almis personal blog

Juror #2

Endlich habe ich Juror #2 gesehen, den möglicherweise letzten Film von Clint Eastwood, der ja immerhin schon 96 Jahre alt ist. Juror #2 – Sonderzeichen in Titel immer schwierig – hat aus unerfindlichen Gründen bei uns gar keinen und auch in den USA nur einen sehr kleinen Kinostart bekommen. Dabei hat er das Potential zum sehr soliden Crowdpleaser.

Worum geht es? Justin (Nicholas Hoult), ein Feuilletonjournalist, lebt mit seiner hochschwangeren Frau Ally (Zoey Deutch) ein beschauliches Leben in Georgia, als er als Geschworener für einen aufsehenerregenden Mordprozess einberufen wird. Weil es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt, ist Justin nicht besonders glücklich über die Aufgabe zu gerade diesem Zeitpunkt, doch bereits am ersten Tag ist er mehr in den Fall um einen jungen Mann, der angeblich seine Freundin getötet hat, involviert, als er sich das gewünscht hätte…

ACHTUNG SPOILER

Es wird schon in den ersten Minuten klar, dass Justin am Tatabend dasselbe Lokal wie das Paar besucht hat. Er kann sich deshalb so gut daran erinnern, weil es der Geburtstermin seiner Zwillinge gewesen war und er damals als trockener Alkoliker kurz davor war, wieder zu trinken; weil es die Zwillinge nicht geschafft haben, weil er sich deshalb in einer Lebenskrise befand. Mehr erfahren wir darüber nicht und das ist eine der sehr guten Entscheidungen die Regisseur Eastwood trifft. Es gibt uns die Informationen zu unserer Hauptfigur nach und nach, die Figur ist um einiges vielschichtiger als sie uns am Anfang vielleicht erscheint und manches überlässt er vollkommen unserer Fantasie.

Aber Justin ist noch wesentlich tiefer in den Fall involviert. Er hat nach Verlassen des Lokals – er lässt seinen Drink unberührt stehen – bei Gewitter und schlechter Sicht ein Reh angefahren, so dachte er zumindest, er konnte das Tier anschließend nirgends entdecken. Bald wird aber klar, dass es stattdessen das “Mordopfer” war, das ihm vors Auto gelaufen und dann in die Schlucht daneben gestürzt ist. Es war ein Unfall, aber würde er sich nun stellen, wären die Fakten folgende: Er hat als langjähriger Suchtkranker in dem Lokal Alkohol bestellt und danach Fahrerflucht begangen. Sein Betreuer bei den AA Larry (ein charismatischer Kiefer Sutherland) macht ihm klar, dass er für diese Tat 30 Jahre ins Gefängnis gehen könnte. Er würde seine Frau, die ihm aus der Sucht geholfen hat, im Stich lassen, und seine Tochter nicht aufwachsen sehen. Aber Justin ist ein guter Mensch. Er möchte auch nicht, dass jemand anderer hart für etwas bestraft wird, was dieser gar nicht getan hat. Und so will er die übrigen Geschworenen davon überzeugen, auf “nicht schuldig” zu plädieren, ohne den wahren Schuldigen finden zu müssen.

Und um das alles noch etwas komplexer zu machen, trifft Eastwood noch andere interessante Entscheidungen. Der Angeklagte ist, anders als Justin, kein “guter” Mensch. Er war Mitglied in einer skrupellosen Jugendbande, er wirkt roh und die Beziehung zu seiner Freundin war zumindest gewaltaffin. Sein Pflichtverteidiger Eric (total unterschätzt: Chris Messina) ist cleverer als andere in dieser Position und seine Menschenkenntnis sagt ihm, sein Mandant spricht die Wahrheit. Die Staatsanwältin Faith (Nestroy schau oba) (Toni Colette), mit Eric befreundet, muss diesen Fall wiederum gewinnen, weil sie sich um ein politisches Amt beworben hat. Sie ist eine hartgesottene, karriereorientierte No-Bullshit Person, die schon alles gesehen hat, und deren Mitleid mit wem auch immer sich in Grenzen hält, aber im Laufe des Prozesses beginnt auch sie an der Schuld des Verdächtigen zu zweifeln.

Eastwood zeigt uns immer wieder die blinde Justitia und die Waage als Symbol für Verhältnismäßigkeit. Er bringt Referenzen zu True Crime Podcasts, zum “gesunden” Volksempfinden. Er führt uns vor Augen, dass es “die Wahrheit” kaum gibt, vielleicht am wenigstens vor Gericht, wo es eher um eine gute Geschichte und Rheotrik geht, und reflektiert, wer eine zweite Chance verdient hat und wessen Bestrafung mehr Kolleteralschäden verursachen würde. Und das ist wirklich ordentlich spannend und sehr gut gespielt, weil es noch mehr als ein Gerichtsdrama ist, nämlich eine bis in kleinste Details ausgestaltete Charakterstudie.

Auf letterboxd schrieb jemand: “Sorry this is the type of movie that needs to commit to an ending”.

Ich verstehe die Argumentation würde aber behaupten, dass dieses (semi)-offene Ende eher dem entspricht, was uns der Film insgesamt sagen will. Dass es dieses Ende geben kann – oder ein anderes. Dass es nur ein schlechtes Ende gibt. Und ein noch schlechteres.

Sonntag

Die Nächte sind übrigens nicht soo ruhig, weil Katzen sind, erraten, nachaktiv. Mitten in der Nacht pickt dann plötzlich eine Katzennase auf meiner Wange, harhar.

Ich verstehe nichts von Katzen. Ich weiß nicht, was sie wollen und brauchen, wenn sie maunzen und mich anschauen. Aber sie schnurrt die meiste Zeit, also hoffe ich, dass sie sich wohlfühlt.

Schaut eh ganz happy aus, oder?

Wir oder vielmehr ich war deshalb heute etwas müde. Ich habe einfach den Start des Formel 1 Rennens verschlafen.

Danach haben “wir” uns La Grande Bellezza angeschaut. Und was soll ich zu Paolo Sorrentinos Oscar-prämierten Werk über die italienische dekadente Gesellschaft sagen? In Abwandlung dessen, was meine Mutter mal über The Great Gatsby Leonardo di Capiro gesagt hat: “Redford is a kana” harhar. Sorrentino ist auch kein Fellini. Der Film hatte schon irgendwie was, auch wenn ich bis zum Schluss nicht ganz sicher war, ist das surrealistisch oder prätentiös. Für mich aber klar: Ohne das Charisma des Hauptdarstellers Toni Servillo hätte der Film für mich nicht funktioniert, wäre er wohl auseinandergefallen.

Schön resignativ und damit den Ton des Films treffend, gerade zur der Jahreszeit passend fand ich, was einer der Protagonisten in einer Szene sagt: “Ich habe all meine Sommer damit verbracht, Pläne für September zu schmieden. Jetzt nicht mehr. Jetzt verbringe ich den Sommer damit, mich an die guten Vorsätze zu erinnern, die sich verflüchtigt haben. Teils aus Faulheit, teils aus Unachtsamkeit. Was ist so schlimm an der Nostalgie? Sie ist die einzige Ablenkung für diejenigen, die keinen Glauben an die Zukunft haben”

Zum Ende eines ruhigen Tages noch geschrieben und an jemand gedacht.

Katzensitting

Spontan habe ich Besuch übers verlängerte Wochenende bekommen.

Sie stieg aus der Transportbox, schaute sich um und ging in die Transportbox zurück. Also wenn das kein vielversprechender Start ist, dann weiß ich auch nicht. harhar

Diesmal werde ich sie ganz alleine hüten und ich hoffe, es gefällt ihr halbwegs gut bei mir. Sie ist ja sonst eine Landkatze.

M. hat sich mitten in mein Schreibtischchaos gesetzt. Mir scheint, sie braucht Aufmerksamkeit harhar

Wir werden schreiben (bzw sie sitzt halt dann auf meiner Tastatur, siehe oben), das eine oder andere Buch lesen und vielleicht den einen oder anderen Film schauen. Und kuscheln natürlich.

Und in der Nacht ist Ruhe, gell? harhar.

Donnerstag

Es ist jetzt folgendes, wie immer nach dem 15. August: Die einen freuen sich schon auf den Herbst und die anderen wollen den Sommer nicht loslassen.

Die Zeit arbeitet für erstere: Nachts ist es schon kühler. Die WhatsApp Stories mit Stränden, Bergwiesen, extrem eigenartigen Reptil-ähnlichen Tieren (aus Thailand, ähm, was?), die dort einfach über die Straße gehen, auch jene mit Aperol Spritz und Eisbechern werden deutlich weniger. Dafür flattern die Back to School Prospekte herein – aber die sind mir egal. Bei “uns” geht es erstmals nicht mehr back to schook, sondern es gibt stattdessen “Welcome Days”.

Ob Sommer oder Herbst, I ‘ll go with the flow, zumal ich diese bestimmte Zeit im Jahr gerade sehr liebe, immer schon geliebt habe.

Ich war in der Mittagspause beim Vapiano, diesmal beim Westbahnhof. Ich mag diese retro Sessel und Aschenbecher in rot, und das Risotto und das Minzgetränk mit Aussicht (auf den Ikea). Ich bessere nach wie vor an meinen Langtext herum, es ist doch noch viel zu tun. Ich schaue auf den Ikea und denke über Formulierungen nach. Manchmal finde ich meinen Text wunderbar und manchmal auch gar nicht, denke mir, wen soll das interessieren harhar. Es ist jetzt diese Phase.

Danach war ich in der Bibliothek am Urban Loritz Platz, ich mein wie schön ist dieser Ausblick:

Es ist allerdings ein bisschen eskaliert, harhar:

Yasmina Reza schreibt übrigens in “Serge” über den Sommer an sich: “Der Sommer enthält alle Sommer, die früheren und diejenigen, die wir nie erleben werden.”1

Das ist so gut beschrieben, so ist es tatsächlich, finde ich. Der Sommer als Jahreszeit ist so aufgeladen mit Erwartungen und Projektionen. Das ist schön und auch ein bisschen anstrengend, das empfinde ich bei keiner anderen Jahreszeit so.


Kurze Mitteilung in eigener Sache: Manche Menschen fahren jetzt erst auf Urlaub zum Beispiel mein IT Admin, harhar. Falls ich in den nächsten zwei Wochen hier verschwinden sollte, dann ist technisch etwas passiert, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte, weil im Urlaub mag ich ihn nicht belästigen.

  1. Yasmina Reza: Serge, S. 197 ↩︎

Chandlers Zitate

Zum heutigen Geburtstag von Matthew Perry, unvergessen als Chandler Bing in Friends, ein paar seiner Zitate. Diese wurden heute auf Social Media zusammengetragen. Am besten natürlich, wenn man sich den Habitus und Tonfall dazu vorstellen kann, weil man alle Folgen mehrfach gesehen hat.

Aber auch so einfach Chandler-esk.


Als Rachel Chandler um einen Ratschlag zu ihrem Liebesleben bittet:

“I’m not great at the advice. Can I interest you in a sarcastic comment?”


Als Ross ihm erzählt, dass er sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann:

“Oh, no! Two women love me. They are both gorgeous and sexy. My wallet is too small for my fifties, and my diamond shoes are too tight”


Als Ross viel zu stark gebräunt vorbeikommt und vorwurfsvoll zu Chandler sagt: “I went to the tanning place your wife suggested”

Chandler: “Was that place…the sun?”


Als Joey zu ihm kommt und meint: “I kinda had a dream”

“What if Martin Luther King had said that..? I.. kinda had a dream?”


Als Phoebe darüber spricht, wie man um die Hand einer Frau anhält und Chandler draufhin:

“Well if I were a guy… did I just say if I were a guy?


Als Monica ein Video aus der Zeit zeigt, in der sie übergewichtig war und anmerkt: “Don’t forget, the camera adds ten pounds”

“Right and how many camera are actually on you right now?”


Und mein Lieblingszitat. Als Phoebe ihren enthusiastischen neuen Freund auf eine Feier mitgebracht hat und dieser in seiner überschwänglichen Art zu allen sagt, er möchte den Moment festhalten und tut so, als würde er eine Kamera bedienen: “It’s like, I want to take a mental picture of you all. Click!”

“I don’t think the flash went off.”

Drei Freundinnen

Als Studentin habe ich mal einige Zeit lang im Schloss Schönbrunn gearbeitet, und dort eine Theaterwissenschaftstudentin kennengelernt, mit der ich in den Mittagspausen immer vor allem über Kinofilme gesprochen habe. Einmal kam eine WU-Studentin dazu (es klingt wie ein Klischee, aber es war halt so) und meinte zu uns: Ach ich hasse französische Filme, da wird immer nur geredet. Harhar.

Mein Filmgeschmack hat sich später auch, wie soll ich sagen, diversifiziert, aber heute habe ich mal wieder einen dieser französischen Filme gesehen, in denen viel geredet wird. Weil in den österreichischen Kinos und – da muss ich jetzt Pia Reiser vom fm4 Filmpodcast zitieren – wird praktisch jede französische Gesellschaftskomödie, die gedreht wird auch gezeigt. Mein Zusatz: Und in jeder spielt gefühlt Vincent Macaigne mit, den ich super sympathisch und brummbärig finde. Die Komödien selber: Manchmal “so lala”.

Der heutige Film heißt Drei Freundinnen und ist von Emmanuel Mouret. Und Nomen est Omen. Es geht um Joan (India Hair), die mit Victor (eben Macaigne) zusammen ist und feststellt, sie ist nicht mehr verliebt in ihn. Es geht um Alice (Camille Cottin), die ihr daraufhin sagt, sie war in ihren Partner Eric eh nie verliebt, das ist besser so, dann verliebt-sein stürzt einen nur ins Unglück, man ist da gleich in einer unterlegenen Position. Und dann gibt es noch Rebecca (Sara Forestier), die mit besagtem Eric eine Affäre hat – was Alice natürlich nicht weiß (hey, es ist eben ein französischer Film)…

ACHTUNG SPOILER

Es gibt einige Dinge, die ich an diesem Film sehr mochte. Einerseits die Erzählperspektive. Victor erzählt nämlich aus dem Off und das sehr pointiert: “Hier haben wir eine Figur, aber das ist nicht die Hauptperson. Er ist gerade drauf und dran, meinen Job zu übernehmen.” “Hier haben wir einen Ort der Handlung. Und hier und hier” Ich mag ja so etwas. Dennoch bin ich schon wieder drauf reingefallen, dass es so eine Konvention wäre, dass die erzählende Figur selbst am Ende des Filmes noch am Leben sein wird. Obwohl ich eh bereits Filme gesehen habe, in denen das nicht der Fall war. Hier eventuell auch. *hüstel*

Ich mochte, dass Menschen hier so aussehen wie Menschen aussehen. Normale Figuren und Frisuren, kein Botox weit und breit (!), kaum Schminke, da passt das Shirt nicht zum Rock, und die Farben sind unvorteilhaft, die Wohnungen sind generell unordentlich, wie im richtigen Leben. Ich mochte die Diskussionen über (romantische) Liebe: Was ist das eigentlich, braucht man das für eine Beziehung oder ist es eher hinderlich, was ist wirklich wichtig in einer Partnerschaft, warum hat man überhaupt eine Partnerschaft. Und ich mochte, das hier keine “Hollywood Endings” passieren, auch wenn sie so schön passen würden. Ich mochte, wie Rebecca bei einem Date dem Mann, den sie trifft, erzählt, sie würde gar nicht gerne reisen und hätte das auf der Dating Plattform nur geschrieben, weil man ja nicht schreiben kann “Ich bin gerne zuhause”, harhar, I feel you!

An diesem Film ist so gesehen nichts falsch – außer vielleicht die Szenen in denen Joan den, ja sprechen wir es aus, toten Victor imaginiert – aber der Film hat halt auch keine besondere Dringlichkeit oder besonders viel, was er einem unbedingt mitgeben will, für das eigene Leben. Oder anders gesagt: Es ist nicht so, dass es irgendwas großartig verändert, wenn man diesen Film sieht. Und laut Charlie aus dem Roman Perks of a Being a Wallflower verändert ein richtig guter Film das Leben immer ein stückweit und ich stimme ihm da auch durchaus zu.

Anderseits ist es auch mal ganz schön, einen Film zu sehen, der irgendwie so angenehm dahinplätschert, amüsant ist, ein bisschen zum Nachdenken anregt, einen aber auch nicht sonderlich aufwühlt oder einem gar das Herz rausreißt. Aber, und das ist auch wichtig, trotzdem nichts von einem TV-Movie hat. Ob das jetzt eine Empfehlung ist, mag jeder selbst entscheiden, harhar.

Let the Sunshine In

Gestern habe ich zufällig das Ende einer Musicalübertragung aus Baden gesehen.

Ich mochte Musicals früher schon ganz gern, mag aber mittlerweile die klassischen Bühnenmusicals nicht mehr so sehr, weil sie inhaltlich oft ziemlich unterkomplex, auf der emotionalen Ebene aber oft übertrieben pathetisch sind. Für Filmmusicals habe ich dagegen immer noch eine kleine Schwäche, weil die oft das Genre ein bisschen mit Augenzwinkern kommentieren oder ganz arge Experimente machen – siehe zum Beispiel Emilia Perez, das glaub ich außer mir gar niemand mochte harhar.

Jedenfalls war der letzte Song gestern Let the Sunshine In aus dem Musical Hair.

Und da hatte ich plötzlich ganz viele Gedanken im Kopf, die ich hier ordnen will. Zum einen musste ich an meinen früheren, schon etwas älteren, schon etwas vergesslichen Musikprofessor am Gymnasium denken. Er hat mit uns jedes Jahr mehrmals denselben Stoff gemacht, das Genre Impressionismus gefiel ihm sehr gut, er ließ uns öfter diesselbe Seite im Buch aufschlagen und hat uns auch diesselben Fragen gestellt, aber weil sie niemand beantworten konnte, was angesichts der Redundanz recht peinlich war, fiel es ihm nicht auf. Sein Lieblingsmusical war offenbar Hair, weil wir sahen das Ende mehrmals. Und ganz ehrlich: Dieses Ende reißt dir dein Herz heraus und trampelt darauf herum und mir hätte das einmal auch gereicht.

Der Regisseur von Hair ist Milos Forman, der das schon schlimme Finale des Bühnenmusicals nahm und es für den Film noch grausamer machte. Danke für nichts! Harhar. Forman hat auch nette Filme gedreht, wie Valmont – ein eher satirischer “Take” des Gefährliche Liebschaften-Stoffes – ich habe mir mal die wichtigsten Verfilmungen angesehen und mit jemand wunderbare Gespräche darüber geführt. Aber Forman ist “leider” auch der Regisseur von Einer flog über das Kuckucksnest, einem der ganz wenigen Filme bisher, der die sogenannten Big Five Oscars gewonnen hat (Bester Film, Drehbuch, Regie und beide Hauptdarsteller). Und trotzdem will in diesen Film, für den übrigens auch Michael Douglas als Produzent ausgezeichnet wurde, nie wieder sehen. Der Film hat ein so bitteres Ende, das mir persönlich das Gefühl gibt, dass die Menschheit wirklich verloren ist und daran mag ich nicht glauben.

So, wo waren wir eigentlich, ah ja bei Let the Sunshine in (The Flesh Failures). Der erste Teil, The Flesh Failures nämlich, hat sehr seltsame, argen Zeilen wie: “Facing a dying nation” oder “Listening for the new told lies”, immer noch aktuell, wenn man Medien konsumiert, harhar. Aber dann wird das Böse, das Dunkle, das Grausame besiegt, durch die Liebe – eben: Let the Sunshine In! Als empowernde Botschaft. Bei Forman muss man sich da schon sehr bemühen, hier positiv zu denken, aber ansonsten macht das Lied schon was mit einem. Ist mir gestern auch wieder so gegangen.

So, das war jetzt eine kurze Assoziationskette.

Serge

Im Jahr 2024 erschien der Film A Real Pain von und mit Jesse Eisenberg, von dem ich leider nicht so begeistert war wie der Rest der Welt. Eisenbergs Co-Star Kieran Culkin bekam sogar den Nebenrollen-Oscar, weil er einen sehr unsympathischen Menschen sehr unsympathisch verkörperte, harhar. Ich weiß, es ging auch darum, dass hinter dessen nervtötenden Persönlichkeit ein verletzlicher Mensch steckt und der Zuseher für diesen Empathie aufbringen sollte, es hat bei mir nur nicht funktioniert, ich fand ihn einfach nur furchtbar anstrengend. Die Prämisse des Filmes aber, zwei amerikanische Cousins mit polnischer Herkunftsfamilie machen nach dem Tod der Großmutter eine “Holocaust-Tour”, um ihren Wurzeln und damit sich selbst auf die Spur zu kommen, fand ich wirklich interessant.

Nun habe ich Serge von Yasmina Reza gelesen und sehen wir uns die Prämisse hier an: Drei Geschwister, Franzosen mit ungarischer Herkunftsfamilie, machen nach dem Tod der Mutter einen “Holocaust-Tour”, um ihren Wurzeln und damit sich selbst auf die Spur zu kommen. Hm. Der Roman ist übrigens von 2022. Serge hat jedenfalls alles, was dem Film meines Erachtens fehlt.

So ein Buch kann natürlich nur jemand schreiben, der selbst jüdischer Herkunft ist, vor allem wenn die Betrachtungen teilweise so bitterböse und auch selbstkritisch sind. Die titelgebende Figur des Serge sagt einmal: “Die übrig gebliebenen Juden sind nichts wert. Guck dir doch die Nullen an, die wir jetzt haben.”1 Aber zum Teil ist es auch ziemlich komisch. Einmal meinte Serge über etwas: “Das erstatten sie uns zurück” und bekommt zur Antwort: “Juden erstatten nichts zurück.”2 Oder wenn der Erzähler Jean, Bruder von Serge, feststellt: “Meine Mutter hatte einen wenig in unsere Zeit passenden Reflex: Um nichts in der Welt wollte sie Opfer sein.”3

Reza schafft auch, was der Film ebenfalls versuchte, eine Kritik an der Erinnerungskultur-Industrie an sich anzubringen, an den Touristen, die ergriffen von ihrer eigenen Haltung sind, dabei aber Sackerl von H&M oder Zara tragen, weil sie nach dem Besuch von Ausschwitz eben shoppen oder gut essen gehen. Gleichzeitig stellt aber gerade die Figur Serge die Sinnhaftigkeit von Erinnerung quasi auf Kommando kritisch in Frage, wenn er über die “besonders trübsinnig inszenierte ungarische Ausstellung” in Ausschwitz reflektiert. Und wie wenig kathartisch es sei, neben der berühmten “Judenrampe” zu stehen, in der hellen Sonne, in Shorts, Kekse zu essen und zu schwitzen. Serge hat überhaupt wenig übrig, für die “unerbittliche Ernsthaftigkeit der Jugend” (was für eine wundervolle Formulierung!) Dennoch wird hier natürlich nichts kleingeredet oder verharmlost, im Gegenteil: Schmerz und Verletzlichkeit haben in diesem Roman mindestens ebensoviel Platz.

Jetzt denkt man sich vielleicht – warum heißt der Roman “Serge“, wenn es um drei Geschwister geht. Das werde ich nicht verraten, weil ich das Buch sicher einmal verschenken werde. Aber sagen wir so, auf den letzten 20 Seiten wird es klar. Die anderen beiden Jean (der Erzähler, das mittlere Kind) und Nana, die “kleine” Schwester bekommen in dieser Geschichte aber ebenfalls viel Raum, so wie noch andere Familienmitglieder, die oft mittels liebenswerter Schrullen charakterisiert werden. Hier wird aber auch bei Familienkonflikten und Traumata ganz genau hingeschaut und gar nichts beschönigt, und ich mag ja so eine radikale Ehrlichkeit, wo aber keine Bitterkeit, sondern immer noch eine Schicht Galgenhumor dahinter steht, sehr gerne.

Berührend ist, wie Nana im Streit Serge einmal hinterherschimpft, dass sein Leben gescheitert ist. Das bereut sie später. “Es tue ihr furchtbar leid, dass sie das gesagt habe, sein Leben sei restlos gescheitert. Welches Leben denn nicht? Nach welchen Kriterien könne man sagen, ob ein Leben gescheitert sei oder nicht?”4

Ich liebe die Art wie Reza schreibt und wie ich sehe, gibt es in den Büchereien eine Menge ihrer Bücher….

  1. Yasmina Reza: Serge, Seite 104 ↩︎
  2. Reza, Seite 57 ↩︎
  3. Reza, Seite 33 ↩︎
  4. Reza, Seite 203 ↩︎