almis personal blog

Tracking

Ich lese manchmal in Frauengruppen auf Facebook, dass es doch viele Mütter gibt, die ihre Kinder mit irgendwelchen Apps überwachen, wenn sie unterwegs sind. Ich find das ganz furchtbar. Falls jemand das liest, der mit mir befreundet ist und das auch macht, sorry. Harhar. Wenn du es machst, kein Problem, ich bin ja auch ein großer Fan von leben und leben lassen. Aber ich würde es nicht machen.

Erstens, weil ich dem Kind vertraue und ihm das auch vermitteln will. Zweitens, weil ich eh nichts machen könnte, wenn dem Kind was passiert und ich sehe, er ist in der Straße so und so, drei Kilometer entfernt. Und drittens, weil es mich echt nicht interessiert, wo er unterwegs ist. Ehrlich. Ich hab selbst gern meinen Freiraum und ich will, dass das Kind seinen hat. Wenn er mir nachher was erzählt super, wenn nicht, auch gut.

Ich mein, man rennt seinem Kind eh vier, fünf Jahre permanent nach und kann teilweise nicht mal alleine aufs Klo. Man packt sein Kind, wenn es auf die Straße laufen will, die Hand aufs Bügeleisen legt, wenn es im Begriff ist, die Pfanne vom Herd zu ziehen oder in Steckdosen greift, wenn es zu hoch klettert, mit Steinen schmeißt, sich in der Nähe von Gewässern, Fenstern aufhält, etcetera. Wenn man ein vorsichtiges Kind hat, hat man wahrscheinlich einen ruhigeren Job, aber wenn das nicht der Fall ist, dann sagt man schon manchmal so etwas wie: “Und wenn du diese Tabletten schluckst, dann kommt nachher die Rettung, steckt dir einen Schlauch in den Hals und pumpt deinen Magen aus.” Und dann schaut einen das Kind trotzdem irgendwie begeistert an, harhar.

Ich finde, wenn ein Kind alt genug ist, dass es alleine das Haus verlassen und unterwegs sein kann, dann muss es sowieso mit der Welt draussen fertig werden. Und das traue ich ihm dann auch absolut zu. Oder wie die Instagram Psychologin schrieb: “Raising a teen isn’t about tracking every step they take. It’s about teaching them to step wisely, even when we’re not there to guide them”. Word.

Die Geschichten in uns

Mit großer Neugier habe ich begonnen, Benedict Wells Buch Die Geschichten in uns. Vom Schreiben und vom Leben, zu lesen Wells schildert darin die Anfänge seines Schaffens und auch, wie man einen Roman schreibt.

Zunächst geht es aber um seine Biografie. Benedict Wells war ein Scheidungskind und nicht nur das, er wuchs teilweise in Internaten auf, weil seine Mutter immer wieder längere Zeit in psychiatrischen Einrichtungen verbrachte. Deshalb war auch die Beziehung zu seiner Schwester als Kind relativ distanziert, weil er zu ihr, die einige Jahre älter ist, auch einfach kaum Kontakt hatte. Das änderte sich später. Für Wells gilt sicher, was die Schriftstellerin Ursula Le Guin gesagt hat: “The creative adult is the child who has survived.”

Interessant ist, dass Wells :

a) seinen tatsächlichen Namen “von Schirach” ablegte und sich Wells nannte, wie die Hauptfigur in John Irvings Gottes Werk und Teufels Beitrag. Sein Großvater Baldur von Schirach war kunstaffin, hatte Germanistik und Kunstgeschichte studiert, vor allem aber hatte er mehrere hochrangige Ämter in der NS-Zeit inne und wurde nach dem Krieg zu 20 Jahren Haft verurteilt. Wells hat sich nach längerer Überlegung entschieden, das in seinem Buch nicht zum Thema zu machen, es würde den Rahmen sprengen. Sein Vater Robert und seine Schwester Ariadne, beide ebenfalls Schriftsteller, haben ihren Geburtsnamen auch für ihre künstlerische Tätigkeit nicht abgelegt.

b) nach der Matura beschloss, Schriftsteller zu werden. Also ohne doppelten Boden. Er begann nicht zu studieren oder zu arbeiten und nebenbei zu schreiben, sondern er versuchte tatsächlich, diesen Beruf als Haupttätigkeit auszuüben. Zwar hatte er natürlich ein paar Gelegenheitsjobs, um sich sein Leben irgendwie zu finanzieren, tatsächlich lebte er aber weitgehend asketisch, aß wenig und erlaubte sich kaum Freizeitvergnügen, um Geld zu sparen und möglichst viel Zeit zum Schreiben zu haben.

Sein Traum war es, einmal bei Diogenes verlegt zu werden, “die weißen Cover hatten für mich eine fast mystische Aura”, erklärt er. Er schickte seine Manuskripte aber nie dorthin, weil er es nicht verkraftet hätte, von Diogenes abgelehnt zu werden. Er wurde stattdessen von vielen, vielen anderen Verlagen abgelehnt, bis er einen Litertauragenten von sich überzeugen konnte, der dann schließlich seinen Roman bei Diogenes vorstellte. Und so unglaublich es auch klingt: Diogenes war letztendlich der Verlag, der Wells ersten Roman Becks letzter Sommer verlegte. Wells war damals 23 Jahre alt.

Wells sagt: “Vielleicht ist auch mein Schreiben geprägt von dem unmöglichen Versuch, die Brüche im Leben meiner Eltern oder in meiner Kindheit zu reparieren. (…) von der Hoffnung (…) endlich von anderen Menschen gesehen zu werden und all die unausgesprochenen in mir schlummernden Gefühle, Ängste und Gedanken mit ihnen zu teilen.”1

Ich glaube, so ähnlich empfinden es viele Menschen, die schreiben.

1 Benedict Wells: Die Geschichten in uns, Seite 99.

ESC 25 Schweden

So jetzt zum heiklen Thema Schweden beim ESC. Wie wir alle wissen, ist Schweden als Nation sehr erfolgreich. Sie haben sieben Mal gesiegt und liegen damit ex aeuqo mit Irland – Irlands Winning Streak fand aber noch im letzten Jahrtausend statt, wie wir auch alle wissen.

Ok. Heuer hat nicht der vorher hochfavorisierte Mans Zelmerlöw, ESC Sieger von 2015, den schwedischen Vorentscheid gewonnen, sondern die Gruppe KAJ mit ihrem Song Bara bada bastu, der den Schweden-Klischees (keimfrei, überproduziert, generisch) gar nicht gerecht wird. Was schon mal irgendwie gut ist, weil mal was anderes.

Es heißt aber auch nicht automatisch, dass man Bara badu bastu deshalb lieben muss. Ich zum Beispiel liebe Bara badu bastu überhaupt nicht harhar. Ja, es ist ein ganz witziger Ohrwurm über die Freuden des Saunagangs, nach dem Motto : “Yksi kaksi kolme sauna” (Eins, zwei, drei Sauna) Aber ehrlich gesagt reicht es mir, ihn einmal gehört zu haben. Ich hab nix dagegen, aber mein Leben wäre jetzt auch nicht anders, wenn ich nie von seiner Existenz erfahren hätte.

Es wurde im Februar prophezeit, dass Österreich weniger Siegchancen haben würde, wenn Zelmerlöw angetreten wäre. Aber nun hat KAJ gewonnen und liegt mittlerweile in den Quoten bei 38 Prozent – Österreich als Zweiter bei 16 Prozent. Warum? Ich weiß es ehrlich nicht. Das heißt nicht, dass für mich Österreich unbedingt gewinnen muss (obwohl… harhar), aber mir erschließt sich einfach dieser riesige Hype um Bara bada bastu nicht, ich kann nichts machen. Ich habe mir jetzt schon zahlreiche Songs des diesjährigen Bewerbs schöngehört, aber bei Schweden will es einfach nicht klappen.

Wie auch immer: Die Proben in Basel haben bereits begonnen. Die schönste Zeit des Jahres steht bevor harhar.

Zufriedenheit

Heute habe ich auf einem Blog einer mir (virtuell) bekannten Frau gelesen, dass sie sich selbst für sehr unzufrieden hält, obwohl es keinen wirklichen Grund dafür gibt. Aber irgendwie geht ihr beim Aufstehen schon alles auf die Nerven. Ich finde das sehr mutig, darüber zu schreiben und es ist immer interessant zu erkennen, wie andere das Leben sehen und es dann mit seiner eigenen Perspektive zu vergleichen.

Ich bin zufrieden. Alle sieben, acht Jahre geschieht in meinem Leben zwar etwas, was zu einer mittleren bis schweren Lebenskrise führt, wo ich mich wie ein Passagier fühle, im Sinne von: Ich bin nicht fähig, irgendetwas an dieser Situation zu ändern, ich muss sie jetzt einfach so hinehmen. Bevor das Kind zur Welt kam, hieß es zum Beispiel, er habe eine 50 Prozent Chance zu überleben, sofern er die Geburt übersteht. Neben der ganzen Angst und Verzweiflung habe ich mir gedacht: Wieso kann bei mir eigentlich nie irgendwas problemlos klappen? So als würde mir das Leben regelmäßig ein Bein stellen. Aber ich erhole mich irgendwie immer wieder davon und dann fällt mir noch mehr auf, was alles trotzdem gut ist.

These: Vielleicht denke ich gerade so, weil eben immer wieder etwas passiert, was mich halbwegs auseinandernimmt? Und ich einfach froh bin, wenn ich, so wie an diesem langen Wochenende, stundenlang unterm Kirschbaum liegen, lesen, schreiben und nachdenken kann und nichts um mich herum ist als Frieden und Vogelgezwitscher.

Ich vermisse fast nichts. Und ich habe einen Weg gefunden, dass ich das, was ich vermisse, trotzdem immer irgendwie nah bei mir haben kann, in Gedanken, Erinnerungen, beim Schreiben. Manchmal kommt auch eine Nachricht und die Freude darüber, die ich auch hier gern äußere, nehme ich wieder mit, in meinen Alltag.

Und nein, es ist trotzdem nicht immer alles einfach. Aber unzufrieden, nein, das bin ich nicht.

Volvereis

Endlich kommt der spanische Beziehungsfilm Volvereis von Regisseur Jonas Trueba in die Kinos, den ich schon bei der Viennale gesehen und zu dem ich auch eine Rezension geschrieben habe. Hier noch ein paar Zeilen extra für den Blog.

Zunächst mal bin ich enttäuscht, dass bisher noch kein Medium meine ur super Beschreibung “Wohlfühl-Trennungsfilm” übernommen hat. Ich fand das sehr gut. Harhar.

Denn tatsächlich geht es um Alex (Vito Sanz) und Ale (Itsaso Arana) die beschlossen haben, sich nach 15 Jahren zu trennen und – das ist das spannende – aus diesem Anlass eine Party zu feiern. Halt wie eine Hochzeit nur umgekehrt. Der Film macht nichts anderes, als die beiden dabei zu zeigen, wie sie das ihrer Familie, ihren Freunden erzählen und anschließend mit deren Reaktionen umgehen (müssen). Einen kleinen doppelten Boden gibt es auch: Beide sind Schauspieler und filmen sich quasi selbst dabei – oft kann man schwer unterscheiden, was nun “Realität” und Fiktion ist…

Am öftesten hören sie von ihrem Umfeld jedenfalls: “Volvereis” – zu deutsch: Ihr werdet ohnehin wieder zusammenkommen. Als Zuseherin bezweifelt man das aber.

Denn Alex und Ale verstehen sich zwar nach wie vor wirklich gut, aber als Freunde. Die Liebe ist ihnen irgendwie abhanden gekommen. Und ich sag mal so: Nur dann kann man über so ein Fest überhaupt nachdenken, wenn beide irgendwie zur halbwegs gleichen Zeit zum halbwegs gleichen Schluss kommen, wenn man sozusagen in Frieden damit ist, die Beziehung als solche zu beenden. Warum sich die beiden trennen wollen, kommt erstaunlich wenig zur Sprache. Vermutlich die üblichen Gründe einer einvernehmlichen Trennung: Die Luft ist irgendwie raus, alle Gespräche sind (gefühlt) schon geführt worden, es fehlt die Vision einer gemeinsamen Zukunft. Alles ist irgendwie unaufgeregt “over”.

Sehr interessant ist, wie das Umfeld darauf reagiert und wie das oft so ist bei Reaktionen: Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul. Manche spielen es herunter, andere weinen; es gibt auch Menschen, die haben plötzlich Angst um ihre eigene Beziehung, die meistens sind irritiert. Die allerwenigsten finden die Idee eines Trennungsfestes gut, harhar. Die Reaktionen der Personen jedenfalls bewirken wieder eine Reaktion bei den beiden selbst, sie reflektieren sich nonstop.

Schön ist, wie Regisseur Trueba diesen Grenzbereich zwischen gerade-noch und nicht-mehr Paar sein visuell umsetzt. Einmal träumt Ale schlecht, da legt Alex ihr beruhigend die Hand auf ihren Arm. Einmal gehen sie gemeinsam zum Flohmarkt und kaufen jeder einen Sessel für sich selbst. In einer Szene wechselt Alex die Bettwäsche und sieht einen kleinen Blutfleck. Wie ertappt zögert er kurz. Wieviel Intimität ist noch in Ordnung, wenn man kein Paar mehr ist? Was will man den anderen noch von sich sehen lassen? Was geht den anderen noch etwas an?

Volvereis ist auf subtile Art und Weise witzig und nachdenklich gleichzeitig. Und trotz des schweren Themas wird man nicht in die Tiefe gezogen sondern ja, fühlt sich wohl, beim Zusehen. Sagte ich es schon? “Wohlfühl-Trennungsfilm”, gerne mich zitieren, harhar.

ESC 25 Niederlande

Ok, Thema Texte beim ESC.

Mir sind Songtexte an sich schon wichtig, ich kann aber auch damit leben, wenn sie uns jetzt nichts bahnbrechend neues erzählen. Womit ich weniger anfangen kann, sind sehr platte bis nachtssagende Lyrics, die nur aus abgegriffenen Satzbausteinen bestehen. Looking at you, Niederlande.

Ich fand Niederländisch als Sprache bei den jüngeren ESC Beiträgen sehr charmant – Europapa voriges Jahr (bin immer noch nicht drüber weg, dass der Song wegen – wie mittlerweile klar – nix disqualifiziert wurde), und auch der Mental Health Awareness Song De Diepte von 2022 war phonetisch poetisch. Ha! Französisch ist die Muttersprache des Interpreten Claude, ok. Aber warum dann nicht das ganze Lied so, warum dann noch Englisch dazu?

Die erste Zeile von besagtem Beitrag, der C’est La Vie heißt, lautet: “C’est la vie. She sang to me” Und sorry, da bin ich direkt raus. Das ist so: Reim dich oder dich fress dich in der polyglott Version. Und es wird auch nicht besser, weil es geht weiter mit Stehsätzen wie “C’est comme ci, c’est comme ça”, und “La vie en rose. La vie en noir”. Oida. Oder: “Et quelle miracle. Sometimes in love, sometimes miserable.” Nein, einfach nein! Harhar.

Für mich ist dieser Song ja sowas wie eine Abwandlung von Que Sera, Sera, das von Doris Day in einem Hitchcock Film (Der Mann, der zuviel wusste) gesungen wurde. Da geht es bekanntlich auch darum, dass die eine Mutter ihrem Kind erklärt, dass niemand weiß, was das Leben so bringen wird. Nur, dass es bei Que Sera, Sera für mich funktioniert.

Musikalisch ist der niederländische Beitrag ok, mir aber auch zu gefällig. Ich bin heute grantig, sorry Claude. Harhar. Das wird ohnehin weiter oben landen, weil mein Geschmack natürlich nicht das Maß aller Dinge ist.

Zur Wahl

Gestern: Die Wien Wahl.

Nach der Hochrechung um 17 Uhr, stellt Peter Filzmaier sinngemäß fest: Die FPÖ hat zwar circa 14 Prozent dazugewonnen, aber es ist eh wurscht, weil niemand mit ihr eine Koalition eingehen will.

Aha.

Vor der Wahl: Bitte geht wählen, jede Stimme zählt.

Nach der Wahl: Außer, wenn ihr FPÖ wählt.

Ich weiß nicht, aber ich glaub, man muss kein FPÖ Sympathisant sein um sich zu denken: Demokratie hab ich mir früher irgendwie anders vorgestellt.

Gestern/Heute

Gestern recht früh aufgestanden, das Kind nochmal Physik abgeprüft (alles super gelaufen), und danach ins Hidden Kitchen.

Nachdem es geregnet hat, sind wir nicht zu Fuß von Wien Mitte gegangen wie sonst immer, sondern mit der Ubahn gefahren. Es ist zur Frühstückszeit immer noch nicht extrem viel los, um es vorsichtig zu formulieren, also kommet alle harhar. Es ist wirklich sehr gut.

Banana Split – diesmal mit Erd- und Heidelbeeren

Danach gab es noch ein “böses” Croissant, das heißt wirklich so. Rund zwei Euro teurer als ein herkömmliches, dafür auch viel mehr Kalorien.

Das böse Croissant, schaut eigentlich eh harmlos aus

Den Rest des Tages habe ich mit dem Schreiben von Kursskripten verbracht. Etwas, das ich neuerdings jeden Monat mache und am Monatsende wirds oft zeitlich ein bisschen eng. Ach ja und am Abend hab ich guilty pleasure mäßig Germanys Next Topmodell geschaut. Ich musste halt bügeln. *hust*

Heute war wieder Gehen angesagt. Nachdem das Wetter nicht so super war, hat die Wandergruppe den Klettersteig verschoben (da wär ich nicht mitgefahren) und wir sind einmal um die alte Donau gegangen. Das ist nicht anstrengend, nur recht weit.

Anfangen hat es an der unteren alten Donau:

Blick auf die Donaucity und ein paar fotogene Boote
Der stylische Gastgarten vom Bootshaus

In dieser Gegend habe ich einmal einen schönen Flächenwidmungsspaziergang gemacht:

Wenn du von deinem Garten aus einen direkten Blick auf die Uno City hast:

Interessante Architektur entlang der alten Donau, das erinnert mich stilistisch irgendwie an A Clockwork Orange.

Am Ende wieder “daheim” an der oberen alten Donau gelandet. Und da wurde es dann langsam auch ein bisschen sonniger und wärmer.

Im Vordergrund: Schwan. Im Hintergrund: Die Donaufelder Pfarrkirche.
Blick vom Birner Steig auf die oberen alte Donau

Ingesamt über zehn Kilometer gegangen, 15.000 Schritte, drei Stunden draußen unterwegs.

Nicht im Bild: Der Bananensplit bei Bortolotti. Harhar.

Es geht mir gut

Fast in einer Sitzung habe ich Es geht mir gut von Jessica Anthony gelesen.

Das Buch habe ich von M. zum Geburtstag bekommen und es hat mich wirklich mitgerissen. Auch wenn die Erwartungen, die ich anhand von Cover, Klappentext und speziell dem Zitat auf dem Cover, hatte praktisch gar nicht erfüllt wurden. Harhar. Das Zitat lautet: “Dieser Roman schafft das Unmögliche: Er erzählt etwas Neues über die Ehe.”

Wobei: Vielleicht erzählt er etwas Neues über eine Ehe in den 1950er Jahren, abseits der Klischees. In dieser Zeit spielt Es geht mir gut nämlich, und zwar im sonst literarisch eher weniger beachteten Bundesstaat Delaware. Im Fokus steht Kathleen Beckett, eine Frau um die 30, verheiratet mit Virgil, Mutter von zwei Söhnen im Volksschulalter. Der Roman erzählt aber nicht nur ihre Geschichte, die eines Einzelkindes ständig streitender Eltern, einer aufstrebenden Tennisspielerin, die diesen Sport genauso wie die Liebe zu ihrem Tennislehrer, Billy, aufgegeben hat um – wie John Irving es vielleicht ausgedrückt hätte, eine “Mittelgewichtsehe” zu führen. Eine Ehe mit Virgil bei dem sie “ihre Gefühle unter Kontrolle hatte.” Sie erzählt auch die Geschichte von Virgil, der ebenfalls seinen großen Traum aufgegeben hat, nämlich den, sein Leben als Saxofonist zu verbringen: “sein ganzes Leben lang hatte er sich mit den Plänen, die andere für ihn machten, arrangiert.”

Ich denke, Menschen, die in ihrem Leben nicht tun (können), was sie lieben, kämpfen mit diesem Verlust, führen ein Leben, das sich gar nicht wir ihr eigenes anfühlt. Und das schwingt hier sehr stark mit. Kathleen und Virgil tun die DInge, die von einem verheirateten Paar zu dieser Zeit erwartet werden, die sie aber überhaupt nicht glücklich machen. Eigentlich leben sie wie Fremde nebeneinanderher, denn nachdem die Geschichte aus beiden Perspektiven erzählt wird, erfahren wir Leser, dass beide zum Beispiel Elvis hassen, vom jeweils anderen aber glauben, dass sie/er ihn verehrt. Und deshalb bringen sie für den jeweils anderen das Opfer, sich einen neuen Film mit ihm anzusehen. Diese grundsätzliche Sprach- und Kommunikationslosigkeit führt zum üblichen: Eskapismus in Affären und Suchtmittel.

Obwohl man das alles irgendwie kennt, ist der Roman extrem spannend und vielschichtiger als angenommen, weil er ein paar Twists einbaut, die man so nicht erwartet hat. Ich mag sehr, wie genau die Autorin ihre Charaktere beschreibt, mit so vielen interessanten Details und Eigenheiten, dass es wirklich spannend ist, immer mehr von ihnen zu erfahren, sie immer besser kennenzulernen. Und ich mag auch die Stimmung, die dieser Roman vermittelt – an diesem unheilvollen Tag, dem 3. November 1957, als quasi in einem Paralleluniversum die Hündin Laika mit Sputnik in den sicheren Tod geschickt wurde, was im Roman immer wieder Thema ist. In Delaware ist dieser Sonntag ein ungewöhnlich warmer und so beschließt Kathleen ihn im Pool der Wohnhausanlage der Familie zu verbringen. Auch das ist nur auf den ersten Blick idyllisch und wird im Laufe der Stunden und mit dem Absinken der Temperaturen (sowohl außen als auch Pool) immer sinistrer. So als würde alles auf ein schlimmes Ende, nicht nur für den Hund, hinauslaufen.

Wie es ausgeht, verrate ich natürlich nicht. Ich bin auch nicht ganz sicher, was ich davon wirklich halten soll. Sicher ist aber, dass ich Jessica Anthonys Schreibstil sehr mag und jetzt noch mehr von ihr lesen möchte.