almis personal blog

Vladimir

Vladimir – so heißt der Roman von Julia May Jonas, den ich 2022 erstmals und am Wochenende noch einmal gelesen habe. Der Titel “Vladimir” bedeutet für den Text so etwas ähnliches wie der Schauspieler Tom Hiddelston auf dem Plakat für den Film The Life of Chuck bedeutet hat. Hiddelston war zwar in diesem Film anwesend, aber lange nicht so wichtig, dass es die dominate Präsenz auf dem Plakat rechtfertigen würde. “Vladimir” steht im Roman für Katalysator oder Orientierung, vielleicht auch Neustart.

Tatsächlich geht es im dem Roman vor allem um die (namenlose) Protagonistin. Eine Frau Ende 50, Literaturprofessorin, die seit Jahren in einer offenen und mittlerweile sehr langweiligen Ehe mit John, lebt, der auch Literaturprofessor an derselben Uni ist. Sie haben eine erwachsene Tochter. Oder wie es im Roman einmal über heterosexuelle Beziehungen heißt: Sie hätten “ein Leben, das uns alle zu Protagonisten einer längst auserzählen Geschichte macht.”1 Aber dann wird es doch weniger konventionell. John ist nämlich gerade dabei, von der Uni verwiesen zu werden, weil zahlreiche ehemaligen Studentinnen ihm- ja was eigentlich vorwerfen? Sie hatten alle Affären mit ihm, diese Affären wurden freiwillig eingegangen, aber im Zuge von #metoo werden die Dinge manchmal neu “interpretiert”. Auch unsere Hauptfigur bekommt Schwierigkeiten, da sie diese Dinge ja quasi “gutgeheißen” hätte.

May Jonas ist schon sehr mutig, denn mit diesem Roman setzt sie sich natürlich in gewisser Weise zwischen alle Stühle, was ich ja immer ganz gerne mag, harhar. Hier sind ganz viele Dinge nebeneinander richtig, hier gibt es ganz viele Zwischentöne. Natürlich spielt John mit seiner Macht und er ist kein übermäßig sympathischer Charakter. Aber was ist mit den jungen Frauen? Feiern wir nun sexuelle Selbstbestimmung, zu der aber auch Selbstverantwortung gehört, auch wenn sich die Angelegenheit hinterher schal anfühlt? Oder sind die jungen Frauen (erwachsen) doch weiterhin immer nur Opfer? Und wieso hängt die Protagonistin mit drinnen, die ebenfalls nicht unbedingt extrem sympathisch erscheint, aber sehr ehrlich mit sich ist. Auf quasi der Metaebene überlegt sich die Protagonistin einmal: “Sollten wir [in der Kunst, Anmerkung] nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? (…) Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass die Moral in der Kunst nichts zu suchen hat?”2

Spannend, aber noch spannender als diese gesellschaftspolitischen Fragen, die sehr pointiert und kontrovers verhandelt werden, fand ich die Gedankenwelt der Protagonistin. Wie geht es einem als Frau Ende 50, was hat man erlebt, was hat man versäumt, wie will man weitertun, beruflich und privat, was hat man noch zu erwarten oder erhoffen. Und hier kommt der ominöse, russischstämmige und natürlich sexy “Nachwuchs”professor ins Spiel. Vladimir. “Er eröffnet ihr eine Welt und wenn schon nicht eine Welt, dann einen bodenlosen Abgrund”3 Nicht, weil er irgendwie die große Liebe ist oder die Protagonistin sich extrem für seine Gedanken interessiert, obwohl sie seinen Roman faszinierend findet. Nein, er ist Mittel zum Zweck tiefer Selbstreflexion. Und er löst einiges aus, in ihrem Leben und gibt diesem tatsächlich so etwas wie eine neue Wendung.

Wunderbar, ich mag die Sprache und die Gedankenwelt von May Jonas sehr und auch wenn der Plot nicht besonders leicht verdaulich ist, war es eines dieser Bücher, in dem ich mich gleich wohlgefühlt habe.


  1. Julia May Jonas, Vladmir, Seite135 ↩︎
  2. Seite 200 ↩︎
  3. Seite 25 ↩︎