almis personal blog

Hamnet

Hamnet ist der neue Film der chinesischen Regisseurin Chloé Zhao und wurde vergangene Woche für acht Oscars nominiert, und hier folgt mein Veriss, harhar. Zhao adaptierte den gleichnamigen Roman von Maggie O’Farell, der sich mit dem Tod des Sohnes von William Shakespeare und seiner Frau Agnes, namens eben Hamnet, auseinandersetzt. Was wie ein riesengroßer Spoiler wirkt, wird genau so vermarktet.

Übrigens, auch das wird gleich am Anfang verraten: Die Namen “Hamnet” und “Hamlet” wurden damals quasi synonym verwendet.

SPOILER

Zunächst einmal: Viele haben sich beschwert, dass es so gemein wäre, Chloé Zhao quasi vorzuwerfen, einen manipulativ-überrührseligen Tearjerker produziert zu haben, das sei nur deshalb der Fall, weil sie eben eine Frau wäre, also dieser Vorwurf bla bla. Nein, ich fand auch Million Dollar Baby von Clint Eastwood aus dem Grund schrecklich, wie auch Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan. Auch wenn diese Filme natürlich unterschiedlich funktionieren, eint sie doch ein allgegenwärtiges und umfassendes Elend. Männer sind genauso dazu imstande, solche Filme zu produzieren, die einem die Botschaft mit dem Holzhammer übermitteln wollen.

Vielleicht ist es hier schon das Problem des Romans, das kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht gelesen habe. Aber mir ist das alles zu viel (und von anderem wie Plot oder Charakterentwicklung ist es zu wenig, aber das bedingt sich ja oft gegenseitig). Von Agnes (Jessie Buckley) wird gesagt, dass sie die Tochter einer Hexe sei und tatsächlich ist sie sehr in dieser Naturmystik-Heilpraktiker-Ecke zuhause. Ich kann jetzt mit Naturheilkunde an sich schon sehr viel anfangen. Aber bei Agnes hat das alles schon recht übersinnliche Züge. Sie “sieht” die Zukunft, sie bringt ihr Kind selbstverständlich alleine im Wald zur Welt ohne irgendjemand Bescheid zu sagen (was, sind wir uns ehrlich, bis heute lebensgefährlich ist), alles ist so archaisch an ihr. Und natürlich ist die Liebe zu William Shakespeare magisch, wie auch zu den Kindern, aber das wird halt alles eher behauptet als wirklich dargestellt.

Natürlich ist es schrecklich, eines der schlimmsten Dinge, die einem passieren können, wenn das eigene Kind stirbt. Für diese Erkenntnis alleine brauche ich aber keinen 126 Minuten Film anzuschauen. Ich nehme Agnes (bzw. Buckley) diesen, ihren Schmerz zwar komplett ab, sie ist sehr überzeugend; aber es ist eben auch ihr Schmerz, sie lässt mich nicht in ihre Gefühlswelt hinein, sie hält mich auf Distanz. Ich konnte zu niemandem dieser Menschen irgendeine Art von Beziehung aufbauen, auch zum Kind Hamnet nicht, der generell eher blass bleibt. Mich hat es emotional jetzt mehr aufgeregt, dass Agnes William (Paul Mescal) nach dem Tod von Hamnet beschimpft, dass er nicht da gewesen wäre. Dabei war sie es, die ganz am Anfang ihrer Ehe gesagt hatte, er müsse nach London gehen, er müsse schreiben, sonst würde er und sie sich auch als Paar verlieren. Dass es dann halt Zeit braucht, von London ohne Auto ins hinterletzte Kaff Stratford-upon-Avon zu gelangen – wo Agnes gegen den Wunsch von William bleiben wollte, weil Natur! – ist auch klar.

Die letzten 15, 20 Minuten des Films beinhalten eine Aufführung von Hamlet im Londoner Globe Theater; das Stück schrieb Shakespeare zur Aufarbeitung dieses Schicksasschlages. Der Falter Filmkritiker Michael Omasta nennt das eine “faule” Entscheidung. Ich stimme ihm grundsätzlich zu, muss aber sagen, dass es allerdings auch der Teil ist, wo der Film tatsächlich am besten für mich funktioniert hat, mit den Worten und Emotionen Shakespeares nämlich. Auch auf Uncut wurde der Film (positiv) besprochen und ich habe unserem Kritiker dann geschrieben, mir gefiele sein Review wesentlich besser als der Film, harhar. Wir haben uns dann gegenseitig versichert, dass wir den Standpunkt des anderen grundsätzlich verstehen.

P.S. Dieser Film hat wirklich gar keinen Moment des Humors, aber ich selbst musste trotzdem einmal schmunzeln, als Agnes am Anfang zusammengerollt in der Erde liegt. Sah so aus wie bei den Barbapapas früher, die ja in der Erde gewachsen sind, harhar. Sorry.

Deine kalten Hände

Deine kalten Hände, das Buch von der Nobelpreisträgerin Han Kang, habe ich in zwei Tagen ausgelesen. Ich bin sehr begeistert davon.

Es geht um den Bildhauer Jang – meine neuen Themenschwerpunkte dieses Jahr offenbar: Asien und bildende Kunst – der aufgrund der Erfahrungen in seiner Kindheit, den Menschen hinter ihre “Fassaden” schauen will. Er hatte irgendwann bemerkt, dass seine Eltern das eine sagen und das andere tun, Lachen, wenn es nicht zu lachen gibt, und Weinen, wenn ihnen gar nicht danach ist, sondern nur, wenn es angebracht erscheint. Das erschreckte ihn und machte ihn fassungslos: “Was andere für echt hielten, zweifelte ich hartnäckig an.”1

Ich liebe dieses Cover

Dieser Wunsch spiegelt sich in seiner Kunst wider. Er arbeitet mit Gipsmodellen, das heißt, er sucht Menschen, bei denen ihn gewisse Körperteile faszinieren und bitte sie, diese eingipsen zu dürfen, um damit ihre “Hülle” zu erforschen, aber auch ihrer Persönlichkeit auf den Grund zu gehen. Dabei empfindet er eine gewisse Ambivalnz: “Woher kam dieser Widerspruch, dass ich etwas gleichzeitig zu zeigen und zu verbergen suchte.”2

Bei der extrem übergewichtigen L. sind es ihre Hände, die ihn als erstes faszinieren. Und das ist auch das, was sein Leben ausmacht. Frauen, die er eingipst, sind ihm wie ein Rätsel, dass es zu lösen gilt. Gewisse äußerliche Merkmale sind nur das Symptom dafür, was sich in ihrem Inneren abspielt.

Wenn ich spürte, dass jemand etwas vor mir verbarg, enstand bei mir Sympathie und eine Art Faszination für die betreffende Person, und zwar umso stärker, je weniger fassbarer das Geheimnis war.3

Jetzt kann man natürlich nicht behaupten, dass das unkomlizierte Lebensgeschichten wären, die Jang zu hören bekommt. Es geht um “Binge Eating” und um Bulimie, es geht um chirurgische Eingriffe, es geht um fehlende (Selbst)akzeptanz, die mit körperlichen Komponenten, die mit Mangel- oder auch Überfüllezuständen zu tun haben. Und natürlich liegt hinter all dem eine immer sehr tragische Geschichte. Tatsächlich geht es immer um die Seele, auf deren Grund Jang, der selbst ziemlich zurückgezogen lebt, gelangen will. Über L. vermerkt er einmal: “Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass L. mein anderes Ich sein könnte, das ich vielleicht irgendwann vor langer Zeit in meiner Kindheit verloren hatte.”4

Was für ein Satz! Ich musste an jemanden denken, wie so oft, an so inspirierende Gespräche. Jedenfalls fand Deine Kalten Hände wirklich sehr spannend zu lesen. Obwohl ich, laut einigen Rezensenten, nicht die Zielgruppe dieses Romans bin, ich habe mit meinem Körper tatsächlich noch nie ein Problem gehabt, aber wie Jang habe ich mich immer schon sehr dafür interessiert, hinter die “Hüllen” zu blicken, auch hinter meine eigene.

Han Kang bekam den Nobelpreis übrigens für “„für ihre intensive poetische Prosa, die historische Traumata anspricht und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt”.


  1. Deine Kalten Hände, Seite 86 ↩︎
  2. Seite 92 ↩︎
  3. Seite 222 ↩︎
  4. Seite 116 ↩︎

Die nächste Depperte

In zwei Tagen habe ich Die nächste Depperte ausgelesen, was mir M. am Montag erst geschenkt hat!

Eigentlich lese ich noch immer Paul Auster, aber das ist ziemlich anstrengend, so war mir diese Lektüre eine willkommene Abwechlsung. Untertitel: Von einer, die auszog, um Autorin zu werden. Deshalb bekam ich auch das Buch harhar. Aber bei Susanne Kristek, der ich übrigens auch auf Instagram folge, hat es ja schon geklappt. Im Sommer habe ich bei einem ihrer Postings sehr gelacht, nämlich als sie den “Brunnen” im 12. Bezirk bei der Niederhofstraße fotografiert hat und drunter geschrieben hat: “Infinity Pool Meidling”. Jetzt muss ich jedes mal, wenn ich da vorbeikomme, daran denken.

Nun. Das Buch fand ich sehr amüsant und kurzweilig. Ein paar Disclaimer gibt es aber. Es ist weder ein Roman, noch erklärt es wirklich, wie man Autorin wird. Und es ist nicht ganz optimal lektoriert, wie ich finde, ein paar Redundanzen hätte man entfernen können. Es gibt keine richtige Handlungsstruktur, es ist eher eine Sammlung von Geschichten. Nix dagegen zu sagen, ich erwähne es nur. Kristek hat übrigens in der Kettenbrückengasse einen Schreibworkshop besucht und das ist witzig, weil ich gerade vor ein paar Tagen genau dort auch einen solchen ergoogelt habe.

Die atmosphärisch schönste Szene ist die, die dem Buch seinen originellen Titel gibt. Kristek stellt ihr erstes Buch vor, es ist wieder mal ein Lockdown, weshalb sie das bei unwirtlichem Wetter, Nieselregen und Wind im Oktober mit einem improvisierten Büchertisch im alten AKH tut. Und weil man halt Maske trägt und sowieso gerade alle durchdrehen, kommen ihre Versuche, Publikum anzulocken, eher mäßig gut bei den vorbeigehenden Menschen an. Eine alte Dame, die mit ihrem Hund unterwegs ist, schüttelt den Kopf und sagt: “Die nächste Depperte!” Harhar, fand ich sehr schön.

Ansonsten geht es um Autorinnenfreundschaft – mit der österreichischen Krimischriftstellerin Martina Parker – es geht um Ferienhäuser im Burgenland, die Frankfurter Buchmesse, ein Hera Lind Schreibseminar, die Empfehlung von Elke Heidenreich, um den “Gatten” und die “junge Dame” und darum, dass Kristek besser einparkt als Auto fährt. Ein bisschen geht es auch um ihre Mitmach-Lesungen, die sie in den Breitenseer Lichtspielen abhält und einfach darum, dass sie so eine Art Selfmade-Woman ist, die sich eher wenig selbst ernst nimmt und mit Selbstironie betrachtet. Das fand ich sehr sympathisch.

Unterscheiden tut mich von Kristek, dass sie schreibt, weil sie gerne Geschichten erzählt und Menschen unterhält. Ich schreibe, um zu erklären, was eigentlich mit mir los ist, harhar.

Vorm Fest

Letzter Tag vorm heiligen Abend und ich hatte nicht mal so einen Stress. Ich war einkaufen und habe ein bisschen aufgeräumt, noch ein paar Geschenke eingepackt. Danach habe ich gearbeitet – zu tun hätte ich weiterhin genug, aber ein bisschen Weihnachtspause muss jetzt dann auch sein.

Im Jänner beginnt ein neues Projekt an der WU Wien, das freut mich sehr, und ich werde vermutlich auch ein Vorstellungsgespräch anderswo haben, aber mal sehen. Jedenfalls ist Arbeit bis einmal April in Sicht, als Selbstständige ist man ja immer froh, wenn man ein paar Monate “ausgebucht” ist.

Außerdem habe ich 4, 3, 2, 1 von Paul Auster begonnen. Es ist toll. Es ist verwirrend. Ich glaube, das Buch war einfacher zu schreiben als zu lesen, harhar. Dazu werde ich anderes Mal noch mehr sagen.

Und weil ich allein war, das Kind ist heute andersfamilär feiern, habe ich mir das Gratisabo von Wow auf Prime “gegönnt” (unbezahlte Werbung). Sofern ich es rechtzeitig kündige ist es tatsächlich kostenlos und mir Sinners angesehen. Einer der, laut allgemeinem Konsens’, Filme des Jahres, um die ich aber aus Gründen (nämlich Angst harhar) einen Bogen gemacht habe. Nachdem ich ihn jetzt gesehen habe, muss ich sagen: mit Recht, harhar. Aber sonst: Elevated Horror at its best.

Und Frage: Wie viele Schokoschirmchen möchtest du? Antwort: Ja.

Meine Norwegen-Schuhe

Heuer habe ich fünf norwegische Filme gesehen und sechs norwegische Bücher gelesen. Ich habe dabei viel über das Land gelernt, zu dem ich bisher wenig Bezug hatte.

In dem norwegischen Film, der mir davon am wenigsten gefallen hat, nämlich Lovable, habe ich aber permanent die coolen Winterschuhe der Hauptdarstellerin bewundert – auch das kann ein Aspekt eines gelungenen Abends sein harhar. Und wer ist kompetenter als Menschen aus Skandinavien, wenn es um Winterkleidung geht?

Nachdem ich eh auch keine Winterschuhe mehr hatte, habe ich mir vorige Woche meine “norwegischen” bestellt, allerdings in braun, statt in schwarz:

Taking dumb pictures of my feet (c) Lost in Translation

Schaue jetzt noch “wolliger” aus, aber das Outfit macht mir irgendwie gute Laune.

Vor-Weihnachten

Aufgrund des Lesevergnügens am Wochenende habe ich mir heute gleich einen “neuen” Paul Auster Roman 4 3 2 1 aus der Bücherei ausgeborgt, schlappe 1200 Seiten für die Weihnachtsferien dann, harhar.

Sein opus magnum, die great american Novel, eine Geschichte mit vier verschiedenen Perspektiven

Weihnachten und das Jahresende überrollen mich heuer einerseits ein bisschen, weil so viel zu erledigen ist gerade, andererseits war ich irgendwann davor auch mal ganz gut organisiert und habe schon länger alle Geschenke beisammen, auch das andere Weihnachtszeug herausgekramt und freue mich auf eine ruhigere Zeit.

Nachdem ich erfahren habe, dass ich in den Ferien ein paar Tage “alleine” sein werde, hab ich natürlich Kino geplant – es gibt unter anderem ein Schnitzler Special im Metro, eine Kelly Reichard Retrospektive im Stadtkino, die letzten Filmneustarts des Jahres, und dann wie gesagt lesen und natürlich schreiben. Mein Roman ist heuer zwar nicht komplett fertig geworden, aber immerhin die Rohversion mit 81.000 Wörtern und es geht ans Überarbeiten. Und ganz ehrlich gesagt, tut es mir gerade auch gut, mich an ihm festzuhalten und mit dem Text Zeit zu verbringen und mit den Figuren, vor allem mit dieser einen Figur, die dann immer bei mir sein kann. Als schreibender Mensch ist man schon auch ein bisschen gaga, aber auf eine gute Art, sag ich mal, harhar.

Auf Insta habe ich in einem Astro-Reel (apropos gaga) über Fische in meiner Planeten-Konstellation gelesen, meine Begabung: You turn feelings into art. Pain, joy, love, loss. You take what you feel and create something beautiful that helps other people feel less alone.

Ja, das wäre schön.

Nacht des Orakels

Sorry an die Menschen, die hier gerne mehr Buchbesprechungen sehen würden, in letzter Zeit bin ich kaum zum Lesen gekommen, das wird sich wieder ändern. Vor einigen Tagen ist mir jedenfalls, beim Kramen in Erinnerungen (!), der Roman Nacht des Orakels von Paul Auster in die Hände gefallen und nachdem ich überhaupt nicht mehr wusste worum es darin geht, konnte ich nicht widerstehen. Paul Auster hab ich vor 25 Jahren an diversen Stränden gerne gelesen, als mein Leben noch Strandurlaube beinhaltet hat. Es kommt mir fast vor, als würde Sand herausrieseln und das Buch schaut auch irgendwie so aus, harhar.

Nacht des Orakels ist, wenn man so will, ein ziemlich typischer Auster Roman, mit Motiven wie Selbstreferenz, Zufall, Identität, Schreiben und Räume. Ich finde, dieser Roman hat auch etwas Lynch-eskes. Meine mangelnde Erinnerung an die Inhalte mag darin liegen, dass hier so viel passiert. Der eigentliche Protagonist des Romans heißt Sidney Orr, ein Schriftsteller, der mithilfe eines neu gekauften Notizbuches Krankheit und Schreibblockade hinter sich lässt und eine Erzählung verfasst, in der er selbst verschwindet – seine Frau blickt in sein Schreibzimmer und sieht ihn nicht – und in der es wiederum auch um einen Roman geht.

Das heißt, wir sehen Auster zu, wie er seiner Hauptfigur zusieht, die wiederum ihrem Protagonisten über die Schulter blickt. Und weil das anscheinend nicht komplex genug ist, hat Auster noch jede Menge Fußnoten eingebaut, die wieder auf andere Werke referenzieren und diverse Assoziationen auslösen. Ach ja und der wichtigste Nebencharakter im Buch heißt John Trause (A-u-s-t-e-r, Anagramm Alarm!) und ist, wie Auster zum Zeitpunkt des Schreibens, 56 Jahre alt. Trotzdem, und das finde ich spannend, sind Austers Werke nie anstrengende intellektuelle Kopfgeburten, sondern recht leicht lesbar und teilweise richtig gemütlich, wenn wir mit der Hauptfigur in dem Cafe um die Ecke ein Käsesandwich essen oder in einem Schreibwarengeschäft namens Paper Palace (was für ein toller Name!) stöbern.

Der Geschäftsbesitzer sagt: “Alle machen Wörter. Alle schreiben Dinge auf. Kinder in der Schule benutzen meine Bücher. Lehrer schreiben Noten hinein, Liebesbriefe werden in Umschlägen von mir verschickt. (…) Notizbücher für Einkaufslisten, Terminkalender für den Wochenplan” (S. 13) Orr schreibt, wie gesagt, eine Erzählung in sein neues Notizbuch, sein Protagonist lässt versehentlich eine Tür zufallen. Die Tür zu einem unterirdischen Bunker, die nur von außen geöffnet werden kann. Dort sitzt seine Romanfigur dann fest und wartet darauf, dass der einzige Mensch, der diese Tür öffnen kann, wieder zurückkommt ohne zu wissen, dass dieser gerade überirdisch verstorben ist. Wie Auster das beschreibt, gibt einem einen Eindruck davon, selbst irgendwo eingeschlossen zu sein und keine Luft zu bekommen, zumindest habe ich mich kurz so gefühlt.

Und wie löst Orr diese missliche Lage auf? Nun, Spoiler, gar nicht. Er gibt zu, dass er sich als Autor in eine Sackgasse geschrieben hat, die er nur auf banale oder komplett uninteressante Weise wieder entwirren könnte. Also zerreißt er sein Notizbuch, und macht die Geschichte im wahrsten Sinn des Wortes ungeschehen. Oder geht das etwa nicht? Hängt er selbst schon zu tief mit drinnen? Am besten selbst nachlesen, harhar.

Buch Wien, zwei

Apropos willkürlicher Ausschnitt der Leseproben. Also genau genommen war ich in erster Linie auf der Buch Wien, weil ich einmal Doris Knecht hören wollte, deren letzte beide Bücher mich wirklich sehr begeistert haben. Das allerletzte heißt Ja, Nein, Vielleicht und dreht sich um das Leben einer Frau von Mitte 50, Single, deren Kinder kürzlich ausgezogen sind und die mit ihrem Leben gerade sehr zufrieden ist und sich nun mit der Frage konfrontiert sieht, will sie jetzt – nach einigen Enttäuschungen – noch einmal so etwas wie eine feste Beziehung.

Ich mochte sehr vieles an diesem Buch, auch die Art und Weise wie Doris Knecht ihre Figur zwar “diese Sache” für sich entscheiden lässt, aber diese Entscheidung nicht als Ultima ratio betrachtet. Und ich fand den Ton, mit einer gewissen ironischen (aber nie zynischen oder bitteren) Note super. Knecht sagte gestern auf der Messe, sie habe bewusst einen Ton gewählt, der dem ihren Kolumen nicht ganz unähnlich ist. Überraschend war, dass, als sie dann aus dem Buch vorgelesen hatte, dieser Ton gar nicht so richtig getroffen wurde. Zumindest nicht so, wie ich es in meinem Kopf hatte.

Doris Knecht auf der ORF Bühne

Und ja apropos Leseprobe. Knecht hat sich als erstes für eine Passage entschieden, in der sie über einen Zahnarztbesuch schreibt und es war echt lustig zu beobachten, dass an dieser Stelle wirklich viele Leute aufgestanden und gegangen sind, harhar. Würde ich den Roman nicht kennen, würde ich mir auch denken, naja, ob ich das lesen will. Also war vielleicht nicht die allerbeste Stelle, aber wie gesagt, sonst ist das Buch sehr super.

Letztendlich sah ich noch Florian Illies, der sein neues Buch Wenn die Sonne untergeht über einen Sommer der Familie Mann in Sanary vorstellte. Sanary war eigentlich ein Urlaubsort, wo aber während des Aufenthalts klar wurde: die Manns können in diesem Jahr 1933 kaum mehr zurück nach Deutschland. Es war so interessant, was Illies über die Familie Mann mit ihren zahlreichen Dysfunktionalitäten, wie sie ja eh jede Familie auch hat, erzählte. Nachdem alle irgendwie (auch immer sich gegenseitig be-) schrieben, und man von Katia Mann (der Ehefrau von Thomas) aber nur quasi über die Texte der anderen hörte, wurde sie einmal gefragt, ob sie nicht auch ihre Sicht darstellen wolle und sie antwortete darauf: “Es muss in dieser Familie auch jemanden geben, der nicht schreibt.” Harhar, super Antwort.

Illies meinte, ihn interessiert die Gleichzeitigkeit, das normale Leben, das einerseits geführt wird oder geführt werden muss, während einem die eigene Vergangenheit und Heimat zu entgleiten droht.

Ein paar Worte noch generell zur Buch Wien: Ja, ich weiß auch nicht wie ich es mir vorgestellt habe, aber irgendwie haben mich viele der Stände ein bisschen enttäuscht. Die Auswahl an Büchern war jetzt nicht soo extrem groß, in Anbetracht dessen, dass ich schon auch mal eine Stunde in einer herkömmlichen Buchhandlung verbringen kann. Aber vielleicht kann eine Buchmesse eben auch nicht mehr leisten. Insofern ja, die “Events” interessant, der Rest eher mau. Den herkömmlichen Ticketpreis von 21 Euro (ohne Ermäßigung) finde ich schon eher hoch. Dafür gabs auch zu wenig “Giveaways” oder sonstige kleine Dinge, die man mit nachhause nehmen kann.

Ich bin trotzdem froh, dass ich es mir einmal angesehen habe.

Buch Wien, eins

Heute war ich also auf der Buch Wien (unbezahlte Werbung)

Mit Falter Abo kostet das 17 Euro für einen Tag. Hat es sich gelohnt? Ich würde sagen naja. Harhar. Hear me out.

Das Gelände der Buch Wien von außen

Ich habe vier teilweise sehr spannende Lesungen bzw. Gespräche verfolgt. Zuerst hörte ich eine wirklich interessante Runde zum Thema Maschinenräume – Hinter den Kulissen der Ringstraße. Es ging, wie der Name schon sagt, darum, was sich hinter den prächtigen Fassaden der Bauten an der Ringstraße verbirgt, nämlich viele technische Innovationen. Und wie sehr ein Gebäude eben nicht nur durch das geprägt ist, was von außen zu sehen ist, Stichwort Entkernung (ich musste an jemand denken, ach ihr wisst es eh). Spannend fand ich auch, dass Andreas Nierhaus meinte, das Buchprojekt habe ihm deshalb besonders gefallen, weil es quasi vom fotografischen Standpunkt ausging und nicht von technischen oder architektonischen Überlegungen.

Danach habe ich ein paar Fetzen von Oliver Nachtweys Präsentation seines Buches Zerstörungslust mitbekommen, wirklich gegen meine Absicht, ich wollte nämlich Politik in diesem Szenario vermeiden. Ich musste dann schnell weitergehen, bevor ich dem Drang, etwas zur Bühne hinauf zu schreien, nachgeben hätte müssen. Noch funktioniert die Impulskontrolle, harhar. Ich finde halt, dass man als Soziologe mit einem wissenschaftlichen Anspruch nicht Sachverhalte so stark verkürzt bringen sollte, dass man den Eindruck gewinnen könnte, hier wird eher eine Agenda verfolgt. Vor zwei Tagen erst ist btw der BBC Chef zurückgetreten.

Anschließend habe ich mich bei der Ö1 Bühne erholt, wo Antonia Löffler ihr Buch Hydra vorstellte. Wobei “erholt” ist gut, das Buch beginnt gleich mal mit einem Flugzeugabsturz und wer mich kennt weiß, das liebe ich ganz besonders. Diesen Absturz versäumt die Protagonistin im wahrsten Sinn des Wortes allerdings und wenn man so “Final Destination”-like damit konfrontiert wird, eine zweite Chance bekommen zu haben, dann beginnt man mitunter nachzudenken, über das eigene Leben und wo man steht, sowie, in diesem Fall, über die Familiengeschichte. Das klang recht interessant, die Leseprobe hat mich nicht komplett abgeholt, aber es ist eben doch ein willkürlicher Ausschnitt.

Hier wird für das Germanistikstudium geworben – der Andrang ist riesig harhar

Und lesen Sie in Kürze: Über Florian Ilies und sein Buch über die Familie Mann, sowie Doris Knecht Ja, Nein, Vielleicht und mein generelles Fazit über die Buch Wien. Es lohnt sich! Harhar.

Über Charaktere

Man kann Charaktere in Erzählungen und Romanen sehr konventionell beschreiben, über äußere Merkmale wie Körpergröße oder Haarfarbe oder auch über Charaktereigenschaften wie Großzügigkeit oder Arroganz. Aber das ist halt auch wenig originell und lässt die Person, die man beschreiben will, jetzt nicht unbedingt sehr plastisch erscheinen, wenn man nur so Gemeinplätze widergibt. Besser ist es, hier möglichst detailliert zu werden, weil man da so viel mehr transportieren kann.

Letztens hat mir zum Beispiel jemand erzählt, dass bei einem Treffen die Stimmung sofort in den Keller ging, als eine gewisse Person auftauchte und da dachte ich mir, das wäre doch auch eine schöne Beschreibung. Jemand hat das Talent, und es ist eines, die ganze Luft aus einer Feier herauszulassen, die ganze Energie zu ziehen. Die Begabung, einen Satz zu sagen, mit dem sich jeder im Raum sofort unwohl fühlt.

Schön kann man es auch über Essgewohnheiten machen. Einen Menschen zu beschreiben, der, wenn er sein Schnitzel serviert bekommt, nicht gleich anfängt zu essen, wie wohl die meisten. Sondern, der das Schnitzel zuerst mal klein schneidet und ausgiebig salzt und dabei lustige Sachen erzählt. Ich kannte so jemanden. Oder mein Opa, der immer zuerst die ganze Suppe gegessen und sich die Suppeneinlage, Nudeln, Frittaten oder Backerbsen, aufgehoben hat. Sogar angeboten hat, mir diese Einlagen zu schenken. Das habe ich immer abgelehnt, weil ich dachte, da isst er nur die bloße Suppe und dann hat am Ende nichts davon. Es gibt auch Menschen, die in Lokalen den Tisch immer auf ihren Vornamen reservieren, als hätten sie gar keinen Nachnamen.

Jeder Mensch hat so viele kleine Eigenheiten, die ihn irgendwie liebenswert oder besonders machen. Ein Mensch, der auf seiner Musik Playliste, jeden Song etwa 15 Sekunden spielt und dann zum nächsten skippt. Ein Mensch, der unliebsame Leute in seiner Umgebung mit verschiedenen Schimpfwörtern (“Der Trottel”, “Der Arsch”) bezeichnet. So viel zum Thema liebeswert harhar. Ein Mensch, der dauernd einen Spruch zur jeweiligen Situation hat wie “Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt” oder “Durch Arbeit ist noch niemand reich geworden.” Und schließlich ein Mensch, der gerne zur U-Bahn gelaufen ist, die Stiegen oder die Rolltreppe hinunter, egal ob die Ubahn schon da war oder nicht. Schön.

Das war nur ein kleines Brainstorming meinerseits. Folgt mir für weitere Profi-Schreib-Tipps harhar.