almis personal blog

Sorry, Baby

Ich habe mich jetzt über ein Monat darum gedrückt, etwas über Sorry, Baby, den Debütfilm der nonbinären Person Eva Victor zu schreiben. Weil ich mich eigentlich nur in die Nesseln setzen kann, wenn ich meine ehrliche Meinung darüber schreibe, die fast allem widerspricht, was ich über diesen Film so lese. Ach ich sage einmal worum es geht.

In Sorry, Baby wird über das Leben der jungen Literaturwissenschafterin Agnes (Eva Victor selbst) erzählt, die ein traumatisches Erlebnis erfahren hat und dieses bewältigen muss. Die Zeitebenen wechseln, konstant bleibt aber die Freundschaft zu ihrer Freundin Lydie (Naomie Ackie), die gerade von ihrer nonbinären Partnerperson schwanger ist…

ACHTUNG MASSIVE SPOILER UND GRÜNDE SICH ÜBER MICH AUFZUREGEN FOLGEN

Agnes ist zum Zeitpunkt des einsetzens der Handlung Mitte 20 Jahre alt und gerade dabei ihr Studium abzuschließen, in dem sie extrem erfolgreich ist und auch die Aussicht auf eine Festanstellung hat. Sie ist ein bisschen in ihren Professor verliebt, der ihre Dissertation betreut und es gibt ein Gespräch mit Lydie, über eine gewisse sexuelle Spannung zwischen ihnen. Agnes ist ausdrücklich ambivalent, sollte es zu einer Annährung kommen, sie ist nicht klar ablehnend, sie fühlt sich auch geschmeichelt. Kurze Zeit später findet eine Besprechung beim Professor zuhause (!) statt. Es kommt zu Küssen, die Agnes nicht abwehrt. Sie wird nicht festgehalten oder bedroht, das erzählt sie nachher wiederum Lydie, aber verlässt sein Haus trotzdem nicht. Sie artikuliert auch nicht ihren Widerwillen. Als er mehr will, schiebt sie seine Hand zwar weg, küsst ihn aber weiter. Irgendwann kommt es zum Versuch des GV, den Agnes allerdings sofort beendet. Dann verlässt sie sein Haus, zurück bleibt ein Trauma, das Jahre anhalten soll.

Ich bin ehrlich, ich mag es nicht, wie hier eine erwachsene Frau als komplett wehrloses Opfer der Situation und der Umstände dargestellt wird, die sie schon vorher mit ihrer Freundin andiskutiert (also irgendwie antizipiert), und in die sie sich letztendlich freiwillig begibt. Ich verstehe nicht, wieso sie einen Mann zu Hause besucht, bei dem sie sich unwohl fühlt oder den Eindruck hat, es könnte etwas geschehen, was sie nicht möchte. Wobei sie ja nicht wirklich sicher ist,was genau sie möchte und was nicht. Ich finde, ich habe als erwachsene Frau, noch dazu mit einer gewissen “Awareness”, auch eine Selbstverantwortung, wenn ich mich freiwillig in unklare Situationen begebe und in diesen verharre. Agnes liest zwei Jahre später mit ihren dann eigenen Studentinnen und Studenten Lolita von Nabokov, was mich auch verstört hat. Zieht sie irgendwelche Parallelen zwischen sich und einem 12-jährigen Kind?

Die Vergleiche, die in manchen Rezensionen zu Frauenfiguren wie Fleabag oder einigen der Figuren, die Greta Gerwig verkörpert hat, gezogen werden, verstehe ich ebenfalls überhaupt nicht. Ja, auch diese Protagonistinnen kämpfen mit ihrem Leben, dem Platz in der Welt und teilweise riesigen Selbstzweifeln. Man denke nur an diese Entscheidung, die Fleabag getroffen hat, die sich als fatal herausstellte, und mit der sie fortan aber für den Rest ihrer Tage leben muss. Es kam aber nie der Punkt, an dem Fleabag angefangen hat, sich selbst nur noch zu bemitleiden oder jegliche (Mit)Verantwortung dafür von sich zu weisen. Das hat mir an ihrer Figur gefallen und gerade deshalb war sie so sympathisch und authentisch. Nicht, weil sie immer alles “richtig” gemacht hat, sondern weil sie sich selbst reflektiert hat, weil sie sich weiterentwickelt hat. Und das sehe ich bei Agnes überhaupt nicht, ganz im Gegenteil, ohne jetzt den schmierigen Professor zu entschuldigen, der von Anfang an irgendwie “fishy” wirkt.

Ich habe mich gefragt, ob uns der Film vielleicht unterhalb der Oberfläche erzählen will, dass Agnes autistisch, “auf dem Spektrum” ist, dass sie vielleicht gar nicht so selbsbestimmt sein kann wie man annehmen könnte. Das würde für mich dann schon Sinn ergeben, wenn es etwas gäbe, dass sie in ihrer Handlungsfähigkeit klar einschränkt. Allerdings ist das eine reine Vermutung von mir aus lauter Ratlosigkeit, es wird nirgendwo erzählt, nicht einmal in einer kurzen Bemerkung.

So jetzt habe ich ur lange über diese Prämisse geschrieben und sonst nix. Aber das ist halt leider das Problem, dass alles andere zweitrangig ist, wenn man schon solche Schwierigkeiten mit der Ausgangssituation hat. Sorry Baby ist ein Indie-Film und als solcher erzähltechnisch okay, wenn man das mag. Er hat zwei, drei interessante Regieentscheidungen, er hat eine wirklich gute Szene mit John Caroll Lynch, der sonst immer irgendwie die kalblütigen Typen und Mörder spielt und in diesem Film nur in diesen paar Minuten vorkommt, diesmal aber einen netten Herren von nebenan verkörpern darf. Es gibt dann auch leider noch etliche andere Dinge, die mir in diesem Film überhaupt nicht gefallen haben, auf die ich jetzt gar nicht eingehen will, sonst kriege ich noch einen Shitstorm, harhar.

Fazit: Sorry, Baby!

Rudolfshügel

Heute war zu lesen, dass 37 Haltestellen in der Stadt Wien umbenannt werden. Und als ich so die Liste durchgehe, bleibe ich bei Raxstraße/Rudolfshügelgasse hängen. Weil Nostalgie.

Das Kind besuchte in St. Marx den Kindergarten und wir lebten damals noch in Favoriten, die Oma auch. So ein- bis zweimal die Woche fuhren wir nach dem Abholen zu ihr. Es war die Zeit, in der es keinen Südbahnhof mehr gab, aber auch keinen Hauptbahnhof, sondern nur eine riesige Baustelle. Dort stiegen wir immer in den O-Wagen um, dessen Endstadtion Raxstraße/Rudolfshügelgasse lautete. Übrigens eine außergewöhnliche Endstadion finde ich, mit einem besonderen Vibe – gleich nach den Sonntagen werde ich mich auch mit Straßenbahnstationen beschäftigen, harhar.

Das Kind war jedenfalls so drei und hielt während der ganzen Fahrt zur Oma nie still, turnte herum und sagte auf dem Weg auch immer etwas wie “Mudoshügi.” Nunja, Kinder entwerfen ja oft eigenwillige Wortkreationen und Mütter verstehen meistens, was sie damit meinen. Mudoshügi war mir aber monatelang ein Rätsel. Dieses Wort trat fast immer in Erscheinung, wenn wir zur Oma fuhren, ich konnte aber keinen Zusammenhang zu irgendwas erkennen. Einmal aber, als wir an der Haltestelle warteten, fuhr die Straßenbahn ein und das Kind zeigte mit dem Finger darauf und rief erfreut: “Mudoshügi”.

Und da dämmerte es mir letztendlich doch was er meinte, nämlich die Station Rudolfshügel, die immer als Endstation durchgesagt wurde. War später ein Running Gag für uns. Finde ich ein bisschen schade, dass es die Station jetzt nicht mehr gibt, auch wenn Abteilung #sinnlosesentimentalität

Sonntag

“Ich habe gedacht, dass Sonntag war, und das hat mich angeödet. Ich mag den Sonntag nicht.”1 Das stellt Meursault, die vornamenlose Hauptfigur in Albert Camus Roman Der Fremde fest.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen manchmal, auch mir. Nachdem ich einige Jahre lang die allerschönsten Sonntage erlebte habe und sie dann endeten, habe ich mich viele Wochen am Sonntag verkrochen und vor allem versteckt. Mittlerweile gehe ich wieder hinaus. Vor allem heute, nachdem das Kind gestern weggefahren ist – erster Urlaub “alleine”.

Natürlich war ich irgendwie müde oder eher träge und musste mich überwinden, aber dann bin ich doch auf die Mariahilferstraße gefahren und war mittagessen.

Zu diesem Essen gibt es eine umständliche traurige Geschichte, ich sage nur plant based chicken (versehentlich) harhar.

“Etwas später habe ich, um irgendetwas zu tun, eine alte Zeitung genommen und habe sie gelesen. […] Der Nachmittag war schön. […] Ich habe gedacht, dass sie (die Menschen auf der Straße , Anm.) in die Kinos im Zentrum gingen. Deshalb machten sie sich so früh auf den Weg und eilten unter lautem Lachen zur Straßenbahn. Nach ihnen wurde die Straße allmählich leer. Die Vorstellungen hatten überall angefangen, glaube ich.”2

So auch meine, harhar. Ich habe Die Jüngste Tochter im Filmhaus gesehen. Der Saal ist mir schon sehr vertraut und gemütlich. Ich fühle mich wohl dort.

Spiegelungen im Filmhaus

Danach bin ich den Spittelberg hinunter gegangen

Ganz eigene Sonntag, 1. Februar Stimmung

“Der Tag hat sich noch etwas verändert. Über den Dächern ist der Himmel rötlich geworden, und mit dem einbrechenden Abend haben sich die Straßen belebt. Die Spaziergänger kamen nach und nach zurück. […] Die Straßenlampen sind dann plötzlich angegangen und haben die ersten Sterne, die in der Nacht aufstiegen, verblassen lassen.”3

Ich habe mit dem Kind geschrieben, Fotos bekommen und noch ein bisschen gearbeitet, an meinem Roman weitergelesen.

“Wenig später, als die Straßenbahnen seltener wurden und die Nacht über den Bäumen und Lampen schon schwarz war, hat sich das Viertel umerklich geleert, bis die erste Katze langsam die wieder ausgestorbene Straße überquerte”.4

Ich habe daran gedacht, Texte, Betrachtungen, Gedanken über den Sonntag zu sammeln. Das Phänomen “Sonntag” erscheint mir als erforschenswertes und es inspiriert mich irgendwie. Und nun beschließe ich das Wochenende mit Gedanken an die allerschönsten Wochenenden und diesen Menschen.


  1. Albert Camus: Der Fremde, Seite 29 ↩︎
  2. Seite 31 ↩︎
  3. Seite 32 ↩︎
  4. Seite 33 ↩︎

Wuthering Heights (vorher)

Nächste Woche werde ich die Pressevorführung von Wuthering Heights (Sturmhöhe) besuchen und so bereite ich mich in meiner Garten-Leseecke darauf vor:

Das ist Einsatz, oder? Ein paar Worte zum jetzigen Zeitpunkt:

Ich bin ein großer Fan der Regisseurin Emerald Fennell, die als Kind gesagt haben soll, sie wolle einmal Schauspielerin werden und über Liebe und “Murder” schreiben, was sie ja eindrucksvoll geschafft hat. Ich habe alle ihre (bisher zwei harhar) Filme gesehen und ich fand speziell Saltburn toll, toll, toll. Ein bestechendes und überborderndes Setdesign, wahnsinnige Stimmungsbilder, und generell auch komplett Bonkers vom Plot her, aber extrem unterhaltsam. Wenn es gut gemacht ist und nix anderes sein will als es ist, finde sowas super. Auch Pia Reiser vom fm4 Filmpodcast liebt das – wir haben generell einen recht ähnlichen Geschmack – und sie sagte zwei Dinge über Fennell, 1. dass sie immer sehr genau auswählt, welchen Font sie für ihr Titeldesign verwendet, Zitat Reiser: “Sie nimmt nicht einfach das, was im Word als erstes auftaucht” harhar und 2. “Fennell spricht Pop.” Genauso ist es.

Deshalb wird das Werk von Emily Brontë natürlich niemals eine klassisch-betuliche Literaturverfilmung werden, ich mein, es ist denkunmöglich. Deshalb wird beim Trailer zu Wuthering Heights natürlich viel kritisiert, weil man kann das alles auch sehr leidenschaftlich hassen, verstehe ich auch vollkommen. Wir haben zwei schöne Menschen (Margot Robbie, Jacob Elordi), die natürlich auch zu alt für ihre Rollen sind, da hätte man fast Teenager gebraucht und Robbie ist auch nicht so schlank wie normalerweise, weil sie direkt davor ein Kind (in echt) bekommen haben. Beide sprechen ein schönes Englisch, die Bilder sind wieder überwältigend, die Musik kommt von Charli xcx, einer sehr heutigen Musikerin – ich kannte sie bis dato nicht, ich bin auch zu alt dafür1, harhar.

Wuthering Heights wird im Trailer als “die größte Liebesgeschichte ever” transportiert, was irgendwie total zutreffend sein kann oder auch ganz im Gegenteil – je nachdem wie viel Toxizität und Zerstörungskraft man Liebesgeschichten zubilligt, die man als “echt” bezeichnen möchte. Es gibt ja auch Menschen, die “echte Liebe” nur dann verorten, wenn sie letztlich unerfüllt bleibt oder wenn sie mit ganz viel Kampf und Trauer, Sehnsucht und Verzicht konnotiert wird.

Wuthering Heights als Buch ist natürlich ein Klassiker der englischen Literatur, auch das einzige Buch von Emily Brontë, aber – so viel kann ich jetzt schon sagen – es ist auch in sich recht gaga. Ja, man kann es psychologisch durchdrungen nennen, ein Charakter- und Persönlichkeitsportrait, es hat aber erzähltechnisch auch ein bisschen was von Reich und Schön (sorry), also warum dann nicht einen absolut überkandidelten Film daraus machen? Das mal als erster Stimmungsbericht, ich werde dann zu Buch und Film noch mehr sagen, sobald ich beides fertiggelesen bzw. gesehen habe.


  1. Habe mein Kind dazu gefragt, er hat einen Song von ihr auf seiner Playliste ↩︎

KI und I

Wenn das Kind schnell mal ChatGPT was fragen will, dann sage ich oft: Ich scheiß auf die KI! Das erkläre ich dir harhar.

Vor allem halt, wenn es um Literatur und sowas geht. Was den ESC betrifft, ist die KI so schlecht, wir haben sie mal alles mögliche befragt und es war fast alles falsch. Aber natürlich gibt es auch Themen, wo sie sinnvoll ist. Ich mein, ich bin auch kein Kulturpessimist. Meinen Job gefährdet sie natürlich auch irgendwie, aber darüber mache ich mir nicht wirklich Sorgen, ich grüble über andere Dinge, da hab ich dafür keine Kapazitäten mehr. Und ich denke mir, irgendwie geht es schon weiter.

In letzter Zeit bemerke ich außerdem eine zunehmende Ernüchterung bei Auftraggebern, was reine KI Lösungen betrifft. Viele wollen ihre sensiblen Daten – es geht ja oft um Gespräche mit sehr vertraulichem Inhalt, auch Unternehmensinterna oder bei Namedropping – überhaupt nicht einer Maschine überantworten, wo niemand weiß, was mit diesen Daten dann geschieht. Wenn es sich um eher allgemein gehaltene Gespräch handelt, und sie es doch KI-mäßig probieren, sind sie mit den Ergebnissen oft nicht zufrieden. Oder wie ein Auftraggeber, für den ich seit 20 Jahren arbeite, mir letztens geschrieben hat: Die KI halluziniert schon wieder minutenlang. Help!

Deshalb überarbeite ich jetzt auch manchmal Texte der KI (Englisch und Deutsch) und es ist wirklich arg. Eine zeitlang passt alles und dann geht es drunter und drüber, es fehlt da und dort einfach eine halbe Minute, Fragen und Antworten gehen ineinander über, teilweise steht das Gegenteil davon da, was gesagt wird – dazu muss manchmal nur ein Wort falsch sein und so weiter. Am Schlimmsten ist es natürlich, wenn jemand undeutlich oder Dialekt spricht oder/und es laut im Hintergrund ist. Mein bisherigen Highlight: Im Interview hieß es “Es war ein Geben und Nehmen” – die KI machte daraus “Es war ein gelbes Unternehmen.” Was irgendwie schon fast wieder originell ist.

Fazit ist, ich habe so viel zu arbeiten wie schon lange nicht mehr. Letztens habe ich allerdings Blumen(zwiebel) geschenkt bekommen. Und wenn man die erste Sprossen dann fotografiert und die KI fragt, was das für Blumen sind, dann ist sie super! harhar.

Die Vegetarierin

Die Vegetarierin ist Han Kangs sicher bekanntestes, vielleicht, so sagen es viele Rezensionen, auch verstörendstes Werk. Es ist 2007 erschienen, richtig berühmt geworden allerdings durch die englische Übersetzung, da wurde es auch mit dem Man Booker International Preis ausgezeichnet. Vor zehn Jahren wurde das Buch ins Deutsche übersetzt.

Für mich selbst ist auch um einiges grotesker und weniger zugänglich als Deine Kalten Hände. Dabei aber auch erstaunlich leicht lesbar, weil ganz unprätentiös. Auch hier geht es wieder extrem um Körper, Körperverwandlung (weshalb in den Reviews immer wieder auch auf Kafka verwiesen wird), Körpertransformation. Und doch ist das, was sich körperlich tut, natürlich immer ein Ausdruck eines inneren Kampfes oder einer Entwicklung.

Die Protagonistin, eine junge Koreanerin, beschließt eines Tages nach einem Traum Vegetarierin zu werden. Genau genommen ist sie aber sogar Veganerin, denn sie boykottiert jegliche tierische Produkte. Und wenn man es noch weitertreibt (und das tut sie dann) verweigert sie in letzter Konsequenz die Nahrung komplett. Sie will zu einem Teil der Natur selbst werden, eine Art Pflanze. Klingt schon ziemlich schräg, oder?

Ich finde sehr interessant, dass die Vegetarierin selbst keine Stimme im Roman hat. Außer in einigen kurzen Schilderungen ihrer Träume wird nämlich nur über sie erzählt. Im ersten Kapitel von ihrem Mann, der sie als komplett unscheinbar und im Grunde uninteressant beschreibt: “Ich fühlte mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.”1 Im zweiten Kapitel erzählt der Schwager, ein Künstler, wie auch schon die Hauptfigur in Deine kalten Hände, der sie ganz anders wahrnimmt; der ihren Körper zwar nicht eingipst, aber mit Blumen bemalt und eine sinnlich-obsessive Videodokumentation macht, die sein Hauptwerk sein soll. “Er hatte lange nach der Antwort gesucht. Sich immer wieder gefragt, wie er auf diese Phantasie gekommen war. […] Alle Ausstellungen, Aufführungen, Filme erschienen ihm nichtssagend, weil sie nicht seiner Vision entsprachen.”2 Im dritten Teil spricht die Schwester, versucht sie zu erfassen oder zumindest zu verstehen – und sich gleich selbst mitanalysiert.

Es geht in Die Vegetarierin um rigide Familienverhältnisse, um Frauen versus Männer, darum, dass Menschen sich mitunter komplett verständnislos gegenüberstehen, weil es ihnen zu mühsam ist, Menschen in allen ihren Ambivalenzen und Widersprüchen anzunehmen. Es geht um Themen wie den Sinn des Lebens und Selbstbestimmung, auch was Leben und Sterben betrifft. Die Schwester der Vegetariern sagt einmal zu ihr: “Wir sind so, weil wir Angst haben, dass du stirbst.” […] Ihre letzten Worte waren: “Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?”3 Und das alles in einem relativ schmalen Band, der mitreißend erzählt ist.

Auf jeden Fall bitterer und düsterer als Deine Kalten Hände für mich, dennoch aber unbedingt lesenswert.


  1. Die Vegetarierin, Seite 7 ↩︎
  2. Seite 64. ↩︎
  3. Seite 163 ↩︎

…versus Barbapapa

Weil jemand mich gefragt hat, wie ich das mit Hamnet und den Barbapapas meinte.

Nun ja, hier die Szene aus Hamnet:

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Und zum Vergleich, Barbapapa, Staffel 1, Episode 8:

Ich mein, das ist doch unübersehbar! Harhar.

Das hat mich als Kind bei den Barbapapas so fasziniert, dass sie ihren Nachwuchs einfach im Garten gepflanzt und gegossen haben. Und die Barbamama zieht Barbabo (quasi eine Steißgeburt) einfach selbst aus der Erde, ja so einfach wäre das! Harhar.

Barbabo, der strubbelige Künstler, natürlich verkehrt herum (siehe Pfeil)

Pia Reisner hat Hamnet übrigens im gestrigen fm4 Filmpodcast wortwörtlich als “Käse” bezeichnet und wer sie kennt weiß, das sagt sie nicht leichtfertig.

Die Welt ist also sehr gespalten, was diesen Film angeht. Im Gegensatz zu den Barbapapas.

Hamnet

Hamnet ist der neue Film der chinesischen Regisseurin Chloé Zhao und wurde vergangene Woche für acht Oscars nominiert, und hier folgt mein Veriss, harhar. Zhao adaptierte den gleichnamigen Roman von Maggie O’Farell, der sich mit dem Tod des Sohnes von William Shakespeare und seiner Frau Agnes, namens eben Hamnet, auseinandersetzt. Was wie ein riesengroßer Spoiler wirkt, wird genau so vermarktet.

Übrigens, auch das wird gleich am Anfang verraten: Die Namen “Hamnet” und “Hamlet” wurden damals quasi synonym verwendet.

SPOILER

Zunächst einmal: Viele haben sich beschwert, dass es so gemein wäre, Chloé Zhao quasi vorzuwerfen, einen manipulativ-überrührseligen Tearjerker produziert zu haben, das sei nur deshalb der Fall, weil sie eben eine Frau wäre, also dieser Vorwurf bla bla. Nein, ich fand auch Million Dollar Baby von Clint Eastwood aus dem Grund schrecklich, wie auch Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan. Auch wenn diese Filme natürlich unterschiedlich funktionieren, eint sie doch ein allgegenwärtiges und umfassendes Elend. Männer sind genauso dazu imstande, solche Filme zu produzieren, die einem die Botschaft mit dem Holzhammer übermitteln wollen.

Vielleicht ist es hier schon das Problem des Romans, das kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht gelesen habe. Aber mir ist das alles zu viel (und von anderem wie Plot oder Charakterentwicklung ist es zu wenig, aber das bedingt sich ja oft gegenseitig). Von Agnes (Jessie Buckley) wird gesagt, dass sie die Tochter einer Hexe sei und tatsächlich ist sie sehr in dieser Naturmystik-Heilpraktiker-Ecke zuhause. Ich kann jetzt mit Naturheilkunde an sich schon sehr viel anfangen. Aber bei Agnes hat das alles schon recht übersinnliche Züge. Sie “sieht” die Zukunft, sie bringt ihr Kind selbstverständlich alleine im Wald zur Welt ohne irgendjemand Bescheid zu sagen (was, sind wir uns ehrlich, bis heute lebensgefährlich ist), alles ist so archaisch an ihr. Und natürlich ist die Liebe zu William Shakespeare magisch, wie auch zu den Kindern, aber das wird halt alles eher behauptet als wirklich dargestellt.

Natürlich ist es schrecklich, eines der schlimmsten Dinge, die einem passieren können, wenn das eigene Kind stirbt. Für diese Erkenntnis alleine brauche ich aber keinen 126 Minuten Film anzuschauen. Ich nehme Agnes (bzw. Buckley) diesen, ihren Schmerz zwar komplett ab, sie ist sehr überzeugend; aber es ist eben auch ihr Schmerz, sie lässt mich nicht in ihre Gefühlswelt hinein, sie hält mich auf Distanz. Ich konnte zu niemandem dieser Menschen irgendeine Art von Beziehung aufbauen, auch zum Kind Hamnet nicht, der generell eher blass bleibt. Mich hat es emotional jetzt mehr aufgeregt, dass Agnes William (Paul Mescal) nach dem Tod von Hamnet beschimpft, dass er nicht da gewesen wäre. Dabei war sie es, die ganz am Anfang ihrer Ehe gesagt hatte, er müsse nach London gehen, er müsse schreiben, sonst würde er und sie sich auch als Paar verlieren. Dass es dann halt Zeit braucht, von London ohne Auto ins hinterletzte Kaff Stratford-upon-Avon zu gelangen – wo Agnes gegen den Wunsch von William bleiben wollte, weil Natur! – ist auch klar.

Die letzten 15, 20 Minuten des Films beinhalten eine Aufführung von Hamlet im Londoner Globe Theater; das Stück schrieb Shakespeare zur Aufarbeitung dieses Schicksasschlages. Der Falter Filmkritiker Michael Omasta nennt das eine “faule” Entscheidung. Ich stimme ihm grundsätzlich zu, muss aber sagen, dass es allerdings auch der Teil ist, wo der Film tatsächlich am besten für mich funktioniert hat, mit den Worten und Emotionen Shakespeares nämlich. Auch auf Uncut wurde der Film (positiv) besprochen und ich habe unserem Kritiker dann geschrieben, mir gefiele sein Review wesentlich besser als der Film, harhar. Wir haben uns dann gegenseitig versichert, dass wir den Standpunkt des anderen grundsätzlich verstehen.

P.S. Dieser Film hat wirklich gar keinen Moment des Humors, aber ich selbst musste trotzdem einmal schmunzeln, als Agnes am Anfang zusammengerollt in der Erde liegt. Sah so aus wie bei den Barbapapas früher, die ja in der Erde gewachsen sind, harhar. Sorry.

Der Rest vom Wochenende

Gestern Nachmittag habe ich mich recht spontan mit M. getroffen.

Sie hat vorgeschlagen, dass wir in den GleisGarten gehen (unbezahlte Werbung), das ist die alte Badner Bahn Remise, die vor zwei Jahren zu einer Art Foodhall umgebaut wurde. Und wenn Foodhalls auch manchmal den Nachteil haben, dass sie ziemlich steril und unpersönlich wirken, so war ich total positiv von dieser Halle im 12. Bezirk überrascht. Es ist zwar natürlich wirklich groß, aber es ist trotzdem total gemütlich und auch warm! Man kann theoretisch stundenlang dort sitzen, Bücher lesen, arbeiten, sich Spiele ausborgen, plaudern die Kinder rennen herum und es gibt verschiedene Essenstationen und Bars, wo man sich kulinarisch versorgen kann.

Ich habe zuhause dann noch nichts gegessen und so haben wir uns am Spätnachmittag bei der Asia Station etwas geholt, Nudeln mit Gemüse. Es war wirklich extrem gut und schmackhaft, also nix mit Fast Food. Wir waren drei Stunden dort harhar. Ur nett wars.

GleisGarten Indoor

Dann bin ich in den Garten gefahren und nach einem kurzen Besuch vom Kind und Begleitug habe ich mich wie geplant in meine Leseecke zurückgezogen und habe fast in einem Die Vegetarierin von Han Kang gelesen. Ich weiß nicht, irgendwie ziehen mich ihre Romane so rein, dass ich gar nicht aufhören kann.

Cosy Leseecke

Denn endlich mal wieder gut geschlafen, den Sonntag über gearbeitet und dann war ich noch “schnell” im Votivkino und habe mir Der Fremde (nach Albert Camus) angesehen. Und zwar aus dem dritten Grund, weswegen ich ins Kino gehen, nämlich wenn ein Film im fm4 Filmpodcast besprochen wird, harhar. Die erste Hälfte hat mir richtig gut gefallen, dann wars ein bisschen gemischt. Aber defintiv ein Film, über den man länger nachdenken kann und quasi ein Standardwerk des Existentialismus.

Und jetzt gehe ich schlafen, mit den Gedanken von gestern.