Eigentlich wollte ich mir ja den Roman Trennung von Katie Kitamura ausborgen, nachdem jemand auf Social Media davon geschwärmt hatte. Weil dieser entliehen war, habe ich Intimitäten von Kitamura mitgenommen, im Glauben, das wäre ebenfalls eine Beziehungsgeschichte. Das ist es schon auch, aber nur zum Teil.
Tatsächlich hätte ich den Roman vielleicht anders genannt, hätte ich ihn geschrieben. Nämlich “Interpretationen.” Die namenlose Protagonistin ist eine Übersetzerin oder, wie es auf Englisch heißt, Interpreter – was irgendwie noch etwas anderes suggeriert. Und genau von dieser sprachlichen Unschärfe, von dem, was wir hören und sehen, was wir glauben (sollen) oder nicht, und unsere eigene Wahrnehmung, davon handelt dieser Roman.
Die Protagonistin, eine Frau um die 40, mit asiatischem Background, aber von Kind an Weltenbummlerin, lebt erst seit kurzer Zeit in Den Haag, wo sie am internationalen Gerichtshof arbeitet. Als Dolmetscherin ist es ihr wichtig, behutsam mit Sprache umzugehen, möglichst genau auf dem Punkt zu sein, sich selbst als Person aber völlig zurückzunehmen. Ihre Aufgabe ist es, keine Position zu beziehen, sondern nur quasi als Kommunikationskanal zu funktionieren. Doch im Laufe der Zeit merkt sie, so einfach ist das gar nicht, unbeteiligt zu bleiben, nichts zu hinterfragen, neutral zu sein, nämlich für sie als reflektierender Mensch. Und will sie das überhaupt?
Und das gilt nicht nur für ihr Berufsleben. Auch in ihrem Alltag fällt es ihr zunehmend schwer, Dingen nicht mit Skepsis zu begegnen. Ihre neu gewonnene Freundin J. lädt sie beispielsweise zu sich nach Hause zum Abendessen ein und will ihr dabei das Wohnviertel schmackhaft machen, in der Hoffnung, die Protagonistin ließe sich dann ebenfalls dort nieder. J. beschreibt die Gegend als gemütlich und sicher, doch noch während des Essens werden die beiden vom Fenster aus Zeugen eines Raubüberfalls mit einem Schwerverletzten. Auch ihr Geliebter A. erzählt ihr nicht die ganze Wahrheit. Auf einer Party erfährt sie zufällig von jemand anderem, dass er zwar von seiner Frau getrennt ist, aber eine Familie hat. Als er kurz darauf nach Lissabon fährt, um die Details seiner Scheidung auszuhandeln, überlässt er ihr einerseits seine Wohnung, andererseits lässt er den Kontakt nach einer Woche abreißen. Und die Protagonistin muss wieder eine Leerstelle mit Vermutungen auffüllen.
In diesem Roman gibt es eine große Diskrepanz zwischen Dingen, die aus welchen Gründen auch immer, behauptet werden, und Dingen, die tatsächlich passieren. Auch ein bisschen eine Art Covid Szenario, wenn man so will harhar. Oder hat die Pandemie und der Umgang damit nur unseren Blick geschärft? Kitamura schreibt: “Aber wir alle sind außerstande, die Welt in der wir leben, wirklich zu sehen, eine Welt, die den Widerspruch zwischen Banalität (…) und ihren Extremen in sich trägt- wir sehen die Welt höchstens für kurze Augenblicke, und dann wieder für lange Zeit nicht, wenn überhaupt noch jemals.”1
Schön beobachtet, gut geschrieben, leicht lesbar, trotzdem der durchaus komplexen Gedankengänge.
- Katie Kitamura: Intimitäten, Seite 94 ↩︎

Leave a Reply