almis personal blog

Sunday

Heute war der Tag, an dem ich die Liegestuhl-Saison eröffnet habe. Natürlich noch mit Legging und Weste, zeitweise auch noch mit Jacke darüber, sah sicher sehr belämmert aus, aber egal.

Blick in die noch sehr kahle Landschaft harhar.

Bald werde ich 50 und es ist wohl Zeit, einen Baum zu pflanzen. Voriges Jahr ist ja der Marillenbaum eingegangen und musste gefällt werden. Zuerst dachte ich, ich würde ihn nicht ersetzen wollen. Aber manchmal dauert es eine Weile bis man merkt, dass etwas fehlt. Keine Ahung, *wie* man einen Baum pflanzt und worauf man da achten muss – der alte Baum wurde eingesetzt, als ich so sieben Jahre alt war, ich sah damals mit meiner Volksschulfreundin zu – und wie lange es dauert, bis man dann wirklich einen Schatten hat. Bis zur Pension geht es sich vielleicht aus, harhar. Ich denke darüber nach.

Ach ja und das Buch Vladimir habe ich vor einigen Jahren schon mal gelesen, konnte mich aber null an den Inhalt erinnern (meine geheime Superkraft, ich vergesse die Handlung von manchen Büchern sofort wieder). Basically geht es um eine Literaturprofessorin, die eine gewisse Besessenheit für einen “jungen” Kollegen, naja, eh auch schon 40, harhar, entwicklt. Läuft jetzt als Serie auf Netflix und ich überlege, eine Kolumne über die Serie zu schreiben, die ich dafür aber erst anschauen muss. Das Buch habe ich jedenfalls heute fertiggelesen und ich fand es ur toll.

Am Abend noch etwas über das schwedische Melodifestivalen gelesen, das gestern ihren ESC Act gekürt hat und bitte die ORF Redakteurin, die auf das italienische Musikfestival referenziert hat, schreibt jetzt 50 Mal zu ewigen Erinnerung: “San Remo ist kein ESC Vorentscheid.” Okay? Harhar.

So genug Klugscheißerei. Noch ein Filmpodcast und Gedanken an jemand, von dem ich sofort wusste, dass er fehlen wird. Trotzdem sind es schöne Gedanken.

Balagan

So, endlich habe ich das neue Buch von Mirna Funk gelesen, der ich schon ewig auf Social Media folge. Ich mag sie sehr, weil sie so offen über alles schreibt (Sex Kolumne in der Cosmopolitan harhar) weil sie Ideologien hinterfragt, gleichzeitig immer aber auch sich selbst. Sie bietet auch Seminare für (angehende) Autorinnen an, für mich ziemlich interessant und überlegenswert. Früher lebte Funk mit ihrer Tochter fix in Berlin, nach dem 7. Oktober 2023 hat sie ihre Alija gemacht und hat ihren Hauptwohnsitz nun in Tel Aviv. Es ist keine leichte Zeit im Moment, davon berichtet auch ihr neuer Roman Balagan.

In Balagan (bedeutet so etwas wie Chaos) erzählt Funk über Amira, eine junge jüdische Journalistin aus Berlin, deren Großvater stirbt und ihr seine extrem wertvolle Bildersammlung vererbt. Amira muss sich im Zuge dessen nicht nur von der (missgünstigen) Familie abgrenzen, sie muss auch Nachforschungen über die Provenienz der Werke anstellen und sich nach den Ereignissen des Jahres 2023 fragen, was sie noch in Berlin hält…

Klingt natürlich alles (auch) ein bisschen autobiografisch und das ist gut so. Funk illustriert den Druck, dem sie als Jüdin in Deutschland durch die jüngsten Ereignisse ausgesetzt ist ziemlich nachvollziehbar. Der Roman erzählt dann auch viel über jüdische Familienkonstellationen und Gebräuche und ich mag das sehr gern. Mich hat das immer schon total interessiert, deswegen ich (hab ich eh schon hundertmal erzählt) auf der Uni das Wahlfach Jiddisch für Anfänger belegte. Ich dachte, wir würden ein bisschen Tante Jolesch mäßig plaudern, dabei mussten wir das hebräische Alphabet lernen und Sachen übersetzen. Es war ur schwer! Harhar.

Wie auch immer, Balagan hat mich von der ersten Szene an gepackt, als die Familie am Seder, dem Beginn des Pessach-Festes zusammensitzt und isst, und dabei die Dynamiken zwischen den einzelenen Personen und auch Ressentiments sofort richtig spürbar werden. Das sind für mich auch die stärksten Passagen des Buches, wenn Funk jüdische Feste portraitiert, Rituale nachvollziehbar macht und Lebensanschauungen einfließen lässt, kurzum den “Vibe” wiedergibt, der in so einer Familie herrscht. Sehr mochte ich auch die Beschreibung von Tel Aviv und das Lebensgefühl dort.

Ein bisschen weniger hat mir die Sprache in den Dialogen gefallen, weil es klingt alles vom Sprachduktus her recht ähnlich. Aber vielleicht sprechen ja wirklich alle 30 jährigen so miteinander. Es wird auch viel so “nebenbei” gekokst, was mir immer den Eindruck vermittelt, gerade in einer Welt zu sein, die ich überhaupt nicht verstehe. Ok ja, beim Film The Moment letzte Woche war auch viel von Koks die Rede, aber bei einem globalen Musikstar habe ich ja sowieso nicht das Gefühl, an deren Welt irgendwie anknüpfen zu können.

Generell ist Balagan aber eine inspirierende Lektüre, voller Kraft, Kampfgeist und schonungsloser Selbstbeobachtung: “Tief im Inneren wollte sie einfach nur ein guter Mensch sein. Wie die meisten von uns. Ohne allerdings zu verstehen, dass zum Gut sein zuallererst gehörte, anzuerkennen, wie böse man war.”1


  1. Mirna Funk: Balagan, Seite173 ↩︎

Die Nachricht

Das Kind musste in Deutsch ein Referat über ein aktuelles Buch halten, es gab eine Auswahlliste und ich habe ihm zu Doris Knechts Roman Die Nachricht geraten.

Den Roman habe ich selbst 2021, gleich als er erschienen ist, gelesen, es war Sommer. Ich war sehr glücklich in diesem Sommer, das weiß ich noch. Und ich habe das Referat jetzt zum Anlass genommen, einen Re-read zu machen, weil ich dann gern mit meinem Kind darüber spreche.

Ich werde nicht spoilern, es geht in dem Roman um Ruth, eine Frau um die 50, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes ihr Leben neu sortieren muss. Nachdem sie sich nach drei Jahren und auch recht schonungsloser Selbstreflexion wieder etwas gefangen hat, beginnen anonyme Nachrichten ihre Mailbox und die ihres Umfeld zu fluten. Jemand äußert sich da sehr despektierlich über Ruth und schreibt über Geheimnisse innerhalb ihrer Ehe, die eigentlich niemand wissen sollte

Das ist alles ein bisschen untypisch für Doris Knecht, also einen Roman vor allem auf Spannung aufzubauen. Sie ist mehr so die Chronistin des Alltagsleben, die feine Analytikerin von Charakteren. Aber hier kann man tatsächlich als Leserin mitfiebern: Wer ist der Verfasser dieser Nachrichten? Welche Beweise gibt es? Wann macht jemand einen Fehler? Knecht macht das nicht schlecht, das Buch ist auch deshalb ein richtiger “Pageturner”, denn mittlerweile hatte ich nämlich schon wieder vergessen gehabt, wer dann letztendlich der Täter war *hüstel*

Knecht beobachtet sehr genau, was Ruths Freundeskreis angeht: wer verhält sich wie, wer hat welche Meinung, wer rät wozu? Solche krisenhaften Ereignisse sind ja immer ganz gute Gradmesser dafür, wie es so bestellt ist, mit den Freunden im eigenen Leben. Und da geht es nicht darum, dass alle der gleichen Ansicht sein und zu den ähnlichen Schlüssen kommen müssen, gar nicht (finde ich). Aber man kann schon sehr gut erkennen, wer tiefer blickt, wer mehr Sinn für Differenzierung hat und wer letztendlich auch dran bleibt, wenn es mühsam wird. Es ist zwar irrsinnig platt, wenn man sagt, seine richtigen Freunde erkennt man, wenn es einem schlecht geht, es ist aber auch zutreffend.

Obwohl der Roman sehr leicht lesbar ist, also sehr im hier und jetzt erzählt, gibt es immer wieder total poetische Betrachtungen, in einem ganzen Kapitel zählt Knecht auf, was ihren Mann ausgemacht hat und da sind so viele kleine Details enthalten, wie ich das auch immer zu handhaben versuche. Weil dadurch lernt man einen Protagonisten wirklich “kennen.” Einmal überlegt sie aus einer Art Selbstschutz einen Hund zu kaufen: “Manchmal fiel mir dann ein, dass ich nie so jemand sein wollte, an den man nicht rankam, jemand, der nur bestimmte Leute an sich ranließ, aber jetzt war ich es vielleicht. Oder auch nicht. Oder eben manchmal”1

Die Nachricht ist quasi schon die Hinführung zu der Doris Knecht, die sich vor allem in der Autofiktion (a la Annie Ernaux) übt. Ihre letzten beiden Bücher waren meines Erachtens nämlich genau das. Was mir persönlich auch am besten gefällt, weil man da das Gefühl kriegt, da geht es um was, da schreibt sie aus ihrer Seele heraus. Genau solche Bücher möchte ich lesen – und schreibe ich auch, harhar.


  1. Doris Knecht: Die Nachricht, Seite 19. ↩︎

Der Fremde

Nachdem ich die Verfilmung von Der Fremde – nach einem Roman von Albert Camus – durch Francois Ozon gesehen habe, habe ich auch gleich noch das Buch gelesen. Es ist ein recht schmaler Band, der in Frankreich offenbar Schullektüre ist. Und es ist tatsächlich erstaunlich, in welcher “einfachen”, aber sehr poetischen Sprache hier erzählt wird, wo das Werk doch als eines der Hauptwerke des Existentialismus gilt und sich jeder denkt: Oh Camus, sicher komplett unverständlich. Was ich mich persönlich beim Lesen (und schon während des Filmes) wirklich unironisch gefragt habe: Ist das noch Existentialis- oder doch schon Autismus?

Es geht in Der Fremde um den jungen Mann Mersault – ein Vorname wird nie genannt – der in den 1930er Jahren in Algier lebt. Gerade ist seine Mutter gestorben und er muss zu ihrem Begräbnis. Dabei bleibt er allerdings weitgehend emotionslos. Es wäre ihm irgendwie schon lieber, sie würde noch leben, so reflektiert er einmal, aber Trauer verspürt er auch nicht. Was sich auch im vielleicht wichtigsten (ersten) Satz des Romanes manifestiert: “Heute ist meine Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.”

AB HIER DETAILS ZUM ROMAN

Mersault weiß vieles nicht, obwohl er keineswegs dumm ist. Er ist ein genauer Beobachter, er reflektiert dauernd,, aber als Leser hat man das Gefühl, er kommt zu keinen Ergebnissen, bleibt merkwürdig indifferent. So beginnt er am Tag nach dem Begräbnis ein Verhältnis mit der ihm schon flüchtig bekannten Marie. Als sie einige Zeit später fragt, ob er sie liebe, sagt er so was ähnliches wie: Das hat keine Bedeutung. Kaum eine Bedeutung hat auch, was zum zweitwichtigsten Satz des Romanes führt, nämlich sein Mord oder eher Totschlag eines Arabers: “Ich habe einen Araber getötet” Daraus haben The Cure übrigens einen Song Killing an Arab gemacht, der auch im Abspann des Ozon Films läuft.

Obwohl es sich bei besagtem Arbaber um einen Widersacher von Mersaults Nachbarn Raymond handelt, gibt es für den Mord keinen “Grund” – also es gibt sowieso nie eine Rechtferigung dafür, aber hier gibt es nicht mal einen besonderen Auslöser, wie zum Beispiel ein Affektzustand. Selbst der direkt betroffene Raymond geht einer Auseinandersetzung aus dem Weg. Im Prinzip hat Mersault nur die Sonne am Strand geblendet, als er diese Tat begeht. Der zweite Teil des Romans handelt vom Prozess gegen Mersault. Und obwohl Franzosen in Algier dieser Zeit bei einem Gerichtsprozess die ungleich besseren Karten hätten, scheint Mersault hier seine komplette Gleichgültigkeit auf den Kopf zu fallen. Aber auch das lässt ihn, man ahnt es, relativ kalt. Er bringt nicht einmal genug Energie auf, um eine kohärente Verteidigungslinie zu entwerfen.

Mein drittliebster Satz des Romans ist übrigens: “Mama sagte oft, dass man nie ganz und gar unglücklich sei.” Das hat irgendwie so etwas tröstliches, lebensbejahendes. Damit kann ich sehr viel anfangen, weil das Leben einfach schön ist, trotz allem, auch wenn es einem schlecht geht. Interessant ist, dass Mersault, der ja sowas wie Glück gar nicht zulässt, diesen Satz seiner Mutter so herausstreicht.

Die Ozon Verfilmung ist sehr werkgetreu und hat mir gut gefallen, wobei der Gerichtsprozess etwas fader in Szene gesetzt wird als im Buch. Der Fremde wurde schon zuvor verfilmt, ich hätte auch gerne vorige Woche die Visconti Verfilmung (Lo Straniero) mit Marcello Mastroianni im Filmmuseum gesehen, aber sie war tatsächlich ausverkauft. Allerdings, wie Pia Reiser in Podcast meinte, Visconti wollte damals eigentlich Alain Delon für die Rolle, weil der so aalglatt wirkt und man ihn bewundert, aber nicht mit ihm mitfühlt. Während Mastroianni, der die Rolle letztendlich spielte, eher fehl am Platz ist, weil er so ein warmer, herzlicher Typ ist, wenn natürlich auch sehr fesch (so Pia Reiser). Harhar, das stimmt, ich mag ihn auch sehr gern, muss aber zustimmen, so teilnahmslos wie Delon kann er nie wirken.

Pressevorstellung

Heute echt schlecht geschlafen, trotzdem musste ich um halb sieben aufstehen, weil um 9 Uhr eine Pressevorstellung im Apollo angesagt war. Und zwar von Wuthering Heights, einen Film, auf den ich mich seit dem Tag freue, an dem ich von seiner Existenz erfahren habe, und das Buch, wie hier berichtet, habe ich auch vor drei Tagen fertig gelesen.

Das Apollokino, schon ganz im Zeichen von Wuthering Heights

Habe mich dann zur U6 geschleppt und dann vom Westbahnhof direkt zum Apollokino, das waren schon so um die 6.000 Schritte, nachher war ich halbwegs munter harhar. Dieses Mal hatte die Pressevorstellung wieder mal etwas von einer UN Sicherheitskonferenz. Das heißt: Unterschreiben, dass man bis Montag nichts über den Film sagt (also sorry gleichmal), keine Rezension veröffentlicht, und so weiter. Dann wurden die Taschen inspiziert, ich so: Ja Sie können gern reinschauen, aber da ist derart viel Klumpert drinnen, ich weiß nicht, ob sie da was sehen harhar. Außerdem mussten wir alle unsere Handys abgeben – das war früher in den PVs öfter so, jetzt aber schon ewig nicht mehr. Und bewacht wurden wir während des Films auch. Spannend! Es war auch das Who is Who der österreichischen FilmkritikerInnen anwesend — und ich harhar.

Also wie gesagt, ich würde ja echt gern etwas zum Film sagen, aber ich darf nicht. Dafür darf ich kurz – für all jene, die das Buch nicht kennen bzw. es nicht lesen wollen – den Plot umreißen. Wer davon nichts wissen will, liest bitte nicht weiter.

Wuthering Heights wurde 1847 veröffentlicht und gilt als Klassiker der englischen Literatur. Die Familie Earnshaw, Besitzer des Gutes Wuthering Heights, das im Hochmoor von Yorkshire liegt, nimmt ein Pflegekind auf, das der Vater in den Straßen Liverpools aufliest und mit seinen eigenen Kindern Hindley und Catherine aufzieht. Sie nennen den Sechsjährigen Heathcliff und es besteht sofort eine enge Beziehung zwischen ihm und Catherine, etwas wie eine kindliche Liebe. Sie sagt: “Whatever our souls are made of, his and mine are the same”. Ist jetzt vielleicht auch nicht immer ganz ideal (Anmerkung von mir, harhar).

Als der Vater stirbt, verbannt Hindley Heathcliff zum Gesinde. Hindleys Alkoholismus und seine Spielsucht stürzt die Familie später in Schulden, als Edgard Linton, Besitzer des nahegelegenen Herrenhauses Thrushcross Grange, Catherine einen Heiratsantrag macht. Catherine nimmt diesen trotz der Gefühle für Heathcliff an, in der Hoffnung, ihm damit ein sichereres Leben bieten zu können und auch, ganz ehrlich, weil ihr der Lifestyle gefällt. Heathcliff verlässt tief verletzt Wuthering Heights und kommt Jahre später als “gemachter” Mann zurück. Danach regiert Chaos, Leidenschaft, Zerstörung und Elend. Und Leidenschaft, sagte ich das schon?

Es ist durchaus lesenswert, aber auch ein bisschen gaga harhar. Ist der Film auch so oder ganz anders und ist er sehenswert? Das verrate ich nächste Woche.

In der Bücherei

Ich hatte vor, in den “Ferien” irgendwann mal ein bisschen auswärts zu schreiben und bin daher heute erstmal essen gegangen, harhar, unbezahlte Werbung. Ich mein, man muss sich auch stärken.

Kottbullar Menü mit Mandeltorte

Ich habe ja mal vor zwei Jahren probiert, in der Nationalbibliothek zu schreiben, aber das hat nicht so ideal funktioniert, warum weiß ich nicht, als Studentin war ich öfters dort. Heute habe ich die Hauptbücherei am Urban Loritz Platz ausprobiert und war der Meinung, dass es dort kaum funktionieren wird, obwohl es recht viele Schreibplätze gibt – die heute auch fast alles belegt waren. Aber siehe da, es war ur super.

Man kann ganz vorne bei der Glasfront sitzen, mit Blick aufs komplett nebelige und diesige Wien und die U6, die direkt unterhalb durchfährt.

Es ist total ruhig, die Leute lesen oder arbeiten am Laptop, es wird nur geflüstert, es herrscht eine total entspannte und trotzdem irgendwie produktive und anregende Stimmung. Und ich mochte das total.

Leider macht die Bücherei ja immer erst um 11 Uhr auf, also “Morgenseiten” werden da keine produzieren können, aber ich könnte meinem Nachmittagstief bei meiner Lohnarbeit vielleicht hierher entfliehen.

Ein paar Bücher hab ich mir dann natürlich auch noch mitgenommen, unter anderem Bekenntnisse eines jungen Schriftstellers von Umberto Eco. Weil mir der Anfang schon so gut gefällt, wo er schreibt, wieso er sich mit (damals) bald 80 als jungen Schriftsteller sieht. Weil er seinen ersten Roman Der Name der Rose erst 28 Jahre zuvor publiziert hatte. “Daher betrachte ich mich als noch ziemlich jungen und vielversprechenden Romancier”, harhar.

In diesem Sinne.

Sonntag

“Ich habe gedacht, dass Sonntag war, und das hat mich angeödet. Ich mag den Sonntag nicht.”1 Das stellt Meursault, die vornamenlose Hauptfigur in Albert Camus Roman Der Fremde fest.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen manchmal, auch mir. Nachdem ich einige Jahre lang die allerschönsten Sonntage erlebte habe und sie dann endeten, habe ich mich viele Wochen am Sonntag verkrochen und vor allem versteckt. Mittlerweile gehe ich wieder hinaus. Vor allem heute, nachdem das Kind gestern weggefahren ist – erster Urlaub “alleine”.

Natürlich war ich irgendwie müde oder eher träge und musste mich überwinden, aber dann bin ich doch auf die Mariahilferstraße gefahren und war mittagessen.

Zu diesem Essen gibt es eine umständliche traurige Geschichte, ich sage nur plant based chicken (versehentlich) harhar.

“Etwas später habe ich, um irgendetwas zu tun, eine alte Zeitung genommen und habe sie gelesen. […] Der Nachmittag war schön. […] Ich habe gedacht, dass sie (die Menschen auf der Straße , Anm.) in die Kinos im Zentrum gingen. Deshalb machten sie sich so früh auf den Weg und eilten unter lautem Lachen zur Straßenbahn. Nach ihnen wurde die Straße allmählich leer. Die Vorstellungen hatten überall angefangen, glaube ich.”2

So auch meine, harhar. Ich habe Die Jüngste Tochter im Filmhaus gesehen. Der Saal ist mir schon sehr vertraut und gemütlich. Ich fühle mich wohl dort.

Spiegelungen im Filmhaus

Danach bin ich den Spittelberg hinunter gegangen

Ganz eigene Sonntag, 1. Februar Stimmung

“Der Tag hat sich noch etwas verändert. Über den Dächern ist der Himmel rötlich geworden, und mit dem einbrechenden Abend haben sich die Straßen belebt. Die Spaziergänger kamen nach und nach zurück. […] Die Straßenlampen sind dann plötzlich angegangen und haben die ersten Sterne, die in der Nacht aufstiegen, verblassen lassen.”3

Ich habe mit dem Kind geschrieben, Fotos bekommen und noch ein bisschen gearbeitet, an meinem Roman weitergelesen.

“Wenig später, als die Straßenbahnen seltener wurden und die Nacht über den Bäumen und Lampen schon schwarz war, hat sich das Viertel umerklich geleert, bis die erste Katze langsam die wieder ausgestorbene Straße überquerte”.4

Ich habe daran gedacht, Texte, Betrachtungen, Gedanken über den Sonntag zu sammeln. Das Phänomen “Sonntag” erscheint mir als erforschenswertes und es inspiriert mich irgendwie. Und nun beschließe ich das Wochenende mit Gedanken an die allerschönsten Wochenenden und diesen Menschen.


  1. Albert Camus: Der Fremde, Seite 29 ↩︎
  2. Seite 31 ↩︎
  3. Seite 32 ↩︎
  4. Seite 33 ↩︎

Wuthering Heights (vorher)

Nächste Woche werde ich die Pressevorführung von Wuthering Heights (Sturmhöhe) besuchen und so bereite ich mich in meiner Garten-Leseecke darauf vor:

Das ist Einsatz, oder? Ein paar Worte zum jetzigen Zeitpunkt:

Ich bin ein großer Fan der Regisseurin Emerald Fennell, die als Kind gesagt haben soll, sie wolle einmal Schauspielerin werden und über Liebe und “Murder” schreiben, was sie ja eindrucksvoll geschafft hat. Ich habe alle ihre (bisher zwei harhar) Filme gesehen und ich fand speziell Saltburn toll, toll, toll. Ein bestechendes und überborderndes Setdesign, wahnsinnige Stimmungsbilder, und generell auch komplett Bonkers vom Plot her, aber extrem unterhaltsam. Wenn es gut gemacht ist und nix anderes sein will als es ist, finde sowas super. Auch Pia Reiser vom fm4 Filmpodcast liebt das – wir haben generell einen recht ähnlichen Geschmack – und sie sagte zwei Dinge über Fennell, 1. dass sie immer sehr genau auswählt, welchen Font sie für ihr Titeldesign verwendet, Zitat Reiser: “Sie nimmt nicht einfach das, was im Word als erstes auftaucht” harhar und 2. “Fennell spricht Pop.” Genauso ist es.

Deshalb wird das Werk von Emily Brontë natürlich niemals eine klassisch-betuliche Literaturverfilmung werden, ich mein, es ist denkunmöglich. Deshalb wird beim Trailer zu Wuthering Heights natürlich viel kritisiert, weil man kann das alles auch sehr leidenschaftlich hassen, verstehe ich auch vollkommen. Wir haben zwei schöne Menschen (Margot Robbie, Jacob Elordi), die natürlich auch zu alt für ihre Rollen sind, da hätte man fast Teenager gebraucht und Robbie ist auch nicht so schlank wie normalerweise, weil sie direkt davor ein Kind (in echt) bekommen haben. Beide sprechen ein schönes Englisch, die Bilder sind wieder überwältigend, die Musik kommt von Charli xcx, einer sehr heutigen Musikerin – ich kannte sie bis dato nicht, ich bin auch zu alt dafür1, harhar.

Wuthering Heights wird im Trailer als “die größte Liebesgeschichte ever” transportiert, was irgendwie total zutreffend sein kann oder auch ganz im Gegenteil – je nachdem wie viel Toxizität und Zerstörungskraft man Liebesgeschichten zubilligt, die man als “echt” bezeichnen möchte. Es gibt ja auch Menschen, die “echte Liebe” nur dann verorten, wenn sie letztlich unerfüllt bleibt oder wenn sie mit ganz viel Kampf und Trauer, Sehnsucht und Verzicht konnotiert wird.

Wuthering Heights als Buch ist natürlich ein Klassiker der englischen Literatur, auch das einzige Buch von Emily Brontë, aber – so viel kann ich jetzt schon sagen – es ist auch in sich recht gaga. Ja, man kann es psychologisch durchdrungen nennen, ein Charakter- und Persönlichkeitsportrait, es hat aber erzähltechnisch auch ein bisschen was von Reich und Schön (sorry), also warum dann nicht einen absolut überkandidelten Film daraus machen? Das mal als erster Stimmungsbericht, ich werde dann zu Buch und Film noch mehr sagen, sobald ich beides fertiggelesen bzw. gesehen habe.


  1. Habe mein Kind dazu gefragt, er hat einen Song von ihr auf seiner Playliste ↩︎

Die Vegetarierin

Die Vegetarierin ist Han Kangs sicher bekanntestes, vielleicht, so sagen es viele Rezensionen, auch verstörendstes Werk. Es ist 2007 erschienen, richtig berühmt geworden allerdings durch die englische Übersetzung, da wurde es auch mit dem Man Booker International Preis ausgezeichnet. Vor zehn Jahren wurde das Buch ins Deutsche übersetzt.

Für mich selbst ist auch um einiges grotesker und weniger zugänglich als Deine Kalten Hände. Dabei aber auch erstaunlich leicht lesbar, weil ganz unprätentiös. Auch hier geht es wieder extrem um Körper, Körperverwandlung (weshalb in den Reviews immer wieder auch auf Kafka verwiesen wird), Körpertransformation. Und doch ist das, was sich körperlich tut, natürlich immer ein Ausdruck eines inneren Kampfes oder einer Entwicklung.

Die Protagonistin, eine junge Koreanerin, beschließt eines Tages nach einem Traum Vegetarierin zu werden. Genau genommen ist sie aber sogar Veganerin, denn sie boykottiert jegliche tierische Produkte. Und wenn man es noch weitertreibt (und das tut sie dann) verweigert sie in letzter Konsequenz die Nahrung komplett. Sie will zu einem Teil der Natur selbst werden, eine Art Pflanze. Klingt schon ziemlich schräg, oder?

Ich finde sehr interessant, dass die Vegetarierin selbst keine Stimme im Roman hat. Außer in einigen kurzen Schilderungen ihrer Träume wird nämlich nur über sie erzählt. Im ersten Kapitel von ihrem Mann, der sie als komplett unscheinbar und im Grunde uninteressant beschreibt: “Ich fühlte mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.”1 Im zweiten Kapitel erzählt der Schwager, ein Künstler, wie auch schon die Hauptfigur in Deine kalten Hände, der sie ganz anders wahrnimmt; der ihren Körper zwar nicht eingipst, aber mit Blumen bemalt und eine sinnlich-obsessive Videodokumentation macht, die sein Hauptwerk sein soll. “Er hatte lange nach der Antwort gesucht. Sich immer wieder gefragt, wie er auf diese Phantasie gekommen war. […] Alle Ausstellungen, Aufführungen, Filme erschienen ihm nichtssagend, weil sie nicht seiner Vision entsprachen.”2 Im dritten Teil spricht die Schwester, versucht sie zu erfassen oder zumindest zu verstehen – und sich gleich selbst mitanalysiert.

Es geht in Die Vegetarierin um rigide Familienverhältnisse, um Frauen versus Männer, darum, dass Menschen sich mitunter komplett verständnislos gegenüberstehen, weil es ihnen zu mühsam ist, Menschen in allen ihren Ambivalenzen und Widersprüchen anzunehmen. Es geht um Themen wie den Sinn des Lebens und Selbstbestimmung, auch was Leben und Sterben betrifft. Die Schwester der Vegetariern sagt einmal zu ihr: “Wir sind so, weil wir Angst haben, dass du stirbst.” […] Ihre letzten Worte waren: “Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?”3 Und das alles in einem relativ schmalen Band, der mitreißend erzählt ist.

Auf jeden Fall bitterer und düsterer als Deine Kalten Hände für mich, dennoch aber unbedingt lesenswert.


  1. Die Vegetarierin, Seite 7 ↩︎
  2. Seite 64. ↩︎
  3. Seite 163 ↩︎

Hamnet

Hamnet ist der neue Film der chinesischen Regisseurin Chloé Zhao und wurde vergangene Woche für acht Oscars nominiert, und hier folgt mein Veriss, harhar. Zhao adaptierte den gleichnamigen Roman von Maggie O’Farell, der sich mit dem Tod des Sohnes von William Shakespeare und seiner Frau Agnes, namens eben Hamnet, auseinandersetzt. Was wie ein riesengroßer Spoiler wirkt, wird genau so vermarktet.

Übrigens, auch das wird gleich am Anfang verraten: Die Namen “Hamnet” und “Hamlet” wurden damals quasi synonym verwendet.

SPOILER

Zunächst einmal: Viele haben sich beschwert, dass es so gemein wäre, Chloé Zhao quasi vorzuwerfen, einen manipulativ-überrührseligen Tearjerker produziert zu haben, das sei nur deshalb der Fall, weil sie eben eine Frau wäre, also dieser Vorwurf bla bla. Nein, ich fand auch Million Dollar Baby von Clint Eastwood aus dem Grund schrecklich, wie auch Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan. Auch wenn diese Filme natürlich unterschiedlich funktionieren, eint sie doch ein allgegenwärtiges und umfassendes Elend. Männer sind genauso dazu imstande, solche Filme zu produzieren, die einem die Botschaft mit dem Holzhammer übermitteln wollen.

Vielleicht ist es hier schon das Problem des Romans, das kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht gelesen habe. Aber mir ist das alles zu viel (und von anderem wie Plot oder Charakterentwicklung ist es zu wenig, aber das bedingt sich ja oft gegenseitig). Von Agnes (Jessie Buckley) wird gesagt, dass sie die Tochter einer Hexe sei und tatsächlich ist sie sehr in dieser Naturmystik-Heilpraktiker-Ecke zuhause. Ich kann jetzt mit Naturheilkunde an sich schon sehr viel anfangen. Aber bei Agnes hat das alles schon recht übersinnliche Züge. Sie “sieht” die Zukunft, sie bringt ihr Kind selbstverständlich alleine im Wald zur Welt ohne irgendjemand Bescheid zu sagen (was, sind wir uns ehrlich, bis heute lebensgefährlich ist), alles ist so archaisch an ihr. Und natürlich ist die Liebe zu William Shakespeare magisch, wie auch zu den Kindern, aber das wird halt alles eher behauptet als wirklich dargestellt.

Natürlich ist es schrecklich, eines der schlimmsten Dinge, die einem passieren können, wenn das eigene Kind stirbt. Für diese Erkenntnis alleine brauche ich aber keinen 126 Minuten Film anzuschauen. Ich nehme Agnes (bzw. Buckley) diesen, ihren Schmerz zwar komplett ab, sie ist sehr überzeugend; aber es ist eben auch ihr Schmerz, sie lässt mich nicht in ihre Gefühlswelt hinein, sie hält mich auf Distanz. Ich konnte zu niemandem dieser Menschen irgendeine Art von Beziehung aufbauen, auch zum Kind Hamnet nicht, der generell eher blass bleibt. Mich hat es emotional jetzt mehr aufgeregt, dass Agnes William (Paul Mescal) nach dem Tod von Hamnet beschimpft, dass er nicht da gewesen wäre. Dabei war sie es, die ganz am Anfang ihrer Ehe gesagt hatte, er müsse nach London gehen, er müsse schreiben, sonst würde er und sie sich auch als Paar verlieren. Dass es dann halt Zeit braucht, von London ohne Auto ins hinterletzte Kaff Stratford-upon-Avon zu gelangen – wo Agnes gegen den Wunsch von William bleiben wollte, weil Natur! – ist auch klar.

Die letzten 15, 20 Minuten des Films beinhalten eine Aufführung von Hamlet im Londoner Globe Theater; das Stück schrieb Shakespeare zur Aufarbeitung dieses Schicksasschlages. Der Falter Filmkritiker Michael Omasta nennt das eine “faule” Entscheidung. Ich stimme ihm grundsätzlich zu, muss aber sagen, dass es allerdings auch der Teil ist, wo der Film tatsächlich am besten für mich funktioniert hat, mit den Worten und Emotionen Shakespeares nämlich. Auch auf Uncut wurde der Film (positiv) besprochen und ich habe unserem Kritiker dann geschrieben, mir gefiele sein Review wesentlich besser als der Film, harhar. Wir haben uns dann gegenseitig versichert, dass wir den Standpunkt des anderen grundsätzlich verstehen.

P.S. Dieser Film hat wirklich gar keinen Moment des Humors, aber ich selbst musste trotzdem einmal schmunzeln, als Agnes am Anfang zusammengerollt in der Erde liegt. Sah so aus wie bei den Barbapapas früher, die ja in der Erde gewachsen sind, harhar. Sorry.