Wenn ich Urlaub zuhause will, gehe ich zb in die Bücherei. Das bringt mich komplett runter, eine zeitlang in den Regalen zu stöbern, Inhaltsangaben zu lesen, in die Romane rein zu schmökern und mich dann für ein paar Bücher zu entscheiden, die ich mit heim nehme.
In der Bücherei muss man sich beim Reingehen die Hände desinfizieren. Die Bücherei Weisselbad in Floridsdorf ist sehr großzügig und hat sogar einen kleinen Garten, es standen alle Türen offen und es war also gut durchgelüftet. Es war sehr wenig los, aber die meisten der Besucher trugen einen MNS, weshalb ich meinen dann auch verwendete. In der Bücherei gibt es keine Babyelfanten, sondern:
Ich bin eine sehr anspruchsvolle Leserin. Wenn ich mir ein Buch aussuche, dann informiere ich mich zuerst über den Inhalt. Sagt der mir zu, lese ich die ersten Zeilen eines Buches, und dann noch etwas aus der Mitte. Wenn mich der Schreibstil nicht anspricht, dann nehme ich das Buch nicht mit. Ich lese auch kein Buch fertig, das mich nicht packt. Am liebsten lese ich über menschliche Beziehungen, Partnerschaften, Familien-Konstallationen. Es muss nichts großartiges passieren, was die Handlung betrifft, es muss nur den richtigen Ton treffen.
Der dritte Lesetag hat echt oarg begonnen. Ich saß quasi noch beim Kaffee am Sofa, da drehte Lydia Haider auf. Ein Wienerischer Text übers Hundevergiften (oder so) – ich muss ehrlich sagen, ich hab kaum etwas verstanden. Also akustisch schon, aber sonst wars sehr. Ich weiß es nicht. Jedenfalls gut zum Aufwachen, wenn man noch schläfrig war.
Laura Freudenthaler anschließend kam bei den Juroren sehr gut an. Das Kind taumelte aus seinem Zimmer und meinte: “Die ist so unmotiviert. Sie sollte mitreißender sein.” Und ich muss ihm da ein bisschen zustimmen. So richtig warm geworden bin ich mit dem Text nicht. Im Gegensatz zum nachfolgenden von Katja Schönherr. In ihrem Text ging es unter anderem darum, dass im Zoo ein Affe ein Schild hochhält, wegen dessen Text alle eskalieren, nur wird bis zum Ende nicht verraten, was auf dem Schild steht. Da musste ich an Pulp Fiction denken und den Koffer, wo niemand wusste, was drinnen war.
Der letzte Text von Meral Kureyshi hinterließ mich wieder mal eher ratlos. Aber ein Satz ist mir in guter Erinnerung geblieben, weil schön absurde Formulierung: “Er prallte in das Auto vor ihm, niemand wurde verletzt, nur der rote Mercedes hatte einen Totalschaden und mein Vater war tot.”
Jetzt muss ich überlegen für wen ich beim Publikumspreise abstimme. Meine Favoritinnen (kein Binnen I notwendig) dieses Jahr sind: Helga Schubert, Hanna Herbst und Katja Schönherr.
Heute haben mir ziemlich viele Texte gefallen und ich glaube, wir haben eine erste Favoritin für den Bachmannpreis. Dabei handelt es sich um die 80 (!) jährige Helga Schubert, die einen Text über das Leben und Sterben einer Mutter las, und über die Beziehung ihrer Tochter zu ihr.
Oben hätte ich fast geschrieben “ihrer Mutter” und damit nehme ich schon die Jurydiskussion vorweg, die tatsächlich über den Autobiografie Begriff in der Literatur und in der Literaturkritik geführt wurde. Prinzipiell wird es nicht so gerne gesehen, wenn der/die ProtagonistIN mit der/dem AutorIN gleichgesetzt wird, das war schon zu meiner Studienzeit so. Auch wenn in diesem Fall die Protagonstin wie die Autorin heißt, im gleichen Jahr geboren wurde usw. Auch heute gab es wieder einen tollen Tweet dazu, weil der Text von Helga Schubert eigentlich sehr “klassisches”, unverstelltes Erzählen war. Jo Schneider schrieb:
Der Text ist so klar und einfach, das kann gleich nur eine unfassbar literaturhistorisch verschwurbelte Motivsuche geben, denn so will es das Klagenfurtsche Gesetz. #tddl
Anschließend an Schubert las Hanna Herbst, eine Twitterantin und damit auch quasi Ikone in diesem Medium, einen Text über ihren – ach nein: EINEN – Vater und seine Tochter. Ich fand Es wird einmal eine sehr schöne Ansammlung von Bildern voller Lebensgefühl. Etwa als sie über dessen Lieblingszeit, das Futur 2, schreibt “Wir werden glücklich gewesen sein.”. Und, dass er sich freute als Bob Dylan den Liteaturnobelpreis gewann. Und, dass man nicht zuviel Alkohol trinken soll und icht zuwenig: “Gerade nur ein kleines bisschen über dem Boden schweben”.
Interessant auch der Text von Egon Christian Leitner Immer im Krieg, über – wenn man so will – die Wirtschaftlichkeit von Menschen, von Magersucht und Therapien. Unterteilt in Tagebucheinträge, die aber kein Datum tragen, sondern nur mit Tag/Monat/Jahr überschrieben sind. Interessant.
Interessant auf seine eigene Art und Weise auch der Text von Levin Westermann und dann – und dann geht die Sonne unter und wieder auf und auch sonst passieren Dinge in atemberaubender Gleichförmigkeit, die fast an Thomas Bernhard erinnert hätte, nur ist Westermann sehr entfernt von jeglicher Ironie. Obwohl ich nicht genau weiß warum, hat mich dieser Text irgendwie berührt.
Alles ist abgesagt worden, alles, on top: der Songcontest. Alles? Nein! Der Bachmannpreis nicht – oder zumindest nur kurz – und so kam es, dass heuer die Tage der deutschsprachigen Literatur online stattfinden. Ich freue mich sehr darüber.
Heute war der 1. Lesetag. Und der begann mit einem Hipstertext, wie er im äh Buche steht. Trotzdem (oder deswegen?) mag ich ihn. Ja, er hat seine Schwächen, vor allem in der Logik. Wenn ich Texte lektoriere, was beruflich manchmal passiert, dann muss ich mich konzentrieren, um Rechtschreibfehler zu finden, aber mir fallen oft sprachliche Schwächen auf und inhaltlich unplausibles, und so ging es mir mit Jasmins Ramadans Text Ü heute auch. Sie schreibt über den Protagonisten, dass er in seiner ersten Wohnung keinen Spiegel hat und dafür sein Handy Display benutzt. Seit wann gibt es Smartphones, wie alt ist der Protagonist, wenn eine ehemalige Verflossene schon bald erwachsene Kinder hat? Geht sich das zeitlich aus? Sowas beschäftigt mich.
Hubert Winkels hat anderswo eine fehlende Logik erkannt, nämlich als die Verflossene schreibt, der Protagonist würde bei jeder Frau, wenn er sich ein Kondom überstreift sagen, er wolle nur Sex und nicht mehr. Winkels: “Woher will sie denn das wissen? Sie war ja nicht jedesmal dabei.” Guter Punkt! Auf die Erzählperspektive darf man nicht vergessen.
Aber der Text hat auch echt gute Passagen wie diese: “Für eine Frau war sie ziemlich unordentlich”. Da hab ich mich ertappt gefühlt. Wobei man über den Satz auch lange diskutieren könnte, ist er sexistisch oder satirisch gemeint? Oder soll man solche Kategorien gar nicht anwenden? Lustig auch, als die Freundin der Verflossenen, studierte Philosphin bemerkt, es gäbe “keinen richtigen Mann im falschen”. Womit wir bei quasi bei Adorno wären.
Einen hübschen Tweet habe ich auch gefunden, der sich auf den Ex (Kult) Juror Burkhard Spinnen bezieht. Im Text geht es dann auch noch um die Zubereitung von Hühnchen und da schrieb ein Twitterant:
Wäre Burkhard Spinnen noch in der Jury, er würde erzählen, dass er auch mal Hühnchen gekocht und Wein gekauft hat #tddl
Gestern in der Früh hab ich ein Interview mit Reinhold Messner gelesen, in dem er unter anderem erzählt hat, dass sein Bruder Hubert wegen Corona aus der Pension zurückgekehrt sei, um wieder im Krankenhaus zu arbeiten. Das hat mich deshalb interessiert, weil Hubert Messner der Arzt des Kindes war, der ihn auf seiner Station nach der Frühgeburt behandelt hat. Und ihm das Leben gerettet hat.
Als ich daraufhin dann gegoogelt habe, hab ich erfahren, dass Hubert Messner gemeinsam mit einem Journalisten seine Autobiografie geschrieben hat Der schmale Grat. Als Arzt und Abenteurer zwischen Leben und Tod. Die ist Anfang März erschienen, aber nachdem zu diesem Zeitpunkt Corona voll Fahrt aufgenommen hat, ist das alles in den Hintergrund getreten. Sonst hätte man vielleicht darüber mehr erfahren.
Jedenfalls hab ich mir noch am gleichen Tag das Buch gekauft und ausgelesen. Messner beschreibt nicht nur sein Leben als Arzt, sondern auch als Abenteurer – er hat mit Reinhold mehrere Expeditionen unternommen – mal erfolgreich, mal nicht erfolgreich, immer lebensgefährlich. Das ist sehr spannend zu lesen. Noch spannender ist für mich natürlich der Teil in dem es um seinen Beruf als Neonatologe geht.
Ich werde von dem Buch noch mehr erzählen, aber eines ist mir beim Lesen besonders in Erinnerung geblieben: es ist ein großer Unterschied bei den Eltern ob ein Baby zu früh geboren wird oder ob es während der Geburt in eine lebensbedrohliche Situation kommt und dann Patient der Neonatolgie wird. Im ersten Fall erscheint das Krankenhaus und die Ärzte als Retter, als Anker, als positive Kraft; im zweiten Fall empfinden die Eltern das Krankenhaus manchmal als Verursacher des Leides, das sie ertragen müssen, auch wenn kein medizinischer Fehler passiert ist. Im zweiten Fall wird die Schuld wesentlich öfter beim medizinischen Personal gesucht und dieses auch verklagt. Im zweiten Fall fällt es den Eltern schwerer ihr Schicksal zu akzeptiren
Messer schreibt dazu:
Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass sich gerade Eltern, bei denen es während einer Termingeburt zu Komplikationen kommt, oft gegen das Kind entscheiden. Bei Frühgeburten entscheiden sich Eltern meistens dafür, auch ein Kind mit Hirnschäden ins Leben begleiten zu wollen.
(Messner Hubert: Der Schmale Grat, S. 188)
Ich habe darüber gestern lange nachgedacht. Ich glaube, es liegt darin begründet, dass Frühgeburten doch oft eine gewisse Vorlaufzeit haben. Auch bei mir, wo es doch relativ überraschend war, weil die Schwangerschaft bis dahin problemlos verlaufen war, verging noch fast eine Woche bis zur Geburt. In dieser Zeit hadert man auch sehr mit seinem Schicksal. Man will es nicht wahrhaben. Man “versteht” nicht, was passiert. Letztendlich hat man aber doch Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen und zumindest ich habe mich aufs Kämpfen eingestellt. Ich denke, es ist wesentlich schwieriger “unvorbereitet” ins Krankenhaus zu gehen, eine unkomplizierte Geburt zu erwarten und dann komplett ins kalte Wasser gestoßen zu werden. Es fehlt einem dann die Zeit, sich auf die neue Situation vorzubereiten.
Kurz vor Weihnachten habe ich Der einsame Weg von Arthur Schnitzler an der Josefstadt gesehen.
Ich mochte Schnitzler immer schon sehr; vor allem dafür, dass er seine Figuren alles noch so ungeheuerliche sagen ließ – als Subtext der Sätze, die sie tatsächlich verwenden. So ist es auch bei diesem Stück, das die großen Themen Schnitzlers behandelt: Lebenstraum und Lebenslüge, Kunst versus Banalität, Leidenschaft, Betrug, Versagen und Versäumnis. Der einsame Weg jeder einzelnen Figur ist der, den sie eigentlich nicht gehen wollte – aber durch eigene (Fehl-)Entscheidung oder schicksalshafte Wendung dann irgendwann doch eingeschlagen hat.
Foto: (C) Theater an der Josefstadt
Der einsame Weg wurde in der Josefstadt recht kühl inszeniert. Jeglicher Lokalkoroit wurde geglättet, das hier muss kein Wiener Stück sein, außer ein paar Ortsangaben deutet nichts auf den Schauplatz der Handlung hin. Das ist nichts schlechtes, denn so fällt auch das Süßliche weg, das Schnitzler-Inszenierungen durchaus gefährden kann. Die moderne Inszenierung erlaubt die Vermittlung einer Art von universeller Wahrheit – obwohl das Stück über hundert Jahre ist, vermittelt es eine extrem zeitgemäße Lesart. Dazu trägt auch das Bühnenbild bei. (Zwischen)Räume, die sich nach jeder Szene geräuschvoll verschieben, meine Begleitung meinte darin das Rattern von Gedanken zu hören.
Die Schauspieler, obwohl alle in grau gekleidet, bleiben keineswegs blaß. Aber obwohl Publikumsmagneten (Maria Köstlinger, Ulrich Reinthaller, Bernhard Schir), tritt dieser Aspekt ganz hinter die Interpretation ihrer Figuren zurück. Ist Reinthaller gar einer der “alten” weißen Männer, die noch soviel begangenes Unrecht als für sie lebensnotwendige und unabdingbare Maßnahme mansplainen? Stilisiert sich Köstlinger als Opfer der Männer und konterkariert damit die feministische Lebensführung, die diese finanziell unabhängige, beruflich erfolgreiche Frau eigentlich perfekt verkörpern würde? Und zieht sich Alma Hasun nach dem Sex ihren Slip etwas zu anzüglich wieder an, um ihrer Beziehung etwas mehr den Charakter einer Affäre zu geben, die sie doch gar nicht haben will?
Nachdenken kann man jedenfalls mehr als genug über diesen Schnitzler-Abend, leider gibt es nur noch eine Vorstellung dieses Stückes in der laufenden Spielzeit. Dafür eine neue Schnitzler Premiere (Zwischenspiel) im Jänner.
Was passierte, als Elfriede Jelinke den Literaturnobelpreis 2004 gewann und ich einen nahen Verwandten darüber in Kenntnis setzte, hab ich hier schon mal gebloggt, nämlich folgendes
Tja und heute hab ich ihn also wieder angerufen und gefragt, wer er glaubt, dass heute den Nobelpreis gewonnen hat. Handke ist ihm diesmal gar nicht eingefallen, aber die Reaktion war wieder spitzenmäßig. Und weil ich wusste, dass dem so sein wird, hab ich das Handy auf laut geschalten, damit das Kind auch mithören kann. Das Kind hat sich sehr amüsiert. Fazit des Gespräches: Die Welt steht nicht mehr lang.
Ich aber freu mich und finde es sensationell, dass wieder ein Österreicher den Literaturnobelpreis gewonnen hat, innerhalb von 15 Jahren.
Von Connie Palmen hab ich als Mitte/Ende 20 jährige fast alles gelesen. Dann war eine lange Pause. Und jetzt hab ich in der Bücherei ein recht neues Buch von ihr entdeckt, das ich mir gleich ausgeborgt habe. Es heißt Du sagst es.
Du sagst es ist ein Vertreter eines relativ heiklen literarischen Genres: der fiktionalen Biografie. Im konkreten Fall handelt es sich um das Leben des englischen Schriftstellers Ted Hughes, der mit der Lyrikerin Sylvia Plath verheiratet war. Plath – bekannt vor allem für ihren Roman Die Glasglocke – hat ihrem Leben im Alter von 30 Jahren ein Ende gesetzt. Damals war sie Mutter von zwei kleinen Kindern, Frieda und Nicholas, beide unter drei Jahren. Die Ehe war damals schon nicht mehr intakt, weswegen Hughes, der mehrere Affären hatte, von fanatischen Plath-Fans als Schuldiger an ihrem Tod identifziert wurde. Tatsächlich war Plath schon vor ihrer Heirat mit Hughes schwer depressiv und hatte bereits einen Suizidversuch hinter sich.
Connie Palmen hat sich in ihrem Roman zur Aufgabe gemacht, Hughes Sicht der Dinge darzulegen. Sie hat dafür sein Werk und natürlich auch das von Sylvia Plath analysiert. Sie sagt selbst, sie wollte fühlen wie es sei, ein Judas zu sein. Und auch der Titel des Romans “Du sagst es” bezieht sich darauf. Nämlich darauf, dass Judas Jesus fragte, ob er der Verräter sei und Jesus eben dies antwortete: “Du sagst es”.
Palmens Roman ist ambivalent. Sie schont Hughes nicht, sie skiziiert aber auch sehr anschaulich, wie schwierig es ist, mit einem manisch-depressiven Menschen zusammen zu leben. Wie man nichts richtig machen kann. Wie man jemanden nicht heilen kann. Wie sich jemand nur selbst heilen könnte. Aber manchmal gelingt das nicht. Ihr Text ist kein Urteil, sondern eine Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, man kann beide Perspektiven erkennen und auch verstehen. Und man kann erahnen, wie schwierig es ist, nicht nur mit diesem Suizid und den Selbstvorwürfen fertig werden zu müssen, sondern auch mit den Vorwürfen der Öffentlichkeit:
Für die meisten Menschen existieren wir, meine Braut und ich, nur in Büchern. In den vergangenen fünfundreißig Jahren haben ich mit ohmächtigem Grauen zusehen müssen, wie unser wahres Leben unter einer Schlammlawine aus apokryphen Geschichten, falschen Zeugnissen, Gerüchten, Erfindungen, Mythen verschüttet wurde, wie man unsere warehn komplexen Persönlichkeiten durch klischeehafte Figuren ersetzte, zu simplen Images verengt, für ein sensationslüsterndes Leserpublikum zurechtstutzte.
Wer Hughes’ Leben näher betrachtet, dem laufen kalter Schauer über den Rücken. Einige Jahre nach Plaths Tod hat sich seine zweite Frau, Assia Wevill auf dieselbe Art wie Plath umgebracht – mittels Gas. Dabei hat sie auch die Tochter, die sie mit Hughes hatte, mit in den Tod genommen. Wenn man so etwas liest, kann man sich nur verwundert fragen, wie dieser Mann weiterleben konnte – und ist ein wenig “erleichtert”, dass er den Suizid seines Sohnes Nicholas nicht mehr miterlebt hat.
Auf Ö1 habe ich in der Reihe Dimensionen eine sehr interessante Sendung zum Thema “Buchtitelsuche” gehört.
Es geht darum, wie wichtig Titel von Büchern sind und wie heiß diskutiert diese werden. Bei Verlagen sind nicht selten 15-20 Menschen aus allen Bereichen des Unternehmens involviert, wenn es um die Frage geht, wie ein neues Buch heißen soll. Denn: Der Titel muss natürlich funktionieren, ohne, dass man das Buch kennt. Ein Titel kann die Erwartungshaltung an ein Buch bestimmen, es kann dem Werk eine besondere Stimmung mitgeben.
Der Autor Jonas Lüscher wollte sein Buch eigentlich Schwäche nennen, sein Lektor hat ihn dann aber irgendwie auf Frühling der Barbaren gebracht, der auf ihn kräftiger und anschaulicher wirkt. Lüscher findet den Titel eigentlich zu angeberisch und barock, es steckt für ihn zuviel Nebulöses drinnen. Frühling, ist das eine gute Zeit für Barbaren? Der Begriff der Barbarei selbst ist auch schwierig. Und speziell in der arabischen Welt hatte er damit Probleme. Meiner Meinung nach ist dieser Titel aber dennoch der spannendere als das etwas lapidare “Schwäche”.
Auch Thomas Bernhard hatte beispielsweise für den Titel Verstörung zu kämpfen; sein Verleger Siegfried Unseld mochte den Titel nicht, wie – seiner Aussage nach – auch sonst niemand im Verlag. Nachdem sich der Roman eher schleppend verkaufte, fühlte sich Unseld bestätigt. 90 Prozent aller Bücher werden als Geschenke gekauft, wer will schon seiner Oma ein Buch namens Verstörung schenken. In der Ö1-Sendung wurde aber m.E. völlig zutreffend argumentiert, dass, wenn man Bernhard kaufe, man ja selbstverständlich verstört werden wolle. Dem kann ich echt nicht widersprechen.
Generell gäbe es zwei Tendenzen bei Buchtitel. 1. Ein Kurztitel, der aus einem Wort, bzw. maximal ein Wort plus Artikel besteht – Wie beispielsweise Das Schloss oder Der Prozess. 2. Ein erzählerischer Titel, der die Fantasie anregt, wie Das Herz ist ein einsamer Jäger. Oder auch Meine Ehemänner am Strand. Letzerer ist übrigens kein Titel eines tatsächlichen Buches, sondern über buchtitelgenerator.de entstanden.
Ich finde Meine Ehemänner am Strand ja super, macht mich sehr neugierig, würde ich wahrscheinlich lesen. Erinnert mich an Der Sommer ohne Männer von Siri Husvedt, das ich mir hauptsächlich wegen des Titels letztes Mal aus der Bücherei ausgeborgt habe.
Ich habe alle Romane der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev gelesen. Ich mag ihren atmenlosen Stil, ihre detailierten Beobachtungen und vor allem mag ich ihre immerwährenden Themen: Beziehungen zwischen Mann und Frau, Beziehungen in einer Familie, Beziehungen zu Kindern. Oft spielen schicksalshafte Begegnungen eine Rolle und schwierige Entscheidungen.
In Schmerz ist es auch wieder so. Protagonistin Iris, eine 45 jährige Volksschuldirektorin, verheiratet und Mutter zweier (fast) erwachsener Kinder, wurde vor zehn Jahren bei einem Selbstmordattentat in Jerusalem schwer verletzt (ein Schicksal, das sie mit der Autortin Shalev teilt). Am Jahrestag der Verwundung kehren die starken Schmerzen zurück und sie muss ins Krankenhaus. Dort trifft sie ihre große Liebe Eitan wieder, ihre Beziehung scheiterte tragisch. Die Chance für einen Neubeginn zeichnet sich ab, doch will Iris das? Inzwischen gerät ihre erwachsene Tochter Alma in eine schwere Krise…
Schmerz hat mich begeistert, wie Shalevs Romane zuvor. Allerdings muss ich zugeben, dass mich der Handlungsstrang Iris/ Eitan wesentlich mehr gefesselt hat, als der Handlungsstrang Iris/Alma. Ich habe persönlich das Gefühl, dass Shalev selbst mehr Enthusiasmus für die leidenschaftliche Wiederbegegnung ihrer Protagonisten mitbringt, dass sie viel mehr in den Treffen der beiden, mit großen Gefühle und viel Sex, mitlebt. Sex ist überhaupt ein Liebligsthema von Shalev (und mir harhar) und sie schafft es, so darüber zu schreiben, dass es nie derb oder plump wirkt, aber auch nicht technisch oder steril. Das ist eine große Kunst.
Die Passagen dagegen, in denen sie die Probleme von Alma im Vordergrund stehen, erscheinen mir sehr konstruiert. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man in eine solche Situation gerät, wie das Alma tut, sowas passiert schon hin und wieder, aber es ist ungewöhnlich, es ist nicht ganz schlüssig erzählt, es ist für mich persönlich thematisch irgendwie weit weg. Wozu ich aber Bezug nehmen kann, ist die innere Zerissenheit, die diese Probleme bei Iris auslösen. Sie, die gerade die wichtigste Entscheidung ihres Lebens treffen muss, kämpft nun an verschiedenen Fronten, es ist auch ein Kampf zwischen Kopf und Bauch, und der Leser ahnt, dass es bei jeder möglichen Opion viele Verlierer geben wird…
Nomen est Omen, Schmerz begleitet die Protagonist in jeder Form. Und auch wir LeserInnen kennen vermutlich alle das Gefühl, erlöst werden zu wollen, in welcher Form auch immer, und zu bemerken, dass uns das Leben einfach manchmal eine Erlösung verwehrt. Und wir trotzdem weiterleben müssen. Einen Lernprozess zu erleben, zu lernen und im besten Fall daran zu wachsen.