Nachdem ich wieder eine persönliche Nachricht von Marco Schreuder bekommen habe, meine Top 10 des heurigen ESC zu schicken, wurde es jetzt wirklich Zeit, mir die Songs genauer anzuhören, was für mich jedes Jahr Überwindung bedeutet. Im Gegensatz zu neue Filme anschauen ist neue Musik anhören für mich echt Arbeit. Aber ich kann jetzt sagen, einer meiner Favoriten kommt heuer einmal mehr aus der Tschechischen Republik.
Erst seit 2007 überhaupt dabei, zeichnet sich dieses Land seit einigen Jahren durch kontinuierlich ambitionierte Beiträge aus, die allesamt in Richtung Indie-Pop tendieren, was vielleicht eh mein Lieblings-Musikgenre ist. Da gabs die Band Lake Malawi mit Friend of a Friend, deren recht umständliche Lyrics unter anderem davon erzählen, wie die Nachbarn beim Sex belauscht werden; für dieses durchaus interessante Thema ist mir der Song dann fast ein bisschen zu eingängig, harhar. Dann kam We are Domi mit Lights Off, ein mystischer Song mit Elektroanklängen, mit dem Video hätte George Orwell auch seine Freude gehabt. Und den 2023er Beitrag My Sister’s Crown von der Frauenband Vesna liebe ich ohnehin sehr, weil er so strange klingt und so außergewöhnlich aufgebaut ist, ich habs ja sehr gern, wenn wild durcheinandergesungen wird, und die Band gefühlt irgendwas ganz anderes dazu spielt.
Dieses Jahr singt ein gewisser Daniel Zizka den Song CROSSROADS, und es geht da, wie ich das interpretiere, um die Struggles des Erwachsenwerdens. Eine Freundin sagte einmal bei einer Lesung zu mir, diese Themen interessieren sie nicht mehr, weil “das hab ich hinter mir”, harhar und das ist schon auch wahr. Allerdings steht man ja auch später im Leben immer wieder mal an Weggabelungen oder wird vom Schicksal gegen den eigenen Willen in Richtung solcher befördert.
CROSSROADS ist jedenfalls ein Song, der sich drei Minuten lang ziemlich erfolgreich dagegen wehrt, von so etwas wie einem herkömmlichen Refrain oder sonst einer auch nur irgendwie eingängigen Melodie vereinnahmt zu werden. Es ist gleichzeitig ein Slow Burner und ein Grower, oder wie William von den ESC Nerds wiwibloggs zutreffend feststellt: “This is very unusual for a Eurovision song”. Ob die Leute am Abend des Grand Finals (oder erstmal des Semis) die Geduld dafür haben, weiß ich nicht, ich weiß nur, Zizka hat für mich eine künstlerische Vision und ich finde das einfach schön, sehr stimmungsvoll.