almis personal blog

If I Had Legs I’d Kick You

Der Film If I Had Legs I’d Kick You der Regisseurin Mary Bronstein handelt von Linda (Rose Byrne), einer Mutter im Zustand des quasi ganz normalen Wahnsinns.

Ihr Kind leidet an einer rätselhaften Krankheit und muss teilweise per Sonde ernährt werden, ihr Mann (Christian Slater) ist als Seefahrer permanent abwesend, im Alltag jongliert sie Haushalt, Krankenhausbesuche und nicht zuletzt ihre herausfordernde Arbeit als Psychotherapeutin. Als dann noch in der Wohnung über ihr ein Wasserschaden entsteht, der ein Loch in die Decke reißt, droht ihr ohnehin nur noch mit großer Mühe aufrechterhaltener Versuch zu funktionieren endgültig zu scheitern…

MÖGLICHE KLEINERE SPOILER

If I Had Legs I’d Kick you ist keine Geschichte einer Frau in der Opferrolle, die sich komplett selbst aufgibt, um für andere da zu sein und den Laden am Laufen zu halten. Das ist vielmehr die Geschichte davon, was passiert oder passieren kann, wenn man das tut, was einem ja manchmal so halb-jovial geraten wird, wenn man als Mutter kurz vorm Zusammenbruch steht und das irgendwie artikuliert: Ja, dann lass doch mal los, dann tu halt nichts mehr, gib doch mal die Kontrolle ab. Genau das tut Linda hier, die im Übrigen aber keine besondere Sympathieträgerin ist und für Frauen in einer ähnlichen Situation nur bedingt zur Identifikationsfigur taugt, sie lässt einfach los. Und, Überraschung, das führt geradewegs ins absolute Chaos, aber auf keine humorvolle, augenzwinkernde Art. Es ist ein Chaos, das irrsinig kräfteraubend wirkt und in weiterer Folge zunehmend bedrohlich.

Denn Lindas Tochter ist wahnsinnig nervig, ihre Kommunikation besteht in einer ewigen Litanei von: “Mama, meine Socken sind nass, ich will einen Hamster, nein, dieser Hamster ist bissig, ich will lieber einen anderen Hamster, komm her Mama, ich habe Hunger, aber ich mag keine Käse, tu den Käse da weg, Mamaaaa komm her”. Und wenn nicht die Tochter stresst, dann wird Linda in ihrer Praxis ein schreiendes Baby in die Hand gedrückt, das wirklich minutenlang brüllt, nebenbei muss Linda die Polizei rufen. Das Handy ist überhaupt ein Quell der Unerfreulichkeit, Linda bekommt permanent Nachrichten, die man als unterdrückte Vibrationen wahrnimmt, oder das Telefon läutet ohnehin in einer Tour und wenn sie abhebt, keift ihr Mann sie an. Zudem lauert ihr der Schulwart täglich auf, weil sie falsch parkt.

Die Regisseurin arbeitet zusätzlich mit Elementen aus dem Horrorfilmgenre und kreiiert mit nervöser Kameraführung, einem beunruhigenden Sounddesign und natürlich auch dem Loch in der Decke, das alles zu verschlingen droht, eine Atmosphäre der permanenten Anspannung. Dazu kommt, dass uns das Gesicht der Tochter nie gezeigt wird, man hört nur ihre Stimme und sieht mal einen Finger oder ihre Beine – ein inszenatorischen Trick, den wir erst kürzlich so ähnlich in Nickel Boys erlebt haben und den ich, ich sag es ehrlich, gehasst habe wie nur was, harhar. Hier ist es nicht ganz so schlimm, da die Tochter nicht die Hauptperson ist, aber ich mag das trotzdem nicht, auch wenn ich die Intention verstehe.

Erwähnt werden muss noch der Comedian Conan O’Brien, der hier, laut eigener Aussage, einen einmaligen Ausflug ins Schauspielfach übernimmt. Schade eigentlich, denn er spielt den Therapeutenkollegen unserer Hauptperson hier so schön schroff, unnahbar und abweisend, dass man ihn richtig gern nicht leiden kann.

Insgesamt ist das kein “schöner” Film, auch nichts, was das Herz berührt, aber eine dennoch interessante fast immersive Erfahrung, wenn es auch etwas masochistisches hat.

Thomas Bernhard, zwei

Thomas Bernhards Leben war früh von seiner schweren Lungenkrankheit bestimmt. Im Alter von 18 Jahren erhielt er bereits die Sterbesakramente. Sein Großvater und seine Mutter sterben zu dieser Zeit innerhalb eines Jahres. Er selbst hatte nach der Genesung das Gefühl, dass ihm damals das Leben neu geschenkt wurde, eine Gelegenheit, “sich dem Leben einfach zu überlassen”.

Thomas Bernhard mit seiner Mutter

Bernhard beginnt ein Musikstudium am Salzburger Mozarteum. Diese beiden Komponenten, Krankheit und Musik spiegeln sich auch später in seinen Werken wider. Einerseits im Misstrauen zur Medizin und zu Ärzten. Der Arzt in Der Ignorant und der Wahnsinnige beschreibt die Medizin etwa als “eine Wissenschaft von Organen, nicht von Menschen.” In diesem Stück schildert Bernhard auch detailliert das Sezieren. Der Körper ist bei ihm immer auch ein Schauplatz von Schmerz und Zerfall. Viele seiner Protagonisten arbeiten an Studien; von Störungen aller Art heimgesucht bleiben diese aber unvollendet, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Andererseits dominiert die Liebe zur Musik, die Bezugnahme auf unter anderem Mozart und Bach, auch auf Glenn Gould, der er ins Zentrum von seinem Roman Der Untergeher stellt. Aber auch die Rhythmik in Bernhards Sprache – die von manchen auch als durchaus nervig empfunden werden kann. (Der Professor hat immer gesagt… das hat der Professor immer gesagt… ) In der Ausstellung haben Autoren Songs genannt, die sie mit Bernhard in Verbindung bringen. Sowas finde ich oft viel interessanter als die reine Faktenvermittlung.

Weitere Themen in seinem Werk war die Natur als Nicht-Idylle (natürlich!), und auch der Raum, oft als Gefängnis oder als Projektionsfläche von Träumen, die dann scheitern. Bernhard kauft sich selbst drei (baufällige) Häuser im Salzkammergut, die er zum Teil selbst renovierte und mit von ihm entworfenen Möbeln bestückte. Der ökonomische Druck, der mit dem Kauf und der Instandhaltung der Häuser kam, zwang ihn andererseits wieder dazu, zu schreiben, was er offenbar irgendwie brauchte (nachzulesen zum Beispiel in Meine Preise).

Manche dieser Häuser kann man auch besichtigen.

Meine Lieblings- (selbst erlebte) Bernhard Anekdote übrigens: Unsere Deutschprofessorin am Gymnasium hat einmal beim Zurückgeben der Hausübungen zu meiner Freundin gesagt: “Du schreibst wie Thomas Bernhard.” Und sie daraufhin: “In welche Klasse geht der?” Finde ich immer noch sehr witzig.

Zum Schluss noch ein Zitat der Ausstellung, das mich sehr abgeholt hat. Ich, die ich lange Zeit gar nicht kritisch sein wollte, obwohl ich das Gefühl hatte, dass ich es sein sollte, aber wahrscheinlich weil mein Vater so war und oft zornig, allem möglichem gegenüber, habe ich mich dagegen ein bisschen gewehrt. Aber die ich heute im Prinzip einfach erstmal an (fast) allem zweifle, harhar:

Ich kann die Ausstellung wirklich sehr empfehlen.

Thomas Bernhard

Das Literaturmuseum Wien hat neben seiner (auch sehr sehenswerten) Dauerausstellung zur österreichischen Literaturgeschichte ab dem 18. Jahrhundert auch immer wieder neue thematischen Ausstellungen, die einen ganzen Stock einnehmen. Dementsprechend viel Zeit braucht man dafür, wenn es einen interessiert.

Seit Ende April geht es um Thomas Bernhard, die Ausstellung heißt “Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“, ein Zitat aus seinem Stück Der Weltverbesserer.

Das wirklich sehr schöne Museum innen

Dabei geht es weniger darum, die Biografie von Bernhard nachzuzeichnen, sondern eher die Resonanz seines Werkes weltweit zu beleuchten, Stimmen über ihn zu Wort kommen zu lassen, und quasi seinen “Vibe” zu verstehen. Das Literaturmuseum macht das mit recht modernen Mitteln, es gibt zum Beispiel einen Thomas Bernhard Chatbot, dem man Fragen stellen kann und der antwortet dann in Bernhard’schem Duktus – also etwas angefressen und repetetiv, harhar.

Sehr hübsch fand ich auch das Zitate-raten. Auf einem Monitor findet man 20 Zitate und man kann dann im Mutltiple Choice Verfahren ankreuzen, aus welchen Werk das Zitat, tatsächlich immer eine Beschimpfung von irgendetwas stammt.

Gefallen hat mir ein Zitat über Wien, was auch ausgestellt ist, Bernhard scheibt: “Kann schon sein, dass sie sich ein paarmal im Jahr in dieser Stadt wohlfühlen, wenn Sie über den Kohlmarkt gehen oder über den Graben, oder die Singerstraße hinunter, in der Frühlingsluft.” Natürlich kann man Bernhard nur als Misanthropen und “Nestbeschmutzer” wahrnehmen und ihn zu ernst nehmen (siehe Heldenplatz Kontroverse). Ich persönlich habe mich sehr lange mit seinem Roman Das Kalkwerk beschäftigt, der wirklich fast unerträglich ist. Aber tatsächlich ist er eben ein Meister der Übertreibung, der vieles auch sehr satirisch meint.

Außerdem lässt man in der Ausstellung Autoren, Übersetzerinnen und Übersetzer, etcetera Fragen an Thomas Bernhard stellen. Da kommen dann so Fragen wie: “Who or what was your greatest romantic love” – ziemlich interessant, wenn man bedenkt, welchen Stellenwert Liebe im Werk von Bernhard eingenommen hat, speziell die romantische Liebe ist ja quasi gar nicht existent in seinen Texten und in seinem Leben? Da wissen wir sehr wenig darüber. Die österreichische Autorin Bettina Balatka fragt: “Ist es wahr, dass sie beim Tod von Heimito von Doderer jublierten?” Das bezieht sich darauf, dass Bernhard Doderers Tod angeblich mit: “Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komme ich” kommentierte.1

Der Autor Ansgar Allen schlicht: “Could you pass your ice cream?”


  1. Angeblich hat Peter Altenberg, als er das Cafe Zentral betrat und der Kellner auf ihn zukam und fragte: “Haben Sie schon gehört wer gestorben ist?” geantwortet: “Mir ist jeder recht. ↩︎

Disclosure Day

Gestern war ich in der Pressevorstellung zum neuen Spielberg Kracher Disclosure Day im Village Cinema. Sie war – wie immer, wenn solche Blockbuster Premiere haben – sehr gut besucht. Auch diesmal wurden wir wieder während des ganzen Films bewacht, durften aber unsere Handys immerhin in den Saal mitnehmen, allerdings eingeschlossen in ein Sackerl, das wir zukleben mussten, es ist schon sehr witzig.

Nach dem Film war ich beeindruckt und auch ein bisschen verwirrt, habe sehr lange darüber nachgedacht, was ja nie ein schlechtes Zeichen ist. Der Verleih hat mich dann um ein Kurzstatement von zwei Sätzen gebeten. Ich habe mir dann gedacht, ich bin nicht wirklich die richtige Person für dieses Review, ich bin weder Spielberg- noch Alien-Spezialist, das aber auch irgendwie als Herausforderung gesehen.

Dann habe ich bereits gestern und auch heute ewig an meinem Review für Uncut gearbeitet. Irgendwann war ich so konzentriert, dass mir fast das Essen angebrannt ist. Ich habe mir trotzdem, offen gesagt, schon bis zum Schluss irrsinnig schwer damit getan, ich hoffe aber, das merkt man nicht, harhar, aber ich kann euch hier ja quasi hinter die glamorösen Kulissen des Filmkritikerinnen-Daseins mitnehmen (Pfanne schrubben und so).

Heute um 18 Uhr war es soweit und das Interesse war groß:

Irgendwann heute gegen 19 Uhr

Und jetzt lese ich einmal zwei Tage nix davon, was andere geschrieben haben, weil mich das ur stresst, harhar.

Würde mich freuen, wenn ihr aber meine Gedanken dazu lest und zwar: hier.

So schön wie hier

Einige Tage bevor ich das Christoph Schlingensief Krebstagebuch So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein gelesen habe, habe ich einen meiner berühmten Lebensweisheiten-Vorträge gehalten, in dem ich zu einer Person gesagt habe: Wenn du erwachsen bist, bist du der Eskalationsmanager deines Lebens und über jede Eskalation, die du mit Geld lösen kannst – auch wenn es unangenehm ist – kannst du dich freuen.

Das ist genau die eine Seite, die uns Schlingensief in seinem Buch schildert. Wie absolut unbegreiflich schrecklich es ist, plötzlich eine Krebsdiagnose zu erhalten und gleich eine ziemlich verheerende, wie er Anfang 2009. Forgeschrittener Lungenkrebs mit 48 Jahren, obwohl er nie geraucht hat. Danach musste ihm der linke Lungenflügel entfernt werden. Mit einer Menge Ambivalenz hat er sich zu einer Chemotherapie plus einer begleitenden alternativmedizinischen Behandlung entschlossen. Es ist arg, zu lesen, was ihm – der gerade mitten in Theaterproben steckte und sowieso immer dutzend neue Projekte in Planung hatte – alles durch den Kopf gegangen ist: “Diese unbedarfte, unbeschwerte Freude, die man früher hatte, die ist natürlich weg. Die kommt wahrscheinlich auch nicht wieder.”1

Er ist von Anfang an sehr ehrlich zu sich. Er redet sich nicht ein, dass es auf alle Fälle gut ausgehen wird. Seine Hoffnungen erstrecken sich auf zwei, vielleicht drei “gewonnene” Jahre. Er weiß schon, dass er vielleicht nicht mehr Zeit hat als das. Deshalb überlegt er sich, ob er doch noch ein Kind mit seiner Freundin Aino haben möchte, diese ist zu dem Zeitpunkt erst 27 Jahre alt. Diese Gedanken bleiben allerdings vage. Die beiden heiraten aber im Sommer 2009. Die Ehe soll “das ganze Leben” halten, Schlingensief formuliert es wohl bewusst so offen, aber auch so lebensbejahend. Denn das ist die andere Seite seiner Aufzeichnungen: Er spürt, wie schön das Leben ist, wie sehr er liebt zu leben, und dass einfach jeder Tag ein neuer ist, auch und gerade wenn man nicht weiß, wie viele (gute) Tage man noch haben wird. “Wir machen uns dann eine richtig schöne Zeit, erleben kleine Sachen und freuen uns, dass wir sie erleben: Das ist eigentlich die Hauptsache: das Große im Kleinen.”2 Da ist ein Abendessen mit Freunden in der Pizzeria das reine Glück, was man sonst für selbstverständlich nimmt; das neben Aino einschlafen, das einfach aus dem Fenster schauen.

Sehr schön auch dieses, wie er über den Schmerz auch anderer Menschen schreibt:

“(…) Einschnitte sind natürlich, dass man verlassen wird, dass ein geliebter Mensch stirbt, dass man einen Unfall hat oder eben eine Krankheit bekommt. (…) aber ob der Mensch das auch wissen will, ob das Momente des Nach- und Umdenkens werden, ist eben so fraglich. (..) Diese Leute haben doch auch alle ihre Einschnitte, ihre Wunden. Warum zeigen wir sie uns nichts gegenseitig. (…) Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund”3

Das ist keine leichte Kost, Schlingensief erzählt, wie oft er weint, wie oft er verzweifelt ist, wie oft er nicht mehr kann, aber auch davon, wie er trotz allem noch sein Leben genießt, wie er einfach immer weiter denkt. Der letzte Eintrag datiert im Dezember 2009, auf dem Weg zu einer neuer Untersuchung, die ihm sagen wird, wie lange er noch hat. Man spürt zwischen den Zeilen förmlich doch noch, entgegen allem, eine kleine Hoffnung. Im August 2010 ist er gestorben. Aber er hat uns nicht nur alle seine Projekte hinterlassen, sondern auch dieses offene, ehrliche, total poetische Buch.


  1. Christoph Schlingenschief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, Seite 70 ↩︎
  2. a.a.O, Seite 70 ↩︎
  3. a.a.O. Seite 238f. ↩︎

Feiertag

Den heutigen Tag habe ich teilweise im Literaturmuseum Wien verbracht. Hui, diese Woche ist die Woche der Ausstellungen bei mir.

Es gibt dort nämlich gerade eine über Thomas Bernhard, über die ich ein anderes mal erzählen werde. Spoiler: Ihr könnt sie aber auf alle Fälle schon mal anschauen gehen, sie ist genauso gut gemacht wie die letzten Ausstellungen, die ich dort gesehen habe – nämlich eine über Ingeborg Bachmann und eine über Herkunft. Ich habe heute zwei Stunden im Museum verbracht.

Zum Abschied etwas von Grillparzer zum Nachdenken

Anschließend bin ich ins Vapiano Mittagessen gefahren, ich habe immer noch Gutscheine und das ist das beste Lokal zum alleine essen gehen finde ich, weil es jedem wurscht ist, wenn man solo dort sitzt. Und ich liebe einfach das Pilzrisotto.

…und bestes Zitronen Minze Soda

Am Nachmittag habe ich das erst gestern ausgeliehene Schlingensief Buch auch schon wieder fertiggelesen. Es ist schön, sehr erschütternd und traurig natürlich auch. Aber es ist auch sehr positiv, was Schlingensief da über das Leben reflektiert, ich mag seine Art der Wahrnehmung und des darüber Berichtens sehr.

Ein feiner Tag.

Im MAK, zwei

Also ich bin gestern bei der Christoph Schlingensief Ausstellung stehengeblieben – die ist übrigens oben im MAK, wenn man über diese Brücke geht – sie nennt sich: Es ist nicht mehr mein Problem. Laut Aussage der Kuratoren (unter anderem Schlingensiefs Witwe) soll es keine Retrospektive sein.

Beim Eingang der Ausstellung

In einigen ziemlich großen Räumen werden die bekanntesten Aktionen und Exponate von Schlingensief ausgestellt, hier fällt vor allem natürlich der Ausländer raus Container auf, der zur Aktion Bitte liebt Österreich gehört. Man erinnert sich, damals fanden zwei Dinge quasi gleichzeitig statt, und zwar die erste Big Brother Staffel und die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich. Schlingensief verband diese beiden Ereignisse, und ließ neben die Staatsoper einen Container mit tatsächlichen Asylwerbern stellen, von denen täglich einer oder eine “herausgevotet” werden konnte. Wenn man sich daran zurückerinnert, fragt man sich, wieso sich die Festwochen heuer davor anscheißen ängstigen, ein Gespräch mit Peter Thiel zu führen.

Der Ausländer Raus Container von der Aktion im Jahr 2000

Diese Aktion hat Schlingensief Anfeindungen von wirklich allen Seiten gebracht. Natürlich in erster Linie von der FPÖ, aber auch von linken Gruppen, die ihm unter anderem Instrumentalisierung der Geflüchteten und Verharmlosung vorwarfen. Und das für einen Künstler natürlich schon super, denn es bedeutet, du hast dich zwischen sämtliche Stühle gesetzt, wo du von niemand vereinnahmt werden kannst und dich einer stringenten (=banalen) Interpretation entzogen. Tatsächlich sind Schlingensiefs Motive für mich bis heute auch schwer fassbar, ging es ihm wirklich um die Sache, wollte er provozieren, tatsächlich politisch etwas bewegen? Die Idee an sich ist ja in erster Linie mutig, an sich sind aber die Reaktion und die Partizipation von anderen fast interessanter als die Aktion selbst.

In der Ausstellung gibt es ein rund 20 Minuten langes Interview mit ihm zu diesem Thema (aufgenommen vor der Oper) anzusehen, was ich auch in voller Länge gemacht habe, und selbst danach war ich nicht wirklich schlauer, was aber dazu einlädt, sich noch mehr mit Schlingensief zu beschäftigen. Er ist für mich eine ziemlich ambivalente Figur.

Schlingensief im Interview vor der Oper, Juni 2000

Ansonsten stellt die Ausstellung Freakstars 3000 vor, eine Talkshow von Schlingensief mit Menschen mit Behinderung. Seine Hamlet Inszenierung mit aussteigewilligen Neonazis und Church of Fear, als Reaktion auf den Terroranschlag auf die Twin Towers und die Frage, wie sehr Angst die Menschen und die Gesellschaft als Ganzes beeinflusst. Und ob Angst so etwas wie eine Ersatzreligion geworden ist. Ich finde, gerade dieses Thema ist auch heute noch extrem gegenwärtig, weil die mediale Angstmache wirklich teilweise bizarre Blüten treibt. Das haben wir aktuell auch immer wieder mit dem Klimawandel. Bin kein “Leugner” (sowieso so ein bescheuerter Kampfbegriff) aber wenn uns zum Beispiel erzählt wird, es war im vergangenen Sommer viel heißer als wir das empfunden hätten, dann grenzt das für mich schon ein bisschen an Gaslighting. Und was genau bringt es, Herausforderungen in der Welt mit Angst zu begegnen? Da hätte Schlingenschief viel zu tun und ich wäre gespannt, wie er sich diesem Thema genähert hätte.

Das wäre doch ein Spruch für die Kandidatinnen und Kandidaten zur ORF Generaldirektorwahl

Die Ausstellung als solche fand ich sehr interessant gemacht, im Sinne von: es gibt recht viel Informationen und die Exponante von damals zu sehen, aber gleichzeitig ist sie ziemlich spartanisch und auch irgendwie so gestaltet, dass sie sehr unbequem wirkt, also es hat visuell nichts anheimelndes. Das passt dazu, dass Schlingensief Kunst nicht als Antwort sah, sondern als Prozess des immer wieder Hinterfragens, was mir ja wieder sympathisch ist.

Im Museumsshop habe ich in Schlingensiefs Krebs-Tagebuch hineingelesen und es mir gleich in der Bücherei ausgeborgt, zusammen mit zwei anderen Werken von/mit ihm.


Danke liebe A. für die Anmerkung, dass man mit der NÖ Card das MAK gratis besuchen kann und es auch Ermäßigungen mit der Stadt Wien Card gibt. Auch für Öffi Jahreskartenbesitzer.

Im MAK, eins

Machen wir wieder ein Ratespiel, wo ich heute war?

Okay, das war nicht schwer zu erraten, nachdem ich den Blogpost ja schon dementsprechend benannt habe, harhar

Im MAK gibt es Dienstag Abend verbilligten Eintritt ab 18 Uhr (unbezahlte Werbung) und da ich heute zufällig dran gedacht und auch Zeit hatte, habe ich die Gelegenheit genutzt. Eigentlich wollte ich mir ja primär die Festwochen-Plakate Ausstellung anschauen, weil mich die schon als Kind sehr fasziniert haben. Bis ich diese Ausstellung gefunden hatte, ist allerdings schon etwas Zeit vergangen – Beschilderung im MAK einfach eine 0 von 10, aber vielleicht soll das so sein, wegen Kunst und so, Verstörung und intendierte Orientierungslosigkeit, um einen zu sensiblisieren, I don’t know. Also um euch Zeit zu sparen, sie ist quasi im Keller und nur so ein kleiner Gang mit wenig Erläuterungstexten leider. Aber die Plakate sind trotzdem super.

Bei dieser Festwocheneröffnung war ich tatsächlich damals mit meinen Eltern und deren Freunden und eine Freundin von mir war auch dabei; ich war zwölf. Und ich habe diese als sehr beeindruckend in Erinnerung, auch wenn ich mich nicht mehr an Details erinnern kann, außer daran, dass teilweise Musik vom Burgtheater kam und dann wieder vom Rathaus und wir uns immer hin und her gedreht haben und das Gefühl hatten, wir sind bei einer ganz großen Sache dabei. Rückblickend staune ich, dass mein Papa auf irgendeiner Veranstaltung des quasi “roten Wien” war – ich werde jetzt nicht schreiben, wie er das tatsächlich genannt hat, harhar – obwohl oder gerade weil er an sich aus einem “roten” Haushalt kam.

Anyway, dieses Plakat fand ich damals auch sehr gut:

Es gibt dann auch noch einen Mozart, der die Augen verdreht

Aber mein Lieblingssujet ist das von 2005, ich weiß, dass ich damals sehr viel Zeit damit verbracht habe, über diese drei Plakatstrecken nachzudenken, weil ich sie auch nicht hundertprozentig verstanden habe:

Keine Ahnung, was das über mich aussagt, dass mich das fasziniert hat, aber das ist ja das Schöne an der Kunst, dass man sie nicht immer erklären können muss. Das gilt übrigens auch insbesondere für die zweite Ausstellung im MAK, die ich mir heute angeschaut haben, nämlich die über Christoph Schlingensief namens “Es ist nicht mehr mein Problem”. Aber dazu ein anderes mal mehr. Auch darüber muss ich erst noch ein bisschen reflektieren.

Heimfahrt dann so:

Blick aus der Schnellbahn

Dann müde aufs Sofa gelegt und diesen Blogpost geschrieben.

Kampf der PED

Montag nach dem Grand Finale setzt natürlich bald einmal die PED ein, die Post Eurovision Depression. Aber dagegen kann man einiges machen. Und mein Rezept dagegen ist immer Film und Literatur.

Seit einigen Tagen läuft ja das Cannes Filmfestivat und Uncut berichtet in seinem Cannes Schwerpunkt sehr informativ und kurzweilig darüber. Marie Kreutzers neuer Film Gentle Monster hatte eben Premiere, ebenso Almodovars Amarga Navidad, diesmal wieder mit spanischen Darstellern. Sandra Hüller, die ich als Darstellerin sehr mag, wurde anlässlich der Premiere von Vaterland gefragt, ob sich Deutsche wegen der Nazis immer noch schuldig fühlen (sollen) und sie sagte: “Yes, I feel the guilt every day. And also I never get bored of it, to feel the guilt because it’s necessary to act right.” Sich der Vegangenheit und Geschichte bewusst sein ja unbedingt, aber schuldig fühlen, für etwas, das 40 Jahre vor der eigenen Geburt stattgefunden hat? Weiß nicht, wem das irgendwas bringen soll, aber die Frage an sich war auch schon saublöd. Vielleicht sollte man in so einem Fall einfach sagen, auf so blöde Fragen antworte ich grundsätzlich nicht.

Ein anderer Uncut Kollege hat gerade die Odyssee zu lesen begonnen, weil im Sommer kommt natürlich Christopher Nolans Adaption dieses Werkes von Homer in die Kinos. Der Kollege meinte, es liest sich besser als erwartet, was ich toll finde, weil ich bin schon nach zwei Sätzen auf Wikipedia ein kleines bisschen überfordert und tue mir mit solchen Stoffen ehrlich gesagt schon ziemlich schwer. Aber ich habe mir auch bei Oppenheimer gedacht, wen außer Physikerinnen und Physiker soll das interessieren, was theoretische Physiker (weniger -innen) drei Stunden miteinander reden. Und dann wars ein ungeheuer spannender Blockbuster, weil das Nolan schon sehr gut kann, sperrige Stoffe publikumswirksam aufzubereiten.

Ich selbst lese tatsächlich gerade etwas anderes und das mit großer Freude, in Vorbereitung auf den Film Late Fame, der nächste Woche anscheinend ausschließlich im Gartenbau zu sehen sein wird. Late Fame beruht nämlich auf Arthur Schnitzlers Novelle Später Ruhm, ein Werk, das ich tatsächlich noch nicht kannte, herausgegeben von Wilhelm Hemecker, bei dem ich in den 1990er Jahren einige Seminare auf der Uni besuchte. Im Film wird die Handlung vom Wien der Jahrhundertwende ins New York der Gegenwart verlegt (spannend!) Der immer erfreulich weirde William Dafoe spielt die Hauptrolle von Eduard bzw. Ed Saxberger, der in seiner Jugend einen Gedichtband verfasst hat und quasi 50 Jahr später von einer Gruppe junger Literaten wiederentdeckt wird.

Es gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen, mich mit solchen Querverbindungen Buch/Film zu beschäftigen, aber auch zum Beispiel Filme zu vergleichen, die denselben Stoff haben. Vor einigen Jahren habe ich mir alle möglichen Gefährliche Liebschaften Verfilmungen angesehen und danach so tolle Gespräche mit jemand geführt. Daran erinnere ich mich ur gerne.

Lena Dunham

Was die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Lena Dunham betrifft, zäume ich jetzt das Pferd quasi von hinten auf.

Im vergangenen Sommer habe ich ja Too Much gesehen, die damals neue Mini-Serie von Dunham, und ich fand sie echt ziemlich schrecklich, sorry. Sehr unsympathische Charaktere, sehr woke, auch, ganz ehrlich, nicht besonders witzig. Ich weiß aber auch, dass sie mit der Serie Girls einen riesen Erfolg hatte. Die Serie, die von 2012 bis 2017 lief, habe ich aber nie gesehen, es war irgendwie damals keine Zeit fürs Serienschauen und außerdem waren die Protagonistinnen alle mindestens zehn Jahre jünger als ich und hatten kein kleines Kind. Es hat nicht mehr so in mein Leben gepasst wie Jahre zuvor Sex and the City.

Vor kurzem hat Dunham ihre Biografie Famesick veröffentlicht, und das war echt überall in meiner timeline. Es ging auch irgendwie um Adam Driver, ihr Co-Star in Girls. Ich bin bei den Artikeln hängen geblieben. Weil Lena Dunham auch irgendwie ein bisschen “lost” wirkt und, ich sage wie es ist, extrem zugenommen hat. Und ich denke mir, da muss was dahinterstehen. Ich habe auch in Zeiten der Trauer in meinem Leben zugenommen, vor fast vier Jahren acht Kilo, habe diese aber wieder abgenommen (aber kein Gramm mehr, wie gemein, harhar). Mich interessieren Menschen, die durch Krisen gehen, weil ich wissen wie, wie sie damit weiterleben.

Jedenfalls habe ich jetzt entdeckt, dass es Girls auf einem meiner Kanäle streamt und ich dachte mir na gut, schaust du den Piloten. Ich war der Meinung, ich würde vielleicht gar keine ganze Folge schaffen, weil wenn mir was nicht gefällt, breche ich schnell wieder ab. Aber siehe da: Die Serie ist super, ich war sofort “hooked” und habe mittlerweile die ganze erste Staffel gebingt, *hüstel* Was ich jetzt schon sagen kann: Diese Serie hat alles das, was Too Much meiner Meinung nach fehlt.

Ich arbeite mich da jetzt rein, ich habe vor, alle fünf Staffeln zu sehen, und zwar ohne mich selbst zu spoilern, weil man könnte natürlich den ganzen Inhalt auch schon vorab lesen. Und ich habe mir ihr Buch Famesick bestellt. Ich werde weiter berichten, harhar.