almis personal blog

News beim ESC

In der letzten Woche gab es zwei Neuigkeiten, den ESC betreffend, die ich beide mit so eher gemischten Gefühlen aufgenommen habe.

Die erste: Ab nächstem Jahr ist Kanada dabei. Und da bin ich jetzt nicht gerade vor Freude an die Decke gesprungen. Nun muss die erste Reaktion ja nicht zwangsläufig immer die “richtige” sein oder unverändlich, aber es war eben mein spontanes Gefühl dazu und ich habe natürlich nix gegen Kanada an sich. Aber ich finde mehr ist nicht immer gleich besser und es ist auch so ein bisschen ein Jumping the shark Moment, zumindest die Gefahr eines solchen, aber Eurovision überlebt eh viel.

Habe mir dann dazu eine ESC Kompakt Folge angehört, wo erklärt wird, wie das überhaupt möglich ist, dass jetzt Kanada dabei sein. Das Land war bisher assoziiertes Mitglied beim Zusammenschluss der öffentlich rechtlichen Sender und nun ist es ein Vollmitglied. Das bedeutet tatsächlich einen anderen Status als Australien, das immer quasi als Gast eingeladen werden muss und im Fall eines Sieges den Bewerb auch nicht austragen darf. Natürlich werden hier wohl auch ökonomische Gründe vorliegen, denk ich mir. Mir persönlich wäre es halt trotzdem lieber, man holt die Länder zurück, die jetzt wegen des elenden Boykotts abgesprungen sind – Niederlande und Slowenien vor allem, aus musikalischer Sicht, mochte die Beiträge der letzten Jahre aus diesen Ländern sehr. Ich würde mich auch freuen, wenn Nationen wie Ungarn oder Bosnien wieder mitmachen. Ich persönlich finde das Euro in Eurovision nämlich nicht obsolet.

Die zweite Änderung betrifft San Remo und ist mir mindestens genauso unverständlich. San Remo war ja bisher kein ESC Vorentscheid, wie ich hier obergescheit immer wieder gepostet habe, sondern einfach das italienische Musikfestival, dessen Sieger zum ESC fahren durfte (nicht musste). Nun übernimmt Stefano De Martino als neuer (junger!) Leiter das Festival und er will am Freitag – das Festival läuft ja fünf Tage – zu einem ESC Abend machen, wo es auch um die Inszenierung der Songs geht.

Und ja, wenn Italien – das immerhin erfolgreichste ESC Land der letzten zehn Jahre – etwas nicht kann, dann ist es die Inszenierung. Im besten Fall fällt sie einfach nicht auf, wie zum Beispiel bei Lucio Corsi, der einfach zwei meterhohe Verstärker hinter sich platziert hat oder bei Il Volo, die irgendwelche Objekte aus dem Kolloseum in Rom eingeblendet haben. Marco Mengoni hat überhaupt nur ein Trampolin mitgebracht, auf dem zwei Männer relativ unmotiviert herumgesprungen sind. Das war die “Bühnenshow” harhar. Im schlechtesten Fall sind die Inszenierungen so überladen, dass sie dem Song tendenziell eher schaden – siehe Francesco Gabbani oder Mahmood (der trotzdem Zweiter wurde) oder heuer auch Sal da Vinci, der beim eigenen Staging ja nur eine Nebenrolle spielte. Wie gesagt: Platzierungsmäßig heißt “schaden” aber immer noch Top 6.

Wie sich das San Remo konkret vorstellt, 20 verschiedene Spezial-Inszenierungen auf der eher kleinen Bühne des Teatro Ariston zu präsentieren, frage ich mich schon. Und letztlich ist Italien immer gut damit gefahren, sich nicht an den Songcontest anzubiedern, was bei Schweden und seinem Melodifestivalen zu einem häufig etwas seelenlosen Einheitsbrei führt. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, es wäre nicht das erste mal (harhar) und alles wird ur toll.

Moulin Rouge

Nachdem es gerade auf Netflix wieder läuft, habe ich mir nach langer Zeit Moulin Rouge aus dem Jahr 2001 noch einmal angeschaut. Es war mein Lieblingsfilmmusical, bevor es 2017 von La La Land abgelöst wurde. Und das, obwohl ich damals mit dem Gedanken ins Kino gegangen bin, dass dieses “Jukebox” Musical ein furchtbares Kitschfeuerwerk wird und ich ja alles andere als frankophil bin. Nun, es ist tatsächlich ein Kitschfeuerwerk und ich bin immer noch nicht frankophil, aber dennoch liebe es immer noch sehr! Es mag daran liegen, dass der Regisseur Baz Luhrmann einfach völlig durchgeknallt ist, harhar.

Worum geht es? Die Handlung spielt im Jahr 1899, als der arme Poet Christian (Ewan Mc Gregor) nach Paris geht, um dort als Schriftsteller zu arbeiten. Eben erst angekommen, schließt er sich einer Künstlertruppe um Toulouse-Lautrect (John Leguziamo) an und schreibt mit ihnen ein Musical, das im Moulin Rouge aufgeführt werden soll. Er verliebt sich in die Hauptdarstellerin, die Sängerin und Prostituierte Satine (Nicole Kidman). Der böse Duke erklärt sich bereit, die Finanzierung zu übernehmen, wenn Satine “sein” wird. Im Stück selbst muss sich Satine übrigens zwischen einem armen Poeten und dem bösen Maharadscha (Metaebene!!!) entscheiden….

Es ist kein Spoiler, wenn ich sage, die Sache geht nicht gut aus. Denn bereits in Filmminute fünf, als Christian in einer unfassbar ästhetischen Szene mit tollen Kamerafahrten über ein dann schon stilisiert-heruntergekommenes Paris gesanglich vorgestellt wird – “There was a boy, a very strange entchanted boy, a little shy and sad of eye, but very wise was he…” – eigentlich ein Song von Nate King Cole – also in Minute drei sagt Christian: “The woman I love is…dead.” Satine ist bereits als er sie kennenlernt an Tuberkulose erkrankt und wir brauchen hier eine Menge suspension of diesbelief. Nämlich, dass er es bis fast zum Schluss nicht merkt, sie nicht ihn und alle anderen ansteckt und, dass sie zwar ab und zu hustet und etwas blass ist, aber die Krankheit ihre Schönheit und Zerbrechlichkeit nur noch unterstreicht. Ich kenne jemand, der hat über so etwas eine Doktorarbeit geschrieben *hust*

Nach diesem eher düsteren Anfang wird aber erstmal voll aufgedreht. Als Christian in Paris ankommt, ist nämlich noch alles mehr als super. Es hat zwar niemand Geld, aber man macht Party und trinkt Absinth und wird dabei fröhlich (noch nicht traurig). Es ist der Sommer der Boheme – Friede, Freiheit, Liebe, alle feiern das Leben und die Musik. Und wie ginge das besser als mit Songs wie Up where we belong, All you need is love, I will always love you und so weiter. Dass das alles extrem anachronistisch ist, macht die Sache erst so richtig gut und “Camp”. Auf dem Papier liest es sich furchtbar, tatsächlich ist man als Zuschauerin aber komplett hingerissen, wenn Ewan Mc Gregor, der tatsächlich richtig gut singen kann, Elton Johns Your Song für Kidman schmachtet. Hach ja!

Und es geht rasant weiter. Die hektischen Bühnenproben wechseln sich mit intimen Momenten zwischen Christian und Satine ab; Satine, die sich erst ganz enorm gegen die Beziehung sträubt, weil sie sich ein Leben mit Christian einfach nicht “leisten” kann: “A girl has got to eat” macht sie ihm die profanen ökonomischen Bedingungen klar, während er schon auf Wolke sieben schwebt. Aber irgendwann gibt sie mit den Worten “You’re going to be bad for business. I can tell” auf. Die beiden, die ihre Liebe verstecken müssen, haben ein Lied Come what may (der eine Song, der extra für den Film komponiert wurde ), das sie singen, um sich das gegenseitig zu versichern. Und der Song ist schon so melancholisch, dass man als Zuseherin spätestens da wüsste, was es geschlagen hat, wenn man nicht eh schon seit Minute fünf im Bilde wäre. Ein weiteres Highlight ist der Tango de Roxanne (eigentlich ein Police Song), in dem ur toll getanzt wird, während in Christian die Eifersucht brodelt, es ist der Abend, als Satine den Duke zum Abendessen trifft.

Und so geht es weiter bis zum emotionalen over-the-top Finale. Wie Hitchcock sagte, ein Film muss mit einer Explosion starten und sich dann immer weiter steigern. Ist defintiv das Motto vom Regisseur. Letterboxd reviewer meinen unter anderem: Who needs drugs when Baz Luhrmann films exist? Harhar. Oder A movie set in France without any french people. Is this the perfect film?

Ich kann es nur nochmal sagen: Es ist ein Fiebertraum, wie die jungen Menschen heute sagen, aber ein sehr, sehr guter.

Mother Mary

Auch noch gesehen in der letzten Zeit: Mother Mary von Regisseur David Lowery.

In diesem Film geht es um einen fiktiven Popstar namens eben “Mother Mary”, dargestellt von Anne Hathaway, die das Outfit für ihre neue Tour präsentiert bekommt und zusammenbricht, weil es unglaublich schiach ist. In einer Nacht und Nebel Aktion sucht sie ihre ehemals beste Freundin, die Desigerin Sam (Michaela Cole) auf, die früher ihren Look kreiert hat, um sie um Grunde genommen nur darum zu bitten, ihr ein neues Kleid zu entwerfen, das sie zeigen soll, wie sie wirklich ist. Im Zuge der Begegnung kommt es aber zu einem Kammerspiel-artigen Dialog von gut zwei Stunden, in welchem beide die Probleme thematisieren, die sie eigentlich miteinander haben…

Was diesen Film betrifft, kann ich mich nur Pia Reiser anschließen, die meinte, er wäre etwas für sehr geduldige Menschen, die sich gerne über eine Laufzeit von 110 Minuten teilweise auch recht prätentiöses Gelaber anhören möchten, harhar. Das trifft es ziemlich genau, wenngleich der Film audiovisuell eine wirkliche Wucht ist. Denn derzeit extrem angesagte Musikerinnen und Musiker wie Charli XCX und Jack Antonoff (wir erinnern uns, der Ex von Lena Dunham) haben den Soundtrack beigesteuert und weil Mother Mary ja einen Star im Taylor Swift’schen Ausmaß verkörpert, sollten die Songs auch richtige Banger sein, die sofort ins Ohr gehen und das sind sie tatsächlich. Dazu sind die Kostüme wirklich originell und opulent und es macht Spaß, in Sams Fundus mitzustöbern und in der Schönheit der fantasievollen Stoffe zu schwelgen.

Im Kern geht es bei Mother Mary darum, was Beziehungen in unserem Leben bedeuten und durch welches Tal wir gehen, wenn eine für uns wichtige Verbindung aus welchen Gründen auch immer endet. Hier hat Mother Mary sich im Zuge dessen, dass sie sich neu erfunden hat, wie bei Popstars ja durchaus üblich, auch quasi von ihrer früheren Kostümbildnerin getrennt, die aber auch leider gleichzeitig ihre beste Freundin war. Sam schildert Mary sehr eindrücklich ihren Schmerz über diesen Verlust, wie schwer er in ihrem Körper auch gelebt hat. Und hier hat Regisseur Lowery die Entscheidung getroffen, diesen Schmerz als eine Art (roten) Geist zu symbolisieren, der eines abends, als Sam beschließt, ihn endlich loszulassen, quasi ihren Körper verlässt und über Berg und Tal fliegt, um nun von Mother Mary Besitz zu ergreifen. Das kann man jetzt interpretieren wie man möchte: Für mich stellt es sich so dar, also würde Sam mit ihrer Situation Frieden machen und ihre Gefühle gehen zu lassen, und Mother Mary kommt in genau dieser Nacht darauf was sie verloren hat und nun beginnt sie zu leiden.

Gibt es so etwas, dass die Energie des Loslassen bei einer Person bei einer anderen als Verlust ankommt? Weil sie vielleicht spürt, dass ihr nicht mehr hinterhergetrauert/gesehnt wird? Oder ist das komplett gaga? Harhar. Es ist jedenfalls ein durchaus interessantes Gedankenspiel.

Die letterboxd Kommentare waren hier, wenn wundert es, mal wieder enorm amüsant. Es gibt eine Szene, in der Sam mit einer Schneiderkreide einen großen Kreis auf den Boden zeichnet, in dem sie und Sam sitzen sollen, um den Geist auszutreiben, und jemand schrieb: “No way she free-hand drew that perfect circle on a floor made up of separated wooden planks.” Das waren ganz genau meine Gedanken, als ich das gesehen habe!!! Bzw ich dachte mir: Also ich könnte das nicht. Jemand anderer merkt an: “Phantom Thread for lesbians”. Das spielt auf den Film von Paul Thomas Anderson an, in dem Daniel Day Lewis einen Schneider spielt, der eine ziemliche toxische Beziehung zu Vicky Krieps hat.

Und mein absoluter Liebling: “All this just to look like a Eurovision finalist.”

If I Had Legs I’d Kick You

Der Film If I Had Legs I’d Kick You der Regisseurin Mary Bronstein handelt von Linda (Rose Byrne), einer Mutter im Zustand des quasi ganz normalen Wahnsinns.

Ihr Kind leidet an einer rätselhaften Krankheit und muss teilweise per Sonde ernährt werden, ihr Mann (Christian Slater) ist als Seefahrer permanent abwesend, im Alltag jongliert sie Haushalt, Krankenhausbesuche und nicht zuletzt ihre herausfordernde Arbeit als Psychotherapeutin. Als dann noch in der Wohnung über ihr ein Wasserschaden entsteht, der ein Loch in die Decke reißt, droht ihr ohnehin nur noch mit großer Mühe aufrechterhaltener Versuch zu funktionieren endgültig zu scheitern…

MÖGLICHE KLEINERE SPOILER

If I Had Legs I’d Kick you ist keine Geschichte einer Frau in der Opferrolle, die sich komplett selbst aufgibt, um für andere da zu sein und den Laden am Laufen zu halten. Das ist vielmehr die Geschichte davon, was passiert oder passieren kann, wenn man das tut, was einem ja manchmal so halb-jovial geraten wird, wenn man als Mutter kurz vorm Zusammenbruch steht und das irgendwie artikuliert: Ja, dann lass doch mal los, dann tu halt nichts mehr, gib doch mal die Kontrolle ab. Genau das tut Linda hier, die im Übrigen aber keine besondere Sympathieträgerin ist und für Frauen in einer ähnlichen Situation nur bedingt zur Identifikationsfigur taugt, sie lässt einfach los. Und, Überraschung, das führt geradewegs ins absolute Chaos, aber auf keine humorvolle, augenzwinkernde Art. Es ist ein Chaos, das irrsinig kräfteraubend wirkt und in weiterer Folge zunehmend bedrohlich.

Denn Lindas Tochter ist wahnsinnig nervig, ihre Kommunikation besteht in einer ewigen Litanei von: “Mama, meine Socken sind nass, ich will einen Hamster, nein, dieser Hamster ist bissig, ich will lieber einen anderen Hamster, komm her Mama, ich habe Hunger, aber ich mag keine Käse, tu den Käse da weg, Mamaaaa komm her”. Und wenn nicht die Tochter stresst, dann wird Linda in ihrer Praxis ein schreiendes Baby in die Hand gedrückt, das wirklich minutenlang brüllt, nebenbei muss Linda die Polizei rufen. Das Handy ist überhaupt ein Quell der Unerfreulichkeit, Linda bekommt permanent Nachrichten, die man als unterdrückte Vibrationen wahrnimmt, oder das Telefon läutet ohnehin in einer Tour und wenn sie abhebt, keift ihr Mann sie an. Zudem lauert ihr der Schulwart täglich auf, weil sie falsch parkt.

Die Regisseurin arbeitet zusätzlich mit Elementen aus dem Horrorfilmgenre und kreiiert mit nervöser Kameraführung, einem beunruhigenden Sounddesign und natürlich auch dem Loch in der Decke, das alles zu verschlingen droht, eine Atmosphäre der permanenten Anspannung. Dazu kommt, dass uns das Gesicht der Tochter nie gezeigt wird, man hört nur ihre Stimme und sieht mal einen Finger oder ihre Beine – ein inszenatorischen Trick, den wir erst kürzlich so ähnlich in Nickel Boys erlebt haben und den ich, ich sag es ehrlich, gehasst habe wie nur was, harhar. Hier ist es nicht ganz so schlimm, da die Tochter nicht die Hauptperson ist, aber ich mag das trotzdem nicht, auch wenn ich die Intention verstehe.

Erwähnt werden muss noch der Comedian Conan O’Brien, der hier, laut eigener Aussage, einen einmaligen Ausflug ins Schauspielfach übernimmt. Schade eigentlich, denn er spielt den Therapeutenkollegen unserer Hauptperson hier so schön schroff, unnahbar und abweisend, dass man ihn richtig gern nicht leiden kann.

Insgesamt ist das kein “schöner” Film, auch nichts, was das Herz berührt, aber eine dennoch interessante fast immersive Erfahrung, wenn es auch etwas masochistisches hat.

Thomas Bernhard, zwei

Thomas Bernhards Leben war früh von seiner schweren Lungenkrankheit bestimmt. Im Alter von 18 Jahren erhielt er bereits die Sterbesakramente. Sein Großvater und seine Mutter sterben zu dieser Zeit innerhalb eines Jahres. Er selbst hatte nach der Genesung das Gefühl, dass ihm damals das Leben neu geschenkt wurde, eine Gelegenheit, “sich dem Leben einfach zu überlassen”.

Thomas Bernhard mit seiner Mutter

Bernhard beginnt ein Musikstudium am Salzburger Mozarteum. Diese beiden Komponenten, Krankheit und Musik spiegeln sich auch später in seinen Werken wider. Einerseits im Misstrauen zur Medizin und zu Ärzten. Der Arzt in Der Ignorant und der Wahnsinnige beschreibt die Medizin etwa als “eine Wissenschaft von Organen, nicht von Menschen.” In diesem Stück schildert Bernhard auch detailliert das Sezieren. Der Körper ist bei ihm immer auch ein Schauplatz von Schmerz und Zerfall. Viele seiner Protagonisten arbeiten an Studien; von Störungen aller Art heimgesucht bleiben diese aber unvollendet, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Andererseits dominiert die Liebe zur Musik, die Bezugnahme auf unter anderem Mozart und Bach, auch auf Glenn Gould, der er ins Zentrum von seinem Roman Der Untergeher stellt. Aber auch die Rhythmik in Bernhards Sprache – die von manchen auch als durchaus nervig empfunden werden kann. (Der Professor hat immer gesagt… das hat der Professor immer gesagt… ) In der Ausstellung haben Autoren Songs genannt, die sie mit Bernhard in Verbindung bringen. Sowas finde ich oft viel interessanter als die reine Faktenvermittlung.

Weitere Themen in seinem Werk war die Natur als Nicht-Idylle (natürlich!), und auch der Raum, oft als Gefängnis oder als Projektionsfläche von Träumen, die dann scheitern. Bernhard kauft sich selbst drei (baufällige) Häuser im Salzkammergut, die er zum Teil selbst renovierte und mit von ihm entworfenen Möbeln bestückte. Der ökonomische Druck, der mit dem Kauf und der Instandhaltung der Häuser kam, zwang ihn andererseits wieder dazu, zu schreiben, was er offenbar irgendwie brauchte (nachzulesen zum Beispiel in Meine Preise).

Manche dieser Häuser kann man auch besichtigen.

Meine Lieblings- (selbst erlebte) Bernhard Anekdote übrigens: Unsere Deutschprofessorin am Gymnasium hat einmal beim Zurückgeben der Hausübungen zu meiner Freundin gesagt: “Du schreibst wie Thomas Bernhard.” Und sie daraufhin: “In welche Klasse geht der?” Finde ich immer noch sehr witzig.

Zum Schluss noch ein Zitat der Ausstellung, das mich sehr abgeholt hat. Ich, die ich lange Zeit gar nicht kritisch sein wollte, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich es sein sollte, aber wahrscheinlich weil mein Vater so war und oft zornig, allem möglichem gegenüber, habe ich mich dagegen ein bisschen gewehrt. Aber die ich heute im Prinzip einfach erstmal an (fast) allem zweifle, harhar:

Ich kann die Ausstellung wirklich sehr empfehlen.

Thomas Bernhard

Das Literaturmuseum Wien hat neben seiner (auch sehr sehenswerten) Dauerausstellung zur österreichischen Literaturgeschichte ab dem 18. Jahrhundert auch immer wieder neue thematischen Ausstellungen, die einen ganzen Stock einnehmen. Dementsprechend viel Zeit braucht man dafür, wenn es einen interessiert.

Seit Ende April geht es um Thomas Bernhard, die Ausstellung heißt “Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“, ein Zitat aus seinem Stück Der Weltverbesserer.

Das wirklich sehr schöne Museum innen

Dabei geht es weniger darum, die Biografie von Bernhard nachzuzeichnen, sondern eher die Resonanz seines Werkes weltweit zu beleuchten, Stimmen über ihn zu Wort kommen zu lassen, und quasi seinen “Vibe” zu verstehen. Das Literaturmuseum macht das mit recht modernen Mitteln, es gibt zum Beispiel einen Thomas Bernhard Chatbot, dem man Fragen stellen kann und der antwortet dann in Bernhard’schem Duktus – also etwas angefressen und repetetiv, harhar.

Sehr hübsch fand ich auch das Zitate-raten. Auf einem Monitor findet man 20 Zitate und man kann dann im Mutltiple Choice Verfahren ankreuzen, aus welchen Werk das Zitat, tatsächlich immer eine Beschimpfung von irgendetwas stammt.

Gefallen hat mir ein Zitat über Wien, was auch ausgestellt ist, Bernhard scheibt: “Kann schon sein, dass sie sich ein paarmal im Jahr in dieser Stadt wohlfühlen, wenn Sie über den Kohlmarkt gehen oder über den Graben, oder die Singerstraße hinunter, in der Frühlingsluft.” Natürlich kann man Bernhard nur als Misanthropen und “Nestbeschmutzer” wahrnehmen und ihn zu ernst nehmen (siehe Heldenplatz Kontroverse). Ich persönlich habe mich sehr lange mit seinem Roman Das Kalkwerk beschäftigt, der wirklich fast unerträglich ist. Aber tatsächlich ist er eben ein Meister der Übertreibung, der vieles auch sehr satirisch meint.

Außerdem lässt man in der Ausstellung Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, etcetera Fragen an Thomas Bernhard stellen. Da kommen dann so Fragen wie: “Who or what was your greatest romantic love” – ziemlich interessant, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert Liebe im Werk von Bernhard eingenommen hat, speziell die romantische Liebe ist ja quasi gar nicht existent in seinen Texten und in seinem Leben? Da wissen wir sehr wenig darüber. Die österreichische Autorin Bettina Balatka fragt: “Ist es wahr, dass sie beim Tod von Heimito von Doderer jublierten?” Das bezieht sich darauf, dass Bernhard Doderers Tod angeblich mit: “Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komme ich” kommentierte.1

Der Autor Ansgar Allen schlicht: “Could you pass your ice cream?”


  1. Angeblich hat Peter Altenberg, als er das Cafe Zentral betrat und der Kellner auf ihn zukam und fragte: “Haben Sie schon gehört wer gestorben ist?” geantwortet: “Mir ist jeder recht. ↩︎

Disclosure Day

Gestern war ich in der Pressevorstellung zum neuen Spielberg Kracher Disclosure Day im Village Cinema. Sie war – wie immer, wenn solche Blockbuster Premiere haben – sehr gut besucht. Auch diesmal wurden wir wieder während des ganzen Films bewacht, durften aber unsere Handys immerhin in den Saal mitnehmen, allerdings eingeschlossen in ein Sackerl, das wir zukleben mussten, es ist schon sehr witzig.

Nach dem Film war ich beeindruckt und auch ein bisschen verwirrt, habe sehr lange darüber nachgedacht, was ja nie ein schlechtes Zeichen ist. Der Verleih hat mich dann um ein Kurzstatement von zwei Sätzen gebeten. Ich habe mir dann gedacht, ich bin nicht wirklich die richtige Person für dieses Review, ich bin weder Spielberg- noch Alien-Spezialist, das aber auch irgendwie als Herausforderung gesehen.

Dann habe ich bereits gestern und auch heute ewig an meinem Review für Uncut gearbeitet. Irgendwann war ich so konzentriert, dass mir fast das Essen angebrannt ist. Ich habe mir trotzdem, offen gesagt, schon bis zum Schluss irrsinnig schwer damit getan, ich hoffe aber, das merkt man nicht, harhar, aber ich kann euch hier ja quasi hinter die glamorösen Kulissen des Filmkritikerinnen-Daseins mitnehmen (Pfanne schrubben und so).

Heute um 18 Uhr war es soweit und das Interesse war groß:

Irgendwann heute gegen 19 Uhr

Und jetzt lese ich einmal zwei Tage nix davon, was andere geschrieben haben, weil mich das ur stresst, harhar.

Würde mich freuen, wenn ihr aber meine Gedanken dazu lest und zwar: hier.

So schön wie hier

Einige Tage bevor ich das Christoph Schlingensief Krebstagebuch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein gelesen habe, habe ich einen meiner berühmten Lebensweisheiten-Vorträge gehalten, in dem ich zu einer Person gesagt habe: Wenn du erwachsen bist, bist du der Eskalationsmanager deines Lebens und über jede Eskalation, die du mit Geld lösen kannst – auch wenn es unangenehm ist – kannst du dich freuen.

Das ist genau die eine Seite, die uns Schlingensief in seinem Buch schildert. Wie absolut unbegreiflich schrecklich es ist, plötzlich eine Krebsdiagnose zu erhalten und gleich eine ziemlich verheerende, wie er Anfang 2009. Forgeschrittener Lungenkrebs mit 48 Jahren, obwohl er nie geraucht hat. Danach musste ihm der linke Lungenflügel entfernt werden. Mit einer Menge Ambivalenz hat er sich zu einer Chemotherapie plus einer begleitenden alternativmedizinischen Behandlung entschlossen. Es ist arg, zu lesen, was ihm – der gerade mitten in Theaterproben steckte und sowieso immer dutzend neue Projekte in Planung hatte – alles durch den Kopf gegangen ist: “Diese unbedarfte, unbeschwerte Freude, die man früher hatte, die ist natürlich weg. Die kommt wahrscheinlich auch nicht wieder.”1

Er ist von Anfang an sehr ehrlich zu sich. Er redet sich nicht ein, dass es auf alle Fälle gut ausgehen wird. Seine Hoffnungen erstrecken sich auf zwei, vielleicht drei “gewonnene” Jahre. Er weiß schon, dass er vielleicht nicht mehr Zeit hat als das. Deshalb überlegt er sich, ob er doch noch ein Kind mit seiner Freundin Aino haben möchte, diese ist zu dem Zeitpunkt erst 27 Jahre alt. Diese Gedanken bleiben allerdings vage. Die beiden heiraten aber im Sommer 2009. Die Ehe soll “das ganze Leben” halten, Schlingensief formuliert es wohl bewusst so offen, aber auch so lebensbejahend. Denn das ist die andere Seite seiner Aufzeichnungen: Er spürt, wie schön das Leben ist, wie sehr er liebt zu leben, und dass einfach jeder Tag ein neuer ist, auch und gerade wenn man nicht weiß, wie viele (gute) Tage man noch haben wird. “Wir machen uns dann eine richtig schöne Zeit, erleben kleine Sachen und freuen uns, dass wir sie erleben: Das ist eigentlich die Hauptsache: das Große im Kleinen.”2 Da ist ein Abendessen mit Freunden in der Pizzeria das reine Glück, was man sonst für selbstverständlich nimmt; das neben Aino einschlafen, das einfach aus dem Fenster schauen.

Sehr schön auch dieses, wie er über den Schmerz auch anderer Menschen schreibt:

“(…) Einschnitte sind natürlich, dass man verlassen wird, dass ein geliebter Mensch stirbt, dass man einen Unfall hat oder eben eine Krankheit bekommt. (…) aber ob der Mensch das auch wissen will, ob das Momente des Nach- und Umdenkens werden, ist eben so fraglich. (..) Diese Leute haben doch auch alle ihre Einschnitte, ihre Wunden. Warum zeigen wir sie uns nichts gegenseitig. (…) Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund”3

Das ist keine leichte Kost, Schlingensief erzählt, wie oft er weint, wie oft er verzweifelt ist, wie oft er nicht mehr kann, aber auch davon, wie er trotz allem noch sein Leben genießt, wie er einfach immer weiter denkt. Der letzte Eintrag datiert im Dezember 2009, auf dem Weg zu einer neuer Untersuchung, die ihm sagen wird, wie lange er noch hat. Man spürt zwischen den Zeilen förmlich doch noch, entgegen allem, eine kleine Hoffnung. Im August 2010 ist er gestorben. Aber er hat uns nicht nur alle seine Projekte hinterlassen, sondern auch dieses offene, ehrliche, total poetische Buch.


  1. Christoph Schlingenschief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, Seite 70 ↩︎
  2. a.a.O, Seite 70 ↩︎
  3. a.a.O. Seite 238f. ↩︎

Feiertag

Den heutigen Tag habe ich teilweise im Literaturmuseum Wien verbracht. Hui, diese Woche ist die Woche der Ausstellungen bei mir.

Es gibt dort nämlich gerade eine über Thomas Bernhard, über die ich ein anderes mal erzählen werde. Spoiler: Ihr könnt sie aber auf alle Fälle schon mal anschauen gehen, sie ist genauso gut gemacht wie die letzten Ausstellungen, die ich dort gesehen habe – nämlich eine über Ingeborg Bachmann und eine über Herkunft. Ich habe heute zwei Stunden im Museum verbracht.

Zum Abschied etwas von Grillparzer zum Nachdenken

Anschließend bin ich ins Vapiano Mittagessen gefahren, ich habe immer noch Gutscheine und das ist das beste Lokal zum alleine essen gehen finde ich, weil es jedem wurscht ist, wenn man solo dort sitzt. Und ich liebe einfach das Pilzrisotto.

…und bestes Zitronen Minze Soda

Am Nachmittag habe ich das erst gestern ausgeliehene Schlingensief Buch auch schon wieder fertiggelesen. Es ist schön, sehr erschütternd und traurig natürlich auch. Aber es ist auch sehr positiv, was Schlingensief da über das Leben reflektiert, ich mag seine Art der Wahrnehmung und des darüber Berichtens sehr.

Ein feiner Tag.

Im MAK, zwei

Also ich bin gestern bei der Christoph Schlingensief Ausstellung stehengeblieben – die ist übrigens oben im MAK, wenn man über diese Brücke geht – sie nennt sich: Es ist nicht mehr mein Problem. Laut Aussage der Kuratoren (unter anderem Schlingensiefs Witwe) soll es keine Retrospektive sein.

Beim Eingang der Ausstellung

In einigen ziemlich großen Räumen werden die bekanntesten Aktionen und Exponate von Schlingensief ausgestellt, hier fällt vor allem natürlich der Ausländer raus Container auf, der zur Aktion Bitte liebt Österreich gehört. Man erinnert sich, damals fanden zwei Dinge quasi gleichzeitig statt, und zwar die erste Big Brother Staffel und die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich. Schlingensief verband diese beiden Ereignisse, und ließ neben die Staatsoper einen Container mit tatsächlichen Asylwerbern stellen, von denen täglich einer oder eine “herausgevotet” werden konnte. Wenn man sich daran zurückerinnert, fragt man sich, wieso sich die Festwochen heuer davor anscheißen ängstigen, ein Gespräch mit Peter Thiel zu führen.

Der Ausländer Raus Container von der Aktion im Jahr 2000

Diese Aktion hat Schlingensief Anfeindungen von wirklich allen Seiten gebracht. Natürlich in erster Linie von der FPÖ, aber auch von linken Gruppen, die ihm unter anderem Instrumentalisierung der Geflüchteten und Verharmlosung vorwarfen. Und das für einen Künstler natürlich schon super, denn es bedeutet, du hast dich zwischen sämtliche Stühle gesetzt, wo du von niemand vereinnahmt werden kannst und dich einer stringenten (=banalen) Interpretation entzogen. Tatsächlich sind Schlingensiefs Motive für mich bis heute auch schwer fassbar, ging es ihm wirklich um die Sache, wollte er provozieren, tatsächlich politisch etwas bewegen? Die Idee an sich ist ja in erster Linie mutig, an sich sind aber die Reaktion und die Partizipation von anderen fast interessanter als die Aktion selbst.

In der Ausstellung gibt es ein rund 20 Minuten langes Interview mit ihm zu diesem Thema (aufgenommen vor der Oper) anzusehen, was ich auch in voller Länge gemacht habe, und selbst danach war ich nicht wirklich schlauer, was aber dazu einlädt, sich noch mehr mit Schlingensief zu beschäftigen. Er ist für mich eine ziemlich ambivalente Figur.

Schlingensief im Interview vor der Oper, Juni 2000

Ansonsten stellt die Ausstellung Freakstars 3000 vor, eine Talkshow von Schlingensief mit Menschen mit Behinderung. Seine Hamlet Inszenierung mit aussteigewilligen Neonazis und Church of Fear, als Reaktion auf den Terroranschlag auf die Twin Towers und die Frage, wie sehr Angst die Menschen und die Gesellschaft als Ganzes beeinflusst. Und ob Angst so etwas wie eine Ersatzreligion geworden ist. Ich finde, gerade dieses Thema ist auch heute noch extrem gegenwärtig, weil die mediale Angstmache wirklich teilweise bizarre Blüten treibt. Das haben wir aktuell auch immer wieder mit dem Klimawandel. Bin kein “Leugner” (sowieso so ein bescheuerter Kampfbegriff) aber wenn uns zum Beispiel erzählt wird, es war im vergangenen Sommer viel heißer als wir das empfunden hätten, dann grenzt das für mich schon ein bisschen an Gaslighting. Und was genau bringt es, Herausforderungen in der Welt mit Angst zu begegnen? Da hätte Schlingenschief viel zu tun und ich wäre gespannt, wie er sich diesem Thema genähert hätte.

Das wäre doch ein Spruch für die Kandidatinnen und Kandidaten zur ORF Generaldirektorwahl

Die Ausstellung als solche fand ich sehr interessant gemacht, im Sinne von: es gibt recht viel Informationen und die Exponante von damals zu sehen, aber gleichzeitig ist sie ziemlich spartanisch und auch irgendwie so gestaltet, dass sie sehr unbequem wirkt, also es hat visuell nichts anheimelndes. Das passt dazu, dass Schlingensief Kunst nicht als Antwort sah, sondern als Prozess des immer wieder Hinterfragens, was mir ja wieder sympathisch ist.

Im Museumsshop habe ich in Schlingensiefs Krebs-Tagebuch hineingelesen und es mir gleich in der Bücherei ausgeborgt, zusammen mit zwei anderen Werken von/mit ihm.


Danke liebe A. für die Anmerkung, dass man mit der NÖ Card das MAK gratis besuchen kann und es auch Ermäßigungen mit der Stadt Wien Card gibt. Auch für Öffi Jahreskartenbesitzer.