almis personal blog

Allegro Pastell

Was Allegro Pastell betrifft, habe ich es so gemacht: Ich habe ungefähr die Hälfte des Romans gelesen. Dann habe ich mir den Film angesehen, für den Autor Leif Randt auch das Drehbuch geschrieben hat. Anschließend habe ich den Roman weitergelesen. Ich finde sowohl den Film, als auch das Buch sehr interessant, wenn beide auch recht unterschiedlich funktionieren.

Besonders viel Plot gibt es nicht: Die Autorin Tanja (Sylvaine Faligant) und der Webdesigner Jerome (Jannis Niewöhner) führen eine privilegierte und hoch reflektierte Fernbeziehung. Als die Dinge ernster zu werden beginnen, müssen sie entscheiden, ob es wirklich das ist, was sie wollen….

Der Roman von Leif Randt strotzt nur so von wunderschönen Sätzen. Die beiden Protagonisten beobachten sich quasi andauernd selbst und gegenseitig; sie ziehen die Schlussfolgerungen über ihre guten, finanziell abgesicherten, im Endeffekt wieder fast bürgerlichen Leben, weil ihre Leben genaue “Codes” haben. Sie wollen so enorm individuell sein, sind es aber so überhaupt nicht, nur halt mit anderer Schlagseite. Einmal thematiseren sie die Leere ihres Lebens; da sie keine Kinder wollen, sollten sie sich andere Ziele stecken, so meinen sie selbst, leben aber das Leben, dass sie schon vor zehn Jahren gelebt haben: Endlose Parties, Drogen – ich persönlich habe von modernen Suchtmittel überhaupt keine Ahnung, Ketamin, was? – und vor allem selbstkreiertes Beziehungsdrama. Tanja kriegt zum Beispiel gerne von einem auf den anderen Moment schlechte Laune, wenn jemand sie schief anschaut und das ist soo anstrengend. Harhar.

Der Roman hat natürlich viel mehr Backstory, während der Film ein “Vibe” ist, der allerdings auch mit guten Zitaten aus dem Buch angereichert wird. Von Party zu Party. Momentaufnahmen. Musik, Looks, Statements. Berlin. Lissabon. Eine Stadt übrigens, die ich persönlich als pittoresk, aber sehr distanziert wahrgenommen habe, als ich 1998 dort war, und das passt sehr gut zu der Haltung, die hier alle vermitteln. Die zwei Protagonisten, die quasi ein Abbild der Generation Millenial sein sollen, aber ich denke, sie sind nur Millenials eines ganz speziellen Milieus, sind so dermaßen selbstzentriert, affektiert und voller Posen, dass ich sie total unsympathisch empfinde.

Auch wenn ich vieles an der Lebenswelt von Tanja und Jerome nicht verstehe, ich mag die Filme, die sie ansehen zum Beispie Call me by yout name. Und einmal geht Tanja auf ein Conan Osiris Konzert, der im gleichen Jahr 2019 mit seiner avandgartistischen Performance für Portugal am Eurovision Songcontest teilgenommen hat. Da schließen sich wieder alle Kreise. Harhar

Ein andermal werde ich noch mehr zu den schönen Sätzen erzählen.

Dienstag

Das Kind ist heute auf Maturareise gefahren. Mit dem Auto und so. Schon aufregend. Obwohl man sich als Mama ja die Nervosität vor eigentlich allem dann auch irgendwie abgewöhnt/abgewöhnen muss, weil sonst wird man wahnsinnig. Sie sind auch schon gut angekommen.

Das bedeutet, gestern war mit Zeug waschen, bügeln, einpacken und so weiter gefüllt. Ich habe dann gleich mit einer Art allgemeinen Entrümpelung weitergemacht. Ich schmeiße so gerne Sachen weg, es ist unglaublich, harhar. Mein Ziel ist es, alle meine Sachen in nur einem Zimmer unterbringen zu können. Ich will da keine Ideologie draus machen, ich persönlich mag das einfach.

Die nächsten Tage ist eine Überarbeitung meines Textes geplant. Auch da kann einiges entrümpelt werden.

Heute habe ich länger über eine Passage nachgedacht, die sich mit Gewöhnung/Entwöhnung beschäftigt. Im Prinzip ist ja alles im Leben Gewöhnung an etwas, bis es von etwas anderem abgelöst wird. Zum Beispiel eben bei Kindern – zuerst gehen sie alleine in den Park, dann gefühlt zehn Minuten später fahren sie mit dem Auto auf Maturareise.

Nach ungefähr sechs Stunden nachdenken und schreiben, bin ich ins Kino gefahren und habe mir Allegro Pastell angesehen.

Guter Roman und Film, trotz extrem unsympathischen und prätentiösen Protagonisten, harhar

Beim Heimfahren habe ich dann den fm4 Filmpodcast von gestern – eben zu diesem Thema – gehört und da sagt Buch- und Drehbuchautor Leif Randt: “Der Grundimpuls schreiben zu wollen war, (…) dass die Zeit nicht einfach so vergeht. Ich hatte diese Melancholie darüber, dass Dinge dann vorbei sind.” Oder wie es im Buch so wunderschön heißt: Vorauseilende Wehmut.

Passt auch zu der erwähnten Ge- und Entwöhnung. Ich schreibe definitiv auch, um festzuhalten.

Moulin Rouge

Nachdem es gerade auf Netflix wieder läuft, habe ich mir nach langer Zeit Moulin Rouge aus dem Jahr 2001 noch einmal angeschaut. Es war mein Lieblingsfilmmusical, bevor es 2017 von La La Land abgelöst wurde. Und das, obwohl ich damals mit dem Gedanken ins Kino gegangen bin, dass dieses “Jukebox” Musical ein furchtbares Kitschfeuerwerk wird und ich ja alles andere als frankophil bin. Nun, es ist tatsächlich ein Kitschfeuerwerk und ich bin immer noch nicht frankophil, aber dennoch liebe es immer noch sehr! Es mag daran liegen, dass der Regisseur Baz Luhrmann einfach völlig durchgeknallt ist, harhar.

Worum geht es? Die Handlung spielt im Jahr 1899, als der arme Poet Christian (Ewan Mc Gregor) nach Paris geht, um dort als Schriftsteller zu arbeiten. Eben erst angekommen, schließt er sich einer Künstlertruppe um Toulouse-Lautrect (John Leguziamo) an und schreibt mit ihnen ein Musical, das im Moulin Rouge aufgeführt werden soll. Er verliebt sich in die Hauptdarstellerin, die Sängerin und Prostituierte Satine (Nicole Kidman). Der böse Duke erklärt sich bereit, die Finanzierung zu übernehmen, wenn Satine “sein” wird. Im Stück selbst muss sich Satine übrigens zwischen einem armen Poeten und dem bösen Maharadscha (Metaebene!!!) entscheiden….

Es ist kein Spoiler, wenn ich sage, die Sache geht nicht gut aus. Denn bereits in Filmminute fünf, als Christian in einer unfassbar ästhetischen Szene mit tollen Kamerafahrten über ein dann schon stilisiert-heruntergekommenes Paris gesanglich vorgestellt wird – “There was a boy, a very strange entchanted boy, a little shy and sad of eye, but very wise was he…” – eigentlich ein Song von Nate King Cole – also in Minute drei sagt Christian: “The woman I love is…dead.” Satine ist bereits als er sie kennenlernt an Tuberkulose erkrankt und wir brauchen hier eine Menge suspension of diesbelief. Nämlich, dass er es bis fast zum Schluss nicht merkt, sie nicht ihn und alle anderen ansteckt und, dass sie zwar ab und zu hustet und etwas blass ist, aber die Krankheit ihre Schönheit und Zerbrechlichkeit nur noch unterstreicht. Ich kenne jemand, der hat über so etwas eine Doktorarbeit geschrieben *hust*

Nach diesem eher düsteren Anfang wird aber erstmal voll aufgedreht. Als Christian in Paris ankommt, ist nämlich noch alles mehr als super. Es hat zwar niemand Geld, aber man macht Party und trinkt Absinth und wird dabei fröhlich (noch nicht traurig). Es ist der Sommer der Boheme – Friede, Freiheit, Liebe, alle feiern das Leben und die Musik. Und wie ginge das besser als mit Songs wie Up where we belong, All you need is love, I will always love you und so weiter. Dass das alles extrem anachronistisch ist, macht die Sache erst so richtig gut und “Camp”. Auf dem Papier liest es sich furchtbar, tatsächlich ist man als Zuschauerin aber komplett hingerissen, wenn Ewan Mc Gregor, der tatsächlich richtig gut singen kann, Elton Johns Your Song für Kidman schmachtet. Hach ja!

Und es geht rasant weiter. Die hektischen Bühnenproben wechseln sich mit intimen Momenten zwischen Christian und Satine ab; Satine, die sich erst ganz enorm gegen die Beziehung sträubt, weil sie sich ein Leben mit Christian einfach nicht “leisten” kann: “A girl has got to eat” macht sie ihm die profanen ökonomischen Bedingungen klar, während er schon auf Wolke sieben schwebt. Aber irgendwann gibt sie mit den Worten “You’re going to be bad for business. I can tell” auf. Die beiden, die ihre Liebe verstecken müssen, haben ein Lied Come what may (der eine Song, der extra für den Film komponiert wurde ), das sie singen, um sich das gegenseitig zu versichern. Und der Song ist schon so melancholisch, dass man als Zuseherin spätestens da wüsste, was es geschlagen hat, wenn man nicht eh schon seit Minute fünf im Bilde wäre. Ein weiteres Highlight ist der Tango de Roxanne (eigentlich ein Police Song), in dem ur toll getanzt wird, während in Christian die Eifersucht brodelt, es ist der Abend, als Satine den Duke zum Abendessen trifft.

Und so geht es weiter bis zum emotionalen over-the-top Finale. Wie Hitchcock sagte, ein Film muss mit einer Explosion starten und sich dann immer weiter steigern. Ist defintiv das Motto vom Regisseur. Letterboxd reviewer meinen unter anderem: Who needs drugs when Baz Luhrmann films exist? Harhar. Oder A movie set in France without any french people. Is this the perfect film?

Ich kann es nur nochmal sagen: Es ist ein Fiebertraum, wie die jungen Menschen heute sagen, aber ein sehr, sehr guter.

Backrooms

“Backrooms” ist ein Internetphänomen, das ich gerne erklären würde, aber selbst nicht ganz verstehe, harhar. Aber jemand hat wohl so um 2019 herum mal einen “Backroom” eines Möbelhauses in einem Forum gepostet und dieses Foto ging viral und andere Menschen konnten sich mit ihren Bildern von Backrooms beteiligen. Backrooms sind so eine Art Parllelwelt aus monotonen, ziemlich leeren Innenräumen, aus denen in weiterer Folge diverse Mythen und Games entstanden und jetzt aktuell auch der erste Spielfilm vom sehr jungen Regisseur Kane Parsons (geboren 2005!), der sich schon länger auf seinem youtube Kanal damit beschäftigt.

Kurz zum Plot des Films Backrooms. Clark (Chiwetel Ejiofor) der Inhaber eines etwas in die Jahre gekommenen Möbelhauses, in dem er aktuell auch wohnt, weil seine Frau ihn aus seinem eigenen Haus geworfen hat, und der deswegen auch gerade eine Therapie bei Mary (Renate Reinsve) macht, entdeckt eines nachts, als er sich gegen eine Wand lehnt und quasi aus der Realität rutscht (“no clipping” in der Internetsprache), dass es im Keller seines Geschäfts noch weitere Räume gibt….

ACHTUNG SPOILER MÖGLICH

Unfassbar gutes Filmplakat harhar

Nun ist Backrooms schon jetzt so ein enormer kommerzieller Erfolg, der erfolgreichste Film des aufstrebenden Hipster Filmstudios A24, dass man denken könnte, dieser Horrorfilm ist ein besonderer Crowdpleaser oder leicht konsumierbar. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Backrooms ist enorm avantgardisisch, und kippt sehr oft ins skurill-groteske. Es gibt kaum blutrünstige Szenen und auch Verfolgungsjagden sind nur sehr dosiert eingesetzt. Dafür herrscht hier ganz viel subtile Creepyness. Meine persönliche Referenzgröße hier ist David Lynch. Es gibt eine Szene, wo, glaube ich jeder, der man Twin Peaks gesehen hat, sofort an diese Serie denken wird. Und das ist eine gute Sache, Twin Peaks war großartig.

Während Backrooms fühlt man sich unwohl und kann gar nicht so leicht erklären, wieso man so empfindet. Warum diese komisch verwinkelten senfgelben Räume mit den grauslichen Teppichböden und dem ganzen Klumpert, was da und dort herumkugelt, einen so nervös machen. Hier und da sind unmotiviert alte Sesseln zusammengestellt, es gibt Räume mit unordentlichen Haufen von Kleidungsstücken, es gibt Stop-Schilder und ab und zu Lautsprecher, aus denen verschiedene Sprachen unerständliches Zeug sprechen. Es gibt Schatten und undefinierbare Geräusche. Vor allem gibt es aber eine Menge Leere. Beleuchtet wird das ganze von flackernden und summenden Neonröhren.

Regisseur Parsons hätte uns 110 Minuten auch einfach nur durch diese Räume leiten können und es hätte wahrscheinlich auch funktioniert. Er hat sich aber doch für einen rudimentären Plot entschieden und ich bin froh darüber, weil er damit Empathie mit den beiden Protagonisten erzeugt und wir hier als Zuseher etwas mehr “mitzuleben” haben. Ich bin ihm aber gleichzeitig dankbar, dass dieser Plot nicht komplett auserzählt ist, weil das den Räumen wohl ein bisschen die Mystik oder Faszination genommen hätte (bitte keine zweiten Teil drehen!). Bei Clark und auch Mary – beide Oscarnominierte Schauspieler im nicht mehr jugendliche Alter wie die eigentliche Zielgruppe – kommen gewisse innere Dämonen zum Vorschein, die quasi ihre Entsprechung im Aufsuchen der unergründlichen Backrooms finden. Wenn man sehr forsch ist, kann man diesen Film auch als Kritik an Zersiedelung lesen – das Möbelhaus steht in einer Art Gewerbepark, der außerhalb der Öffnungszeiten nicht nur die Tristesse der Konsumgesellschaft vermittelt, sondern eben wie tot wirkt.

Ganz ehrlich: Ich mochte das erstaunlicherweise sehr.

Protipp: Am wirkungsvollsten ist dieser Film vielleicht im Burgkino, dessen Räumlichkeiten sehr viel Backrooms Charakter haben.

Mother Mary

Auch noch gesehen in der letzten Zeit: Mother Mary von Regisseur David Lowery.

In diesem Film geht es um einen fiktiven Popstar namens eben “Mother Mary”, dargestellt von Anne Hathaway, die das Outfit für ihre neue Tour präsentiert bekommt und zusammenbricht, weil es unglaublich schiach ist. In einer Nacht und Nebel Aktion sucht sie ihre ehemals beste Freundin, die Desigerin Sam (Michaela Cole) auf, die früher ihren Look kreiert hat, um sie um Grunde genommen nur darum zu bitten, ihr ein neues Kleid zu entwerfen, das sie zeigen soll, wie sie wirklich ist. Im Zuge der Begegnung kommt es aber zu einem Kammerspiel-artigen Dialog von gut zwei Stunden, in welchem beide die Probleme thematisieren, die sie eigentlich miteinander haben…

Was diesen Film betrifft, kann ich mich nur Pia Reiser anschließen, die meinte, er wäre etwas für sehr geduldige Menschen, die sich gerne über eine Laufzeit von 110 Minuten teilweise auch recht prätentiöses Gelaber anhören möchten, harhar. Das trifft es ziemlich genau, wenngleich der Film audiovisuell eine wirkliche Wucht ist. Denn derzeit extrem angesagte Musikerinnen und Musiker wie Charli XCX und Jack Antonoff (wir erinnern uns, der Ex von Lena Dunham) haben den Soundtrack beigesteuert und weil Mother Mary ja einen Star im Taylor Swift’schen Ausmaß verkörpert, sollten die Songs auch richtige Banger sein, die sofort ins Ohr gehen und das sind sie tatsächlich. Dazu sind die Kostüme wirklich originell und opulent und es macht Spaß, in Sams Fundus mitzustöbern und in der Schönheit der fantasievollen Stoffe zu schwelgen.

Im Kern geht es bei Mother Mary darum, was Beziehungen in unserem Leben bedeuten und durch welches Tal wir gehen, wenn eine für uns wichtige Verbindung aus welchen Gründen auch immer endet. Hier hat Mother Mary sich im Zuge dessen, dass sie sich neu erfunden hat, wie bei Popstars ja durchaus üblich, auch quasi von ihrer früheren Kostümbildnerin getrennt, die aber auch leider gleichzeitig ihre beste Freundin war. Sam schildert Mary sehr eindrücklich ihren Schmerz über diesen Verlust, wie schwer er in ihrem Körper auch gelebt hat. Und hier hat Regisseur Lowery die Entscheidung getroffen, diesen Schmerz als eine Art (roten) Geist zu symbolisieren, der eines abends, als Sam beschließt, ihn endlich loszulassen, quasi ihren Körper verlässt und über Berg und Tal fliegt, um nun von Mother Mary Besitz zu ergreifen. Das kann man jetzt interpretieren wie man möchte: Für mich stellt es sich so dar, also würde Sam mit ihrer Situation Frieden machen und ihre Gefühle gehen zu lassen, und Mother Mary kommt in genau dieser Nacht darauf was sie verloren hat und nun beginnt sie zu leiden.

Gibt es so etwas, dass die Energie des Loslassen bei einer Person bei einer anderen als Verlust ankommt? Weil sie vielleicht spürt, dass ihr nicht mehr hinterhergetrauert/gesehnt wird? Oder ist das komplett gaga? Harhar. Es ist jedenfalls ein durchaus interessantes Gedankenspiel.

Die letterboxd Kommentare waren hier, wenn wundert es, mal wieder enorm amüsant. Es gibt eine Szene, in der Sam mit einer Schneiderkreide einen großen Kreis auf den Boden zeichnet, in dem sie und Sam sitzen sollen, um den Geist auszutreiben, und jemand schrieb: “No way she free-hand drew that perfect circle on a floor made up of separated wooden planks.” Das waren ganz genau meine Gedanken, als ich das gesehen habe!!! Bzw ich dachte mir: Also ich könnte das nicht. Jemand anderer merkt an: “Phantom Thread for lesbians”. Das spielt auf den Film von Paul Thomas Anderson an, in dem Daniel Day Lewis einen Schneider spielt, der eine ziemliche toxische Beziehung zu Vicky Krieps hat.

Und mein absoluter Liebling: “All this just to look like a Eurovision finalist.”

If I Had Legs I’d Kick You

Der Film If I Had Legs I’d Kick You der Regisseurin Mary Bronstein handelt von Linda (Rose Byrne), einer Mutter im Zustand des quasi ganz normalen Wahnsinns.

Ihr Kind leidet an einer rätselhaften Krankheit und muss teilweise per Sonde ernährt werden, ihr Mann (Christian Slater) ist als Seefahrer permanent abwesend, im Alltag jongliert sie Haushalt, Krankenhausbesuche und nicht zuletzt ihre herausfordernde Arbeit als Psychotherapeutin. Als dann noch in der Wohnung über ihr ein Wasserschaden entsteht, der ein Loch in die Decke reißt, droht ihr ohnehin nur noch mit großer Mühe aufrechterhaltener Versuch zu funktionieren endgültig zu scheitern…

MÖGLICHE KLEINERE SPOILER

If I Had Legs I’d Kick you ist keine Geschichte einer Frau in der Opferrolle, die sich komplett selbst aufgibt, um für andere da zu sein und den Laden am Laufen zu halten. Das ist vielmehr die Geschichte davon, was passiert oder passieren kann, wenn man das tut, was einem ja manchmal so halb-jovial geraten wird, wenn man als Mutter kurz vorm Zusammenbruch steht und das irgendwie artikuliert: Ja, dann lass doch mal los, dann tu halt nichts mehr, gib doch mal die Kontrolle ab. Genau das tut Linda hier, die im Übrigen aber keine besondere Sympathieträgerin ist und für Frauen in einer ähnlichen Situation nur bedingt zur Identifikationsfigur taugt, sie lässt einfach los. Und, Überraschung, das führt geradewegs ins absolute Chaos, aber auf keine humorvolle, augenzwinkernde Art. Es ist ein Chaos, das irrsinig kräfteraubend wirkt und in weiterer Folge zunehmend bedrohlich.

Denn Lindas Tochter ist wahnsinnig nervig, ihre Kommunikation besteht in einer ewigen Litanei von: “Mama, meine Socken sind nass, ich will einen Hamster, nein, dieser Hamster ist bissig, ich will lieber einen anderen Hamster, komm her Mama, ich habe Hunger, aber ich mag keine Käse, tu den Käse da weg, Mamaaaa komm her”. Und wenn nicht die Tochter stresst, dann wird Linda in ihrer Praxis ein schreiendes Baby in die Hand gedrückt, das wirklich minutenlang brüllt, nebenbei muss Linda die Polizei rufen. Das Handy ist überhaupt ein Quell der Unerfreulichkeit, Linda bekommt permanent Nachrichten, die man als unterdrückte Vibrationen wahrnimmt, oder das Telefon läutet ohnehin in einer Tour und wenn sie abhebt, keift ihr Mann sie an. Zudem lauert ihr der Schulwart täglich auf, weil sie falsch parkt.

Die Regisseurin arbeitet zusätzlich mit Elementen aus dem Horrorfilmgenre und kreiiert mit nervöser Kameraführung, einem beunruhigenden Sounddesign und natürlich auch dem Loch in der Decke, das alles zu verschlingen droht, eine Atmosphäre der permanenten Anspannung. Dazu kommt, dass uns das Gesicht der Tochter nie gezeigt wird, man hört nur ihre Stimme und sieht mal einen Finger oder ihre Beine – ein inszenatorischen Trick, den wir erst kürzlich so ähnlich in Nickel Boys erlebt haben und den ich, ich sag es ehrlich, gehasst habe wie nur was, harhar. Hier ist es nicht ganz so schlimm, da die Tochter nicht die Hauptperson ist, aber ich mag das trotzdem nicht, auch wenn ich die Intention verstehe.

Erwähnt werden muss noch der Comedian Conan O’Brien, der hier, laut eigener Aussage, einen einmaligen Ausflug ins Schauspielfach übernimmt. Schade eigentlich, denn er spielt den Therapeutenkollegen unserer Hauptperson hier so schön schroff, unnahbar und abweisend, dass man ihn richtig gern nicht leiden kann.

Insgesamt ist das kein “schöner” Film, auch nichts, was das Herz berührt, aber eine dennoch interessante fast immersive Erfahrung, wenn es auch etwas masochistisches hat.

Disclosure Day

Gestern war ich in der Pressevorstellung zum neuen Spielberg Kracher Disclosure Day im Village Cinema. Sie war – wie immer, wenn solche Blockbuster Premiere haben – sehr gut besucht. Auch diesmal wurden wir wieder während des ganzen Films bewacht, durften aber unsere Handys immerhin in den Saal mitnehmen, allerdings eingeschlossen in ein Sackerl, das wir zukleben mussten, es ist schon sehr witzig.

Nach dem Film war ich beeindruckt und auch ein bisschen verwirrt, habe sehr lange darüber nachgedacht, was ja nie ein schlechtes Zeichen ist. Der Verleih hat mich dann um ein Kurzstatement von zwei Sätzen gebeten. Ich habe mir dann gedacht, ich bin nicht wirklich die richtige Person für dieses Review, ich bin weder Spielberg- noch Alien-Spezialist, das aber auch irgendwie als Herausforderung gesehen.

Dann habe ich bereits gestern und auch heute ewig an meinem Review für Uncut gearbeitet. Irgendwann war ich so konzentriert, dass mir fast das Essen angebrannt ist. Ich habe mir trotzdem, offen gesagt, schon bis zum Schluss irrsinnig schwer damit getan, ich hoffe aber, das merkt man nicht, harhar, aber ich kann euch hier ja quasi hinter die glamorösen Kulissen des Filmkritikerinnen-Daseins mitnehmen (Pfanne schrubben und so).

Heute um 18 Uhr war es soweit und das Interesse war groß:

Irgendwann heute gegen 19 Uhr

Und jetzt lese ich einmal zwei Tage nix davon, was andere geschrieben haben, weil mich das ur stresst, harhar.

Würde mich freuen, wenn ihr aber meine Gedanken dazu lest und zwar: hier.

Wochenende, gemischt

Am Freitag Abend habe ich Late Fame gesehen, die von mir schon mit Neugier erwartete Adapation der Schnitzler Novelle mit William Dafoe, im stimmungsvollen Gartenbaukino.

Davor habe ich im Stadtpark Abend gegessen und ein bisschen gechillt.

Zwei Wochen kann man Late Fame jetzt (nur in englischer Originalfassung) im Gartenbaukino sehen

Dafoe hat ein charmantes Reel für das Kino eingesprochen. Sehr schön, wenn ein amerikanischer Schauspieler “Arthur Schnitzler” sagt. Jedenfalls bin ich recht begeistert von diesem kleinen, stillen Film, der sehr nahe an seiner literarischen Vorlage ist, obwohl er statt in Wien um die Jahrhundertwende gut 130 Jahre später in New York spielt. Mehr bald.

Ansonsten habe ich zweimal den Moment verpasst, in den Pool zu gehen.

Gewittersturm im Garten

Außerdem darf ich mich derzeit wieder mit der Welt der Psychologie/Philosophie beschäftigen #ausgründen und das freut mich sehr. Habe extra meine eigenen Maturafragen aus dem Jahr *hust* ausgegraben. Ich hab damals die Philosophiefrage gewählt, weil bei mir alle guten Psychologiefragen schon weg waren, das Schicksal,wenn dein Nachname mit “S” beginnt harhar. Heutzutage läuft die mündliche Matura ganz anders ab, ich sage nur vier Prüfungen an vier verschiedenen Tagen und das im schwarzen Anzug.

Aufgeregt habe ich mich dieses Wochenende auch, nämlich über Influencerinnen, die ohne medizinische Expertise mit Ende 30 für Hormonersatztherapien “werben”. Prinzipiell ist es ja jedem selbst überlassen, was er sich so reinzieht. Jede Frau hat eine andere Konstitution und ich bin immer sehr für Selbstbestimmung. Ich finde nur den Trend dazu, die Wechseljahre zu einer Art Krankheitszustand hochzujazzen, den man behandeln muss, ein bisschen gefährlich, weil Erwartungshaltung und so. Ich persönlich kann sagen, die Wechseljahre können auch komplett unspektakulär ablaufen, dass man fast gar nichts davon mitkriegt.

Soweit mein Wort zum Wochenende.

Michael

Es ist im Kino gerade ein bisschen Saure Gurken Zeit, wie immer nach den Oscars und bevor die Festivals beginnen, bei denen neue Filme vorgestellt werden. Aber ich habe mir zumindest kürzlich Michael angesehen, den Film über den manche sagen, Regie führten die Anwälte, aber formal war Antoine Fuqua der Regisseur.

Michael beleuchtet die Zeitspanne des Lebens von Jackson ab 1966, von seinen Anfängen bei den Jackson 5, bis hin zu seinen ersten Solokonzerten Ende der 1980er Jahre. Was auch den Vorteil hat, dass man sich zu späteren Kontroversen gar nicht erst nicht äußern muss….

SPOILER …NAJA, WENN MAN NICHTS ÜBER MICHAEL JACKSON WEISS

Das Genre Biopic ist eine Geschichte voller Missverständnisse harhar. Nein, ernsthaft, ich fände es toll, wenn jemand mal darüber eine Dissertation oder ähnliches schreiben würde. Muss der Anspruch an Wahrheit und Realitätsbezug erfüllt sein und geht das überhaupt? Sind Biopics entweder “Fanservice”, eine huldvolle Verbeugung oder eben umgekehrt knallharte Abrechnung und Abarbeitung an Menschen, die man verachtet? Meine diesbezüglichen Reflexionen über The Apprentice, das sich um Donald Trump und seinen Entdecker Roy Cohn dreht, wurden in den Wikipedia Artikel über diesen Film aufgenommen. Wahrscheinlich glaubt jetzt jeder, ich trage privat eine MAGA Kappe, harhar. Ich stehe dazu: Es ist genauso fad und uninteressant, einen Menschen eindimensional als eine Art Monster darzustellen wie umgekehrt eine unreflektierte Heldenverehrung. Worauf sich übrigens offenbar alle bei Michael einigen konnten – der Regisseur, der Jackson Clan, die Anwälte ist, dass Michaels Vater Joseph Jackson (dargestellt vom sonst sympathischen Coleman Domingo) ein ziemliches Arschloch war.

Man kann sich aber abseits aller Biopic Überlegungen fragen: Funktioniert der Film für mich, wenn ich diese Bezüge weglasse und so tue, als würde über eine fiktive Person berichtet werden? Und da muss ich sagen, schneidet Michael gar nicht schlecht ab. Audiovisuell ist er nämlich stellenweise beeindruckend und der Hauptdarsteller Jaafar Jackson, tatsächlich ein Neffe von Michael, ist überzeugend und vor allem tanzt er irrsinnig gut. Und ich habe ja schon eine kleine Schwäche für Tanzen im Film. Die Szene, in der das Making of Thriller geschildert wird, ist ein Highlight. Ich würde diese Choreografie auch sehr gerne mal gelernt bekommen.

Super ist auch die Szene, als Jackson mit dem CBS Records Chef (dargestellt von Mike Myers) darüber debattiert, warum MTV seine Videos nicht zeigt. Es ist nämlich wirklich wahr und tatsächlich erschreckend, dass noch in den 1980er Jahren keine Videos von schwarzen Musikern on air gingen. Erst als der CBS Boss ein Telefongespräch führt und MTV damit droht, alle seine anderen Stars wie Bruce Springsteen und Cyndi Lauper abzuziehen, lenkte man ein. Diesem Druckmittel verdankte Jackson (und alle schwarzen Künstler, die nach ihm kamen) seine MTV Präsenz. Dieser Moment ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie manche Darsteller nur in einer einzigen Szene in Erscheinung treten, die aber so prägend für den Film ist, das genau diese im Gedächtnis bleibt. Und das sage ich mit der Bemerkung, dass ich Mike Myers während des Films tatsächlich überhaupt nicht erkannt habe.

Was ich an Michael nicht mochte ist der unnötige Einsatz von CGI. Bei den Konzertszenen ist es ja noch irgendwie halbwegs ok. Aber muss ich bitte einen CGI Affen generieren, wenn da draußen jede Menge echte Affen verfügbar sind? Gerade wenn Affen wirklich nicht die unkooperativsten Tiere sind, wenn es um die Interaktion mit Menschen geht. Und Bubbles hat ja in diesem Film nicht viel mehr zu tun, als von Jackson getragen zu werden und ein bisschen mit ihm zu spielen.

Insgesamt wahrscheinlich in gewisser Weise ein Märchen, ist Michael doch unterhaltsam und die Songs sind halt einfach super.

Famesick, zwei

Übrigens: So beantwortet man depperte Fragen bei einer Pressekonferenz:

Wenn das Bild von Adam Driver, das Lena Dunham von ihm, ihrer großen Liebe in ihrer Serie Girls gezeichnet hat – und es ist ja nur ein Bild von außen, das man sich über jemanden machen kann – auch nur zu einem geringen Prozentsatz akkurat ist, wird Driver ganz sicher niemals ein Buch über sich selbst schreiben, harhar.

Obwohl ich nicht die PR Beauftragte von Lena Dunham bin, finde ich es sagenhaft, was hier wieder für ein Pseudo-Skandal konstruiert wird. Ich empfinde das, was Dunham in Famesick über Driver schreibt, überhaupt nicht als Abrechnung. Vielmehr macht sie deutlich, wie sehr sie selbst daran gescheitert ist, ihn zu verstehen. Der Mensch Adam Driver nämlich, zu dem Dunham große Zuneigung verspürte und dessen schauspielerisches Talent sie immer wieder herausstreicht, ist ihr bis zuletzt trotzdem auch fremd geblieben.

In Famesick beschreibt sie sein Casting und seine Art zu arbeiten – durchaus rau, dominant, ein bisschen an der Grenze zur Aggression, einmal schreit er sie an, als sie ihren Text vergessen hat und wirft dabei einen Sessel gegen die Wand. Aber gleichzeitig betont sie immer, dass künstlerisches Arbeiten eben auch manchmal eine Grenzüberschreitung sein muss, sie hatte Driver quasi selbst die Erlaubnis dafür gegeben: “It was the rare situation where, in the lack of boundaries, there was a safety.”1 Interessant ist, dass der Adam, den Driver spielt, so viel mit dem realen Adam gemein zu haben scheint.

Einmal gab es die Chance, dass Dunham und Driver ein Paar werden, doch sie hat die Notbremse gezogen, aus Gründen, die vor allem die Serie betreffen. Eine weitere Zusammenarbeit wäre ihr unmöglich erschienen. Als Girls schließlich nach sechs Staffeln, endete, beschreibt Dunham die letzte Begegnung mit ihm, wo sie ihm quasi ihre Selbstzweifel ihm gegenüber gesteht, dass sie nicht “gut genug” für ihn war. Und er dann: “It was just as it needed to be” – he said, sounding like a Jedi (maybe he picked up a few tricks.) I hope you know, I will always love you.”2 Sie denkt darüber nach, wie sie sich weiterhin treffen werden, sie ihm vielleicht eine neue, andere Rolle schreiben wird: “But I never heard from him again.”

Und auch so ist das Leben. In diesem Moment hatten sie wahrscheinlich die besten Absichten und sie haben es so gemeint, aber wenn etwas endet, gelingt es manchmal nicht, etwas neues entstehen zu lassen. Und so hat sich nicht nur Driver jemals wieder gemeldet, auch sie hat es nicht getan. Für mich klingt eine gewisse Traurigkeit durch, wenn sie von ihm erzählt, auch immer eine Ratlosigkeit und manchmal sind es eben genau die Menschen, die man nie ganz versteht, die einen unendlich faszinieren und von denen man nicht los kommt.


  1. Lena Dunham: Famesick, S. 62 ↩︎
  2. Lena Dunham: Famesick, S. 205 ↩︎