almis personal blog

Sirat

So jetzt zu einem wirklich verstörenden Film, den ich irgendwie “durchgestanden” habe, nämlich Sirāt von Oliver Laxe.

Luis (Sergi López, der einzige Berufsschauspieler, alle anderen sind Laiendarsteller) und sein 12 jähriger Sohn Esteban samt Hund suchen auf einem illegalen Rave in Südmarokko nach der Tochter bzw. Schwester Mar, die zwar volljährig, aber seit Monaten vermisst ist. Nachdem die Veranstaltung polizeilich aufgelöst wird, schließen sie sich einer kleinen Gruppe von Ravern an, um durch die Wüste zum nächsten geplanten Spot zu fahren und dort weiterzusuchen…

ACHTUNG SPOILER

Pia Reiser vom fm4 Filmpodcast versucht, eine neue Begrifflichkeit für diese Art von Filmen zu etablieren und da ich diese so gelungen finde, verbreite ich sie gerne weiter. Sie nennt dieses Genre Arghouse. Also eine Mischung aus Arthouse und “arg” harhar.

Rein optisch könnte man hier, frei nach Grissemann und Stermann, sagen: Das ist Mad Max/Fury Road für Sozialhilfeempfänger. Die beiden Trucks, die durch die Wüste brettern erinnern – minus des Glamours und der Coolness – sehr an die dystopische Endzeitsaga von George Miller. Nur begleiten wir hier Menschen, die vom Leben gebrochen sind. Man sieht es ihnen auch äußerlich an. Sie wirken älter als sie sind, jemand fehlt eine Hand, einem anderen das Bein. Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden oder dieser aus eigenem Antrieb den Rücken gekehrt haben, genauer wird das nicht erklärt. Die jedenfalls nichts mehr haben als diese Art der Wahlverwandtschaft und den Eskapismus in Drogen und Tanz. Es sind keine “bösen” Menschen, im Gegenteil, sie wirken zu verletzlich für diese Welt.

Schon diese Prämisse finde ich persönlich unfassbar deprimierend. Denn auch wenn ich diese Art von Hoffnungslosigkeit irgendwie nachempfinden kann oder es zumindest versuche: Depression entgeht man nicht in der Wüste, das sage ich jetzt mal so. Aber die Raver haben schon lange keine Perspektive für die Zukunft mehr. Und die Vergangenheit ist ein endloser Schmerz. Es ist alles so unglaublich bedrückend und es ist hier fast körperlich spürbar, dass sie sich nun irgendwie fatalistisch der Natur und den Umständen ausliefern, denn hier lauert eine Gefahr nach der anderen: Wie lange kommt man mit den Wasservorräten aus? Wo ist die nächste Tankstelle? Und wo die bis an die Zähne bewaffnete fragwürdige “Polizei”?

Es ist die Stärke, aber auch das wirklich beklemmende an diesem Film, dass er so radikal ist und einen mit audiovisueller Finesse sofort in die Handlung hineinzieht. Einerseits verspürt man eine gewisse Faszination des Grauens, andererseits will man nichts wie weg. Und der Zuseher wird tatsächlich nicht geschont. Es ist wirklich so arg wie alle behaupten und zwar nicht im Sinne des Horrorgenres, denn es ist kein Horrorfilm. Hier passieren Dinge, die jedem Einzelnen von uns dort genauso widerfahren könnten. Bis man schließlich total handlungsunfähig ist und, im wahrsten Sinn des Wortes, auf einem Minenfeld landet. “Sirāt” bezeichnet im Islam übrigens einen hauchdünnen, aber messerscharfen Weg, der Dies- und Jenseits trennt.

Fazit: Auch wenn es am Ende einen *klitzekleinen* Lichtstreifen am Horizont gibt, ist das über weite Strecken echtes Feelbad Cinema, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Ja, ich bin froh, dass ich diesen Film gesehen habe. Ich empfehle ihn aber nur auf eigene Gefahr, denn ich bin kein Sadist harhar.

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