almis personal blog

Wochenende

Gestern wars am Nachmittag richtig schön sonnig im Garten, die “Kids” waren auf Besuch – wir sind auf den Liegestühlen gelegen und haben in den Himmel geschaut.

Am Abend habe ich dann begonnen, Alle meine Mütter zu lesen und habe mich aber so geärgert, dass ich gleich wieder damit aufgehört habe. Ich habe festgestellt, für mich ist es eine Red Flag, wenn in einem Buch Frauen* steht – und nicht nur einmal, sondern jedes einzelne Mal. Jetzt wurde endlich erreicht, dass Frauen als halbwegs eigenständig und selbstbestimmt wahrgenommen werden, und nun haben wir plötzlich einen depperten Stern ein Sonderzeichen hinter “uns” stehen? Why? Und hebt das nicht das ganze Gendern wieder auf, wenn jetzt Frauen erneut nicht alleine für sich stehen können? Liebe Autorin, schreib doch von mir aus am Anfang des Buches hin, was du persönlich unter Frauen verstehst und dann ist aber auch gut.

Ich werde dem Buch wahrscheinlich noch eine Chance geben, wenn ich mich abgeregt habe. Aber gestern hab ich dann doch erstmal mit Die Wahrheit über Ann angefangen, im Prinzip eine ähnliche Thematik, und das gefällt mir bisher sehr.

Heute gabs ein Geburtstagsessen in einem Steak-und-mehr Lokal:

Im Saloon

Das Gericht nennt sich Jolly Jumper, man könnte also denken, es wäre vielleicht Känguru, tatsächlich sind es aber Spinatnockerl mit Feta, mhmm. Bin zwar keine Vegetarierin, aber mir schmeckt das einfach so gut dort. Dazu eine fancy Limetten-Limonade.

Danach noch Kaffee und plaudern und ein bisschen vorarbeiten. Viel an jemanden denken. Und dann ist das Wochenende auch schon wieder vorbei.

Die Liebe ordnen

Eines der beiden Bücher, die ich mir letzte Woche gekauft habe, trägt den etwas sperrigen Titel Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen und wurde von der niederländischen Soziologin Christin Brinkgreve verfasst. Es ist dann auch kein Roman im klassischen Sinn, aber auch kein Sachtext, eher so etwas wie eine autofiktionale Selbstanalyse und das habe ich wirklich sehr gerne gelesen.

Buch mit dutzenden Post it’s

Brinkgreve, heute 77 Jahre alt, beschreibt in ihrem Werk den quasi Ist-Zustand ihres Lebens. Ihr Mann, mit dem sie jahrzehntelang zusammen war, zwei Söhne hat (plus seine Kinder aus erster Ehe) ist 2022 gestorben. Aber das ist jetzt kein Buch ähnlich dem aktuellen von Siri Hustvedt, die mit dem Geist ihres Mannes, des Schriftstellers Paul Auster quasi weiterlebt – nein, die Ehe von Brinkgreve war zwar ähnlich lang andauernd, doch sie war nicht glücklich, zumindest über weite Strecken hinweg nicht. Dabei ist Brinkgreve vor allem eines: Schonungslos ehrlich, auch und vor allem mit sich selbst. Wie der Autor Stewart O’Nan über die Dinge sagte, über die es einem schwer fällt zu schreiben: “Natürlich gibt es diesen Widerstand, aber genau der ist auch das Indiz dafür, dass man etwas Gefährliches gefunden hat, etwas, was die Leser bewegen wird.”

Zum einen macht Brinkgreve Schluss mit der beliebten Propaganda, die uns in den letzten Jahrzehnten immer wieder erzählt wurde, dass es als Frau (oder auch als Mensch) möglich wäre, einfach alles gleichzeitig zu haben: Eine wunderbare Karriere, eine tolle Partnerschaft, eine innige Beziehung zu den Kindern und was sonst noch so anfällt. Brinkgreve hat daran geglaubt, glauben wollen, sie hat tatsächlich Karriere gemacht und sie hat Kinder, aber in diesem Werk schreibt sie auch, dass man für das alles auch einen Preis zahlt. Die Kinder meinen, sie wäre zu wenig da gewesen, das Haus ist über die Jahre “vermüllt”, der Mann fühlt sich sowieso permanent zurückgesetzt und sich selbst hat sie auch vernachlässigt. Hier geht es nicht um eine Wertung, was sie hätte besser oder anders machen sollen. Hier geht es darum, Realitäten anzuerkennen. Und der Tag hat nun einmal nur 24 Stunden. Verbringt mit Zeit mit diesem, hat man weniger Zeit für jenes.

Der größte Teil des Buches handelt aber von ihrer Beziehung zu ihrem Mann A, Jurist und Medienmanager. Oft fragt sie sich, ob sie das “darf”, über ihn offen schreiben, auch er war ein Mann der Öffentlichkeit. Es gibt aber tatsächlich Verbindungen, die einen oder beide Beteiligte fast ersticken, und eine solche scheint Brinkgreves Ehe gewesen bzw geworden zu sein, mit einem Mann, der sie für verantwortlich macht für sein Glück und vor allem sein Unglück. Auch hier keine Wertung: Die beiden hatten einfach zu verschiedene Vorstellungen vom Leben (miteinander). Das Verweilen in einer Verbindung, die einen langsam fast zerstört, bezahlt man letztendlich mit sehr viel Lebenszeit. Das Buch ist schon auch ein Appell, keine halbe Sachen mit sich selbst zu machen und eine Beziehung nicht aus Gründen fortzuführen, die wenig bis gar nichts mit Liebe zu tun haben. Während Brinkgreve ihre Vergangenheit ordnet, ordnet sie übrigens auch das Haus und macht es ganz zu ihrem, als Zeichen eines Neubeginns.

Spannend fand ich, dass auch hier das Haus, wie in Sentimental Value so ein Stimmungsbarometer ist. Als ein Freund zu Besuch kommt, notiert Brinkgreve: “Er trat bedächtig über die Schwelle, auch erleichtert, dass das wieder möglich war, zögerlich. Er sah, wie viel heller es geworden war. Die Schönheit ist zurück.”1 Auch in Sentimental Value wird das Haus heller, nachdem jemand ausgezogen ist.

Sehr, sehr spannende Beobachtungen.


  1. Christien Brinkgreve: Mein Versuch, meine Liebe zu ordnen, Seite 117 ↩︎

Servicepost

Ein kleiner Servicepost für alle, die gerade keinen fancy Urlaub machen – ich bekomme täglich super Fotos von diesen Urlauben, macht weiter, ich hab das sehr gerne. Aber ich bin eben in Wien und mache es mir hier “lowkey” nett, hier ein paar Vorschläge.

Zuerst arbeiten (kann man aber auch weglassen), dann ein spätes Mittagessen bei Vapiano (alles folgende unbezahlte Werbung)

Ich liebe das Pilzrisotto sehr

Danach ein kurzer Streifzug in die Buchhandlung. Es gibt gerade eine Menge aufregender neuer Bücher bzw. Buchtitel, die einiges versprechen, zwei handeln sogar von mir beziehungsweise meinem Job harhar.

Danach zum Ostermarkt auf der Freyung. Wenn ich über diesen schlendere, denk ich mir immer, das ist mir fast noch lieber als Weihnachten, zumindest fürs Auge sind die toll gestaltenden Eier eine wirkliche Freude:

Ich hätte nur immer Angst, dass sie bei mir noch nicht mal den Weg nachhause überleben…

Und seit diesem Jahr ein Hinweisschild: You break it. You buy it. Die Vorgeschichte dazu kann man sich wahrscheinlich denken.

Danach – na was kann da kommen – richtig: Kino. Diesmal ein Film, den ich schon auf der Viennale gesehen haben, heute als Reprise, nämlich Sentimental Value. Und weil ich ihn schon kannte, konnte ich mich diesmal auf die Spitzfindigkeiten konzentrieren und bin noch mehr beeindruckt von diesem Drehbuch, das uns alles erzählt, was wir wissen müssen, aber auf so subtile Art und Weise, dass es eine Freude ist. Ich liebe einfach alles an diesem Film.

Fazit: Großes Glücksgefühl. Harhar.

Schöner Tag

Heute war ein schöner Tag. Wenn man wissen will, was bei mir ein schöner Tag ist – also da ist erstmal ein Arbeitsmeeting am späten Vormittag (Ja! Neue Projekte!) Danach Essen bei Ikea, weil ich in der Nähe vom Westbahnhof war und weil ich die Kottbular mit Püree sehr gerne mag. Und die Mandeltorte. Und den Holundersaft – der dort wirklich immer rosa ist, warum? Will ich es wissen? Harhar.

Weil die Sonne so schön gescheint hat, bin ich dann noch kurz rauf, aufs Ikea-Dach und hab ein Foto gemacht. Zwar ein toller Foto Spot, aber es sind immer zu viele Säulen im Weg.

Danach gings Richtung de France Kino, und weil noch etwas Zeit war, obwohl ich die ganze Währingerstraße zu Fuß hinuntergegangen bin, war ich einen Sprung im Thalia, um nach neuen Büchern zu schauen:

Buchtitel: so wichtig! Hier gleich ein paar interessante.

Und danach, quasi um die Ecke, ins De France:

Habe mir The Bride angesehen, aus zwei Gründen. 1. Regisseurin Maggie Gyllenhaal. 2. Die ur schlechten Kritiken. Harhar. Wie hat er mir gefallen? Werde ich bald erzählen.

Auf der Heimfahrt hab ich etwas gelesen, was mir sehr gut getan hat. Und zwar wurde Ethan Hawke bei den Oscars gefragt, was er zu unerwiderter Liebe sagt – sein neuer Film Blue Moon beschäftigt sich offenbar damit. Er sagt nämlich erstaunlicherweise: “The one who is in love always wins. When you are feeling, you are alive. The sun does not care whether the grass appreciates the rays. It just keeps shining.”

Schön zu hören, dass es keinen Grund gibt, sich dafür zu schämen. Danke Ethan.

Verdammt wütend

Ich habe M. den Roman Verdammt Wütend von der norwegischen Schriftstellerin Linn Strømsborg geschenkt, weil uns beiden der Vorgänger, Nie, Nie, Nie sehr gut gefallen hat. Jetzt habe ich Verdammt Wütend selbst gelesen und sorry liebe M. I should have known better, harhar.

Die Anfangsszene ist natürlich super. Da ist Britt, Anfang 40, mit Mann und kleiner Tochter auf Urlaub mit Freunden. Und eines Morgens schreit sie einfach alle an. Den Mann, die Tochter, die Freunde. Weil sie, erraten, einfach verdammt wütend ist. Sie ist wütend, weil ihre Mutter sie selbst als zehnjähriges Mädchen verlassen hat, einfach gegangen ist. Weil die Beziehung zu Espen nicht das ist, was sie sich vorgestellt hat, weil er Verantwortung scheut und sie möglicherweise betrügt. Weil sie ihre Tochter liebt, vieles aber dennoch anstrengend ist. Und weil die Freunde eben auch irgendwie nerven. Als Leser liebt man ja irgendwie das Drama und ist gespannt darauf: Was kommt danach? Aber leider ist es die beste Szene des ganzen Buches.

Strømsborg schreibt immer noch gut, die Sprache gefällt mir. Bei Verdammt Wütend hapert es aber, meines Erachtens aber am Plot, der sich jetzt nicht wesentlich von anderen Büchern dieses Themenkreises unterscheidet und der vor allem keine wirkliche Weiterentwicklung seiner Protagonistin bietet.

Ja, es geht um Wut, um Frust, um unfaire Bedingungen, darum wie “Orsch” alles ist, ja ich verstehe es, ich kann es auch in Teilen durchaus nachvollziehen. Aber mir fehlt irgendwie die Transformation. Also Wut entsteht natürlich immer wieder einmal in einem Menschen und ist ab und zu auch notwendig, aber an sich ja noch kein Wert. Man sollte ja mit dieser Wut irgendwas tun, damit sich etwas anderes daraus entwickeln kann, das im Idealfall eine Verbesserung der Situation bringt. Oder sagen wir so: Wenn jemand 100 Seiten in seinem Tagebuch mit wütenden Gedanken füllt, ist das vielleicht ganz therapeutisch, aber es ist noch keine Literatur. Mir bleibt Britt ein bisschen zu verhaftet in der “Opfererzählung”. Mir fehlt ein bisschen die Reflexion über die eigenen Anteile an der unbefriedigenden Ist-Situation.

Es gibt auch einige ziemlich eigenartige Perspektivenwechsel. Meistens verfolgen wir die Handlung ja aus der Sicht von der Protagonistin Britt. Ein Kapitel ist allerdings aus Sicht von Espen erzählt, eines aus dem Blickwinkel einer Freundin. Was tatsächlich eine interessante Idee wäre, wäre es nicht so “random” eingesetzt, wie mein Kind es bezeichnen würde. Die Perspektive von Espen wird auf ein paar wenigen Seiten erzählt, das wird der Figur nicht gerecht, wir lernen ihn deswegen auch nicht besser kennen und können uns über ihn kein “Urteil” bilden. Ich frage mich, was sich die Autorin diesbezüglich von uns erwartet. Das würde ich sie wirklich gerne fragen, harhar.

Britt sagt einmal: “Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so wütend sein würde, und wenn ich gekonnt hätte, hätte ich mich defintiv dagegen entschieden. Für Freude, Neugierde, Offenheit, Trauer, Staunen oder Zufriedenheit. Aber diese Wahl wurde mir nie gelassen. Man hat mir nur dieses Leben gegeben und es ist eine große Enttäuschung.”1 Wirklich?


  1. Linn Strømsborg: Verdammt Wütend, S. 33 ↩︎

Vladimir

Vladimir – so heißt der Roman von Julia May Jonas, den ich 2022 erstmals und am Wochenende noch einmal gelesen habe. Der Titel “Vladimir” bedeutet für den Text so etwas ähnliches wie der Schauspieler Tom Hiddelston auf dem Plakat für den Film The Life of Chuck bedeutet hat. Hiddelston war zwar in diesem Film anwesend, aber lange nicht so wichtig, dass es die dominate Präsenz auf dem Plakat rechtfertigen würde. “Vladimir” steht im Roman für Katalysator oder Orientierung, vielleicht auch Neustart.

Tatsächlich geht es im dem Roman vor allem um die (namenlose) Protagonistin. Eine Frau Ende 50, Literaturprofessorin, die seit Jahren in einer offenen und mittlerweile sehr langweiligen Ehe mit John, lebt, der auch Literaturprofessor an derselben Uni ist. Sie haben eine erwachsene Tochter. Oder wie es im Roman einmal über heterosexuelle Beziehungen heißt: Sie hätten “ein Leben, das uns alle zu Protagonisten einer längst auserzählen Geschichte macht.”1 Aber dann wird es doch weniger konventionell. John ist nämlich gerade dabei, von der Uni verwiesen zu werden, weil zahlreiche ehemaligen Studentinnen ihm- ja was eigentlich vorwerfen? Sie hatten alle Affären mit ihm, diese Affären wurden freiwillig eingegangen, aber im Zuge von #metoo werden die Dinge manchmal neu “interpretiert”. Auch unsere Hauptfigur bekommt Schwierigkeiten, da sie diese Dinge ja quasi “gutgeheißen” hätte.

May Jonas ist schon sehr mutig, denn mit diesem Roman setzt sie sich natürlich in gewisser Weise zwischen alle Stühle, was ich ja immer ganz gerne mag, harhar. Hier sind ganz viele Dinge nebeneinander richtig, hier gibt es ganz viele Zwischentöne. Natürlich spielt John mit seiner Macht und er ist kein übermäßig sympathischer Charakter. Aber was ist mit den jungen Frauen? Feiern wir nun sexuelle Selbstbestimmung, zu der aber auch Selbstverantwortung gehört, auch wenn sich die Angelegenheit hinterher schal anfühlt? Oder sind die jungen Frauen (erwachsen) doch weiterhin immer nur Opfer? Und wieso hängt die Protagonistin mit drinnen, die ebenfalls nicht unbedingt extrem sympathisch erscheint, aber sehr ehrlich mit sich ist. Auf quasi der Metaebene überlegt sich die Protagonistin einmal: “Sollten wir [in der Kunst, Anmerkung] nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? (…) Hatten wir uns nicht darauf geeinigt, dass die Moral in der Kunst nichts zu suchen hat?”2

Spannend, aber noch spannender als diese gesellschaftspolitischen Fragen, die sehr pointiert und kontrovers verhandelt werden, fand ich die Gedankenwelt der Protagonistin. Wie geht es einem als Frau Ende 50, was hat man erlebt, was hat man versäumt, wie will man weitertun, beruflich und privat, was hat man noch zu erwarten oder erhoffen. Und hier kommt der ominöse, russischstämmige und natürlich sexy “Nachwuchs”professor ins Spiel. Vladimir. “Er eröffnet ihr eine Welt und wenn schon nicht eine Welt, dann einen bodenlosen Abgrund”3 Nicht, weil er irgendwie die große Liebe ist oder die Protagonistin sich extrem für seine Gedanken interessiert, obwohl sie seinen Roman faszinierend findet. Nein, er ist Mittel zum Zweck tiefer Selbstreflexion. Und er löst einiges aus, in ihrem Leben und gibt diesem tatsächlich so etwas wie eine neue Wendung.

Wunderbar, ich mag die Sprache und die Gedankenwelt von May Jonas sehr und auch wenn der Plot nicht besonders leicht verdaulich ist, war es eines dieser Bücher, in dem ich mich gleich wohlgefühlt habe.


  1. Julia May Jonas, Vladmir, Seite135 ↩︎
  2. Seite 200 ↩︎
  3. Seite 25 ↩︎

Sunday

Heute war der Tag, an dem ich die Liegestuhl-Saison eröffnet habe. Natürlich noch mit Legging und Weste, zeitweise auch noch mit Jacke darüber, sah sicher sehr belämmert aus, aber egal.

Blick in die noch sehr kahle Landschaft harhar.

Bald werde ich 50 und es ist wohl Zeit, einen Baum zu pflanzen. Voriges Jahr ist ja der Marillenbaum eingegangen und musste gefällt werden. Zuerst dachte ich, ich würde ihn nicht ersetzen wollen. Aber manchmal dauert es eine Weile bis man merkt, dass etwas fehlt. Keine Ahung, *wie* man einen Baum pflanzt und worauf man da achten muss – der alte Baum wurde eingesetzt, als ich so sieben Jahre alt war, ich sah damals mit meiner Volksschulfreundin zu – und wie lange es dauert, bis man dann wirklich einen Schatten hat. Bis zur Pension geht es sich vielleicht aus, harhar. Ich denke darüber nach.

Ach ja und das Buch Vladimir habe ich vor einigen Jahren schon mal gelesen, konnte mich aber null an den Inhalt erinnern (meine geheime Superkraft, ich vergesse die Handlung von manchen Büchern sofort wieder). Basically geht es um eine Literaturprofessorin, die eine gewisse Besessenheit für einen “jungen” Kollegen, naja, eh auch schon 40, harhar, entwicklt. Läuft jetzt als Serie auf Netflix und ich überlege, eine Kolumne über die Serie zu schreiben, die ich dafür aber erst anschauen muss. Das Buch habe ich jedenfalls heute fertiggelesen und ich fand es ur toll.

Am Abend noch etwas über das schwedische Melodifestivalen gelesen, das gestern ihren ESC Act gekürt hat und bitte die ORF Redakteurin, die auf das italienische Musikfestival referenziert hat, schreibt jetzt 50 Mal zu ewigen Erinnerung: “San Remo ist kein ESC Vorentscheid.” Okay? Harhar.

So genug Klugscheißerei. Noch ein Filmpodcast und Gedanken an jemand, von dem ich sofort wusste, dass er fehlen wird. Trotzdem sind es schöne Gedanken.

Balagan

So, endlich habe ich das neue Buch von Mirna Funk gelesen, der ich schon ewig auf Social Media folge. Ich mag sie sehr, weil sie so offen über alles schreibt (Sex Kolumne in der Cosmopolitan harhar) weil sie Ideologien hinterfragt, gleichzeitig immer aber auch sich selbst. Sie bietet auch Seminare für (angehende) Autorinnen an, für mich ziemlich interessant und überlegenswert. Früher lebte Funk mit ihrer Tochter fix in Berlin, nach dem 7. Oktober 2023 hat sie ihre Alija gemacht und hat ihren Hauptwohnsitz nun in Tel Aviv. Es ist keine leichte Zeit im Moment, davon berichtet auch ihr neuer Roman Balagan.

In Balagan (bedeutet so etwas wie Chaos) erzählt Funk über Amira, eine junge jüdische Journalistin aus Berlin, deren Großvater stirbt und ihr seine extrem wertvolle Bildersammlung vererbt. Amira muss sich im Zuge dessen nicht nur von der (missgünstigen) Familie abgrenzen, sie muss auch Nachforschungen über die Provenienz der Werke anstellen und sich nach den Ereignissen des Jahres 2023 fragen, was sie noch in Berlin hält…

Klingt natürlich alles (auch) ein bisschen autobiografisch und das ist gut so. Funk illustriert den Druck, dem sie als Jüdin in Deutschland durch die jüngsten Ereignisse ausgesetzt ist ziemlich nachvollziehbar. Der Roman erzählt dann auch viel über jüdische Familienkonstellationen und Gebräuche und ich mag das sehr gern. Mich hat das immer schon total interessiert, deswegen ich (hab ich eh schon hundertmal erzählt) auf der Uni das Wahlfach Jiddisch für Anfänger belegte. Ich dachte, wir würden ein bisschen Tante Jolesch mäßig plaudern, dabei mussten wir das hebräische Alphabet lernen und Sachen übersetzen. Es war ur schwer! Harhar.

Wie auch immer, Balagan hat mich von der ersten Szene an gepackt, als die Familie am Seder, dem Beginn des Pessach-Festes zusammensitzt und isst, und dabei die Dynamiken zwischen den einzelenen Personen und auch Ressentiments sofort richtig spürbar werden. Das sind für mich auch die stärksten Passagen des Buches, wenn Funk jüdische Feste portraitiert, Rituale nachvollziehbar macht und Lebensanschauungen einfließen lässt, kurzum den “Vibe” wiedergibt, der in so einer Familie herrscht. Sehr mochte ich auch die Beschreibung von Tel Aviv und das Lebensgefühl dort.

Ein bisschen weniger hat mir die Sprache in den Dialogen gefallen, weil es klingt alles vom Sprachduktus her recht ähnlich. Aber vielleicht sprechen ja wirklich alle 30 jährigen so miteinander. Es wird auch viel so “nebenbei” gekokst, was mir immer den Eindruck vermittelt, gerade in einer Welt zu sein, die ich überhaupt nicht verstehe. Ok ja, beim Film The Moment letzte Woche war auch viel von Koks die Rede, aber bei einem globalen Musikstar habe ich ja sowieso nicht das Gefühl, an deren Welt irgendwie anknüpfen zu können.

Generell ist Balagan aber eine inspirierende Lektüre, voller Kraft, Kampfgeist und schonungsloser Selbstbeobachtung: “Tief im Inneren wollte sie einfach nur ein guter Mensch sein. Wie die meisten von uns. Ohne allerdings zu verstehen, dass zum Gut sein zuallererst gehörte, anzuerkennen, wie böse man war.”1


  1. Mirna Funk: Balagan, Seite173 ↩︎

Die Nachricht

Das Kind musste in Deutsch ein Referat über ein aktuelles Buch halten, es gab eine Auswahlliste und ich habe ihm zu Doris Knechts Roman Die Nachricht geraten.

Den Roman habe ich selbst 2021, gleich als er erschienen ist, gelesen, es war Sommer. Ich war sehr glücklich in diesem Sommer, das weiß ich noch. Und ich habe das Referat jetzt zum Anlass genommen, einen Re-read zu machen, weil ich dann gern mit meinem Kind darüber spreche.

Ich werde nicht spoilern, es geht in dem Roman um Ruth, eine Frau um die 50, die nach dem überraschenden Tod ihres Mannes ihr Leben neu sortieren muss. Nachdem sie sich nach drei Jahren und auch recht schonungsloser Selbstreflexion wieder etwas gefangen hat, beginnen anonyme Nachrichten ihre Mailbox und die ihres Umfeld zu fluten. Jemand äußert sich da sehr despektierlich über Ruth und schreibt über Geheimnisse innerhalb ihrer Ehe, die eigentlich niemand wissen sollte

Das ist alles ein bisschen untypisch für Doris Knecht, also einen Roman vor allem auf Spannung aufzubauen. Sie ist mehr so die Chronistin des Alltagsleben, die feine Analytikerin von Charakteren. Aber hier kann man tatsächlich als Leserin mitfiebern: Wer ist der Verfasser dieser Nachrichten? Welche Beweise gibt es? Wann macht jemand einen Fehler? Knecht macht das nicht schlecht, das Buch ist auch deshalb ein richtiger “Pageturner”, denn mittlerweile hatte ich nämlich schon wieder vergessen gehabt, wer dann letztendlich der Täter war *hüstel*

Knecht beobachtet sehr genau, was Ruths Freundeskreis angeht: wer verhält sich wie, wer hat welche Meinung, wer rät wozu? Solche krisenhaften Ereignisse sind ja immer ganz gute Gradmesser dafür, wie es so bestellt ist, mit den Freunden im eigenen Leben. Und da geht es nicht darum, dass alle der gleichen Ansicht sein und zu den ähnlichen Schlüssen kommen müssen, gar nicht (finde ich). Aber man kann schon sehr gut erkennen, wer tiefer blickt, wer mehr Sinn für Differenzierung hat und wer letztendlich auch dran bleibt, wenn es mühsam wird. Es ist zwar irrsinnig platt, wenn man sagt, seine richtigen Freunde erkennt man, wenn es einem schlecht geht, es ist aber auch zutreffend.

Obwohl der Roman sehr leicht lesbar ist, also sehr im hier und jetzt erzählt, gibt es immer wieder total poetische Betrachtungen, in einem ganzen Kapitel zählt Knecht auf, was ihren Mann ausgemacht hat und da sind so viele kleine Details enthalten, wie ich das auch immer zu handhaben versuche. Weil dadurch lernt man einen Protagonisten wirklich “kennen.” Einmal überlegt sie aus einer Art Selbstschutz einen Hund zu kaufen: “Manchmal fiel mir dann ein, dass ich nie so jemand sein wollte, an den man nicht rankam, jemand, der nur bestimmte Leute an sich ranließ, aber jetzt war ich es vielleicht. Oder auch nicht. Oder eben manchmal”1

Die Nachricht ist quasi schon die Hinführung zu der Doris Knecht, die sich vor allem in der Autofiktion (a la Annie Ernaux) übt. Ihre letzten beiden Bücher waren meines Erachtens nämlich genau das. Was mir persönlich auch am besten gefällt, weil man da das Gefühl kriegt, da geht es um was, da schreibt sie aus ihrer Seele heraus. Genau solche Bücher möchte ich lesen – und schreibe ich auch, harhar.


  1. Doris Knecht: Die Nachricht, Seite 19. ↩︎

Der Fremde

Nachdem ich die Verfilmung von Der Fremde – nach einem Roman von Albert Camus – durch Francois Ozon gesehen habe, habe ich auch gleich noch das Buch gelesen. Es ist ein recht schmaler Band, der in Frankreich offenbar Schullektüre ist. Und es ist tatsächlich erstaunlich, in welcher “einfachen”, aber sehr poetischen Sprache hier erzählt wird, wo das Werk doch als eines der Hauptwerke des Existentialismus gilt und sich jeder denkt: Oh Camus, sicher komplett unverständlich. Was ich mich persönlich beim Lesen (und schon während des Filmes) wirklich unironisch gefragt habe: Ist das noch Existentialis- oder doch schon Autismus?

Es geht in Der Fremde um den jungen Mann Mersault – ein Vorname wird nie genannt – der in den 1930er Jahren in Algier lebt. Gerade ist seine Mutter gestorben und er muss zu ihrem Begräbnis. Dabei bleibt er allerdings weitgehend emotionslos. Es wäre ihm irgendwie schon lieber, sie würde noch leben, so reflektiert er einmal, aber Trauer verspürt er auch nicht. Was sich auch im vielleicht wichtigsten (ersten) Satz des Romanes manifestiert: “Heute ist meine Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.”

AB HIER DETAILS ZUM ROMAN

Mersault weiß vieles nicht, obwohl er keineswegs dumm ist. Er ist ein genauer Beobachter, er reflektiert dauernd,, aber als Leser hat man das Gefühl, er kommt zu keinen Ergebnissen, bleibt merkwürdig indifferent. So beginnt er am Tag nach dem Begräbnis ein Verhältnis mit der ihm schon flüchtig bekannten Marie. Als sie einige Zeit später fragt, ob er sie liebe, sagt er so was ähnliches wie: Das hat keine Bedeutung. Kaum eine Bedeutung hat auch, was zum zweitwichtigsten Satz des Romanes führt, nämlich sein Mord oder eher Totschlag eines Arabers: “Ich habe einen Araber getötet” Daraus haben The Cure übrigens einen Song Killing an Arab gemacht, der auch im Abspann des Ozon Films läuft.

Obwohl es sich bei besagtem Arbaber um einen Widersacher von Mersaults Nachbarn Raymond handelt, gibt es für den Mord keinen “Grund” – also es gibt sowieso nie eine Rechtferigung dafür, aber hier gibt es nicht mal einen besonderen Auslöser, wie zum Beispiel ein Affektzustand. Selbst der direkt betroffene Raymond geht einer Auseinandersetzung aus dem Weg. Im Prinzip hat Mersault nur die Sonne am Strand geblendet, als er diese Tat begeht. Der zweite Teil des Romans handelt vom Prozess gegen Mersault. Und obwohl Franzosen in Algier dieser Zeit bei einem Gerichtsprozess die ungleich besseren Karten hätten, scheint Mersault hier seine komplette Gleichgültigkeit auf den Kopf zu fallen. Aber auch das lässt ihn, man ahnt es, relativ kalt. Er bringt nicht einmal genug Energie auf, um eine kohärente Verteidigungslinie zu entwerfen.

Mein drittliebster Satz des Romans ist übrigens: “Mama sagte oft, dass man nie ganz und gar unglücklich sei.” Das hat irgendwie so etwas tröstliches, lebensbejahendes. Damit kann ich sehr viel anfangen, weil das Leben einfach schön ist, trotz allem, auch wenn es einem schlecht geht. Interessant ist, dass Mersault, der ja sowas wie Glück gar nicht zulässt, diesen Satz seiner Mutter so herausstreicht.

Die Ozon Verfilmung ist sehr werkgetreu und hat mir gut gefallen, wobei der Gerichtsprozess etwas fader in Szene gesetzt wird als im Buch. Der Fremde wurde schon zuvor verfilmt, ich hätte auch gerne vorige Woche die Visconti Verfilmung (Lo Straniero) mit Marcello Mastroianni im Filmmuseum gesehen, aber sie war tatsächlich ausverkauft. Allerdings, wie Pia Reiser in Podcast meinte, Visconti wollte damals eigentlich Alain Delon für die Rolle, weil der so aalglatt wirkt und man ihn bewundert, aber nicht mit ihm mitfühlt. Während Mastroianni, der die Rolle letztendlich spielte, eher fehl am Platz ist, weil er so ein warmer, herzlicher Typ ist, wenn natürlich auch sehr fesch (so Pia Reiser). Harhar, das stimmt, ich mag ihn auch sehr gern, muss aber zustimmen, so teilnahmslos wie Delon kann er nie wirken.