almis personal blog

Sign of the Times, zwei

Falls jemand zu Project Hail Mary gar nicht gespoilert werden will, hier bitte nicht weiterlesen. Es ist kein Inhaltsspoiler, aber es geht um eine Szene in dem Film. Allerdings habe ich gerade festgestellt, dass der Trailer diese eh auch anteast.

Alsooo. Man wird es nicht glauben, weil ich ja erst vorige Woche über Sign of the Times von Harry Styles geschrieben habe. Aber es gibt im neuen mega Blockbuster Project Hail Mary tatsächlich eine Karaokeszene. Und da singt die ostdeutsche Wissenschafterin Eva Stratt (Sandra Hüller) tatsächlich Sign of the Times. Christian Fuchs meinte im fm4 Filmpodcast, es ginge die Mär, dass Ryan Gosling sie am Set singen gehört hat und meinte, sie müsse im Film singen. Zumindest gut erfunden harhar.

Für diese Szene gilt wie für fast alle Karaokeszenen in Filmen: Wenn man sie gut macht, sind sie unvergesslich. Die jeweilige Schauspielerin bzw. der Schauspieler kann im Normalfall ganz gut, aber nicht perfekt singen, das heißt es ist ein bisschen wackelig, aber sehr charmant. Die Karaokesituation offenbart meist eine gewisse Verletzlichkeit – man muss vor anderen singen, im doppelten Sinn, ich mein vor dem Zuschauer sowieso, aber auch vor den Kolleginnen und Kollegen. Und ich glaube, das ist für viele Schauspieler auch nicht so leicht, weil ein unbekanntes Terrain. Und sehr oft haben die gesungenen Lieder einen Subtext.

Die wohl bekannteste Karaokeszene ist die aus Lost in Translation, in der Bill Murray und Scarlett Johansson im Mutterland des Karaoke, in Japan, miteinander singen. Ihre relativ unklare Beziehung zueinander, eine gewisse Art von platonischer Liebe zwischen einem Schauspieler in der Midlife Crisis und einer jungen Frau, die noch nicht weiß, was sie vom Leben will, wird im von Murray dargebotenen Song More than This manifestiert. Bevor er zu singen anfängt, sagt er: “This is hard”, weil der Song wirklich schwer zu singen ist; er ist aber soo schön und melanolisch, wie der Songwriter Bryan Ferry einmal erklärte: “It uses very few words, but it seems to get them in the right order”. Wir als Zuschauer werden durch diesen Song so richtig hineingezogen, in die Gefühlswelt der Protagonisten.

Super wird Karaoke auch in der dekadenten und auch, ja man muss es so sagen, ziemlich doofen höheren Gesellschaft, die in Saltburn porträtiert wird, eingesetzt. Dass die Figur von Barry Keoghan, die sich quasi im Anwesen von Saltburn niedergelassen hat – der Sohn der betuchten Familie ist sein Studienkollege – muss nämlich ausgerechnet Rent von den Pet Shop Boys singen, und mit jeder Szene offenbaren sich die Dymaniken hier ein bisschen mehr: “You dress me up, I’m your puppet, you buy me things, I love it, you bring me food, I need it, you give me love, I feed it” Der Gesang wird dabei immer unsicherer, schließlich stockend, selbstentlarvend.

Ganz anders geht es in Aftersun zu, dem wunderschönen und ebenfalls ur melancholischen Film über eine Vater/Tochter Beziehung. In der Ferienanlage, wo die beiden Urlaub machen – die elfjährige Tochter hat nicht viel Zeit mit ihrem Vater, die Eltern sind getrennt und er lebt anderswo – will sie mit ihm Losing my Religion singen. Er steigt darauf nicht ein. Sie legt alle ihre Gefühle, Ambivalenzen, Zustände in die Interpretation des Songs. Dass er nicht mitmacht, legt auch hier eine Dynamik offen.

Recht bekannte Karaokemomente gibt es auch in Bridget Jones und Harry und Sally, aber der Text hier wird zu lang, daher noch einmal zurück auf Project Hail Mary. Auch in dieser Szene hatte ich Gänsehaut. Weil es eine ganz besondere Feier ist. Weil die Lyrics die passende Stimmung zum Vibe des Filmes vermitteln. Und weil in der ganzen Szene wieder mal so viel mehr passiert als nur, dass jemand vor anderen singt. Am besten selbst anschauen.

Servicepost

Ein kleiner Servicepost für alle, die gerade keinen fancy Urlaub machen – ich bekomme täglich super Fotos von diesen Urlauben, macht weiter, ich hab das sehr gerne. Aber ich bin eben in Wien und mache es mir hier “lowkey” nett, hier ein paar Vorschläge.

Zuerst arbeiten (kann man aber auch weglassen), dann ein spätes Mittagessen bei Vapiano (alles folgende unbezahlte Werbung)

Ich liebe das Pilzrisotto sehr

Danach ein kurzer Streifzug in die Buchhandlung. Es gibt gerade eine Menge aufregender neuer Bücher bzw. Buchtitel, die einiges versprechen, zwei handeln sogar von mir beziehungsweise meinem Job harhar.

Danach zum Ostermarkt auf der Freyung. Wenn ich über diesen schlendere, denk ich mir immer, das ist mir fast noch lieber als Weihnachten, zumindest fürs Auge sind die toll gestaltenden Eier eine wirkliche Freude:

Ich hätte nur immer Angst, dass sie bei mir noch nicht mal den Weg nachhause überleben…

Und seit diesem Jahr ein Hinweisschild: You break it. You buy it. Die Vorgeschichte dazu kann man sich wahrscheinlich denken.

Danach – na was kann da kommen – richtig: Kino. Diesmal ein Film, den ich schon auf der Viennale gesehen haben, heute als Reprise, nämlich Sentimental Value. Und weil ich ihn schon kannte, konnte ich mich diesmal auf die Spitzfindigkeiten konzentrieren und bin noch mehr beeindruckt von diesem Drehbuch, das uns alles erzählt, was wir wissen müssen, aber auf so subtile Art und Weise, dass es eine Freude ist. Ich liebe einfach alles an diesem Film.

Fazit: Großes Glücksgefühl. Harhar.

The Testament of Ann Lee

Mona Fastvold, die Regisseurin von The Testament of Ann Lee und ihr Mann Brady Corbet, der Regisseurs des Filmes The Brutalist arbeiten als kongeniales Duo. Gemeinsam verfassen sie Drehbücher, die dann jemals einer von ihnen als Regisseur in Szene setzt und das mit einem vergleichsweise geringen Budget – um die zehn Millionen Dollar. Ihre Filme sehen aber gleichzeitig erheblich teurer produziert aus, sind aber andererseits alles andere als Blockbuster-Material.

In The Testament of Ann Lee geht es um die Gründerin der Shaker Bewegung, nämlich eben Ann Lee (Amanda Seyfried), die im 18. Jahrhundert in Manchester aufwuchs und bald als zweiter Messias galt, und vor allem um ihren Auszug nach Amerika, um dort neue Gläubige zu gewinnen…

SPOILER MÖGLICH

In der letzten Oscar Season wurde beklagt, wieso The Testament of Ann Lee quasi übersehen wurde, während Fastvolds Mann voriges Jahr durchaus viele Nominierungen für The Brutalist erhalten hat. Und das obwohl das ein durchaus anstrengender und 215 Minuten langer Film war. Stofflich scheint es Parallelen zu geben: Im beiden Filme ziehen Menschen ins vermeintliche “land of the free” und werden von diesem bitter enttäuscht. Beide Protagonisten sind nicht sehr zugänglich und tragen egomanische Züge. Was war also bei Ann Lee los? Da kommt immer das eher fade Argument, ja weil eben eine Frau Regie führt und die gerne übersehen werden. An das glaube ich persönlich kaum, habe mich aber selbst auch gefragt, warum dieser Film auch bei mir so wenig Eindruck hinterlassen hat.

Und nach langem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen: Es gibt keine wesentliche Charakterentwicklung bei Ann Lee und plottechnisch passiert auch so gut wie nichts aufregendes. Das bedeutet, um diesen Film zu mögen, müsste man hineingezogen werden in das, was Ann Lee auch ist, nämlich eine Art Musical. Hier wird viel gesungen und getanzt, die Hände werden ekstatisch zum Himmel gereckt, bei Tag und Nacht, sogar bei Sturm auf einem Schiff. Und wenn man da reinkippt, kann ich mir vorstellen, dass er Film einen packt und man richtig mitlebt. Wenn man aber außen vor bleibt, dann sieht man sich das emotional unbeteiligt an und denkt sich: Irgendwie merkwürdig. Und so ging es mir: Ich saß die ganze Zeit da und dachte mir. Irgendwie merkwürdig, harhar.

Nun wirkt die Religion (oder Ideologie) der Shaker eigentlich fast modern. Frauen und Männer sind gleichgestellt. Die Menschen leben im Einklang mit der Natur. Sie lehnen Gewalt komplett ab. Klingt ja ganz reizvoll, wäre da nicht ein aber. Nachdem Ann Lee Sex von Kindheit an ekelhaft findet, ist den Mitgliedern der Shakern dieser verboten, und zwar auch Ehepaaren. Und hier stößt die Begeisterung natürlich an gewissen Grenzen, harhar. Außerdem ist es der Verbreitung der Religion streng genommen nicht unbedingt zuträglich, wenn sie selbst keinen Nachwuchs produziert. Deshalb gab es – wie einen der Film im Abspann informiert – im Jahr 2025 nur noch zwei (!) Mitglieder.

Und mehr hab ich dazu leider nicht zu sagen.

Palmsonntag

Am Freitag fand die allerallerletzte Schularbeit statt (Mathe) und das Kind und ich so: Yeah super, Party. Und dann dachte ich an die Friends Folge The One Where Rachel Has a Baby, Part 1, wo bei Rachel die Fruchtblase platzt und Ross fährt mit ihr ins Krankenhaus und sagt dort ganz erleichtert: “We made it! From home to the hospital in seven minutes”. Und sie ganz trocken: “The hard part is truely over” Harhar. Genauso ist es jetzt irgendwie. Die achte Klasse quasi beendet und jetzt kommt halt eh “nur” noch die Matura.

Am Samstag kam dann die Freundin vom Kind und wir haben Hitster Guilty Pleasure gespielt, was ich ja zum Geburtstag bekommen habe. Hier darf man ein Startjahr ziehen und dann werden Songs vorgespielt und man muss immer raten, entstand der jeweilige Song davor oder danach. Am Anfang leicht, aber wenn dann schon 15 Jahre liegen, wirds knifflig. Aber es war sehr lustig.

Danach bin ich in den Garten gefahren, wo die “Kids” dann abends auch wieder auf Besuch waren. Und ich so: Ich plane nächste Woche fünfmal ins Kino zu gehen. Und habe dann allen erzählt, was ich mir anschauen will, und manche Filme sind nicht auf großes Interesse gestoßen, sage ich mal so harhar.

Heute ging es dann gleich los mit Blue Moon von Richard Linklater und was soll ich sagen, er war gleichermaßen lustig, klug und melancholisch. Das habe ich echt nicht erwartet, dass dieser Film mich so berühren wird. Aber es war so. Bald dann mehr.

Beim Heimgehen dann den blühenden Magnolienbaum bewundert:

Wetter zwar nicht gut, trotzdem ein schönes Foto, finde ich

Ein guter Start in die Osterferien. Ich werde nicht nichts arbeiten (müssen), aber etwas gemütlicher wird es schon zugehen.

Intimitäten

Eigentlich wollte ich mir ja den Roman Trennung von Katie Kitamura ausborgen, nachdem jemand auf Social Media davon geschwärmt hatte. Weil dieser entliehen war, habe ich Intimitäten von Kitamura mitgenommen, im Glauben, das wäre ebenfalls eine Beziehungsgeschichte. Das ist es schon auch, aber nur zum Teil.

Tatsächlich hätte ich den Roman vielleicht anders genannt, hätte ich ihn geschrieben. Nämlich “Interpretationen.” Die namenlose Protagonistin ist eine Übersetzerin oder, wie es auf Englisch heißt, Interpreter – was irgendwie noch etwas anderes suggeriert. Und genau von dieser sprachlichen Unschärfe, von dem, was wir hören und sehen, was wir glauben (sollen) oder nicht, und unsere eigene Wahrnehmung, davon handelt dieser Roman.

Die Protagonistin, eine Frau um die 40, mit asiatischem Background, aber von Kind an Weltenbummlerin, lebt erst seit kurzer Zeit in Den Haag, wo sie am internationalen Gerichtshof arbeitet. Als Dolmetscherin ist es ihr wichtig, behutsam mit Sprache umzugehen, möglichst genau auf dem Punkt zu sein, sich selbst als Person aber völlig zurückzunehmen. Ihre Aufgabe ist es, keine Position zu beziehen, sondern nur quasi als Kommunikationskanal zu funktionieren. Doch im Laufe der Zeit merkt sie, so einfach ist das gar nicht, unbeteiligt zu bleiben, nichts zu hinterfragen, neutral zu sein, nämlich für sie als reflektierender Mensch. Und will sie das überhaupt?

Und das gilt nicht nur für ihr Berufsleben. Auch in ihrem Alltag fällt es ihr zunehmend schwer, Dingen nicht mit Skepsis zu begegnen. Ihre neu gewonnene Freundin J. lädt sie beispielsweise zu sich nach Hause zum Abendessen ein und will ihr dabei das Wohnviertel schmackhaft machen, in der Hoffnung, die Protagonistin ließe sich dann ebenfalls dort nieder. J. beschreibt die Gegend als gemütlich und sicher, doch noch während des Essens werden die beiden vom Fenster aus Zeugen eines Raubüberfalls mit einem Schwerverletzten. Auch ihr Geliebter A. erzählt ihr nicht die ganze Wahrheit. Auf einer Party erfährt sie zufällig von jemand anderem, dass er zwar von seiner Frau getrennt ist, aber eine Familie hat. Als er kurz darauf nach Lissabon fährt, um die Details seiner Scheidung auszuhandeln, überlässt er ihr einerseits seine Wohnung, andererseits lässt er den Kontakt nach einer Woche abreißen. Und die Protagonistin muss wieder eine Leerstelle mit Vermutungen auffüllen.

In diesem Roman gibt es eine große Diskrepanz zwischen Dingen, die aus welchen Gründen auch immer, behauptet werden, und Dingen, die tatsächlich passieren. Auch ein bisschen eine Art Covid Szenario, wenn man so will harhar. Oder hat die Pandemie und der Umgang damit nur unseren Blick geschärft? Kitamura schreibt: “Aber wir alle sind außerstande, die Welt in der wir leben, wirklich zu sehen, eine Welt, die den Widerspruch zwischen Banalität (…) und ihren Extremen in sich trägt- wir sehen die Welt höchstens für kurze Augenblicke, und dann wieder für lange Zeit nicht, wenn überhaupt noch jemals.”1

Schön beobachtet, gut geschrieben, leicht lesbar, trotzdem der durchaus komplexen Gedankengänge.

  1. Katie Kitamura: Intimitäten, Seite 94 ↩︎

Durchschaubar

Gestern sitze ich so am Sofa und schaue Guilty Pleasure mässig Germany‘s Next Topmodel, da kommt das Kind vorbei.

Ich so: Heute ist Umstyling, das ist die Lieblingsfolge von der Oma. Zwei Stunden Haare schneiden, Färben, Locken eindrehen, Haarverlängerung.

Das Kind so: Cool. Übrigens kann ich… (äußert eine Bitte)

Ich: Na okay, von mir aus.

Das Kind: Du bist gut drauf, weil du GNTM schaust, das hab ich ausgenutzt.

Ich bin so durchschaubar. Er könnte mich auch beim Schokolade essen fragen, wenn ich ins Kino gehe, wenn ich vom Kino heimkomme, wenn ich ein Klatschmagazin lese oder wenn ich in mein Notizbuch schreibe. Es gibt viele kleine Dinge, die mich froh machen.

Und da werde ich dann ganz lieb und nachgiebig und bin nicht so böse und streng wie sonst immer harhar.

Vielseitig einsetzbar

Apropos Musik – vor einigen Tagen habe ich den Film Miroirs No. 3 von Christian Petzold gesehen, und Petzold tut da etwas, was ich persönlich nicht so gerne mag. Er nimmt ein für den Film zentrales Musikstück, das “man” bereits als zentrales Musikstück aus einem anderen Film kennt. Dieses Stück heißt Une barque sur l’océan und stammt aus dem Liedzyklus Miroirs von Maurice Ravel. Und es ist sooo schön (traurig). Es kommt aber eben ziemlich prominent schon in ja tatsächlich einem meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre Call me by your Name vor. Und nicht nur das, in beiden Filme wird relativ viel Rad gefahren und zwar am Land und das verwirrt mich noch zusätzlich. Wenn jetzt jemand bei Petzold in der Uckermark am Rad sitzt, muss ich dauernd an Sonne in der Lombardei und an (schon wieder) Timothee Chalamet denken, harhar. Und das war halt schon bissi sexier als die Uckermark sorry.

Etwas ähnliches ist erst vor kurzem in Hamnet passiert. Da hat Regisseurin Chloé Zhao sich offenbar gedacht, ich nehme ein Musikstück von Max Richter, nämlich Nature of Daylight, und füge es meinem eh schon relativ emotional manipulativen Tearjerker bei, weil, wie Pia Reiser es im fm4 Filmpodcast gesagt hat, dieses Lied übermittelt einem quasi einen Wein-Befehl. Nur hat man halt potentiell schon zehnmal vorher geweint, in Arrival, Shutter Island, The Handmade’s Tale und so weiter. Und da denke ich mir, ist es für mich als Regisseurin nicht reizvoller, ein Musikstück zu wählen, das noch keine dementspechende Vorgeschichte hat, sondern das ganz meinem Film “gehört”?

Ur schrecklich wurde In the Still of the Night in Scorseses The Irishman eingesetzt. Bitte zu diesem Lied haben Patrick Swayze und Jennifer Gray in Dirty Dancing geschmust und Scorsese nimmt es für einen Szene, die uns die Figur des gebrechlichen Robert di Niro in einem Pflegeheim vorstellt. Ich mein: Warum? Gut, vielleicht hat Scorsese nie Dirty Dancing gesehen, das kann ich mir sogar vorstellen. Sehr unpassend fand ich auch, dass das wunderschöne Let Go von Frou Frou aus dem tollen Film Garden State im recht schlechten “Erotik”thriller Deep Water verwendet wurde. Auch da: Warum? Passt auch null zu der Szene.

Umgekehrt hat der wirklich sehr bekannte Song Auld Lang Syne, der beispielsweise der Schlusssong in Harry und Sally am Silvesterabend ist, und der auch in Ist das Leben ist schön und in Forrest Gump vorkommt, den eher enttäuschenden Sex and the City Film ein bisschen gerettet. Auch hier wird es zu Silvester gespielt, als die traurige Carrie spontan Miranda besucht, die Szene hat mich vor allem wegen des Songs berührt.

Es gibt sicher noch mehr Beispiele, diese sind mir spontan eingefallen.

Sign of the Times

Letztens rede ich mit dem Kind so über Musik, weil er einige Konzerte plant von Bands, die mir prinzipiell eh auch gefallen. Aber, sage ich ihm, ich höre praktisch fast nur noch ESC Songs, weil mich die an nichts erinnern. Das stimmt wirklich, eh auch irgendwie leider, aber mich trifft emotional nichts so schnell wie das “falsche” Lied – kein Film, auch wenn er arg ist und auch kein Roman. Aber Lieder können mich so arg triggern, nur noch geschlagen von U-Bahn-Stationen, harhar.

Dann reden wir weiter und irgendwie kommen wir auf Harry Styles, den das Kind nicht so mag.

Ich dann: Aber Sign of the Times ist ur gut.

Und er so: Na und das ist nicht deprimierend?

Harhar, da hat er natürlich recht, es ist schon ein trauriges Lied. Hier auf dem Blog habe ich damals geschrieben, Styles singt so, als wäre sein Leben schon einmal komplett auseinandergebrochen und dann nur notdürftig wieder zusammengesetzt worden. Das hat mich damals sehr angesprochen, ich war aber erstaunt, dass jemand, der erst Anfang 20 ist, von solchen Dingen erzählen kann. Andererseits wird der Grundstein für die Dinge, die einen später brechen, wahrscheinlich eh immer in der Kindheit gelegt.

Trotzdem – und nachdem ich gerade (!) nachgelesen habe, dass Styles hier über eine Mutter singt, die gleich sterben wird und ihrem Neugeborenen in diesem Song alles mitgeben will, was sie über das Leben weiß, na uff – ja trotzdem deprimiert mich dieses Lied nicht. Weil ich es im Sommer 2017 gehört habe, und da war ich so glücklich und alles war noch möglich. Das assoziiere ich immer noch damit.

The Bride

Ich bin wieder mal aus meiner Komfortzone rausgegangen und habe mir The Bride angesehen. Eine Figur aus dem Frankenstein Umfeld, das mich ja bekanntermaßen nicht besonders interessiert, aber ich hatte die Hoffnung, dass die zweite Regiearbeit von Maggie Gyllenhaal, die man ja vor allem als Schauspielerin kennt, irgendwas ganz neues interessantes aus dem Stoff macht, im Gegensatz zu Guillermo del Toro erst kürzlich, der ja einen sehr klassischen Zugang gewählt hat.

Worum geht es also? Zunächst spricht Frankenstein-Autorin Mary Shelley (Jessie Buckley) quasi meta-mäßig zu uns. Ihr zu früher Tod hätte verhindert, dass sie uns mehr über die Figur “The Bride” erzählt, die ja irgendwie nur als Fußnote vorkommt. Nun soll Abhilfe geschaffen werden. Wir befinden uns mittlerweile, warum auch immer, im Jahr 1936. Frankensteins Monster (Christian Bale) ist einsam und sucht eine Gefährtin. Er wendet sich an die nerdige Wissenschafterin Dr. Euphronious (Annette Benning) und bittet sie, die vor kurzem erst verstorbene Ida (auch Jessie Buckley) für ihn zum Leben zu erwecken…

SPOILER MÖGLICH

Im Kino hab ich merkwürdiges erlebt: Ich sah diesen Film im eher spärlich besuchten de France und hatte so viele Fragen, die permanent mehr wurden. Beispielsweise saß hinter mir eine junge Frau, die immer wieder einmal gelacht hat und ich habe mich jedes einzelne Mal gefragt, lacht sie, weil sie die Szene gerade witzig findet oder ist es ein ironisches Meta-Lachen. Und ich finde, das sagt schon recht viel über den Film aus.

Während Christopher Nolan aus dem Stoff rund um die Comicfigur Batman einen extrem starkes, dreiteilige Neo-Noir Drama gemacht hat, dass nur noch mit genauem Blick als Genrewerk zu erkennen ist, geht Gyllenhaal (die übrigens in eben dieser Nolan Trilogie mitgespielt hat) quasi den umgekehrten Weg und macht aus dem dunklen Frankenstein Stoff eine schrille und stark überzeichnete Graphic-“Novel”. Das ist irgendwie reizvoll, irgendwie lädt es aber auch dazu ein, den Film von der humoristischen Seite aus zu rezipieren, was ja okay wäre, sich aber damit beißt, dass der Film sich selbst oft so wahnsinnig ernst nimmt. Etwa in seinem, sagen wir, 1990er Jahre Feminismus, in dem es vor allem darum geht, wessen fu***** Bride Buckley nun sei, also wem sie “gehöre” und anderen formale Spitzfindigkeiten. Als Dr. Euphronius die Bride zum Leben erweckt und ihr Frankensteins Monster quasi als Love Interest schmackhaft machen will, meint the Bride: “Then why don’t you marry him?” Ich finde das eine durchaus berechtigte Frage.

Gyllenhaal mixt hier (zu)viele verschiedene Elemente zusammen: Es gibt einen Subplot um einen Mafiaboss, der Frauen die Zungen aus dem Mund schneidet, und dem das Handwerk gelegt werden soll. Es gibt die Stimme von Mary Shelley aus dem Off, die irgendwo zwischen semantisch-philosophischer Auslotung von Sprache und extremer Wortfindungsstörung changiert. Und es gibt das Detektivpaar Myrna (Penelope Cruz) und Jake (Peter Sarsgaard), das ein einziges 1930-er Jahre Klischee in Aussehen, Habitus und Funktion ist, mir als Element aber, dank der guten Chemie der beiden Schauspieler miteinander, dennoch am besten in diesem Film gefallen hat. Während Christian Bale, der zweifellos ein toller Darsteller ist, hier komplett verloren erschien, so als wisse er auch nicht genau, was er hier eigentlich macht.

Fazit: Während die erste Regiearbeit von Gyllenhaal, The Lost Daughter, ein sehr ruhiger, durchaus auch ein bisschen sperriger Indie-Film war, den ich persönlich ziemlich gerne mochte, überhebt sie sich hier sowohl im Genre und auch in der Thematik. Ihre Begabung schimmert aber immer wieder durch. Ich hoffe, sie macht weiterhin Filme, gleichzeitig muss es aber nicht noch mal ein Comic-Zugang sein finde ich, harhar.