almis personal blog

ESC Finnland 26

Jetzt kommen wir zu einem diesjährigen Geheimtipp oder wie nennt man das, wenn alles sagen, das gewinnt? Ach ja, Favorit. Harhar. Finnland ist tatsächlich dieses Jahr der Favorit auf den ESC Sieg. Die Nerds wünschen sich schon lange einen ESC in Helsinki, weil Schweden kennen sie in- und auswendig, und diesmal stehen die Chancen richtig gut.

Was ist zu Finnland als ESC Nation zu sagen? Nun was für die tschechische Republik eine gewisse Subtilität, ist für Finnland der Holzhammer. Zimperlich sind die meisten finnischen Beiträge zumindest des letzten Jahrzehnts nicht gewesen, allen voran natürlich Käärijä mit Cha Cha Cha, ein richtiger Fan Favorit und sofortiger Kultsong, der sich am Ende nur Loreen geschlagen geben musste. Aber auch Blind Channel (nicht mein Geschack) mit Dark Side waren laut. The Rasmus wurden mit Jezebel aus der Versenkung geholt und vom letzten Jahr ist uns Erika Vikman noch in sehr lebhafter, brachialer Erinnerung. Der einzige finnische Siegersong bisher, Lordi mit Hard Rock Hallelujah aus dem Jahr 2006, war ebenfalls ein Kracher.

Dieses Jahr tritt Finnland mit einem, wie könnte es anders sein, Castingshow Teilnehmer namens Pete Parkkonen an, flankiert von der Stargeigerin Linda Lampenius. Zwischen den beiden liegt übrigens ein Altersunterschied von 20 Jahren und im Merci Cherie Podcast meinte jemand, das sähe man ihnen gar nicht an. Da möchte ich hinzufügen: Ja, aus zehn Metern Entfernung nicht. Wenn man etwas näher kommt, sieht die Sache ein bisschen anders aus, harhar.

Alkis meinte im Podcast auch, die Violinistin wäre etwas unterfordert, was ihre Aufgabe hier betrifft. Aber egal, denn wie wir aus Love Love, Peace, Peace, der Handlungsanleitung zum Schreiben eines ESC Siegersongs wissen: “Nothing says winner like a violin, trust me, bring a violin.” Mir fallen mindestens vier Siegertitel mit Geigenbegleitung ein. Und dazu heißt der Song übersetzt auch noch “Flammerwerfer”, also wieder mal das Element Feuer im Titel. Der für nicht-Finnen ziemlich unaussprechliche Titel ist vielleicht das stärkste Handicap dieses Beitrags.

Der Song ist jedenfalls ziemlich catchy. Ich wusste nicht, dass man so aggressiv Geige spielen kann. Dazu lange blonde Extensions (würde ich sagen), ein silbernes “Kleid”, er im existentialistischen schwarz, das Hemd nachlässig geknöpft, irgendwann fängt es auf der Bühne zu brennen an…Das ist alles mögliche, nur kein Understatement. Es ist jetzt nicht so, dass der Song nach meinem Herzen greift, aber ganz entziehen kann ich mich dem ganzen Drama auch nicht.

The Drama

Diesmal hat es Kristoffer Borgli geschafft und aus einer echt spannenden Prämisse auch einen ziemlich guten Film gemacht. Noch mal zur Erinnerung die Ausgangslage:

Emma (Zendaya) und Charlie (Robert Pattinson) sind ein junges Paar, das kurz vor der Hochzeit steht. Bei einem Probeessen mit dem befreundeten Paar Rachel (Alana Haim) und Mike (Mahmoudou Athie), die auch die Trauzeugen sind, hat Rachel die Idee, dass jeder der Anwesenden das Schlimmste erzählen soll, was er jemals getan hat. Nachdem alle von ihren nicht so besonders netten Geschichten berichtet haben, die aber irgendwie als “Jugendsünde” durchgehen können, kommt Emma an die Reihe. Und was Emma erzählt ist… ARG

ACHTUNG SPOILER – ABER DAS GEHEIMNIS AN SICH WERDE ICH NICHT VERRATEN

Es ist starker Tobak. Es ist definitiv nichts, was man so einfach wegwischen kann. Deshalb stürzt Charlie auch zurecht in eine gewisse Krise, bei der er hinterfragt, ob er Emma mit diesem neuen Wissen überhaupt richtig kennt und in Folge dessen: ob er sie noch heiraten kann oder will.

Ich mag an diesem Film, dass Borgli wirklich ein Thema anrührt, wo die meisten Menschen nachzudenken und zu diskutieren beginnen. Mir ging es auch so. Weil es eben nicht nur eine Handlung im Affekt war, wo man halt einmal eine Aussetzer hatte, sondern es geht viel viel tiefer. Und der Diskurs, der seitdem auf Social Media geführt wird, ist auch interessant. Die Entscheidung nämlich, dass hier eine Frau ein solches Bekenntnis ablegt, sorgt für, würde ich sagen, mildernde Umstände und manchmal sogar Verständnis, weil es ist ja schon 15 Jahre her und wer hat nicht seltsame Ideen als Jugendlicher. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Diskurs in eine komplett andere Richtung gehen würde, hätte Charlie dieses Geständnis gemacht, vor allem in der heutigen Zeit der viel zitierten “toxischen Männlichkeit”. Und insofern finde ich schon alleine diese Doppelstandards sehr bemerkenswert.

Ich glaube, das ist der erste Film, wo mir Pattison richtig gut gefällt, Zendaya noch besser und am prägnantesten ist vielleicht Alana Haim – die auf Social Media auch schon leidenschaftlich gehasst wird, ein gutes Zeichen – als “bitchy” Freundin nämlich, die sich nach dem von ihr initiierten Outing als eine Art höhere moralische Instanz generiert. Das ist zuweilen wirklich unangenehm anzuschauen, weil sie sich in keiner Weise darum bemüht, herauszufinden, warum Emma das getan hat, sondern nur scharf darüber urteilt. Und natürlich hat Rachel diesen ultranetten und verständnisvollen Mann, der immer versucht, auszugleichen, er hat mir ein bisschen leid getan harhar.

Ist das die Rückkehr der RomCom mit einem Twist? Ja schon. Denn dieser Film ist abseits dieses großen Themas stellenweise wirklich auch süß und ziemlich witzig, ich sage nur Hochzeitsfotografin, die ein vollkommen derangiertes Paar vor sich hat (ohne natürlich den Grund zu kennen) und Stimmung machen soll oder auch die Szene mit Charlies Assistentin, der er sich anvertraut, was in einer ziemlich bizarren Situation endet. Jedenfalls ist das Borglis stringentester Film bis dato und nicht so zerfasert und nihilistisch wie die Vorgängerwerke.

P.S Heute hab den Film mit den Kids nochmal gesehen. Gefällt definitiv auch der U20 Zielgruppe.

ESC Tschechische Republik 26

Nachdem ich wieder eine persönliche Nachricht von Marco Schreuder bekommen habe, meine Top 10 des heurigen ESC zu schicken, wurde es jetzt wirklich Zeit, mir die Songs genauer anzuhören, was für mich jedes Jahr Überwindung bedeutet. Im Gegensatz zu neue Filme anschauen ist neue Musik anhören für mich echt Arbeit. Aber ich kann jetzt sagen, einer meiner Favoriten kommt heuer einmal mehr aus der Tschechischen Republik.

Erst seit 2007 überhaupt dabei, zeichnet sich dieses Land seit einigen Jahren durch kontinuierlich ambitionierte Beiträge aus, die allesamt in Richtung Indie-Pop tendieren, was vielleicht eh mein Lieblings-Musikgenre ist. Da gabs die Band Lake Malawi mit Friend of a Friend, deren recht umständliche Lyrics unter anderem davon erzählen, wie die Nachbarn beim Sex belauscht werden; für dieses durchaus interessante Thema ist mir der Song dann fast ein bisschen zu eingängig, harhar. Dann kam We are Domi mit Lights Off, ein mystischer Song mit Elektroanklängen, mit dem Video hätte George Orwell auch seine Freude gehabt. Und den 2023er Beitrag My Sister’s Crown von der Frauenband Vesna liebe ich ohnehin sehr, weil er so strange klingt und so außergewöhnlich aufgebaut ist, ich habs ja sehr gern, wenn wild durcheinandergesungen wird, und die Band gefühlt irgendwas ganz anderes dazu spielt.

Dieses Jahr singt ein gewisser Daniel Zizka den Song CROSSROADS, und es geht da, wie ich das interpretiere, um die Struggles des Erwachsenwerdens. Eine Freundin sagte einmal bei einer Lesung zu mir, diese Themen interessieren sie nicht mehr, weil “das hab ich hinter mir”, harhar und das ist schon auch wahr. Allerdings steht man ja auch später im Leben immer wieder mal an Weggabelungen oder wird vom Schicksal gegen den eigenen Willen in Richtung solcher befördert.

CROSSROADS ist jedenfalls ein Song, der sich drei Minuten lang ziemlich erfolgreich dagegen wehrt, von so etwas wie einem herkömmlichen Refrain oder sonst einer auch nur irgendwie eingängigen Melodie vereinnahmt zu werden. Es ist gleichzeitig ein Slow Burner und ein Grower, oder wie William von den ESC Nerds wiwibloggs zutreffend feststellt: “This is very unusual for a Eurovision song”. Ob die Leute am Abend des Grand Finals (oder erstmal des Semis) die Geduld dafür haben, weiß ich nicht, ich weiß nur, Zizka hat für mich eine künstlerische Vision und ich finde das einfach schön, sehr stimmungsvoll.

Project Hail Mary

Hier kommt nun der Überraschungsmegaerfolg des bisherigen Jahres, der bereits 420 Millionen Dollar eingespielt hat und wie alle wissen, bin ich ja ein großer Blockbuster-Fan, harhar. Aber an dem Film gibt es tatsächlich kein Vorbeikommen und prinzipiell tut es dem Kino gut, wenn viele Menschen ein solches besuchen. Project Hail Mary (zu deutsch: Der Astronaut) ist die Verfilmung des gleichnamigen Roman von Andy Weir, der ja mit The Martian schon mal ein später verfilmtes Buch verfasst hat, wo ich den Film sehr mochte.

Wieder einmal muss die Welt gerettet werden. Grob gesagt, ist durch eine Art intergalaktische Pandemie die Sonne vom Sterben bedroht und somit auch die Menschheit. Lediglich ein Stern im Sonnensystem ist anscheinend immun, weshalb die Taskforce der Vereinten Nationen unter Leitung der ostdeutschen Eva Stratt (Sandra Hüller) ein dreiköpfiges Team, Kapitän, Techniker und Molekularbiologe auf diesen Stern schicken möchte, um die Situation zu untersuchen. Der Haken daran: Rückfahrtticket gibt es aus logistischen Gründen keines. Ryland Grace (Ryan Gosling), der eigentlich Biologielehrer ist, aber eine der Materie verwandte und dem damaligen wissenschaftlichen Konsens widersprechende Masterarbeit verfasst hat, wird als externer Berater angeheuert, um diese Mission von der Erde aus zu begleiten…

ACHTUNG SPOILER MÖGLICH

Und es ist jetzt kein großer Spoiler, dass dieser Ryland letztendlich nicht auf der Erde bleibt, weil sonst würde der Film nicht Der Astronaut heißen, harhar. Ryland ist nachvollziehbarer Weise ganz und gar nicht einverstanden, er sagt – was nur im englischen Original funktioniert: “I am not an Astronaut. I put the “not” in Astronau(o)t.” Und hier muss man sagen, trifft der Film eine absolute Anti-Mainstream/ All-American-Hero Entscheidung und das hat natürlich meine vollste Sympathie, weil es den Film, die Figur so viel interessanter macht. Wie es dazu kommt, dass Ryland im All landet, das ist nämlich mehr Arthouse-Denke, und ich werde es jetzt nicht verraten, da Menschen in meinem Umfeld diesen Film noch immer nicht gesehen haben. Looking at you, A., weshalb ich auch meine absolute Lieblingsszene nicht spoilern kann. Zweite Anti-Mainstream Entscheidung: Es gibt keine Liebesbeziehung zwischen Protagonistin und Protagonist. Auch die Erzählweise des Filmes ist nicht linear, aber gut zu verfolgen.

Apropos Protagonisten. Pia Reiser hat im fm4 Filmpodcast zwei spannende Dinge gesagt: Erstens, sie verstehe nicht, wieso sich so viele Menschen für den Weltraum interessieren (harhar) zweitens, schon vor einiger Zeit: “Ich fürchte, wir verlieren Ryan Gosling an die Ironie”. Ryan Gosling war ja am Anfang seiner Karriere in düsteren bis absolut pessimistischen Feel Bad Movies unterwegs, von denen ich selbst nicht alle gesehen habe, weil ich das nicht aushalte. Aber aus der Indie-Ikone wurde spätestens mit La La Land jemand, der sich selbst auch gerne mit Augenzwinkern inszenierte, bis dann halt irgendwann gar nichts mehr Dunkles übrigblieb. Gosling ist aber, das zeigt dieser Film wieder, wirklich super darin, einen so richtig in die Handlung mitzuziehen, denn Project Hail Mary ist über weite Strecken eine One Man Show (plus naja Alien).

Sandra Hüller wiederum schickt sich an, als Deutsche eine Christoph Waltz-artige Karriere in Hollywood zu machen, nur hat sie ein bisschen mehr schauspielerische Range als dieser. 2023 wurde sie bereits für Anatomy of a Fall für den Oscar nominiert und spielte auch im Holocaustfilm done different The Zone of Interest die Frau eines hochrangigen Nazis. Hier ist sie eine ostdeutsche Wissenschafterin, und es ist so angenehm, einmal jemand zu sehen, der nicht operiert/gebotoxt/sonstiges ist und einfach ein “normales” Gesicht hat. Hüllers Mitwirken hier soll unterstreichen, dass diese Weltrettungsmission nationenübergreifend ist, weshalb am hier bereits erwähnten Karaokeabend auch Wind of Change und Pata Pata gesungen wird.

Insgesamt ist Project Hail Mary (was übrigens so viel heißt wie Himmelfahrtskommando) ein Sci/Fi-Wissenschaft-light Film, auch für nicht-Nerds nachvollziehbar, bildgewaltig, höchst unterhaltsam, erstaunlich rührend und voller popkultureller Referenzen (man beachte Rylands Cats T-Shirt) Auch wenn man zuweilen eine Menge Suspension of Disbelief braucht – die Szene in der Ryland im All aus einer Art Koma erwacht hat wahrscheinlich so viel mit medizinischen Realitäten zu tun wie Geburtsszenen im Film und TV und übrigens wie duscht man im All? – hat mich dieser Film echt positiv überrascht.

The Testament of Ann Lee

Mona Fastvold, die Regisseurin von The Testament of Ann Lee und ihr Mann Brady Corbet, der Regisseurs des Filmes The Brutalist arbeiten als kongeniales Duo. Gemeinsam verfassen sie Drehbücher, die dann jemals einer von ihnen als Regisseur in Szene setzt und das mit einem vergleichsweise geringen Budget – um die zehn Millionen Dollar. Ihre Filme sehen aber gleichzeitig erheblich teurer produziert aus, sind aber andererseits alles andere als Blockbuster-Material.

In The Testament of Ann Lee geht es um die Gründerin der Shaker Bewegung, nämlich eben Ann Lee (Amanda Seyfried), die im 18. Jahrhundert in Manchester aufwuchs und bald als zweiter Messias galt, und vor allem um ihren Auszug nach Amerika, um dort neue Gläubige zu gewinnen…

SPOILER MÖGLICH

In der letzten Oscar Season wurde beklagt, wieso The Testament of Ann Lee quasi übersehen wurde, während Fastvolds Mann voriges Jahr durchaus viele Nominierungen für The Brutalist erhalten hat. Und das obwohl das ein durchaus anstrengender und 215 Minuten langer Film war. Stofflich scheint es Parallelen zu geben: Im beiden Filme ziehen Menschen ins vermeintliche “land of the free” und werden von diesem bitter enttäuscht. Beide Protagonisten sind nicht sehr zugänglich und tragen egomanische Züge. Was war also bei Ann Lee los? Da kommt immer das eher fade Argument, ja weil eben eine Frau Regie führt und die gerne übersehen werden. An das glaube ich persönlich kaum, habe mich aber selbst auch gefragt, warum dieser Film auch bei mir so wenig Eindruck hinterlassen hat.

Und nach langem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen: Es gibt keine wesentliche Charakterentwicklung bei Ann Lee und plottechnisch passiert auch so gut wie nichts aufregendes. Das bedeutet, um diesen Film zu mögen, müsste man hineingezogen werden in das, was Ann Lee auch ist, nämlich eine Art Musical. Hier wird viel gesungen und getanzt, die Hände werden ekstatisch zum Himmel gereckt, bei Tag und Nacht, sogar bei Sturm auf einem Schiff. Und wenn man da reinkippt, kann ich mir vorstellen, dass er Film einen packt und man richtig mitlebt. Wenn man aber außen vor bleibt, dann sieht man sich das emotional unbeteiligt an und denkt sich: Irgendwie merkwürdig. Und so ging es mir: Ich saß die ganze Zeit da und dachte mir. Irgendwie merkwürdig, harhar.

Nun wirkt die Religion (oder Ideologie) der Shaker eigentlich fast modern. Frauen und Männer sind gleichgestellt. Die Menschen leben im Einklang mit der Natur. Sie lehnen Gewalt komplett ab. Klingt ja ganz reizvoll, wäre da nicht ein aber. Nachdem Ann Lee Sex von Kindheit an ekelhaft findet, ist den Mitgliedern der Shakern dieser verboten, und zwar auch Ehepaaren. Und hier stößt die Begeisterung natürlich an gewissen Grenzen, harhar. Außerdem ist es der Verbreitung der Religion streng genommen nicht unbedingt zuträglich, wenn sie selbst keinen Nachwuchs produziert. Deshalb gab es – wie einen der Film im Abspann informiert – im Jahr 2025 nur noch zwei (!) Mitglieder.

Und mehr hab ich dazu leider nicht zu sagen.

The Bride

Ich bin wieder mal aus meiner Komfortzone rausgegangen und habe mir The Bride angesehen. Eine Figur aus dem Frankenstein Umfeld, das mich ja bekanntermaßen nicht besonders interessiert, aber ich hatte die Hoffnung, dass die zweite Regiearbeit von Maggie Gyllenhaal, die man ja vor allem als Schauspielerin kennt, irgendwas ganz neues interessantes aus dem Stoff macht, im Gegensatz zu Guillermo del Toro erst kürzlich, der ja einen sehr klassischen Zugang gewählt hat.

Worum geht es also? Zunächst spricht Frankenstein-Autorin Mary Shelley (Jessie Buckley) quasi meta-mäßig zu uns. Ihr zu früher Tod hätte verhindert, dass sie uns mehr über die Figur “The Bride” erzählt, die ja irgendwie nur als Fußnote vorkommt. Nun soll Abhilfe geschaffen werden. Wir befinden uns mittlerweile, warum auch immer, im Jahr 1936. Frankensteins Monster (Christian Bale) ist einsam und sucht eine Gefährtin. Er wendet sich an die nerdige Wissenschafterin Dr. Euphronious (Annette Benning) und bittet sie, die vor kurzem erst verstorbene Ida (auch Jessie Buckley) für ihn zum Leben zu erwecken…

SPOILER MÖGLICH

Im Kino hab ich merkwürdiges erlebt: Ich sah diesen Film im eher spärlich besuchten de France und hatte so viele Fragen, die permanent mehr wurden. Beispielsweise saß hinter mir eine junge Frau, die immer wieder einmal gelacht hat und ich habe mich jedes einzelne Mal gefragt, lacht sie, weil sie die Szene gerade witzig findet oder ist es ein ironisches Meta-Lachen. Und ich finde, das sagt schon recht viel über den Film aus.

Während Christopher Nolan aus dem Stoff rund um die Comicfigur Batman einen extrem starkes, dreiteilige Neo-Noir Drama gemacht hat, dass nur noch mit genauem Blick als Genrewerk zu erkennen ist, geht Gyllenhaal (die übrigens in eben dieser Nolan Trilogie mitgespielt hat) quasi den umgekehrten Weg und macht aus dem dunklen Frankenstein Stoff eine schrille und stark überzeichnete Graphic-“Novel”. Das ist irgendwie reizvoll, irgendwie lädt es aber auch dazu ein, den Film von der humoristischen Seite aus zu rezipieren, was ja okay wäre, sich aber damit beißt, dass der Film sich selbst oft so wahnsinnig ernst nimmt. Etwa in seinem, sagen wir, 1990er Jahre Feminismus, in dem es vor allem darum geht, wessen fu***** Bride Buckley nun sei, also wem sie “gehöre” und anderen formale Spitzfindigkeiten. Als Dr. Euphronius die Bride zum Leben erweckt und ihr Frankensteins Monster quasi als Love Interest schmackhaft machen will, meint the Bride: “Then why don’t you marry him?” Ich finde das eine durchaus berechtigte Frage.

Gyllenhaal mixt hier (zu)viele verschiedene Elemente zusammen: Es gibt einen Subplot um einen Mafiaboss, der Frauen die Zungen aus dem Mund schneidet, und dem das Handwerk gelegt werden soll. Es gibt die Stimme von Mary Shelley aus dem Off, die irgendwo zwischen semantisch-philosophischer Auslotung von Sprache und extremer Wortfindungsstörung changiert. Und es gibt das Detektivpaar Myrna (Penelope Cruz) und Jake (Peter Sarsgaard), das ein einziges 1930-er Jahre Klischee in Aussehen, Habitus und Funktion ist, mir als Element aber, dank der guten Chemie der beiden Schauspieler miteinander, dennoch am besten in diesem Film gefallen hat. Während Christian Bale, der zweifellos ein toller Darsteller ist, hier komplett verloren erschien, so als wisse er auch nicht genau, was er hier eigentlich macht.

Fazit: Während die erste Regiearbeit von Gyllenhaal, The Lost Daughter, ein sehr ruhiger, durchaus auch ein bisschen sperriger Indie-Film war, den ich persönlich ziemlich gerne mochte, überhebt sie sich hier sowohl im Genre und auch in der Thematik. Ihre Begabung schimmert aber immer wieder durch. Ich hoffe, sie macht weiterhin Filme, gleichzeitig muss es aber nicht noch mal ein Comic-Zugang sein finde ich, harhar.

Pre-Oscar

Heute noch schnell gediegen bei Wolfgang Puck in Los Angeles mittaggegessen…

…na gut, es war doch eher Drei Linden am Rosenhügel, harhar. Aber es war sehr gut!

Und:

Ich habe jetzt 10/10 Filmen, die in der Kategorie “Best Film” nominiert sind gesehen, also in Worten alle! Harhar. Das wäre vor einigen Jahren noch nicht möglich gewesen. Da kamen die Filme teilweise erst Monate nach den Oscars bei uns ins Kino, wenn überhaupt. Wobei ganz stimmt es nicht: Frankenstein und Train Dreams waren nur in Einzelvorstellungen zu sehen. Solche Filme – auch wenn ich die beiden jetzt nicht so besonders mochte – gehören auf eine große Leinwand und zwar nicht nur einmal.

Ich habe auf Uncut auch meine Oscar-Prognose abgegeben, aber sind wir uns ehrlich, das ist heuer ein reines Ratespiel. Außer beste Hauptdarstellerin sind alle großen Kategorien mehr oder weniger offen. Die Erzählung, dass Timothée Chalamet mit seinen Aussagen zu Ballett und Opern seine Chancen geschwächt hat, sind auch Schwachsinn, er sagte das am letzten Tag der Abstimmungsfrist. Und außerdem soll man ja seine Leistung beurteilen und nicht, wie sehr man mit seinen Ansichten übereinstimmt oder wie sympathisch er einem ist.

Da rede ich natürlich wieder groß, obwohl ich ja auch damit kämpfe, dass ich Sean Penn so überhaupt nicht (mehr) leiden kann und ihn in One Battle After Another dann auch nicht besonders gut fand, obwohl der Film insgesamt toll war. Und dann kommt er eh nicht und/oder schenkt Selensky seinen Oscar. Die Frage ist trotzdem, find ich ihn nicht so gut, weil er mir auf die Nerven geht? Oder kann ich (halbwegs) objektiv sagen, dass die anderen in der Kategorie besser waren? Jedenfalls stehe ich nicht alleine mit meiner Meinung:

Und jetzt bleib ich noch ein bisschen auf.

Oscar Countdown

In einer Woche findet die Oscarverleihung statt.

Nächstes Wochenende gibt es im Votiv und Gartenbaukino die Tage der nominierten Filme, nämlich die, die für “Best Film” nominiert sind. Und ich denke mir ja eh cool, aber ich habe halt alle schon gesehen. Und dann fällt mir ein: Halt, nein. Ich habe nicht alle gesehen. Mir fehlt immer noch F1 *hüstel*, der natürlich weder in dem einen noch im anderen Kino läuft. Ich muss den jetzt in den nächsten Tagen trotzdem noch irgendwo per Streaming halt in meinen Zeitplan reinquetschen.

Ja, wir haben immer noch eine gewisse Spannung im Szenario One Battle After Another versus Sinners (auf “deutsch”: Blood & Sinners). Mir haben ja beide Filme gefallen, wie heuer generell recht viel, im Gegensatz zu Wolfgang M. Schmitt, der auf Youtube den Kanal Filmanalyse hat (unbezahlte Werbung). Er findet nämlich, es sei ein eher schlechter Jahrgang. Aber gar nicht wegen F1, den er partiell lobt, vor allem seine Kameraarbeit, und der natürlich tatsächlich eh keine Chance auf den Oscar in dieser Kategorie hat.

Nein, Schmitt mag zum Beispiel – wie ich auch – Frankenstein von Guillermo del Toro gar nicht und hat das so gut formuliert, dass ich schon wieder fast neidisch bin, denn er sagt: “Del Toro nutzt die Frankenstein-Geschichte, um einmal mehr seinen Jahrmarkt der Kuriositäten und des Krimskrams (da musste ich sehr lachen!) aufzubauen. Vollgestopft ist jedes seiner marktschreierischen Bilder. Das ist keine Kunst und unterhaltsam ist es auch nicht”. Harte Worte, die aber nicht unzutreffend sind. Aber ich bin sowieso nie die Zielgruppe für solche Blut und Boden Werke, wie ich sie nenne. Ich habe es schon am liebsten, wenn ein Film in unserer heutigen Welt spielt und am besten irgendwas mit Künstlern, Liebe, (Familien)beziehungsproblemen zu tun hat, mit gewissem Humor erzählt ist, aber in der Sache hart ohne dabei bitter zu sein – mit anderen Worten: so etwas wie Sentimental Value, harhar.

Das ist natürlich fast Ragebait. Andererseits ist es schon wieder so übertrieben “offensive” von Chalamet zu behaupten, niemand interessiere sich mehr für Oper und Ballett, dass ich darüber lachen musste und wie gesagt, mir ist sowas lieber, als wenn Schauspieler ihre geopolitischen Einlassungen von Stapel lassen. Die mit den Katzen ist übrigens Jessie Buckley, sie hat ihrem Freund das Ultimatium gestellt: Ich oder die Katzen.

Was in den nächsten Tagen in der Bubble auch noch diskutiert wird: Geht der Oscar an Menschen, für das beste Schauspiel oder für das meiste Schauspiel. Oft ist es eher letzteres, deshalb wird Sentimental Value wohl auch leer ausgehen.

Father Mother Sister Brother

Wie erwähnt, habe ich am Wochenende den jüngsten Film von Jim Jarmusch namens Father Mother Sister Brother gesehen, für den er voriges Jahr mit dem goldenen Löwen in Venedig ausgezeichnet wurde. Übrigens ein Jahr nach Pedro Almodovar und das Witzige ist, ich habe beide Regisseure in den letzten 30 Jahren quasi begleitet, ich kenne fast alle Filme von beiden.

Father Mother Sister Brother ist ein Triptychon oder anders gesagt ein dreiteiliger Episodenfilm. Im ersten Teil wird ein Vater von seinem erwachsenen Sohn und seiner Tochter besucht, im zweiten Teil eine Mutter von den Töchtern. Der dritte Teil schließlich zeigt ein Zwillingspaar, das nach dem Unfalltod ihrer Eltern deren Wohnung räumen muss und über “Familienverhältnisse” nachdenkt…

Menschen, die Geschichten mit einem klaren Anfang und Ende, mit einer Aussage oder einer “Botschaft” mögen, waren mit Jim Jarmusch immer schon ziemlich schlecht bedient, obwohl er mit den Jahren schon zugänglicher und auch erheblich kommerzieller geworden ist. Seine ersten Filme sind ja weitgehend dialog- und handlungslos. Es geht aber nach wie vor sehr viel um Stimmungen, um Ungesagtes, um Dinge, die zwischen Menschen passieren, ohne, dass man diese so richtig fassen kann.

So ist die erste Episode, nämlich Father, zugleich voller leisem Witz, aber auch ziemlich unangenehm für den Zuseher. Weil dauernd nach einer Möglichkeit zur Kommunikation, zu Anknüpfung gesucht wird, dies aber schmerzhaft ins Leere läuft. Zu verschieden scheinen der akkurate Sohn Jeff (herrlich Adam Driver), die etwas verkniffene Tochter Emily (Mayim Bialik) und der “Hippie” Vater (Tom Waits) zu sein. Der Vater lebt irgendwo in der Pampa in einem heruntergekommenen Haus, scheint kaum Geld, dafür aber ein Alkohol/Medikamentenproblem zu haben. Alle Beteiligten haben irgendwie das Gefühl, sie müssten sich treffen und eine Art von Beziehung haben, tatsächlich sehen sie aber den Zeitpunkt herbei, in dem sie wieder ihr eigenes Leben führen können, in dem die “family relations”, auf die Tom Waits einmal anstoßen will – Driver daraufhin: “Can you toast with tea?” – keine Rolle mehr spielen müssen. Schön ist, dass diese Episode am Ende einen sehr unerwarteten Twist hat.

Auch die zweite Episode Mother erzählt von Entfremdung, wenn auch die Mutter (Charlotte Rampling) hier die Wohlhabende, nämlich eine Bestsellerautorin ist. Obwohl sie und ihre Töchter Lilith (Vicky Krieps, ich liebe ihre rosa Haare!) und Timothea (Cate Blanchett) alle in Dublin leben, sehen sie sich nur einmal im Jahr und wissen im Grunde nichts voneinander. Oder wie die Mutter am Anfang ihrer Therapeutin am Telefon sagt, sie freue sich zwar, die Töchter zu treffen, aber sie sollen “nichts aufwühlen”. Was sie damit meint, darüber kann man nur spekulieren. Jedenfalls ist es ein Irrglaube, dass man sich mehr zu erzählen hat, wenn man sich sehr lange nicht sieht. Im Grunde bleiben da nämlich nur die großen Meilensteine des Lebens über, wie hier “Ich wurde befördert” – “Ich habe tausend neue Follower”. Die vielen kleinen Details, die ein Leben ausmachen, die Kämpfe im Alltag bleiben außen vor, die Geheimnisse sowieso.

Die dritte Episode erzählt (endlich) von einer guten Beziehung, die der Zwillinge Billy (Luka Sabbat) und Skye (Indya Moore). Aber da sind die Eltern eben gerade gestorben. Zynisch könnte man bemerken, dass ihr Fehlen mehr Harmonie erzeugt, als die Präsenz der Eltern in den vorigen Episoden. Aber auch hier gibt es Brüche und Leerstellen. Es gibt außerdem wiederkehrende Motive in allen Episoden, beispielsweise die Farbe rot, eine Uhr, eine rätselhafte Redewendung, aber was man als Zuschauerin daraus macht oder nicht, ist Jarmusch, denke ich, komplett wurscht, harhar.

Wie gesagt, es gibt kein Fazit, es gibt nur dieses Gefühl, das nachschwingt, das irgendwie mit eigenen Erfahrungen und Beobachtungen resoniert. Die Figur von Adam Driver spricht einmal die recht platte Weisheit aus, dass man sich Familie nicht aussuchen kann, und so banal es ist, es hat wie alles Konsequenzen und macht uns (auch) zu der Person, die wir sind.

März

Heute bin ich das erste Mal im Garten in der Sonne gesessen. Dabei habe ich mir San Remo Songs angehört, gestern war ja Finale, ich bin um Mitternacht eingeschlafen und da wars natürlich noch lange nicht aus. Habe mich sehr darüber amüsiert, wie man den Siegertitel von Sal da Vinci namens Per sempre sì in der Facebook ESC Gruppe beschrieben hat, nämlich als “1970-ziger Schmalz mit Heiratsschwindler Vibes”. Harhar. Das ist so treffend, da bin ich immer etwas neidisch, wenn mir so etwas geniales nicht einfällt. Jemand anderer meinte: Viel Spaß in Caorle 1981, auch hübsch.

Blick in den Garten am 1.März

Dabei gab es auch sehr viele sehr moderne Songs zur Auswahl, etwa mein diesjähriger Favorit vom Duo Fedez und Marco Masini: Male necessario, Pop mit soften Rap-Anteilen. Der Titel bedeutet so etwas wie “Notwendiges Übel”. Finde ich auch total interessant. Und im Song gehts dann ums Aufknallen auf dem Boden der Tatsachen in irgendeinem Hotelzimmer und man hat gleich tausend Bilder und Assoziationen im Kopf. Richtig schön melancholisch und kraftvoll.

Am späteren Nachmittag bin ich dann ins Kino gefahren und habe mir den neuen Jarmusch Father Mother Sister Brother angesehen. Beim Hinuntergehen der Währinger Straße sind mir viele Menschen mit Iran-Fahnen entgegen gekommen, anscheinend, wie ich nachgelesen habe, gab es eine Kundgebung am Heldenplatz. Es ging dabei aber sehr ruhig und zufrieden zu, eine angenehme Begegnung. Der Film war ein typischer Jarmusch, auch sehr angenehm und ruhig und wie immer bei ihm komplett unspektakulär. Muss man mögen und ich mag es seit 30 Jahren.

Votivkirche, so schön!

Den Abend mit Sonntagszeitungen und Korrekturlesen verbracht. Guter Sonntag.