almis personal blog

…versus Barbapapa

Weil jemand mich gefragt hat, wie ich das mit Hamnet und den Barbapapas meinte.

Nun ja, hier die Szene aus Hamnet:

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Und zum Vergleich, Barbapapa, Staffel 1, Episode 8:

Ich mein, das ist doch unübersehbar! Harhar.

Das hat mich als Kind bei den Barbapapas so fasziniert, dass sie ihren Nachwuchs einfach im Garten gepflanzt und gegossen haben. Und die Barbamama zieht Barbabo (quasi eine Steißgeburt) einfach selbst aus der Erde, ja so einfach wäre das! Harhar.

Barbabo, der strubbelige Künstler, natürlich verkehrt herum (siehe Pfeil)

Pia Reisner hat Hamnet übrigens im gestrigen fm4 Filmpodcast wortwörtlich als “Käse” bezeichnet und wer sie kennt weiß, das sagt sie nicht leichtfertig.

Die Welt ist also sehr gespalten, was diesen Film angeht. Im Gegensatz zu den Barbapapas.

Hamnet

Hamnet ist der neue Film der chinesischen Regisseurin Chloé Zhao und wurde vergangene Woche für acht Oscars nominiert, und hier folgt mein Veriss, harhar. Zhao adaptierte den gleichnamigen Roman von Maggie O’Farell, der sich mit dem Tod des Sohnes von William Shakespeare und seiner Frau Agnes, namens eben Hamnet, auseinandersetzt. Was wie ein riesengroßer Spoiler wirkt, wird genau so vermarktet.

Übrigens, auch das wird gleich am Anfang verraten: Die Namen “Hamnet” und “Hamlet” wurden damals quasi synonym verwendet.

SPOILER

Zunächst einmal: Viele haben sich beschwert, dass es so gemein wäre, Chloé Zhao quasi vorzuwerfen, einen manipulativ-überrührseligen Tearjerker produziert zu haben, das sei nur deshalb der Fall, weil sie eben eine Frau wäre, also dieser Vorwurf bla bla. Nein, ich fand auch Million Dollar Baby von Clint Eastwood aus dem Grund schrecklich, wie auch Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan. Auch wenn diese Filme natürlich unterschiedlich funktionieren, eint sie doch ein allgegenwärtiges und umfassendes Elend. Männer sind genauso dazu imstande, solche Filme zu produzieren, die einem die Botschaft mit dem Holzhammer übermitteln wollen.

Vielleicht ist es hier schon das Problem des Romans, das kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht gelesen habe. Aber mir ist das alles zu viel (und von anderem wie Plot oder Charakterentwicklung ist es zu wenig, aber das bedingt sich ja oft gegenseitig). Von Agnes (Jessie Buckley) wird gesagt, dass sie die Tochter einer Hexe sei und tatsächlich ist sie sehr in dieser Naturmystik-Heilpraktiker-Ecke zuhause. Ich kann jetzt mit Naturheilkunde an sich schon sehr viel anfangen. Aber bei Agnes hat das alles schon recht übersinnliche Züge. Sie “sieht” die Zukunft, sie bringt ihr Kind selbstverständlich alleine im Wald zur Welt ohne irgendjemand Bescheid zu sagen (was, sind wir uns ehrlich, bis heute lebensgefährlich ist), alles ist so archaisch an ihr. Und natürlich ist die Liebe zu William Shakespeare magisch, wie auch zu den Kindern, aber das wird halt alles eher behauptet als wirklich dargestellt.

Natürlich ist es schrecklich, eines der schlimmsten Dinge, die einem passieren können, wenn das eigene Kind stirbt. Für diese Erkenntnis alleine brauche ich aber keinen 126 Minuten Film anzuschauen. Ich nehme Agnes (bzw. Buckley) diesen, ihren Schmerz zwar komplett ab, sie ist sehr überzeugend; aber es ist eben auch ihr Schmerz, sie lässt mich nicht in ihre Gefühlswelt hinein, sie hält mich auf Distanz. Ich konnte zu niemandem dieser Menschen irgendeine Art von Beziehung aufbauen, auch zum Kind Hamnet nicht, der generell eher blass bleibt. Mich hat es emotional jetzt mehr aufgeregt, dass Agnes William (Paul Mescal) nach dem Tod von Hamnet beschimpft, dass er nicht da gewesen wäre. Dabei war sie es, die ganz am Anfang ihrer Ehe gesagt hatte, er müsse nach London gehen, er müsse schreiben, sonst würde er und sie sich auch als Paar verlieren. Dass es dann halt Zeit braucht, von London ohne Auto ins hinterletzte Kaff Stratford-upon-Avon zu gelangen – wo Agnes gegen den Wunsch von William bleiben wollte, weil Natur! – ist auch klar.

Die letzten 15, 20 Minuten des Films beinhalten eine Aufführung von Hamlet im Londoner Globe Theater; das Stück schrieb Shakespeare zur Aufarbeitung dieses Schicksasschlages. Der Falter Filmkritiker Michael Omasta nennt das eine “faule” Entscheidung. Ich stimme ihm grundsätzlich zu, muss aber sagen, dass es allerdings auch der Teil ist, wo der Film tatsächlich am besten für mich funktioniert hat, mit den Worten und Emotionen Shakespeares nämlich. Auch auf Uncut wurde der Film (positiv) besprochen und ich habe unserem Kritiker dann geschrieben, mir gefiele sein Review wesentlich besser als der Film, harhar. Wir haben uns dann gegenseitig versichert, dass wir den Standpunkt des anderen grundsätzlich verstehen.

P.S. Dieser Film hat wirklich gar keinen Moment des Humors, aber ich selbst musste trotzdem einmal schmunzeln, als Agnes am Anfang zusammengerollt in der Erde liegt. Sah so aus wie bei den Barbapapas früher, die ja in der Erde gewachsen sind, harhar. Sorry.

Der Rest vom Wochenende

Gestern Nachmittag habe ich mich recht spontan mit M. getroffen.

Sie hat vorgeschlagen, dass wir in den GleisGarten gehen (unbezahlte Werbung), das ist die alte Badner Bahn Remise, die vor zwei Jahren zu einer Art Foodhall umgebaut wurde. Und wenn Foodhalls auch manchmal den Nachteil haben, dass sie ziemlich steril und unpersönlich wirken, so war ich total positiv von dieser Halle im 12. Bezirk überrascht. Es ist zwar natürlich wirklich groß, aber es ist trotzdem total gemütlich und auch warm! Man kann theoretisch stundenlang dort sitzen, Bücher lesen, arbeiten, sich Spiele ausborgen, plaudern die Kinder rennen herum und es gibt verschiedene Essenstationen und Bars, wo man sich kulinarisch versorgen kann.

Ich habe zuhause dann noch nichts gegessen und so haben wir uns am Spätnachmittag bei der Asia Station etwas geholt, Nudeln mit Gemüse. Es war wirklich extrem gut und schmackhaft, also nix mit Fast Food. Wir waren drei Stunden dort harhar. Ur nett wars.

GleisGarten Indoor

Dann bin ich in den Garten gefahren und nach einem kurzen Besuch vom Kind und Begleitug habe ich mich wie geplant in meine Leseecke zurückgezogen und habe fast in einem Die Vegetarierin von Han Kang gelesen. Ich weiß nicht, irgendwie ziehen mich ihre Romane so rein, dass ich gar nicht aufhören kann.

Cosy Leseecke

Denn endlich mal wieder gut geschlafen, den Sonntag über gearbeitet und dann war ich noch “schnell” im Votivkino und habe mir Der Fremde (nach Albert Camus) angesehen. Und zwar aus dem dritten Grund, weswegen ich ins Kino gehen, nämlich wenn ein Film im fm4 Filmpodcast besprochen wird, harhar. Die erste Hälfte hat mir richtig gut gefallen, dann wars ein bisschen gemischt. Aber defintiv ein Film, über den man länger nachdenken kann und quasi ein Standardwerk des Existentialismus.

Und jetzt gehe ich schlafen, mit den Gedanken von gestern.

Slow Friday

Gestern bis am späten Abend gearbeitet, dafür heute Mittagessen mit L. beim Vapiano.

L. meinte, das wäre fast wie früher zu Kindergartenzeiten, als wir Stammgäste beim Italiener ums Eck des Kindergartens waren. Stimmt, nur minus des gratis Kaffees, den uns der Kellner dort ab und zu spendiert hat. harhar. Kaffee gabs heute aber auch. Davor allerdings Pasta.

Vapiano hat seinen Pasta Freitag von Avocado zu Polpette geändert, anscheinend war das eher ein Minderheitenprogramm. Ich habe die neue Tagespasta jedenfalls gleich ausprobiert. Polpette ist quasi so was wie Kottbullar, nur hier mit Tomatensauce, mhmm. Nudeln kann man ja nehmen welche man will, ich habe mich für Spagetti entschieden, obwohl es vielleicht nicht optimal dazupasst, aber es sind halt meine Lieblingsnudeln. (alles unbezahlte Werbung)

Dnach gabs noch das bewährte und auch ur gute Tiramisu. Kohlenhydrate und Zucker, was will man mehr bitte! Und natürlich super spannende Gespräche, wie eh immer.

Danach war ich einkaufen und wieder mal bei der Bücherei am Spitz. Die Verkäuferin, deren Spezialität “Kunden die x kauften, kaufen auch y…” ist, war leider nicht da, die hat mir ja mittlerweile schon drei Bücher empfohlen.

Mirna Funk reizt mich auch, der folge ich seit ewig auf Insta, interessante Einblicke übers Frausein in der jüdischen Kultur

Ich würde ja gerne als Ritual jeden Freitag ein Buch kaufen, würde mich definitiv glücklich machen, aber geht ein bisschen ins Geld, harhar. Habe dann aber trotzdem nicht widerstehen können, und Die Vegetarierin erstanden, quasi das bekannte Werk von Han Kang, von der ich ja schon letztes Wochenende ganz begeistert war. Ich werde es morgen in meiner Leseecke anfangen.

Awards-Season, zwei

Ok, das mit Tânia Maria hat leider nicht funktioniert, dennoch haben die heutigen Oscar Nominierungen doch ein paar kleinere Überraschungen gebracht.

Zunächst einmal hat Sinners den Rekord an Gesamt-Nominierungen gebrochen und das war in dieser Souvernität nicht zu erwarten und zwar mit 16 Nominierungen. Ja, es gibt auch eine neue Kategorie (Bestes Casting). Und ja, damit wird es für Paul Thomas Anderson und One Battle After Another doch noch ziemlich eng. Ich muss ja ehrlich sagen, nachdem ich das halbe Jahr gesudert habe, dass die Filmsaison nur so mittelmäßig ist, ging es im Herbst Schlag auf Schlag und ich mag sowohl Sinners (obwohl Vampir Horror!) als auch OBAA richtig gerne – und auch noch einige andere, natürlich allen voran Sentimental Value. Ich möchte die Nonstop Kinos hiermit auch bitten, Sinners nochmals ins Programm zu nehmen. Ich habe ihn ja gestreamt, aber das ist defintiv ein Film für die große Leinwand. Auch wenn es im Kino sicher extrem bedrohlich ist.

Hier alle Nominierten in der Kategorie bester Film:

Und hier kann ich erfreulicherweise sagen, dass ich fast alles tatsächlich schon kenne, außer Marty Supreme (der läuft bei uns erst im Februar an) und F1 *hust*, einen Film, den mein Kind bereits dreimal gesehen hat. harhar.

Auch in den Schauspielkategorien gab es ein paar kleinere Überraschungen. Kate Hudson als Beste Hauptdarstellerin im so liebenswerten Underdog-Film Song Sung Blue zum Beispiel. Auch Ethan Hawke als Bester Hauptdarsteller für Blue Moon war eher ein Wackelkandidat, der Film kommt leider erst im Frühling in unsere Kinos. Delroy Lindo hat es noch in die Beste Nebendarsteller Kategorie geschafft, für mich komplett nachvollziehbar, weil ich nämlich während des Filmes gegoogelt habe, wer das ist, weil er so beeindruckend war. Wagner Moura (The Secret Agent) war dagegen eine Bank, allerdings ist er der erste Brasilianer, der in der Kategorie Bester Hauptdarsteller nominiert wurde. Stellan Skarsgard war auch quasi fix, aber – ebenfalls interessant – er ist der der erste Nebendarsteller, der für einen internationalen Film nominiert wurde.

Und überhaupt Sentimental Value, hach ja, der ganze Cast wurde nominiert,

Ein ziemlich erfreulicher Trend in den letzten Jahren: zum dritten Mal wurde alle Menschen, die für einen Oscar in der Kategorie Beste Regie nominiert sind, auch in der Kategorie Bestes Drehbuch (adaptiert oder Original) nominiert. Was nichts anderes heißt als: Der Auteur ist zurück. Und das finde ich sehr schön.

Ich hätte ja noch dutzende Facts und Stats, aber ich glaube abgesehen von mir interessiert das niemanden soo sehr, harhar. Morgen gibts ein anderes Thema, versprochen.

P.S. Ah ja, Votivkino hat mich schon prophylaktisch erhört und bringt Sinners im Rahmen des Black History Month. Hey Gartenbau, bei euch geht auch noch was! Harhar.

Awards-Season

That time of the year:

Wenn man Film und Filmpreise ein bisschen verfolgt, weiß man in vielen Fällen schon, was da ungefähr auf einen zukommen wird, an Nominierungen (morgen: die Oscars). Aber jeder wünscht sich insgeheim auch, dass es irgendwo eine Überraschung gibt, dass jemand nominiert wird, der einen total überzeugt hat, aber bei den bisherigen Awards und Nominierungen übersehen wurde.

Vor einigen Tagen hat sich auf X eine Fanbase von Tânia Maria gebildet, einer 79 jährigen brasilianischen Schauspielerin, die quasi vor sieben Jahr in diesem Job angefangen hat harhar. Filmkritiker Brian Rowe schreibt: “One of the most inspired shocker Oscar nominations that could happen (..) is Tânia Maria in Best Supporting Actress for The Secret Agent.” Und er hat recht. Kaum erscheint sie auf der Leinwand hat man das Gefühl, es mit einer realen Person zu tun zu haben. Einer schrulligen Südamerikanerin in Blümchenkleid mit Flip Flops, die permanent eine Zigarette zwischen Fingern hat. Sie spielt eine Pensioniswirtin für Menschen, die zu Außenseitern geworden sind, die vor irgendetwas oder irgendjemanden flüchten. Sie ist warmherzig, aber auch herb, sie nimmt sich kein Blatt vor den Mund, sie hat schon alles im Leben gesehen, nichts kann sie schockieren. Und es ist ihr komplett egal, was andere von ihr denken.

Die Chancen, dass sie nominiert wird, sind jetzt nicht wahnsinnig groß, das “Campaigning” für sie hat spät angefangen und sie ist auf keiner großen Prediction-Seite gelistet, wenn ich das recht überblicke. Andererseits hat The Secret Agent gerade ein enormes Momentum. Und in der Kategorie Beste weibliche Nebenrolle gibt es nur zwei sichere “Fixstarterinnen”, nämlich Teyana Taylor (One Battle After Another) und Amy Madigan (Weapons), wobei ich hoffe, dass Inga Ibsdotter Lilleaas (Sentimental Value), auch dabei sein wird, meine Lieblings-weibliche-Nebenrollen Performance dieses Jahr. Jedenfalls ist es aber eine Kategorie, die relativ volatil ist, in den anderen Kategorien sind meistens mindestens vier Plätze schon “sicher”.

Ich glaube, irgendwo recherchieren Journalisten zur Sicherheit schon, wann das früher mal passiert ist. Da kann ich helfen, das letzte Mal ist gar nicht so lange her, Andrea Risborough wurde 2023 out of the blue für To Leslie nominiert, da gabs damals aber eine Kontroverse. Auch Marcia Gay Harden in Pollock war bei den größeren Filmpreisen vor dem Oscar völlig ignoriert worden und gewann 2001 dann sogar. Soviel zu meinem unnützen Oscar-Wissen, harhar. Aber es ist doch auch mal schön, sich mit solchen sinnlosen Dingen zu beschäftigen.

Ich würds ihr jedenfalls gönnen.

Deine kalten Hände

Deine kalten Hände, das Buch von der Nobelpreisträgerin Han Kang, habe ich in zwei Tagen ausgelesen. Ich bin sehr begeistert davon.

Es geht um den Bildhauer Jang – meine neuen Themenschwerpunkte dieses Jahr offenbar: Asien und bildende Kunst – der aufgrund der Erfahrungen in seiner Kindheit, den Menschen hinter ihre “Fassaden” schauen will. Er hatte irgendwann bemerkt, dass seine Eltern das eine sagen und das andere tun, Lachen, wenn es nicht zu lachen gibt, und Weinen, wenn ihnen gar nicht danach ist, sondern nur, wenn es angebracht erscheint. Das erschreckte ihn und machte ihn fassungslos: “Was andere für echt hielten, zweifelte ich hartnäckig an.”1

Ich liebe dieses Cover

Dieser Wunsch spiegelt sich in seiner Kunst wider. Er arbeitet mit Gipsmodellen, das heißt, er sucht Menschen, bei denen ihn gewisse Körperteile faszinieren und bitte sie, diese eingipsen zu dürfen, um damit ihre “Hülle” zu erforschen, aber auch ihrer Persönlichkeit auf den Grund zu gehen. Dabei empfindet er eine gewisse Ambivalnz: “Woher kam dieser Widerspruch, dass ich etwas gleichzeitig zu zeigen und zu verbergen suchte.”2

Bei der extrem übergewichtigen L. sind es ihre Hände, die ihn als erstes faszinieren. Und das ist auch das, was sein Leben ausmacht. Frauen, die er eingipst, sind ihm wie ein Rätsel, dass es zu lösen gilt. Gewisse äußerliche Merkmale sind nur das Symptom dafür, was sich in ihrem Inneren abspielt.

Wenn ich spürte, dass jemand etwas vor mir verbarg, enstand bei mir Sympathie und eine Art Faszination für die betreffende Person, und zwar umso stärker, je weniger fassbarer das Geheimnis war.3

Jetzt kann man natürlich nicht behaupten, dass das unkomlizierte Lebensgeschichten wären, die Jang zu hören bekommt. Es geht um “Binge Eating” und um Bulimie, es geht um chirurgische Eingriffe, es geht um fehlende (Selbst)akzeptanz, die mit körperlichen Komponenten, die mit Mangel- oder auch Überfüllezuständen zu tun haben. Und natürlich liegt hinter all dem eine immer sehr tragische Geschichte. Tatsächlich geht es immer um die Seele, auf deren Grund Jang, der selbst ziemlich zurückgezogen lebt, gelangen will. Über L. vermerkt er einmal: “Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass L. mein anderes Ich sein könnte, das ich vielleicht irgendwann vor langer Zeit in meiner Kindheit verloren hatte.”4

Was für ein Satz! Ich musste an jemanden denken, wie so oft, an so inspirierende Gespräche. Jedenfalls fand Deine Kalten Hände wirklich sehr spannend zu lesen. Obwohl ich, laut einigen Rezensenten, nicht die Zielgruppe dieses Romans bin, ich habe mit meinem Körper tatsächlich noch nie ein Problem gehabt, aber wie Jang habe ich mich immer schon sehr dafür interessiert, hinter die “Hüllen” zu blicken, auch hinter meine eigene.

Han Kang bekam den Nobelpreis übrigens für “„für ihre intensive poetische Prosa, die historische Traumata anspricht und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt”.


  1. Deine Kalten Hände, Seite 86 ↩︎
  2. Seite 92 ↩︎
  3. Seite 222 ↩︎
  4. Seite 116 ↩︎

Mein älteres Ich

Sneak Peek: In meinem Roman beschreibe ich, wie die Protagonistin mit ihrem noch kleinen Kind im Museumsquartier sitzt und Eistee trinkt. Ur spannend, was? Harhar. Es war das erste Mal, dass diese kleine Kind länger als fünf Minuten irgendwo sitzengeblieben ist und die Protagonistin denkt sich, hach herrlich: “Unser Mama-Kind Beziehung löste sich für einige kurze Momente auf, ich musste nicht sagen, wo es langgeht und er musste nicht folgen oder sich auflehnen oder gelangweilt darüber gähnen oder wütend werden, je nach Laune und Anlass, wir konnten einfach nur sein, und uns voneinander erzählen und ich dachte plötzlich voller Sehnsucht daran, an mein und sein älteres Ich, es gefiel mir.”

In Wirklichkeit bin ich jetzt tatsächlich in dieser Situation des älteren Ichs und das Kind hatte heute einen Termin, bei dem ich in gewisser Weise mitreden sollte (es ging um seine Geburt). Wir haben uns bei der Schule getroffen, das Kind hat am Bahnhof gegessen und gegoogelt, dass gleich gegenüber dieses Termins eine Parkparage sei. Und so stieg er in die Straßenbahn – ich habe mich geweigert und musste auch noch Geld abheben – um das Auto zu holen. Wir machten aus, uns dann entlang der oberen alten Donau zu treffen.

Auf dem Weg dahin schreibt er, ich solle ihm meinen WhatsApp Standort schicken, ich schaffe das, noch dazu mit eiskalten Fingern, natürlich nicht. Er: “Dann mach ein Foto” harhar. Wie old school! Und dann steige ich also zu ihm ins Auto und wir fahren mit den üblichen Bemerkungen (“Da gehen Leute über die Staße” “Ja ich sehe es!!” harhar) durch Wien und hatten es ur lustig. Und dann geht es eben in diese Parkgarage und er kennt sich mit allem besser aus als ich und parkt professionell ein und da denke ich ja, jetzt bin ich diese Person, ich habe ein erwachsenes Kind, das Dinge macht, die ich nicht kann. Wie flashig!

Ich war direkt froh, dass er dann meinte, ob ich ihm bei diesem Termin ein bisschen unterstützen würde. harhar. Das erinnert mich daran, dass ich im Jahr 2007 und 2008 mehr Telefonnummern von Ärzten und Ärztinnen sowie Therapeutinnen in meinem Notizbuch hatte als sonst was. Aber das ist eine andere Geschichte.

“Asiatisches” Wochenende

Am Freitagabend hab ich über die Stränge geschlagen und mir einfach so ein Buch fürs Wochenende gekauft, ich bin so oarg. Harhar. Und zwar das, was ich das Wochenende davor beim Morawa angelesen habe, Han Kang – die Nobelpreisträgerin von 2024 und das Buch Deine kalten Hände.

Ich bin in den Garten gefahren, habe mich in meine Leseecke oben gesetzt. Jemand hat früher einmal zu mir gesagt, als der Stock noch nicht eingerichtet war, ich werde schon spüren, was hierhin kommen soll. Und ich habe irgendwann gespürt, nachdem das Leben mich vollkomen durchgeschüttelt hat, es soll eine Leseecke sein. Jetzt finde ich sie so gemütlich. Jedenfalls habe ich am Freitag die Stehlampe eingeschaltet, habe mir was zum Trinken und Naschen geholt und habe gleich mal hundert Seiten gelesen.

Sanftes Licht in meiner Leseecke – dazu das wunderschöne Cover von Deine Kalten Hände

Es ist einfach so gut geschrieben und gibt einem so viel zum Nachdenken, bin hin und weg und auch bald fertig. Danach habe ich wie erschlagen mal wieder halbwegs gut geschlafen.

Am Morgen sah es dann so aus:

Glatt und hier sieht man noch die Weihnachtsdeko, die dann kurz drauf von mir entfernt wurde

Einer dieser Tage, in denen es gar nicht richtig hell wird. Ich war einkaufen und am Friedhof und habe weitergelesen, bis es Zeit war, ins Filmcasino zu fahren, zum Preview von Hamnet. Ich war wieder mal ein bisschen zu früh dran und bin in der Gegend herumgestreift, zu der ich wenig Bezug habe.

Haus vom Silberwirt

Ich mag das gerne, in Stadtvierteln herumgehen und zu überlegen, was sie ausmacht. Warum es sich zwei Straßen weiter schon ganz anders anfühlt, anders riecht, die Menschen einen anderen Gesichtsausdruck haben. Die Gegend um das Filmcasino, so mein erstes Fazit, besteht aus einigen Geschäften, die zahlreiche sonderbare Dinge anbieten, die schon ein bisschen älter sind, an der Grenze von geschmacklos und unendlich hip, harhar.

Total hübsche Plakatpräsentation im Filmcasino

Dann also ins sehr volle Kino. Was soll ich sagen? Ich hatte meine Vorbehalte und Regisseurin Chloé Zhao hat sie eindrucksvoll bestätigt, harhar.

Die Darsteller spielen sehr gut, aber als Film ist es absolut nicht meines, es ist so ein gewollter Tränendrüsendrücker-Naturmystik-Kitsch für mich, ja das klingt gemein. Aber ich habe vor einigen Tagen einen anderen Film einer Asiatin (Hikari) gesehen, Rental Family, durchausnicht unkonventionell, will nix neu erfinden, aber mit kleinen Indie- Einsprengseln, stringent und warmherzig erzählt, da sind mir fünfmal die Tränen gekommen, weil es einfach so schön war. Hier, obwohl als großer Film der Empfindsamkeit angekündigt, null. Es hat mich so wenig berührt, dass es schon wieder erstaunlich ist. Mehr zu beiden Filmen bald.

Heute dann spät mit dem Kind mittaggegessen, viel Arbeit aufgeholt, wieder gelesen. Und meinen besonderen Sonntagabendgedanken nachgehangen.