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Die Vegetarierin

Die Vegetarierin ist Han Kangs sicher bekanntestes, vielleicht, so sagen es viele Rezensionen, auch verstörendstes Werk. Es ist 2007 erschienen, richtig berühmt geworden allerdings durch die englische Übersetzung, da wurde es auch mit dem Man Booker International Preis ausgezeichnet. Vor zehn Jahren wurde das Buch ins Deutsche übersetzt.

Für mich selbst ist auch um einiges grotesker und weniger zugänglich als Deine Kalten Hände. Dabei aber auch erstaunlich leicht lesbar, weil ganz unprätentiös. Auch hier geht es wieder extrem um Körper, Körperverwandlung (weshalb in den Reviews immer wieder auch auf Kafka verwiesen wird), Körpertransformation. Und doch ist das, was sich körperlich tut, natürlich immer ein Ausdruck eines inneren Kampfes oder einer Entwicklung.

Die Protagonistin, eine junge Koreanerin, beschließt eines Tages nach einem Traum Vegetarierin zu werden. Genau genommen ist sie aber sogar Veganerin, denn sie boykottiert jegliche tierische Produkte. Und wenn man es noch weitertreibt (und das tut sie dann) verweigert sie in letzter Konsequenz die Nahrung komplett. Sie will zu einem Teil der Natur selbst werden, eine Art Pflanze. Klingt schon ziemlich schräg, oder?

Ich finde sehr interessant, dass die Vegetarierin selbst keine Stimme im Roman hat. Außer in einigen kurzen Schilderungen ihrer Träume wird nämlich nur über sie erzählt. Im ersten Kapitel von ihrem Mann, der sie als komplett unscheinbar und im Grunde uninteressant beschreibt: “Ich fühlte mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten.”1 Im zweiten Kapitel erzählt der Schwager, ein Künstler, wie auch schon die Hauptfigur in Deine kalten Hände, der sie ganz anders wahrnimmt; der ihren Körper zwar nicht eingipst, aber mit Blumen bemalt und eine sinnlich-obsessive Videodokumentation macht, die sein Hauptwerk sein soll. “Er hatte lange nach der Antwort gesucht. Sich immer wieder gefragt, wie er auf diese Phantasie gekommen war. […] Alle Ausstellungen, Aufführungen, Filme erschienen ihm nichtssagend, weil sie nicht seiner Vision entsprachen.”2 Im dritten Teil spricht die Schwester, versucht sie zu erfassen oder zumindest zu verstehen – und sich gleich selbst mitanalysiert.

Es geht in Die Vegetarierin um rigide Familienverhältnisse, um Frauen versus Männer, darum, dass Menschen sich mitunter komplett verständnislos gegenüberstehen, weil es ihnen zu mühsam ist, Menschen in allen ihren Ambivalenzen und Widersprüchen anzunehmen. Es geht um Themen wie den Sinn des Lebens und Selbstbestimmung, auch was Leben und Sterben betrifft. Die Schwester der Vegetariern sagt einmal zu ihr: “Wir sind so, weil wir Angst haben, dass du stirbst.” […] Ihre letzten Worte waren: “Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?”3 Und das alles in einem relativ schmalen Band, der mitreißend erzählt ist.

Auf jeden Fall bitterer und düsterer als Deine Kalten Hände für mich, dennoch aber unbedingt lesenswert.


  1. Die Vegetarierin, Seite 7 ↩︎
  2. Seite 64. ↩︎
  3. Seite 163 ↩︎

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