almis personal blog

ESC Finnland 26

Jetzt kommen wir zu einem diesjährigen Geheimtipp oder wie nennt man das, wenn alles sagen, das gewinnt? Ach ja, Favorit. Harhar. Finnland ist tatsächlich dieses Jahr der Favorit auf den ESC Sieg. Die Nerds wünschen sich schon lange einen ESC in Helsinki, weil Schweden kennen sie in- und auswendig, und diesmal stehen die Chancen richtig gut.

Was ist zu Finnland als ESC Nation zu sagen? Nun was für die tschechische Republik eine gewisse Subtilität, ist für Finnland der Holzhammer. Zimperlich sind die meisten finnischen Beiträge zumindest des letzten Jahrzehnts nicht gewesen, allen voran natürlich Käärijä mit Cha Cha Cha, ein richtiger Fan Favorit und sofortiger Kultsong, der sich am Ende nur Loreen geschlagen geben musste. Aber auch Blind Channel (nicht mein Geschack) mit Dark Side waren laut. The Rasmus wurden mit Jezebel aus der Versenkung geholt und vom letzten Jahr ist uns Erika Vikman noch in sehr lebhafter, brachialer Erinnerung. Der einzige finnische Siegersong bisher, Lordi mit Hard Rock Hallelujah aus dem Jahr 2006, war ebenfalls ein Kracher.

Dieses Jahr tritt Finnland mit einem, wie könnte es anders sein, Castingshow Teilnehmer namens Pete Parkkonen an, flankiert von der Stargeigerin Linda Lampenius. Zwischen den beiden liegt übrigens ein Altersunterschied von 20 Jahren und im Merci Cherie Podcast meinte jemand, das sähe man ihnen gar nicht an. Da möchte ich hinzufügen: Ja, aus zehn Metern Entfernung nicht. Wenn man etwas näher kommt, sieht die Sache ein bisschen anders aus, harhar.

Alkis meinte im Podcast auch, die Violinistin wäre etwas unterfordert, was ihre Aufgabe hier betrifft. Aber egal, denn wie wir aus Love Love, Peace, Peace, der Handlungsanleitung zum Schreiben eines ESC Siegersongs wissen: “Nothing says winner like a violin, trust me, bring a violin.” Mir fallen mindestens vier Siegertitel mit Geigenbegleitung ein. Und dazu heißt der Song übersetzt auch noch “Flammerwerfer”, also wieder mal das Element Feuer im Titel. Der für nicht-Finnen ziemlich unaussprechliche Titel ist vielleicht das stärkste Handicap dieses Beitrags.

Der Song ist jedenfalls ziemlich catchy. Ich wusste nicht, dass man so aggressiv Geige spielen kann. Dazu lange blonde Extensions (würde ich sagen), ein silbernes “Kleid”, er im existentialistischen schwarz, das Hemd nachlässig geknöpft, irgendwann fängt es auf der Bühne zu brennen an…Das ist alles mögliche, nur kein Understatement. Es ist jetzt nicht so, dass der Song nach meinem Herzen greift, aber ganz entziehen kann ich mich dem ganzen Drama auch nicht.

ESC Tschechische Republik 26

Nachdem ich wieder eine persönliche Nachricht von Marco Schreuder bekommen habe, meine Top 10 des heurigen ESC zu schicken, wurde es jetzt wirklich Zeit, mir die Songs genauer anzuhören, was für mich jedes Jahr Überwindung bedeutet. Im Gegensatz zu neue Filme anschauen ist neue Musik anhören für mich echt Arbeit. Aber ich kann jetzt sagen, einer meiner Favoriten kommt heuer einmal mehr aus der Tschechischen Republik.

Erst seit 2007 überhaupt dabei, zeichnet sich dieses Land seit einigen Jahren durch kontinuierlich ambitionierte Beiträge aus, die allesamt in Richtung Indie-Pop tendieren, was vielleicht eh mein Lieblings-Musikgenre ist. Da gabs die Band Lake Malawi mit Friend of a Friend, deren recht umständliche Lyrics unter anderem davon erzählen, wie die Nachbarn beim Sex belauscht werden; für dieses durchaus interessante Thema ist mir der Song dann fast ein bisschen zu eingängig, harhar. Dann kam We are Domi mit Lights Off, ein mystischer Song mit Elektroanklängen, mit dem Video hätte George Orwell auch seine Freude gehabt. Und den 2023er Beitrag My Sister’s Crown von der Frauenband Vesna liebe ich ohnehin sehr, weil er so strange klingt und so außergewöhnlich aufgebaut ist, ich habs ja sehr gern, wenn wild durcheinandergesungen wird, und die Band gefühlt irgendwas ganz anderes dazu spielt.

Dieses Jahr singt ein gewisser Daniel Zizka den Song CROSSROADS, und es geht da, wie ich das interpretiere, um die Struggles des Erwachsenwerdens. Eine Freundin sagte einmal bei einer Lesung zu mir, diese Themen interessieren sie nicht mehr, weil “das hab ich hinter mir”, harhar und das ist schon auch wahr. Allerdings steht man ja auch später im Leben immer wieder mal an Weggabelungen oder wird vom Schicksal gegen den eigenen Willen in Richtung solcher befördert.

CROSSROADS ist jedenfalls ein Song, der sich drei Minuten lang ziemlich erfolgreich dagegen wehrt, von so etwas wie einem herkömmlichen Refrain oder sonst einer auch nur irgendwie eingängigen Melodie vereinnahmt zu werden. Es ist gleichzeitig ein Slow Burner und ein Grower, oder wie William von den ESC Nerds wiwibloggs zutreffend feststellt: “This is very unusual for a Eurovision song”. Ob die Leute am Abend des Grand Finals (oder erstmal des Semis) die Geduld dafür haben, weiß ich nicht, ich weiß nur, Zizka hat für mich eine künstlerische Vision und ich finde das einfach schön, sehr stimmungsvoll.

qwien, Teil 2

Jetzt noch ein bisschen was zur ESC Ausstellung im qwien United by Queerness. Was war dort noch los, abgesehen davon, dass ich Marco Schreuder getroffen habe? Harhar.

Der Schauraum der United By Queerness Ausstellung, man sieht schon den fliederfarbenen Anzug von Thomas Forstner und den türkisen von Guildo Horn

Also zunächst mal hat auch Schreuder selbst auf die Anmerkung eines Users geschrieben, der meinte, es gäbe ja nicht nur Queerness beim ESC, sondern auch beispielsweise religös beeinflusste Lieder, es gab einige evangelikale Performer, das wäre richtig. Nur fokussiere die Ausstellung eben auf diesen Aspekt, weil sie im Queerzentrum stattfinde.

Eine der Frage, die man mittels schwarzem Klebepunkt beantworten kann. Wer mich kennt, wird ahnen, in welchem Feld mein Punkt klebt harhar

Die Ausstellung erzählt über früher versteckte, quasi nur mittels Codes erkennbare homosexuelle Teilnehmer ebenso wie über solche, die im Gegenteil mit Versatzstücken spielen, obwohl sie gar nicht aus der Community stammen.

Ich habe erfahren, dass der Isländer Paul Oscar mit seinem Song Minn hinsti dans, der erste offene Gay Act war. Mir war das nicht bewusst, es war 1997, für meine Begriffe schon eine “aufgeschlossene” Zeit. Er trug halt so ein Lackoutfit und Eyeliner, neben ihm tanzende Frauen, auch in Lack, war es schon etwas “Drag” wie man heute sagen würde. Grissemann meinte damals über Oscar: “So sympathisch er hier auch scheint, er kommt hassenswerter Weise auch vom Musical, wie so viele Teilnehmer leider.” Harhar. Derzeit wären es übrigens Castingshows. Minn Hinsti Dans ist bis heute eines meiner ESC Lieblingslieder, auch wenn Paul Oscar damals nur 20. wurde. Ich habe es auf meinem Videorecorder (!) immer wieder zurückgespult und nochmal angesehen. Der Song ist so gut gealtert, dass man meinen könnte, er wäre seiner Zeit vielleicht auch etwas voraus gewesen.

Bereits ein Jahr später gewann Dana International, eine Transperson mit dem Song Diva und gegen den zuerst großen Protest von Teilen der orthodoxen israelischen Bevölkerung. Ihr Sieg vereinte das Land dann allerdings auf wundersame Weise. 2007 dann die Travestie Ikone Verka Serduckha, die am Ende Zweite hinter der lesbischen Teilnehmerin aus Serbien Marija Serifovic wurde, die übrigens ein Beisl in Wien Favoriten hatte (harhar wirklich) Ich glaube, niemand, der Serduckhas Auftritt gesehen hat, wird Dancing Lasha Tumbai vergessen haben, es war so eingängig und lustig, Lyrics: “Me English nix verstehen, let’s speak dance.” 2008 erlebten wir (also ich nur im Halbschlaf, hatte ein Baby) den Drag King Sébastien Tellier mit Divine an – er wurde nur 18., allerdings begann mit dem ESC sein Aufstieg aus der Undergroundszene. Tja und über Conchita 2014 brauche ich eh nicht viel zu erzählen.

Kaiserin Conchita, Kronzprinz JJ (oder so)

Ausschnitte aus dem ESC Merci Cherie Podcast, die damalige U-Bahn Durchsage von Conchita zum ESC in Wien, sowie die Regenbogenampel runden die Ausstellung ab.

Guido Horns Outfit. Es gab auch Cesar Sampson’s hässliche Hose, die kommt auf dem Foto aber nicht so richtig rüber, bei Interesse googlen, wer sich nicht mehr erinnert harhar war damals eine Kontroverse, ach das waren noch schöne Kontroversen

Fazit: Wirklich sehr liebevoll und nerdig, mit vielen kleinen Details gestaltet, trotz Handicaps (beleidigte Künstler die Exponate wegen Isreals Teilnahme zurückzogen *augenroll*). Habe aber vom Duo Schreuder/Vlassakakis nichts anderes erwartet. Wenn die zwei nicht verbindend wirken, wer dann.

qwien, Teil 1

Ich heute im qwien (sprich: Queen)

Jeder Ausstellungsbesucher muss ein Foto vor diesem Spiegel machen, sonst war er gar nicht dort, harhar.

Eigentlich könnte hier auch ein Selfie mit Marco Schreuder und mir gepostet werden. Dazu hätte ich ihn aber darum bitten müssen, und dafür war ich leider zu überfordert.

Marco Schreuder ist Kurator der Ausstellung United by Queerness und einer der Moderatoren des ESC Podcasts Merci Cherie – und war auch mal Politiker. Wir kannten uns noch nicht persönlich, haben uns aber öfter mal geschrieben und ich war ziemlich überrascht, als er plötzlich vor mir stand und fragte: “Du bist doch Heidi oder?” Harhar. Habe ihm gleich zur tollen Ausstellung gratuliert. Er hatte dann direkt auch noch ein Interview ebendort und hat mich zum Abschied umarmt und geküsst und meinte, schön, dass wir uns mal gesehen haben und das fand ich ur lieb.

ESC, die Elemente

Am Wochenende war nicht nur San Remo, auch der deutsche Vorentscheid für den ESC, der den etwas brachialen Titel “Das deutsche Finale” trägt. Ich habe ihn ein bisschen parallel geschaut.

Gewonnen hat dann jedenfalls Sarah Engels, die früher Sarah Lombardi hieß und ich kam mir ein bisschen vor wie mein Vater früher, als ich nachfragen musste. Dann bekam ich die Antwort, ja die war verheiratet mit mit Pietro Lombardi. Okay. Und wer ist das? Harhar. Jedenfalls ist ihr Song ein bisschen, ich würde es so formulieren: Unüberraschend. Und er heißt Fire.

Darüber habe ich länger nachgedacht, weil ich den Eindruck hatte, dass es in der letzten Zeit quasi jedes Jahr einen Song beim ESC gab, der was mit Feuer zu tun hat. Und ich hatte unrecht. Manchmal gibt es pro Jahr auch zwei Songs, harhar. Letztes Jahr zum Beispiel Lighter und ein Feuer verbirgt sich auch hinter Zjerm (albanisch für Feuer). Dann hatten wir natürlich Fuego, mit dem der heurige deutsche Titel stilistisch auch oft verglichen wird, wir hatten On Fire, Fulen (Funke), es gab Firefighter, Start a Fire, Pali Si (Fire of Love) oder auch Embers (Glut).

Seltener werden übrigens andere Elemente besungen, wie Water, River, Voda (auch Wasser), Waterline oder Walk on Water und Watergun. Ein bisschen was zum Wind gibt es auch, wie Storm (gleich zwei Jahre hintereinander), Silent Storm oder auch Calm After the Storm und – im Gegenteil – Hurricane. Das ist mal eine Recherche, was? Harhar. Zu Storm von Estland 2019 ist mir dann die Sendung Songcheck eingefallen, die es leider nicht mehr gibt. Da wurden alle Songs mit Liebe und auch bisschen Ironie analysiert. Über Storm hieß es eben: “IDM mit Country Anleihen, da kriege ich immer so eine Kreuzallergie” und auch: “Er hat diverse Floskeln zur stürmischen See auf Lager.”

Und dann hatte ich nostalgische fünf Minuten und habe der Songcheck Moderatorin Alina Stiegler geschrieben und wir haben uns über die Sendung ausgetauscht:

Finde es wichtig, Menschen zu sagen, wenn es einem etwas bedeutet, was sie tun. Ihre Freude freut mich dann auch. Deshalb bringt den Songcheck zurück, damit wir solche Dinge wie die Rolle der Elemente beim ESC gemeinsam analysieren können.

März

Heute bin ich das erste Mal im Garten in der Sonne gesessen. Dabei habe ich mir San Remo Songs angehört, gestern war ja Finale, ich bin um Mitternacht eingeschlafen und da wars natürlich noch lange nicht aus. Habe mich sehr darüber amüsiert, wie man den Siegertitel von Sal da Vinci namens Per sempre sì in der Facebook ESC Gruppe beschrieben hat, nämlich als “1970-ziger Schmalz mit Heiratsschwindler Vibes”. Harhar. Das ist so treffend, da bin ich immer etwas neidisch, wenn mir so etwas geniales nicht einfällt. Jemand anderer meinte: Viel Spaß in Caorle 1981, auch hübsch.

Blick in den Garten am 1.März

Dabei gab es auch sehr viele sehr moderne Songs zur Auswahl, etwa mein diesjähriger Favorit vom Duo Fedez und Marco Masini: Male necessario, Pop mit soften Rap-Anteilen. Der Titel bedeutet so etwas wie “Notwendiges Übel”. Finde ich auch total interessant. Und im Song gehts dann ums Aufknallen auf dem Boden der Tatsachen in irgendeinem Hotelzimmer und man hat gleich tausend Bilder und Assoziationen im Kopf. Richtig schön melancholisch und kraftvoll.

Am späteren Nachmittag bin ich dann ins Kino gefahren und habe mir den neuen Jarmusch Father Mother Sister Brother angesehen. Beim Hinuntergehen der Währinger Straße sind mir viele Menschen mit Iran-Fahnen entgegen gekommen, anscheinend, wie ich nachgelesen habe, gab es eine Kundgebung am Heldenplatz. Es ging dabei aber sehr ruhig und zufrieden zu, eine angenehme Begegnung. Der Film war ein typischer Jarmusch, auch sehr angenehm und ruhig und wie immer bei ihm komplett unspektakulär. Muss man mögen und ich mag es seit 30 Jahren.

Votivkirche, so schön!

Den Abend mit Sonntagszeitungen und Korrekturlesen verbracht. Guter Sonntag.

ESC: Vienna Calling

Ich wollte noch was zu Vienna Calling schreiben, der Sendung, in der am Freitag der ESC Beitrag für 2026 gewählt wurde.

Und zwar das: Nächstes Mal machen wir lieber wieder eine interne Ausscheidung, gö? Harhar.

Nicht wegen dem Siegersong Tanzschein von Cosmo, den ich tatsächlich catchy und originell finde, noch dazu mal in deutscher Sprache – man kann als Fixstarter auch etwas wagen, und ich finde es gut, dass der Song ganz anders ist als der voriges Jahr. Aber der Rest der Show… anstrengend!

Ich bin sowieso immer eher für eine interne Wahl, auch weil Eberhard Forcher, der das die letzten Jahre ja ziemlich erfolgreich gemacht hat, in einem Interview gesagt hat, dass viele Acts abwinken, wenn sie sich einem öffentlichen Voting stellen müssen. Und da bewerben sich dann halt oft eher Menschen, die, sagen wir mal, nix zu verlieren haben. Das finde ich ja prinzipiell mutig und alles, aber viele wissen halt offenbar nicht, dass ein ESC-Song jetzt nicht nur ein Lied ist, das zufällig drei Minuten dauert.

Eine Mini-Kontroverse gab es heuer zu dem Song Wenn ich rauche von Sidrit Vokshi. Ist es misogyn? Weil Vokshi singt von einem frisch getrennten Mann, der sich in unbedeutende Affären flüchtet, folgendes: “Doch ich lieg’ mit ‘ner andern (…) ‘ne Frau, die ich nicht kenn’, stets der gleiche Lauf. Ich nehm’ sie mit und in der Früh schmeiß’ ich sie raus.” Ich hab mir auch kurz gedacht na servas. “Schmeiß ich sie raus” klingt nicht sehr konsensual.

Aber trotzdem darf man natürlich auch jemand besingen, der sich nicht korrekt verhält und das lyrische Ich muss nicht die Haltung des Sängers widerspiegeln. Mich hat der Songtext ein bisschen an Laura non c’e (=Laura ist nicht mehr da) von Nek erinnert. Ähnliche Gedankengänge, nur damals keine Aufregung, weil 1990er Jahre und zu wenig verstehen italienisch, harhar.

Fazit der Show insgesamt: Ausbaufähig. Oder eben eher lieber ganz weglassen, nächstes Jahr.

ESC: Goodbye Conchita

Heute habe ich erfolglos versucht, Karten für den ESC zu ergattern.

To be fair: Ich hätte darüber enttäuschter sein können. Der ESC hat für mich derzeit eine Ambivalenz, die ich gar nicht mag. Und ich hoffe, das gibt sich, sobald die ersten Vorentscheide (San Remo!) stattfinden und wir wieder über etwas anderes reden können, als wer wem böse ist und wer jetzt noch welches Virtue Signalling betreiben muss.

Conchita Wurst hat heute in einer sehr kryptischen Social Media Message, die man so oder so finden kann, erklärt, dass sie sich vom ESC als Ganzes zurückzieht. Der Songcontest, so Wurst, würde immer ein Teil ihrer Vergangenheit bleiben, aber nicht mehr ihre Zukunft sein. Genaue Gründe nennt sie nicht, Fragen dazu will sie nicht beantworten und so bleibt natürlich massiver Raum für Spekulation.

Hat es etwas mit Israel zu tun (was ich nicht hoffe) oder damit, dass sie gerüchteweise nicht moderieren “darf” oder ganz was anderes? Wir werden es eventuell nie erfahren. Aber es ist halt schon ein Statement, wenn der ESC gerade heuer in Wien stattfindet, und sie letztes Jahr noch auf allen ESC-Hochzeiten getanzt hat (nämlich auch bei anderen Vorentscheiden mitgemischt hat, etcetera) und nun kommt so eine doch finale Aussage. Wozu? In dieser Endgültigkeit war das nicht notwendig. Das hat ja schon fast den Vibe von der großen Geste a la: “Ich verlasse Twitter.”

Conchita hat natürlich jedes Recht dazu, klar, aber ein bisschen kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass jemand, den dieser Bewerb berühmt gemacht und auch das Konto ganz gut gefüllt hat, vielleicht ein wenig behutsamer mit der Institution an sich umgehen hätte können, gerade in einer Zeit, die für den ESC eh, vorsichtig formuliert, ein bisschen Orsch ist. Zumindestens wenn einem der ESC was bedeutet.

(Almi mad as hell, harhar, nein so schlimm ist es auch nicht, aber ich muss auch nicht alles super finden)

ESC Winner of the Winners, drei

So jetzt ist Island also auch raus aus dem ESC und in den Fangruppen wird gejubelt, ob dieser mutigen Entscheidung. Das ist irgendwie so wie früher, als Menschen auf dem Hauptplatz hingerichtet wurden und Leute dazu applaudiert haben, weil es “die Richtigen” waren, die da hängen und dabei ein bisschen vergessen haben, dass Hinrichtungen am Hauptplatz einfach nie ein Grund zum Jubeln sein können. Tolle Metapher, was? Harhar.

Aber kommen wir zu erfreulichem, nämlich der Best of the Best Wertung, die ich heute eingereicht habe (sogar mit Sprachbeitrag). Und da sich sicher alle erwartungsvoll fragen, was ist mein persönlicher Lieblingsgewinner, jetzt die Auflösung. Das war tatsächlich nicht einfach, obwohl das Kind meinte “Ist jetzt nicht so deep”. Ja eh, es ist überhaupt nicht deep und es geht auch um gar nix, und es ist alles andere als weltbewegend, deshalb denke ich auch so gerne drüber nach.

Ich habe mich aus verschiedenen Gründen für Johnny Logan und Hold me now entschieden. Da schaut ihr, was? Harhar. Einerseits, weil ich ein bisschen edgy sein wollte und weil – frei nach der Fußball WM, wo am Ende immer Deutschland gewinnt – hier ganz sicher Abba oder Loreen (mit Euphoria) gewinnen werden und ich beide Songs zwar in meinen Top 10 habe, aber näher an meinem Herzen ist tatsächlich der Siegertitel aus dem Jahr 1987, den ich erstmal auf der Kuschelrock CD Nummer 1 entdeckt war, bevor mir klar war, dass das ein ESC Siegertitel ist.

Wir haben hier die gerne genommene gaga (und auch recht toxische) Prämisse: Wir (das besungene Paar) haben noch eine Nacht und dann müssen wir uns trennen. Natürlich wird nie erklärt, warum sich ein Paar dann unbedingt trennen muss, es wäre zu deprimierend oder auch zu ernüchternd oder fishy. Deshalb wird das immer ausgespart und letztendlich ist die beste Liebe in Liebesliedern immer die, die unerfüllt ist, weil: Seufz.

Auf den weiteren Plätzen bei mir: ABBA, Lordi (!), Celine Dion, France Gall, Sandra Kim, Loreen, Salvador Sobral, Alexander Rybak und Toto Cotugno. Ja, ich hab die letzten fünf Jahre weggelassen (zu nahe) und auch die österreichischen Teilnehmer, weil eigentlich : you cannot vote for your own country. Und eine gewisse Landesdiversität gibt’s auch. Mehr kann man echt nicht verlangen. Jetzt bin ich schon gespannt, was in der Gesamtwertung rauskommt.

ESC: aktuell

Weil ich auf die derzeitige Lage des ESC angesprochen wurde – naja, sie ist ziemlich Scheiße, würde ich sagen.

Vorige Woche gab es eine Konferenz der EBU, die von vorneherein nur in einem lose/lose Szenario enden konnte. Entweder mit dem Ausschluss Israels – ich bin persönlich generell gegen Ausschlüsse – oder damit, dass Länder von der Teilnahme zurücktreten, weil Israel antreten darf. Letzteres ist nun passiert, bisher haben die Niederlande, Slowenien, Irland und auch das Big Five Land Spanien ihren Rückzug angekündigt. Belgien und Portugal haben nach einer Nachdenkphase zugesagt, Island überlegt noch, ist aber m.E. auch mehr als wackelig. Das sind ganz schwarze Tage des ESC, das kann man sich nicht schönreden.

Wie kam es dazu? Ich habe es schon 2022 prophezeit, als Russland ausgeschlossen wurde, jetzt kommen wir in eine Spirale aus politischen Diskussionen und moralischer Selbstüberhöhung. Wir leben sowieso seit Corona in einer Zeit, wo es permanent darum geht, sich zu positionieren und Gegenmeinungen nicht mehr auszuhalten und deshalb gar nicht zuzulassen. Ich will und kann aber beim ESC nicht darüber diskutieren, was Israel falsch gemacht hat. Ich kann nicht den Nahostkonflikt bei einer Musikveranstaltung lösen, genauso wenig wie ich dort den Russland-Ukraine Krieg beenden kann.

Ich selbst habe hier schon geschrieben, dass die Tage des Songcontests möglicherweise gezählt sind, zumindest so wie wir ihn kennen. Es ist bitter das zu schreiben, ich bin aber auch keine Realitätsverweigerin. Man muss sich bewusst sein, dass man jederzeit etwas verlieren kann, das man liebt.

Meiner Meinung nach kann der ESC nur gerettet werden, wenn wir uns wieder daran erinnern, warum er ursprünglich erfunden worden ist, wenn wir daran denken, was er leisten kann und was eben nicht. Zurück zur Musik, zur Diskussion über Bühnenshow und Kostüme, zurück zu den Memes, dem Humor, der Leichtigkeit, wo man alles nicht ganz so ernst nehmen muss und dem friedlichen Feiern mit anderen Menschen. Auch Menschen im Übrigen, die anderer Meinung sind. Weil es wurscht ist, weil es zumindest an diesem einen Abend nicht darum gehen sollte. Die Hoffnung, dass es wieder möglich ist, habe ich noch nicht verloren.