almis personal blog

Dienstag

Das Kind ist heute auf Maturareise gefahren. Mit dem Auto und so. Schon aufregend. Obwohl man sich als Mama ja die Nervosität vor eigentlich allem dann auch irgendwie abgewöhnt/abgewöhnen muss, weil sonst wird man wahnsinnig. Sie sind auch schon gut angekommen.

Das bedeutet, gestern war mit Zeug waschen, bügeln, einpacken und so weiter gefüllt. Ich habe dann gleich mit einer Art allgemeinen Entrümpelung weitergemacht. Ich schmeiße so gerne Sachen weg, es ist unglaublich, harhar. Mein Ziel ist es, alle meine Sachen in nur einem Zimmer unterbringen zu können. Ich will da keine Ideologie draus machen, ich persönlich mag das einfach.

Die nächsten Tage ist eine Überarbeitung meines Textes geplant. Auch da kann einiges entrümpelt werden.

Heute habe ich länger über eine Passage nachgedacht, die sich mit Gewöhnung/Entwöhnung beschäftigt. Im Prinzip ist ja alles im Leben Gewöhnung an etwas, bis es von etwas anderem abgelöst wird. Zum Beispiel eben bei Kindern – zuerst gehen sie alleine in den Park, dann gefühlt zehn Minuten später fahren sie mit dem Auto auf Maturareise.

Nach ungefähr sechs Stunden nachdenken und schreiben, bin ich ins Kino gefahren und habe mir Allegro Pastell angesehen.

Guter Roman und Film, trotz extrem unsympathischen und prätentiösen Protagonisten, harhar

Beim Heimfahren habe ich dann den fm4 Filmpodcast von gestern – eben zu diesem Thema – gehört und da sagt Buch- und Drehbuchautor Leif Randt: “Der Grundimpuls schreiben zu wollen war, (…) dass die Zeit nicht einfach so vergeht. Ich hatte diese Melancholie darüber, dass Dinge dann vorbei sind.” Oder wie es im Buch so wunderschön heißt: Vorauseilende Wehmut.

Passt auch zu der erwähnten Ge- und Entwöhnung. Ich schreibe definitiv auch, um festzuhalten.

Die Verluste

Kürzlich habe ich Die Verluste von Florian Scheibe fertiggelesen, einen Roman, den die Buchhändlerin Petra Hartlieb auf ihrer Facebookseite empfohlen hatte. Ich mag schwierige Familiengeschichten sehr gerne und Die Verluste ist eine solche, zumindest beginnt sie so.

Griffig zusammengefasst kann ich sagen: es war durchaus unterhaltsam und kurzweilig zu lesen, dennoch habe ich ein paar Einwände. Worum geht es genau? Ausgangspunkt ist der bevorstehende 80. Geburtstags des Familien/Firmenoberhauptes Klaus Werner. Finanziell sorglos mit seiner Frau in einem großen Haus mit Garten der Schweiz lebend, überkommen ihn plötzlich diffuse Ängste. Durch eine Werbung wird auf auf das Konzept des “Luxusbunkers” aufmerksam, für den Fall des Falles (Atomkrieg oder ähnliches) und er beschließt, sein ganzes Vermögen in einen solchen zu investieren, während die beiden Söhne – ein akkurater Arzt und ein schrauchelnder Schriftsteller – bereits auf ihr Erbe warten, und die Tochter, eine Umweltaktivistin, seit geraumer Zeit alle Bücken zu ihrer Familie abgebrochen hat…

Dieser Roman hebt zu einem Epos im Jonathan Franzen’schen Sinne an – ich habe vor vielen Jahren Die Korrekturen sehr gerne gelesen – löst die Prämisse aber nicht wirklich ein. Vielleicht fehlen dem Roman die gut 200 Seiten mehr, die Franzen sich genommen hat, jedenfalls werden hier, meines Erachtens, zu viele Geschichten auf zu wenig Raum erzählt. Natürlich interessiert einen manches auch mehr als anderes. Auf den Teil mit der Tochter, die irgendwie unterwegs ist, die Welt zu retten, hätte ich persönlich sehr gut verzichten können. Weil Scheibe hier halt auch nicht wirklich mehr einfällt als das, was man von den “Weltrettern” unserer Zeit eh schon gut kennt: Das vor sich hertragen des eigenen “moralischen” Handelns wie eine Monstranz zum Beispiel; und ziemlich unterkomplexe Lösungswege. Die beiden Söhne finde ich interessanter, weil sie jeweils an einem Tiefpunkt ihres Lebens stehen und es spannend ist, dass ökonomischer Erfolg (der eine hat ihn, der andere nicht) damit gar nichts zu tun hat. Immer dann, wenn Scheibe Charaktere genauer beschreibt, ist der Roman sehr stark.

Viele große Themen des Romans entfalten sich dagegen nicht ganz so wie geplant. Der Luxusbunker vom Anfang ist eher ein Mac Guffin. Aber auch der Brief, den die Mutter von Klaus hinterlassen hat und der erst nach ihrem Tod gelesen wird, der die große Überraschung am Ende ist, hat mich eher kalt gelassen, weil er meiner Meinung nach nicht wirklich viel mit den Dynamiken innerhalb der Familie zu tun hat. Interessanter ist die Reflexion über das berühmte Tolstoi Zitat aus Anna Karenina: “Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.” Scheibe lässt seine Protagonisten darüber nachdenken, ob es nicht eher genau umgekehrt ist. Dass es schwierig ist herauszufinden, wie man glücklich sein kann.

Scheibe hat in einem Interview gesagt, das Ende seines Romanes entwickelte sich versöhnlicher als geplant. Für ein bisschen Hoffnung am Ende einer Geschichte bin ich immer zu haben. Aber wenn jahrezehntealte Traumata, die ja im sehr schweren Titel “Die Verluste” ganz bewusst adressiert werden, dann binnen einigen Seiten glattgebügelt bis nivelliert werden, tröstet das alle andere dysfunktionale Familien da draußen nicht wirklich.

TDDL, zwei

Heute war im Garten ein bisschen accidentally Open House. Obwohl jeder übersprünglich nur kurz oder gar nicht kommen wollte, waren dann doch teilweise fünf Personen gleichzeitig im Pool und zwar recht lange, aber klar, es war auch ziemlich warm harhar. Außerdem gibts bei mir selbstverständlich immer Eskimoeis aus den 1980er Jahren (also die Sorten, nicht seitdem im Tiefkühler befindlich) und Red Bull in allen Farben, vor allem gelb und pink.

Ich habe nebenbei die Ingeborg Bachmann Preisverleihung geschaut, obwohl ich gestern Nacht nur noch drei, vier weitere Texte angeschaut bzw. angehört habe. Interessanterweise aber auch den späteren Siegertext von Lena Schätte Was wir tragen. So quasi ein Coming of Age Text eines übergewichtigen Mädchens. Ich verstehe die Begeisterung darüber, fühle es aber ehrlichweise (noch?) nicht ganz.

Ich fand es aber allgemein wieder extrem amüsant, was Philipp Tingler, der eh mein Lieblingsjuror ist, wieder für Sätze rausgehauen hat. Von „Ich finde, dass Herr Strässle in seiner kleinen Ansprache eben diesen Text auf etwas unterkomplexe Art gelobt hat”. Über: „Die Momente, wo sich dieser Text sehr ernst nimmt, sind die kritischen.” Und „Der Text kann keine Distanz entwickeln, er hat einen Mitteilungsüberhang.” Bis zu: „Ich sehe hier lediglich zwei Frauen, die von einem Hauswartungsproblem überfordert sind.” Ich liebe es!

Die große Frage, die ich mir selbst allerdings stelle, angesichts dessen, dass Juryvorsitzender Klaus Kastberger dieses Jahr seinen Abschied nimmt. Ich empfinde ja sowohl Kastberger als auch Tingler als ziemlich von sich selbst eingenommen, sie wirken auch so, als würden sie sich gegenseitig nicht leiden können. Aber beim einen nervt mich diese in gewisser Weise Großkotzigkeit und beim anderen finde ich es brilliant und total lustig. Warum? Vielleicht, weil man bei Tingler doch irgendwie auch immer eine gewisse Selbstironie dahinter spürt, und auch ziemlich viel Humor, zumindest ich. Und ich glaube, man könnte ganz nett mit ihm auf ein Bier gehen. Oder vielleicht eher auf einen Hugo.

In einem stimme ich aber Kastberger zu, der seinen Lieblingssatz aus dem Bewerb genannt hat und zwar: “Die Torte gab auf”. Den finde ich auch sehr gut.

TDDL 26

Heute hab ich nichts anderes getan, als im Wasser zu sein oder mit komplett nassem Badeanzug am Laptop zu arbeiten. So lange bis der Badeanzug wieder trocken war und ich erneut den Pool ansteuerte. So ließ es sich aushalten

Allerdings bin ich dadurch bisher nicht dazu gekommen, die Tage der deutschsprachigen Literatur wirklich zu verfolgen. Ich werde einiges nachschauen müssen.

Ich habe nur einen Text ganz (plus Jurysiskussion) gehört. Der war aber tatsächlich gut. Und zwar Kirschen, Herz mit Verband von Magdalena Schrefel. Sie beschreibt darin eine Krebsdiagnose bzw. den sprachlichen Umgang damit. Wie übersetzt man die eigene Fassungslosigkeit in Worte? Für sich selbst, vor allem aber auch für andere. Als ich dem Vortrag zugehört habe, habe ich mir gedacht, Schrefel hat in gewisser Weise eine ähnliche Herangehensweise an vernichtende Themen wie ich selbst – wobei ich so eine Krankheit nicht mit meinen Problemen vergleichen will.

Ganz am Ende gibt es einen interessanten Satz, dem ich spontan zugestimmt habe, dann aber festgestellt, dass es so einfach doch nicht ist;

Es gibt bis heute kein bildgebendes Verfahren, bei dem der Mensch als Ganzes sichtbar werden kann, außer das Geschichtenerzählen

Je älter ich werde, desto weniger glaube ich daran, Menschen wirklich kennen zu können. Vielleicht zu einem gewissen Zeitpunkt, in gewissen Zusammenhängen, aber im Grunde bestehen wir alle aus Ambivalenzen und Widersprüchen. Verschiedene Menschen lernen uns womöglich unterschiedlich kennen und würden verschiedene Dinge über uns erzählen.

Der Satz ist trotzdem gut, weil er anregt, genau darüber nachzudenken.

Unsere Seelen bei Nacht

Unsere Seelen bei Nacht ist der letzte Roman des amerikanischen Autors Kent Haruf, der erst mit über 40 Jahren als Schriftsteller debütierte. Sein Eurve ist überschaubar, sechs Romane hat er insgesamt verfasst, weil er pro Buch so sechs Jahre braucht (ich fühle es sehr, harhar) Alle seine Werke spielen in der fiktiven Stadt Holt in Colorado; in dem Bundesstaat, in dem auch er selbst ansässig war.

Unsere Seelen bei Nacht ist ein, finde ich, recht pathetischer Titel für ein Buch, das in einer extrem lakonischen ja fast sachlichen Sprache verfasst ist – vor allem auch für Art von Geschichte, die der Roman erzählen will. Es geht um Addie, eine verwitwte Pensionistin um die 70, die eines Tages die Straße entlang geht um ihren Nachbarn Louis, ebenfalls Witwer, den sie Zeit ihres Lebens, (wenn auch eher oberflächlich) kennt, einen Besuch abzustatten. Bei diesem Besuch schlägt sie ihm vor, dass er von nun abends zu ihr kommen und bei ihr übernachten könnte, um die Einsamkeit, die sie fühlt und die sie auch bei ihm antizipiert zu überwinden…

SPOILER MÖGLICH

Addie geht es bei diesem Vorschlag nicht um Sex, es geht darum, sich gegenseitig Gesellschaft zu leisten und nachts nicht alleine zu sein, es geht um tiefgründige Gespräche. Und ich weiß nicht, liegt es daran, dass Haruf selbst schon schwerkrank war und (zu) wenig Zeit für diesen Buch hatte, aber irgendwie ist mir das alles dann viel zu “en passant” erzählt. Denn tatsächlich hat vor allem Addie ein schweres Schicksal zu bewältigen. Ihre ältere Tochter ist 30 Jahre zuvor beim Spielen mit dem kleinen Bruder – er hat sie mit dem Wasserschlauch quasi aus dem Garten “gejagt” – auf der Straße tödlich verunglückt. Niemand konnte etwas dafür, aber dieser Unfall hat verständlicherweise Addies ganzes Leben verändert. Ihr Mann verstummte und ihr Sohn entwickelte einen Selbst- und in weiterer Folge auch einen Menschenhass, unter dem inzwischen auch ihr Enkel Jamie zu leiden hat.

Das wäre spannend gewesen, hier mehr zu erfahren, aber Haruf erzählt uns lieber in größtmöglicher Ausführlichkeit, wie Louis den Rasen mäht, Addie den Picknickkorb packt und viele kleine andere Alltagserlebnisse, die für sich durchaus süß geschildert werden, aber dahinter lauert eben so viel mehr, über das wir kaum etwas erfahren. So hören wir auch, dass in Louis’ Leben ebenfalls nicht alles nach “Wunsch” verlaufen ist. Er hat seine Frau betrogen, als seine Tochter noch klein war, sich letztendlich aber dann doch für die Familie und gegen die Geliebte entschieden. Aber das ist im Grunde auch nur recht halbherzig geschehen, es schwingt immer so eine Melancholie eines ungelebten Lebens mit, das er lieber geführt hätte. Er weiß, wie viel er kaputt gemacht hat, ohne selbst jemals selbst wirklich zufrieden zu sein. Auch da wäre es interessant gewesen, näher hinzuschauen.

Ein größeres Thema des Romans sind hingegen dann die Nachbarn, die sich den Mund zerreißen über die beiden – Louis nächtliche Besuche bleiben nicht unbemerkt – und die Kinder, die ebenfalls gegen die Partnerschaft sind. Und ich weiß ja nicht wie es ist, im “Bible Belt” der USA der Gegenwart, aber irgendwie kommt mir das alles ziemlich betulich und von vorgestern vor. Und irgendwie interessiert es mich auch nicht wirklich, mich wundert eher, dass das die ganze Umgebung so beschäftigt, dass dieses Element so viel Platz in diesem Roman einnimmt.

Auch wenn Unsere Seelen bei Nacht ein paar wirklich gut geschriebene Szenen hat, vor allem die Momente, als Jamie zu Besuch ist, und die beiden eine Art Großelternrolle einnehmen fand ich schön, finde ich es doch vor allem schade, dass hier die Chance leider ein bisschen verpasst worden ist, eine wirklich tiefgehende Geschichte zu erzählen.

Freitag

Heute war ein gemütlicher Tag.

In der Früh habe ich neue Arbeit bekommen, die mich jetzt gut einen Monat beschäftigen wird, was immer gut ist, wenn man selbstständig ist.

Auflösung folgt

Zu Mittag war ich “Bücher schauen”, um mir einen Roman für mein Wochenende im Garten zu kaufen. Nicht, dass ich nicht noch genug “auf Lager” habe, aber ich habe gestern ein Video von der Wiener Buchhändlerin Petra Hartlieb gesehen, wo sie ein Buch empfiehlt, das mich vom Plot und dann auch beim Reinlesen angesprochen hat. Es ist da oben auf dem Foto und ihr könnt raten, welches es ist.

Danach gings mit L. zu Vapiano (unbezahlte Werbung).

Eines von unseren Kindern hat die Matura bereits hinter sich und meines ist es (leider!) nicht, harhar. Aber bei ihnen lief es super und das ist toll. Wir haben uns unter anderem auch noch über Sommerpläne unterhalten, wobei ich derzeit gar nicht das Gefühl habe, das bald Sommer ist, mag wohl auch am Wetter liegen.

Pasta Pesto Rosso und Pasta Polpette

Tagespasta ist übrigens nicht mehr Polpette am Freitag, sondern Pesto Rosso, aber weil ich das nicht mitgekriegt habe, hat uns der Koch heute zweimal die Pesto Rosso verrechnet, was ich ur lieb fand.

Am Abend habe ich auf Prime entdeckt, dass heimlich still und leise If I Had Legs I’d Kick You veröffentlicht wurde. Ein Film, dessen Hauptdarstellerin Rose Byrne heuer für den Hauptrollenoscar nominiert war, aber in unseren Breiten gab es überhaupt keinen Kinostart und der Film wurde irgendwie komplett totgeschwiegen, bis eben heute.

Jedenfalls habe ich ihn mir dann gleich anschauen müssen und er ist…strange, beunruhigend und verstörend, bisschen Borderline Horrorfilm. Und er hat das seltsamste Casting seit langem, denn neben Byrne spielen Conan O’Brien (als Psychiater), Christian Slater und der Mann von Rihanna, der mit dem Sonderzeichen im Namen. Also zwei Menschen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie schauspielen und einer, der irgendwie ein bisschen in der Versenkung verschwunden ist.

Hoffe, ich träume jetzt nicht schlecht, so wie vorige Nacht (Giftschlangen im Garten).

Thomas Bernhard, zwei

Thomas Bernhards Leben war früh von seiner schweren Lungenkrankheit bestimmt. Im Alter von 18 Jahren erhielt er bereits die Sterbesakramente. Sein Großvater und seine Mutter sterben zu dieser Zeit innerhalb eines Jahres. Er selbst hatte nach der Genesung das Gefühl, dass ihm damals das Leben neu geschenkt wurde, eine Gelegenheit, “sich dem Leben einfach zu überlassen”.

Thomas Bernhard mit seiner Mutter

Bernhard beginnt ein Musikstudium am Salzburger Mozarteum. Diese beiden Komponenten, Krankheit und Musik spiegeln sich auch später in seinen Werken wider. Einerseits im Misstrauen zur Medizin und zu Ärzten. Der Arzt in Der Ignorant und der Wahnsinnige beschreibt die Medizin etwa als “eine Wissenschaft von Organen, nicht von Menschen.” In diesem Stück schildert Bernhard auch detailliert das Sezieren. Der Körper ist bei ihm immer auch ein Schauplatz von Schmerz und Zerfall. Viele seiner Protagonisten arbeiten an Studien; von Störungen aller Art heimgesucht bleiben diese aber unvollendet, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Andererseits dominiert die Liebe zur Musik, die Bezugnahme auf unter anderem Mozart und Bach, auch auf Glenn Gould, der er ins Zentrum von seinem Roman Der Untergeher stellt. Aber auch die Rhythmik in Bernhards Sprache – die von manchen auch als durchaus nervig empfunden werden kann. (Der Professor hat immer gesagt… das hat der Professor immer gesagt… ) In der Ausstellung haben Autoren Songs genannt, die sie mit Bernhard in Verbindung bringen. Sowas finde ich oft viel interessanter als die reine Faktenvermittlung.

Weitere Themen in seinem Werk war die Natur als Nicht-Idylle (natürlich!), und auch der Raum, oft als Gefängnis oder als Projektionsfläche von Träumen, die dann scheitern. Bernhard kauft sich selbst drei (baufällige) Häuser im Salzkammergut, die er zum Teil selbst renovierte und mit von ihm entworfenen Möbeln bestückte. Der ökonomische Druck, der mit dem Kauf und der Instandhaltung der Häuser kam, zwang ihn andererseits wieder dazu, zu schreiben, was er offenbar irgendwie brauchte (nachzulesen zum Beispiel in Meine Preise).

Manche dieser Häuser kann man auch besichtigen.

Meine Lieblings- (selbst erlebte) Bernhard Anekdote übrigens: Unsere Deutschprofessorin am Gymnasium hat einmal beim Zurückgeben der Hausübungen zu meiner Freundin gesagt: “Du schreibst wie Thomas Bernhard.” Und sie daraufhin: “In welche Klasse geht der?” Finde ich immer noch sehr witzig.

Zum Schluss noch ein Zitat der Ausstellung, das mich sehr abgeholt hat. Ich, die ich lange Zeit gar nicht kritisch sein wollte, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich es sein sollte, aber wahrscheinlich weil mein Vater so war und oft zornig, allem möglichem gegenüber, habe ich mich dagegen ein bisschen gewehrt. Aber die ich heute im Prinzip einfach erstmal an (fast) allem zweifle, harhar:

Ich kann die Ausstellung wirklich sehr empfehlen.

Thomas Bernhard

Das Literaturmuseum Wien hat neben seiner (auch sehr sehenswerten) Dauerausstellung zur österreichischen Literaturgeschichte ab dem 18. Jahrhundert auch immer wieder neue thematischen Ausstellungen, die einen ganzen Stock einnehmen. Dementsprechend viel Zeit braucht man dafür, wenn es einen interessiert.

Seit Ende April geht es um Thomas Bernhard, die Ausstellung heißt “Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“, ein Zitat aus seinem Stück Der Weltverbesserer.

Das wirklich sehr schöne Museum innen

Dabei geht es weniger darum, die Biografie von Bernhard nachzuzeichnen, sondern eher die Resonanz seines Werkes weltweit zu beleuchten, Stimmen über ihn zu Wort kommen zu lassen, und quasi seinen “Vibe” zu verstehen. Das Literaturmuseum macht das mit recht modernen Mitteln, es gibt zum Beispiel einen Thomas Bernhard Chatbot, dem man Fragen stellen kann und der antwortet dann in Bernhard’schem Duktus – also etwas angefressen und repetetiv, harhar.

Sehr hübsch fand ich auch das Zitate-raten. Auf einem Monitor findet man 20 Zitate und man kann dann im Mutltiple Choice Verfahren ankreuzen, aus welchen Werk das Zitat, tatsächlich immer eine Beschimpfung von irgendetwas stammt.

Gefallen hat mir ein Zitat über Wien, was auch ausgestellt ist, Bernhard scheibt: “Kann schon sein, dass sie sich ein paarmal im Jahr in dieser Stadt wohlfühlen, wenn Sie über den Kohlmarkt gehen oder über den Graben, oder die Singerstraße hinunter, in der Frühlingsluft.” Natürlich kann man Bernhard nur als Misanthropen und “Nestbeschmutzer” wahrnehmen und ihn zu ernst nehmen (siehe Heldenplatz Kontroverse). Ich persönlich habe mich sehr lange mit seinem Roman Das Kalkwerk beschäftigt, der wirklich fast unerträglich ist. Aber tatsächlich ist er eben ein Meister der Übertreibung, der vieles auch sehr satirisch meint.

Außerdem lässt man in der Ausstellung Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, etcetera Fragen an Thomas Bernhard stellen. Da kommen dann so Fragen wie: “Who or what was your greatest romantic love” – ziemlich interessant, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert Liebe im Werk von Bernhard eingenommen hat, speziell die romantische Liebe ist ja quasi gar nicht existent in seinen Texten und in seinem Leben? Da wissen wir sehr wenig darüber. Die österreichische Autorin Bettina Balatka fragt: “Ist es wahr, dass sie beim Tod von Heimito von Doderer jublierten?” Das bezieht sich darauf, dass Bernhard Doderers Tod angeblich mit: “Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komme ich” kommentierte.1

Der Autor Ansgar Allen schlicht: “Could you pass your ice cream?”


  1. Angeblich hat Peter Altenberg, als er das Cafe Zentral betrat und der Kellner auf ihn zukam und fragte: “Haben Sie schon gehört wer gestorben ist?” geantwortet: “Mir ist jeder recht. ↩︎

So schön wie hier

Einige Tage bevor ich das Christoph Schlingensief Krebstagebuch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein gelesen habe, habe ich einen meiner berühmten Lebensweisheiten-Vorträge gehalten, in dem ich zu einer Person gesagt habe: Wenn du erwachsen bist, bist du der Eskalationsmanager deines Lebens und über jede Eskalation, die du mit Geld lösen kannst – auch wenn es unangenehm ist – kannst du dich freuen.

Das ist genau die eine Seite, die uns Schlingensief in seinem Buch schildert. Wie absolut unbegreiflich schrecklich es ist, plötzlich eine Krebsdiagnose zu erhalten und gleich eine ziemlich verheerende, wie er Anfang 2009. Forgeschrittener Lungenkrebs mit 48 Jahren, obwohl er nie geraucht hat. Danach musste ihm der linke Lungenflügel entfernt werden. Mit einer Menge Ambivalenz hat er sich zu einer Chemotherapie plus einer begleitenden alternativmedizinischen Behandlung entschlossen. Es ist arg, zu lesen, was ihm – der gerade mitten in Theaterproben steckte und sowieso immer dutzend neue Projekte in Planung hatte – alles durch den Kopf gegangen ist: “Diese unbedarfte, unbeschwerte Freude, die man früher hatte, die ist natürlich weg. Die kommt wahrscheinlich auch nicht wieder.”1

Er ist von Anfang an sehr ehrlich zu sich. Er redet sich nicht ein, dass es auf alle Fälle gut ausgehen wird. Seine Hoffnungen erstrecken sich auf zwei, vielleicht drei “gewonnene” Jahre. Er weiß schon, dass er vielleicht nicht mehr Zeit hat als das. Deshalb überlegt er sich, ob er doch noch ein Kind mit seiner Freundin Aino haben möchte, diese ist zu dem Zeitpunkt erst 27 Jahre alt. Diese Gedanken bleiben allerdings vage. Die beiden heiraten aber im Sommer 2009. Die Ehe soll “das ganze Leben” halten, Schlingensief formuliert es wohl bewusst so offen, aber auch so lebensbejahend. Denn das ist die andere Seite seiner Aufzeichnungen: Er spürt, wie schön das Leben ist, wie sehr er liebt zu leben, und dass einfach jeder Tag ein neuer ist, auch und gerade wenn man nicht weiß, wie viele (gute) Tage man noch haben wird. “Wir machen uns dann eine richtig schöne Zeit, erleben kleine Sachen und freuen uns, dass wir sie erleben: Das ist eigentlich die Hauptsache: das Große im Kleinen.”2 Da ist ein Abendessen mit Freunden in der Pizzeria das reine Glück, was man sonst für selbstverständlich nimmt; das neben Aino einschlafen, das einfach aus dem Fenster schauen.

Sehr schön auch dieses, wie er über den Schmerz auch anderer Menschen schreibt:

“(…) Einschnitte sind natürlich, dass man verlassen wird, dass ein geliebter Mensch stirbt, dass man einen Unfall hat oder eben eine Krankheit bekommt. (…) aber ob der Mensch das auch wissen will, ob das Momente des Nach- und Umdenkens werden, ist eben so fraglich. (..) Diese Leute haben doch auch alle ihre Einschnitte, ihre Wunden. Warum zeigen wir sie uns nichts gegenseitig. (…) Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund”3

Das ist keine leichte Kost, Schlingensief erzählt, wie oft er weint, wie oft er verzweifelt ist, wie oft er nicht mehr kann, aber auch davon, wie er trotz allem noch sein Leben genießt, wie er einfach immer weiter denkt. Der letzte Eintrag datiert im Dezember 2009, auf dem Weg zu einer neuer Untersuchung, die ihm sagen wird, wie lange er noch hat. Man spürt zwischen den Zeilen förmlich doch noch, entgegen allem, eine kleine Hoffnung. Im August 2010 ist er gestorben. Aber er hat uns nicht nur alle seine Projekte hinterlassen, sondern auch dieses offene, ehrliche, total poetische Buch.


  1. Christoph Schlingenschief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, Seite 70 ↩︎
  2. a.a.O, Seite 70 ↩︎
  3. a.a.O. Seite 238f. ↩︎

Feiertag

Den heutigen Tag habe ich teilweise im Literaturmuseum Wien verbracht. Hui, diese Woche ist die Woche der Ausstellungen bei mir.

Es gibt dort nämlich gerade eine über Thomas Bernhard, über die ich ein anderes mal erzählen werde. Spoiler: Ihr könnt sie aber auf alle Fälle schon mal anschauen gehen, sie ist genauso gut gemacht wie die letzten Ausstellungen, die ich dort gesehen habe – nämlich eine über Ingeborg Bachmann und eine über Herkunft. Ich habe heute zwei Stunden im Museum verbracht.

Zum Abschied etwas von Grillparzer zum Nachdenken

Anschließend bin ich ins Vapiano Mittagessen gefahren, ich habe immer noch Gutscheine und das ist das beste Lokal zum alleine essen gehen finde ich, weil es jedem wurscht ist, wenn man solo dort sitzt. Und ich liebe einfach das Pilzrisotto.

…und bestes Zitronen Minze Soda

Am Nachmittag habe ich das erst gestern ausgeliehene Schlingensief Buch auch schon wieder fertiggelesen. Es ist schön, sehr erschütternd und traurig natürlich auch. Aber es ist auch sehr positiv, was Schlingensief da über das Leben reflektiert, ich mag seine Art der Wahrnehmung und des darüber Berichtens sehr.

Ein feiner Tag.