Heute haben viele Menschen gratuliert, unter anderem eine (der) Hebamme(n) des Kindes (bzw. von mir) aus Bozen, was ich total lieb fand. Sie kommt ja auch in meinem Buch vor. Unter anderem, weil sie viele Wochen nach der Geburt – es wird so Mitte November gewesen sein – auf die Intensivstation gekommen ist, mich dort nicht gesehen hat, aber in den Brutkasten vom Kind geschaut hat und eine anwesende Schwester gefragt hat: “E come sta A.?” Also wie gehts ihm. Das fand ich so lieb und rührend, dass ich fast geweint hätte oder auch hab, ich weiß es nicht mehr, muss in meinem Buch nachlesen harhar.
Gestern hat das “Kind” – eine Woche vor seinem 15. Geburtstag – das erste Mal alleine zuhause geschlafen. Ich bin nach Atzgersdorf aufgebrochen, wie immer am Samstagnachmittag/Abend, und habe natürlich noch ordentlich helikoptert – hier ist das Essen im Kühlschrank, bitte dreh den Herd ab, wenn du ihn aufdrehst, da ist dein Gewand, da hängt der Schlüssel, brauchst du noch was usw. Also unerträglich natürlich.
Bevor ich dann wirklich gegangen bin, ist mir eingefallen, was mein Opa immer zu mir gesagt hat, wenn ich plötzlich aus heitrem Himmel anhänglich geworden und mich zu ihm gekuschelt habe: “Na ist dir die Liab ein’gschoss’n?” Ganz lieb hat er das gesagt, nicht vorwurfsvoll harhar.
Jedenfalls sag ich dann gestern beim Gehen zum Kind: “Und ruf mich an, wenn dir die Liebe einschießt!” Das Kind daraufhin ganz trocken: “Das wird nicht passieren.” I bet!
Es ist auch nicht passiert, deshalb war das mein Anblick beim Schlafengehen im Haus:
Kind: Am Mittwoch hab ich Referat, ich bin so nervös.
Ich: Weißt wie ich das immer gemacht hab früher? Ich hab es verdrängt bis Mittwoch Früh. Ab dann reicht es auch noch. Weil, wer weiß was bis Mittwoch ist. Vielleicht gibts einen Atomkrieg und keiner lebt mehr am Dienstagabend. Dann war die ganze Nervosität umsonst und du hast dir deine letzten Tage damit versaut.
Letzte Woche hat mir eine Freundin geschrieben: Du bist eine starke Frau. Du gehts so gut damit um.
Das hat mich sehr gefreut. Weil ich mir manchmal denke, Stärke ist vielleicht auch nur die Abwesenheit von Alternativen. Und weil ich phasenweise das Gefühl habe, noch nie so sehr am Boden gewesen zu sein in meinem Leben, nicht mal bei der Frühgeburt des Kindes. Weil da gab es Hoffnung, da konnte ich etwas tun, eine Änderung der Situation war möglich. Jetzt muss ich einfach den Schmerz aushalten und darin bin ich nicht so gut.
Es gibt mittlerweile schon einzelne Momente, in denen ich mich wieder wie ich selbst fühle, also wie in der Zeit davor. Aber das ist noch die Ausnahme. Und sowas wie heute, Schulanfang, triggert mich unheimlich, weil das generell so ein aufgeladener Tag ist – ich beobachte das auch in meinem Umfeld – obwohl mein Kind heute schon in die Oberstufe kommt und man als Elter da ja kaum mehr involviert ist, außer, dass man eine Whatsapp mit den kryptischen Worten “Muddi Laptop” bekommt. Vor acht Jahren war das anders, da ist nicht nur das Kind in die Schule gekommen, da hat sich etwas Grundlegendes in meinem Leben getan und vor fünf Jahren, auch zu Schulbeginn, hat ein anderes Leben begonnen, das jetzt wieder vorbei ist – und ach.
So das war genug Selbstbespieglung/Mitleid für mindestens Wochen. Harhar. Immerhin scheint die Sonne , es ist schön warm und eigentlich ist das jetzt meine Lieblingsjahrezeit, zwischen Sommer und Herbst weil sie, welch Ironie, so vergänglich ist.
N. hat zu mir gesagt: “Sei froh, dass das vorm Sommer passiert ist, die Sonne und die Wärme wird deiner Seele guttun.” Ich habe mir nur gedacht: das ist doch komplett wurscht, gar nichts wird mir guttun, im Gegenteil: wenn es kalt und unwirtlich wäre, würde das eher zu meinem Zustand passen. Aber jetzt gebe ich zu: ja, der Sommer tut mir gerade gut.
In meiner Freizeit halte ich jetzt nach Sideboards für mein künftiges Büro in meinem Gartenhaus Ausschau. Jemand sagt zu mir, wieso ich das mache, das hätte mich früher nie im Leben interessiert. Und ich: “Da siehst du, was aus mir geworden ist. Ich hab ja nichts mehr, es sind nur noch die Sideboards übergeblieben”. Und der Galgenhumor offenbar auch.
Ach ja und kurz vor den Ferien kam C. aus der Schule und ich habe mich wieder nicht angesteckt, obwohl ich mir seit Wochen denk, jetzt wäre ich das perfekte Objekt: ich schlaf schlecht, ich bin oft traurig, ich grübel herum, mein Immunsystem muss doch am Boden sein, aber nix da. Pünktlich zum Zeugnis hat aber die Freitestung funktioniert.
Und ach ja letzte Schultag, das hat auch so eine gewisse Melancholie. Da ist es nicht hilfreich, dass der Klassenvorstand der letzten vier Jahre, der die Schule verlässt, in der Früh eine Abschiedsmail schickt. Da steht drinnen, dass diese Klasse den besten Notendurchschnitt der gesamten Schule hat (ca. 95 Prozent haben entweder einen ausgezeichneten oder einen guten Erfolg) . Was mich nicht wundert, ich hab dem Kind nach der Bekanntgabe der jeweiligen Schularbeitsnoten wiederholt gesagt: “Was seid ihr bitte für eine unheimliche Streberklasse?” Und auch, dass es keine Schwierigkeiten gab, es und es einfach ganz tolle SchülerInnen sind. Und die Eltern stolz sein können. Schnüff. Gottseidank hab ich nicht auch noch PMS, sonst wären da eh schon wieder die Tränen geflossen.
Ok, das wars jetzt mit der Unterstufe – 4 more years! Aber jetzt erst mal Sommer und Sonne, die der Seele guttut, danke N.