almis personal blog

Vielseitig einsetzbar

Apropos Musik – vor einigen Tagen habe ich den Film Miroirs No. 3 von Christian Petzold gesehen, und Petzold tut da etwas, was ich persönlich nicht so gerne mag. Er nimmt ein für den Film zentrales Musikstück, das “man” bereits als zentrales Musikstück aus einem anderen Film kennt. Dieses Stück heißt Une barque sur l’océan und stammt aus dem Liedzyklus Miroirs von Maurice Ravel. Und es ist sooo schön (traurig). Es kommt aber eben ziemlich prominent schon in ja tatsächlich einem meiner Lieblingsfilme der letzten Jahre Call me by your Name vor. Und nicht nur das, in beiden Filme wird relativ viel Rad gefahren und zwar am Land und das verwirrt mich noch zusätzlich. Wenn jetzt jemand bei Petzold in der Uckermark am Rad sitzt, muss ich dauernd an Sonne in der Lombardei und an (schon wieder) Timothee Chalamet denken, harhar. Und das war halt schon bissi sexier als die Uckermark sorry.

Etwas ähnliches ist erst vor kurzem in Hamnet passiert. Da hat Regisseurin Chloé Zhao sich offenbar gedacht, ich nehme ein Musikstück von Max Richter, nämlich Nature of Daylight, und füge es meinem eh schon relativ emotional manipulativen Tearjerker bei, weil, wie Pia Reiser es im fm4 Filmpodcast gesagt hat, dieses Lied übermittelt einem quasi einen Wein-Befehl. Nur hat man halt potentiell schon zehnmal vorher geweint, in Arrival, Shutter Island, The Handmade’s Tale und so weiter. Und da denke ich mir, ist es für mich als Regisseurin nicht reizvoller, ein Musikstück zu wählen, das noch keine dementspechende Vorgeschichte hat, sondern das ganz meinem Film “gehört”?

Ur schrecklich wurde In the Still of the Night in Scorseses The Irishman eingesetzt. Bitte zu diesem Lied haben Patrick Swayze und Jennifer Gray in Dirty Dancing geschmust und Scorsese nimmt es für einen Szene, die uns die Figur des gebrechlichen Robert di Niro in einem Pflegeheim vorstellt. Ich mein: Warum? Gut, vielleicht hat Scorsese nie Dirty Dancing gesehen, das kann ich mir sogar vorstellen. Sehr unpassend fand ich auch, dass das wunderschöne Let Go von Frou Frou aus dem tollen Film Garden State im recht schlechten “Erotik”thriller Deep Water verwendet wurde. Auch da: Warum? Passt auch null zu der Szene.

Umgekehrt hat der wirklich sehr bekannte Song Auld Lang Syne, der beispielsweise der Schlusssong in Harry und Sally am Silvesterabend ist, und der auch in Ist das Leben ist schön und in Forrest Gump vorkommt, den eher enttäuschenden Sex and the City Film ein bisschen gerettet. Auch hier wird es zu Silvester gespielt, als die traurige Carrie spontan Miranda besucht, die Szene hat mich vor allem wegen des Songs berührt.

Es gibt sicher noch mehr Beispiele, diese sind mir spontan eingefallen.

Sign of the Times

Letztens rede ich mit dem Kind so über Musik, weil er einige Konzerte plant von Bands, die mir prinzipiell eh auch gefallen. Aber, sage ich ihm, ich höre praktisch fast nur noch ESC Songs, weil mich die an nichts erinnern. Das stimmt wirklich, eh auch irgendwie leider, aber mich trifft emotional nichts so schnell wie das “falsche” Lied – kein Film, auch wenn er arg ist und auch kein Roman. Aber Lieder können mich so arg triggern, nur noch geschlagen von U-Bahn-Stationen, harhar.

Dann reden wir weiter und irgendwie kommen wir auf Harry Styles, den das Kind nicht so mag.

Ich dann: Aber Sign of the Times ist ur gut.

Und er so: Na und das ist nicht deprimierend?

Harhar, da hat er natürlich recht, es ist schon ein trauriges Lied. Hier auf dem Blog habe ich damals geschrieben, Styles singt so, als wäre sein Leben schon einmal komplett auseinandergebrochen und dann nur notdürftig wieder zusammengesetzt worden. Das hat mich damals sehr angesprochen, ich war aber erstaunt, dass jemand, der erst Anfang 20 ist, von solchen Dingen erzählen kann. Andererseits wird der Grundstein für die Dinge, die einen später brechen, wahrscheinlich eh immer in der Kindheit gelegt.

Trotzdem – und nachdem ich gerade (!) nachgelesen habe, dass Styles hier über eine Mutter singt, die gleich sterben wird und ihrem Neugeborenen in diesem Song alles mitgeben will, was sie über das Leben weiß, na uff – ja trotzdem deprimiert mich dieses Lied nicht. Weil ich es im Sommer 2017 gehört habe, und da war ich so glücklich und alles war noch möglich. Das assoziiere ich immer noch damit.

qwien, Teil 2

Jetzt noch ein bisschen was zur ESC Ausstellung im qwien United by Queerness. Was war dort noch los, abgesehen davon, dass ich Marco Schreuder getroffen habe? Harhar.

Der Schauraum der United By Queerness Ausstellung, man sieht schon den fliederfarbenen Anzug von Thomas Forstner und den türkisen von Guildo Horn

Also zunächst mal hat auch Schreuder selbst auf die Anmerkung eines Users geschrieben, der meinte, es gäbe ja nicht nur Queerness beim ESC, sondern auch beispielsweise religös beeinflusste Lieder, es gab einige evangelikale Performer, das wäre richtig. Nur fokussiere die Ausstellung eben auf diesen Aspekt, weil sie im Queerzentrum stattfinde.

Eine der Frage, die man mittels schwarzem Klebepunkt beantworten kann. Wer mich kennt, wird ahnen, in welchem Feld mein Punkt klebt harhar

Die Ausstellung erzählt über früher versteckte, quasi nur mittels Codes erkennbare homosexuelle Teilnehmer ebenso wie über solche, die im Gegenteil mit Versatzstücken spielen, obwohl sie gar nicht aus der Community stammen.

Ich habe erfahren, dass der Isländer Paul Oscar mit seinem Song Minn hinsti dans, der erste offene Gay Act war. Mir war das nicht bewusst, es war 1997, für meine Begriffe schon eine “aufgeschlossene” Zeit. Er trug halt so ein Lackoutfit und Eyeliner, neben ihm tanzende Frauen, auch in Lack, war es schon etwas “Drag” wie man heute sagen würde. Grissemann meinte damals über Oscar: “So sympathisch er hier auch scheint, er kommt hassenswerter Weise auch vom Musical, wie so viele Teilnehmer leider.” Harhar. Derzeit wären es übrigens Castingshows. Minn Hinsti Dans ist bis heute eines meiner ESC Lieblingslieder, auch wenn Paul Oscar damals nur 20. wurde. Ich habe es auf meinem Videorecorder (!) immer wieder zurückgespult und nochmal angesehen. Der Song ist so gut gealtert, dass man meinen könnte, er wäre seiner Zeit vielleicht auch etwas voraus gewesen.

Bereits ein Jahr später gewann Dana International, eine Transperson mit dem Song Diva und gegen den zuerst großen Protest von Teilen der orthodoxen israelischen Bevölkerung. Ihr Sieg vereinte das Land dann allerdings auf wundersame Weise. 2007 dann die Travestie Ikone Verka Serduckha, die am Ende Zweite hinter der lesbischen Teilnehmerin aus Serbien Marija Serifovic wurde, die übrigens ein Beisl in Wien Favoriten hatte (harhar wirklich) Ich glaube, niemand, der Serduckhas Auftritt gesehen hat, wird Dancing Lasha Tumbai vergessen haben, es war so eingängig und lustig, Lyrics: “Me English nix verstehen, let’s speak dance.” 2008 erlebten wir (also ich nur im Halbschlaf, hatte ein Baby) den Drag King Sébastien Tellier mit Divine an – er wurde nur 18., allerdings begann mit dem ESC sein Aufstieg aus der Undergroundszene. Tja und über Conchita 2014 brauche ich eh nicht viel zu erzählen.

Kaiserin Conchita, Kronzprinz JJ (oder so)

Ausschnitte aus dem ESC Merci Cherie Podcast, die damalige U-Bahn Durchsage von Conchita zum ESC in Wien, sowie die Regenbogenampel runden die Ausstellung ab.

Guido Horns Outfit. Es gab auch Cesar Sampson’s hässliche Hose, die kommt auf dem Foto aber nicht so richtig rüber, bei Interesse googlen, wer sich nicht mehr erinnert harhar war damals eine Kontroverse, ach das waren noch schöne Kontroversen

Fazit: Wirklich sehr liebevoll und nerdig, mit vielen kleinen Details gestaltet, trotz Handicaps (beleidigte Künstler die Exponate wegen Isreals Teilnahme zurückzogen *augenroll*). Habe aber vom Duo Schreuder/Vlassakakis nichts anderes erwartet. Wenn die zwei nicht verbindend wirken, wer dann.

ESC, die Elemente

Am Wochenende war nicht nur San Remo, auch der deutsche Vorentscheid für den ESC, der den etwas brachialen Titel “Das deutsche Finale” trägt. Ich habe ihn ein bisschen parallel geschaut.

Gewonnen hat dann jedenfalls Sarah Engels, die früher Sarah Lombardi hieß und ich kam mir ein bisschen vor wie mein Vater früher, als ich nachfragen musste. Dann bekam ich die Antwort, ja die war verheiratet mit mit Pietro Lombardi. Okay. Und wer ist das? Harhar. Jedenfalls ist ihr Song ein bisschen, ich würde es so formulieren: Unüberraschend. Und er heißt Fire.

Darüber habe ich länger nachgedacht, weil ich den Eindruck hatte, dass es in der letzten Zeit quasi jedes Jahr einen Song beim ESC gab, der was mit Feuer zu tun hat. Und ich hatte unrecht. Manchmal gibt es pro Jahr auch zwei Songs, harhar. Letztes Jahr zum Beispiel Lighter und ein Feuer verbirgt sich auch hinter Zjerm (albanisch für Feuer). Dann hatten wir natürlich Fuego, mit dem der heurige deutsche Titel stilistisch auch oft verglichen wird, wir hatten On Fire, Fulen (Funke), es gab Firefighter, Start a Fire, Pali Si (Fire of Love) oder auch Embers (Glut).

Seltener werden übrigens andere Elemente besungen, wie Water, River, Voda (auch Wasser), Waterline oder Walk on Water und Watergun. Ein bisschen was zum Wind gibt es auch, wie Storm (gleich zwei Jahre hintereinander), Silent Storm oder auch Calm After the Storm und – im Gegenteil – Hurricane. Das ist mal eine Recherche, was? Harhar. Zu Storm von Estland 2019 ist mir dann die Sendung Songcheck eingefallen, die es leider nicht mehr gibt. Da wurden alle Songs mit Liebe und auch bisschen Ironie analysiert. Über Storm hieß es eben: “IDM mit Country Anleihen, da kriege ich immer so eine Kreuzallergie” und auch: “Er hat diverse Floskeln zur stürmischen See auf Lager.”

Und dann hatte ich nostalgische fünf Minuten und habe der Songcheck Moderatorin Alina Stiegler geschrieben und wir haben uns über die Sendung ausgetauscht:

Finde es wichtig, Menschen zu sagen, wenn es einem etwas bedeutet, was sie tun. Ihre Freude freut mich dann auch. Deshalb bringt den Songcheck zurück, damit wir solche Dinge wie die Rolle der Elemente beim ESC gemeinsam analysieren können.

März

Heute bin ich das erste Mal im Garten in der Sonne gesessen. Dabei habe ich mir San Remo Songs angehört, gestern war ja Finale, ich bin um Mitternacht eingeschlafen und da wars natürlich noch lange nicht aus. Habe mich sehr darüber amüsiert, wie man den Siegertitel von Sal da Vinci namens Per sempre sì in der Facebook ESC Gruppe beschrieben hat, nämlich als “1970-ziger Schmalz mit Heiratsschwindler Vibes”. Harhar. Das ist so treffend, da bin ich immer etwas neidisch, wenn mir so etwas geniales nicht einfällt. Jemand anderer meinte: Viel Spaß in Caorle 1981, auch hübsch.

Blick in den Garten am 1.März

Dabei gab es auch sehr viele sehr moderne Songs zur Auswahl, etwa mein diesjähriger Favorit vom Duo Fedez und Marco Masini: Male necessario, Pop mit soften Rap-Anteilen. Der Titel bedeutet so etwas wie “Notwendiges Übel”. Finde ich auch total interessant. Und im Song gehts dann ums Aufknallen auf dem Boden der Tatsachen in irgendeinem Hotelzimmer und man hat gleich tausend Bilder und Assoziationen im Kopf. Richtig schön melancholisch und kraftvoll.

Am späteren Nachmittag bin ich dann ins Kino gefahren und habe mir den neuen Jarmusch Father Mother Sister Brother angesehen. Beim Hinuntergehen der Währinger Straße sind mir viele Menschen mit Iran-Fahnen entgegen gekommen, anscheinend, wie ich nachgelesen habe, gab es eine Kundgebung am Heldenplatz. Es ging dabei aber sehr ruhig und zufrieden zu, eine angenehme Begegnung. Der Film war ein typischer Jarmusch, auch sehr angenehm und ruhig und wie immer bei ihm komplett unspektakulär. Muss man mögen und ich mag es seit 30 Jahren.

Votivkirche, so schön!

Den Abend mit Sonntagszeitungen und Korrekturlesen verbracht. Guter Sonntag.

ESC: Vienna Calling

Ich wollte noch was zu Vienna Calling schreiben, der Sendung, in der am Freitag der ESC Beitrag für 2026 gewählt wurde.

Und zwar das: Nächstes Mal machen wir lieber wieder eine interne Ausscheidung, gö? Harhar.

Nicht wegen dem Siegersong Tanzschein von Cosmo, den ich tatsächlich catchy und originell finde, noch dazu mal in deutscher Sprache – man kann als Fixstarter auch etwas wagen, und ich finde es gut, dass der Song ganz anders ist als der voriges Jahr. Aber der Rest der Show… anstrengend!

Ich bin sowieso immer eher für eine interne Wahl, auch weil Eberhard Forcher, der das die letzten Jahre ja ziemlich erfolgreich gemacht hat, in einem Interview gesagt hat, dass viele Acts abwinken, wenn sie sich einem öffentlichen Voting stellen müssen. Und da bewerben sich dann halt oft eher Menschen, die, sagen wir mal, nix zu verlieren haben. Das finde ich ja prinzipiell mutig und alles, aber viele wissen halt offenbar nicht, dass ein ESC-Song jetzt nicht nur ein Lied ist, das zufällig drei Minuten dauert.

Eine Mini-Kontroverse gab es heuer zu dem Song Wenn ich rauche von Sidrit Vokshi. Ist es misogyn? Weil Vokshi singt von einem frisch getrennten Mann, der sich in unbedeutende Affären flüchtet, folgendes: “Doch ich lieg’ mit ‘ner andern (…) ‘ne Frau, die ich nicht kenn’, stets der gleiche Lauf. Ich nehm’ sie mit und in der Früh schmeiß’ ich sie raus.” Ich hab mir auch kurz gedacht na servas. “Schmeiß ich sie raus” klingt nicht sehr konsensual.

Aber trotzdem darf man natürlich auch jemand besingen, der sich nicht korrekt verhält und das lyrische Ich muss nicht die Haltung des Sängers widerspiegeln. Mich hat der Songtext ein bisschen an Laura non c’e (=Laura ist nicht mehr da) von Nek erinnert. Ähnliche Gedankengänge, nur damals keine Aufregung, weil 1990er Jahre und zu wenig verstehen italienisch, harhar.

Fazit der Show insgesamt: Ausbaufähig. Oder eben eher lieber ganz weglassen, nächstes Jahr.

Song Sung Blue

Song Sung Blue (Regie: Craig Brewer) beruht auf der wahren Geschichte der Neil Diamond Tribute Band Thunder and Lightning, bestehend aus Mike “Lightning” (Hugh Jackman) und Claire “Thunder” (Kate Hudson) Sardina aus Milwaukee, die sich regional vor allem in den 1990-er Jahren einen Namen gemacht haben und deren Geschichte auch schon in einer Dokumentation beleuchtet wurde.

In diesem Film wird ihr Kennenlernen und das Formieren der gemeinsamen Band ebenso portraitiert wie die zahlreichen Ups und vor allem Downs die folgen sollen…

ACHTUNG WIE IMMER SPOILER

Und Downs ist noch untertrieben, also da war ja Hiob nix dagegen bitte. Ich kann über den Film nichts schreiben, was nicht The Hollywood Reporter schon besser geschrieben hat, und zwar in einem einzigen Satz, nämlich: “Hugh Jackman and Kate Hudson bring Sparkling Chemistry and Impressive Musicality to Disarming Boomer Love Story.” Ja, vor allem disarming, aber sowas von.

Claire und Mike sind Arbeiter. Er ist eigentlich Mechaniker, sie Friseurin, die einen Traum haben: Musiker zu sein und auf der Bühne zu stehen. Sie haben jeweils eine Scheidung hinter sich, eine Suchtvergangenheit nach Vietnam (er), psychische Probleme (sie), beide haben jugendliche Kinder, leicht schmuddelige Häuser, keine fancy Klamotten oder Lifestyle, sowie auch keine Krankenversicherung, dafür etliche finanzielle Sorgen. Aber inmitten von Elvis- und Buddy Holly Imitatoren finden sie sich bei einem bunten Abend und wie sich herausstellt sind beide füreinander genau das, was sie gerade gebraucht haben.

So schwierig das alles ist und so viele Steine ihnen vom Schicksal in den Weg gelegt werden, hier sind zwei Menschen, die sich immer wieder aufrappeln und weiter kämpfen. Ein erster Erfolg stellt sich ein, als sie von Eddie Vedder persönlich als Vorband für Pearl Jam gebucht werden und er, auf Mikes Bitte hin, sogar einen Song mit ihnen performt. Es gibt auch viele witzige Momente. Etwa als Mike die Show mit einem besonders künstlerischen Anspruch gestalten will – also nicht den Diamond Smash Hit Sweet Caroline am Anfang bringen, um irgendwie mit dem Publikum zu connecten. Sondern das unbekannte und eher sperrige Soolaimon – alleine was der Veranstalter und Mikes Manager zu diesem Titel für Assoziationen haben ist göttlich harhar. Aber am Ende des Filmes wippt man auch bei Soolaimon mit. Und natürlich wird auch Sweet Caroline im Endeffekt ausgiebig performt.

Ja hier wird das Kino nicht neu erfunden. Und ja, hier haben wir eine Menge kaum durch Ambivalenz getrübten Pathos. Das Drehbuch hat Schwächen, ich weiß das, ich sehe sie, sie stören mich hier aber nicht. Tatsächlich ist das ein Film, der einfach ehrlich ist und nix anderes sein will als er ist, vor allem nicht “cool”. Das fand ich sehr sympathisch. Ein Film, in den man sich richtig reinkuscheln möchte, der immer positiv bleibt, auch wenn hier sehr arge Dinge passieren. Beim ersten “Ereignis” habe ich mich im Kino so erschrocken, ich will es gar nicht spoilern, es ist ein enormer Effekt wenn man es einfach so sieht. Und es bleibt nicht dabei. Immer wieder fragt man sich auch, wird der trockene Alkoholiker Mike – seine Vorstellung bei den AA wird am Anfang des Films so inszeniert als stünde er auf einer Bühne (und von diesen guten Ideen gibt es auch einige in diesem Film) – rückfällig? Oder passieren ganz andere Dinge?

Jedenfalls, wie kürzlich gesagt: Ich liebe die Botschaften des Films und diese Attitüde des Weitermachens mit dem, das einem – trotz allen Verlusten – bleibt. Oft ist Heilung tatsächlich in der Kunst zu finden, wie uns auch Sentimental Value erzählt hat. Song Sung Blue (übrigens der Titel eines Neil Diamond Songs) sagt alles. Und nebenbei bemerkt singen Hugh Jackman (bei dem wusste ich das schon, er hat mal die Oscars mit einer musikalischen Performance eröffnet) und Kate Hudson tatsächlich einfach großartig und haben sichtbar auch enormen Spaß daran. Man muss kein Neil Diamond Fan sein – obwohl ich liebe Cracklin’ Rosie, ist mir wieder eingefallen – um das zu mögen.

Ein überraschend toller Film für Alexander Horwath (harhar) und mich!

Sinners

Jetzt komme ich zu einem Film zurück, den ich kurz vor Weihnachten nachgeholt habe, weil er in sehr viele “Best of” Listen des Jahres vorgekommen ist und zwar Sinners – im deutschsprachigen Raum absurderweise als “Blood and Sinners” erschienen.

Erzählt wird die Geschichte von Zwillingsbrüdern im Jahr 1932, genannt Smoke und Stack (beide dargestellt von Michael B. Jordan), die bisher in Chicago eher fragwürdigen Tätigkeiten (Raub, Zuhälterei etcetera) nachgingen. Sie beschließen, zurück nach Mississippi zu gehen und dort neu anzufangen. Sie wollen einen “Juke” eröffnen – eine Lokalität für Afroamerikaner mit Gastronomie, Musik und Glückspiel. Bei der Rückkehr treffen sie nicht nur auf ihre Vergangenheit in Gestalt von wichtigen Menschen ihres Lebens, sie müssen sich auch mit dem immer noch herrschenden Rassimus auseinandersetzen…

ACHTUNG SPOILER

Nicht von diesem klassischen “Genre”-Plakat täuschen lassen, Sinners geht weit darüber hinaus

Ok, wie ich schon gesagt habe: Aus tiefsten innerem Antrieb wollte ich diesen Film nicht sehen, denn es handelt sich, und das würde man mit der Prämisse kaum glauben, irgendwie auch um eine Vampir-Horrorstory. Beide Elemente zählen nicht gerade zu meinen Lieblingsfilmgenres. Aber wie Coogler das hier umsetzt ist ungeheuer bemerkenswert. Denn dieser Film hat so viele Themen und Schichten, dass das Gore-Element nur eines davon ist, oder wie man das heutzutage nennt: Elevated Horror (so etwas wie Arthouse-Horror)

Angelpunkt der Handlung ist der Cousin der Zwillinge Sammie (Miles Caton) der sprichwörtliche “son of a preacher man”, der von der berüchtigten Vergangenheit der beiden förmlich angezogen wird, und als Musiker sein Geld verdienen möchte. Und obwohl Stake und Smoke ihn aufgrund seiner außergewöhnlichen Musikalität bei der Eröffnung ihrer “Juke” spielen lassen, schärft ihm speziell Smoke ein, dass ein Leben in der Unterwelt nichts anstrebenswertes ist. Sie beide, so räumt er ein, wären diesen Weg aus Ausweglosigkeit gegangen, traumatisiert von einem gewalttätigen Vater. Obwohl Stack draufgängerischer ist, bereuen beide, wie sich ihr Leben entwickelt hat.

Zum anderen ist dieser Film tatsächlich stellenweise so etwas wie ein Musical – der Höhepunkt findet bei der Eröffnung der Juke statt: Hier sehen wir eine orgiastische Sequenz, in der der Blues der 1930er sowohl auf die Vergangenheit – dargestellt durch afrikanische Stammestänzer – wie auch auf die Zukunft – einen Glamrocker mit E-Gitarre – trifft und so quasi die “Black Music Culture” gefeiert wird. Das ist künstlerisch so interessant und kreativ in Szene gesetzt, dass man einfach nur mit offenem Mund da sitzt und staunt. Es ist ein Kunstwerk.

Und drittens gibt es ja noch die Vampirgeschichte auch harhar. Drei weiße Menschen, die zunächst harmlos wirken und auch musizieren, sowie eine Riverdance-artige Einlage liefern, klopfen an und wollen zum Juke eingelassen werden. Doch das Baugefühl von Smoke sagt ganz zurecht, hier lauert Gefahr. EXTRASPOILER: Es sind tatsächlich Vampire, die ein Massaker unter den Schwarzen verüben wollen. Hier wird einiges an “Vampirwissen” vorausgesetzt (das ich nicht habe, ich habe Google): Vampire betreten Gebäude offensichtlich erst, nachdem sie von irgendjemand explizit hineingebeten wurden. Die Vampire auf diese Weise möglichst lange draußen zu halten, ist so extrem spannend ins Szene gesetzt, ich habe mich echt so gefürchtet, harhar.

Insgesamt ist Sinners ein Film voller sofort ikonischer Szenen, Bildern, Kostümen, Momenten und in erster Linie von Musik. Auch wenn man, wie ich, mit Horror und Vampiren praktisch nichts anfangen kann, ist dieser Film eine kleine Offenbarung und das hätte ich wirklich niemals gedacht. Top-Unterhaltungskino, das aber gleichzeitig schwere Themen auf differenzierte Art behandelt. Hut ab.

ESC Winner of the Winners, drei

So jetzt ist Island also auch raus aus dem ESC und in den Fangruppen wird gejubelt, ob dieser mutigen Entscheidung. Das ist irgendwie so wie früher, als Menschen auf dem Hauptplatz hingerichtet wurden und Leute dazu applaudiert haben, weil es “die Richtigen” waren, die da hängen und dabei ein bisschen vergessen haben, dass Hinrichtungen am Hauptplatz einfach nie ein Grund zum Jubeln sein können. Tolle Metapher, was? Harhar.

Aber kommen wir zu erfreulichem, nämlich der Best of the Best Wertung, die ich heute eingereicht habe (sogar mit Sprachbeitrag). Und da sich sicher alle erwartungsvoll fragen, was ist mein persönlicher Lieblingsgewinner, jetzt die Auflösung. Das war tatsächlich nicht einfach, obwohl das Kind meinte “Ist jetzt nicht so deep”. Ja eh, es ist überhaupt nicht deep und es geht auch um gar nix, und es ist alles andere als weltbewegend, deshalb denke ich auch so gerne drüber nach.

Ich habe mich aus verschiedenen Gründen für Johnny Logan und Hold me now entschieden. Da schaut ihr, was? Harhar. Einerseits, weil ich ein bisschen edgy sein wollte und weil – frei nach der Fußball WM, wo am Ende immer Deutschland gewinnt – hier ganz sicher Abba oder Loreen (mit Euphoria) gewinnen werden und ich beide Songs zwar in meinen Top 10 habe, aber näher an meinem Herzen ist tatsächlich der Siegertitel aus dem Jahr 1987, den ich erstmal auf der Kuschelrock CD Nummer 1 entdeckt war, bevor mir klar war, dass das ein ESC Siegertitel ist.

Wir haben hier die gerne genommene gaga (und auch recht toxische) Prämisse: Wir (das besungene Paar) haben noch eine Nacht und dann müssen wir uns trennen. Natürlich wird nie erklärt, warum sich ein Paar dann unbedingt trennen muss, es wäre zu deprimierend oder auch zu ernüchternd oder fishy. Deshalb wird das immer ausgespart und letztendlich ist die beste Liebe in Liebesliedern immer die, die unerfüllt ist, weil: Seufz.

Auf den weiteren Plätzen bei mir: ABBA, Lordi (!), Celine Dion, France Gall, Sandra Kim, Loreen, Salvador Sobral, Alexander Rybak und Toto Cotugno. Ja, ich hab die letzten fünf Jahre weggelassen (zu nahe) und auch die österreichischen Teilnehmer, weil eigentlich : you cannot vote for your own country. Und eine gewisse Landesdiversität gibt’s auch. Mehr kann man echt nicht verlangen. Jetzt bin ich schon gespannt, was in der Gesamtwertung rauskommt.

ESC: aktuell

Weil ich auf die derzeitige Lage des ESC angesprochen wurde – naja, sie ist ziemlich Scheiße, würde ich sagen.

Vorige Woche gab es eine Konferenz der EBU, die von vorneherein nur in einem lose/lose Szenario enden konnte. Entweder mit dem Ausschluss Israels – ich bin persönlich generell gegen Ausschlüsse – oder damit, dass Länder von der Teilnahme zurücktreten, weil Israel antreten darf. Letzteres ist nun passiert, bisher haben die Niederlande, Slowenien, Irland und auch das Big Five Land Spanien ihren Rückzug angekündigt. Belgien und Portugal haben nach einer Nachdenkphase zugesagt, Island überlegt noch, ist aber m.E. auch mehr als wackelig. Das sind ganz schwarze Tage des ESC, das kann man sich nicht schönreden.

Wie kam es dazu? Ich habe es schon 2022 prophezeit, als Russland ausgeschlossen wurde, jetzt kommen wir in eine Spirale aus politischen Diskussionen und moralischer Selbstüberhöhung. Wir leben sowieso seit Corona in einer Zeit, wo es permanent darum geht, sich zu positionieren und Gegenmeinungen nicht mehr auszuhalten und deshalb gar nicht zuzulassen. Ich will und kann aber beim ESC nicht darüber diskutieren, was Israel falsch gemacht hat. Ich kann nicht den Nahostkonflikt bei einer Musikveranstaltung lösen, genauso wenig wie ich dort den Russland-Ukraine Krieg beenden kann.

Ich selbst habe hier schon geschrieben, dass die Tage des Songcontests möglicherweise gezählt sind, zumindest so wie wir ihn kennen. Es ist bitter das zu schreiben, ich bin aber auch keine Realitätsverweigerin. Man muss sich bewusst sein, dass man jederzeit etwas verlieren kann, das man liebt.

Meiner Meinung nach kann der ESC nur gerettet werden, wenn wir uns wieder daran erinnern, warum er ursprünglich erfunden worden ist, wenn wir daran denken, was er leisten kann und was eben nicht. Zurück zur Musik, zur Diskussion über Bühnenshow und Kostüme, zurück zu den Memes, dem Humor, der Leichtigkeit, wo man alles nicht ganz so ernst nehmen muss und dem friedlichen Feiern mit anderen Menschen. Auch Menschen im Übrigen, die anderer Meinung sind. Weil es wurscht ist, weil es zumindest an diesem einen Abend nicht darum gehen sollte. Die Hoffnung, dass es wieder möglich ist, habe ich noch nicht verloren.