almis personal blog

Die Woche bisher, zwei

Die Woche gab es noch ein Sommermittagessen im Garten mit den Kids. Das war wie immer ganz toll, weil ich finde nicht, dass man davon ausgehen kann, dass zwei (fast) 18 Jährige ihre Zeit gerne mit älteren Menschen verbringen, harhar.

Blick auf ein Spätsommermittagessen

Die Kinder sind dann weitergefahren, und ich freue mich für sie, dass sie den Sommer genießen und herumkommen.

Außerdem war ich in der Bücherei, diesmal im 18. Bezirk, in der Weimarer Straße, auch dieses Gebäude ist hübsch:

Bücherei Weimarer Straße, 4. September 2026

Ich habe in den beiden Büchern geblättert, die ich mir ausgeborgt habe, anlässlich der “Wiederentdeckung” der Severingase. Weil in Almost und Almost 2 geht es um Orte in Wien, die nach anderen Ländern oder Städten aussehen und das finde ich total interessant und hilft mir vielleicht dabei, selbst Plätze in der Stadt origineller oder “wahrer” beschreiben zu können. Der Journalist Wojciech Czaja ist während der Lockdowns mit seiner Vespa durch Wien gefahren und hat diese besondere Orte gefunden und es ist wirklich erstaunlich wie sehr Wien ganz oft gar nicht nach Wien aussieht.

Außerdem habe ich einen Menschen im Fernsehen gesehen, also besser gesagt auf orf.on. Einen Menschen, den ich sehr mag, den ich aber schon Jahre nicht gesehen habe #ausgründen. Und es war sehr schön, ihn sprechen zu hören und zu erzählen wie früher, so klug und witzig, auf so eine unaufdringliche Art. Früher wäre ich traurig gewesen, beim Ansehen, heute denke ich mir, schön, dass es diesen Menschen gibt auf der Welt, und dass ich ihn kennenlernen durfte und wir wunderbare Gespräche hatten. Habe dann in der Nacht gleich vom ihm geträumt und von jemand und auch das hat mir viele positive Gefühle gegeben.

Kann ich immer so gechillt auf das Leben blicken, auch auf die Verluste? Natürlich nicht, harhar. Aber ich tue mein Bestes.

Fremde

Belle Burden gelang, wie ich schon geschrieben habe, mit ihrem autobiografsich geprägten Roman über das Ende ihrer Ehe namens Fremde ein mega Bucherfolg in den USA, der heiß diskutiert wurde, weil Burden offen über ihr eigenes Leben schreibt. Burden entstammt selbst der berühmten (und reichen!) Vanderbilt Familie, ihre Großmutter war ein It-Girl ab den 1930-er Jahren und eng mit Truman Capote befreundet.

Die Handlung von Fremde setzt im März 2020 ein, als Burden mit ihrem Ehemann James (sein Name wurde geändert) und den zwei jugendlichen Töchtern – der ältere Sohn ist bei Freunden geblieben – vor dem New Yorker Lockdown in ihr Feriendomizil auf Marthas Vineyard flüchtet. Bereits wenige Tage später erhält sie dort den Anruf eines ihr unbekannten Mannes, der behauptet, seine Frau hätte ein Verhältnis mit James. James leugnet nicht, trennt sich sofort von Belle und reist ab. Entgegen meiner Befürchtungen ist die Pandemie hier ein Nebenschauplatz, und kommt vor allem als Faktor in Bezug auf die Isolation in dieser Ausnahmesituation vor. Eine Isolation, die gute und schlechte Seiten hat. Einerseits kann sich Belle zurückziehen und muss nicht unmittelbar Rechenschaft über die neue Situation ablegen, andererseits sind die Menschen, die sie unterstützen können, zumindest räumlich weit entfernt.

Wie schon bei Lena Dunham, der vorgeworfen wurde, in ihren Erinnerungen Adam Driver in Misskredit zu bringen, habe ich auch hier nicht den Eindruck einer Racheaktion. Und glaubt mir, ich würde es sagen, wenn es anders wäre, harhar. Es ist vielmehr der Versuch von Burden zu begreifen, wie es so weit kommen konnte. Wie ihr Mann, mit dem sie 20 Jahre glücklich verheiratet war, ein guter Mann und Vater, plötzlich ohne viel Erklärung aus ihrem Leben verschwinden konnte, als hätte sie nie eine Rolle gespielt. Diese Erkenntnis, die wahrscheinlich jeder von uns schon einmal hatte, einen anderen, besonders vertrauten Menschen plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen, weil man seine Handlungen (oft in Bezug auf einen selbst) nicht verstehen kann. Burden gräbt in James’ Vergangenheit, versucht Traumata zu identifizieren, sucht die “Fehler” aber auch bei sich. Sie beschreibt die Reaktionen ihrer Umwelt: ihre Ärztin etwa meint, da Burden seit den Kindern nur noch ehrenamtlich als Anwältin arbeitet, dass nicht-berufstätige Frauen für Männer meist uninteressant werden. Und das ist auch so ein interessantes Phänomen, wenn man eine Trennung durchmacht, dass ganz viele Menschen einem ihre Lebensansichten und Glaubenssätze aufdrücken, die in der Regel nicht gerade hilfreich sind.

Einen beträchtlichen Teil des Romans nimmt auch das Eingehen auf finanzielle Aspekte ein. Gut, wir sind jetzt alle keine Vanderbilt Erben (harhar), aber es geht ums Prinzip. Burden hat auf Wunsch von James und gegen den Rat ihres Anwalts einen Ehevertrag unterschrieben, der besagt, dass das in der Ehe erwirtschaftete Geld im Falle der Scheidung bei der Person bleibt, die es verdient hat. Sprich: Die hohen Einkünfte von James gehören am Ende ihm allein. Burden selbst hingegen hat die gemeinsame Wohnung und das Haus großteils vom ihrem Erbe bezahlt und James trotzdem als Miteigentümer eintragen lassen, weshalb sie ihn nun auszahlen müsste, was ihren finanziellen Ruin bedeuten würde; dazu kommt es dann nicht, da James schließlich einlenkt. Trotzdem hat sie durch ihre Entscheidung große finanzielle Einbußen. Diese Entscheidungen, die aus Liebe und das Vertrauen in ein “happily ever after” getroffen wurden, das wir – sind wir uns ehrlich – an einem gewissen Punkt alle hatten, können einen im Zweifelsfall die Existenz kosten. Auch wenn es unromantisch klingt, über Geld zu sprechen, Burden erinnert uns daran, dass eine faire Einigung in den “guten Zeiten” wichtig wäre.

Fazit: Ein dicht erzählter Page-Turner, der zeigt, wie man als der Mensch, der “übrigbleibt” irgendwann in der Lage ist, das Tal der Tränen auch wieder zu verlassen. Allerdings ist es ein langer, schmerzhafter und oft schwieriger Weg, der mit sehr viel Selbsterkenntnis und Bewusstseinsarbeit einhergeht. Vor allem dem Bewusstsein, das Leben lieben zu lernen, auch wenn von nun an jemand fehlt.

Bye August

Gestern waren die Kids zu Besuch im Garten. Das war fein. Ich habe Pizza vom Italiener und Red Bull vom Billa geholt (unbezahlte Werbung), ich liebe die Nahversorger in meiner Pampa. Es gibt sogar eine E-Lade Station, auch so etwas, was in der letzten Zeit enorm wichtig geworden ist und gestern ebenfalls genutzt wurde.

Außerdem habe ich wie geplant das Burden Buch Fremde angefangen und ich lese es tatsächlich bisher gar nicht als Abrechnung, sondern eine Chronologie des (entsetzten) Staunens, was aus einer Beziehung, einer Ehe werden kann. Von einer Minute auf die andere ist alles vorbei und man kann nur hilflos zusehen, wie das eigene Leben ein anderes wird, ein anderes werden muss.

Am Abend dann noch kontemplatives Blumengießen. Als Jugendliche habe ich immer mit einem Buch in der Hand gegossen, weil ich es so langweilig fand, mittlerweile kann ich dabei super entspannen.

Der Garten in seiner spätsommerlichen Verwilderung

Heute bin ich mit einer WhatsApp Nachricht aufgewacht, ob ich “auf die Schnelle” einen Auftrag annehmen kann. Gibt es eine bessere Nachricht am Sonntag um 7.30? Wohl kaum. Aber ich war natürlich Willens und habe dafür dann gelesen: “Du rettest mich mal wieder”. Und dafür bin ich sehr empfänglich.

War aber dann dazwischen zweimal im Wasser, weil wer weiß wie lange noch. Das Wasser hat wieder 28 Grad und fühlt sich doch schon anders an, weil jedes Mal baden jetzt das letzte Mal sein kann und ich liebe diese Spätsommertage in ihrer Vergänglichkeit, weil sie nicht mehr diese Selbstverständlichkeit haben, sie lassen sich jetzt schon bitten.

Wegen der Arbeit habe ich einen Kinobesuch verschieben müssen. In der nächsten Zeit will ich The Dog Stars und Teenage Sex and Death at Camp Miasma sehen – manche Menschen, als ich ihnen das Plakat gezeigt habe: Ach du Scheiße! Harhar. Und ja, sehe ich eh auch so, es soll aber ein Meta-Meta Film sein, und darauf bin ich dann doch neugierig.

Morgen dann nochmal ein arbeitsmäßiger Vollgas-Tag und ich freue mich sogar darauf. Und dann ist der August schon wieder vorbei.

Long Island

Ich habe circa 40 Seiten gebraucht, bis ich draufgekommen bin, dass der Roman Long Island von Colm Tóibín die Fortsetzung seines Romans Brooklyn ist.

SPOILER FÜR BEIDE ROMANE

Brooklyn habe ich nicht gelesen, aber ich habe den Film mit Saoirse Ronan gesehen, der mir entgegen meiner Erwartungen sehr gut gefallen hat. In Brooklyn geht die Irin Ellis nach ja, wer hätte das gedacht, eben New York, um dort eine Zukunft zu haben. Einen guten Beruf, eine neue Perspektive auf das Leben und letztendlich auch einen Mann, den (etwas einfach gestrickten) Italiener Tony. Um es kurz zu machen, aufgrund eines Trauerfalls muss sie dann zurück nach Irland reisen und trifft dort eine Jugendbekanntschaft Jim, der viel besser zu ihr zu passen scheint. Sie schwankt – entscheidet sich aber dann letztendlich doch zur Rückkehr. Ich habe mir damals gedacht, so wie Ronan das gespielt hat, eigentlich hat sich Eilis sich weniger für den Mann entschieden als viel mehr für das Leben in den USA. Die wirkliche Liebe hat sie Amerika entgegengebracht.

Long Island heißt so, weil Eilis mit Tony, den zwei jugendlichen Kindern und dem Rest der italienischen Sippe mittlerweile dorthin gezogen ist. Aber sie steht wieder an einem Wendepunkt. Tony hat sie betrogen und die andere Frau bekommt ein Kind von ihm, das – zu allem Überfluss – auch noch in der italienischen Großfamilie aufwachsen soll. Natürlich inakzeptabel. Eilis reist erneut zurück nach Irland, um auch nach 20 Jahren ihre Mutter wiederzusehen und sie trifft natürlich wieder auf Jim, der einfach 20 Jahre Single geblieben ist, der genau jetzt im Begriff ist zu heiraten, und zwar Nancy, die verwitwete Freundin von Eilis, die er seit ein paar Monaten (natürlich) heimlich trifft.

Und ich mag einiges an diesem Roman, die detailreiche Charakterzeichnung, die Spannung, die Tóibín aufbaut, und natürlich auch die Frage, was Heimat überhaupt ist, wo sie liegt. Wenn sie ein Ort ist, verliert man diese irgendwann, wenn man lange genug weg ist? Findet man eine neue ebenbürtige? Eilis ist in die USA aufgebrochen, sie liebt dieses Land. Aber die Familie, in die sie hineingeheiratet hat, ist keine (rein) amerikanische, sondern eine italienische, die ihr fremd bleibt, zu der sie sich nicht richtig zugehörig fühlt. Die alte Familie hingegen ist zu weit weg, und zwar bekannt, aber auch fremd, anders fremd. Hier beobachtet Tóibín sehr genau und scharf.

Aber diese Unentschlossenheit bei allen Beteiligten, die mag ich nicht. Jim ist der Notnagel für Eilis, weil es gerade orsch ist daheim. Nancy ist Jims Notnagel, weil Eilis unerreichbar ist. Nancy selbst hat den Tod ihres Mannes noch nicht wirklich verarbeitet. Entscheidungen werden nicht da getroffen, wo sie notwendig wären, sondern anderorts als Ersatzhandlungen, oft im Alleingang, ohne Absprache, als Trotzreaktion, um jemand in eine Falle zu locken und diesem seine Optionen zu nehmen, um Menschen vor (offenbar) vollendete Tatsachen zu stellen. Und da denke ich mir dann: Oh Leute, ihr seid alle bald 50, geht das nicht ein bisschen reflektierter? Könnt ihr nicht ein bisschen mehr Verantwortung für euch selbst übernehmen? Das ist alles so unentschlossen und “irgendwas”, das hat mich dann auch wieder geärgert.

Deswegen ist Long Island für mich auch keine Liebesgeschichte, sondern eher eine Warnung, was passiert, wenn man sein Leben nur halb lebt.

Donnerstag

Heute war ich in der Mittagspause wieder im Vapiano (unbezahlte Werbung) und habe mir eine Tagespasta bestellt. Marry me Chicken.

KI sagt, dass es deshalb so heißt, weil der anwesende Kameramann zur Food Redakteurin, die das Gericht 2016 kreiert hat, gesagt haben soll, dass er sie dafür heiraten würde. Wenn das nicht wahr ist, dann ist immerhin gut erfunden. Es handelt sich übrigens um eine Pasta, die von der toskanischen Küche inspiriert ist – mit Obers, getrockneten Tomaten und frischem Babyspinat und es ist wirklich sehr schmackhaft.

Danach war ich noch einen Sprung in der Buchhandlung, um den Roman zu suchen, von dem derzeit jeder spricht, Fremde von Belle Burden, im Original: Strangers. A Memoir of Marriage.

Burden ist eigentlich Anwältin, erzählt in Fremde aber über ihre Scheidung nach 20 Jahren Ehe im Jahr 2020. Und wie ihr Mann ihr eben wieder fremd wurde. Sowas interessiert mich immer sehr, ich hoffe aber, Covid kommt nur am Rande vor (wie in meinem Text btw.)

Das Buch wird anscheinend in den USA heiß diskutiert, auch unter dem Gesichtspunkt, dass Burden keine fiktionalisierte Version ihres Lebens beschreibt, sondern eben “A Memoir”, was ja immer den Anspruch von “Wahrheit” hat. Also ihr Mann ist ihr Mann und was sie ihm anscheinend vorwirft, wirft sie keinem verklausuliert umschriebenen Chrakter vor, wo man nicht weiß, was ist jetzt real und was erdacht, sondern einer existierenden Person. Und das ist natürlich immer ein bisschen schwierig. Weil wir alle die Dinge selbstverständlich aus unserem Blickwinkel sehen und weil wir dazu neigen, ungerecht zu werden, gegen Menschen, die uns verletzt haben, die uns betrogen und verlassen haben. Wobei ich jetzt natürlich noch nicht weiß, wie Burden das umgesetzt hat. Eine Gegen-Memoir von ihrem Mann wäre sicher interessant.

Das hat mich auch daran erinnert, welche Schwierigkeiten der norwegische Autor Karl Ove Knausgard bekommen hat, als er sehr unverblümt über seine Ehefrau und Familie geschrieben hat – darüber hat er dann auch wieder geschrieben. Und ich mag Knausgard sehr, denke mir dann immer ja Freiheit der Kunst und die meisten Autoren verarbeiten wohl etwas aus ihrem Leben in ihren Werken, aber warum bettet man es nicht in fiktionales ein? Hat das Explizite hier vielleicht nicht doch eine gewisse Funktion für den Autor? Und wenn ja welche genau? Spannende Fragen.

Snoppy immer am Nachdenken und Schreiben

Ach ja, dieses süße Häferl hab ich auch gesehen, sieht aus wie mein Snoopy auf dem Browser, der immer an seiner Schreibmaschine sitzt.

Und am Wochenende lese ich dann Fremde.

Die beste Szene

Letztens habe ich ja von Chris Messina, dem unterschätzen Darsteller aus Juror #2 geschrieben. Er spielt in relativen vielen Filmen, meist “nur” eine Nebenrolle, hat aber eine ungeheure Präsenz, finde ich. Ich kenne ihn seit Six Feet Under oder sagen wir so: Vor allem aus der vielleicht besten Szene der ganzen Serie – und die Serie hat sehr viele gute Szenen.

Messina spielte dort Ted, einen Republikaner, laut der rebellischen Claire “a frat boy who voted for George Bush” und dennoch werden sie ein Paar. 20 Jahre nachdem ich diese Szene gesehen habe, kommt mir das wie eine schöne Utopie vor, eine Zeit, in der Demokraten und Republikaner trotz gegensätzlicher Anschauungen noch miteinander ins Bett gegangen sind und mehr noch, sich vielleicht sogar wirklich geliebt haben. Obwohl sie, haltet euch fest, unterschiedliche Ansichten zu Dingen hatten, weil man vielleicht noch versucht hat, den Blickwinkel des jeweils anderen nachzuvollziehen, ich mein: Wow. Das war wirklich eine andere Zeit.

Die Szene in Six Feet Under war jedenfalls folgende. Claire und Ted liegen nackt im Bett und essen Obst. Im Hintergrund läuft “christian music”, wie Claire entsetzt feststellt (wobei der Song ist echt gut harhar). Sie sagt zu Ted: “You may be the most deeply un-hip person I ever met” und er antwortet: “Seeing how being hip is primarily an adolescent concern, I’ll take that as a compliment.” Was für ein Dialog.

Und dann sagt sie, dass sie sich wie gefangen unter Wasser fühlt, weil sie nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen soll. Sie will Künstlerin werden, Fotografin, aber sie will nicht wieder an irgendeine Hochschule, dort würde man doch auch nur in ein System gezwängt. Und da sagt er dann zu ihr, was im Grunde jede Frau so oder so ähnlich von einem Mann hören will: “Just take pictures. If you’re good enough, you’ll find out. And if you’re not, you’ll get good enough. Or you’ll find out you can’t. But I bet you are, though.” Und dann fragt sie ihn, ob sie ihn nackt fotografieren kann und er stimmt zu, unter der Bedingung, dass sie die Fotos nicht ins Internet stellt, denn: “I might want to run for public office some day.”

Diese ganze Szene ist gleichzeitig so sexy und lustig und innig und intim und bestärkend, aus dem Leben heraus, aber auch ein bisschen poetisch überhöht und ich denke mir bis heute, solche Szenen will ich schreiben (können), wo es um alles geht. Und ich probiere das auch.

Donnerstag

Es ist jetzt folgendes, wie immer nach dem 15. August: Die einen freuen sich schon auf den Herbst und die anderen wollen den Sommer nicht loslassen.

Die Zeit arbeitet für erstere: Nachts ist es schon kühler. Die WhatsApp Stories mit Stränden, Bergwiesen, extrem eigenartigen Reptil-ähnlichen Tieren (aus Thailand, ähm, was?), die dort einfach über die Straße gehen, auch jene mit Aperol Spritz und Eisbechern werden deutlich weniger. Dafür flattern die Back to School Prospekte herein – aber die sind mir egal. Bei “uns” geht es erstmals nicht mehr back to schook, sondern es gibt stattdessen “Welcome Days”.

Ob Sommer oder Herbst, I ‘ll go with the flow, zumal ich diese bestimmte Zeit im Jahr gerade sehr liebe, immer schon geliebt habe.

Ich war in der Mittagspause beim Vapiano, diesmal beim Westbahnhof. Ich mag diese retro Sessel und Aschenbecher in rot, und das Risotto und das Minzgetränk mit Aussicht (auf den Ikea). Ich bessere nach wie vor an meinen Langtext herum, es ist doch noch viel zu tun. Ich schaue auf den Ikea und denke über Formulierungen nach. Manchmal finde ich meinen Text wunderbar und manchmal auch gar nicht, denke mir, wen soll das interessieren harhar. Es ist jetzt diese Phase.

Danach war ich in der Bibliothek am Urban Loritz Platz, ich mein wie schön ist dieser Ausblick:

Es ist allerdings ein bisschen eskaliert, harhar:

Yasmina Reza schreibt übrigens in “Serge” über den Sommer an sich: “Der Sommer enthält alle Sommer, die früheren und diejenigen, die wir nie erleben werden.”1

Das ist so gut beschrieben, so ist es tatsächlich, finde ich. Der Sommer als Jahreszeit ist so aufgeladen mit Erwartungen und Projektionen. Das ist schön und auch ein bisschen anstrengend, das empfinde ich bei keiner anderen Jahreszeit so.


Kurze Mitteilung in eigener Sache: Manche Menschen fahren jetzt erst auf Urlaub zum Beispiel mein IT Admin, harhar. Falls ich in den nächsten zwei Wochen hier verschwinden sollte, dann ist technisch etwas passiert, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte, weil im Urlaub mag ich ihn nicht belästigen.

  1. Yasmina Reza: Serge, S. 197 ↩︎

Serge

Im Jahr 2024 erschien der Film A Real Pain von und mit Jesse Eisenberg, von dem ich leider nicht so begeistert war wie der Rest der Welt. Eisenbergs Co-Star Kieran Culkin bekam sogar den Nebenrollen-Oscar, weil er einen sehr unsympathischen Menschen sehr unsympathisch verkörperte, harhar. Ich weiß, es ging auch darum, dass hinter dessen nervtötenden Persönlichkeit ein verletzlicher Mensch steckt und der Zuseher für diesen Empathie aufbringen sollte, es hat bei mir nur nicht funktioniert, ich fand ihn einfach nur furchtbar anstrengend. Die Prämisse des Filmes aber, zwei amerikanische Cousins mit polnischer Herkunftsfamilie machen nach dem Tod der Großmutter eine “Holocaust-Tour”, um ihren Wurzeln und damit sich selbst auf die Spur zu kommen, fand ich wirklich interessant.

Nun habe ich Serge von Yasmina Reza gelesen und sehen wir uns die Prämisse hier an: Drei Geschwister, Franzosen mit ungarischer Herkunftsfamilie, machen nach dem Tod der Mutter einen “Holocaust-Tour”, um ihren Wurzeln und damit sich selbst auf die Spur zu kommen. Hm. Der Roman ist übrigens von 2022. Serge hat jedenfalls alles, was dem Film meines Erachtens fehlt.

So ein Buch kann natürlich nur jemand schreiben, der selbst jüdischer Herkunft ist, vor allem wenn die Betrachtungen teilweise so bitterböse und auch selbstkritisch sind. Die titelgebende Figur des Serge sagt einmal: “Die übrig gebliebenen Juden sind nichts wert. Guck dir doch die Nullen an, die wir jetzt haben.”1 Aber zum Teil ist es auch ziemlich komisch. Einmal meinte Serge über etwas: “Das erstatten sie uns zurück” und bekommt zur Antwort: “Juden erstatten nichts zurück.”2 Oder wenn der Erzähler Jean, Bruder von Serge, feststellt: “Meine Mutter hatte einen wenig in unsere Zeit passenden Reflex: Um nichts in der Welt wollte sie Opfer sein.”3

Reza schafft auch, was der Film ebenfalls versuchte, eine Kritik an der Erinnerungskultur-Industrie an sich anzubringen, an den Touristen, die ergriffen von ihrer eigenen Haltung sind, dabei aber Sackerl von H&M oder Zara tragen, weil sie nach dem Besuch von Ausschwitz eben shoppen oder gut essen gehen. Gleichzeitig stellt aber gerade die Figur Serge die Sinnhaftigkeit von Erinnerung quasi auf Kommando kritisch in Frage, wenn er über die “besonders trübsinnig inszenierte ungarische Ausstellung” in Ausschwitz reflektiert. Und wie wenig kathartisch es sei, neben der berühmten “Judenrampe” zu stehen, in der hellen Sonne, in Shorts, Kekse zu essen und zu schwitzen. Serge hat überhaupt wenig übrig, für die “unerbittliche Ernsthaftigkeit der Jugend” (was für eine wundervolle Formulierung!) Dennoch wird hier natürlich nichts kleingeredet oder verharmlost, im Gegenteil: Schmerz und Verletzlichkeit haben in diesem Roman mindestens ebensoviel Platz.

Jetzt denkt man sich vielleicht – warum heißt der Roman “Serge“, wenn es um drei Geschwister geht. Das werde ich nicht verraten, weil ich das Buch sicher einmal verschenken werde. Aber sagen wir so, auf den letzten 20 Seiten wird es klar. Die anderen beiden Jean (der Erzähler, das mittlere Kind) und Nana, die “kleine” Schwester bekommen in dieser Geschichte aber ebenfalls viel Raum, so wie noch andere Familienmitglieder, die oft mittels liebenswerter Schrullen charakterisiert werden. Hier wird aber auch bei Familienkonflikten und Traumata ganz genau hingeschaut und gar nichts beschönigt, und ich mag ja so eine radikale Ehrlichkeit, wo aber keine Bitterkeit, sondern immer noch eine Schicht Galgenhumor dahinter steht, sehr gerne.

Berührend ist, wie Nana im Streit Serge einmal hinterherschimpft, dass sein Leben gescheitert ist. Das bereut sie später. “Es tue ihr furchtbar leid, dass sie das gesagt habe, sein Leben sei restlos gescheitert. Welches Leben denn nicht? Nach welchen Kriterien könne man sagen, ob ein Leben gescheitert sei oder nicht?”4

Ich liebe die Art wie Reza schreibt und wie ich sehe, gibt es in den Büchereien eine Menge ihrer Bücher….

  1. Yasmina Reza: Serge, Seite 104 ↩︎
  2. Reza, Seite 57 ↩︎
  3. Reza, Seite 33 ↩︎
  4. Reza, Seite 203 ↩︎

Dienstag

Apropos Haus, mein Haus ist über die Jahre auch anders für mich geworden. Vor allem wichtig. Als Ort, der mir gehört, der aber auch offen stehen soll, den ich Schritt für Schritt nach meinem Geschmack ergänzen, gestalten will. Ich habe daran gedacht, dass jemand einmal sagte, das Haus sei schlicht. Und ich mag dieses Adjektiv sehr. In meinem Buch habe ich darüber und über andere Adjektive nachgedacht.

Heute gabs wieder ein Outdoor Frühstück und zwar mit P.

Mir gefallen diese Teller von h&m Home so. Es gibt sie noch im grün und blau und am liebsten hätte ich alle, ich habe aber schon zehn in rot und gelb. Harhar.

Wieder wurde geplaudert, wieder waren wir im Pool, der aktuell nur 25 Grad hat.

Meine aktuellen Bücher, richtige feel good Literatur für den leichten Lesespass im Sommer wie man sieht harhar. Beide aber sehr interessant, musste mir diverse Zitate notieren.

Am Abend habe ich dann geschrieben, eine kleine Schreibnacht bei erstmals seit langem wieder kühlerem Wind. In Moment gelingt es mir, jeden Tag an meinem Text zu arbeiten bzw ihn zu überarbeiten und dafür bin ich dankbar, dass aktuell genug Zeit ist.

An jemanden gedacht. Schöner Tag.

Aller Liebe Anfang

Leute, die Judith Hermanns zwei Romane Aller Liebe Anfang von 2014 und Daheim von 2022 mögen, wären im Mittelalter wahrscheinlich auf diese typischen Märkte gegangen und hätten die Darbietungen von Menschen mit anatomischen und psychischen Besonderheiten mit Begeisterung verfolgt, harhar. Ich glaub, ich wäre keine solche Person gewesen. Der Vibe von Hermanns beiden Büchern geht für mich aber wirklich in diese Richtung, irgendwie ist sehr vieles ziemlich seltsam, archaisch, auch ein bisschen abstoßend. Als Leserin dauert es für mich etwas, bis ich damit warm werde.

Daheim hat mich kaum erreicht, aber Aller Liebe Anfang (der Titel tut IMO gar nichts zur Sache), das ich danach gelesen habe, hat mir dann wirklich gut gefallen. Deshalb möchte ich über dieses Buch ein bisschen mehr erzählen. Hier geht es um die junge Mutter Stella, die mit Mann Jason und der kleinen Tochter Ava ein stilles Leben in einer unspektakulären Vorstadtsiedlung lebt, der Ort wird nicht genannt, nicht einmal der Kontinent. Bis eines Tages ein Nachbar klingelt und über die Gegensprechanlage sagt, dass er mit ihr, Stella, sprechen möchte. Er hätte ihr viel zu sagen. Als Stella, der das merkwürdig vorkommt, ablehnt, klingelt er weiterhin täglich an ihre Tür, wirft Briefe in den Postkasten und tut alles, was einen Stalker eben so ausmacht…

SPOILER MÖGLICH

Im Prinzip ist hier immer alles möglich. Mein Gedanke war ehrlich gesagt, dass Stella, die nicht hundertprozentig glücklich mit ihrem emotional-verschlossenen und ewig abwesenden Mann ist – er arbeitet auch die meiste Zeit auswärts – sich auf ein Gespräch und vielleicht sogar mehr mit diesem Mister Pfister, wie er sich nennt einlässt; trotzdem dieser Mann wahrscheinlich in gewisser Weise gefährlich ist, das wird schon schnell klar. Gefährlich, aber auch bemitleidenswert in seiner Einsamkeit. Ich denke, auch wenn Stella ein bisschen Angst vor ihm hat, fühlt sie sich doch auch irgendwie zu ihm hingezogen oder zur Möglichkeit eines anderen Lebens. Irgendwie scheint immer durch, dass sie für das Leben, das sie hat, dankbar sein müsste, es aber nicht völlig ist. Die Situation könnte gefühlt an fast jeder Stelle in die andere Richtung kippen.

Das Buch besteht, neben der Schilderung der täglichen “Besuche” von Mr. Pfister, vor allem aus Beschreibungen von Stellas Alltag. Ihren liebevollen Umgang mit der Tochter, ihr Treffen mit Freundinen und, am interessantesten, der Arbeit mit alten, gebrechlichen Menschen – sie ist Krankenpflegerin und betreut die Patienten zuhause. Die Begegnungen mit Menschen, die ihr Leben fast hinter sich haben, bringen ebenfalls eine Perspektive auf das Leben in dieser “toten Ecke der Welt”, wie es einmal heißt. Die Menschen vermitteln ihr, was sie in deren Leben gut gelaufen ist und was nicht. “Es ist möglich, Orte zu verlassen, Versprechungen fallen zu lassen.”1 heißt es einmal. Und Esther, nicht ihre Lieblingspatientin, aber auch keine, die sie unmöglich findet, sieht Stella einmal an und sagt: “Ich habe auch einen Mann gehabt und einige Kinder, und sie sind alle weg, auf und davon. Das Leben ist grässlich, sind Sie auch schon dahintergekommen?”2 Und ja, tatsächlich gibt es Gründe, das Leben als grässlich zu bezeichnet, es gibt aber auch andere, das überhaupt nicht zu tun. Diese Ambivalenz oder Dualität oder wie immer es nennen möchte, sie bestimmt diesen traurig-poetischen Roman.

Eine große Rolle spielt – und das ist oft der Fall in der letzten Zeit, in Büchern und Filmen, manchmal misslungen, manchmal sehr geglückt3 – das Haus. Ein Haus, das da ist, nicht als Ort, an dem man halt zufällig wohnt, sondern wie eine zusätzlich Person, ein Zeuge des Lebens darin, das sich nicht verändert, wenn sich auch rundherum alles wandelt, oder, dass sich anders ändert, subtiler. Hermann schreibt: “Das ist das Haus an einem Tag im Frühjahr. Es ist niemand da.”4 Und dann schildert sie, wie niemand da ist und wie das trotzdem etwas mit dem Haus macht.

Schön. Stark.


  1. Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, Seite 218f ↩︎
  2. Hermann, Seite 214 ↩︎
  3. Vor allem in Sentimental Value ↩︎
  4. Hermann, Seite 17 ↩︎