almis personal blog

Die Liebe ordnen

Eines der beiden Bücher, die ich mir letzte Woche gekauft habe, trägt den etwas sperrigen Titel Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen und wurde von der niederländischen Soziologin Christin Brinkgreve verfasst. Es ist dann auch kein Roman im klassischen Sinn, aber auch kein Sachtext, eher so etwas wie eine autofiktionale Selbstanalyse und das habe ich wirklich sehr gerne gelesen.

Buch mit dutzenden Post it’s

Brinkgreve, heute 77 Jahre alt, beschreibt in ihrem Werk den quasi Ist-Zustand ihres Lebens. Ihr Mann, mit dem sie jahrzehntelang zusammen war, zwei Söhne hat (plus seine Kinder aus erster Ehe) ist 2022 gestorben. Aber das ist jetzt kein Buch ähnlich dem aktuellen von Siri Hustvedt, die mit dem Geist ihres Mannes, des Schriftstellers Paul Auster quasi weiterlebt – nein, die Ehe von Brinkgreve war zwar ähnlich lang andauernd, doch sie war nicht glücklich, zumindest über weite Strecken hinweg nicht. Dabei ist Brinkgreve vor allem eines: Schonungslos ehrlich, auch und vor allem mit sich selbst. Wie der Autor Stewart O’Nan über die Dinge sagte, über die es einem schwer fällt zu schreiben: “Natürlich gibt es diesen Widerstand, aber genau der ist auch das Indiz dafür, dass man etwas Gefährliches gefunden hat, etwas, was die Leser bewegen wird.”

Zum einen macht Brinkgreve Schluss mit der beliebten Propaganda, die uns in den letzten Jahrzehnten immer wieder erzählt wurde, dass es als Frau (oder auch als Mensch) möglich wäre, einfach alles gleichzeitig zu haben: Eine wunderbare Karriere, eine tolle Partnerschaft, eine innige Beziehung zu den Kindern und was sonst noch so anfällt. Brinkgreve hat daran geglaubt, glauben wollen, sie hat tatsächlich Karriere gemacht und sie hat Kinder, aber in diesem Werk schreibt sie auch, dass man für das alles auch einen Preis zahlt. Die Kinder meinen, sie wäre zu wenig da gewesen, das Haus ist über die Jahre “vermüllt”, der Mann fühlt sich sowieso permanent zurückgesetzt und sich selbst hat sie auch vernachlässigt. Hier geht es nicht um eine Wertung, was sie hätte besser oder anders machen sollen. Hier geht es darum, Realitäten anzuerkennen. Und der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden. Verbringt mit Zeit mit diesem, hat man weniger Zeit für jenes.

Der größte Teil des Buches handelt aber von ihrer Beziehung zu ihrem Mann A, Jurist und Medienmanager. Oft fragt sie sich, ob sie das “darf”, über ihn offen schreiben, auch er war ein Mann der Öffentlichkeit. Es gibt aber tatsächlich Verbindungen, die einen oder beide Beteiligte fast ersticken, und eine solche scheint Brinkgreves Ehe gewesen bzw geworden zu sein, mit einem Mann, der sie für verantwortlich macht für sein Glück und vor allem sein Unglück. Auch hier keine Wertung: Die beiden hatten einfach zu verschiedene Vorstellungen vom Leben (miteinander). Das Verweilen in einer Verbindung, die einen langsam fast zerstört, bezahlt man letztendlich mit sehr viel Lebenszeit. Das Buch ist schon auch ein Appell, keine halbe Sachen mit sich selbst zu machen und eine Beziehung nicht aus Gründen fortzuführen, die wenig bis gar nichts mit Liebe zu tun haben. Während Brinkgreve ihre Vergangenheit ordnet, ordnet sie übrigens auch das Haus und macht es ganz zu ihrem, als Zeichen eines Neubeginns.

Spannend fand ich, dass auch hier das Haus, wie in Sentimental Value so ein Stimmungsbarometer ist. Als ein Freund zu Besuch kommt, notiert Brinkgreve: “Er trat bedächtig über die Schwelle, auch erleichtert, dass das wieder möglich war, zögerlich. Er sah, wie viel heller es geworden war. Die Schönheit ist zurück.”1 Auch in Sentimental Value wird das Haus heller, nachdem jemand ausgezogen ist.

Sehr, sehr spannende Beobachtungen.


  1. Christien Brinkgreve: Mein Versuch, meine Liebe zu ordnen, Seite 117 ↩︎