almis personal blog

Sonntag

“Ich habe gedacht, dass Sonntag war, und das hat mich angeödet. Ich mag den Sonntag nicht.”1 Das stellt Meursault, die vornamenlose Hauptfigur in Albert Camus Roman Der Fremde fest.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen manchmal, auch mir. Nachdem ich einige Jahre lang die allerschönsten Sonntage erlebte habe und sie dann endeten, habe ich mich viele Wochen am Sonntag verkrochen und vor allem versteckt. Mittlerweile gehe ich wieder hinaus. Vor allem heute, nachdem das Kind gestern weggefahren ist – erster Urlaub “alleine”.

Natürlich war ich irgendwie müde oder eher träge und musste mich überwinden, aber dann bin ich doch auf die Mariahilferstraße gefahren und war mittagessen.

Zu diesem Essen gibt es eine umständliche traurige Geschichte, ich sage nur plant based chicken (versehentlich) harhar.

“Etwas später habe ich, um irgendetwas zu tun, eine alte Zeitung genommen und habe sie gelesen. […] Der Nachmittag war schön. […] Ich habe gedacht, dass sie (die Menschen auf der Straße , Anm.) in die Kinos im Zentrum gingen. Deshalb machten sie sich so früh auf den Weg und eilten unter lautem Lachen zur Straßenbahn. Nach ihnen wurde die Straße allmählich leer. Die Vorstellungen hatten überall angefangen, glaube ich.”2

So auch meine, harhar. Ich habe Die Jüngste Tochter im Filmhaus gesehen. Der Saal ist mir schon sehr vertraut und gemütlich. Ich fühle mich wohl dort.

Spiegelungen im Filmhaus

Danach bin ich den Spittelberg hinunter gegangen

Ganz eigene Sonntag, 1. Februar Stimmung

“Der Tag hat sich noch etwas verändert. Über den Dächern ist der Himmel rötlich geworden, und mit dem einbrechenden Abend haben sich die Straßen belebt. Die Spaziergänger kamen nach und nach zurück. […] Die Straßenlampen sind dann plötzlich angegangen und haben die ersten Sterne, die in der Nacht aufstiegen, verblassen lassen.”3

Ich habe mit dem Kind geschrieben, Fotos bekommen und noch ein bisschen gearbeitet, an meinem Roman weitergelesen.

“Wenig später, als die Straßenbahnen seltener wurden und die Nacht über den Bäumen und Lampen schon schwarz war, hat sich das Viertel umerklich geleert, bis die erste Katze langsam die wieder ausgestorbene Straße überquerte”.4

Ich habe daran gedacht, Texte, Betrachtungen, Gedanken über den Sonntag zu sammeln. Das Phänomen “Sonntag” erscheint mir als erforschenswertes und es inspiriert mich irgendwie. Und nun beschließe ich das Wochenende mit Gedanken an die allerschönsten Wochenenden und diesen Menschen.


  1. Albert Camus: Der Fremde, Seite 29 ↩︎
  2. Seite 31 ↩︎
  3. Seite 32 ↩︎
  4. Seite 33 ↩︎

Wuthering Heights (vorher)

Nächste Woche werde ich die Pressevorführung von Wuthering Heights (Sturmhöhe) besuchen und so bereite ich mich in meiner Garten-Leseecke darauf vor:

Das ist Einsatz, oder? Ein paar Worte zum jetzigen Zeitpunkt:

Ich bin ein großer Fan der Regisseurin Emerald Fennell, die als Kind gesagt haben soll, sie wolle einmal Schauspielerin werden und über Liebe und “Murder” schreiben, was sie ja eindrucksvoll geschafft hat. Ich habe alle ihre (bisher zwei harhar) Filme gesehen und ich fand speziell Saltburn toll, toll, toll. Ein bestechendes und überborderndes Setdesign, wahnsinnige Stimmungsbilder, und generell auch komplett Bonkers vom Plot her, aber extrem unterhaltsam. Wenn es gut gemacht ist und nix anderes sein will als es ist, finde sowas super. Auch Pia Reiser vom fm4 Filmpodcast liebt das – wir haben generell einen recht ähnlichen Geschmack – und sie sagte zwei Dinge über Fennell, 1. dass sie immer sehr genau auswählt, welchen Font sie für ihr Titeldesign verwendet, Zitat Reiser: “Sie nimmt nicht einfach das, was im Word als erstes auftaucht” harhar und 2. “Fennell spricht Pop.” Genauso ist es.

Deshalb wird das Werk von Emily Brontë natürlich niemals eine klassisch-betuliche Literaturverfilmung werden, ich mein, es ist denkunmöglich. Deshalb wird beim Trailer zu Wuthering Heights natürlich viel kritisiert, weil man kann das alles auch sehr leidenschaftlich hassen, verstehe ich auch vollkommen. Wir haben zwei schöne Menschen (Margot Robbie, Jacob Elordi), die natürlich auch zu alt für ihre Rollen sind, da hätte man fast Teenager gebraucht und Robbie ist auch nicht so schlank wie normalerweise, weil sie direkt davor ein Kind (in echt) bekommen haben. Beide sprechen ein schönes Englisch, die Bilder sind wieder überwältigend, die Musik kommt von Charli xcx, einer sehr heutigen Musikerin – ich kannte sie bis dato nicht, ich bin auch zu alt dafür1, harhar.

Wuthering Heights wird im Trailer als “die größte Liebesgeschichte ever” transportiert, was irgendwie total zutreffend sein kann oder auch ganz im Gegenteil – je nachdem wie viel Toxizität und Zerstörungskraft man Liebesgeschichten zubilligt, die man als “echt” bezeichnen möchte. Es gibt ja auch Menschen, die “echte Liebe” nur dann verorten, wenn sie letztlich unerfüllt bleibt oder wenn sie mit ganz viel Kampf und Trauer, Sehnsucht und Verzicht konnotiert wird.

Wuthering Heights als Buch ist natürlich ein Klassiker der englischen Literatur, auch das einzige Buch von Emily Brontë, aber – so viel kann ich jetzt schon sagen – es ist auch in sich recht gaga. Ja, man kann es psychologisch durchdrungen nennen, ein Charakter- und Persönlichkeitsportrait, es hat aber erzähltechnisch auch ein bisschen was von Reich und Schön (sorry), also warum dann nicht einen absolut überkandidelten Film daraus machen? Das mal als erster Stimmungsbericht, ich werde dann zu Buch und Film noch mehr sagen, sobald ich beides fertiggelesen bzw. gesehen habe.


  1. Habe mein Kind dazu gefragt, er hat einen Song von ihr auf seiner Playliste ↩︎

Die Vegetarierin

Die Vegetarierin ist Han Kangs sicher bekanntestes, vielleicht, so sagen es viele Rezensionen, auch verstörendstes Werk. Es ist 2007 erschienen, richtig berühmt geworden allerdings durch die englische Übersetzung, da wurde es auch mit dem Man Booker International Preis ausgezeichnet. Vor zehn Jahren wurde das Buch ins Deutsche übersetzt.

Für mich selbst ist auch um einiges grotesker und weniger zugänglich als Deine Kalten Hände. Dabei aber auch erstaunlich leicht lesbar, weil ganz unprätentiös. Auch hier geht es wieder extrem um Körper, Körperverwandlung (weshalb in den Reviews immer wieder auch auf Kafka verwiesen wird), Körpertransformation. Und doch ist das, was sich körperlich tut, natürlich immer ein Ausdruck eines inneren Kampfes oder einer Entwicklung.

Die Protagonistin, eine junge Koreanerin, beschließt eines Tages nach einem Traum Vegetarierin zu werden. Genau genommen ist sie aber sogar Veganerin, denn sie boykottiert jegliche tierische Produkte. Und wenn man es noch weitertreibt (und das tut sie dann) verweigert sie in letzter Konsequenz die Nahrung komplett. Sie will zu einem Teil der Natur selbst werden, eine Art Pflanze. Klingt schon ziemlich schräg, oder?

Ich finde sehr interessant, dass die Vegetarierin selbst keine Stimme im Roman hat. Außer in einigen kurzen Schilderungen ihrer Träume wird nämlich nur über sie erzählt. Im ersten Kapitel von ihrem Mann, der sie als komplett unscheinbar und im Grunde uninteressant beschreibt: “Ich fühlte mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.”1 Im zweiten Kapitel erzählt der Schwager, ein Künstler, wie auch schon die Hauptfigur in Deine kalten Hände, der sie ganz anders wahrnimmt; der ihren Körper zwar nicht eingipst, aber mit Blumen bemalt und eine sinnlich-obsessive Videodokumentation macht, die sein Hauptwerk sein soll. “Er hatte lange nach der Antwort gesucht. Sich immer wieder gefragt, wie er auf diese Phantasie gekommen war. […] Alle Ausstellungen, Aufführungen, Filme erschienen ihm nichtssagend, weil sie nicht seiner Vision entsprachen.”2 Im dritten Teil spricht die Schwester, versucht sie zu erfassen oder zumindest zu verstehen – und sich gleich selbst mitanalysiert.

Es geht in Die Vegetarierin um rigide Familienverhältnisse, um Frauen versus Männer, darum, dass Menschen sich mitunter komplett verständnislos gegenüberstehen, weil es ihnen zu mühsam ist, Menschen in allen ihren Ambivalenzen und Widersprüchen anzunehmen. Es geht um Themen wie den Sinn des Lebens und Selbstbestimmung, auch was Leben und Sterben betrifft. Die Schwester der Vegetariern sagt einmal zu ihr: “Wir sind so, weil wir Angst haben, dass du stirbst.” […] Ihre letzten Worte waren: “Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?”3 Und das alles in einem relativ schmalen Band, der mitreißend erzählt ist.

Auf jeden Fall bitterer und düsterer als Deine Kalten Hände für mich, dennoch aber unbedingt lesenswert.


  1. Die Vegetarierin, Seite 7 ↩︎
  2. Seite 64. ↩︎
  3. Seite 163 ↩︎

Hamnet

Hamnet ist der neue Film der chinesischen Regisseurin Chloé Zhao und wurde vergangene Woche für acht Oscars nominiert, und hier folgt mein Veriss, harhar. Zhao adaptierte den gleichnamigen Roman von Maggie O’Farell, der sich mit dem Tod des Sohnes von William Shakespeare und seiner Frau Agnes, namens eben Hamnet, auseinandersetzt. Was wie ein riesengroßer Spoiler wirkt, wird genau so vermarktet.

Übrigens, auch das wird gleich am Anfang verraten: Die Namen “Hamnet” und “Hamlet” wurden damals quasi synonym verwendet.

SPOILER

Zunächst einmal: Viele haben sich beschwert, dass es so gemein wäre, Chloé Zhao quasi vorzuwerfen, einen manipulativ-überrührseligen Tearjerker produziert zu haben, das sei nur deshalb der Fall, weil sie eben eine Frau wäre, also dieser Vorwurf bla bla. Nein, ich fand auch Million Dollar Baby von Clint Eastwood aus dem Grund schrecklich, wie auch Manchester by the Sea von Kenneth Lonergan. Auch wenn diese Filme natürlich unterschiedlich funktionieren, eint sie doch ein allgegenwärtiges und umfassendes Elend. Männer sind genauso dazu imstande, solche Filme zu produzieren, die einem die Botschaft mit dem Holzhammer übermitteln wollen.

Vielleicht ist es hier schon das Problem des Romans, das kann ich nicht sagen, da ich ihn nicht gelesen habe. Aber mir ist das alles zu viel (und von anderem wie Plot oder Charakterentwicklung ist es zu wenig, aber das bedingt sich ja oft gegenseitig). Von Agnes (Jessie Buckley) wird gesagt, dass sie die Tochter einer Hexe sei und tatsächlich ist sie sehr in dieser Naturmystik-Heilpraktiker-Ecke zuhause. Ich kann jetzt mit Naturheilkunde an sich schon sehr viel anfangen. Aber bei Agnes hat das alles schon recht übersinnliche Züge. Sie “sieht” die Zukunft, sie bringt ihr Kind selbstverständlich alleine im Wald zur Welt ohne irgendjemand Bescheid zu sagen (was, sind wir uns ehrlich, bis heute lebensgefährlich ist), alles ist so archaisch an ihr. Und natürlich ist die Liebe zu William Shakespeare magisch, wie auch zu den Kindern, aber das wird halt alles eher behauptet als wirklich dargestellt.

Natürlich ist es schrecklich, eines der schlimmsten Dinge, die einem passieren können, wenn das eigene Kind stirbt. Für diese Erkenntnis alleine brauche ich aber keinen 126 Minuten Film anzuschauen. Ich nehme Agnes (bzw. Buckley) diesen, ihren Schmerz zwar komplett ab, sie ist sehr überzeugend; aber es ist eben auch ihr Schmerz, sie lässt mich nicht in ihre Gefühlswelt hinein, sie hält mich auf Distanz. Ich konnte zu niemandem dieser Menschen irgendeine Art von Beziehung aufbauen, auch zum Kind Hamnet nicht, der generell eher blass bleibt. Mich hat es emotional jetzt mehr aufgeregt, dass Agnes William (Paul Mescal) nach dem Tod von Hamnet beschimpft, dass er nicht da gewesen wäre. Dabei war sie es, die ganz am Anfang ihrer Ehe gesagt hatte, er müsse nach London gehen, er müsse schreiben, sonst würde er und sie sich auch als Paar verlieren. Dass es dann halt Zeit braucht, von London ohne Auto ins hinterletzte Kaff Stratford-upon-Avon zu gelangen – wo Agnes gegen den Wunsch von William bleiben wollte, weil Natur! – ist auch klar.

Die letzten 15, 20 Minuten des Films beinhalten eine Aufführung von Hamlet im Londoner Globe Theater; das Stück schrieb Shakespeare zur Aufarbeitung dieses Schicksasschlages. Der Falter Filmkritiker Michael Omasta nennt das eine “faule” Entscheidung. Ich stimme ihm grundsätzlich zu, muss aber sagen, dass es allerdings auch der Teil ist, wo der Film tatsächlich am besten für mich funktioniert hat, mit den Worten und Emotionen Shakespeares nämlich. Auch auf Uncut wurde der Film (positiv) besprochen und ich habe unserem Kritiker dann geschrieben, mir gefiele sein Review wesentlich besser als der Film, harhar. Wir haben uns dann gegenseitig versichert, dass wir den Standpunkt des anderen grundsätzlich verstehen.

P.S. Dieser Film hat wirklich gar keinen Moment des Humors, aber ich selbst musste trotzdem einmal schmunzeln, als Agnes am Anfang zusammengerollt in der Erde liegt. Sah so aus wie bei den Barbapapas früher, die ja in der Erde gewachsen sind, harhar. Sorry.

Deine kalten Hände

Deine kalten Hände, das Buch von der Nobelpreisträgerin Han Kang, habe ich in zwei Tagen ausgelesen. Ich bin sehr begeistert davon.

Es geht um den Bildhauer Jang – meine neuen Themenschwerpunkte dieses Jahr offenbar: Asien und bildende Kunst – der aufgrund der Erfahrungen in seiner Kindheit, den Menschen hinter ihre “Fassaden” schauen will. Er hatte irgendwann bemerkt, dass seine Eltern das eine sagen und das andere tun, Lachen, wenn es nicht zu lachen gibt, und Weinen, wenn ihnen gar nicht danach ist, sondern nur, wenn es angebracht erscheint. Das erschreckte ihn und machte ihn fassungslos: “Was andere für echt hielten, zweifelte ich hartnäckig an.”1

Ich liebe dieses Cover

Dieser Wunsch spiegelt sich in seiner Kunst wider. Er arbeitet mit Gipsmodellen, das heißt, er sucht Menschen, bei denen ihn gewisse Körperteile faszinieren und bitte sie, diese eingipsen zu dürfen, um damit ihre “Hülle” zu erforschen, aber auch ihrer Persönlichkeit auf den Grund zu gehen. Dabei empfindet er eine gewisse Ambivalnz: “Woher kam dieser Widerspruch, dass ich etwas gleichzeitig zu zeigen und zu verbergen suchte.”2

Bei der extrem übergewichtigen L. sind es ihre Hände, die ihn als erstes faszinieren. Und das ist auch das, was sein Leben ausmacht. Frauen, die er eingipst, sind ihm wie ein Rätsel, dass es zu lösen gilt. Gewisse äußerliche Merkmale sind nur das Symptom dafür, was sich in ihrem Inneren abspielt.

Wenn ich spürte, dass jemand etwas vor mir verbarg, enstand bei mir Sympathie und eine Art Faszination für die betreffende Person, und zwar umso stärker, je weniger fassbarer das Geheimnis war.3

Jetzt kann man natürlich nicht behaupten, dass das unkomlizierte Lebensgeschichten wären, die Jang zu hören bekommt. Es geht um “Binge Eating” und um Bulimie, es geht um chirurgische Eingriffe, es geht um fehlende (Selbst)akzeptanz, die mit körperlichen Komponenten, die mit Mangel- oder auch Überfüllezuständen zu tun haben. Und natürlich liegt hinter all dem eine immer sehr tragische Geschichte. Tatsächlich geht es immer um die Seele, auf deren Grund Jang, der selbst ziemlich zurückgezogen lebt, gelangen will. Über L. vermerkt er einmal: “Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass L. mein anderes Ich sein könnte, das ich vielleicht irgendwann vor langer Zeit in meiner Kindheit verloren hatte.”4

Was für ein Satz! Ich musste an jemanden denken, wie so oft, an so inspirierende Gespräche. Jedenfalls fand Deine Kalten Hände wirklich sehr spannend zu lesen. Obwohl ich, laut einigen Rezensenten, nicht die Zielgruppe dieses Romans bin, ich habe mit meinem Körper tatsächlich noch nie ein Problem gehabt, aber wie Jang habe ich mich immer schon sehr dafür interessiert, hinter die “Hüllen” zu blicken, auch hinter meine eigene.

Han Kang bekam den Nobelpreis übrigens für “„für ihre intensive poetische Prosa, die historische Traumata anspricht und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt”.


  1. Deine Kalten Hände, Seite 86 ↩︎
  2. Seite 92 ↩︎
  3. Seite 222 ↩︎
  4. Seite 116 ↩︎

Die nächste Depperte

In zwei Tagen habe ich Die nächste Depperte ausgelesen, was mir M. am Montag erst geschenkt hat!

Eigentlich lese ich noch immer Paul Auster, aber das ist ziemlich anstrengend, so war mir diese Lektüre eine willkommene Abwechlsung. Untertitel: Von einer, die auszog, um Autorin zu werden. Deshalb bekam ich auch das Buch harhar. Aber bei Susanne Kristek, der ich übrigens auch auf Instagram folge, hat es ja schon geklappt. Im Sommer habe ich bei einem ihrer Postings sehr gelacht, nämlich als sie den “Brunnen” im 12. Bezirk bei der Niederhofstraße fotografiert hat und drunter geschrieben hat: “Infinity Pool Meidling”. Jetzt muss ich jedes mal, wenn ich da vorbeikomme, daran denken.

Nun. Das Buch fand ich sehr amüsant und kurzweilig. Ein paar Disclaimer gibt es aber. Es ist weder ein Roman, noch erklärt es wirklich, wie man Autorin wird. Und es ist nicht ganz optimal lektoriert, wie ich finde, ein paar Redundanzen hätte man entfernen können. Es gibt keine richtige Handlungsstruktur, es ist eher eine Sammlung von Geschichten. Nix dagegen zu sagen, ich erwähne es nur. Kristek hat übrigens in der Kettenbrückengasse einen Schreibworkshop besucht und das ist witzig, weil ich gerade vor ein paar Tagen genau dort auch einen solchen ergoogelt habe.

Die atmosphärisch schönste Szene ist die, die dem Buch seinen originellen Titel gibt. Kristek stellt ihr erstes Buch vor, es ist wieder mal ein Lockdown, weshalb sie das bei unwirtlichem Wetter, Nieselregen und Wind im Oktober mit einem improvisierten Büchertisch im alten AKH tut. Und weil man halt Maske trägt und sowieso gerade alle durchdrehen, kommen ihre Versuche, Publikum anzulocken, eher mäßig gut bei den vorbeigehenden Menschen an. Eine alte Dame, die mit ihrem Hund unterwegs ist, schüttelt den Kopf und sagt: “Die nächste Depperte!” Harhar, fand ich sehr schön.

Ansonsten geht es um Autorinnenfreundschaft – mit der österreichischen Krimischriftstellerin Martina Parker – es geht um Ferienhäuser im Burgenland, die Frankfurter Buchmesse, ein Hera Lind Schreibseminar, die Empfehlung von Elke Heidenreich, um den “Gatten” und die “junge Dame” und darum, dass Kristek besser einparkt als Auto fährt. Ein bisschen geht es auch um ihre Mitmach-Lesungen, die sie in den Breitenseer Lichtspielen abhält und einfach darum, dass sie so eine Art Selfmade-Woman ist, die sich eher wenig selbst ernst nimmt und mit Selbstironie betrachtet. Das fand ich sehr sympathisch.

Unterscheiden tut mich von Kristek, dass sie schreibt, weil sie gerne Geschichten erzählt und Menschen unterhält. Ich schreibe, um zu erklären, was eigentlich mit mir los ist, harhar.

Vorm Fest

Letzter Tag vorm heiligen Abend und ich hatte nicht mal so einen Stress. Ich war einkaufen und habe ein bisschen aufgeräumt, noch ein paar Geschenke eingepackt. Danach habe ich gearbeitet – zu tun hätte ich weiterhin genug, aber ein bisschen Weihnachtspause muss jetzt dann auch sein.

Im Jänner beginnt ein neues Projekt an der WU Wien, das freut mich sehr, und ich werde vermutlich auch ein Vorstellungsgespräch anderswo haben, aber mal sehen. Jedenfalls ist Arbeit bis einmal April in Sicht, als Selbstständige ist man ja immer froh, wenn man ein paar Monate “ausgebucht” ist.

Außerdem habe ich 4, 3, 2, 1 von Paul Auster begonnen. Es ist toll. Es ist verwirrend. Ich glaube, das Buch war einfacher zu schreiben als zu lesen, harhar. Dazu werde ich anderes Mal noch mehr sagen.

Und weil ich allein war, das Kind ist heute andersfamilär feiern, habe ich mir das Gratisabo von Wow auf Prime “gegönnt” (unbezahlte Werbung). Sofern ich es rechtzeitig kündige ist es tatsächlich kostenlos und mir Sinners angesehen. Einer der, laut allgemeinem Konsens’, Filme des Jahres, um die ich aber aus Gründen (nämlich Angst harhar) einen Bogen gemacht habe. Nachdem ich ihn jetzt gesehen habe, muss ich sagen: mit Recht, harhar. Aber sonst: Elevated Horror at its best.

Und Frage: Wie viele Schokoschirmchen möchtest du? Antwort: Ja.

Meine Norwegen-Schuhe

Heuer habe ich fünf norwegische Filme gesehen und sechs norwegische Bücher gelesen. Ich habe dabei viel über das Land gelernt, zu dem ich bisher wenig Bezug hatte.

In dem norwegischen Film, der mir davon am wenigsten gefallen hat, nämlich Lovable, habe ich aber permanent die coolen Winterschuhe der Hauptdarstellerin bewundert – auch das kann ein Aspekt eines gelungenen Abends sein harhar. Und wer ist kompetenter als Menschen aus Skandinavien, wenn es um Winterkleidung geht?

Nachdem ich eh auch keine Winterschuhe mehr hatte, habe ich mir vorige Woche meine “norwegischen” bestellt, allerdings in braun, statt in schwarz:

Taking dumb pictures of my feet (c) Lost in Translation

Schaue jetzt noch “wolliger” aus, aber das Outfit macht mir irgendwie gute Laune.

Vor-Weihnachten

Aufgrund des Lesevergnügens am Wochenende habe ich mir heute gleich einen “neuen” Paul Auster Roman 4 3 2 1 aus der Bücherei ausgeborgt, schlappe 1200 Seiten für die Weihnachtsferien dann, harhar.

Sein opus magnum, die great american Novel, eine Geschichte mit vier verschiedenen Perspektiven

Weihnachten und das Jahresende überrollen mich heuer einerseits ein bisschen, weil so viel zu erledigen ist gerade, andererseits war ich irgendwann davor auch mal ganz gut organisiert und habe schon länger alle Geschenke beisammen, auch das andere Weihnachtszeug herausgekramt und freue mich auf eine ruhigere Zeit.

Nachdem ich erfahren habe, dass ich in den Ferien ein paar Tage “alleine” sein werde, hab ich natürlich Kino geplant – es gibt unter anderem ein Schnitzler Special im Metro, eine Kelly Reichard Retrospektive im Stadtkino, die letzten Filmneustarts des Jahres, und dann wie gesagt lesen und natürlich schreiben. Mein Roman ist heuer zwar nicht komplett fertig geworden, aber immerhin die Rohversion mit 81.000 Wörtern und es geht ans Überarbeiten. Und ganz ehrlich gesagt, tut es mir gerade auch gut, mich an ihm festzuhalten und mit dem Text Zeit zu verbringen und mit den Figuren, vor allem mit dieser einen Figur, die dann immer bei mir sein kann. Als schreibender Mensch ist man schon auch ein bisschen gaga, aber auf eine gute Art, sag ich mal, harhar.

Auf Insta habe ich in einem Astro-Reel (apropos gaga) über Fische in meiner Planeten-Konstellation gelesen, meine Begabung: You turn feelings into art. Pain, joy, love, loss. You take what you feel and create something beautiful that helps other people feel less alone.

Ja, das wäre schön.

Nacht des Orakels

Sorry an die Menschen, die hier gerne mehr Buchbesprechungen sehen würden, in letzter Zeit bin ich kaum zum Lesen gekommen, das wird sich wieder ändern. Vor einigen Tagen ist mir jedenfalls, beim Kramen in Erinnerungen (!), der Roman Nacht des Orakels von Paul Auster in die Hände gefallen und nachdem ich überhaupt nicht mehr wusste worum es darin geht, konnte ich nicht widerstehen. Paul Auster hab ich vor 25 Jahren an diversen Stränden gerne gelesen, als mein Leben noch Strandurlaube beinhaltet hat. Es kommt mir fast vor, als würde Sand herausrieseln und das Buch schaut auch irgendwie so aus, harhar.

Nacht des Orakels ist, wenn man so will, ein ziemlich typischer Auster Roman, mit Motiven wie Selbstreferenz, Zufall, Identität, Schreiben und Räume. Ich finde, dieser Roman hat auch etwas Lynch-eskes. Meine mangelnde Erinnerung an die Inhalte mag darin liegen, dass hier so viel passiert. Der eigentliche Protagonist des Romans heißt Sidney Orr, ein Schriftsteller, der mithilfe eines neu gekauften Notizbuches Krankheit und Schreibblockade hinter sich lässt und eine Erzählung verfasst, in der er selbst verschwindet – seine Frau blickt in sein Schreibzimmer und sieht ihn nicht – und in der es wiederum auch um einen Roman geht.

Das heißt, wir sehen Auster zu, wie er seiner Hauptfigur zusieht, die wiederum ihrem Protagonisten über die Schulter blickt. Und weil das anscheinend nicht komplex genug ist, hat Auster noch jede Menge Fußnoten eingebaut, die wieder auf andere Werke referenzieren und diverse Assoziationen auslösen. Ach ja und der wichtigste Nebencharakter im Buch heißt John Trause (A-u-s-t-e-r, Anagramm Alarm!) und ist, wie Auster zum Zeitpunkt des Schreibens, 56 Jahre alt. Trotzdem, und das finde ich spannend, sind Austers Werke nie anstrengende intellektuelle Kopfgeburten, sondern recht leicht lesbar und teilweise richtig gemütlich, wenn wir mit der Hauptfigur in dem Cafe um die Ecke ein Käsesandwich essen oder in einem Schreibwarengeschäft namens Paper Palace (was für ein toller Name!) stöbern.

Der Geschäftsbesitzer sagt: “Alle machen Wörter. Alle schreiben Dinge auf. Kinder in der Schule benutzen meine Bücher. Lehrer schreiben Noten hinein, Liebesbriefe werden in Umschlägen von mir verschickt. (…) Notizbücher für Einkaufslisten, Terminkalender für den Wochenplan” (S. 13) Orr schreibt, wie gesagt, eine Erzählung in sein neues Notizbuch, sein Protagonist lässt versehentlich eine Tür zufallen. Die Tür zu einem unterirdischen Bunker, die nur von außen geöffnet werden kann. Dort sitzt seine Romanfigur dann fest und wartet darauf, dass der einzige Mensch, der diese Tür öffnen kann, wieder zurückkommt ohne zu wissen, dass dieser gerade überirdisch verstorben ist. Wie Auster das beschreibt, gibt einem einen Eindruck davon, selbst irgendwo eingeschlossen zu sein und keine Luft zu bekommen, zumindest habe ich mich kurz so gefühlt.

Und wie löst Orr diese missliche Lage auf? Nun, Spoiler, gar nicht. Er gibt zu, dass er sich als Autor in eine Sackgasse geschrieben hat, die er nur auf banale oder komplett uninteressante Weise wieder entwirren könnte. Also zerreißt er sein Notizbuch, und macht die Geschichte im wahrsten Sinn des Wortes ungeschehen. Oder geht das etwa nicht? Hängt er selbst schon zu tief mit drinnen? Am besten selbst nachlesen, harhar.