almis personal blog

Allegro Pastell, postscriptum

Autor Leif Randt lebt ja in gewisser Weise einen Traum.

Zum einen kann er vom Schreiben leben. Zum anderen hat er mit Allegro Pastell einen Bestseller verfasst, der quasi als Stimme einer Generation gilt. Das erinnert an Lena Dunham, die ihre Hauptfigur Hannah in der Serie Girls sagen lässt: “I think that I may be the voice of my generation. Or at least a voice… of a generation.” Harhar, Dunham ist ja auch ein Millenial und hat begriffen: Hier ist jeder sein eigenes Sprachrohr. Aber weiter zum Traum: Also Randt hat diesen Bestseller geschrieben und dann wird der auch noch verfilmt und er schreibt das Drehbuch dafür. Wie cool ist das? Laut Randt übrigens gar nicht mal soo, im fm4 Filmpodcast hat er gesagt, er hat für das Drehbuch fast länger als für den Film gebraucht. Aber es hat sich gelohnt, finde ich.

Ich wollte ja noch ein paar Details aus dem Buch vorstellen. Und die beste Beobachtung ist sicher die der “vorauseilenden Wehmut”. In Allegro Pastell heißt es einmal: “Jerome dachte dass er eines Tages wehmütig an diesen Moment zurückdenken würde, und als dieser Gedanke auch noch während der dritten Tasse Tee präsent war, war er nicht mehr sicher, ob ihn nicht schon jetzt ein wehmütiges Gefühl eingeholt hatte”1. Und das sagt natürlich eines, dass diese Menschen nicht, wie es so schön heißt, im Moment leben. Sondern das alles Erleben quasi eingebettet ist in eine Rückschau und zugleich ein Vorausblicken. Hier wird alles analysiert und interpretiert. Aber wer von uns kennt es nicht, die Momente, in denen man denkt, sie sind so schön, doch sie können und werden nicht bleiben. Weil sich Menschen ändern, Umstände, weil die Zeit vergeht, manches sowieso von Anfang an nicht von Dauer sein kann und man weiß es auch. Manchmal will man es trotzdem nicht wahrhaben.

Randt beobachtet sehr genau. Er lässt Jerome etwas sagen, von dem Tanja bemerkt, dass dieser Spruch gar nicht zu Jerome passen würde. Ich finde, mit solchen Aussagen kann man den Charakter von literarischen Figuren fast noch besser beschreiben, als würde man sie einen Satz sagen lassen, der ihnen entspricht. Falls noch jemand weiß, was ich meine, harhar. Einmal liest Tanja Jerome etwas aus einem Essayband über bedingungsloses Grundeinkommen vor (finde ich ja zum Schreien, ich mein, wie romantisch, transportiert aber auch die Haltung)

Dann erzählt Jerome etwas “mit zu großer Ernsthaftigkeit” – weil er Knieschmerzen hat. Odee sinniert er über die Midlife Crisis: “Eine Midlife Crisis fing vermutlich damit an, dass sich alles so anfühlte, als wäre es schon mehrfach da gewesen, bei gleichzeitig sinkender Intensität”. Was für ihn auch auf Sex zutrifft: “Sex hatte mit Mitte dreißig jedes Geheimnis verloren und war deshalb ungebrochen angenehm und entspannt (…) aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal”2

Mir hat dieser lakonische und doch poetische Stil wikrlich gefallen, ich habe mir gleich noch ein Buch von Randt bestellt.


  1. Leif Randt: Allegro Pastell, S. 77 ↩︎
  2. a.a.O, S. 212 ↩︎

Mein langes Wochenende, zwei

Bezüglich des Buches, das man schreiben muss, wenn man es selbst braucht, aber nicht findet: so ging es mir bei der Frühgeburt auch. Da gab es ebenfalls nichts. Keine Erfahrungen, an die man anknüpfen hätte können. Zweiter Punkt: man kann sich die Dinge schon auch von der Seele schreiben, das ist nicht nur so daher gesagt.

Den Tag heute hat aber mit folgender, eher profanen Feststellung meiner Mutter begonnen: “Der Alfons Haider ist richtig fesch als Frau.” Ich: “Ich brauch zuerst einen Kaffee” Harhar. Es war ein Foto in der Sonntagszeitung und ja. Sie hat recht.

Dann weist mich die Filmapp letterboxd darauf hin, dass ich eintragen kann, in welchen verschiedenen Formaten ich The Odyssee sehe. Also ernsthaft, wie oft glaubt letterboxd, dass ich mir dieses 172 Minuten lange griechischen Epos anschauen werde?? Harhar.

Danach war ich spazieren, hab das ganzes erste Kapitel meines Textes umgeschrieben (bin schlecht bei Anfängen), habe ein neues Fliegengitter in meinem Zimmer angebracht (auch da bin ich schlecht.) Bin neugierig, ob das jemand anschauen kann, ohne zu lachen anzufangen. Glaube eher nicht.

Dann wieder geschrieben und geputzt und jetzt so:

Neuer Tisch, neuer Läufer, neue Pilzlampen harhar

Fühle mich ganz gut. Schreiben immer ein Glücklichmacher für mich.

Allegro Pastell

Was Allegro Pastell betrifft, habe ich es so gemacht: Ich habe ungefähr die Hälfte des Romans gelesen. Dann habe ich mir den Film angesehen, für den Autor Leif Randt auch das Drehbuch geschrieben hat. Anschließend habe ich den Roman weitergelesen. Ich finde sowohl den Film, als auch das Buch sehr interessant, wenn beide auch recht unterschiedlich funktionieren.

Besonders viel Plot gibt es nicht: Die Autorin Tanja (Sylvaine Faligant) und der Webdesigner Jerome (Jannis Niewöhner) führen eine privilegierte und hoch reflektierte Fernbeziehung. Als die Dinge ernster zu werden beginnen, müssen sie entscheiden, ob es wirklich das ist, was sie wollen….

Der Roman von Leif Randt strotzt nur so von wunderschönen Sätzen. Die beiden Protagonisten beobachten sich quasi andauernd selbst und gegenseitig; sie ziehen die Schlussfolgerungen über ihre guten, finanziell abgesicherten, im Endeffekt wieder fast bürgerlichen Leben, weil ihre Leben genaue “Codes” haben. Sie wollen so enorm individuell sein, sind es aber so überhaupt nicht, nur halt mit anderer Schlagseite. Einmal thematiseren sie die Leere ihres Lebens; da sie keine Kinder wollen, sollten sie sich andere Ziele stecken, so meinen sie selbst, leben aber das Leben, dass sie schon vor zehn Jahren gelebt haben: Endlose Parties, Drogen – ich persönlich habe von modernen Suchtmittel überhaupt keine Ahnung, Ketamin, was? – und vor allem selbstkreiertes Beziehungsdrama. Tanja kriegt zum Beispiel gerne von einem auf den anderen Moment schlechte Laune, wenn jemand sie schief anschaut und das ist soo anstrengend. Harhar.

Der Roman hat natürlich viel mehr Backstory, während der Film ein “Vibe” ist, der allerdings auch mit guten Zitaten aus dem Buch angereichert wird. Von Party zu Party. Momentaufnahmen. Musik, Looks, Statements. Berlin. Lissabon. Eine Stadt übrigens, die ich persönlich als pittoresk, aber sehr distanziert wahrgenommen habe, als ich 1998 dort war, und das passt sehr gut zu der Haltung, die hier alle vermitteln. Die zwei Protagonisten, die quasi ein Abbild der Generation Millenial sein sollen, aber ich denke, sie sind nur Millenials eines ganz speziellen Milieus, sind so dermaßen selbstzentriert, affektiert und voller Posen, dass ich sie total unsympathisch empfinde.

Auch wenn ich vieles an der Lebenswelt von Tanja und Jerome nicht verstehe, ich mag die Filme, die sie ansehen zum Beispie Call me by yout name. Und einmal geht Tanja auf ein Conan Osiris Konzert, der im gleichen Jahr 2019 mit seiner avandgartistischen Performance für Portugal am Eurovision Songcontest teilgenommen hat. Da schließen sich wieder alle Kreise. Harhar

Ein andermal werde ich noch mehr zu den schönen Sätzen erzählen.

News beim ESC

In der letzten Woche gab es zwei Neuigkeiten, den ESC betreffend, die ich beide mit so eher gemischten Gefühlen aufgenommen habe.

Die erste: Ab nächstem Jahr ist Kanada dabei. Und da bin ich jetzt nicht gerade vor Freude an die Decke gesprungen. Nun muss die erste Reaktion ja nicht zwangsläufig immer die “richtige” sein oder unverändlich, aber es war eben mein spontanes Gefühl dazu und ich habe natürlich nix gegen Kanada an sich. Aber ich finde mehr ist nicht immer gleich besser und es ist auch so ein bisschen ein Jumping the shark Moment, zumindest die Gefahr eines solchen, aber Eurovision überlebt eh viel.

Habe mir dann dazu eine ESC Kompakt Folge angehört, wo erklärt wird, wie das überhaupt möglich ist, dass jetzt Kanada dabei sein. Das Land war bisher assoziiertes Mitglied beim Zusammenschluss der öffentlich rechtlichen Sender und nun ist es ein Vollmitglied. Das bedeutet tatsächlich einen anderen Status als Australien, das immer quasi als Gast eingeladen werden muss und im Fall eines Sieges den Bewerb auch nicht austragen darf. Natürlich werden hier wohl auch ökonomische Gründe vorliegen, denk ich mir. Mir persönlich wäre es halt trotzdem lieber, man holt die Länder zurück, die jetzt wegen des elenden Boykotts abgesprungen sind – Niederlande und Slowenien vor allem, aus musikalischer Sicht, mochte die Beiträge der letzten Jahre aus diesen Ländern sehr. Ich würde mich auch freuen, wenn Nationen wie Ungarn oder Bosnien wieder mitmachen. Ich persönlich finde das Euro in Eurovision nämlich nicht obsolet.

Die zweite Änderung betrifft San Remo und ist mir mindestens genauso unverständlich. San Remo war ja bisher kein ESC Vorentscheid, wie ich hier obergescheit immer wieder gepostet habe, sondern einfach das italienische Musikfestival, dessen Sieger zum ESC fahren durfte (nicht musste). Nun übernimmt Stefano De Martino als neuer (junger!) Leiter das Festival und er will am Freitag – das Festival läuft ja fünf Tage – zu einem ESC Abend machen, wo es auch um die Inszenierung der Songs geht.

Und ja, wenn Italien – das immerhin erfolgreichste ESC Land der letzten zehn Jahre – etwas nicht kann, dann ist es die Inszenierung. Im besten Fall fällt sie einfach nicht auf, wie zum Beispiel bei Lucio Corsi, der einfach zwei meterhohe Verstärker hinter sich platziert hat oder bei Il Volo, die irgendwelche Objekte aus dem Kolloseum in Rom eingeblendet haben. Marco Mengoni hat überhaupt nur ein Trampolin mitgebracht, auf dem zwei Männer relativ unmotiviert herumgesprungen sind. Das war die “Bühnenshow” harhar. Im schlechtesten Fall sind die Inszenierungen so überladen, dass sie dem Song tendenziell eher schaden – siehe Francesco Gabbani oder Mahmood (der trotzdem Zweiter wurde) oder heuer auch Sal da Vinci, der beim eigenen Staging ja nur eine Nebenrolle spielte. Wie gesagt: Platzierungsmäßig heißt “schaden” aber immer noch Top 6.

Wie sich das San Remo konkret vorstellt, 20 verschiedene Spezial-Inszenierungen auf der eher kleinen Bühne des Teatro Ariston zu präsentieren, frage ich mich schon. Und letztlich ist Italien immer gut damit gefahren, sich nicht an den Songcontest anzubiedern, was bei Schweden und seinem Melodifestivalen zu einem häufig etwas seelenlosen Einheitsbrei führt. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, es wäre nicht das erste mal (harhar) und alles wird ur toll.

Mittwoch

Das Kind hat die Aufnahmeprüfung geschafft und ist an seiner Wunschuni aufgenommen, hurra.

Ich war ja skeptisch. Nicht aus generellem Pessimismus – oder sagen wir nicht nur deswegen. Aber eine Aufnahmeprüfung, die ungefähr eine Woche nach dem letzten Maturatag stattfindet, ernsthaft? Also ob da irgendwer Zeit (oder auch Lust) hätte, sich vorzubereiten, zwischen den ganzen Abschlussfeiern und auch der Erschöpfung. Also welches Elternteil sagt dann: Ja schön und gut, aber du solltest jetzt mal was lernen. Also ich nicht, ich habe das eher als Versuch gesehen, man schaut es sich halt mal an. Nun hat es tatsächlich geklappt und ab Herbst wird studiert, echt arg. Ich freu mich sehr.

Zur Feier des Tages war ich im Vapiano mittagessen, allein weil er ist ja nicht da:

Spagetthi Carbonara, das ist heute die verbilligte Tagespasta, dazu Minzgetränk mhmm

Danach noch bei Thalia, um Bücherinhaltsangaben zu lesen, weil ich hab ja einen Gutschein (für ein anderes Buchgeschäft) und ich “muss” mir jetzt neue Bücher für den Sommer aussuchen.

Und unter anderem habe ich da die Odyssee, bekanntermaßen von Homer gefunden. Ein Reclamheft, das ich ich jetzt eigentlich schon lesen sollte, nachdem der dazugehörige Christopher Nolan Film nächste Woche Premiere hat. Aber ich konnte mich noch nicht dazu durchringen, auch heute wurde ich wieder nicht umgestimmt. Hier der Klappentext:

Sorry, da wird doch schon alles gespoilert bitte harhar.

Manche Floridsdorfer verstehen unter einer Odysee übrigens was anderes:

Aus der Zeitung “heute”

Finde mich da durchaus wieder, bin heute 14.000 Schritte gegangen, weil alles so umständlich ist. Naja, wenn das jetzt die nächsten 16 Monate so sein wird, bin ich am Ende zumindest richtig fit.

Ach ja und das Buch klingt gut:

Auf solche Titel falle ich grundsätzlich rein

Zusammengefasst war das ein sehr erfreulicher Tag.

Dienstag

Das Kind ist heute auf Maturareise gefahren. Mit dem Auto und so. Schon aufregend. Obwohl man sich als Mama ja die Nervosität vor eigentlich allem dann auch irgendwie abgewöhnt/abgewöhnen muss, weil sonst wird man wahnsinnig. Sie sind auch schon gut angekommen.

Das bedeutet, gestern war mit Zeug waschen, bügeln, einpacken und so weiter gefüllt. Ich habe dann gleich mit einer Art allgemeinen Entrümpelung weitergemacht. Ich schmeiße so gerne Sachen weg, es ist unglaublich, harhar. Mein Ziel ist es, alle meine Sachen in nur einem Zimmer unterbringen zu können. Ich will da keine Ideologie draus machen, ich persönlich mag das einfach.

Die nächsten Tage ist eine Überarbeitung meines Textes geplant. Auch da kann einiges entrümpelt werden.

Heute habe ich länger über eine Passage nachgedacht, die sich mit Gewöhnung/Entwöhnung beschäftigt. Im Prinzip ist ja alles im Leben Gewöhnung an etwas, bis es von etwas anderem abgelöst wird. Zum Beispiel eben bei Kindern – zuerst gehen sie alleine in den Park, dann gefühlt zehn Minuten später fahren sie mit dem Auto auf Maturareise.

Nach ungefähr sechs Stunden nachdenken und schreiben, bin ich ins Kino gefahren und habe mir Allegro Pastell angesehen.

Guter Roman und Film, trotz extrem unsympathischen und prätentiösen Protagonisten, harhar

Beim Heimfahren habe ich dann den fm4 Filmpodcast von gestern – eben zu diesem Thema – gehört und da sagt Buch- und Drehbuchautor Leif Randt: “Der Grundimpuls schreiben zu wollen war, (…) dass die Zeit nicht einfach so vergeht. Ich hatte diese Melancholie darüber, dass Dinge dann vorbei sind.” Oder wie es im Buch so wunderschön heißt: Vorauseilende Wehmut.

Passt auch zu der erwähnten Ge- und Entwöhnung. Ich schreibe definitiv auch, um festzuhalten.

Die Verluste

Kürzlich habe ich Die Verluste von Florian Scheibe fertiggelesen, einen Roman, den die Buchhändlerin Petra Hartlieb auf ihrer Facebookseite empfohlen hatte. Ich mag schwierige Familiengeschichten sehr gerne und Die Verluste ist eine solche, zumindest beginnt sie so.

Griffig zusammengefasst kann ich sagen: es war durchaus unterhaltsam und kurzweilig zu lesen, dennoch habe ich ein paar Einwände. Worum geht es genau? Ausgangspunkt ist der bevorstehende 80. Geburtstags des Familien/Firmenoberhauptes Klaus Werner. Finanziell sorglos mit seiner Frau in einem großen Haus mit Garten der Schweiz lebend, überkommen ihn plötzlich diffuse Ängste. Durch eine Werbung wird auf auf das Konzept des “Luxusbunkers” aufmerksam, für den Fall des Falles (Atomkrieg oder ähnliches) und er beschließt, sein ganzes Vermögen in einen solchen zu investieren, während die beiden Söhne – ein akkurater Arzt und ein schrauchelnder Schriftsteller – bereits auf ihr Erbe warten, und die Tochter, eine Umweltaktivistin, seit geraumer Zeit alle Bücken zu ihrer Familie abgebrochen hat…

Dieser Roman hebt zu einem Epos im Jonathan Franzen’schen Sinne an – ich habe vor vielen Jahren Die Korrekturen sehr gerne gelesen – löst die Prämisse aber nicht wirklich ein. Vielleicht fehlen dem Roman die gut 200 Seiten mehr, die Franzen sich genommen hat, jedenfalls werden hier, meines Erachtens, zu viele Geschichten auf zu wenig Raum erzählt. Natürlich interessiert einen manches auch mehr als anderes. Auf den Teil mit der Tochter, die irgendwie unterwegs ist, die Welt zu retten, hätte ich persönlich sehr gut verzichten können. Weil Scheibe hier halt auch nicht wirklich mehr einfällt als das, was man von den “Weltrettern” unserer Zeit eh schon gut kennt: Das vor sich hertragen des eigenen “moralischen” Handelns wie eine Monstranz zum Beispiel; und ziemlich unterkomplexe Lösungswege. Die beiden Söhne finde ich interessanter, weil sie jeweils an einem Tiefpunkt ihres Lebens stehen und es spannend ist, dass ökonomischer Erfolg (der eine hat ihn, der andere nicht) damit gar nichts zu tun hat. Immer dann, wenn Scheibe Charaktere genauer beschreibt, ist der Roman sehr stark.

Viele große Themen des Romans entfalten sich dagegen nicht ganz so wie geplant. Der Luxusbunker vom Anfang ist eher ein Mac Guffin. Aber auch der Brief, den die Mutter von Klaus hinterlassen hat und der erst nach ihrem Tod gelesen wird, der die große Überraschung am Ende ist, hat mich eher kalt gelassen, weil er meiner Meinung nach nicht wirklich viel mit den Dynamiken innerhalb der Familie zu tun hat. Interessanter ist die Reflexion über das berühmte Tolstoi Zitat aus Anna Karenina: “Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.” Scheibe lässt seine Protagonisten darüber nachdenken, ob es nicht eher genau umgekehrt ist. Dass es schwierig ist herauszufinden, wie man glücklich sein kann.

Scheibe hat in einem Interview gesagt, das Ende seines Romanes entwickelte sich versöhnlicher als geplant. Für ein bisschen Hoffnung am Ende einer Geschichte bin ich immer zu haben. Aber wenn jahrezehntealte Traumata, die ja im sehr schweren Titel “Die Verluste” ganz bewusst adressiert werden, dann binnen einigen Seiten glattgebügelt bis nivelliert werden, tröstet das alle andere dysfunktionale Familien da draußen nicht wirklich.

Frühstück Goldener Papagei

An die (bzw. eher den) unvergesslichen Menschen – gut, dass er das sind, finde ich übrigens – habe ich natürlich auch besonders wieder am Freitag gedacht.

Mein erster Schulschluss ohne Schulkind im Haus. Trotzdem spüre ich diese besondere Stimmung, eben auch aus anderen Gründen. Zur Feier dieses Tages und dem Ende des Soziallebens meiner Begleitung für zwei Monate (Zitat, harhar) waren wir im Goldenen Papagei frühstücken. Dieses Lokal liegt auf der Praterstraße und es ist direkt gegenüber von Arthur Schnitzlers Geburtshaus, was ich da zum erstenmal bemerkte und so schließen sich wirklich alle Kreise.

Denn die Praterstraße ist einer der Schauplätze meines Langtextes und ein wirklich rein fiktionales Element in meiner “Autofiction”, weil ich die Straße so liebe, sie gleichzeitig aber überhaupt nicht verstehe, wie im Grunde genommen den ganzen zweiten Bezirk. Aber ich mag ja Dinge, die ich nicht so gut verstehe.

Jedenfalls war das Lokal als ich ankam eher nur eine Menge leerer Hipstertische und Sessel im Schatten, zwei Stunden später war es bummvoll und gemütlich. Die Kellerin hat sich gefreut, als wir zahlen wollten. Wir wurden dazu aber nicht gedrängt. Das Essen war wirklich sehr gut. Ich habe schon wieder Ei gegessen, wer könnte es ahnen, nämlich genauer gesagt Spiegelei im Burger Ban mit Speck und Salat. L. hatte Shasuka, was ich schon lange mal probieren wollte.

Alles an diesem Frühstück ist Hipster, ich mein, schaut euch die Orangensaftflaschen an

Durfte ich auch. Bin aber draufgekommen, dass ich ein Gewürz beim Shashuka nicht so mag. Na gut, weiß ich das jetzt auch.

So ein netter Ort:

Freue mich schon jetzt auf eine kurzzeitige Unterbrechung der Stilllegung des Soziallebens im Sommer, liebe L.