almis personal blog

Violeta

Wenn ein Autor, eine Autorin ein großes Euvre hat und man bisher noch nichts davon gelesen, dann ist oft die Frage, womit fängt man an, um quasi die “Essenz” zu verstehen? Was Isabel Allende betrifft, wurde mir schon vor einiger der Roman Violeta geborgt und so habe ich diesen, der 2022 erschienen ist, erst kürzlich als ersten Roman von ihr gelesen, was wahrscheinlich nicht die beste Idee war. Dieses Werk hatte, wie ich jetzt im Nachhinein erfahre, sehr gemischte Reaktionen und das ist auch das, was ich am Ende empfunden hat, eine doch beträchtliche Ambivalenz, obwohl ich ihren Schreibstil an sich mochte.

In diesem Roman erzählt die bald 100 jährige Violeta del Valle, erfolgreiche Unternehmerin und selbsternannte Feministin, ihrem Enkelsohn Camillo die Geschichte ihres Lebens, das zu Zeiten der spanischen Grippe in einem unbekannten südamerikanischen Land (das Chile ähnelt) begann und quasi zu Corona endete, was ja recht charmant ist, so als dramaturgische Klammer. Diese Parallele beschreibt aber schon auch sehr gut, wie es mir beim Lesen gegangen ist. So gefährlich wie die spanische Grippe war, so mitreißend und inspiriert beginnt das Buch, so interessant finde ich die ersten, sagen wir, 150 Seiten, es geht um etwas, es ist spannend. Im Vergleich dazu ist Corona ziemlich lauwarm und so fühlte mich mich auch am Ende dieses Buches.

Spoiler!!

Denn was am Anfang interessant ist, die skurille Familie, die vielen merkwürdigen Menschen, denen Violeta begegnet, die irgendwo zwischen Idealismus und Kriminal, zwischen Kapitalismus und Esoterik stehen, die sind anfangs erfrischend. Ihr erster Mann Fabian, den sie gegen ihr Bauchgefühl heiratet, aber bald für Julian verlässt, einem windigen Piloten, von dem sie außer sexueller Erfüllung nichts erwarten kann, das läuft sich in den unendlichen Wiederholungen irgendwann tot. Violeta entgleiten gar beide Kinder – der Sohn in die Ideologie, die Tochter in die Drogensucht – letztendlich versucht sie eine Rettung, aber es ist halt alles sehr viel Drama und blinder Aktionismus, und ich finde, sie stellt immer sich selbst in den Mittelpunkt, nicht andere Menschen, auch wenn sie das vorgibt. Es findet wenig psychologische Analyse statt, wieso es soweit kam, dass sie zu den Kindern nie eine wirkliche Verbindung aufbauen konnte. Violeta generiert sich immer irgendwo zwischen Versager- und Märtyererin und auch wenn ich Antihelden mag, das nervt mich.

Bezeichnend ist dafür der Tod der Tochter Nieves, die sie während ihrer ungeplanten Schwangerschaft unterstützt. Nieves geht für ihr ungeborenes Kind durch einen Entzug und Violeta ist während dieser Zeit an ihrer Seite und betreut sie in Los Angeles (!). Violeta gibt ihr eigenes Leben eine zeitlang auf, erzählt sie doch mit einigem Stolz, um für ihre Tochter da zu sein. Aber ein Lover geht sich nebenbei doch noch aus harhar. Als das Baby schließlich als Notfall geboren wird, stellt sich heraus, dass Nieves an Eklampsie erkrankt war, sie verstirbt unmittelbar nach der Geburt. Eklampsie ist bis heute eine gefährliche Schwangerschaftskomplikation, die aber beherrschbar ist und schon in den 1960er Jahren war, wie ich recherchierte, speziell an einem Ort wie Kalifornien. Und das ist irgendwie bezeichend für die Figur der Violeta, die sich immer wieder rühmt, wie beruflich erfolgreich sie war, wie wohlhabend, wie fortschrittlich: Warum hat sie ihre Tochter nicht besser medizinisch betreuen lassen, Stichwort Vorsorgeuntersuchung? Gerade mit der Vorgeschichte als Suchtkranke. Eine Früherkennung hätte ihr vielleicht das Leben gerettet. Aber das ist typisch Violeta: “too late, too little”.

Zuweilen versorgt uns Violeta mit Paolo Coehlo-artigen Weisheiten a la “Der Weg entsteht im Gehen” oder “Wir kriegen nichts geschenkt, wir müssen es uns nehmen und gut darauf aufpassen, sonst wird es uns wieder gestohlen.” Was aber einige Rezensenten und vor allem auch -innen beklagen, dass Allende hier die Sexualität einer über 80 jährigen beschreibt, ihre hängenden Brüste, das finde ich ziemlich kleinkariert, auch wenn die Rezensenten nichts davon hören mögen: überprüft mal euer Frauenbild im Jahr 2026. Das ist nicht das Problem des Romans, dass Violeta bis ins hohe Alter sexuelle Beziehungen hat. Der Roman hat genug andere Schwächen, harhar.

Fazit: Mitreißend angefangen, leider stark nachgelassen. Vielleicht ist der Roman auch einfach nur zu lang. Der Fairness halber werde ich aber noch etwas anderes von Allende lesen.

The Dog Stars

Der bald 89-jährige Ridley Scott, bekannt für Werke wie Blade Runner, Alien oder Gladiator, der oft einen recht pessimistischen Blick auf die Welt und die Menschheit hat, hat einen post-apokalyptischen Film gedreht, der sich The Dog Stars nennt, zu “deutsch”: Das Ende der Sterne, nach dem Titel der Buchvorlage.

Der Mechaniker Hig (Jacob Elordi), ansässig in Colorado, ist einer der Überlebenden einer großen Pandemie, sein Hund Jasper immer an seiner Seite. Er hat sich mit dem Ex-Marine Bangley (Josh Brolin) zusammengetan, obwohl die beiden praktisch nichts gemeinsam haben, sie sind eine Zweckgemeinschaft in einer Welt, in der es kaum mehr Hoffnung gibt. Als Hig bei seinen Erkundungsflügen ein Funksignal erhält, glaubt er, dass es anderswo vielleicht eine bessere Zukunft geben kann…

SPOILER MÖGLICH

Man sollte sich von diesem Plakat nicht täuschen lassen. Jacob Elordi als Hig, eine Idealbesetzung für einen jungen melancholischen Mann, der vom Schicksal gezeichnet ist, steht zwar im Vordergrund mit dem Gewehr, er schießt aber tatsächlich, glaub ich, nie in diesem Film. Das macht hauptsächlich Josh Brolin, weil dafür wurde er typ-gecastet. Harhar. Aber tatsächlich wird in diesem Film überhaupt eher wenig gekämpft. Die Sache ist nur die: Wie nach Corona (natürlich die viel harmlosere Krankheit) stehen sich auch hier nach dieser Pandemie die Menschen sehr vorsichtig bis feindlich gegenüber. In diesem Fall, weil die Ressourcen schrumpfen, weil das Hab und Gut erobert oder verteidigt werden muss, weil es kaum eine Zukunft zu geben scheint.

Das Schöne an diesem Film ist, er ist über weite Strecke extrem langsam, fast elegisch erzählt. Hig fliegt mit seiner Cessna herum, die Natur hat Territorium zurückerobert, es ist, wenn man so will, die ganz große Entschleunigung eingetreten. Leider auch die ganz große Hoffnungslosigkeit. Denn die Überlebenden existieren zwar, aber viele andere Menschen scheint es nicht mehr zu geben und auch keine wirkliche Zukunft. Für Bangley reicht das, er will einfach nur irgendwie weiter leben. Da kann man reflektieren, was macht Leben eigentlich aus? Warum hängt man daran, wenn man fast alles verloren hat? Ist es genug, die Grundbedürfnisse zu erfüllen und kaum etwas darüber hinaus zu erleben, nur einen gewissen Status quo zu erhalten? Hig beschließt nein, lieber etwas wagen, anstatt weiterhin mit dem grantigen Bangley in halbwegs (!) sicheren Verhältnissen zu leben.

Mit seiner Reise nimmt der Film im wahrsten Sinn des Wortes Fahrt auf, es kommt für Hig nach einer Bruchlandung zur Begegnung mit Cima (Margret Qualley, die hier find ich ihrer Mutter Andie Mac Dowell sehr ähnlich sieht und wie immer super ist) und Pops (Guy Pearce, den ich nie erkenne, auch wenn ich ihn gut finde) und dann erlebt man zu dritt ein paar gefährliche und auch ein bisschen abartige Abenteuer und das ist ziemlich unterhaltsam, auf so eine Endzeit Art und Weise. Die tatsächliche Action – und ich bin kein großer Action Fan – ist mitreißend inszeniert und sieht nicht nach CGI aus. Eine Szene, die der Drehbuchautor der Buchvorlage eigenmächtig hinzugefügt hat, ist surreal und skurill, ich würde sie in diesem sonst ziemlich geerdeten Film nicht missen wollen.

Und nochmal ein extra Spoiler: Ridley Scott hat eine neue Botschaft für uns, und zwar wider Erwarten eine hoffnungsvolle. Wenn wir uns mit anderen zusammentun, und seien sie noch so gegensätzlich, wenn wir die Barrieren (auch in uns selbst) überwinden, dann sind wir stärker als alleine und auch glücklicher. Und das ist in Zeiten wie diesen gar nicht mal so banal wie man denken könnte.

Aus Venedig

Jetzt mal was zu den Filmfestspiele in Venedig – es gibt übrigens schon Rezensionen zu den ersten Filmen dort auf Uncut zu lesen. Unter anderem stellen zwei Regisseure ihre neuen Werke vor, zu denen ich ein eher kompliziertes Verhältnis habe.

Erstens Danny Boyle. Der neue Film heißt Ink. Prinzipiell ein interessantes Thema, der Auftstieg der Zeitung The Sun in den 1960er Jahren. Aber, ich spreche offen: Ich mag das Gesamtwerk von Danny Boyle überhaupt nicht. Harhar. Sorry, aber es ist so, wird ihm auch zurecht wurscht sein. Ich kann mit seiner Art Filme zu machen einfach absolut nichts anfangen. Ob Slumdog Millionaire – einer der schlimmsten Oscar Sweeps überhaupt, meines Erachtens, und dabei mag ich Wer wird Millionär wie man weiß sogar sehr gerne. Ob 128 Hours, Trainspotting (ja auch der), Yesterday, oder auch Steve Jobs. Ich mag sie alle nicht, und lustigerweise aus ganz verschiedenen Gründen. Ich weiß noch, als Steve Jobs damals noch im TV lief und ich es parallel mit meiner Mutter schaute, whatsappte sie mir in der Werbepause: Das ist schon sehr anstrengend. Harhar. Trotz Michael Fassbender und Kate Winslet.

Endlich kann ich das Hollywood Zeichen aus dem Minimundus posten harhar

Zweitens: Martin McDonagh – auch nicht gerade mein Favorit. Obwohl ich seine Filme an sich besser finde, erzeugen sie bei mir immer ein länger anhaltendes Gefühl von Sodbrennen. 2022 zum Beispiel kamen fast nur echt schreckliche Filme heraus und einer davon war The Banshees of Inisherin. Der Trailer tat so: Haha lustig, zwei Männer, beste Freunde und einer von beiden will dem anderen jetzt die Freundschaft aufkündigen. Und es wurde so dargestellt, als wäre das eine leichtfüßige Bromance-gone-bad-Komödie. Nur war an diesem Film überhaupt gar nichts lustig, er war düster, bitter, dunkel selbst in den Nebenhandlungssträngen und auch dann, wenn sich die Menschen ausnahmsweise nichts Böses wollten (was eher selten vorkam) spielte ihnen dann noch das Schicksal übel mit. Oida.

Der neue Film von McDonagh heißt Wild Horse Nine und handelt von zwei Agenten auf den Osterinseln in den 1970er Jahren (Jössas) Und ich gönne John Malkovich, dass er bereits jetzt im Oscar-Geraune ist und ich werde mir den Film auch anschauen, aber mir schwant schon wieder Übles.

Sex and Death at Camp Miasma

So. Wie fang ich da an. Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist der dritte Film der nonbinären Person Jane Schoenbrun und der erste, den ich bisher gesehen habe.

Es geht um Kris (Hannah Einbinder), eine Filmregisseurin, die damit beauftragt wird, die legendäre (fiktive) Camp Miasma Horroflm-Franchise wiederzubeleben. In dieser Filmreihe geht es darum, dass Jugendliche, die ein Sommercamp besuchen, vom sogenannten “kleinen Tod”, der selbst als (trans) Kind ertränkt wurde und seitdem im See lebt und Rache nehmen will, abgeschlachtet werden. Kris soll die Franchise für die woke Gegenwart adaptieren, das heißt vor allem queerfreundlich neu denken. Für einen kreativen Gedankenaustausch trifft sie sich mit dem sogenannten final girl1 des ersten Camp Miasma Films, Billy (Gillian Anderson), die sich von der Schauspielerei zurückgezogen hat und alleine im Wald am Drehort der Filme (!) lebt….

ACHTUNG ORDENTLICHE SPOILER

Ich würde diesen Film als sehr intellektuellen Meta-Horrorfilm mit atemberaubenden Bildern bezeichnen.

Der Wald, in dem Billy wohnt, ist nämlich tatsächlich gemalt. Und zwar auf Glas, wie früher bei den Stummfilmen und verschmilzt dann vor der Kameralinse mit Aufnahmen echter Bäume. Und es sieht einfach wunderschön aus, vor allem, weil Kris diesen Wald erstmals betritt, als dieser tiefverschneit ist, was den traumhaften Eindruck noch betont. Auch darüber hinaus gelingt Schoenbrun eine Ästhetik zwischen 1980er Jahren Grobkörnigkeit und im wahrsten Sinn des Wortes leuchtendem Surrealismus. In einer Szene essen Kris und Billy Hühnchen und tunken diese in die typischen Fast Food Saucen ein, und alles wirkt hyperreal und übersexualisiert, ich mein, es ist immer noch Hühnchen harhar. In einer anderen Szene liegen die beiden vor dem Kamin, eingebettet in knallbunte Chips und Saure Drops Sackerl. Diese Bildwelt ist für mich ganz neu und kaum mit etwas anderem vergleichbar, ich fand das sehr faszinierend.

Der Film hat auch viel Mut: Die Figur der Kris – Schoenbrun sagt, sie selbst sei quasi Kris – lebt in einer polyamorösen Beziehung, erzählt Billy aber, dass dieses Partnerschaftsform sie nicht glücklich macht, dass der andere Partner ihrer Frau ihr extrem auf den Senkel geht und, dass sie an Sex selbst auch wenig Gefallen findet bzw. an dem, was sie als für sich “erlaubte” Fantasien definiert. Und hier ist schon sehr amüsant, wie Schoenbrun die woken Standards des politisch korrekten als extrem lustfeindlich dekonstruiert, wenn die primäre sexuelle Wunschvorstellung von Kris ausgerechnet die ist, dass der “kleine Tod” wie im Film auf sie lauert und sie “slashen” will, also eine absolut unkorrekte Gewaltfantasie. Und Billy bestärkt sie darin, diese Fantasie zuzulassen.

Die beiden Darstellerinnen haben mir ebenfalls sehr gut gefallen. Wobei ich sagen muss, dass mir Hannah Einbinder bisher vor allem durch alle möglichen politischen Aussagen negativ aufgefallen ist – dieser Drang von Hollywood-Schauspielern, permanent wenig komplexe Statements zu sehr komplexen Themen zu tätigen, das geht mir auf den Senkel. Ich versuche aber, die tatsächliche schauspielerische Leistung davon zu trennen (und das ist weiß Gott nicht leicht) und in diesem Film hat mich Einbinder als verkopfte, zurückhaltend-kreative Frau tatsächlich voll überzeugt.

Das Manko, das dieser Film mit seinen dutzenden Eastereggs, Referenzen (von denen ich als kaum Horror-affine Person sicher wenig erkannt habe) und Metaebenen hat: Er befindet sich, ähnlich wie Kris, ein bisschen zu viel in seinem Kopf. Als Zuseher fühlt man sich ästhetisch eingelullt und intellektuell gefordert und das ist super spannend, aber man fühlt dabei relativ wenig. Es ist eher ein sehr schön bebildertes Thesenpapier als ein tatsächlich Film-Film. Und was den Horrofaktor betrifft: Natürlich ist dieser Film blutig, aber so überzeichnet und artifiziell, dass er weniger Grauen verbreitet, als herkömmliche Horrorfilme. Ich finde Camp Miasma ingesamt auf jedenfall sehenswert, weil es gäbe dazu noch ganz viel zu sagen. Und ich denke immer noch darüber nach.

—

  1. “Final Girl” nennt man in einem Horrofilm, vor allem in einem Slasher, die Frau, die am Ende überbleibt und überlebt ↩︎

Die Woche bisher

Die Woche läuft gut soweit. Am Montag nach einem 10 Stunden Arbeitstag – der mit der Mail: “Du bist ein Wahnsinn, danke” belohnt wurde – habe ich Wer wird Millionär gesehen, wieder da, nach der Sommerpause. Ich schaue die Sendung tatsächlich schon seit 25 Jahren. Es war auch das erste mal in diesem Sommer, dass ich den Fernseher aufgedreht habe.

Und ich habe gleich etwas gelernt:

Wer wird Millionär vom 31.August 2026

Weil ich wusste zwar, dass es die Programmiersprache Python gibt, das Kind hatte das sogar als Themenbereich bei der Informatikmatura, aber ich hatte absolut keine Ahnung, dass der Name von Monty Python kommt. Ich habe immer an die Schlange gedacht. Und dieses Wissen gebe ich hiermit hier weiter.

Am Dienstag gab es ein Geburtstagstreffen mit M in Wien Mitte. Wir waren supergut asiatisch essen, leider habe ich kein Foto gemacht, weil wir so ins Gespräch vertieft waren und danach waren wir noch an der frischen Luft und haben uns einen Mango bzw. Orangen Spritz gegönnt. Ein total schöner Nachmittag.

Lässiges Chillen in Wien Mitte

Heute habe ich es dann ins Kino geschafft – wie ich Teenage Sex and Death at Camp Miasma fand, ein andermal, nur das: der Film ist ungefähr so verkopft wie sein Titel. Davor war ich aber noch in der Severingasse auf Lokalaugenschein. Und jetzt wird sich jeder denken, wie, was? Nun ja, diese Gasse spielt in meinem Roman eine Rolle und ich wollte sie mal wieder begehen.

Die mystische Severingasse am 2. September 2026

Ich habe dort einmal die Vorlesung Medizinische Psycholgie besucht haben, das Institut war damals in dem Backsteinhaus links. Ich habe sie als Wahlfach wegen meiner Dissertation ausgewählt, eigentlich war es eine Lehrveranstaltung für Medizinstudenten im zweiten Studienabschnitt. Ich habe mir gedacht, hm, wie werde ich als Geisteswissenschaftlerin da mithalten können. Und es ist tatsächlich eines der Dinge, auf die ich wirklich stolz bin, dass ich den Test mit der Note “Sehr gut” bestanden habe (ich hab auch ur viel gelernt, weil ich mich nicht blamieren wollte, harhar)

Die Gasse mag ich aus dem Grund, weil ich, als ich sie erstmal sah dachte, wow, die ist wie aus einer anderen Welt. Oder zumindest aus einem anderen Ort als Wien. Und ich frage mich bis heute, wieso ich das so empfinde. Sowas finde ich immer total spannend. Ich könnte über Straßenzüge, Gegenden und Häuser ewig nachdenken. Auch wenn ich (noch) keine Worte dafür habe.

Four great albums

Folgende Frage habe ich auf Facebook reingespült bekommen. Und ich beschäftige mich ja gerne mit solchen Sachen, wo es um nichts geht, es aber trotzdem spannend ist, darüber nachzudenken.

Also ich habe von allen vier Bands Songs in meiner Indie Playliste. Aber keinen vom Album Parklife. Blur ist damit gleichmal raus. Abgesehen davon hatte ich bei Damon Albarn irgendwie das Gefühl, er macht sich über sich selbst, uns und vielleicht sogar das Leben an sich lustig. Ist okay, holt mich aber nicht hundertprozentig ab.

Definitely Maybe fand ich im Jahr 1994 einfach einen extrem super Albumtitel. Und ich habe Live Forever rauf und runter gehört, weil in diesem Jahr habe ich meine Nachprüfung nicht geschafft und bin quasi das erste Mal im großen Stil gescheitert. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Jedenfalls kamen mir die Zeilen: “Maybe I will never be/ All the things that I wanna be/ Now is not the time to cry/ Now’s the time to find out why” sehr gelegen. Auch wenn ich damals natürlich wusste warum, wegen Mathe nämlich harhar. Generell waren mir die Gallaghers und zwar beide aber ein bisschen zu nonchalant-arrogant und ein bisschen zu gelangweilt, bei fast allem was sie taten.

Bleiben Pulp und Suede. Mein Freund hat damals Suede entdeckt und ich etwas später Pulp. Was soll ich sagen, Jarvis Cocker war einfach der beste Frontman für mich. Diese Attitüde der Kauzigkeit, der zelebrierten Peinlichkeit, aber auch der Intellektualität, die irgendwie nicht genau wusste, wo sie hinsoll im England der Working Class, das er ja auch gerne besang, das war genau meines. Und Do You Remember The First Time ist immer noch einer meiner Lieblingssongs.

Aber wenn ich ganz ehrlich bin, und ich weiß nicht, ob ich das damals war, weil ich wollte ja “meine” Band verteidigen harhar, dann muss ich zugeben, dass Suede insgesamt die bessere Band war und vor allem ist Dog Man Star das beste Album.

Diesen epischen Songs, die Zivilisationskritik übten – “Let the nuclear wind blow away my sins”, die Einsamkeit in Satellitenstädten adressierten und (auch illegale) Formen des Eskapismus thematisierten, denen kann man sich kaum entziehen. Ich meine alleine die Dualität eines Songs wie Heroine – spricht Sänger Brett Anderson hier über seine Heldin oder vielleicht doch die Droge – hat mich komplett in den Bann gezogen und dabei habe ich nicht mal geraucht. Aber ich bin der Meinung, darüber müssen Bands erzählen, über die großen Themen, über alles Düstere, das, was uns Angst macht und alles, was wehtut. Solche Zeilen wie: “I belong to a world that is gone, it’s the english disease” Großes Kino.

Heute ist mir vieles zwar zu schwer, Musik kann mich sehr runterziehen, aber trotzdem habe ich es sowohl Pulp als auch Suede ziemlich übelgenommen, dass sie später Alben mit Titeln wie We Love Life und A New Morning herausgebracht haben, weil in den Park gehen kann ich selber auch, harhar.

Ja, erstaunlicherweise war das jetzt ein Musik-Posting ohne ESC Content. Und das obwohl morgen offiziell die neue ESC Saison startet.

Long Island

Ich habe circa 40 Seiten gebraucht, bis ich draufgekommen bin, dass der Roman Long Island von Colm Tóibín die Fortsetzung seines Romans Brooklyn ist.

SPOILER FÜR BEIDE ROMANE

Brooklyn habe ich nicht gelesen, aber ich habe den Film mit Saoirse Ronan gesehen, der mir entgegen meiner Erwartungen sehr gut gefallen hat. In Brooklyn geht die Irin Ellis nach ja, wer hätte das gedacht, eben New York, um dort eine Zukunft zu haben. Einen guten Beruf, eine neue Perspektive auf das Leben und letztendlich auch einen Mann, den (etwas einfach gestrickten) Italiener Tony. Um es kurz zu machen, aufgrund eines Trauerfalls muss sie dann zurück nach Irland reisen und trifft dort eine Jugendbekanntschaft Jim, der viel besser zu ihr zu passen scheint. Sie schwankt – entscheidet sich aber dann letztendlich doch zur Rückkehr. Ich habe mir damals gedacht, so wie Ronan das gespielt hat, eigentlich hat sich Eilis sich weniger für den Mann entschieden als viel mehr für das Leben in den USA. Die wirkliche Liebe hat sie Amerika entgegengebracht.

Long Island heißt so, weil Eilis mit Tony, den zwei jugendlichen Kindern und dem Rest der italienischen Sippe mittlerweile dorthin gezogen ist. Aber sie steht wieder an einem Wendepunkt. Tony hat sie betrogen und die andere Frau bekommt ein Kind von ihm, das – zu allem Überfluss – auch noch in der italienischen Großfamilie aufwachsen soll. Natürlich inakzeptabel. Eilis reist erneut zurück nach Irland, um auch nach 20 Jahren ihre Mutter wiederzusehen und sie trifft natürlich wieder auf Jim, der einfach 20 Jahre Single geblieben ist, der genau jetzt im Begriff ist zu heiraten, und zwar Nancy, die verwitwete Freundin von Eilis, die er seit ein paar Monaten (natürlich) heimlich trifft.

Und ich mag einiges an diesem Roman, die detailreiche Charakterzeichnung, die Spannung, die Tóibín aufbaut, und natürlich auch die Frage, was Heimat überhaupt ist, wo sie liegt. Wenn sie ein Ort ist, verliert man diese irgendwann, wenn man lange genug weg ist? Findet man eine neue ebenbürtige? Eilis ist in die USA aufgebrochen, sie liebt dieses Land. Aber die Familie, in die sie hineingeheiratet hat, ist keine (rein) amerikanische, sondern eine italienische, die ihr fremd bleibt, zu der sie sich nicht richtig zugehörig fühlt. Die alte Familie hingegen ist zu weit weg, und zwar bekannt, aber auch fremd, anders fremd. Hier beobachtet Tóibín sehr genau und scharf.

Aber diese Unentschlossenheit bei allen Beteiligten, die mag ich nicht. Jim ist der Notnagel für Eilis, weil es gerade orsch ist daheim. Nancy ist Jims Notnagel, weil Eilis unerreichbar ist. Nancy selbst hat den Tod ihres Mannes noch nicht wirklich verarbeitet. Entscheidungen werden nicht da getroffen, wo sie notwendig wären, sondern anderorts als Ersatzhandlungen, oft im Alleingang, ohne Absprache, als Trotzreaktion, um jemand in eine Falle zu locken und diesem seine Optionen zu nehmen, um Menschen vor (offenbar) vollendete Tatsachen zu stellen. Und da denke ich mir dann: Oh Leute, ihr seid alle bald 50, geht das nicht ein bisschen reflektierter? Könnt ihr nicht ein bisschen mehr Verantwortung für euch selbst übernehmen? Das ist alles so unentschlossen und “irgendwas”, das hat mich dann auch wieder geärgert.

Deswegen ist Long Island für mich auch keine Liebesgeschichte, sondern eher eine Warnung, was passiert, wenn man sein Leben nur halb lebt.

Die beste Szene

Letztens habe ich ja von Chris Messina, dem unterschätzen Darsteller aus Juror #2 geschrieben. Er spielt in relativen vielen Filmen, meist “nur” eine Nebenrolle, hat aber eine ungeheure Präsenz, finde ich. Ich kenne ihn seit Six Feet Under oder sagen wir so: Vor allem aus der vielleicht besten Szene der ganzen Serie – und die Serie hat sehr viele gute Szenen.

Messina spielte dort Ted, einen Republikaner, laut der rebellischen Claire “a frat boy who voted for George Bush” und dennoch werden sie ein Paar. 20 Jahre nachdem ich diese Szene gesehen habe, kommt mir das wie eine schöne Utopie vor, eine Zeit, in der Demokraten und Republikaner trotz gegensätzlicher Anschauungen noch miteinander ins Bett gegangen sind und mehr noch, sich vielleicht sogar wirklich geliebt haben. Obwohl sie, haltet euch fest, unterschiedliche Ansichten zu Dingen hatten, weil man vielleicht noch versucht hat, den Blickwinkel des jeweils anderen nachzuvollziehen, ich mein: Wow. Das war wirklich eine andere Zeit.

Die Szene in Six Feet Under war jedenfalls folgende. Claire und Ted liegen nackt im Bett und essen Obst. Im Hintergrund läuft “christian music”, wie Claire entsetzt feststellt (wobei der Song ist echt gut harhar). Sie sagt zu Ted: “You may be the most deeply un-hip person I ever met” und er antwortet: “Seeing how being hip is primarily an adolescent concern, I’ll take that as a compliment.” Was für ein Dialog.

Und dann sagt sie, dass sie sich wie gefangen unter Wasser fühlt, weil sie nicht weiß, was sie mit ihrem Leben machen soll. Sie will Künstlerin werden, Fotografin, aber sie will nicht wieder an irgendeine Hochschule, dort würde man doch auch nur in ein System gezwängt. Und da sagt er dann zu ihr, was im Grunde jede Frau so oder so ähnlich von einem Mann hören will: “Just take pictures. If you’re good enough, you’ll find out. And if you’re not, you’ll get good enough. Or you’ll find out you can’t. But I bet you are, though.” Und dann fragt sie ihn, ob sie ihn nackt fotografieren kann und er stimmt zu, unter der Bedingung, dass sie die Fotos nicht ins Internet stellt, denn: “I might want to run for public office some day.”

Diese ganze Szene ist gleichzeitig so sexy und lustig und innig und intim und bestärkend, aus dem Leben heraus, aber auch ein bisschen poetisch überhöht und ich denke mir bis heute, solche Szenen will ich schreiben (können), wo es um alles geht. Und ich probiere das auch.

Juror #2

Endlich habe ich Juror #2 gesehen, den möglicherweise letzten Film von Clint Eastwood, der ja immerhin schon 96 Jahre alt ist. Juror #2 – Sonderzeichen in Titel immer schwierig – hat aus unerfindlichen Gründen bei uns gar keinen und auch in den USA nur einen sehr kleinen Kinostart bekommen. Dabei hat er das Potential zum sehr soliden Crowdpleaser.

Worum geht es? Justin (Nicholas Hoult), ein Feuilletonjournalist, lebt mit seiner hochschwangeren Frau Ally (Zoey Deutch) ein beschauliches Leben in Georgia, als er als Geschworener für einen aufsehenerregenden Mordprozess einberufen wird. Weil es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt, ist Justin nicht besonders glücklich über die Aufgabe zu gerade diesem Zeitpunkt, doch bereits am ersten Tag ist er mehr in den Fall um einen jungen Mann, der angeblich seine Freundin getötet hat, involviert, als er sich das gewünscht hätte…

ACHTUNG SPOILER

Es wird schon in den ersten Minuten klar, dass Justin am Tatabend dasselbe Lokal wie das Paar besucht hat. Er kann sich deshalb so gut daran erinnern, weil es der Geburtstermin seiner Zwillinge gewesen war und er damals als trockener Alkoliker kurz davor war, wieder zu trinken; weil es die Zwillinge nicht geschafft haben, weil er sich deshalb in einer Lebenskrise befand. Mehr erfahren wir darüber nicht und das ist eine der sehr guten Entscheidungen die Regisseur Eastwood trifft. Es gibt uns die Informationen zu unserer Hauptfigur nach und nach, die Figur ist um einiges vielschichtiger als sie uns am Anfang vielleicht erscheint und manches überlässt er vollkommen unserer Fantasie.

Aber Justin ist noch wesentlich tiefer in den Fall involviert. Er hat nach Verlassen des Lokals – er lässt seinen Drink unberührt stehen – bei Gewitter und schlechter Sicht ein Reh angefahren, so dachte er zumindest, er konnte das Tier anschließend nirgends entdecken. Bald wird aber klar, dass es stattdessen das “Mordopfer” war, das ihm vors Auto gelaufen und dann in die Schlucht daneben gestürzt ist. Es war ein Unfall, aber würde er sich nun stellen, wären die Fakten folgende: Er hat als langjähriger Suchtkranker in dem Lokal Alkohol bestellt und danach Fahrerflucht begangen. Sein Betreuer bei den AA Larry (ein charismatischer Kiefer Sutherland) macht ihm klar, dass er für diese Tat 30 Jahre ins Gefängnis gehen könnte. Er würde seine Frau, die ihm aus der Sucht geholfen hat, im Stich lassen, und seine Tochter nicht aufwachsen sehen. Aber Justin ist ein guter Mensch. Er möchte auch nicht, dass jemand anderer hart für etwas bestraft wird, was dieser gar nicht getan hat. Und so will er die übrigen Geschworenen davon überzeugen, auf “nicht schuldig” zu plädieren, ohne den wahren Schuldigen finden zu müssen.

Und um das alles noch etwas komplexer zu machen, trifft Eastwood noch andere interessante Entscheidungen. Der Angeklagte ist, anders als Justin, kein “guter” Mensch. Er war Mitglied in einer skrupellosen Jugendbande, er wirkt roh und die Beziehung zu seiner Freundin war zumindest gewaltaffin. Sein Pflichtverteidiger Eric (total unterschätzt: Chris Messina) ist cleverer als andere in dieser Position und seine Menschenkenntnis sagt ihm, sein Mandant spricht die Wahrheit. Die Staatsanwältin Faith (Nestroy schau oba) (Toni Colette), mit Eric befreundet, muss diesen Fall wiederum gewinnen, weil sie sich um ein politisches Amt beworben hat. Sie ist eine hartgesottene, karriereorientierte No-Bullshit Person, die schon alles gesehen hat, und deren Mitleid mit wem auch immer sich in Grenzen hält, aber im Laufe des Prozesses beginnt auch sie an der Schuld des Verdächtigen zu zweifeln.

Eastwood zeigt uns immer wieder die blinde Justitia und die Waage als Symbol für Verhältnismäßigkeit. Er bringt Referenzen zu True Crime Podcasts, zum “gesunden” Volksempfinden. Er führt uns vor Augen, dass es “die Wahrheit” kaum gibt, vielleicht am wenigstens vor Gericht, wo es eher um eine gute Geschichte und Rheotrik geht, und reflektiert, wer eine zweite Chance verdient hat und wessen Bestrafung mehr Kolleteralschäden verursachen würde. Und das ist wirklich ordentlich spannend und sehr gut gespielt, weil es noch mehr als ein Gerichtsdrama ist, nämlich eine bis in kleinste Details ausgestaltete Charakterstudie.

Auf letterboxd schrieb jemand: “Sorry this is the type of movie that needs to commit to an ending”.

Ich verstehe die Argumentation würde aber behaupten, dass dieses (semi)-offene Ende eher dem entspricht, was uns der Film insgesamt sagen will. Dass es dieses Ende geben kann – oder ein anderes. Dass es nur ein schlechtes Ende gibt. Und ein noch schlechteres.

Donnerstag

Es ist jetzt folgendes, wie immer nach dem 15. August: Die einen freuen sich schon auf den Herbst und die anderen wollen den Sommer nicht loslassen.

Die Zeit arbeitet für erstere: Nachts ist es schon kühler. Die WhatsApp Stories mit Stränden, Bergwiesen, extrem eigenartigen Reptil-ähnlichen Tieren (aus Thailand, ähm, was?), die dort einfach über die Straße gehen, auch jene mit Aperol Spritz und Eisbechern werden deutlich weniger. Dafür flattern die Back to School Prospekte herein – aber die sind mir egal. Bei “uns” geht es erstmals nicht mehr back to schook, sondern es gibt stattdessen “Welcome Days”.

Ob Sommer oder Herbst, I ‘ll go with the flow, zumal ich diese bestimmte Zeit im Jahr gerade sehr liebe, immer schon geliebt habe.

Ich war in der Mittagspause beim Vapiano, diesmal beim Westbahnhof. Ich mag diese retro Sessel und Aschenbecher in rot, und das Risotto und das Minzgetränk mit Aussicht (auf den Ikea). Ich bessere nach wie vor an meinen Langtext herum, es ist doch noch viel zu tun. Ich schaue auf den Ikea und denke über Formulierungen nach. Manchmal finde ich meinen Text wunderbar und manchmal auch gar nicht, denke mir, wen soll das interessieren harhar. Es ist jetzt diese Phase.

Danach war ich in der Bibliothek am Urban Loritz Platz, ich mein wie schön ist dieser Ausblick:

Es ist allerdings ein bisschen eskaliert, harhar:

Yasmina Reza schreibt übrigens in “Serge” über den Sommer an sich: “Der Sommer enthält alle Sommer, die früheren und diejenigen, die wir nie erleben werden.”1

Das ist so gut beschrieben, so ist es tatsächlich, finde ich. Der Sommer als Jahreszeit ist so aufgeladen mit Erwartungen und Projektionen. Das ist schön und auch ein bisschen anstrengend, das empfinde ich bei keiner anderen Jahreszeit so.


Kurze Mitteilung in eigener Sache: Manche Menschen fahren jetzt erst auf Urlaub zum Beispiel mein IT Admin, harhar. Falls ich in den nächsten zwei Wochen hier verschwinden sollte, dann ist technisch etwas passiert, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte, weil im Urlaub mag ich ihn nicht belästigen.

  1. Yasmina Reza: Serge, S. 197 ↩︎