almis personal blog

Woke ist over

Gestern erschien im Falter ein Artikel zum Thema “Woke ist tot”. Also wenn das jetzt schon der Falter schreibt, dann können wir vermutlich aufatmen, harhar.

In diesem recht differenziert verfassten Artikel wird darauf hingewiesen, dass “woke” an sich mal etwas gut gemeintes war, aber…Ja wir sind bedachter geworden und bis zu einem gewissen Punkt ist das auch gut, aber irgendwann ist es außer Kontrolle geraten. Jane Fonda hat mal bei einer Preisverleihung gesagt, was wäre schlecht daran woke zu sein, “It means, you care about others.” Genau das bedeutet woke aber, find ich, nicht. Denn einerseits kann man niemandem Empathie für irgendetwas oder irgendwen “verordnen”. Andererseits wird ja immer sehr genau differenziert, wofür Empathie angesagt ist und wofür nicht.

Ein kleines, wenn auch banales Beispiel. Bei mir im Stiegenhaus liegt seit Tagen das Buch Nur ein toter Mann ist ein guter Mann von Gaby Hauptmann in der Bücher-Tausch-Ecke. Jetzt stellen wir uns einmal vor, ein männlicher Autor hätte ein Buch namens Nur eine tote Frau ist eine gute Frau geschrieben. Stimmt, es geht nicht. Es ist unvorstellbar, dass irgendein Verlag in unseren Breiten heute ein Buch mit so einem Titel publizieren würde, egal wie ironisch es auch gemeint wäre, denn es würde heute immer zutiefst misogyn wahrgenommen werden und der Verlag hätte einen 1a Shitstorm am Hals.

Und das ist ein Problem an der Wokeness, dass da einerseits oft eine große Überempfindlichkeit herrscht, andererseits aber dann auch wieder eine Kaltschnäuzigkeit in der anderen Richtung. Diese Doppelstandards halt ich echt schwer aus. Die Welt ist außerdem nicht so schwarz und weiß, dass es reicht, sich einen Button für oder gegen irgendwas ans Revers zu heften. Ganz viele Dinge sind dafür viel zu komplex.

Hilfreich ist es natürlich immer, sensibel durch die Welt zu gehen, und niemand mit Absicht zu verletzen. Dennoch wird es uns hin und wieder passieren und auch wir werden von anderen verletzt werden. Aber können wir diesen Zustand der permanenten “Angerührtheit”, wie man in Wien sagt, irgendwie hinter uns lassen? Oder wie es in After the Hunt hieß, als eine Figur zur anderen sagt, das Gespräch mache sie gerade “uncomfortable” und die andere antwortet: “Not every conversation is supposed to make you feel comfortable.”

Wie die Schauspielerin Keira Knightley letztens in einem Interview meinte: “We are living in a period of time right now, where we have to figure out how we live together. And we all got very different opinions. I hope that we can all find respect.”

So ist es.

Über Charaktere

Man kann Charaktere in Erzählungen und Romanen sehr konventionell beschreiben, über äußere Merkmale wie Körpergröße oder Haarfarbe oder auch über Charaktereigenschaften wie Großzügigkeit oder Arroganz. Aber das ist halt auch wenig originell und lässt die Person, die man beschreiben will, jetzt nicht unbedingt sehr plastisch erscheinen, wenn man nur so Gemeinplätze widergibt. Besser ist es, hier möglichst detailliert zu werden, weil man da so viel mehr transportieren kann.

Letztens hat mir zum Beispiel jemand erzählt, dass bei einem Treffen die Stimmung sofort in den Keller ging, als eine gewisse Person auftauchte und da dachte ich mir, das wäre doch auch eine schöne Beschreibung. Jemand hat das Talent, und es ist eines, die ganze Luft aus einer Feier herauszulassen, die ganze Energie zu ziehen. Die Begabung, einen Satz zu sagen, mit dem sich jeder im Raum sofort unwohl fühlt.

Schön kann man es auch über Essgewohnheiten machen. Einen Menschen zu beschreiben, der, wenn er sein Schnitzel serviert bekommt, nicht gleich anfängt zu essen, wie wohl die meisten. Sondern, der das Schnitzel zuerst mal klein schneidet und ausgiebig salzt und dabei lustige Sachen erzählt. Ich kannte so jemanden. Oder mein Opa, der immer zuerst die ganze Suppe gegessen und sich die Suppeneinlage, Nudeln, Frittaten oder Backerbsen, aufgehoben hat. Sogar angeboten hat, mir diese Einlagen zu schenken. Das habe ich immer abgelehnt, weil ich dachte, da isst er nur die bloße Suppe und dann hat am Ende nichts davon. Es gibt auch Menschen, die in Lokalen den Tisch immer auf ihren Vornamen reservieren, als hätten sie gar keinen Nachnamen.

Jeder Mensch hat so viele kleine Eigenheiten, die ihn irgendwie liebenswert oder besonders machen. Ein Mensch, der auf seiner Musik Playliste, jeden Song etwa 15 Sekunden spielt und dann zum nächsten skippt. Ein Mensch, der unliebsame Leute in seiner Umgebung mit verschiedenen Schimpfwörtern (“Der Trottel”, “Der Arsch”) bezeichnet. So viel zum Thema liebeswert harhar. Ein Mensch, der dauernd einen Spruch zur jeweiligen Situation hat wie “Dreimal umgezogen ist einmal abgebrannt” oder “Durch Arbeit ist noch niemand reich geworden.” Und schließlich ein Mensch, der gerne zur U-Bahn gelaufen ist, die Stiegen oder die Rolltreppe hinunter, egal ob die Ubahn schon da war oder nicht. Schön.

Das war nur ein kleines Brainstorming meinerseits. Folgt mir für weitere Profi-Schreib-Tipps harhar.

Am Konsulat

Heute war ich am italienischen Konsulat. 18 Jahre habe ich Zeit gehabt, eine Bestätigung zu beantragen, die ich bis morgen brauche, perfektes Timing also.

Als ich zum Konsulat fahre, kommen die üblichen Assoziationen und Konnotationen, die ich zu dieser Gegend habe und wahrscheinlich immer haben werde. Sie sind groß und manchmal überwältigend. Sie sind aber auch schön. Ich muss mich zwingen, mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Ich gehe die Ungargasse hinauf, wo die Behörde liegt, als eine Art verwunschener Ort. Wenn man den kleinen Hof betritt, hat man das Gefühl, die Herbstblätter, die da am Boden liegen, gehören gar nicht mehr zu Wien und die Bäume auch nicht. Das Betreten des Gebäudes ist mit einer Art Ritual verbunden und als ich drinnen bin, sage ich “Buon Giorno”, weiß aber gar nicht, ob sich Italiener untereinander tatsächlich so begrüßen oder anders. Mit “Salve” oder so, aber wenn ich “Salve” sagen würde, hätte ich das Gefühl, dass ich das Passwort eines Geheimbundes nenne, zu dem ich nicht gehöre, harhar.

Behördengänge verursachen mir ein gewisses Unwohlsein und ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Ich habe immer den Eindruck, ein Dokument vergessen zu haben oder irgendwas nicht rechtzeitig eingereicht. Ich stelle mich prinzipiell auf unangenehme Kreuzverhöre mit anklagenden Fragen ein, und hier kommt noch die andere Sprache dazu, vor lauter Aufregung habe ich das Gefühl, nicht mal mehr zu wissen, was “Dienstag” auf Italienisch heißt. Kafka in a nutshell.

Und dann ist eh alles ganz easy. Ich erinnere mich zwar doch noch daran, was “Staatsbürgerschaftsnachweis” heißt, muss aber nur wenig Italienisch sprechen und alle sind ur lieb und bemüht. Nach einer halben Stunde bin ich fertig und komme mir vor, als hätte ich gerade den Nibelungenschatz gehoben oder so. Na ja, so kommt man auch zu seinen kleinen Alltags-Erfolgserlebnissen.

Ich gehe die Ungargasse wieder hinunter und diesmal lasse alle Gefühle zu. Sie sind groß und überwältigend. Und wirklich schön.

Reminiszenz

Heute vor 18 Jahren war ein schrecklicher Tag. Er gehört fix, frei nach High Fidelity, zu den fünf schlimmsten Tagen meines ganzen Lebens.

In Schwangerschaftswoche 24 plus fünf Tage kam ich ins Krankenhaus Brixen, wo mir der Arzt sagte, mein Kind würde wohl bald auf die Welt kommen und er sei “an der Grenze zur Lebensfähigkeit”. Ich war in einem solchen Schockzustand, dass ich nicht mal die Lungenreifungsspritze spürte, die man mir gab und meinte, sie wäre sehr schmerzhaft. Ich durfte nicht mehr aufstehen, “für die restliche Schwangerschaft”, wie es hieß. Die “restliche Schwangerschaft” dauerte dann immerhin noch sechs Tage.

Jemand sagte zu mir, ich müsse jetzt stark sein und ich antwortete dann so etwas wie: Das bin ich aber nicht. Ein Pfleger legte mir die Hand auf die Schulter und meinte: “Es wird alles gutgehen. Und wenn nicht, dann schaffen Sie es auch. ” Komischerweise empfinde ich das bis heute als extrem tröstlich.

Ja und dann wurde ich nach Bozen geflogen und alles weitere kann man in meinem Buch nachlesen. Spoiler: Es geht eh gut aus. Harhar.

Obwohl das nur der Anfang einer sehr schwierigen Zeit war, ist mir dieser Tag trotzdem als am ärgsten in Erinnerung, weil die Erschütterung und das nicht-begreifen-wollen so groß war. Weil sich in mir alles dagegen sträubte, zu akzeptieren, dass sich rein gar nichts mehr an dieser absoluten Sch… Situation ändern lässt, dass ich gefangen war, in einem Albtraum aus Hilflosigkeit und Verzweiflung. Oder wie John Lennon es etwas poetischer formulierte: Life is what happens to you while you’re busy making other plans.

Über Recherche

Noch etwas zu Charlie Kirk, weil es so bezeichnend für die Berichterstattung von (zu vielen) Medien in der heutigen Zeit ist.

Bei Markus Lanz gestern hat der ZDF Washington Korrespondent Elmar Theveßen behauptet, Charlie Kirk hätte gesagt, dass Homosexuelle gesteinigt werden müssten. Eine unfassbare, absolut menschenverachtende Aussage, die betroffen macht, die einen direkt emotionalisiert. Doch im Grunde sollte man als erstes fragen: Hat Kirk das tatsächlich so gesagt?

Wenn man sich die Mühe macht zu recherchieren, was dieser Korrespondent eines immerhin öffentlichen rechtlichen Fernsehsenders (Bildungsauftrag!), der dafür bezahlt wird, genau das zu tun, aber auch andere Journalisten, sowie der bekannte Autor Stephen King, offensichtlich nicht gemacht haben, wenn man sich also das Video zu dieser Aussage ansieht, dann stellt sich heraus: Kirk hat das keineswegs gefordert. Er hat vielmehr im Gespräch mit einer LGBTQ Aktivistin, die Levitikus aus der Bibel zitiert hat, um diesem eine gewisse Queeraffinität zu attestieren, etwas ironisch ein anderes Zitat von diesem genannt, in dem Levitikus (!) davon spricht, dass Homosexuelle gesteinigt werden sollen. Er wollte auf eine Widersprüchlichkeit hinweisen und dieser Zusammenhang sollte erwähnt werden.

Interessanterweise hat zumindest Stephen King seinen Fehler eingesehen und sich heute auf X dafür entschuldigt, die Fakten nicht gecheckt zu haben, wie er selbst schrieb, was ich anständig fand.

Ich bin gespannt, ob große öffentlich-rechtliche Medien (looking at you, ZDF) diesem Beispiel folgen werden und eingestehen, dass sie ebenfalls schlampig und oberflächlich recherchiert haben. Wir wollen ihnen ja nicht unterstellen, dass sie Kirk mit Absicht missverstanden haben.

Ich habe schon vor einigen Jahren in äußert interessanten Gesprächen mit jemand für mich mitgenommen, dass ich bei Aussagen wie diesen, wo Dinge einfach mal behauptet werden, immer versuche, an das Originalmaterial zu kommen, mir Originalquellen zu lesen. Und nicht gutgläubig das zu übernehmen, was Journalisten (ganz egal welcher Medienhäuser und Coleur), Wikipedia oder auch “Faktenchecker” behaupten oder für mich “einordnen”.

Ich kann das sehr empfehlen. Es hat meinen Medienrezeption, die, glaub ich, nie unkritisch war, da oder dort aber vielleicht doch zu naiv, nachhaltig verändert.

Charlie Kirk

Ich habe heute viele Think Pieces und Tweets zu Charlie Kirk (den ich bisher nur flüchtig kannte) gelesen. Ich möchte zwei hervorheben, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.

Der erste von Faika El-Nagashi, einer ehemaligen Wiener Grün-Politikerin, die erst vor wenigen Monaten ihre Partei verlassen hat, weil sie von den eigenen Kollegen für ihre “abweichende Ansichten” angegriffen wurde.

Der zweite kommt von Geoff Norcott, einem englischen Comedian und es ist kaum zu glauben, aber wirklich wahr.

Ich könnte da jetzt einen ordentlich Rant anhängen, aber es ist mir heute zu unerträglich, mich näher damit zu beschäftigen.

Was besser ist, an Voltaire erinnern. Zeitlos gültig.

Ein wenig Leben – Gedanken 2

Zurück zum Roman Ein wenig Leben.

ACHTUNG WIEDER SPOILER MÖGLICH

Also bezüglich Trauma-Porn. Es geht in Ein wenig Leben vor allem um das Schicksal von Jude St. Francis und dieses Schicksal ist wirklich hart. Sein Leben als ausgesetzter Säugling ist bis zum Jugendalter gekennzeichnet durch schweren, wiederholten sexuellen und emotionalen Missbrauch, sowie durch erhebliche Körperverletzung, die aus ihm einen Versehrten machen. Diese Erfahrungen zerstören ihn so sehr, dass er sich als Erwachsener im Grunde selbst hasst und immer wieder, naja ritzt ist ein zu schwaches Wort, ich würde eher von Selbstverstümmelung sprechen, und das wird auch sehr ausführlich und detailliert geschildert.

Und hier liegt sowohl der extreme Erfolg, wie auch die große Kontroverse um diesen Roman begründet. Die einen finden das alles so tragisch, dass sie quasi mit dauerlaufendem Tränenfluss dieses Buch lesen, und teilweise auch irgendwie geläutert werden. Die anderen sehen sich manipuliert und meinen hier werde maßlos übertrieben. In der Sendung Das lesenswerte Quartett spricht Germanistin Insa Wilke von einem “populären Realismus”, in dem das außerordentliche gefeiert wird, um die formale Normalität zu überdecken. Also quasi, das Buch durch seine Übertreibung größer zu machen als es im Grunde wäre. Mir ist es, ganz ehrlich, auch zu viel gewesen und vor allem fand ich es enorm unglaubwürdig, dass Jude immer und immer wieder weiter missbraucht wird, durch jede neue Person, die in sein Leben tritt, jede Institution, auch solche, die ihn schützen sollten. Ich finde, Yanagihara hätte das gar nicht notwendig gehabt, weil ich die Art, wie sie erzählt, schon sehr gerne mag und ich denke, es hätte auch mit weniger drastischen Mitteln funktioniert.

Das Thema, bei dem ich persönlich länger hängengeblieben bin – und das auch kontrovers diskutiert wird – ist die Rolle der Freunde in diesem Roman. Die einen meinen, das ist so eine tolle Freundschaft, weil alle Jude unterstützen und für ihn da sind, also auch, wenn er sie mitten in der Nacht anruft und so weiter. Die anderen wiederum sind der Ansicht, dass es weniger Freundschaft als Co-Abhängigkeit wäre und irgendjemand Jude, der sich strikt gegen Psychotherapie wehrt, einmal hätte zwangseinweisen sollen, zu seiner Rettung. Stattdessen unterstützen sie ihn quasi eher in der Destruktivität. Das finde ich ein ganz schwieriges Thema – und wurde auch im Film Sterben voriges Jahr verhandelt. Weil was zählt mehr? Die Selbstbestimmung eines Freundes, auch – wenn man so will bis zu seinem sicheren Tod – oder die Einmischung in dessen Leben, zu seinem (scheinbaren) Wohle, was aber einer Entmündigung gleichkommt. Aber vielleicht ginge es ihm dann besser und er wäre mir dankbar dafür?

Die Autorin selbst “glaubt” offensichtlich nicht an Psychotherapie, bzw. will mit diesem Roman das Exempel statuieren, dass es Schicksale und Traumatisierungen gibt, die eben nicht therapiert werden können. Fair enough, aber die Alternative ist dann halt ziemlich dunkel, pessimistisch und im Grunde auch zerstörerisch. Oder ist es einfach realistisch? Ich bin da sehr nachdenklich geworden. Und insofern stimmt es schon, dass dieser Roman die Diskussion über sehr große Themen recht gekonnt anstößt.

Ein wenig Leben – Gedanken

So, jetzt habe ich Ein wenig Leben fertiggelesen und in einem Eintrag werde ich ein fast 1000 Seiten Buch nicht abhandeln können. Zumal ich jetzt draufgekommen bin, dass es tausende Podcasts, Think Pieces, Essays, etctera zu diesem extrem gehypten Roman gibt, wovon ich mir manches noch ansehen werde. Ich habe vorher ja gar nicht gegoogelt, weil ich mich nicht spoilern wollte.

Kurz der Inhalt, für alle, die das Buch nicht kennen. Es geht um vier Freunde in New York, die auf ihrem Lebensweg über 40 Jahre begleitet werden, aber ganz besonders um einen, Jude St. Francis, der im Mittelpunkt der Handlung steht und zwar #ausgründen.

ACHTUNG SPOILER MÖGLICH

Wie fange ich an? Erstens handelnde Personen. Also zunächst einmal weiß eh schon jeder, dass mir persönlich Diversität um der Diversität Willen nicht wichtig ist, weil es fast immer sehr aufgesetzt wirkt. Mir ist lieber, jemand erzählt von dem Umfeld, von dem er tatsächlich Ahnung hat. Aber bei Ein wenig Leben frage ich mich schon, warum eine (Rand)gruppe der Gesellschaft praktisch gar nicht stattfindet und zwar die Gruppe Frauen, harhar. Im Ernst: in diesem Buch kommen Frauen so gut wie überhaupt nicht vor. Ok, nicht alle der vier Männer sind heterosexuell, aber auch Homosexuelle kennen doch Frauen, haben irgendwie Frauen in ihrem Leben, als Freundinnen, Vertraute. Aber nicht in diesem Roman. Sie sind nur Randphänomene ohne eigenständige Stimme. Gottseidank ist die Autorin Yanagihara eine Frau, sonst wäre der Shitstorm unvermeidlich gewesen.

Zweitens, Fokus der Narration. Wenn man anfängt zu lesen, denkt man, es werde nun um die vier Protagonisten irgendwie gleichermaßen gehen, jeder wird ungefähr ähnlich viel Raum und Gewicht in diesem Buch bekommen. Auch das stimmt nicht oder nur am Anfang. Im Grunde geht es fast nur um Jude, dann noch etwas mehr um William, JB (Jean Baptist) kommt schon deutlich weniger vor, obwohl es am Anfang einen so interessanten Erzählstrang über ihn als Künstler gibt; und Malcom ist ohnehin eine Randnotiz. Ich weiß nicht, ob ich das aus expertimenteller Sicht interessant finden oder diese Herangehensweise als “messy” empfinden soll, weil mir die Eröffnung etwas ganz anderes verspricht. Vielleicht beides.

Drittens, Zeit der Handlung. Im Grunde kann nicht genau festgestellt werden, wann dieser Roman spielt. Es gibt zwar irgendwann Mobiltelefone und Computer, aber es kommen sonst keine Hinweise auf irgendwelche (Pop)kultur oder auf politische, gesellschaftliche Ereignisse, sodass man (oder zumindest ich), da Rückschlüsse ziehen könnte, in welchem zumindest Jahrzehnt wir uns jeweils befinden. Das kann man doof oder auch genial finden. Yanagihara erschafft hier quasi eine Welt, die wie unsere aussieht und funktioniert, aber uns sonst keine Bezugsmöglichkeit eröffnet. Technologisch betrachtet, sollten die 40 Jahre irgendwo in der Gegenwart enden, aber aufgrund von Judes Erlebnissen, tue ich mir schwer, diese in den späten 1960er oder frühen 70er Jahren zu verorten, aber tatsächlich muss es wohl so sein.

In Kürze dann: Was ist dran am Vorwurf, dass dieser Roman ein Trauma-Porn ist?

Spoiler: Viel! Harhar.