almis personal blog

Katerstimmung

Das neue Jahr hat in Wien mit einem Kater begonnen. Kein Kater aufgrund von zuviel Alkohol, sondern ein Kater der kollektiven Scham. Am 26. Dezember ist bei der U3- Station Volkstheater ein Mann nachts im Aufzug zusammengebrochen und obwohl diverse Menschen diesen Aufzug dann noch benutzen, hat keiner den Alarmknopf betätigt. Erst das Reinigungspersonal um 7 Uhr früh fand den Mann, die alamierte Rettung konnte aber nur noch dessen Tod feststellen.

Abgesehen davon, dass zwei Mitarbeiter der Wiener Linien ihre Kontrollrunde nicht ordnungsgemäß durchführten (und deshalb bereits entlassen wurden), fragt man sich: wie kann das passieren? Warum sehen die Menschen weg? Verlassen sie sich auf andere? Glauben sie daran, es wäre “nur” ein Sandler, der sich aufwärmen will? Oder waren sie durch Feierlichkeiten zu angetrunken, um die Lage zu erfassen?

Interessantweise ist heute, als diese Sache publik wurde, der 2. Jänner. Heute vor 14 Jahren ist meine Oma gestorben. Es kam nicht überraschend, sie lag bereits wochenlang im Krankenhaus, schwerkrank im Endstadium. Ich hatte sie täglich besucht. An diesem Tag hatte mich mein Vater telefonisch über ihren Tod informiert und als ich mich auf den Weg zu meinen Eltern machte, sah ich einen Mann regungslos in seinem Auto sitzen, einem Auto mit laufendem Motor. Es war ein sehr kalter Tag mit ordentlich Schnee.

Ich hatte bei seinem Anblick zwei Gedanken: 1) was ist, wenn er bewusstlos ist und Hilfe braucht und 2) was, wenn ich ihn aus seinem Schlaf wecke und er nachher sauer auf mich ist? Ja, ich hab ein paar Minuten gebraucht, um zu reagieren. Wir sind doch alle auch irgendwie dazu erzogen, uns nicht in fremde Anlegenheiten zu mischen, und Menschen ihren Privatsphäre zu lassen (was auch durchaus eine gute Sache ist). Aber wenn etwas im öffentlichen Raum passiert und ich quasi Zeuge werde, dann erwerbe ich irgendwie, so denke ich, eine gewisse Verantwortung, nicht passiv zu bleiben, wenn ich das Gefühl habe, das jemand Hilfe braucht.

2001 hat der Gedanke den Ausschlag gegeben, dass an diesem 2. Jänner schon meine Großmutter gestorben ist. Und dieser eine Tod, mit dem ich konfrontiert war, war genug. Ich klopfte also ziemlich laut in die Scheibe des Autos. Einige Male. Der Mann erwachte und ließ das Fenster hinunter. Er war ok. Er wollte tatsächlich nur schlafen. Und weil es so kalt war, hatte er dafür den Motor seines Autos laufen. Ich nickte ihm zu, “ja, ich verstehe”. Er nickte zurück. Freundlich. Er war auch nicht sauer auf mich, obwohl ich ihn ja geweckt hatte. Schon damals war ich froh, meinem komischen Gefühl nicht nachgegeben zu haben, und eine Initative zu setzen. Der sehr tragische Vorfall in der Wiener Ubahn sensibiblisiert mich aber, zugegebenermaßen noch zusätzlich, auch in Zukunft nicht wegzuschauen und das “komische Gefühl” noch schneller außeracht zu lassen. Das zumindest kann man aus diesem tragischen Vofall lernen.