almis personal blog

Mephisto

So. Ich habe jetzt Mephisto gelesen. Kurz ein paar Fakten.

Der sechste und erfolgreichste Roman von Klaus Mann wird als Schlüsselroman über den Schauspieler Gustaf Gründgens bezeichnet, der, obwohl homosexuell, kurzzeitig mit Manns Schwester Erika verheiratet war und der im Nazi-Deutschland eine große Karriere machte, unter anderem auch deshalb, weil er sich mit dem Regime “arrangierte”. Im Buch heißt Gründgens Hendrik Höfgen und der Bezug zur porträtierten Person ist ziemlich klar, wenn gleich Mann davon spricht, nur “Typen” zu beschreiben. Beide feierten ihren größten Erfolg aber etwa als Mephisto, dem Antogonist (und Teufel, Doppeldeutung!!) in Goethes Faust. Nach dem Tod von Mann und Gründgens klagte Gründgens’ Adoptivsohn auf Verbot des Buches, ihm wurde in der sogenannten Mephisto-Entscheidung 1971 recht gegeben, das Buch durfte nicht mehr gedruckt werden. Doch die DDR ignorierte das Urteil und später wurde der Roman auch in Westdeutschland neu verlegt. Da niemand mehr Einspruch erhob, wurde nicht nur das Buch selbst zum Erfolg, sondern auch der gleichnamige Film mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle, der auch den Oscar in der Kategorien Best Foreign Language Film für Ungarn gewann.

Mephisto ist in einem ironisch-nüchternen Ton verfasst, Mann beschäftigt sich stark mit der jeweiligen Physiognomie seiner Figuren, über die er den Charakter so intensiv darstellt, dass es mit der Zeit schon etwas ermüdend wird. Höfgen selbst hat einen “aasigen” Gesichtsausdruck – der für uns heute ungebräuliche Begriff, der so etwas wie “widerlich” bedeutet, und das kommt wirklich dutzende Male vor. Emotional kommt man den Figuren dafür kaum nahe. Mann hat sich geweigert, seine Hauptfigur wie das vermeintliche Vorbild zu einem Homosexuellen zu machen, vermutlich weil er diese damals verbotene Neigung nicht noch mit einem zweifelhaften Charakter verknüpfen wollte. So ist Höfgen stattdessen in der SM-Szene unterwegs und lässt sich von der Halb-Afrikanerin Juliette regelmäßig auspeitschen. Wie Mann Juliette beschreibt, ist allerdings auch ziemlich klischeehaft, um es vorsichtig auszudrücken (Stichwort Exotik und Wildheit), aber wahrscheinlich der Zeit der 1930er Jahre geschuldet.

Gut ist, dass Höfgen nicht als der klassische “Böse” dargestellt wird, was auch sehr langweilig wäre, sondern zwar als Opportunist und Karrierist, aber auch als jemand, der durchaus ein Gewissen hat und auch als Mensch, der sich zuweilen, in manchen Momenten, selbst sehr kritisch reflektiert. Von seinen früheren kommunistischen Ansichten rückt er ab, als es Zeit dafür ist, die Seiten zu wechseln. Und man kann aus einer moralisch überheblichen Position behaupten, dass einem das selbst nicht passiert wäre oder nie passieren würde, allerdings erleben wir ja bis heute etwa zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die sich ohne Not auf die Seite von Systemen stellen, weil sie sich davon etwas versprechen. Dann erst recht, wenn man das Gefühl hat, etwas zu verlieren oder in Gefahr zu geraten.

Zu sagen ist zudem, dass Höfgen in seiner neuen Position nicht nur die Hoffnung hat, ehemalige Mitstreiter aus der Haft “herausreden” zu können, er versucht es bei einem Freund sogar zweimal tatsächlich und bringt sich damit selbst in Schwierigkeiten. In ehrlichen Momenten ist er durchaus auch hart zu sich selbst. Er bemerkt, dass er sich zwar als den besten Mephisto Darsteller betrachtet, am Hamlet aber nach eigenen Angaben gescheitert ist. Doch weil er schon so hoch gestiegen ist, kann er gar nicht mal mehr durchfallen: “Das neue Berliner Publikum beurteilte die Schauspieler weniger nach der Reinheit und Intensität ihrer künstlerischen Leistung als nach Beziehungen zur Macht.”1 Und das ist für einen ehrgeizigen Schauspieler, der nach Vollendung strebt und sich selbst immer wieder fordert, ungeheuer frustrierend.

Als nächstes werde ich einen verwandten Roman lesen, Bel Ami von Guy de Maupassant und mir dann natürlich auch den Film ansehen.

—

  1. Klaus Mann: Mephisto, S. 379 ↩︎

Vaterland

Derzeit gibt es recht viel interessantes im Kino zu sehen, vorige Woche habe ich mir Vaterland, den neuen Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski, angesehen.

In diesem Film geht es um eine Reise des Schriftstellers Thomas Mann (Hanns Zischler) durchs Nachkriegsdeutschland des Jahres 1949, die ihn gemeinsam mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) zurück in seine Heimat führt, nachdem er 15 Jahre im Exil verbracht hat. Sowohl in Frankfurt am Main, das von den Westalliierten besetzt ist, als auch ein Weimar – dort sind die Sowjets – bekommt er den Goethe-Preis verliehen und soll Reden zum 200 Geburtstag des Dichters halten, gleichzeitig aber auch Stellung zu Deutschland beziehen.

SPOILER GIBT ES HIER NICHT WIRKLICH

Das klingt ja alles ziemlich interessant, gerade für eine Germanistin und die Bildsprache von Pawlikowski ist tatsächlich meisterhaft. Meisterhaft akademisch zumindest, hier ist alles sehr korrekt, sehr reglementiert, sehr akkurat, so als wollte Pawlikowski uns zeigen, wie Deutschland nach Kriegsende fast verzweifelt versucht, wieder eine neue Art von “Ordnung” zu schaffen. Dafür wird auch Thomas Mann gerne ja man kann sagen instrumentalisiert, er soll eine Rolle spielen, als moralische Instanz, die für ein neues Deutschland steht, die dem Land wieder eine Daseinsberechtigung gibt, geläutert und sich auf ihre alten Tugenden besinnend. Gleichzeitig zeigt uns Pawlikowski die Ambivalenz von Mann, der sich gar nicht mehr heimisch fühlt in diesem Deutschland, der außerdem zwar für das Wort steht, nicht aber für die Emotion. Und dem es letztendlich nicht einmal gelingt, in seiner eigenen Familie Harmonie oder zumindest Ausgleich zu schaffen.

Pawlikowski zeigt das exemplarisch am Suizid vom ältesten Sohn Thomas Manns, Klaus (August Diehl), der eine besonders enge Beziehung zu Erika hatte. Und hier hat der Regisseur einige künstlerische Freiheit walten lassen, denn der Tod von Klaus fand im wirklichen Leben bereits einige Zeit vor der Reise statt und die Reise hat Thomas tatsächlich gar nicht mit Erika, sondern mit seiner Ehefrau Katia unternommen. Ich finde solche eigenmächtigen Entscheidungen in einem Film, der so viel Authentizität vermitteln will und der so bekannte Personen porträtiert ehrlich gesagt immer ein bisschen schwierig. Und ein wenig habe ich auch den Eindruck, dass die Entscheidungen deswegen getroffen wurde, um dem Film irgendeine Art von Dramatik und Dringlichkeit zu geben, denn es passiert quasi sonst nichts.

Ich habe an sich kein Problem mit Filmen, in denen nichts besonderes passiert, wenn sie einen anderen Mehrwert haben, wenn sie Stimmungen vermitteln, Atmosphäre, wenn sie interessante Dialoge haben oder von Details leben, mir die Charaktere der Protagonistinnen und Protagonisten vermitteln. Doch hier bleibt einem alles fremd und seltsam auf Distanz, nicht nur dieses Nachkriegsdeutschland, auch die Manns. Pawlikowski macht also zwei breite Themenbereiche auf, holt aber aus beiden für mich ziemlich wenig heraus und das finde ich ein bisschen schade. Die Schauspielerinnen (wieder einmal Sandra Hüller!) und Schauspieler sind nämlich gut, aber sie bekommen ziemlich wenig zu tun.

Ich bin aber mit diesem Befund eher alleine, ich glaube, die meisten anderen Menschen konnten mit Vaterland mehr anfangen als ich.

Wochenende

Heute mal kein Vapiano Foto, sondern was fotogenes selbstgemachtes vom Wochenende:

Hendl mit Käse und Schinken, Nudeln mit Gemüse

Vor ungefähr zwei Wochen hat das Kind mich über die Tigermücke informiert, die in unseren Breiten gerade Saison hat. Und ich so, ignorant wie ich manchmal bin: Tigermücke geh bitte, was soll das sein, das gibt es doch bei uns nicht. Jetzt, ungefähr 200 Stiche später, muss ich sagen, ja es gibt diese Tigermücke und ihre Stiche sind so extrem fies und vor allem sticht sie auch untertags. Einmal war es so arg, dass ich einfach ins Pool geflüchtet bin, weil es überall so gejuckt hat. Ich hoffe, dass ich bis nächstes Jahr die Tigermücke wieder vergessen habe, harhar. Glücklicherweise ist die Saison erst im Spätsommer.

Heute war ich auch noch ein letztes (!?) Mal im Pool, bin neugierig, wie oft ich das noch schreib, er hat nur noch 23 Grad, aber wenns draußen so warm wie heute ist, geht es.

Außerdem habe ich mir fürs Wochenende neue Bücher gekauft:

Ja richtig, ich habe Vaterland gesehen (harhar). War jetzt allerdings nicht so überwältigt von dem semi-fiktionalen Film über Thomas Manns Deutschlandreise im Jahr 1949 wie andere Menschen. Aber in dem Film kommt auch der Sohn, Klaus Mann vor und in einer Szene auch Gustaf Gründgens, der nicht nur ein berühmter Schauspieler, sondern auch mit Erika Mann verheiratet war; und über diesen hat Klaus den Schlüsselroman Mephisto geschrieben. Ich habe weder den Roman bisher gelesen, noch den Film mit Klaus Maria Brandauer gesehen, große Bildungslücke. Na immerhin habe ich jetzt schon die Hälfte des Buches gelesen. Ich finde, man kann über das Werk schwer sagen, dass es einem “gefällt”, aber es ist sehr interessant geschrieben.

Und auf in die nächste Woche, die quasi im Zeichen von Erinnerungen steht.

Violeta

Wenn ein Autor, eine Autorin ein großes Euvre hat und man bisher noch nichts davon gelesen, dann ist oft die Frage, womit fängt man an, um quasi die “Essenz” zu verstehen? Was Isabel Allende betrifft, wurde mir schon vor einiger der Roman Violeta geborgt und so habe ich diesen, der 2022 erschienen ist, erst kürzlich als ersten Roman von ihr gelesen, was wahrscheinlich nicht die beste Idee war. Dieses Werk hatte, wie ich jetzt im Nachhinein erfahre, sehr gemischte Reaktionen und das ist auch das, was ich am Ende empfunden hat, eine doch beträchtliche Ambivalenz, obwohl ich ihren Schreibstil an sich mochte.

In diesem Roman erzählt die bald 100 jährige Violeta del Valle, erfolgreiche Unternehmerin und selbsternannte Feministin, ihrem Enkelsohn Camillo die Geschichte ihres Lebens, das zu Zeiten der spanischen Grippe in einem unbekannten südamerikanischen Land (das Chile ähnelt) begann und quasi zu Corona endete, was ja recht charmant ist, so als dramaturgische Klammer. Diese Parallele beschreibt aber schon auch sehr gut, wie es mir beim Lesen gegangen ist. So gefährlich wie die spanische Grippe war, so mitreißend und inspiriert beginnt das Buch, so interessant finde ich die ersten, sagen wir, 150 Seiten, es geht um etwas, es ist spannend. Im Vergleich dazu ist Corona ziemlich lauwarm und so fühlte mich mich auch am Ende dieses Buches.

Spoiler!!

Denn was am Anfang interessant ist, die skurille Familie, die vielen merkwürdigen Menschen, denen Violeta begegnet, die irgendwo zwischen Idealismus und Kriminal, zwischen Kapitalismus und Esoterik stehen, die sind anfangs erfrischend. Ihr erster Mann Fabian, den sie gegen ihr Bauchgefühl heiratet, aber bald für Julian verlässt, einem windigen Piloten, von dem sie außer sexueller Erfüllung nichts erwarten kann, das läuft sich in den unendlichen Wiederholungen irgendwann tot. Violeta entgleiten gar beide Kinder – der Sohn in die Ideologie, die Tochter in die Drogensucht – letztendlich versucht sie eine Rettung, aber es ist halt alles sehr viel Drama und blinder Aktionismus, und ich finde, sie stellt immer sich selbst in den Mittelpunkt, nicht andere Menschen, auch wenn sie das vorgibt. Es findet wenig psychologische Analyse statt, wieso es soweit kam, dass sie zu den Kindern nie eine wirkliche Verbindung aufbauen konnte. Violeta generiert sich immer irgendwo zwischen Versager- und Märtyererin und auch wenn ich Antihelden mag, das nervt mich.

Bezeichnend ist dafür der Tod der Tochter Nieves, die sie während ihrer ungeplanten Schwangerschaft unterstützt. Nieves geht für ihr ungeborenes Kind durch einen Entzug und Violeta ist während dieser Zeit an ihrer Seite und betreut sie in Los Angeles (!). Violeta gibt ihr eigenes Leben eine zeitlang auf, erzählt sie doch mit einigem Stolz, um für ihre Tochter da zu sein. Aber ein Lover geht sich nebenbei doch noch aus harhar. Als das Baby schließlich als Notfall geboren wird, stellt sich heraus, dass Nieves an Eklampsie erkrankt war, sie verstirbt unmittelbar nach der Geburt. Eklampsie ist bis heute eine gefährliche Schwangerschaftskomplikation, die aber beherrschbar ist und schon in den 1960er Jahren war, wie ich recherchierte, speziell an einem Ort wie Kalifornien. Und das ist irgendwie bezeichend für die Figur der Violeta, die sich immer wieder rühmt, wie beruflich erfolgreich sie war, wie wohlhabend, wie fortschrittlich: Warum hat sie ihre Tochter nicht besser medizinisch betreuen lassen, Stichwort Vorsorgeuntersuchung? Gerade mit der Vorgeschichte als Suchtkranke. Eine Früherkennung hätte ihr vielleicht das Leben gerettet. Aber das ist typisch Violeta: “too late, too little”.

Zuweilen versorgt uns Violeta mit Paolo Coehlo-artigen Weisheiten a la “Der Weg entsteht im Gehen” oder “Wir kriegen nichts geschenkt, wir müssen es uns nehmen und gut darauf aufpassen, sonst wird es uns wieder gestohlen.” Was aber einige Rezensenten und vor allem auch -innen beklagen, dass Allende hier die Sexualität einer über 80 jährigen beschreibt, ihre hängenden Brüste, das finde ich ziemlich kleinkariert, auch wenn die Rezensenten nichts davon hören mögen: überprüft mal euer Frauenbild im Jahr 2026. Das ist nicht das Problem des Romans, dass Violeta bis ins hohe Alter sexuelle Beziehungen hat. Der Roman hat genug andere Schwächen, harhar.

Fazit: Mitreißend angefangen, leider stark nachgelassen. Vielleicht ist der Roman auch einfach nur zu lang. Der Fairness halber werde ich aber noch etwas anderes von Allende lesen.

Oh William

Ich bin immer so froh, wenn ich eine Autorin oder einen Autor entdecke, deren oder dessen Schreibstil mir gefällt und dann komm ich drauf: Oh da gibt es noch mehr Romane. Viel mehr. So ging es mir mit Elizabeth Strout. Irgendwie random aus dem Regal gezogen, die Inhaltsangabe gelesen, mitgenommen und sehr begeistert gewesen.

In Oh William geht es um den Ex-Mann der Protagonistin, Schriftstellerin Lucy Barton, der mit Anfang 70 in einer veritablen Lebenskrise steckt. Und obwohl die beiden schon lange nicht mehr zusammen sind, nimmt er sie mit auf einen Roadtrip in seine Vergangenheit.

Ich lese ja im liebsten Romane über die verschiedenen Beziehungen, die Menschen so miteinander führen können und was die Freuden dieser Verbindungen, aber auch die Schwierigkeiten sind. Lucy zum Beispiel weiß genau, wieso sie mit William nicht mehr zusammen ist, sie war es auch, die sich damals auch von ihm getrennt hat als die Töchter fast erwachsen waren. Spoiler: Es ging um andere Frauen, aber nicht nur. Es gibt einiges, was sie an ihm nervt (und umgekehrt, wie sie genau weiß), also hier wird Gott sei Dank nicht so eine Klischee Ex-Partner-sind-die-besten-Freunde- Geschichte erzählt. Trotzdem haben die beiden eben diese gemeinsame Vergangenheit und ein Fundament, auch eine gute Gesprächsbasis, die bewirkt, dass sie in Krisensituationen doch immer wieder die Nähe des jeweils anderen suchen.

Das ist ein leises Buch, es passiert nicht wahnsinnig viel spektakuläres “außen”. Es geht ganz viel um Charakterentwicklung, die die Details, die Menschen ausmachen, die Mechanismen, die greifen, wenn jemand in die Enge getrieben wird, wie man aber auch über sich herauswachsen kann. Ich mag, wie Strout das macht, dieses Erzählen, wie sie Menschen beschreibt: Also da wäre einmal sein Aussehen, schreibt sie, und das sind seine Ängste, das sind seine Frauen. “Aber auch das gehört dazu…” schreibt sie weiter, und “Dazu muss man verstehen…” sie schreibt so, als würde sie das einem direkten Gegenüber erzählen und das schafft so eine spezielle Verbindung finde ich, die man als Leserin zu dieser Lucy gewinnt.

Ich bin draufgekommen, dass Lucy immer wieder in Romanen von Strout vorkommt. Lucy, die als Kind von den Eltern sowohl finanziell und emotional nur mit dem notwenigsten ausgestattet wurde, aufgewachsen im hintersten Illinois und auch für dortige Verhältnisse noch rückständig, das einzige Kind von dreien, dass sich von der Vergangenheit befreien konnte, ein “besseres” Leben haben konnte. Aber natürlich, frei nach Doderer, tropft, die Kindheit das ganze Leben an ihr herunter und sie schreibt immer wieder darüber, aber auch über die anderen Familien an diesem Ort.

In einem anderen Roman von Strout sagt Lucys Schreibcoachin ihr: “Sie werden immer nur eine Geschichte haben. Sie werden diese Geschichte auf vielerei Weise schreiben. Lassen Sie sich davon nicht irre machen. Sie haben nur eine Geschichte.”1 Höchst nachdenkenswert!


  1. Elizabeth Strout: Die Unvollkommenheit der Liebe, Seite 155f. ↩︎

Die Woche bisher, zwei

Die Woche gab es noch ein Sommermittagessen im Garten mit den Kids. Das war wie immer ganz toll, weil ich finde nicht, dass man davon ausgehen kann, dass zwei (fast) 18 Jährige ihre Zeit gerne mit älteren Menschen verbringen, harhar.

Blick auf ein Spätsommermittagessen

Die Kinder sind dann weitergefahren, und ich freue mich für sie, dass sie den Sommer genießen und herumkommen.

Außerdem war ich in der Bücherei, diesmal im 18. Bezirk, in der Weimarer Straße, auch dieses Gebäude ist hübsch:

Bücherei Weimarer Straße, 4. September 2026

Ich habe in den beiden Büchern geblättert, die ich mir ausgeborgt habe, anlässlich der “Wiederentdeckung” der Severingase. Weil in Almost und Almost 2 geht es um Orte in Wien, die nach anderen Ländern oder Städten aussehen und das finde ich total interessant und hilft mir vielleicht dabei, selbst Plätze in der Stadt origineller oder “wahrer” beschreiben zu können. Der Journalist Wojciech Czaja ist während der Lockdowns mit seiner Vespa durch Wien gefahren und hat diese besondere Orte gefunden und es ist wirklich erstaunlich wie sehr Wien ganz oft gar nicht nach Wien aussieht.

Außerdem habe ich einen Menschen im Fernsehen gesehen, also besser gesagt auf orf.on. Einen Menschen, den ich sehr mag, den ich aber schon Jahre nicht gesehen habe #ausgründen. Und es war sehr schön, ihn sprechen zu hören und zu erzählen wie früher, so klug und witzig, auf so eine unaufdringliche Art. Früher wäre ich traurig gewesen, beim Ansehen, heute denke ich mir, schön, dass es diesen Menschen gibt auf der Welt, und dass ich ihn kennenlernen durfte und wir wunderbare Gespräche hatten. Habe dann in der Nacht gleich vom ihm geträumt und von jemand und auch das hat mir viele positive Gefühle gegeben.

Kann ich immer so gechillt auf das Leben blicken, auch auf die Verluste? Natürlich nicht, harhar. Aber ich tue mein Bestes.

Fremde

Belle Burden gelang, wie ich schon geschrieben habe, mit ihrem autobiografsich geprägten Roman über das Ende ihrer Ehe namens Fremde ein mega Bucherfolg in den USA, der heiß diskutiert wurde, weil Burden offen über ihr eigenes Leben schreibt. Burden entstammt selbst der berühmten (und reichen!) Vanderbilt Familie, ihre Großmutter war ein It-Girl ab den 1930-er Jahren und eng mit Truman Capote befreundet.

Die Handlung von Fremde setzt im März 2020 ein, als Burden mit ihrem Ehemann James (sein Name wurde geändert) und den zwei jugendlichen Töchtern – der ältere Sohn ist bei Freunden geblieben – vor dem New Yorker Lockdown in ihr Feriendomizil auf Marthas Vineyard flüchtet. Bereits wenige Tage später erhält sie dort den Anruf eines ihr unbekannten Mannes, der behauptet, seine Frau hätte ein Verhältnis mit James. James leugnet nicht, trennt sich sofort von Belle und reist ab. Entgegen meiner Befürchtungen ist die Pandemie hier ein Nebenschauplatz, und kommt vor allem als Faktor in Bezug auf die Isolation in dieser Ausnahmesituation vor. Eine Isolation, die gute und schlechte Seiten hat. Einerseits kann sich Belle zurückziehen und muss nicht unmittelbar Rechenschaft über die neue Situation ablegen, andererseits sind die Menschen, die sie unterstützen können, zumindest räumlich weit entfernt.

Wie schon bei Lena Dunham, der vorgeworfen wurde, in ihren Erinnerungen Adam Driver in Misskredit zu bringen, habe ich auch hier nicht den Eindruck einer Racheaktion. Und glaubt mir, ich würde es sagen, wenn es anders wäre, harhar. Es ist vielmehr der Versuch von Burden zu begreifen, wie es so weit kommen konnte. Wie ihr Mann, mit dem sie 20 Jahre glücklich verheiratet war, ein guter Mann und Vater, plötzlich ohne viel Erklärung aus ihrem Leben verschwinden konnte, als hätte sie nie eine Rolle gespielt. Diese Erkenntnis, die wahrscheinlich jeder von uns schon einmal hatte, einen anderen, besonders vertrauten Menschen plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen, weil man seine Handlungen (oft in Bezug auf einen selbst) nicht verstehen kann. Burden gräbt in James’ Vergangenheit, versucht Traumata zu identifizieren, sucht die “Fehler” aber auch bei sich. Sie beschreibt die Reaktionen ihrer Umwelt: ihre Ärztin etwa meint, da Burden seit den Kindern nur noch ehrenamtlich als Anwältin arbeitet, dass nicht-berufstätige Frauen für Männer meist uninteressant werden. Und das ist auch so ein interessantes Phänomen, wenn man eine Trennung durchmacht, dass ganz viele Menschen einem ihre Lebensansichten und Glaubenssätze aufdrücken, die in der Regel nicht gerade hilfreich sind.

Einen beträchtlichen Teil des Romans nimmt auch das Eingehen auf finanzielle Aspekte ein. Gut, wir sind jetzt alle keine Vanderbilt Erben (harhar), aber es geht ums Prinzip. Burden hat auf Wunsch von James und gegen den Rat ihres Anwalts einen Ehevertrag unterschrieben, der besagt, dass das in der Ehe erwirtschaftete Geld im Falle der Scheidung bei der Person bleibt, die es verdient hat. Sprich: Die hohen Einkünfte von James gehören am Ende ihm allein. Burden selbst hingegen hat die gemeinsame Wohnung und das Haus großteils vom ihrem Erbe bezahlt und James trotzdem als Miteigentümer eintragen lassen, weshalb sie ihn nun auszahlen müsste, was ihren finanziellen Ruin bedeuten würde; dazu kommt es dann nicht, da James schließlich einlenkt. Trotzdem hat sie durch ihre Entscheidung große finanzielle Einbußen. Diese Entscheidungen, die aus Liebe und das Vertrauen in ein “happily ever after” getroffen wurden, das wir – sind wir uns ehrlich – an einem gewissen Punkt alle hatten, können einen im Zweifelsfall die Existenz kosten. Auch wenn es unromantisch klingt, über Geld zu sprechen, Burden erinnert uns daran, dass eine faire Einigung in den “guten Zeiten” wichtig wäre.

Fazit: Ein dicht erzählter Page-Turner, der zeigt, wie man als der Mensch, der “übrigbleibt” irgendwann in der Lage ist, das Tal der Tränen auch wieder zu verlassen. Allerdings ist es ein langer, schmerzhafter und oft schwieriger Weg, der mit sehr viel Selbsterkenntnis und Bewusstseinsarbeit einhergeht. Vor allem dem Bewusstsein, das Leben lieben zu lernen, auch wenn von nun an jemand fehlt.

Bye August

Gestern waren die Kids zu Besuch im Garten. Das war fein. Ich habe Pizza vom Italiener und Red Bull vom Billa geholt (unbezahlte Werbung), ich liebe die Nahversorger in meiner Pampa. Es gibt sogar eine E-Lade Station, auch so etwas, was in der letzten Zeit enorm wichtig geworden ist und gestern ebenfalls genutzt wurde.

Außerdem habe ich wie geplant das Burden Buch Fremde angefangen und ich lese es tatsächlich bisher gar nicht als Abrechnung, sondern eine Chronologie des (entsetzten) Staunens, was aus einer Beziehung, einer Ehe werden kann. Von einer Minute auf die andere ist alles vorbei und man kann nur hilflos zusehen, wie das eigene Leben ein anderes wird, ein anderes werden muss.

Am Abend dann noch kontemplatives Blumengießen. Als Jugendliche habe ich immer mit einem Buch in der Hand gegossen, weil ich es so langweilig fand, mittlerweile kann ich dabei super entspannen.

Der Garten in seiner spätsommerlichen Verwilderung

Heute bin ich mit einer WhatsApp Nachricht aufgewacht, ob ich “auf die Schnelle” einen Auftrag annehmen kann. Gibt es eine bessere Nachricht am Sonntag um 7.30? Wohl kaum. Aber ich war natürlich Willens und habe dafür dann gelesen: “Du rettest mich mal wieder”. Und dafür bin ich sehr empfänglich.

War aber dann dazwischen zweimal im Wasser, weil wer weiß wie lange noch. Das Wasser hat wieder 28 Grad und fühlt sich doch schon anders an, weil jedes Mal baden jetzt das letzte Mal sein kann und ich liebe diese Spätsommertage in ihrer Vergänglichkeit, weil sie nicht mehr diese Selbstverständlichkeit haben, sie lassen sich jetzt schon bitten.

Wegen der Arbeit habe ich einen Kinobesuch verschieben müssen. In der nächsten Zeit will ich The Dog Stars und Teenage Sex and Death at Camp Miasma sehen – manche Menschen, als ich ihnen das Plakat gezeigt habe: Ach du Scheiße! Harhar. Und ja, sehe ich eh auch so, es soll aber ein Meta-Meta Film sein, und darauf bin ich dann doch neugierig.

Morgen dann nochmal ein arbeitsmäßiger Vollgas-Tag und ich freue mich sogar darauf. Und dann ist der August schon wieder vorbei.

Long Island

Ich habe circa 40 Seiten gebraucht, bis ich draufgekommen bin, dass der Roman Long Island von Colm Tóibín die Fortsetzung seines Romans Brooklyn ist.

SPOILER FÜR BEIDE ROMANE

Brooklyn habe ich nicht gelesen, aber ich habe den Film mit Saoirse Ronan gesehen, der mir entgegen meiner Erwartungen sehr gut gefallen hat. In Brooklyn geht die Irin Ellis nach ja, wer hätte das gedacht, eben New York, um dort eine Zukunft zu haben. Einen guten Beruf, eine neue Perspektive auf das Leben und letztendlich auch einen Mann, den (etwas einfach gestrickten) Italiener Tony. Um es kurz zu machen, aufgrund eines Trauerfalls muss sie dann zurück nach Irland reisen und trifft dort eine Jugendbekanntschaft Jim, der viel besser zu ihr zu passen scheint. Sie schwankt – entscheidet sich aber dann letztendlich doch zur Rückkehr. Ich habe mir damals gedacht, so wie Ronan das gespielt hat, eigentlich hat sich Eilis sich weniger für den Mann entschieden als viel mehr für das Leben in den USA. Die wirkliche Liebe hat sie Amerika entgegengebracht.

Long Island heißt so, weil Eilis mit Tony, den zwei jugendlichen Kindern und dem Rest der italienischen Sippe mittlerweile dorthin gezogen ist. Aber sie steht wieder an einem Wendepunkt. Tony hat sie betrogen und die andere Frau bekommt ein Kind von ihm, das – zu allem Überfluss – auch noch in der italienischen Großfamilie aufwachsen soll. Natürlich inakzeptabel. Eilis reist erneut zurück nach Irland, um auch nach 20 Jahren ihre Mutter wiederzusehen und sie trifft natürlich wieder auf Jim, der einfach 20 Jahre Single geblieben ist, der genau jetzt im Begriff ist zu heiraten, und zwar Nancy, die verwitwete Freundin von Eilis, die er seit ein paar Monaten (natürlich) heimlich trifft.

Und ich mag einiges an diesem Roman, die detailreiche Charakterzeichnung, die Spannung, die Tóibín aufbaut, und natürlich auch die Frage, was Heimat überhaupt ist, wo sie liegt. Wenn sie ein Ort ist, verliert man diese irgendwann, wenn man lange genug weg ist? Findet man eine neue ebenbürtige? Eilis ist in die USA aufgebrochen, sie liebt dieses Land. Aber die Familie, in die sie hineingeheiratet hat, ist keine (rein) amerikanische, sondern eine italienische, die ihr fremd bleibt, zu der sie sich nicht richtig zugehörig fühlt. Die alte Familie hingegen ist zu weit weg, und zwar bekannt, aber auch fremd, anders fremd. Hier beobachtet Tóibín sehr genau und scharf.

Aber diese Unentschlossenheit bei allen Beteiligten, die mag ich nicht. Jim ist der Notnagel für Eilis, weil es gerade orsch ist daheim. Nancy ist Jims Notnagel, weil Eilis unerreichbar ist. Nancy selbst hat den Tod ihres Mannes noch nicht wirklich verarbeitet. Entscheidungen werden nicht da getroffen, wo sie notwendig wären, sondern anderorts als Ersatzhandlungen, oft im Alleingang, ohne Absprache, als Trotzreaktion, um jemand in eine Falle zu locken und diesem seine Optionen zu nehmen, um Menschen vor (offenbar) vollendete Tatsachen zu stellen. Und da denke ich mir dann: Oh Leute, ihr seid alle bald 50, geht das nicht ein bisschen reflektierter? Könnt ihr nicht ein bisschen mehr Verantwortung für euch selbst übernehmen? Das ist alles so unentschlossen und “irgendwas”, das hat mich dann auch wieder geärgert.

Deswegen ist Long Island für mich auch keine Liebesgeschichte, sondern eher eine Warnung, was passiert, wenn man sein Leben nur halb lebt.

Donnerstag

Heute war ich in der Mittagspause wieder im Vapiano (unbezahlte Werbung) und habe mir eine Tagespasta bestellt. Marry me Chicken.

KI sagt, dass es deshalb so heißt, weil der anwesende Kameramann zur Food Redakteurin, die das Gericht 2016 kreiert hat, gesagt haben soll, dass er sie dafür heiraten würde. Wenn das nicht wahr ist, dann ist immerhin gut erfunden. Es handelt sich übrigens um eine Pasta, die von der toskanischen Küche inspiriert ist – mit Obers, getrockneten Tomaten und frischem Babyspinat und es ist wirklich sehr schmackhaft.

Danach war ich noch einen Sprung in der Buchhandlung, um den Roman zu suchen, von dem derzeit jeder spricht, Fremde von Belle Burden, im Original: Strangers. A Memoir of Marriage.

Burden ist eigentlich Anwältin, erzählt in Fremde aber über ihre Scheidung nach 20 Jahren Ehe im Jahr 2020. Und wie ihr Mann ihr eben wieder fremd wurde. Sowas interessiert mich immer sehr, ich hoffe aber, Covid kommt nur am Rande vor (wie in meinem Text btw.)

Das Buch wird anscheinend in den USA heiß diskutiert, auch unter dem Gesichtspunkt, dass Burden keine fiktionalisierte Version ihres Lebens beschreibt, sondern eben “A Memoir”, was ja immer den Anspruch von “Wahrheit” hat. Also ihr Mann ist ihr Mann und was sie ihm anscheinend vorwirft, wirft sie keinem verklausuliert umschriebenen Chrakter vor, wo man nicht weiß, was ist jetzt real und was erdacht, sondern einer existierenden Person. Und das ist natürlich immer ein bisschen schwierig. Weil wir alle die Dinge selbstverständlich aus unserem Blickwinkel sehen und weil wir dazu neigen, ungerecht zu werden, gegen Menschen, die uns verletzt haben, die uns betrogen und verlassen haben. Wobei ich jetzt natürlich noch nicht weiß, wie Burden das umgesetzt hat. Eine Gegen-Memoir von ihrem Mann wäre sicher interessant.

Das hat mich auch daran erinnert, welche Schwierigkeiten der norwegische Autor Karl Ove Knausgard bekommen hat, als er sehr unverblümt über seine Ehefrau und Familie geschrieben hat – darüber hat er dann auch wieder geschrieben. Und ich mag Knausgard sehr, denke mir dann immer ja Freiheit der Kunst und die meisten Autoren verarbeiten wohl etwas aus ihrem Leben in ihren Werken, aber warum bettet man es nicht in fiktionales ein? Hat das Explizite hier vielleicht nicht doch eine gewisse Funktion für den Autor? Und wenn ja welche genau? Spannende Fragen.

Snoppy immer am Nachdenken und Schreiben

Ach ja, dieses süße Häferl hab ich auch gesehen, sieht aus wie mein Snoopy auf dem Browser, der immer an seiner Schreibmaschine sitzt.

Und am Wochenende lese ich dann Fremde.