Das Kind musste in Deutsch ein Referat über ein aktuelles Buch halten, es gab eine Auswahlliste und ich habe ihm zu Doris Knechts Roman Die Nachricht geraten.
Den Roman habe ich selbst 2021, gleich als er erschienen ist, gelesen, es war Sommer. Ich war sehr glücklich in diesem Sommer, das weiß ich noch. Und ich habe das Referat jetzt zum Anlass genommen, einen Re-read zu machen, weil ich dann gern mit meinem Kind darüber spreche.

Ich werde nicht spoilern, es geht in dem Roman um Ruth, eine Frau um die 50, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes ihr Leben neu sortieren muss. Nachdem sie sich nach drei Jahren und auch recht schonungsloser Selbstreflexion wieder etwas gefangen hat, beginnen anonyme Nachrichten ihre Mailbox und die ihres Umfeld zu fluten. Jemand äußert sich da sehr despektierlich über Ruth und schreibt über Geheimnisse innerhalb ihrer Ehe, die eigentlich niemand wissen sollte…
Das ist alles ein bisschen untypisch für Doris Knecht, also einen Roman vor allem auf Spannung aufzubauen. Sie ist mehr so die Chronistin des Alltagsleben, die feine Analytikerin von Charakteren. Aber hier kann man tatsächlich als Leserin mitfiebern: Wer ist der Verfasser dieser Nachrichten? Welche Beweise gibt es? Wann macht jemand einen Fehler? Knecht macht das nicht schlecht, das Buch ist auch deshalb ein richtiger “Pageturner”, denn mittlerweile hatte ich nämlich schon wieder vergessen gehabt, wer dann letztendlich der Täter war *hüstel*
Knecht beobachtet sehr genau, was Ruths Freundeskreis angeht: wer verhält sich wie, wer hat welche Meinung, wer rät wozu? Solche krisenhaften Ereignisse sind ja immer ganz gute Gradmesser dafür, wie es so bestellt ist, mit den Freunden im eigenen Leben. Und da geht es nicht darum, dass alle der gleichen Ansicht sein und zu den ähnlichen Schlüssen kommen müssen, gar nicht (finde ich). Aber man kann schon sehr gut erkennen, wer tiefer blickt, wer mehr Sinn für Differenzierung hat und wer letztendlich auch dran bleibt, wenn es mühsam wird. Es ist zwar irrsinnig platt, wenn man sagt, seine richtigen Freunde erkennt man, wenn es einem schlecht geht, es ist aber auch zutreffend.
Obwohl der Roman sehr leicht lesbar ist, also sehr im hier und jetzt erzählt, gibt es immer wieder total poetische Betrachtungen, in einem ganzen Kapitel zählt Knecht auf, was ihren Mann ausgemacht hat und da sind so viele kleine Details enthalten, wie ich das auch immer zu handhaben versuche. Weil dadurch lernt man einen Protagonisten wirklich “kennen.” Einmal überlegt sie aus einer Art Selbstschutz einen Hund zu kaufen: “Manchmal fiel mir dann ein, dass ich nie so jemand sein wollte, an den man nicht rankam, jemand, der nur bestimmte Leute an sich ranließ, aber jetzt war ich es vielleicht. Oder auch nicht. Oder eben manchmal”1
Die Nachricht ist quasi schon die Hinführung zu der Doris Knecht, die sich vor allem in der Autofiktion (a la Annie Ernaux) übt. Ihre letzten beiden Bücher waren meines Erachtens nämlich genau das. Was mir persönlich auch am besten gefällt, weil man da das Gefühl kriegt, da geht es um was, da schreibt sie aus ihrer Seele heraus. Genau solche Bücher möchte ich lesen – und schreibe ich auch, harhar.
- Doris Knecht: Die Nachricht, Seite 19. ↩︎