almis personal blog

Serge

Im Jahr 2024 erschien der Film A Real Pain von und mit Jesse Eisenberg, von dem ich leider nicht so begeistert war wie der Rest der Welt. Eisenbergs Co-Star Kieran Culkin bekam sogar den Nebenrollen-Oscar, weil er einen sehr unsympathischen Menschen sehr unsympathisch verkörperte, harhar. Ich weiß, es ging auch darum, dass hinter dessen nervtötenden Persönlichkeit ein verletzlicher Mensch steckt und der Zuseher für diesen Empathie aufbringen sollte, es hat bei mir nur nicht funktioniert, ich fand ihn einfach nur furchtbar anstrengend. Die Prämisse des Filmes aber, zwei amerikanische Cousins mit polnischer Herkunftsfamilie machen nach dem Tod der Großmutter eine “Holocaust-Tour”, um ihren Wurzeln und damit sich selbst auf die Spur zu kommen, fand ich wirklich interessant.

Nun habe ich Serge von Yasmina Reza gelesen und sehen wir uns die Prämisse hier an: Drei Geschwister, Franzosen mit ungarischer Herkunftsfamilie, machen nach dem Tod der Mutter einen “Holocaust-Tour”, um ihren Wurzeln und damit sich selbst auf die Spur zu kommen. Hm. Der Roman ist übrigens von 2022. Serge hat jedenfalls alles, was dem Film meines Erachtens fehlt.

So ein Buch kann natürlich nur jemand schreiben, der selbst jüdischer Herkunft ist, vor allem wenn die Betrachtungen teilweise so bitterböse und auch selbstkritisch sind. Die titelgebende Figur des Serge sagt einmal: “Die übrig gebliebenen Juden sind nichts wert. Guck dir doch die Nullen an, die wir jetzt haben.”1 Aber zum Teil ist es auch ziemlich komisch. Einmal meinte Serge über etwas: “Das erstatten sie uns zurück” und bekommt zur Antwort: “Juden erstatten nichts zurück.”2 Oder wenn der Erzähler Jean, Bruder von Serge, feststellt: “Meine Mutter hatte einen wenig in unsere Zeit passenden Reflex: Um nichts in der Welt wollte sie Opfer sein.”3

Reza schafft auch, was der Film ebenfalls versuchte, eine Kritik an der Erinnerungskultur-Industrie an sich anzubringen, an den Touristen, die ergriffen von ihrer eigenen Haltung sind, dabei aber Sackerl von H&M oder Zara tragen, weil sie nach dem Besuch von Ausschwitz eben shoppen oder gut essen gehen. Gleichzeitig stellt aber gerade die Figur Serge die Sinnhaftigkeit von Erinnerung quasi auf Kommando kritisch in Frage, wenn er über die “besonders trübsinnig inszenierte ungarische Ausstellung” in Ausschwitz reflektiert. Und wie wenig kathartisch es sei, neben der berühmten “Judenrampe” zu stehen, in der hellen Sonne, in Shorts, Kekse zu essen und zu schwitzen. Serge hat überhaupt wenig übrig, für die “unerbittliche Ernsthaftigkeit der Jugend” (was für eine wundervolle Formulierung!) Dennoch wird hier natürlich nichts kleingeredet oder verharmlost, im Gegenteil: Schmerz und Verletzlichkeit haben in diesem Roman mindestens ebensoviel Platz.

Jetzt denkt man sich vielleicht – warum heißt der Roman “Serge“, wenn es um drei Geschwister geht. Das werde ich nicht verraten, weil ich das Buch sicher einmal verschenken werde. Aber sagen wir so, auf den letzten 20 Seiten wird es klar. Die anderen beiden Jean (der Erzähler, das mittlere Kind) und Nana, die “kleine” Schwester bekommen in dieser Geschichte aber ebenfalls viel Raum, so wie noch andere Familienmitglieder, die oft mittels liebenswerter Schrullen charakterisiert werden. Hier wird aber auch bei Familienkonflikten und Traumata ganz genau hingeschaut und gar nichts beschönigt, und ich mag ja so eine radikale Ehrlichkeit, wo aber keine Bitterkeit, sondern immer noch eine Schicht Galgenhumor dahinter steht, sehr gerne.

Berührend ist, wie Nana im Streit Serge einmal hinterherschimpft, dass sein Leben gescheitert ist. Das bereut sie später. “Es tue ihr furchtbar leid, dass sie das gesagt habe, sein Leben sei restlos gescheitert. Welches Leben denn nicht? Nach welchen Kriterien könne man sagen, ob ein Leben gescheitert sei oder nicht?”4

Ich liebe die Art wie Reza schreibt und wie ich sehe, gibt es in den Büchereien eine Menge ihrer Bücher….

  1. Yasmina Reza: Serge, Seite 104 ↩︎
  2. Reza, Seite 57 ↩︎
  3. Reza, Seite 33 ↩︎
  4. Reza, Seite 203 ↩︎

Dienstag

Apropos Haus, mein Haus ist über die Jahre auch anders für mich geworden. Vor allem wichtig. Als Ort, der mir gehört, der aber auch offen stehen soll, den ich Schritt für Schritt nach meinem Geschmack ergänzen, gestalten will. Ich habe daran gedacht, dass jemand einmal sagte, das Haus sei schlicht. Und ich mag dieses Adjektiv sehr. In meinem Buch habe ich darüber und über andere Adjektive nachgedacht.

Heute gabs wieder ein Outdoor Frühstück und zwar mit P.

Mir gefallen diese Teller von h&m Home so. Es gibt sie noch im grün und blau und am liebsten hätte ich alle, ich habe aber schon zehn in rot und gelb. Harhar.

Wieder wurde geplaudert, wieder waren wir im Pool, der aktuell nur 25 Grad hat.

Meine aktuellen Bücher, richtige feel good Literatur für den leichten Lesespass im Sommer wie man sieht harhar. Beide aber sehr interessant, musste mir diverse Zitate notieren.

Am Abend habe ich dann geschrieben, eine kleine Schreibnacht bei erstmals seit langem wieder kühlerem Wind. In Moment gelingt es mir, jeden Tag an meinem Text zu arbeiten bzw ihn zu überarbeiten und dafür bin ich dankbar, dass aktuell genug Zeit ist.

An jemanden gedacht. Schöner Tag.

Aller Liebe Anfang

Leute, die Judith Hermanns zwei Romane Aller Liebe Anfang von 2014 und Daheim von 2022 mögen, wären im Mittelalter wahrscheinlich auf diese typischen Märkte gegangen und hätten die Darbietungen von Menschen mit anatomischen und psychischen Besonderheiten mit Begeisterung verfolgt, harhar. Ich glaub, ich wäre keine solche Person gewesen. Der Vibe von Hermanns beiden Büchern geht für mich aber wirklich in diese Richtung, irgendwie ist sehr vieles ziemlich seltsam, archaisch, auch ein bisschen abstoßend. Als Leserin dauert es für mich etwas, bis ich damit warm werde.

Daheim hat mich kaum erreicht, aber Aller Liebe Anfang (der Titel tut IMO gar nichts zur Sache), das ich danach gelesen habe, hat mir dann wirklich gut gefallen. Deshalb möchte ich über dieses Buch ein bisschen mehr erzählen. Hier geht es um die junge Mutter Stella, die mit Mann Jason und der kleinen Tochter Ava ein stilles Leben in einer unspektakulären Vorstadtsiedlung lebt, der Ort wird nicht genannt, nicht einmal der Kontinent. Bis eines Tages ein Nachbar klingelt und über die Gegensprechanlage sagt, dass er mit ihr, Stella, sprechen möchte. Er hätte ihr viel zu sagen. Als Stella, der das merkwürdig vorkommt, ablehnt, klingelt er weiterhin täglich an ihre Tür, wirft Briefe in den Postkasten und tut alles, was einen Stalker eben so ausmacht…

SPOILER MÖGLICH

Im Prinzip ist hier immer alles möglich. Mein Gedanke war ehrlich gesagt, dass Stella, die nicht hundertprozentig glücklich mit ihrem emotional-verschlossenen und ewig abwesenden Mann ist – er arbeitet auch die meiste Zeit auswärts – sich auf ein Gespräch und vielleicht sogar mehr mit diesem Mister Pfister, wie er sich nennt einlässt; trotzdem dieser Mann wahrscheinlich in gewisser Weise gefährlich ist, das wird schon schnell klar. Gefährlich, aber auch bemitleidenswert in seiner Einsamkeit. Ich denke, auch wenn Stella ein bisschen Angst vor ihm hat, fühlt sie sich doch auch irgendwie zu ihm hingezogen oder zur Möglichkeit eines anderen Lebens. Irgendwie scheint immer durch, dass sie für das Leben, das sie hat, dankbar sein müsste, es aber nicht völlig ist. Die Situation könnte gefühlt an fast jeder Stelle in die andere Richtung kippen.

Das Buch besteht, neben der Schilderung der täglichen “Besuche” von Mr. Pfister, vor allem aus Beschreibungen von Stellas Alltag. Ihren liebevollen Umgang mit der Tochter, ihr Treffen mit Freundinen und, am interessantesten, der Arbeit mit alten, gebrechlichen Menschen – sie ist Krankenpflegerin und betreut die Patienten zuhause. Die Begegnungen mit Menschen, die ihr Leben fast hinter sich haben, bringen ebenfalls eine Perspektive auf das Leben in dieser “toten Ecke der Welt”, wie es einmal heißt. Die Menschen vermitteln ihr, was sie in deren Leben gut gelaufen ist und was nicht. “Es ist möglich, Orte zu verlassen, Versprechungen fallen zu lassen.”1 heißt es einmal. Und Esther, nicht ihre Lieblingspatientin, aber auch keine, die sie unmöglich findet, sieht Stella einmal an und sagt: “Ich habe auch einen Mann gehabt und einige Kinder, und sie sind alle weg, auf und davon. Das Leben ist grässlich, sind Sie auch schon dahintergekommen?”2 Und ja, tatsächlich gibt es Gründe, das Leben als grässlich zu bezeichnet, es gibt aber auch andere, das überhaupt nicht zu tun. Diese Ambivalenz oder Dualität oder wie immer es nennen möchte, sie bestimmt diesen traurig-poetischen Roman.

Eine große Rolle spielt – und das ist oft der Fall in der letzten Zeit, in Büchern und Filmen, manchmal misslungen, manchmal sehr geglückt3 – das Haus. Ein Haus, das da ist, nicht als Ort, an dem man halt zufällig wohnt, sondern wie eine zusätzlich Person, ein Zeuge des Lebens darin, das sich nicht verändert, wenn sich auch rundherum alles wandelt, oder, dass sich anders ändert, subtiler. Hermann schreibt: “Das ist das Haus an einem Tag im Frühjahr. Es ist niemand da.”4 Und dann schildert sie, wie niemand da ist und wie das trotzdem etwas mit dem Haus macht.

Schön. Stark.


  1. Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, Seite 218f ↩︎
  2. Hermann, Seite 214 ↩︎
  3. Vor allem in Sentimental Value ↩︎
  4. Hermann, Seite 17 ↩︎

Reicht dann auch?

Nadine hat unlängst über das Sommer-Mitte Phänomen geschrieben und wie es ihr irgendwie schon reicht vom Sommer und seinen “Begleiterscheinungen”.

Ich habe tatsächlich in meinem Roman darüber geschrieben, wie froh die Protagonistin ist, als sie im August das erste mal den Herbst riecht, weil dieser Geruch sie erleicht. “Der Sommer, mit seinen unendlichen Möglichkeiten, von denen man immer die falsche wählte, liegt nun bald hinter mir.” Ich selber liebe an sich den Spätsommer/ Frühherbst auch am meisten.

Heuer ist es bei mir aber trotzdem noch nicht soweit, komischweise. Vielleicht bin ich auch nur noch einen Hitzetag von 39 Grad davon entfernt, harhar.

Neuer Tag, neuer Badeanzug oder die Momente, die mich für fehlendes 13. und 14. Gehalt entschädigen – arbeiten beim Pool

Vielleicht…

…weil es der erste Sommer seit 16 Jahren ist, wo im September nicht ein neues Kindergarten/Schuljahr beginnt, sondern etwas anderes, mit dem ich nur mehr am Rand zu tun habe.

…weil ich erstmals seit sieben Jahren wieder auf Urlaub war, und jetzt einen fast komplett unverplanten August vor mir habe, einfach gar keine Termine und keine dringenden Arbeitsdeadlines.

…weil ich mich besser fühle, als in den letzten Sommern, in meinem Haus, in meinem Garten, mit mir.

…weil es schön ist, ein erwachsenes Kind zu haben, mit dem Zeit verbringen kann, ohne, dass ich mehr Verantwortung habe. Ich bin jetzt mehr so ein Michael Caine in Batman Begins, gescheit reden aus dem Hintergrund harhar.

…weil ich im Moment viel Zeit zum Schreiben habe und das Gefühl, dass es irgendwie doch dem Ende zugeht, wovor ich auch immer etwas Angst hatte. Weil mein Roman sehr lange mein Rettungsanker war. Aber irgendwie habe ich jetzt das Gefühl, ich bin bald soweit, alles gesagt zu haben, was ich sagen wollte

Die Odyssee (eins)

Ja nun. Also Christopher Nolan hat sich diesmal einfach mal daran gemacht, Die Odyssee nach Homer zu verfilmen. Eine schreckliche Idee, meiner Meinung nach, meisterhaft ausgeführt.

Worum es geht, weiß eh jeder so ungefähr: Odysseus (Matt Damon) begibt sich nach Endes des zehnjährigen trojanischen Krieges, den er zwar gewonnen, aber alle seine Männer verloren hat, auf die Heimreise, was dann immerhin auch wieder zehn Jahre dauert. Inzwischen gelingt es seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) kaum noch, sich vor dutzenden Freiern zu retten, die sich an ihrem Hof eingenistet haben und sie aus Gründen des Machtstrebens heiraten wollen. Der grindigste unter ihnen ist wahrscheinlich Antinous (Robert Pattinson). Penelopes Sohn Telemachos (Tom Holland) macht sich deswegen seinerseits auf die Suche nach Informationen über seinen Vater…

ACHTUNG SPOILER!!!

Christopher Nolan war bis vor kurzem dafür bekannt, sehr gegenwärtige Stoffe zu verfilmen und seinen Filmen einen eher futuristischen Look zu geben. Schon in seinem letzten Werk Oppenheimer hat er allerdings zurückgeschaut, wenn auch nur in die 1940er Jahre, diesmal geht er gleich ins 12. Jahrhundert vor Christus und gleichzeitig auch in eine Fabelwelt, was ich persönlich immer sehr kritisch sehe, weil es verfilmt oft so unglaublich peinlich sein kann. Wie Homer selbst ist Nolan ein Fan des gepflegten nicht-linearen Erzählens, aber im Gegensatz zu Mindfuck Filmen wie Inception oder Memento ist es hier nicht schwer, dennoch der Handlung folgen zu können.

Den Kern der Odyssee bilden die verschiedenen Abenteuer und Prüfungen, die Odysseus und seine Männer auf der Irrfahrt erleben und die Nolan, man muss es so sagen, vor allem visuell einfach sehr beeindruckend umsetzt. Gleich am Anfang trifft Odysseus eine unglaubliche Fehlentscheidung – der noch weitere folgen werden: er und seine Männer landen in der Höhle von Polyphem, dem einäugigen Riesen, Sohn des Poseidon. Und hier könnte so viel schieflaufen, gerade in der Darstellung dieses Polyphem, es könnte so lächerlich sein, wie Polyphem ja auch einigen der Männer dann gleich mal den Kopf abbeißt, wie ein schlechter Comic. Aber was ist? Es funktioniert und wirkt im Gegenteil extrem bedrohlich. Einen pointierten Moment hat diese Szene aber auch, als die Männer nach einiger Zeit draufkommen, dass Polyphem sprechen kann (folglich sie vielleicht mit ihm verhandeln hätte können), fragt einer Odysseus, wieso Polyphem vorher nicht gesprochen hat. Und Odysseus daraufhin: Reden wir mit Ameisen? Harhar.

Über meine Lieblingsszene bei der Abarbeitung der Stationen schreibe ich morgen (bleibt dran!), heute stattdessen noch etwas zur Besetzung, die ja teilweise kontrovers diskutiert wurde, weil die schöne Helena hier ja von einer schwarzen Darstellerin, nämlich Lupita Nyong’o dargestellt wird. Das hat mich an sich nicht so gestört, weil künstlerische Freiheit und so. Ich persönlich glaube auch nicht, dass Nolan das aus Gründen der DEI gemacht hat, ich empfinde ihn nicht als “woken” Regisseur – bei Corona war er ja schon fast ein “Leugner”; warum er sich so entschieden hat, weiß ich allerdings auch nicht. Im Prinzip ist es aber wirklich ziemlich wurscht, denn Helena kommt in diesem 172 Minuten Film vielleicht insgesamt drei Minuten vor.

Aus der restlichen Besetzung sticht für mich neben dem grauenhafen Antinous (Pattinson) vor allem Matt Damon hervor, den ja viele im Vorfeld nicht gerade als griechischen Helden par exellence gesehen haben und der in vielen Filmen auch eher unscheinbar agiert, fand ich hier wirklich sehr gut. Auch weil er eine gewisse Art von Antiheld ist und das liegt ihm gut. Was ich damit meine?

To be continued…

Geschwister

Jetzt etwas zum Buch Geschwister der schwedischen Autorin Moa Herngren Ich hab mir das Buch ausgesucht, weil ich die Passagen, in die ich reingelesen habe, sehr gut geschrieben fand und weil mich menschliche Beziehungen interessieren, es aber auch mal entlastend ist, etwas über Beziehungen zu lesen, mit denen ich (als Einzelkind) nichts zu tun habe, harhar.

In Geschwister, Nomen est Omen, geht es um Andrea, Ulrika und Rasmus, drei erwachsene Kinder eines eben verstorbenen Vaters. Die Mutter lebt noch. Im Zuge dieses einschneidenden Ereignisses arbeiten alle drei quasi ihre Vergangenheit und ihre Verbindungen untereinander auf. Und hier ist Herngren etwas spannendes eingefallen, um die Familiengeschichte dem Leser bzw der Leserin näherzubringen: sie schildert die Ereignisse nacheinander aus der Sicht aller drei Kinder.

Zuerst lesen wir von Andrea, dem mittleren Kind, das eine sehr gute und innige Beziehung zum Vater hatte. Und natürlich nehmen wir zunächst mal beim Lesen ihre Perspektive ein, weil wir ja erstmal nur diese kennen. Ich habe mir schon bald gedacht, Andrea ist natürlich zwanghaft perfektionistisch und nicht unbedingt eine angenehme Zeitgenossin. Sie ist ein Kontrollfreak, gleichzeitig erklärt sie aber auch immer, sie muss beispielsweise die Planung des Begräbnisses ganz alleine schultern, weil ihre Geschwister auch auf Nachfrage nicht helfen. So denkt man sich, ja okay, sie ist anstrengend, aber irgendwie versteht man auch ihren Standpunkt. Andreas Schilderung nimmt den größten Teil des Romans ein.

Dann lesen wir von Ulrika, der ältesten Tochter, die ein Familiengeheimnis bewahren muss, von dem die beiden jüngeren Geschwister nichts wissen und die deshalb einen völlig anderen Blickwinkel auf ihren Vater hat – er war für sie eine ganz andere Person. Diese Beziehung war gestört und desillusioniert und dementsprechend ist das Leben von Ulrika völlig anders verlaufen als das von Andrea. Und schließlich am Schluss lesen wir von Rasmus, der in der Familie am wenigsten Platz eingenommen hat und auch hier nur vergleichsweise geringe Seitenanzahl aus seiner Perspektive bekommt.

Während des Lesens kommen wir drauf: aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen, mit unterschiedlichen Geschichten im Hintergrund, auch unterschiedlichem Wissen, finden wir vielleicht trotzdem nicht jede Entscheidung und Handlung gleich gut und nachvollziehbar, aber wir können sie besser verstehen und wir sehen auch, welche Missverständnisse und Fehlinterpretationen es geben kann, obwohl man (scheinbar) eh miteinander kommuniziert. Dieser Roman vermittelt herrlich, wie komplex Menschen sind, wie kompliziert es oft ist, mit anderen auszukommen und wie viel Rolle Vorurteile und Erwartungshaltungen spielen. Das ist auch ein Hinweis für jeden Leser, diese Überlegungen in den eigenen Alltag, in die eigenen Beziehungen mitzunehmen. Ich mein, theoretisch wissen wir das eh, wenn wir uns aber praktisch über jemand ärgern, gerät das etwas in den Hintergrund.

Der Schluss hat mir hier, im Gegensatz zu Wir in zehn Jahren, sehr gut gefallen. Weil er zwar einen gewissen Hoffnungsschimmer vermittelt – ich mag ja so bittere Enden nicht, wo quasi alles Orsch ist – aber auch nicht auf Friede, Freude, alles ist toll macht. Weil das einfach unrealistisch wäre. Strukturen, die sich über Jahrzehnte aufgebaut und verfestigt haben, lassen sich nicht binnen einer halben Stunde lösen. Aber eine halbe Stunde kann ein Anfang sein.

Wir in zehn Jahren

Aufgrund des Titels und der Prämisse habe ich mir Wir in zehn Jahren von Jessica Stanley gekauft. Eine Beziehungsgeschichte über ein Paar. die sich über eben diesen Zeitraum erstreckt. Coralie wird beruflich von Australien nach London versetzt und lernt den geschiedenen Adram kennen, der eine kleine Tochter hat.

Achtung Spoiler

Nun hab ich mir persönlich so eine eher rohe Beziehungsabrechnung erwartet, wie das so ist mit Verlieben und Zusammensein und Kinder haben und die ganzen Herauforderungen und Krisen die da so einhergehen. Die Autorin ist mir natürlich nicht schuldig, dass sie das schreibt, was ich gerne hätte harhar. Aber es hat mich schon irgendwie erstaunt, dass Boris Johnson (sic!) in diesem Roman öfter genannt wird, als die beiden Kinder, die sie selbst dann später mit Adam bekommt.

Überhaupt ist hier viel von Politik die Rede – Adam ist Journalist. Ich mag es ja an sich, wenn so aktuelle Ereignisse in die Handlung eingewoben werden, aber man kann es auch übertreiben. Nicht ganz klar ist, ob die Autorin ein bisschen kritisch die Denkweisen der, sagen wir mal, linksliberalen Protagonisten kommentiert oder sie affirmiert. Es gibt eine Szene, in der ein Freund Adam quasi darauf hinweist, dass er mit Labour ja selbst höhere Steuern gewählt hat und Adam sagt ja, aber es geht ja auch um Werte. Das halte ich persönlich für ein ärgerliches Kuriosum der heutigen Politik. Dass ein Teil des Spektrums ihre Aufgabe als erledigt ansieht, in dem sie quasi gegen rechts ist und “Werte” vermittelt, anstatt die Probleme, die es gibt, wirlich anzugehen.

Auch die Erzählökonomie, wie Bachmann-Juror Philipp Dingler sagen würde, stimmt hier gar nicht. Es gibt ein queeres Großelternpaar (natürlich) also anders gesagt zwei Omas und die Omas kommen gleich hinter Boris Johnson, was die Präsenz im Roman betrifft. Ich mein, die Omas sind eh recht amüsant, aber was haben sie in epischer Breite mit dem Thema zu tun. Ich persönlich hätte auch auf die Schilderung des Schwangerschaftsturnens verzichtet können, die außer Klischees (nehme ich an, ich habs ja nicht so weit geschafft harhar) nichts neues an Erkenntnis bringt.

Und letztendlich verägert mich das Buch auch damit, dass es am Anfang ein tragisches oder zumindest kontroversielles Ende in Aussicht stellt, was am Schluss nicht nur nicht eingelöst wird, nein, alles wird so auf süßlich-klebrige Art weggeräumt, dass ich, als jemand der irgendwie anscheinend mehr mit dem wirklichen Leben konfroniert wurde, einfach nur den Kopf schütteln kann. Nein, ein Paar muss sich nicht zwangsläufig trennen, aber Problem auf Problem zu stapeln und dann siegt doch der platte Kitsch, och nö. Harhar.

Donnerstag

Seit gestern ist das Kind ein Student. Wir haben uns ja früher noch um sieben Uhr mit hunderten anderen Menschen in irgendwelchen Gängen gedrängelt und sind fast ohnmächtig geworden. Heute gibt es timeslots.

Wie auch immer, heute Vormittag hab ich was fertig gearbeitet und mich dann in die Wiener Verkehrshölle begeben, genauer gesagt habe ich auf der Mariahilferstraße ein Buch abgeholt und bin beim schönen Museumsqartier vorbei gekommen.

Dann die ganze Mariahilferstrasse hinauf, zum Westbahnhof und dann weiter in den Garten. Dort gab’s im Lokal ein leichtes Sommergericht.

Ich bereue nichts.

Danach ein neues Buch angefangen und abgesehen davon, dass es mit einem riesigen Fehler beginnt – die Protagonistin spricht davon, dass Carola mit Främling 1983 den ESC gewonnen hat; das ist falsch. Carola wurde Dritte. Gewonnen hat sie 1991 in Rom mit Fangad av en stormwind. Mir unbegreiflich, wie das einfach keinem Lektor aufgefallen ist harhar. Also abgesehen davon ist es richtig toll.

Und dann hatte ich ja eine Karte für die Odyssee reserviert; aber stattdessen:

Ich bereue nichts.

Allegro Pastell, postscriptum

Autor Leif Randt lebt ja in gewisser Weise einen Traum.

Zum einen kann er vom Schreiben leben. Zum anderen hat er mit Allegro Pastell einen Bestseller verfasst, der quasi als Stimme einer Generation gilt. Das erinnert an Lena Dunham, die ihre Hauptfigur Hannah in der Serie Girls sagen lässt: “I think that I may be the voice of my generation. Or at least a voice… of a generation.” Harhar, Dunham ist ja auch ein Millenial und hat begriffen: Hier ist jeder sein eigenes Sprachrohr. Aber weiter zum Traum: Also Randt hat diesen Bestseller geschrieben und dann wird der auch noch verfilmt und er schreibt das Drehbuch dafür. Wie cool ist das? Laut Randt übrigens gar nicht mal soo, im fm4 Filmpodcast hat er gesagt, er hat für das Drehbuch fast länger als für den Film gebraucht. Aber es hat sich gelohnt, finde ich.

Ich wollte ja noch ein paar Details aus dem Buch vorstellen. Und die beste Beobachtung ist sicher die der “vorauseilenden Wehmut”. In Allegro Pastell heißt es einmal: “Jerome dachte dass er eines Tages wehmütig an diesen Moment zurückdenken würde, und als dieser Gedanke auch noch während der dritten Tasse Tee präsent war, war er nicht mehr sicher, ob ihn nicht schon jetzt ein wehmütiges Gefühl eingeholt hatte”1. Und das sagt natürlich eines, dass diese Menschen nicht, wie es so schön heißt, im Moment leben. Sondern das alles Erleben quasi eingebettet ist in eine Rückschau und zugleich ein Vorausblicken. Hier wird alles analysiert und interpretiert. Aber wer von uns kennt es nicht, die Momente, in denen man denkt, sie sind so schön, doch sie können und werden nicht bleiben. Weil sich Menschen ändern, Umstände, weil die Zeit vergeht, manches sowieso von Anfang an nicht von Dauer sein kann und man weiß es auch. Manchmal will man es trotzdem nicht wahrhaben.

Randt beobachtet sehr genau. Er lässt Jerome etwas sagen, von dem Tanja bemerkt, dass dieser Spruch gar nicht zu Jerome passen würde. Ich finde, mit solchen Aussagen kann man den Charakter von literarischen Figuren fast noch besser beschreiben, als würde man sie einen Satz sagen lassen, der ihnen entspricht. Falls noch jemand weiß, was ich meine, harhar. Einmal liest Tanja Jerome etwas aus einem Essayband über bedingungsloses Grundeinkommen vor (finde ich ja zum Schreien, ich mein, wie romantisch, transportiert aber auch die Haltung)

Dann erzählt Jerome etwas “mit zu großer Ernsthaftigkeit” – weil er Knieschmerzen hat. Odee sinniert er über die Midlife Crisis: “Eine Midlife Crisis fing vermutlich damit an, dass sich alles so anfühlte, als wäre es schon mehrfach da gewesen, bei gleichzeitig sinkender Intensität”. Was für ihn auch auf Sex zutrifft: “Sex hatte mit Mitte dreißig jedes Geheimnis verloren und war deshalb ungebrochen angenehm und entspannt (…) aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal”2

Mir hat dieser lakonische und doch poetische Stil wikrlich gefallen, ich habe mir gleich noch ein Buch von Randt bestellt.


  1. Leif Randt: Allegro Pastell, S. 77 ↩︎
  2. a.a.O, S. 212 ↩︎

Mein langes Wochenende, zwei

Bezüglich des Buches, das man schreiben muss, wenn man es selbst braucht, aber nicht findet: so ging es mir bei der Frühgeburt auch. Da gab es ebenfalls nichts. Keine Erfahrungen, an die man anknüpfen hätte können. Zweiter Punkt: man kann sich die Dinge schon auch von der Seele schreiben, das ist nicht nur so daher gesagt.

Den Tag heute hat aber mit folgender, eher profanen Feststellung meiner Mutter begonnen: “Der Alfons Haider ist richtig fesch als Frau.” Ich: “Ich brauch zuerst einen Kaffee” Harhar. Es war ein Foto in der Sonntagszeitung und ja. Sie hat recht.

Dann weist mich die Filmapp letterboxd darauf hin, dass ich eintragen kann, in welchen verschiedenen Formaten ich The Odyssee sehe. Also ernsthaft, wie oft glaubt letterboxd, dass ich mir dieses 172 Minuten lange griechischen Epos anschauen werde?? Harhar.

Danach war ich spazieren, hab das ganzes erste Kapitel meines Textes umgeschrieben (bin schlecht bei Anfängen), habe ein neues Fliegengitter in meinem Zimmer angebracht (auch da bin ich schlecht.) Bin neugierig, ob das jemand anschauen kann, ohne zu lachen anzufangen. Glaube eher nicht.

Dann wieder geschrieben und geputzt und jetzt so:

Neuer Tisch, neuer Läufer, neue Pilzlampen harhar

Fühle mich ganz gut. Schreiben immer ein Glücklichmacher für mich.