almis personal blog

The Testament of Ann Lee

Mona Fastvold, die Regisseurin von The Testament of Ann Lee und ihr Mann Brady Corbet, der Regisseurs des Filmes The Brutalist arbeiten als kongeniales Duo. Gemeinsam verfassen sie Drehbücher, die dann jemals einer von ihnen als Regisseur in Szene setzt und das mit einem vergleichsweise geringen Budget – um die zehn Millionen Dollar. Ihre Filme sehen aber gleichzeitig erheblich teurer produziert aus, sind aber andererseits alles andere als Blockbuster-Material.

In The Testament of Ann Lee geht es um die Gründerin der Shaker Bewegung, nämlich eben Ann Lee (Amanda Seyfried), die im 18. Jahrhundert in Manchester aufwuchs und bald als zweiter Messias galt, und vor allem um ihren Auszug nach Amerika, um dort neue Gläubige zu gewinnen…

SPOILER MÖGLICH

In der letzten Oscar Season wurde beklagt, wieso The Testament of Ann Lee quasi übersehen wurde, während Fastvolds Mann voriges Jahr durchaus viele Nominierungen für The Brutalist erhalten hat. Und das obwohl das ein durchaus anstrengender und 215 Minuten langer Film war. Stofflich scheint es Parallelen zu geben: Im beiden Filme ziehen Menschen ins vermeintliche “land of the free” und werden von diesem bitter enttäuscht. Beide Protagonisten sind nicht sehr zugänglich und tragen egomanische Züge. Was war also bei Ann Lee los? Da kommt immer das eher fade Argument, ja weil eben eine Frau Regie führt und die gerne übersehen werden. An das glaube ich persönlich kaum, habe mich aber selbst auch gefragt, warum dieser Film auch bei mir so wenig Eindruck hinterlassen hat.

Und nach langem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen: Es gibt keine wesentliche Charakterentwicklung bei Ann Lee und plottechnisch passiert auch so gut wie nichts aufregendes. Das bedeutet, um diesen Film zu mögen, müsste man hineingezogen werden in das, was Ann Lee auch ist, nämlich eine Art Musical. Hier wird viel gesungen und getanzt, die Hände werden ekstatisch zum Himmel gereckt, bei Tag und Nacht, sogar bei Sturm auf einem Schiff. Und wenn man da reinkippt, kann ich mir vorstellen, dass er Film einen packt und man richtig mitlebt. Wenn man aber außen vor bleibt, dann sieht man sich das emotional unbeteiligt an und denkt sich: Irgendwie merkwürdig. Und so ging es mir: Ich saß die ganze Zeit da und dachte mir. Irgendwie merkwürdig, harhar.

Nun wirkt die Religion (oder Ideologie) der Shaker eigentlich fast modern. Frauen und Männer sind gleichgestellt. Die Menschen leben im Einklang mit der Natur. Sie lehnen Gewalt komplett ab. Klingt ja ganz reizvoll, wäre da nicht ein aber. Nachdem Ann Lee Sex von Kindheit an ekelhaft findet, ist den Mitgliedern der Shakern dieser verboten, und zwar auch Ehepaaren. Und hier stößt die Begeisterung natürlich an gewissen Grenzen, harhar. Außerdem ist es der Verbreitung der Religion streng genommen nicht unbedingt zuträglich, wenn sie selbst keinen Nachwuchs produziert. Deshalb gab es – wie einen der Film im Abspann informiert – im Jahr 2025 nur noch zwei (!) Mitglieder.

Und mehr hab ich dazu leider nicht zu sagen.

The Bride

Ich bin wieder mal aus meiner Komfortzone rausgegangen und habe mir The Bride angesehen. Eine Figur aus dem Frankenstein Umfeld, das mich ja bekanntermaßen nicht besonders interessiert, aber ich hatte die Hoffnung, dass die zweite Regiearbeit von Maggie Gyllenhaal, die man ja vor allem als Schauspielerin kennt, irgendwas ganz neues interessantes aus dem Stoff macht, im Gegensatz zu Guillermo del Toro erst kürzlich, der ja einen sehr klassischen Zugang gewählt hat.

Worum geht es also? Zunächst spricht Frankenstein-Autorin Mary Shelley (Jessie Buckley) quasi meta-mäßig zu uns. Ihr zu früher Tod hätte verhindert, dass sie uns mehr über die Figur “The Bride” erzählt, die ja irgendwie nur als Fußnote vorkommt. Nun soll Abhilfe geschaffen werden. Wir befinden uns mittlerweile, warum auch immer, im Jahr 1936. Frankensteins Monster (Christian Bale) ist einsam und sucht eine Gefährtin. Er wendet sich an die nerdige Wissenschafterin Dr. Euphronious (Annette Benning) und bittet sie, die vor kurzem erst verstorbene Ida (auch Jessie Buckley) für ihn zum Leben zu erwecken…

SPOILER MÖGLICH

Im Kino hab ich merkwürdiges erlebt: Ich sah diesen Film im eher spärlich besuchten de France und hatte so viele Fragen, die permanent mehr wurden. Beispielsweise saß hinter mir eine junge Frau, die immer wieder einmal gelacht hat und ich habe mich jedes einzelne Mal gefragt, lacht sie, weil sie die Szene gerade witzig findet oder ist es ein ironisches Meta-Lachen. Und ich finde, das sagt schon recht viel über den Film aus.

Während Christopher Nolan aus dem Stoff rund um die Comicfigur Batman einen extrem starkes, dreiteilige Neo-Noir Drama gemacht hat, dass nur noch mit genauem Blick als Genrewerk zu erkennen ist, geht Gyllenhaal (die übrigens in eben dieser Nolan Trilogie mitgespielt hat) quasi den umgekehrten Weg und macht aus dem dunklen Frankenstein Stoff eine schrille und stark überzeichnete Graphic-“Novel”. Das ist irgendwie reizvoll, irgendwie lädt es aber auch dazu ein, den Film von der humoristischen Seite aus zu rezipieren, was ja okay wäre, sich aber damit beißt, dass der Film sich selbst oft so wahnsinnig ernst nimmt. Etwa in seinem, sagen wir, 1990er Jahre Feminismus, in dem es vor allem darum geht, wessen fu***** Bride Buckley nun sei, also wem sie “gehöre” und anderen formale Spitzfindigkeiten. Als Dr. Euphronius die Bride zum Leben erweckt und ihr Frankensteins Monster quasi als Love Interest schmackhaft machen will, meint the Bride: “Then why don’t you marry him?” Ich finde das eine durchaus berechtigte Frage.

Gyllenhaal mixt hier (zu)viele verschiedene Elemente zusammen: Es gibt einen Subplot um einen Mafiaboss, der Frauen die Zungen aus dem Mund schneidet, und dem das Handwerk gelegt werden soll. Es gibt die Stimme von Mary Shelley aus dem Off, die irgendwo zwischen semantisch-philosophischer Auslotung von Sprache und extremer Wortfindungsstörung changiert. Und es gibt das Detektivpaar Myrna (Penelope Cruz) und Jake (Peter Sarsgaard), das ein einziges 1930-er Jahre Klischee in Aussehen, Habitus und Funktion ist, mir als Element aber, dank der guten Chemie der beiden Schauspieler miteinander, dennoch am besten in diesem Film gefallen hat. Während Christian Bale, der zweifellos ein toller Darsteller ist, hier komplett verloren erschien, so als wisse er auch nicht genau, was er hier eigentlich macht.

Fazit: Während die erste Regiearbeit von Gyllenhaal, The Lost Daughter, ein sehr ruhiger, durchaus auch ein bisschen sperriger Indie-Film war, den ich persönlich ziemlich gerne mochte, überhebt sie sich hier sowohl im Genre und auch in der Thematik. Ihre Begabung schimmert aber immer wieder durch. Ich hoffe, sie macht weiterhin Filme, gleichzeitig muss es aber nicht noch mal ein Comic-Zugang sein finde ich, harhar.

Pre-Oscar

Heute noch schnell gediegen bei Wolfgang Puck in Los Angeles mittaggegessen…

…na gut, es war doch eher Drei Linden am Rosenhügel, harhar. Aber es war sehr gut!

Und:

Ich habe jetzt 10/10 Filmen, die in der Kategorie “Best Film” nominiert sind gesehen, also in Worten alle! Harhar. Das wäre vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen. Da kamen die Filme teilweise erst Monate nach den Oscars bei uns ins Kino, wenn überhaupt. Wobei ganz stimmt es nicht: Frankenstein und Train Dreams waren nur in Einzelvorstellungen zu sehen. Solche Filme – auch wenn ich die beiden jetzt nicht so besonders mochte – gehören auf eine große Leinwand und zwar nicht nur einmal.

Ich habe auf Uncut auch meine Oscar-Prognose abgegeben, aber sind wir uns ehrlich, das ist heuer ein reines Ratespiel. Außer beste Hauptdarstellerin sind alle großen Kategorien mehr oder weniger offen. Die Erzählung, dass Timothée Chalamet mit seinen Aussagen zu Ballett und Opern seine Chancen geschwächt hat, sind auch Schwachsinn, er sagte das am letzten Tag der Abstimmungsfrist. Und außerdem soll man ja seine Leistung beurteilen und nicht, wie sehr man mit seinen Ansichten übereinstimmt oder wie sympathisch er einem ist.

Da rede ich natürlich wieder groß, obwohl ich ja auch damit kämpfe, dass ich Sean Penn so überhaupt nicht (mehr) leiden kann und ihn in One Battle After Another dann auch nicht besonders gut fand, obwohl der Film insgesamt toll war. Und dann kommt er eh nicht und/oder schenkt Selensky seinen Oscar. Die Frage ist trotzdem, find ich ihn nicht so gut, weil er mir auf die Nerven geht? Oder kann ich (halbwegs) objektiv sagen, dass die anderen in der Kategorie besser waren? Jedenfalls stehe ich nicht alleine mit meiner Meinung:

Und jetzt bleib ich noch ein bisschen auf.

Oscar Countdown

In einer Woche findet die Oscarverleihung statt.

Nächstes Wochenende gibt es im Votiv und Gartenbaukino die Tage der nominierten Filme, nämlich die, die für “Best Film” nominiert sind. Und ich denke mir ja eh cool, aber ich habe halt alle schon gesehen. Und dann fällt mir ein: Halt, nein. Ich habe nicht alle gesehen. Mir fehlt immer noch F1 *hüstel*, der natürlich weder in dem einen noch im anderen Kino läuft. Ich muss den jetzt in den nächsten Tagen trotzdem noch irgendwo per Streaming halt in meinen Zeitplan reinquetschen.

Ja, wir haben immer noch eine gewisse Spannung im Szenario One Battle After Another versus Sinners (auf “deutsch”: Blood & Sinners). Mir haben ja beide Filme gefallen, wie heuer generell recht viel, im Gegensatz zu Wolfgang M. Schmitt, der auf Youtube den Kanal Filmanalyse hat (unbezahlte Werbung). Er findet nämlich, es sei ein eher schlechter Jahrgang. Aber gar nicht wegen F1, den er partiell lobt, vor allem seine Kameraarbeit, und der natürlich tatsächlich eh keine Chance auf den Oscar in dieser Kategorie hat.

Nein, Schmitt mag zum Beispiel – wie ich auch – Frankenstein von Guillermo del Toro gar nicht und hat das so gut formuliert, dass ich schon wieder fast neidisch bin, denn er sagt: “Del Toro nutzt die Frankenstein-Geschichte, um einmal mehr seinen Jahrmarkt der Kuriositäten und des Krimskrams (da musste ich sehr lachen!) aufzubauen. Vollgestopft ist jedes seiner marktschreierischen Bilder. Das ist keine Kunst und unterhaltsam ist es auch nicht”. Harte Worte, die aber nicht unzutreffend sind. Aber ich bin sowieso nie die Zielgruppe für solche Blut und Boden Werke, wie ich sie nenne. Ich habe es schon am liebsten, wenn ein Film in unserer heutigen Welt spielt und am besten irgendwas mit Künstlern, Liebe, (Familien)beziehungsproblemen zu tun hat, mit gewissem Humor erzählt ist, aber in der Sache hart ohne dabei bitter zu sein – mit anderen Worten: so etwas wie Sentimental Value, harhar.

Das ist natürlich fast Ragebait. Andererseits ist es schon wieder so übertrieben “offensive” von Chalamet zu behaupten, niemand interessiere sich mehr für Oper und Ballett, dass ich darüber lachen musste und wie gesagt, mir ist sowas lieber, als wenn Schauspieler ihre geopolitischen Einlassungen von Stapel lassen. Die mit den Katzen ist übrigens Jessie Buckley, sie hat ihrem Freund das Ultimatium gestellt: Ich oder die Katzen.

Was in den nächsten Tagen in der Bubble auch noch diskutiert wird: Geht der Oscar an Menschen, für das beste Schauspiel oder für das meiste Schauspiel. Oft ist es eher letzteres, deshalb wird Sentimental Value wohl auch leer ausgehen.

Father Mother Sister Brother

Wie erwähnt, habe ich am Wochenende den jüngsten Film von Jim Jarmusch namens Father Mother Sister Brother gesehen, für den er voriges Jahr mit dem goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde. Übrigens ein Jahr nach Pedro Almodovar und das Witzige ist, ich habe beide Regisseure in den letzten 30 Jahren quasi begleitet, ich kenne fast alle Filme von beiden.

Father Mother Sister Brother ist ein Triptychon oder anders gesagt ein dreiteiliger Episodenfilm. Im ersten Teil wird ein Vater von seinem erwachsenen Sohn und seiner Tochter besucht, im zweiten Teil eine Mutter von den Töchtern. Der dritte Teil schließlich zeigt ein Zwillingspaar, das nach dem Unfalltod ihrer Eltern deren Wohnung räumen muss und über “Familienverhältnisse” nachdenkt…

Menschen, die Geschichten mit einem klaren Anfang und Ende, mit einer Aussage oder einer “Botschaft” mögen, waren mit Jim Jarmusch immer schon ziemlich schlecht bedient, obwohl er mit den Jahren schon zugänglicher und auch erheblich kommerzieller geworden ist. Seine ersten Filme sind ja weitgehend dialog- und handlungslos. Es geht aber nach wie vor sehr viel um Stimmungen, um Ungesagtes, um Dinge, die zwischen Menschen passieren, ohne, dass man diese so richtig fassen kann.

So ist die erste Episode, nämlich Father, zugleich voller leisem Witz, aber auch ziemlich unangenehm für den Zuseher. Weil dauernd nach einer Möglichkeit zur Kommunikation, zu Anknüpfung gesucht wird, dies aber schmerzhaft ins Leere läuft. Zu verschieden scheinen der akkurate Sohn Jeff (herrlich Adam Driver), die etwas verkniffene Tochter Emily (Mayim Bialik) und der “Hippie” Vater (Tom Waits) zu sein. Der Vater lebt irgendwo in der Pampa in einem heruntergekommenen Haus, scheint kaum Geld, dafür aber ein Alkohol/Medikamentenproblem zu haben. Alle Beteiligten haben irgendwie das Gefühl, sie müssten sich treffen und eine Art von Beziehung haben, tatsächlich sehen sie aber den Zeitpunkt herbei, in dem sie wieder ihr eigenes Leben führen können, in dem die “family relations”, auf die Tom Waits einmal anstoßen will – Driver daraufhin: “Can you toast with tea?” – keine Rolle mehr spielen müssen. Schön ist, dass diese Episode am Ende einen sehr unerwarteten Twist hat.

Auch die zweite Episode Mother erzählt von Entfremdung, wenn auch die Mutter (Charlotte Rampling) hier die Wohlhabende, nämlich eine Bestsellerautorin ist. Obwohl sie und ihre Töchter Lilith (Vicky Krieps, ich liebe ihre rosa Haare!) und Timothea (Cate Blanchett) alle in Dublin leben, sehen sie sich nur einmal im Jahr und wissen im Grunde nichts voneinander. Oder wie die Mutter am Anfang ihrer Therapeutin am Telefon sagt, sie freue sich zwar, die Töchter zu treffen, aber sie sollen “nichts aufwühlen”. Was sie damit meint, darüber kann man nur spekulieren. Jedenfalls ist es ein Irrglaube, dass man sich mehr zu erzählen hat, wenn man sich sehr lange nicht sieht. Im Grunde bleiben da nämlich nur die großen Meilensteine des Lebens über, wie hier “Ich wurde befördert” – “Ich habe tausend neue Follower”. Die vielen kleinen Details, die ein Leben ausmachen, die Kämpfe im Alltag bleiben außen vor, die Geheimnisse sowieso.

Die dritte Episode erzählt (endlich) von einer guten Beziehung, die der Zwillinge Billy (Luka Sabbat) und Skye (Indya Moore). Aber da sind die Eltern eben gerade gestorben. Zynisch könnte man bemerken, dass ihr Fehlen mehr Harmonie erzeugt, als die Präsenz der Eltern in den vorigen Episoden. Aber auch hier gibt es Brüche und Leerstellen. Es gibt außerdem wiederkehrende Motive in allen Episoden, beispielsweise die Farbe rot, eine Uhr, eine rätselhafte Redewendung, aber was man als Zuschauerin daraus macht oder nicht, ist Jarmusch, denke ich, komplett wurscht, harhar.

Wie gesagt, es gibt kein Fazit, es gibt nur dieses Gefühl, das nachschwingt, das irgendwie mit eigenen Erfahrungen und Beobachtungen resoniert. Die Figur von Adam Driver spricht einmal die recht platte Weisheit aus, dass man sich Familie nicht aussuchen kann, und so banal es ist, es hat wie alles Konsequenzen und macht uns (auch) zu der Person, die wir sind.

März

Heute bin ich das erste Mal im Garten in der Sonne gesessen. Dabei habe ich mir San Remo Songs angehört, gestern war ja Finale, ich bin um Mitternacht eingeschlafen und da wars natürlich noch lange nicht aus. Habe mich sehr darüber amüsiert, wie man den Siegertitel von Sal da Vinci namens Per sempre sì in der Facebook ESC Gruppe beschrieben hat, nämlich als “1970-ziger Schmalz mit Heiratsschwindler Vibes”. Harhar. Das ist so treffend, da bin ich immer etwas neidisch, wenn mir so etwas geniales nicht einfällt. Jemand anderer meinte: Viel Spaß in Caorle 1981, auch hübsch.

Blick in den Garten am 1.März

Dabei gab es auch sehr viele sehr moderne Songs zur Auswahl, etwa mein diesjähriger Favorit vom Duo Fedez und Marco Masini: Male necessario, Pop mit soften Rap-Anteilen. Der Titel bedeutet so etwas wie “Notwendiges Übel”. Finde ich auch total interessant. Und im Song gehts dann ums Aufknallen auf dem Boden der Tatsachen in irgendeinem Hotelzimmer und man hat gleich tausend Bilder und Assoziationen im Kopf. Richtig schön melancholisch und kraftvoll.

Am späteren Nachmittag bin ich dann ins Kino gefahren und habe mir den neuen Jarmusch Father Mother Sister Brother angesehen. Beim Hinuntergehen der Währinger Straße sind mir viele Menschen mit Iran-Fahnen entgegen gekommen, anscheinend, wie ich nachgelesen habe, gab es eine Kundgebung am Heldenplatz. Es ging dabei aber sehr ruhig und zufrieden zu, eine angenehme Begegnung. Der Film war ein typischer Jarmusch, auch sehr angenehm und ruhig und wie immer bei ihm komplett unspektakulär. Muss man mögen und ich mag es seit 30 Jahren.

Votivkirche, so schön!

Den Abend mit Sonntagszeitungen und Korrekturlesen verbracht. Guter Sonntag.

Marty Supreme

Marty Supreme heißt der erste Film von Josh Safdie, nach dem arbeitstechnischen Split von seinem Bruder Benny. Eine weitere Regiebrüder-Kollaboration, die zu Ende ging, nach den Zucker-Brüdern, den Coens (vorübergehend?), und den Wachowskis (sind jetzt Frauen!). Benny Safdie ist auch Schauspieler und war super in Oppenheimer. Sein Solo-Regiedebüt hatte er voriges Jahr mit The Smashing Machine, die Kritiken waren durchwachsen – ich habe ihn nicht gesehen. Marty Supreme dagegen hat neun Oscarnominierungen erhalten.

Der Film, in dem Timothée Chalamet in jeder Szene vorkommt, erzählt die halbfiktive Geschichte des aufstrebenden Tischtennisspielers Marty Mauser als eine Art Schelmenerzählung. Mit List, Frechheit und jeder Menge Selbstbewusstsein versucht er, sich aus prekären Verhältnissen in den 1950er Jahren zum Tischtennis-Weltmeister hinauf zu äh, schwindeln, nicht was seine Leistung betrifft, aber das Geld, um überhaupt bei Wettkämpfen antreten zu können, fehlt an allen Ecken und Enden…

SPOILER MÖGLICH

Was der Film mit The Wolf of Wall Street zu tun hat (den ich hasse) müsste mir noch jemand erklären…

Das ist schon sehr inspriert, was Safdie uns hier präsentiert. Ich habe in manchen Reviews gelesen: Schon wieder ein toxischer Mann, der in den Mittelpunkt gestellt wird. Nun polemische Anmerkung: vielleicht ist es nicht so unheimlich interessant, gendernden Veganern in ihrem politisch korrekten Alltag zuzusehen. Ich würde Marty auch gar nicht ans toxisch bezeichnen. Ja, er hat ein enormes Selbstbewusstsein bis hin zur Selbstüberschätzung, sonst hätte er aber auch absolut keine Chance auf sozialen und sportlichen Aufstieg. Ja, er tut “unmoralische” Dinge, wie im übrigen jeder in diesem Film (auch die Frauen). Aber es gibt einige Szenen, die Marty so zeigen, wie er vielleicht immer wäre, hätte er andere Voraussetzungen und wäre in ein Umfeld geboren, das ihn unterstützt und es sei nur ideell.

Auch Timothée Chalamet selbst wird vorgeworfen, dass er zum Größenwahn neigt. Weil er halt gern einen Oscar will und nicht der beste “Verlierer” ist, sagen wir so. Er sei unbescheiden, aber sind wir uns ehrlich, wohin bringt dich Bescheidenheit – gerade in Hollywood. Und mir ist das wirklich bei weitem lieber als er würde uns als x-ter Darsteller seine Einschätzung zum Gaza Konflikt mitteilen, harhar. Ich mag ihn als Schauspieler tatsächlich sehr. Ich liebe ja Call me by your name und er hat als Haupdarsteller keinen geringen Anteil daran. Er macht auch Filme bunter, in denen er nur eine kleinere Rolle hat, wie in Little Women – irgendwer schrieb damals, niemand könne sich gekonnter lässig auf eine Chaiselongue werfen als Chalemet. Und erst voriges Jahr hat er eine super Performance als Bob Dylan in A Complete Unknown abgeliefert, also ich mach nicht mit im Chalamet-dissen.

Marty Supreme ist ein atemloser Film. Dauernd passiert irgendwas, in einer extrem gut gefilmten Szene läuft Marty vor der Polizei weg, echt großes Kino, auch wenn es einfach nur eine Verfolgungsjagd ist. Die Musik hat einen großen Anteil, sie ist partiell anachronistisch. Was meine ich damit? Wenn die Protagonisten Musik hören, dann ist es solche der 1950er Jahre, wenn aber wir als Zuschauer Musik hören, die quasi über der Handlung liegt, dann hat Josh Safdie die Schönheit und transformative Kraft vom 80iger Jahre Pop erkannt und serviert uns Forever Young und Spoiler ganz am Ende Everybody wants to rule the World, was einfach so sehr das Marty-Mindset verkörpert, dass es fast wehtut. Ich werde von nun an immer ans Chalamets Gesicht denken müssen, wenn ich diesen Song höre.

Marty Supreme ist ein Film nicht über sondern mit Tischtennis, würde ich sagen. Bei letterboxd schrieb jemand, Safdie täte für PingPong, was Guadagnino in Challengers für Tennis tut. Ich denke, er tut mehr, weil Tennis von hausaus eh viel “größer” ist als Tischtennis. Marty Supreme hat auch großartige Nebendarsteller (Gwyneth Paltrow, die immer super ist, wenn sie nicht lieblich sein muss). Der Film macht einfach Freude – und er macht mich nicht so nervös wie sonstige Filme, in denen sich die Hauptfigur mehr und mehr in die Scheiße reitet. Der cineastische Genuss überwiegt eindeutig. No further notes.

Balagan

So, endlich habe ich das neue Buch von Mirna Funk gelesen, der ich schon ewig auf Social Media folge. Ich mag sie sehr, weil sie so offen über alles schreibt (Sex Kolumne in der Cosmopolitan harhar) weil sie Ideologien hinterfragt, gleichzeitig immer aber auch sich selbst. Sie bietet auch Seminare für (angehende) Autorinnen an, für mich ziemlich interessant und überlegenswert. Früher lebte Funk mit ihrer Tochter fix in Berlin, nach dem 7. Oktober 2023 hat sie ihre Alija gemacht und hat ihren Hauptwohnsitz nun in Tel Aviv. Es ist keine leichte Zeit im Moment, davon berichtet auch ihr neuer Roman Balagan.

In Balagan (bedeutet so etwas wie Chaos) erzählt Funk über Amira, eine junge jüdische Journalistin aus Berlin, deren Großvater stirbt und ihr seine extrem wertvolle Bildersammlung vererbt. Amira muss sich im Zuge dessen nicht nur von der (missgünstigen) Familie abgrenzen, sie muss auch Nachforschungen über die Provenienz der Werke anstellen und sich nach den Ereignissen des Jahres 2023 fragen, was sie noch in Berlin hält…

Klingt natürlich alles (auch) ein bisschen autobiografisch und das ist gut so. Funk illustriert den Druck, dem sie als Jüdin in Deutschland durch die jüngsten Ereignisse ausgesetzt ist ziemlich nachvollziehbar. Der Roman erzählt dann auch viel über jüdische Familienkonstellationen und Gebräuche und ich mag das sehr gern. Mich hat das immer schon total interessiert, deswegen ich (hab ich eh schon hundertmal erzählt) auf der Uni das Wahlfach Jiddisch für Anfänger belegte. Ich dachte, wir würden ein bisschen Tante Jolesch mäßig plaudern, dabei mussten wir das hebräische Alphabet lernen und Sachen übersetzen. Es war ur schwer! Harhar.

Wie auch immer, Balagan hat mich von der ersten Szene an gepackt, als die Familie am Seder, dem Beginn des Pessach-Festes zusammensitzt und isst, und dabei die Dynamiken zwischen den einzelenen Personen und auch Ressentiments sofort richtig spürbar werden. Das sind für mich auch die stärksten Passagen des Buches, wenn Funk jüdische Feste portraitiert, Rituale nachvollziehbar macht und Lebensanschauungen einfließen lässt, kurzum den “Vibe” wiedergibt, der in so einer Familie herrscht. Sehr mochte ich auch die Beschreibung von Tel Aviv und das Lebensgefühl dort.

Ein bisschen weniger hat mir die Sprache in den Dialogen gefallen, weil es klingt alles vom Sprachduktus her recht ähnlich. Aber vielleicht sprechen ja wirklich alle 30 jährigen so miteinander. Es wird auch viel so “nebenbei” gekokst, was mir immer den Eindruck vermittelt, gerade in einer Welt zu sein, die ich überhaupt nicht verstehe. Ok ja, beim Film The Moment letzte Woche war auch viel von Koks die Rede, aber bei einem globalen Musikstar habe ich ja sowieso nicht das Gefühl, an deren Welt irgendwie anknüpfen zu können.

Generell ist Balagan aber eine inspirierende Lektüre, voller Kraft, Kampfgeist und schonungsloser Selbstbeobachtung: “Tief im Inneren wollte sie einfach nur ein guter Mensch sein. Wie die meisten von uns. Ohne allerdings zu verstehen, dass zum Gut sein zuallererst gehörte, anzuerkennen, wie böse man war.”1


  1. Mirna Funk: Balagan, Seite173 ↩︎

Kunst ist größer

Wim Wenders hat bekanntlich versucht, die Berlinale zu “entpolitisieren”, was ich persönlich super fand.

Denn meines Erachtens geht es ja beim ESC kaum mehr um Musik, bei Olympia nicht um Sport und ja auch bei Filmfestivals nicht mehr um Filme, sondern vor allem um Empörung über was auch immer und darum, sich irgendwie positonieren zu müssen, natürlich exakt auf der “richtigen” Seite. Auch wenn man sich dazu außerstande fühlt, weil man die Materie zu wenig kennt, weil es zu komplex für eine Pressekonferenz wäre oder warum auch immer. Wenders ist sicher kein unpolitischer Mensch und es geht auch nicht darüber, politische Themen generell auszusparen, er wollte nur den “Bekenntniszwang” verhindern, denke ich, und wurde für die Aussage natürlich wiederum kritisiert ohne Ende.

Gestern ist ihm Nick Cave beigesprungen, der, finde ich, immer sehr kluge und reflektierte Worte zu solchen Dingen sagt und er sprach mir voll aus der Seele. Er erzählte vom Niedergang der Adelaide Writers Week und meinte, solche Festivals seine keine Orte des Diskurses mehr, sondern ” (…)”sucked down the sinkhole of a single monolithic ideology: one voice, one cause, one dissent.” Er meinte über Wenders: “Perhaps he also believes that art is more than the sum of its utility, it is more than a tool or a weapon. Maybe he believes, as I do, that at its core, great art exists purely for its own sake, and that at its most transformative it reveals itself subtly, ambiguously, and curiously”

Und, was ich am schönsten finde: “Perhaps his words will encourage artists to feel confident expressing how they truly see themselves, in all their radical complexity and diversity, to say: This is what I am. This is how I feel.”

Und wenn Nick Cave das hoffen kann, dann hoffe ich das auch. Die Welt mit Kunst größer machen, weiter und mutiger. Und das Publikum selbst denken lassen.

Wuthering Heights (danach)

Ich hab jetzt zwei Woche keine Reviews zu Wuthering Heights gelesen, ich wollte mir die Freude daran nicht nehmen lassen und ich ahnte, dass viele den Film hassen werden. Jetzt habe ich dann aber doch einen Blick auf die Stimmen von außen gewagt.

Zunächst finde ich diesen “Wie wirklich ist die Wirklichkeit” Aspekt sehr interessant. Denn sehr oft wird der Film mit der Buchvorlage von Emily Brontë verglichen und man könnte ja meinen, dass es zumindest hier einen Konsens gibt im Sinne von: Wird der Film der Vorlage gerecht oder nicht? Aber nein, selbst hier keine Einigkeit. Und daran muss ich immer denken, wenn Menschen die Komplexität des Lebens oder der sogenannten Wirklichkeit auf irgendwas alllgemeingültiges, universelles herunterbrechen wollen. Nein, so etwas wie eine gemeinsame Wirklichkeit gibt es tatsächlich nicht.

Ich persönlich finde, dass Fennells Film den Geist des Buches schon ganz gut transportiert, weil er vor allem aus Cathy und Heathcliff keine zwei wirklich liebenswerten Charaktere macht – da ist schon ganz viel der Ambivalenz des Buches enthalten. Klar fehlt die zweite Hälfte das Romans komplett und ein paar Figuren wurden eingespart. Ich finde aber die Konzentration auf die beiden Hauptakteure legitim.

Nach dieser philosophischen Betrachtung gleich in quasi medias res. Ich habe mehrmals gelesen, der Film wäre eine Art Softporno. Also no offense, aber liebe Leute, die ihr das meint: Habt ihr schon mal einen Softporno gesehen? Die Minimalanforderung wäre da nämlich, dass irgendjemand nackt ist, vorzugsweise sogar alle Beteiligten, aber das höchste der Gefühle in Wuthering Heights ist, dass Jacob Elordi verschwitzt ohne Oberbekleidung im Stall arbeitet. Natürlich nützt Fennell da ein bisschen die Groschenroman Klischees, auch was das Dekolleté von Margot Robbie angeht. Aber tatsächlich sehen wir hier so gut wie nichts, es vor allem eine Erotik der Blicke, der Worte, des Mangels und der Auslassung, die uns Fennell da präsentiert. Ist das manchmal “anstößig”? Na und ob! Und das ist gut so. Harhar

Ich mag, mit wie viel Spaß sich viele Kritkerinnen und Kritiker mit diesem FIlm beschäftigen, selbst dann, wenn sie ihn ganz offensichtlich nicht mögen. Da gibt es im Guardian den Titel Too hot, too greedy Adaptation guarantees bad dreams in the night – das bezieht sich auf den gleichnamigen Song von Kate Bush; und Pia Reiser von FM4 kommt gleich zur Sache, und gibt ihrer Kritik den nicht unzutreffenden Titel Die Sturmhöhepunkte. Im Podcast hat sie gesagt, das Filmjahr könnte schon zuende sein, sie ist vollkommen zufrieden harhar. Die britische Vogue stellt gleich Mal 45 Fragen “After watching Wuthering Heights” unter anderem: Frage 9: Edgar’s actually kinda sweet? Frage 13: I wanted a bit more context for the Elton John sunglasses? Frage 15: Why are the strawberries so giant? Frage 32: Does it always rain this much in Yorkshire? Harhar, super.

Kleiner Sidestep: Jacob Elordi wird gerade als möglicher Bond-Kandidat gehandelt. Dazu gibt es auch schon diverse “Bond verschwindet in der Menge” Überlegungen, denn tatsächlich ist Elordi vielleicht etwas zu auffällig für einen Geheimagenten. Er ist 1,96 Meter groß. Harhar.

Ich werde den Film sicherlich noch ein, zwei mal im Nonstop Abo anschauen. Die Ausrede ist, ich habe circa fünf Minuten verpasst, weil das WC im Apollokino einfach unfassbar weit weg vom Kinosaal ist. Und die fünf Minuten muss ich unbedingt nachholen.