almis personal blog

Die Odyssee (eins)

Ja nun. Also Christopher Nolan hat sich diesmal einfach mal daran gemacht, Die Odyssee nach Homer zu verfilmen. Eine schreckliche Idee, meiner Meinung nach, meisterhaft ausgeführt.

Worum es geht, weiß eh jeder so ungefähr: Odysseus (Matt Damon) begibt sich nach Endes des zehnjährigen trojanischen Krieges, den er zwar gewonnen, aber alle seine Männer verloren hat, auf die Heimreise, was dann immerhin auch wieder zehn Jahre dauert. Inzwischen gelingt es seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) kaum noch, sich vor dutzenden Freiern zu retten, die sich an ihrem Hof eingenistet haben und sie aus Gründen des Machtstrebens heiraten wollen. Der grindigste unter ihnen ist wahrscheinlich Antinous (Robert Pattinson). Penelopes Sohn Telemachos (Tom Holland) macht sich deswegen seinerseits auf die Suche nach Informationen über seinen Vater…

ACHTUNG SPOILER!!!

Christopher Nolan war bis vor kurzem dafür bekannt, sehr gegenwärtige Stoffe zu verfilmen und seinen Filmen einen eher futuristischen Look zu geben. Schon in seinem letzten Werk Oppenheimer hat er allerdings zurückgeschaut, wenn auch nur in die 1940er Jahre, diesmal geht er gleich ins 12. Jahrhundert vor Christus und gleichzeitig auch in eine Fabelwelt, was ich persönlich immer sehr kritisch sehe, weil es verfilmt oft so unglaublich peinlich sein kann. Wie Homer selbst ist Nolan ein Fan des gepflegten nicht-linearen Erzählens, aber im Gegensatz zu Mindfuck Filmen wie Inception oder Memento ist es hier nicht schwer, dennoch der Handlung folgen zu können.

Den Kern der Odyssee bilden die verschiedenen Abenteuer und Prüfungen, die Odysseus und seine Männer auf der Irrfahrt erleben und die Nolan, man muss es so sagen, vor allem visuell einfach sehr beeindruckend umsetzt. Gleich am Anfang trifft Odysseus eine unglaubliche Fehlentscheidung – der noch weitere folgen werden: er und seine Männer landen in der Höhle von Polyphem, dem einäugigen Riesen, Sohn des Poseidon. Und hier könnte so viel schieflaufen, gerade in der Darstellung dieses Polyphem, es könnte so lächerlich sein, wie Polyphem ja auch einigen der Männer dann gleich mal den Kopf abbeißt, wie ein schlechter Comic. Aber was ist? Es funktioniert und wirkt im Gegenteil extrem bedrohlich. Einen pointierten Moment hat diese Szene aber auch, als die Männer nach einiger Zeit draufkommen, dass Polyphem sprechen kann (folglich sie vielleicht mit ihm verhandeln hätte können), fragt einer Odysseus, wieso Polyphem vorher nicht gesprochen hat. Und Odysseus daraufhin: Reden wir mit Ameisen? Harhar.

Über meine Lieblingsszene bei der Abarbeitung der Stationen schreibe ich morgen (bleibt dran!), heute stattdessen noch etwas zur Besetzung, die ja teilweise kontrovers diskutiert wurde, weil die schöne Helena hier ja von einer schwarzen Darstellerin, nämlich Lupita Nyong’o dargestellt wird. Das hat mich an sich nicht so gestört, weil künstlerische Freiheit und so. Ich persönlich glaube auch nicht, dass Nolan das aus Gründen der DEI gemacht hat, ich empfinde ihn nicht als “woken” Regisseur – bei Corona war er ja schon fast ein “Leugner”; warum er sich so entschieden hat, weiß ich allerdings auch nicht. Im Prinzip ist es aber wirklich ziemlich wurscht, denn Helena kommt in diesem 172 Minuten Film vielleicht insgesamt drei Minuten vor.

Aus der restlichen Besetzung sticht für mich neben dem grauenhafen Antinous (Pattinson) vor allem Matt Damon hervor, den ja viele im Vorfeld nicht gerade als griechischen Helden par exellence gesehen haben und der in vielen Filmen auch eher unscheinbar agiert, fand ich hier wirklich sehr gut. Auch weil er eine gewisse Art von Antiheld ist und das liegt ihm gut. Was ich damit meine?

To be continued…

Geschwister

Jetzt etwas zum Buch Geschwister der schwedischen Autorin Moa Herngren Ich hab mir das Buch ausgesucht, weil ich die Passagen, in die ich reingelesen habe, sehr gut geschrieben fand und weil mich menschliche Beziehungen interessieren, es aber auch mal entlastend ist, etwas über Beziehungen zu lesen, mit denen ich (als Einzelkind) nichts zu tun habe, harhar.

In Geschwister, Nomen est Omen, geht es um Andrea, Ulrika und Rasmus, drei erwachsene Kinder eines eben verstorbenen Vaters. Die Mutter lebt noch. Im Zuge dieses einschneidenden Ereignisses arbeiten alle drei quasi ihre Vergangenheit und ihre Verbindungen untereinander auf. Und hier ist Herngren etwas spannendes eingefallen, um die Familiengeschichte dem Leser bzw der Leserin näherzubringen: sie schildert die Ereignisse nacheinander aus der Sicht aller drei Kinder.

Zuerst lesen wir von Andrea, dem mittleren Kind, das eine sehr gute und innige Beziehung zum Vater hatte. Und natürlich nehmen wir zunächst mal beim Lesen ihre Perspektive ein, weil wir ja erstmal nur diese kennen. Ich habe mir schon bald gedacht, Andrea ist natürlich zwanghaft perfektionistisch und nicht unbedingt eine angenehme Zeitgenossin. Sie ist ein Kontrollfreak, gleichzeitig erklärt sie aber auch immer, sie muss beispielsweise die Planung des Begräbnisses ganz alleine schultern, weil ihre Geschwister auch auf Nachfrage nicht helfen. So denkt man sich, ja okay, sie ist anstrengend, aber irgendwie versteht man auch ihren Standpunkt. Andreas Schilderung nimmt den größten Teil des Romans ein.

Dann lesen wir von Ulrika, der ältesten Tochter, die ein Familiengeheimnis bewahren muss, von dem die beiden jüngeren Geschwister nichts wissen und die deshalb einen völlig anderen Blickwinkel auf ihren Vater hat – er war für sie eine ganz andere Person. Diese Beziehung war gestört und desillusioniert und dementsprechend ist das Leben von Ulrika völlig anders verlaufen als das von Andrea. Und schließlich am Schluss lesen wir von Rasmus, der in der Familie am wenigsten Platz eingenommen hat und auch hier nur vergleichsweise geringe Seitenanzahl aus seiner Perspektive bekommt.

Während des Lesens kommen wir drauf: aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen, mit unterschiedlichen Geschichten im Hintergrund, auch unterschiedlichem Wissen, finden wir vielleicht trotzdem nicht jede Entscheidung und Handlung gleich gut und nachvollziehbar, aber wir können sie besser verstehen und wir sehen auch, welche Missverständnisse und Fehlinterpretationen es geben kann, obwohl man (scheinbar) eh miteinander kommuniziert. Dieser Roman vermittelt herrlich, wie komplex Menschen sind, wie kompliziert es oft ist, mit anderen auszukommen und wie viel Rolle Vorurteile und Erwartungshaltungen spielen. Das ist auch ein Hinweis für jeden Leser, diese Überlegungen in den eigenen Alltag, in die eigenen Beziehungen mitzunehmen. Ich mein, theoretisch wissen wir das eh, wenn wir uns aber praktisch über jemand ärgern, gerät das etwas in den Hintergrund.

Der Schluss hat mir hier, im Gegensatz zu Wir in zehn Jahren, sehr gut gefallen. Weil er zwar einen gewissen Hoffnungsschimmer vermittelt – ich mag ja so bittere Enden nicht, wo quasi alles Orsch ist – aber auch nicht auf Friede, Freude, alles ist toll macht. Weil das einfach unrealistisch wäre. Strukturen, die sich über Jahrzehnte aufgebaut und verfestigt haben, lassen sich nicht binnen einer halben Stunde lösen. Aber eine halbe Stunde kann ein Anfang sein.

Wir in zehn Jahren

Aufgrund des Titels und der Prämisse habe ich mir Wir in zehn Jahren von Jessica Stanley gekauft. Eine Beziehungsgeschichte über ein Paar. die sich über eben diesen Zeitraum erstreckt. Coralie wird beruflich von Australien nach London versetzt und lernt den geschiedenen Adram kennen, der eine kleine Tochter hat.

Achtung Spoiler

Nun hab ich mir persönlich so eine eher rohe Beziehungsabrechnung erwartet, wie das so ist mit Verlieben und Zusammensein und Kinder haben und die ganzen Herauforderungen und Krisen die da so einhergehen. Die Autorin ist mir natürlich nicht schuldig, dass sie das schreibt, was ich gerne hätte harhar. Aber es hat mich schon irgendwie erstaunt, dass Boris Johnson (sic!) in diesem Roman öfter genannt wird, als die beiden Kinder, die sie selbst dann später mit Adam bekommt.

Überhaupt ist hier viel von Politik die Rede – Adam ist Journalist. Ich mag es ja an sich, wenn so aktuelle Ereignisse in die Handlung eingewoben werden, aber man kann es auch übertreiben. Nicht ganz klar ist, ob die Autorin ein bisschen kritisch die Denkweisen der, sagen wir mal, linksliberalen Protagonisten kommentiert oder sie affirmiert. Es gibt eine Szene, in der ein Freund Adam quasi darauf hinweist, dass er mit Labour ja selbst höhere Steuern gewählt hat und Adam sagt ja, aber es geht ja auch um Werte. Das halte ich persönlich für ein ärgerliches Kuriosum der heutigen Politik. Dass ein Teil des Spektrums ihre Aufgabe als erledigt ansieht, in dem sie quasi gegen rechts ist und “Werte” vermittelt, anstatt die Probleme, die es gibt, wirlich anzugehen.

Auch die Erzählökonomie, wie Bachmann-Juror Philipp Dingler sagen würde, stimmt hier gar nicht. Es gibt ein queeres Großelternpaar (natürlich) also anders gesagt zwei Omas und die Omas kommen gleich hinter Boris Johnson, was die Präsenz im Roman betrifft. Ich mein, die Omas sind eh recht amüsant, aber was haben sie in epischer Breite mit dem Thema zu tun. Ich persönlich hätte auch auf die Schilderung des Schwangerschaftsturnens verzichtet können, die außer Klischees (nehme ich an, ich habs ja nicht so weit geschafft harhar) nichts neues an Erkenntnis bringt.

Und letztendlich verägert mich das Buch auch damit, dass es am Anfang ein tragisches oder zumindest kontroversielles Ende in Aussicht stellt, was am Schluss nicht nur nicht eingelöst wird, nein, alles wird so auf süßlich-klebrige Art weggeräumt, dass ich, als jemand der irgendwie anscheinend mehr mit dem wirklichen Leben konfroniert wurde, einfach nur den Kopf schütteln kann. Nein, ein Paar muss sich nicht zwangsläufig trennen, aber Problem auf Problem zu stapeln und dann siegt doch der platte Kitsch, och nö. Harhar.

Donnerstag

Seit gestern ist das Kind ein Student. Wir haben uns ja früher noch um sieben Uhr mit hunderten anderen Menschen in irgendwelchen Gängen gedrängelt und sind fast ohnmächtig geworden. Heute gibt es timeslots.

Wie auch immer, heute Vormittag hab ich was fertig gearbeitet und mich dann in die Wiener Verkehrshölle begeben, genauer gesagt habe ich auf der Mariahilferstraße ein Buch abgeholt und bin beim schönen Museumsqartier vorbei gekommen.

Dann die ganze Mariahilferstrasse hinauf, zum Westbahnhof und dann weiter in den Garten. Dort gab’s im Lokal ein leichtes Sommergericht.

Ich bereue nichts.

Danach ein neues Buch angefangen und abgesehen davon, dass es mit einem riesigen Fehler beginnt – die Protagonistin spricht davon, dass Carola mit Främling 1983 den ESC gewonnen hat; das ist falsch. Carola wurde Dritte. Gewonnen hat sie 1991 in Rom mit Fangad av en stormwind. Mir unbegreiflich, wie das einfach keinem Lektor aufgefallen ist harhar. Also abgesehen davon ist es richtig toll.

Und dann hatte ich ja eine Karte für die Odyssee reserviert; aber stattdessen:

Ich bereue nichts.

Allegro Pastell, postscriptum

Autor Leif Randt lebt ja in gewisser Weise einen Traum.

Zum einen kann er vom Schreiben leben. Zum anderen hat er mit Allegro Pastell einen Bestseller verfasst, der quasi als Stimme einer Generation gilt. Das erinnert an Lena Dunham, die ihre Hauptfigur Hannah in der Serie Girls sagen lässt: “I think that I may be the voice of my generation. Or at least a voice… of a generation.” Harhar, Dunham ist ja auch ein Millenial und hat begriffen: Hier ist jeder sein eigenes Sprachrohr. Aber weiter zum Traum: Also Randt hat diesen Bestseller geschrieben und dann wird der auch noch verfilmt und er schreibt das Drehbuch dafür. Wie cool ist das? Laut Randt übrigens gar nicht mal soo, im fm4 Filmpodcast hat er gesagt, er hat für das Drehbuch fast länger als für den Film gebraucht. Aber es hat sich gelohnt, finde ich.

Ich wollte ja noch ein paar Details aus dem Buch vorstellen. Und die beste Beobachtung ist sicher die der “vorauseilenden Wehmut”. In Allegro Pastell heißt es einmal: “Jerome dachte dass er eines Tages wehmütig an diesen Moment zurückdenken würde, und als dieser Gedanke auch noch während der dritten Tasse Tee präsent war, war er nicht mehr sicher, ob ihn nicht schon jetzt ein wehmütiges Gefühl eingeholt hatte”1. Und das sagt natürlich eines, dass diese Menschen nicht, wie es so schön heißt, im Moment leben. Sondern das alles Erleben quasi eingebettet ist in eine Rückschau und zugleich ein Vorausblicken. Hier wird alles analysiert und interpretiert. Aber wer von uns kennt es nicht, die Momente, in denen man denkt, sie sind so schön, doch sie können und werden nicht bleiben. Weil sich Menschen ändern, Umstände, weil die Zeit vergeht, manches sowieso von Anfang an nicht von Dauer sein kann und man weiß es auch. Manchmal will man es trotzdem nicht wahrhaben.

Randt beobachtet sehr genau. Er lässt Jerome etwas sagen, von dem Tanja bemerkt, dass dieser Spruch gar nicht zu Jerome passen würde. Ich finde, mit solchen Aussagen kann man den Charakter von literarischen Figuren fast noch besser beschreiben, als würde man sie einen Satz sagen lassen, der ihnen entspricht. Falls noch jemand weiß, was ich meine, harhar. Einmal liest Tanja Jerome etwas aus einem Essayband über bedingungsloses Grundeinkommen vor (finde ich ja zum Schreien, ich mein, wie romantisch, transportiert aber auch die Haltung)

Dann erzählt Jerome etwas “mit zu großer Ernsthaftigkeit” – weil er Knieschmerzen hat. Odee sinniert er über die Midlife Crisis: “Eine Midlife Crisis fing vermutlich damit an, dass sich alles so anfühlte, als wäre es schon mehrfach da gewesen, bei gleichzeitig sinkender Intensität”. Was für ihn auch auf Sex zutrifft: “Sex hatte mit Mitte dreißig jedes Geheimnis verloren und war deshalb ungebrochen angenehm und entspannt (…) aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal”2

Mir hat dieser lakonische und doch poetische Stil wikrlich gefallen, ich habe mir gleich noch ein Buch von Randt bestellt.


  1. Leif Randt: Allegro Pastell, S. 77 ↩︎
  2. a.a.O, S. 212 ↩︎

Mein langes Wochenende, zwei

Bezüglich des Buches, das man schreiben muss, wenn man es selbst braucht, aber nicht findet: so ging es mir bei der Frühgeburt auch. Da gab es ebenfalls nichts. Keine Erfahrungen, an die man anknüpfen hätte können. Zweiter Punkt: man kann sich die Dinge schon auch von der Seele schreiben, das ist nicht nur so daher gesagt.

Den Tag heute hat aber mit folgender, eher profanen Feststellung meiner Mutter begonnen: “Der Alfons Haider ist richtig fesch als Frau.” Ich: “Ich brauch zuerst einen Kaffee” Harhar. Es war ein Foto in der Sonntagszeitung und ja. Sie hat recht.

Dann weist mich die Filmapp letterboxd darauf hin, dass ich eintragen kann, in welchen verschiedenen Formaten ich The Odyssee sehe. Also ernsthaft, wie oft glaubt letterboxd, dass ich mir dieses 172 Minuten lange griechischen Epos anschauen werde?? Harhar.

Danach war ich spazieren, hab das ganzes erste Kapitel meines Textes umgeschrieben (bin schlecht bei Anfängen), habe ein neues Fliegengitter in meinem Zimmer angebracht (auch da bin ich schlecht.) Bin neugierig, ob das jemand anschauen kann, ohne zu lachen anzufangen. Glaube eher nicht.

Dann wieder geschrieben und geputzt und jetzt so:

Neuer Tisch, neuer Läufer, neue Pilzlampen harhar

Fühle mich ganz gut. Schreiben immer ein Glücklichmacher für mich.

Allegro Pastell

Was Allegro Pastell betrifft, habe ich es so gemacht: Ich habe ungefähr die Hälfte des Romans gelesen. Dann habe ich mir den Film angesehen, für den Autor Leif Randt auch das Drehbuch geschrieben hat. Anschließend habe ich den Roman weitergelesen. Ich finde sowohl den Film, als auch das Buch sehr interessant, wenn beide auch recht unterschiedlich funktionieren.

Besonders viel Plot gibt es nicht: Die Autorin Tanja (Sylvaine Faligant) und der Webdesigner Jerome (Jannis Niewöhner) führen eine privilegierte und hoch reflektierte Fernbeziehung. Als die Dinge ernster zu werden beginnen, müssen sie entscheiden, ob es wirklich das ist, was sie wollen….

Der Roman von Leif Randt strotzt nur so von wunderschönen Sätzen. Die beiden Protagonisten beobachten sich quasi andauernd selbst und gegenseitig; sie ziehen die Schlussfolgerungen über ihre guten, finanziell abgesicherten, im Endeffekt wieder fast bürgerlichen Leben, weil ihre Leben genaue “Codes” haben. Sie wollen so enorm individuell sein, sind es aber so überhaupt nicht, nur halt mit anderer Schlagseite. Einmal thematiseren sie die Leere ihres Lebens; da sie keine Kinder wollen, sollten sie sich andere Ziele stecken, so meinen sie selbst, leben aber das Leben, dass sie schon vor zehn Jahren gelebt haben: Endlose Parties, Drogen – ich persönlich habe von modernen Suchtmittel überhaupt keine Ahnung, Ketamin, was? – und vor allem selbstkreiertes Beziehungsdrama. Tanja kriegt zum Beispiel gerne von einem auf den anderen Moment schlechte Laune, wenn jemand sie schief anschaut und das ist soo anstrengend. Harhar.

Der Roman hat natürlich viel mehr Backstory, während der Film ein “Vibe” ist, der allerdings auch mit guten Zitaten aus dem Buch angereichert wird. Von Party zu Party. Momentaufnahmen. Musik, Looks, Statements. Berlin. Lissabon. Eine Stadt übrigens, die ich persönlich als pittoresk, aber sehr distanziert wahrgenommen habe, als ich 1998 dort war, und das passt sehr gut zu der Haltung, die hier alle vermitteln. Die zwei Protagonisten, die quasi ein Abbild der Generation Millenial sein sollen, aber ich denke, sie sind nur Millenials eines ganz speziellen Milieus, sind so dermaßen selbstzentriert, affektiert und voller Posen, dass ich sie total unsympathisch empfinde.

Auch wenn ich vieles an der Lebenswelt von Tanja und Jerome nicht verstehe, ich mag die Filme, die sie ansehen zum Beispie Call me by yout name. Und einmal geht Tanja auf ein Conan Osiris Konzert, der im gleichen Jahr 2019 mit seiner avandgartistischen Performance für Portugal am Eurovision Songcontest teilgenommen hat. Da schließen sich wieder alle Kreise. Harhar

Ein andermal werde ich noch mehr zu den schönen Sätzen erzählen.

Dienstag

Das Kind ist heute auf Maturareise gefahren. Mit dem Auto und so. Schon aufregend. Obwohl man sich als Mama ja die Nervosität vor eigentlich allem dann auch irgendwie abgewöhnt/abgewöhnen muss, weil sonst wird man wahnsinnig. Sie sind auch schon gut angekommen.

Das bedeutet, gestern war mit Zeug waschen, bügeln, einpacken und so weiter gefüllt. Ich habe dann gleich mit einer Art allgemeinen Entrümpelung weitergemacht. Ich schmeiße so gerne Sachen weg, es ist unglaublich, harhar. Mein Ziel ist es, alle meine Sachen in nur einem Zimmer unterbringen zu können. Ich will da keine Ideologie draus machen, ich persönlich mag das einfach.

Die nächsten Tage ist eine Überarbeitung meines Textes geplant. Auch da kann einiges entrümpelt werden.

Heute habe ich länger über eine Passage nachgedacht, die sich mit Gewöhnung/Entwöhnung beschäftigt. Im Prinzip ist ja alles im Leben Gewöhnung an etwas, bis es von etwas anderem abgelöst wird. Zum Beispiel eben bei Kindern – zuerst gehen sie alleine in den Park, dann gefühlt zehn Minuten später fahren sie mit dem Auto auf Maturareise.

Nach ungefähr sechs Stunden nachdenken und schreiben, bin ich ins Kino gefahren und habe mir Allegro Pastell angesehen.

Guter Roman und Film, trotz extrem unsympathischen und prätentiösen Protagonisten, harhar

Beim Heimfahren habe ich dann den fm4 Filmpodcast von gestern – eben zu diesem Thema – gehört und da sagt Buch- und Drehbuchautor Leif Randt: “Der Grundimpuls schreiben zu wollen war, (…) dass die Zeit nicht einfach so vergeht. Ich hatte diese Melancholie darüber, dass Dinge dann vorbei sind.” Oder wie es im Buch so wunderschön heißt: Vorauseilende Wehmut.

Passt auch zu der erwähnten Ge- und Entwöhnung. Ich schreibe definitiv auch, um festzuhalten.

Die Verluste

Kürzlich habe ich Die Verluste von Florian Scheibe fertiggelesen, einen Roman, den die Buchhändlerin Petra Hartlieb auf ihrer Facebookseite empfohlen hatte. Ich mag schwierige Familiengeschichten sehr gerne und Die Verluste ist eine solche, zumindest beginnt sie so.

Griffig zusammengefasst kann ich sagen: es war durchaus unterhaltsam und kurzweilig zu lesen, dennoch habe ich ein paar Einwände. Worum geht es genau? Ausgangspunkt ist der bevorstehende 80. Geburtstags des Familien/Firmenoberhauptes Klaus Werner. Finanziell sorglos mit seiner Frau in einem großen Haus mit Garten der Schweiz lebend, überkommen ihn plötzlich diffuse Ängste. Durch eine Werbung wird auf auf das Konzept des “Luxusbunkers” aufmerksam, für den Fall des Falles (Atomkrieg oder ähnliches) und er beschließt, sein ganzes Vermögen in einen solchen zu investieren, während die beiden Söhne – ein akkurater Arzt und ein schrauchelnder Schriftsteller – bereits auf ihr Erbe warten, und die Tochter, eine Umweltaktivistin, seit geraumer Zeit alle Bücken zu ihrer Familie abgebrochen hat…

Dieser Roman hebt zu einem Epos im Jonathan Franzen’schen Sinne an – ich habe vor vielen Jahren Die Korrekturen sehr gerne gelesen – löst die Prämisse aber nicht wirklich ein. Vielleicht fehlen dem Roman die gut 200 Seiten mehr, die Franzen sich genommen hat, jedenfalls werden hier, meines Erachtens, zu viele Geschichten auf zu wenig Raum erzählt. Natürlich interessiert einen manches auch mehr als anderes. Auf den Teil mit der Tochter, die irgendwie unterwegs ist, die Welt zu retten, hätte ich persönlich sehr gut verzichten können. Weil Scheibe hier halt auch nicht wirklich mehr einfällt als das, was man von den “Weltrettern” unserer Zeit eh schon gut kennt: Das vor sich hertragen des eigenen “moralischen” Handelns wie eine Monstranz zum Beispiel; und ziemlich unterkomplexe Lösungswege. Die beiden Söhne finde ich interessanter, weil sie jeweils an einem Tiefpunkt ihres Lebens stehen und es spannend ist, dass ökonomischer Erfolg (der eine hat ihn, der andere nicht) damit gar nichts zu tun hat. Immer dann, wenn Scheibe Charaktere genauer beschreibt, ist der Roman sehr stark.

Viele große Themen des Romans entfalten sich dagegen nicht ganz so wie geplant. Der Luxusbunker vom Anfang ist eher ein Mac Guffin. Aber auch der Brief, den die Mutter von Klaus hinterlassen hat und der erst nach ihrem Tod gelesen wird, der die große Überraschung am Ende ist, hat mich eher kalt gelassen, weil er meiner Meinung nach nicht wirklich viel mit den Dynamiken innerhalb der Familie zu tun hat. Interessanter ist die Reflexion über das berühmte Tolstoi Zitat aus Anna Karenina: “Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.” Scheibe lässt seine Protagonisten darüber nachdenken, ob es nicht eher genau umgekehrt ist. Dass es schwierig ist herauszufinden, wie man glücklich sein kann.

Scheibe hat in einem Interview gesagt, das Ende seines Romanes entwickelte sich versöhnlicher als geplant. Für ein bisschen Hoffnung am Ende einer Geschichte bin ich immer zu haben. Aber wenn jahrezehntealte Traumata, die ja im sehr schweren Titel “Die Verluste” ganz bewusst adressiert werden, dann binnen einigen Seiten glattgebügelt bis nivelliert werden, tröstet das alle andere dysfunktionale Familien da draußen nicht wirklich.

TDDL, zwei

Heute war im Garten ein bisschen accidentally Open House. Obwohl jeder übersprünglich nur kurz oder gar nicht kommen wollte, waren dann doch teilweise fünf Personen gleichzeitig im Pool und zwar recht lange, aber klar, es war auch ziemlich warm harhar. Außerdem gibts bei mir selbstverständlich immer Eskimoeis aus den 1980er Jahren (also die Sorten, nicht seitdem im Tiefkühler befindlich) und Red Bull in allen Farben, vor allem gelb und pink.

Ich habe nebenbei die Ingeborg Bachmann Preisverleihung geschaut, obwohl ich gestern Nacht nur noch drei, vier weitere Texte angeschaut bzw. angehört habe. Interessanterweise aber auch den späteren Siegertext von Lena Schätte Was wir tragen. So quasi ein Coming of Age Text eines übergewichtigen Mädchens. Ich verstehe die Begeisterung darüber, fühle es aber ehrlichweise (noch?) nicht ganz.

Ich fand es aber allgemein wieder extrem amüsant, was Philipp Tingler, der eh mein Lieblingsjuror ist, wieder für Sätze rausgehauen hat. Von „Ich finde, dass Herr Strässle in seiner kleinen Ansprache eben diesen Text auf etwas unterkomplexe Art gelobt hat”. Über: „Die Momente, wo sich dieser Text sehr ernst nimmt, sind die kritischen.” Und „Der Text kann keine Distanz entwickeln, er hat einen Mitteilungsüberhang.” Bis zu: „Ich sehe hier lediglich zwei Frauen, die von einem Hauswartungsproblem überfordert sind.” Ich liebe es!

Die große Frage, die ich mir selbst allerdings stelle, angesichts dessen, dass Juryvorsitzender Klaus Kastberger dieses Jahr seinen Abschied nimmt. Ich empfinde ja sowohl Kastberger als auch Tingler als ziemlich von sich selbst eingenommen, sie wirken auch so, als würden sie sich gegenseitig nicht leiden können. Aber beim einen nervt mich diese in gewisser Weise Großkotzigkeit und beim anderen finde ich es brilliant und total lustig. Warum? Vielleicht, weil man bei Tingler doch irgendwie auch immer eine gewisse Selbstironie dahinter spürt, und auch ziemlich viel Humor, zumindest ich. Und ich glaube, man könnte ganz nett mit ihm auf ein Bier gehen. Oder vielleicht eher auf einen Hugo.

In einem stimme ich aber Kastberger zu, der seinen Lieblingssatz aus dem Bewerb genannt hat und zwar: “Die Torte gab auf”. Den finde ich auch sehr gut.