemmend zugleich. Und wunderschön-traurig.

Wie im Gedicht Sprich auch du.

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Kommt tatsächlich ein neuer Lockdown oder wieso schau ich schon wieder dauernd ORF3?

Letztens hab ich sogar die Helmut Qualtinger Doku von Andre Heller wiedergesehen, die es schon im März gespielt hat. Dieses Mal aber fast in voller Länge und sie hat mich wieder sehr begeistert. Jetzt fehlt noch eine Doku über Andre Heller, dem ich irgendwie stundenlang zuhören könnte.

Und dann hab ich Der Unbestechliche gesehen. Mit Otto Schenk als Diener Theodor. Und das ist schon irgendwie ein Sakrileg. Denn so gut wie Josef Meinrad in ebendieser Rolle kann wohl niemand sein. Das mag daran liegen, dass man Meinrad viel eher seine humanistisch-moralische Entrüstung über einen fortgesetzten Ehebruch abnimmt, als Schenk, der irgendwie so eine allumfassende Wurschtigkeit ausstrahlt. Schenk möchte ganz sicher, dass man ihn witzig findet und irgendwie ist er das auch, aber das, was darunterliegt, in diesem Stück von Hugo von Hoffmannsthal, das transportiert er für mich nicht mit.

Übrigens hatte ich ein Hoffmannsthal-induziertes Blackout bei meiner Diplomprüfung anno 2001. Ich wurde nach seinem Stück gefragt, das jährlich aufgeführt wird und mir ist es nicht eingefallen. Erst als das Buzzwort Salzburg fiel, da fiel auch bei mir der Groschen.

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Was hab ich also gebacken? Punschkrapferl.

Mir wäre ja nie eingefallen, Punschkrapferl selbst herzustellen, wenn der Geburtstagsmensch diese nicht lieben würde, aber so… Na jedenfalls ist es nicht so schwierig wie man denken könnte. Oder sagen wir so: wenn man ungefähr 30 Rezepte von Punschkrapferl gegoogelt hat, findet man so ca. bei Nummer 31 auch eines, das einfach zu verstehen und nachvollziehbar ist.

Dieses Punschkrapferl Foto hab ich auf Instagram gepostet #fürmehrrealitätaufinstagram Harhar. Geschmeckt haben sie übrigens wirklich gut, wenn ich mich loben darf.

Geburtstag gefeiert wurde dann im sehr kleinen Kreis outdoor. Auf der Libelle, wie man das in Coronazeiten eben macht. Die Libelle ist ein Dachaufbau am Leopold Museum und wurde – auch Corona-bedingt – statt im März im September eröffnet. Man hat einen wunderschönen Rundblick auf die Museen und das Museumsquartier.

Wenn man übrigens 49 Jahre alt wird, dann redet niemand darüber, dass man gerade 49 geworden ist, sondern alle reden vom 50er. O-Ton: “Jetzt haben wir gerade erst deinen 40er gefeiert und jetzt bist schon 50.” “Ich bin nicht 50.” Harhar.

Caution!

Die Killers haben unlängst ihr sechstes Album veröffentlicht. Es heißt Imploding the Mirage. Ich habe eine lange durchaus leidenschaftliche Liebesbeziehung zu den Songs der Killers.

Weil. Nun ich mag die Stimme von Frontman Brandon Flowers sehr gern. Und ich mag die Sentimentalität, die ihren Songs anhaftet. Ihre Songs sagen: Das Leben ist fürchterlich schmerzhaft, aber auch wunderschön. Und oft beides gleichzeitig. Das habe ich früher gefühlt und jetzt, wo ich Mitte 40 bin, fühle ich es noch viel stärker. Vielleicht sind es die Wechseljahre, vielleicht das Leben, das sich so verwirrend-verwandelt hat in den letzten Jahren, das Größerwerden des Kindes und ja, jetzt haben wir auch noch eine weltweite Pandemie. Vielleicht ist es auch alles zusammen. Jedenfalls können die Killers diese Gefühle wunderbar in Worte und Melodien transformieren.

Die Single Caution vermittelt wieder alles, was man von den Killers vermittelt bekommen will. Zuerst mal: Caution! Vorsicht! Da weht der Wind der Veränderung und das in der Wüste. Da hat eine Frau Hollywood-Eyes – in die hoffentlich nichts vom Sand gelangt. Egal, sie will die Stadt – Las Vegas natürlich – verlassen. Da ist jede Menge Bitterkeit, oder wie Flowers singt: “”If I don’t get out of this town, I just might be the one who finally burns it down.”Flowers hat in einem Interview den autobiografischen Hintergrund des Songs eingestanden: seiner Familie zuliebe ist er aus Vegas weggezogen.

Das neue Album ist nach dem ersten Durchhören vielleicht weniger poppig als die früheren, aber die typischen Killers-Signature Riffs sind geblieben, die uns oder zumindest mir sagen: Wir wissen immer noch nicht genau Bescheid, wir versuchen Dinge, vielleicht scheitern wir, aber das alles ist ok. Es ist in Ordung, zu fühlen, was immer wir fühlen.

Take me to church

Ich höre nur im Auto Radio oder wenn ich im Garten bin. Und oft stoße ich da auf Lieder aus meiner Kindheit, die mir irgendwie bekannt vorkommen. Und bin dann ganz glücklich, dass ich sie wiedergefunden habe. Das waren in Songs wie Living Thing, Arthur’s Theme oder auch More than this.

Heute dachte ich, ich hätte einen Song von Elton John, den ich irgendwo schon mal gehört hatte, wieder gefunden. Als ich dann gegogelt habe, komme ich drauf, dass der Song erstens nicht von Elton John ist, zweitens gar nicht so alt (2014!) und drittens der meist gestreamte Song auf Spotify in diesem Jahr. Was mich zur Frage bringt, unter welchem Stein ich 2014 gelebt habe, um das zu verpassen?

Jedenfalls handelt es sich um Hozier (immerhin ein Ire, wenn schon nicht aus UK, wie Elton John) und seinen Song Take me to church. Der Song ist auch textlich sehr interessant, kritisiert er doch die Ablehnung der Homosexualität durch die Kirche. Und ist quasi ein Plädoyer für den Liebsakt, egal zwischen welchen Partnern er stattfindet, als etwas positives – menschliches, wunderschönes darzustellen. Sowas ist mir ja immer sehr sympathisch.

Und wieder ESC

Am Samstag war ja der Songcontest nicht, dafür eine Menge ESC Ersatzsendungen, von denen ich keine gesehen habe.

Ich habe nur gesehen, wie der leider-doch-nicht Teilnehmer Diodato seinen Song Fai Rumore für Italien in der leeren Arena di Verona gesungen hat und das war wunderbar.

Vielleicht auch dem Vermeiden von Lampenfieber förderlich, so ganz alleine in der großen Arena.

LIZVC 19

Heute hier ein kleiner Fm4 Schwerpunkt.

Weil ich es vergessen hatte zu erwähnen: natürlich gibt es auch dieses Jahr wieder den Schreibwettbewerb wortlaut, diesmal ist das Thema “Kontakt”. Und ja, ich hoffe, das ergibt nicht nur Geschichten, die sich mit Corona auseinandersetzen #ausgründen. Auf twitter hat mir eine liebe Bekannte geschrieben: “Diesmal gewinnen wir“, weil wir beide schon zweimal mitgemacht haben und es jedes mal nicht auf die Longlist geschafft haben. Ich nehme an, es ist verlorene Liebesmüh, aber ich werde es wieder versuchen, und bei meiner Geschichte geht es nicht um Corona, sondern um das, was mich am allermeisten immer wieder aufs neue interessiert: menschliche Beziehungen.

Während ich das schreibe, höre ich gerade die Marathonlesung von Albert Camus “Die Pest“. Diverse Promis lesen den gesamten Roman, insgesamt über zehn Stunden lang. Es ist faszinierend, wie stark die Parallelen zur derzeitigen Corona-Situation sind. Die Pest bricht in der algerischen Stadt Oran aus, begonnen hat es mit einigen toten Ratten, ganz harmlos. Zuerst kommt das Verleugnen und Unterschätzen der Situation, dann die Ausgangsbeschränkungen, die Auslagerung der Leichen an andere Orte, Begräbnisse ohne Besucher, der Zusammenbruch der Wirtschaft, die rasante Zunahme der Arbeitslosigkeit; Betrachtungen über Korruption und menschlichen Zusammenhaltes.

Abgesehen von diesen Parallelen ist die Beobachtungsgabe und Formulierungskunst Camus’ erstaunlich. Etwa mit kleinen Sätzen wie “Das übrige Mittagessen verging auf der Suche nach einem Gesprächsthema.”

Die Pest-Lesung wird ab morgen einen Monat online abrufbar sein.