Falls jemand zu Project Hail Mary gar nicht gespoilert werden will, hier bitte nicht weiterlesen. Es ist kein Inhaltsspoiler, aber es geht um eine Szene in dem Film. Allerdings habe ich gerade festgestellt, dass der Trailer diese eh auch anteast.
Alsooo. Man wird es nicht glauben, weil ich ja erst vorige Woche über Sign of the Times von Harry Styles geschrieben habe. Aber es gibt im neuen mega Blockbuster Project Hail Mary tatsächlich eine Karaokeszene. Und da singt die ostdeutsche Wissenschafterin Eva Stratt (Sandra Hüller) tatsächlich Sign of the Times. Christian Fuchs meinte im fm4 Filmpodcast, es ginge die Mär, dass Ryan Gosling sie am Set singen gehört hat und meinte, sie müsse im Film singen. Zumindest gut erfunden harhar.
Für diese Szene gilt wie für fast alle Karaokeszenen in Filmen: Wenn man sie gut macht, sind sie unvergesslich. Die jeweilige Schauspielerin bzw. der Schauspieler kann im Normalfall ganz gut, aber nicht perfekt singen, das heißt es ist ein bisschen wackelig, aber sehr charmant. Die Karaokesituation offenbart meist eine gewisse Verletzlichkeit – man muss vor anderen singen, im doppelten Sinn, ich mein vor dem Zuschauer sowieso, aber auch vor den Kolleginnen und Kollegen. Und ich glaube, das ist für viele Schauspieler auch nicht so leicht, weil ein unbekanntes Terrain. Und sehr oft haben die gesungenen Lieder einen Subtext.
Die wohl bekannteste Karaokeszene ist die aus Lost in Translation, in der Bill Murray und Scarlett Johansson im Mutterland des Karaoke, in Japan, miteinander singen. Ihre relativ unklare Beziehung zueinander, eine gewisse Art von platonischer Liebe zwischen einem Schauspieler in der Midlife Crisis und einer jungen Frau, die noch nicht weiß, was sie vom Leben will, wird im von Murray dargebotenen Song More than This manifestiert. Bevor er zu singen anfängt, sagt er: “This is hard”, weil der Song wirklich schwer zu singen ist; er ist aber soo schön und melanolisch, wie der Songwriter Bryan Ferry einmal erklärte: “It uses very few words, but it seems to get them in the right order”. Wir als Zuschauer werden durch diesen Song so richtig hineingezogen, in die Gefühlswelt der Protagonisten.
Super wird Karaoke auch in der dekadenten und auch, ja man muss es so sagen, ziemlich doofen höheren Gesellschaft, die in Saltburn porträtiert wird, eingesetzt. Dass die Figur von Barry Keoghan, die sich quasi im Anwesen von Saltburn niedergelassen hat – der Sohn der betuchten Familie ist sein Studienkollege – muss nämlich ausgerechnet Rent von den Pet Shop Boys singen, und mit jeder Szene offenbaren sich die Dymaniken hier ein bisschen mehr: “You dress me up, I’m your puppet, you buy me things, I love it, you bring me food, I need it, you give me love, I feed it” Der Gesang wird dabei immer unsicherer, schließlich stockend, selbstentlarvend.
Ganz anders geht es in Aftersun zu, dem wunderschönen und ebenfalls ur melancholischen Film über eine Vater/Tochter Beziehung. In der Ferienanlage, wo die beiden Urlaub machen – die elfjährige Tochter hat nicht viel Zeit mit ihrem Vater, die Eltern sind getrennt und er lebt anderswo – will sie mit ihm Losing my Religion singen. Er steigt darauf nicht ein. Sie legt alle ihre Gefühle, Ambivalenzen, Zustände in die Interpretation des Songs. Dass er nicht mitmacht, legt auch hier eine Dynamik offen.
Recht bekannte Karaokemomente gibt es auch in Bridget Jones und Harry und Sally, aber der Text hier wird zu lang, daher noch einmal zurück auf Project Hail Mary. Auch in dieser Szene hatte ich Gänsehaut. Weil es eine ganz besondere Feier ist. Weil die Lyrics die passende Stimmung zum Vibe des Filmes vermitteln. Und weil in der ganzen Szene wieder mal so viel mehr passiert als nur, dass jemand vor anderen singt. Am besten selbst anschauen.












