Blue Moon
Bei der letzten Viennale liefen gleich zwei Filme des Regisseurs Richard Linklater und aus Termingründen konnte ich nur einen besuchen. Ich habe mich damals für Nouvelle Vague entschieden, den wir zu viert von Uncut sahen und der uns sehr gut gelaunt aus dem Gartenbaukino gehen ließ, weil er das Kino gefeiert hat und einfach so ein Konsens-Film ist, der nicht aneckt. Ich habe aber zugegebenermaßen auch keinen weiteren Tag über Nouvelle Vague nachgedacht. Nun kam der zweite Linklater Film in die Kinos und zwar Blue Moon.
Wie es so schön im Trailer heißt: Der Beginn des legendären Komponisten/Texter Teams Rodgers and Hammerstein ist gleichzeitig das Ende von Rodgers und Hart. Und eben dieser Lorenz Hart (Ethan Hawke), der Texter von unter anderem Blue Moon (und My funny Valentine und The Lady is a Tramp…) ist die Hauptfigur dieses Films. Wir erleben ihn in der Bar des bekannten New Yorker Restaurant Sardi’s nach der Premiere des ersten Rodgers/Hammerstein Musicals Oklahoma!, wie er dem Bartender, dem Pianisten und praktisch jedem, der es hören will, von seinen Ansichen zu Kunst, Kultur, der Liebe und seinem patscheren Leben erzählt…
Das Kammerspiel – ja Blue Moon spielt fast ausschließlich an diesem Abend in einer Bar – startet fulminant. Lorenz Hart betritt das Etablissment und beginnt zu reden. Schnell wird klar, dass er die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Umfelds wie die Luft zum Atmen braucht, doch dieser Abend ist nicht sein Abend. Es ist der Abend von Oklahoma! oder wie er pointiert-bissig formuliert: Ein Stück, dass ein Ausrufezeichen im Titel trägt ist unbedingt zu meiden. Und dann gleich der selbstironische Hinweis, ja, aus ihm spreche auch der Neid. Weiter geht es mit der klugen und witzigen Analyse der gegenwärtigen Kulturszene bis hin zu “Bester Satz in Casablanca“, “Schlechtester Satz in Casablanca” – ich persönlich liebe ja so etwas.
Aber Hart ist nicht nur witzig und klug, natürlich ist er auch eine gebrochene Persönlichkeit, alkoholabhängig, frustriert über seinen Körpergröße, sein schütteres Haar, sein Unglück in der Liebe – hier in Gestalt von Elisabeth (Margaret Qualley), sonst aber wohl auch seine eigentliche (?) Homosexualität betreffend, zu der er sich nicht bekennen mag/kann. Und wie dieser Film diese Balance zwischen Humor und tiefsten Schmerz schafft, das ist schon außergewöhnlich gut. Außergewöhnlich gut ist auch Ethan Hawke, der hier wenn schon nicht bis zur Unkenntlichkeit, dann doch bis zu einem Punkt gestylt wurde, an dem man als Zuseher vergisst, dass man hier Hawke zusieht, den man ja eher als flott-feschen Gen X’ler im Kopf hat und nicht als äußerlich unscheinbare Ikone der 1920, 1930-er Jahre.
Der Illusion, dass das doch noch ein gutes Ende nimmt mit Lorenz Hart, dass sein großes Talent über die Sucht und Selbstzweifel siegt und das auch er einen so großen Erfolg wie sein Partner Rodgers (ein freundlich-aalglatter Andrew Scott) erlebt, die nimmt uns Regisseur Linklater schon in der ersten Szene. Denn tatsächlich hat Hart diesen Abend nur noch um ein paar Monate überlebt und sein Ende mit nicht einmal 50 Jahren ist so verlaufen, wie es zu befürchten war. Linklater hat ihm mit diesem Film ein schönes, berührendes Denkmal gesetzt.
Karfreitag
Seit der Pandemie backe ich. Damals haben ja alle zu backen angefangen und keiner wusste wieso eigentlich. Während dieser Zeit habe ich oft Topfenkuchen, Gugelhupf, Bananenschnitte gemacht, einmal sogar Punschkrapferl. Aber das Leben ändert sich und geblieben ist einmal jährlich die Osterpinze.
Aber was soll ich sagen (ohne mich zu loben)? Harhar. Sie ist diesmal wieder echt köstlich geworden.
Obwohl man ja immer etwas nervös ist, wenn man Dinge nicht mehr so häufig macht, ob alles klappen wird. Und auch wenn sich das Leben geändert hat, denke ich nach wie vor an jemand, der immer gesagt hat, man kann jeden Tag zehn Fehler machen. Das entlastet mich bis heute und bei dem Gedanken muss ich immer lächeln.
Gründonnerstag
Heute habe ich mich beeilt, meine letzte Arbeit vor Ostern fertig zu machen und abzuschicken, und dann hatte ich ein bisschen Stress, ins Burgkino zu kommen, wo ein Mensch gerade erst “Robert Pattinson” in großen Lettern auf der Anschlagfläche befestigt hat. Der ist aber spät dran, dachte ich schmunzelnd, nur noch 30 Minuten, bis der Film um vier beginnt.
Turns out: Falsch. Ich war einfach zweieinhalb Stunden zu früh. Harhar. Das ist mir auch noch nie passiert, erklärt aber, wieso ich am Vormittag eine Mail von Kino bekam, man solle für die Abendvorstellung pünktlich kommen, wegen des Andrangs. Da dachte ich noch, Gott sei Dank habe ich die Nachmittagsvorstellung. Okay, dachte ich, was mache ich jetzt. Kurz war ich versucht, wieder heimzufahren und mich einfach aufs Sofa zu legen. Aber jetzt war ich halt schon da.
Also entschloss ich mich, in die Innenstadt zu gehen, und mich damit Massen von Ostertouristen anzuschließen. Eine Entscheidung, die ich ansonsten wohl nicht getroffen hätte. Ich nutze die Gelegenheit, bei H&M endlich neue Socken zu kaufen und dann bei Frick zwei Bücher. Habe M. geschrieben: Ich habe gerade aus Frust zwei Bücher gekauft. Und sie: Es gibt schlimmeren Frust. Sie hat natürlich vollkommen Recht.
Danach erwarb ich noch ein Schokocroissant und las 45 Minuten im Burgkino eines der Bücher, weil immer noch Zeit war. Erstaunlich gemütlich war das.
Gesehen habe ich The Drama (wieder fast nur junge Leute) und wer das auch sehen mag: Schaut es bald, bevor es euch jemand spoilert. Und: Die englische Version ist super gut verständlich. Ich bin ja meistens zu faul, mir reine Originalfassungen anzusehen und gehe deshalb gerne ins Votivkino, wo es immer Untertitel gibt.
Und dann nach 15.000 Schritten wieder daheim und aufs Sofa und Germany‘s Next Topmodel schauen. Herrlich.
Sign of the Times, zwei
Falls jemand zu Project Hail Mary gar nicht gespoilert werden will, hier bitte nicht weiterlesen. Es ist kein Inhaltsspoiler, aber es geht um eine Szene in dem Film. Allerdings habe ich gerade festgestellt, dass der Trailer diese eh auch anteast.
Alsooo. Man wird es nicht glauben, weil ich ja erst vorige Woche über Sign of the Times von Harry Styles geschrieben habe. Aber es gibt im neuen mega Blockbuster Project Hail Mary tatsächlich eine Karaokeszene. Und da singt die ostdeutsche Wissenschafterin Eva Stratt (Sandra Hüller) tatsächlich Sign of the Times. Christian Fuchs meinte im fm4 Filmpodcast, es ginge die Mär, dass Ryan Gosling sie am Set singen gehört hat und meinte, sie müsse im Film singen. Zumindest gut erfunden harhar.
Für diese Szene gilt wie für fast alle Karaokeszenen in Filmen: Wenn man sie gut macht, sind sie unvergesslich. Die jeweilige Schauspielerin bzw. der Schauspieler kann im Normalfall ganz gut, aber nicht perfekt singen, das heißt es ist ein bisschen wackelig, aber sehr charmant. Die Karaokesituation offenbart meist eine gewisse Verletzlichkeit – man muss vor anderen singen, im doppelten Sinn, ich mein vor dem Zuschauer sowieso, aber auch vor den Kolleginnen und Kollegen. Und ich glaube, das ist für viele Schauspieler auch nicht so leicht, weil ein unbekanntes Terrain. Und sehr oft haben die gesungenen Lieder einen Subtext.
Die wohl bekannteste Karaokeszene ist die aus Lost in Translation, in der Bill Murray und Scarlett Johansson im Mutterland des Karaoke, in Japan, miteinander singen. Ihre relativ unklare Beziehung zueinander, eine gewisse Art von platonischer Liebe zwischen einem Schauspieler in der Midlife Crisis und einer jungen Frau, die noch nicht weiß, was sie vom Leben will, wird im von Murray dargebotenen Song More than This manifestiert. Bevor er zu singen anfängt, sagt er: “This is hard”, weil der Song wirklich schwer zu singen ist; er ist aber soo schön und melanolisch, wie der Songwriter Bryan Ferry einmal erklärte: “It uses very few words, but it seems to get them in the right order”. Wir als Zuschauer werden durch diesen Song so richtig hineingezogen, in die Gefühlswelt der Protagonisten.
Super wird Karaoke auch in der dekadenten und auch, ja man muss es so sagen, ziemlich doofen höheren Gesellschaft, die in Saltburn porträtiert wird, eingesetzt. Dass die Figur von Barry Keoghan, die sich quasi im Anwesen von Saltburn niedergelassen hat – der Sohn der betuchten Familie ist sein Studienkollege – muss nämlich ausgerechnet Rent von den Pet Shop Boys singen, und mit jeder Szene offenbaren sich die Dymaniken hier ein bisschen mehr: “You dress me up, I’m your puppet, you buy me things, I love it, you bring me food, I need it, you give me love, I feed it” Der Gesang wird dabei immer unsicherer, schließlich stockend, selbstentlarvend.
Ganz anders geht es in Aftersun zu, dem wunderschönen und ebenfalls ur melancholischen Film über eine Vater/Tochter Beziehung. In der Ferienanlage, wo die beiden Urlaub machen – die elfjährige Tochter hat nicht viel Zeit mit ihrem Vater, die Eltern sind getrennt und er lebt anderswo – will sie mit ihm Losing my Religion singen. Er steigt darauf nicht ein. Sie legt alle ihre Gefühle, Ambivalenzen, Zustände in die Interpretation des Songs. Dass er nicht mitmacht, legt auch hier eine Dynamik offen.
Recht bekannte Karaokemomente gibt es auch in Bridget Jones und Harry und Sally, aber der Text hier wird zu lang, daher noch einmal zurück auf Project Hail Mary. Auch in dieser Szene hatte ich Gänsehaut. Weil es eine ganz besondere Feier ist. Weil die Lyrics die passende Stimmung zum Vibe des Filmes vermitteln. Und weil in der ganzen Szene wieder mal so viel mehr passiert als nur, dass jemand vor anderen singt. Am besten selbst anschauen.
Servicepost
Ein kleiner Servicepost für alle, die gerade keinen fancy Urlaub machen – ich bekomme täglich super Fotos von diesen Urlauben, macht weiter, ich hab das sehr gerne. Aber ich bin eben in Wien und mache es mir hier “lowkey” nett, hier ein paar Vorschläge.
Zuerst arbeiten (kann man aber auch weglassen), dann ein spätes Mittagessen bei Vapiano (alles folgende unbezahlte Werbung)
Danach ein kurzer Streifzug in die Buchhandlung. Es gibt gerade eine Menge aufregender neuer Bücher bzw. Buchtitel, die einiges versprechen, zwei handeln sogar von mir beziehungsweise meinem Job harhar.
Danach zum Ostermarkt auf der Freyung. Wenn ich über diesen schlendere, denk ich mir immer, das ist mir fast noch lieber als Weihnachten, zumindest fürs Auge sind die toll gestaltenden Eier eine wirkliche Freude:
Ich hätte nur immer Angst, dass sie bei mir noch nicht mal den Weg nachhause überleben…
Und seit diesem Jahr ein Hinweisschild: You break it. You buy it. Die Vorgeschichte dazu kann man sich wahrscheinlich denken.
Danach – na was kann da kommen – richtig: Kino. Diesmal ein Film, den ich schon auf der Viennale gesehen haben, heute als Reprise, nämlich Sentimental Value. Und weil ich ihn schon kannte, konnte ich mich diesmal auf die Spitzfindigkeiten konzentrieren und bin noch mehr beeindruckt von diesem Drehbuch, das uns alles erzählt, was wir wissen müssen, aber auf so subtile Art und Weise, dass es eine Freude ist. Ich liebe einfach alles an diesem Film.
Fazit: Großes Glücksgefühl. Harhar.
The Testament of Ann Lee
Mona Fastvold, die Regisseurin von The Testament of Ann Lee und ihr Mann Brady Corbet, der Regisseurs des Filmes The Brutalist arbeiten als kongeniales Duo. Gemeinsam verfassen sie Drehbücher, die dann jemals einer von ihnen als Regisseur in Szene setzt und das mit einem vergleichsweise geringen Budget – um die zehn Millionen Dollar. Ihre Filme sehen aber gleichzeitig erheblich teurer produziert aus, sind aber andererseits alles andere als Blockbuster-Material.
In The Testament of Ann Lee geht es um die Gründerin der Shaker Bewegung, nämlich eben Ann Lee (Amanda Seyfried), die im 18. Jahrhundert in Manchester aufwuchs und bald als zweiter Messias galt, und vor allem um ihren Auszug nach Amerika, um dort neue Gläubige zu gewinnen…
SPOILER MÖGLICH
In der letzten Oscar Season wurde beklagt, wieso The Testament of Ann Lee quasi übersehen wurde, während Fastvolds Mann voriges Jahr durchaus viele Nominierungen für The Brutalist erhalten hat. Und das obwohl das ein durchaus anstrengender und 215 Minuten langer Film war. Stofflich scheint es Parallelen zu geben: Im beiden Filme ziehen Menschen ins vermeintliche “land of the free” und werden von diesem bitter enttäuscht. Beide Protagonisten sind nicht sehr zugänglich und tragen egomanische Züge. Was war also bei Ann Lee los? Da kommt immer das eher fade Argument, ja weil eben eine Frau Regie führt und die gerne übersehen werden. An das glaube ich persönlich kaum, habe mich aber selbst auch gefragt, warum dieser Film auch bei mir so wenig Eindruck hinterlassen hat.
Und nach langem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen: Es gibt keine wesentliche Charakterentwicklung bei Ann Lee und plottechnisch passiert auch so gut wie nichts aufregendes. Das bedeutet, um diesen Film zu mögen, müsste man hineingezogen werden in das, was Ann Lee auch ist, nämlich eine Art Musical. Hier wird viel gesungen und getanzt, die Hände werden ekstatisch zum Himmel gereckt, bei Tag und Nacht, sogar bei Sturm auf einem Schiff. Und wenn man da reinkippt, kann ich mir vorstellen, dass er Film einen packt und man richtig mitlebt. Wenn man aber außen vor bleibt, dann sieht man sich das emotional unbeteiligt an und denkt sich: Irgendwie merkwürdig. Und so ging es mir: Ich saß die ganze Zeit da und dachte mir. Irgendwie merkwürdig, harhar.
Nun wirkt die Religion (oder Ideologie) der Shaker eigentlich fast modern. Frauen und Männer sind gleichgestellt. Die Menschen leben im Einklang mit der Natur. Sie lehnen Gewalt komplett ab. Klingt ja ganz reizvoll, wäre da nicht ein aber. Nachdem Ann Lee Sex von Kindheit an ekelhaft findet, ist den Mitgliedern der Shakern dieser verboten, und zwar auch Ehepaaren. Und hier stößt die Begeisterung natürlich an gewissen Grenzen, harhar. Außerdem ist es der Verbreitung der Religion streng genommen nicht unbedingt zuträglich, wenn sie selbst keinen Nachwuchs produziert. Deshalb gab es – wie einen der Film im Abspann informiert – im Jahr 2025 nur noch zwei (!) Mitglieder.
Und mehr hab ich dazu leider nicht zu sagen.
Palmsonntag
Am Freitag fand die allerallerletzte Schularbeit statt (Mathe) und das Kind und ich so: Yeah super, Party. Und dann dachte ich an die Friends Folge The One Where Rachel Has a Baby, Part 1, wo bei Rachel die Fruchtblase platzt und Ross fährt mit ihr ins Krankenhaus und sagt dort ganz erleichtert: “We made it! From home to the hospital in seven minutes”. Und sie ganz trocken: “The hard part is truely over” Harhar. Genauso ist es jetzt irgendwie. Die achte Klasse quasi beendet und jetzt kommt halt eh “nur” noch die Matura.
Am Samstag kam dann die Freundin vom Kind und wir haben Hitster Guilty Pleasure gespielt, was ich ja zum Geburtstag bekommen habe. Hier darf man ein Startjahr ziehen und dann werden Songs vorgespielt und man muss immer raten, entstand der jeweilige Song davor oder danach. Am Anfang leicht, aber wenn dann schon 15 Jahre liegen, wirds knifflig. Aber es war sehr lustig.
Danach bin ich in den Garten gefahren, wo die “Kids” dann abends auch wieder auf Besuch waren. Und ich so: Ich plane nächste Woche fünfmal ins Kino zu gehen. Und habe dann allen erzählt, was ich mir anschauen will, und manche Filme sind nicht auf großes Interesse gestoßen, sage ich mal so harhar.
Heute ging es dann gleich los mit Blue Moon von Richard Linklater und was soll ich sagen, er war gleichermaßen lustig, klug und melancholisch. Das habe ich echt nicht erwartet, dass dieser Film mich so berühren wird. Aber es war so. Bald dann mehr.
Beim Heimgehen dann den blühenden Magnolienbaum bewundert:
Ein guter Start in die Osterferien. Ich werde nicht nichts arbeiten (müssen), aber etwas gemütlicher wird es schon zugehen.
Imagine

Intimitäten
Eigentlich wollte ich mir ja den Roman Trennung von Katie Kitamura ausborgen, nachdem jemand auf Social Media davon geschwärmt hatte. Weil dieser entliehen war, habe ich Intimitäten von Kitamura mitgenommen, im Glauben, das wäre ebenfalls eine Beziehungsgeschichte. Das ist es schon auch, aber nur zum Teil.
Tatsächlich hätte ich den Roman vielleicht anders genannt, hätte ich ihn geschrieben. Nämlich “Interpretationen.” Die namenlose Protagonistin ist eine Übersetzerin oder, wie es auf Englisch heißt, Interpreter – was irgendwie noch etwas anderes suggeriert. Und genau von dieser sprachlichen Unschärfe, von dem, was wir hören und sehen, was wir glauben (sollen) oder nicht, und unsere eigene Wahrnehmung, davon handelt dieser Roman.
Die Protagonistin, eine Frau um die 40, mit asiatischem Background, aber von Kind an Weltenbummlerin, lebt erst seit kurzer Zeit in Den Haag, wo sie am internationalen Gerichtshof arbeitet. Als Dolmetscherin ist es ihr wichtig, behutsam mit Sprache umzugehen, möglichst genau auf dem Punkt zu sein, sich selbst als Person aber völlig zurückzunehmen. Ihre Aufgabe ist es, keine Position zu beziehen, sondern nur quasi als Kommunikationskanal zu funktionieren. Doch im Laufe der Zeit merkt sie, so einfach ist das gar nicht, unbeteiligt zu bleiben, nichts zu hinterfragen, neutral zu sein, nämlich für sie als reflektierender Mensch. Und will sie das überhaupt?
Und das gilt nicht nur für ihr Berufsleben. Auch in ihrem Alltag fällt es ihr zunehmend schwer, Dingen nicht mit Skepsis zu begegnen. Ihre neu gewonnene Freundin J. lädt sie beispielsweise zu sich nach Hause zum Abendessen ein und will ihr dabei das Wohnviertel schmackhaft machen, in der Hoffnung, die Protagonistin ließe sich dann ebenfalls dort nieder. J. beschreibt die Gegend als gemütlich und sicher, doch noch während des Essens werden die beiden vom Fenster aus Zeugen eines Raubüberfalls mit einem Schwerverletzten. Auch ihr Geliebter A. erzählt ihr nicht die ganze Wahrheit. Auf einer Party erfährt sie zufällig von jemand anderem, dass er zwar von seiner Frau getrennt ist, aber eine Familie hat. Als er kurz darauf nach Lissabon fährt, um die Details seiner Scheidung auszuhandeln, überlässt er ihr einerseits seine Wohnung, andererseits lässt er den Kontakt nach einer Woche abreißen. Und die Protagonistin muss wieder eine Leerstelle mit Vermutungen auffüllen.
In diesem Roman gibt es eine große Diskrepanz zwischen Dingen, die aus welchen Gründen auch immer, behauptet werden, und Dingen, die tatsächlich passieren. Auch ein bisschen eine Art Covid Szenario, wenn man so will harhar. Oder hat die Pandemie und der Umgang damit nur unseren Blick geschärft? Kitamura schreibt: “Aber wir alle sind außerstande, die Welt in der wir leben, wirklich zu sehen, eine Welt, die den Widerspruch zwischen Banalität (…) und ihren Extremen in sich trägt- wir sehen die Welt höchstens für kurze Augenblicke, und dann wieder für lange Zeit nicht, wenn überhaupt noch jemals.”1
Schön beobachtet, gut geschrieben, leicht lesbar, trotzdem der durchaus komplexen Gedankengänge.
- Katie Kitamura: Intimitäten, Seite 94 ↩︎

















