almis personal blog

Call me by your name

Das Setting von Call me by your name ist folgendes: Die Familie Perlman besteht aus dem Vater, einem Archäologieprofessor (Michael Stuhlbarg), der Mutter (Amira Casar), einer Übersetzerin, und dem 17 jährigen Sohn Elio (Timothee Chalamet). Die Mutter sagt, sie seien “Jews of discretion”; jedenfalls ist die Familie sehr gebildet, offen und mehrsprachig. Sie verbringt den Sommer in ihrer Villa “irgendwo in Norditalien” mit Hausangestellten und vielen Freunden, die auf Besuch kommen. Und wie jeden Sommer nimmt Prof. Perlman einen Doktoranden bei sich auf, der ihm bei Forschungsarbeiten assistiert. In diesem Jahr ist es der 24-jährige Amerikaner Oliver (Armie Hammer), der ein bisschen so aussieht wie die Statuen, über die Prof. Perlmann forscht und die, wie er sagt, so wirken “as they are daring you to desire them.” Elio findet Oliver anfangs sehr arrogant; bald muss er sich aber eingestehen, dass er Gefühle für ihn entwickelt…

Milde Spoiler möglich

Regisseur Luca Guadagnino gelingt es hervorragend, uns den Italo-Vibe der 1980er Jahre zu vermitteln. Wir schwitzen förmlich im klimatisierten Kinosaal, wenn wir die menschenleeren Piazze sehen, wo die Luft dampft, die alten Sommerhäuser, die Pinienwälder, die Seen, die Erfrischung versprechen. Es wird über den Tod von Luis Bunuel gesprochen, über die Regierung Craxi und wir hören Songs wie Words und Lady Lady Lady aus dem kleinen Radio von Elio kommen. Wir hören Elio aber auch Klavier und Gitarre spielen. Als Oliver ihn fragt, was er hier an diesem trägen Ort macht, “Read books, transcribe music, swim at the river, go out at night”. “Sounds fun”, sagt Oliver, und dann “Later” und verschwindet, wann immer er will. Das bringt Elio auf die Palme und er trifft sich häufiger mit Marzia, die in ihn verliebt ist. Eines Tages liest seine Mutter ihm eine deutsche Fabel vor, in dem es darum geht, ob man sagen soll, was man fühlt, auch wenn es gefährlich ist oder ob man lieber sterben will (ohne etwas gesagt zu haben).

Der Film hat sehr witzige Szenen, etwa wenn Professor Perlman Oliver auf die Probe stellt, indem er über die Wortherkunft von Aprikose (falsch) doziert und wartet, wie Oliver darauf reagiert. Oder wenn italienische Freunde zu Besuch sind, die sich über alles echauffieren und dann Oliver in die Diskussion über italienische Politik einbeziehen wollen. Der Mann wendet ein, Oliver sei Amerikaner, worauf seine Frau sagt: “Americano non vuol dire stupido” (das bedeutet nicht, dass er dumm sein muss.) Der Film hat sehr traurige Szenen, die ich nicht verraten will. Der Film hat einen irrsinnig guten, vielleicht den besten Vater-Sohn Dialog, den ich jemals in einem Film gesehen habe, und alleine dafür hätte Michael Stuhlbarg eine Nominierung für den Nebenrollenoscar verdient, weil er so sensibel, warmherzig und lebensklug, dabei aber auch verletzlich mit seinem Sohn spricht.

Einige Oscarnominierungen hat der Film dennoch bekommen wie bester Film, bester Hauptdarsteller (Chalamet, der seitdem eine beeindruckende Karriere hingelegt hat) und bester Song – Mystery of love von Sufjan Stevens, das 2018 tatsächlich mein meistgehörtes Lied war, weil es so schön traurig und meditativ ist. Für das Drehbuch von James Ivory – nach einer Romanvorlage von André Aciman – wurde Call me by your name dann auch ausgezeichnet.

Was Elio und Oliver erleben, erzählt von der Liebe selbst, nicht der homo- oder heterosexuellen, sondern von der Liebe an sich. Natürlich waren wir in den 1980er Jahren noch nicht dort, wo wir jetzt sind, Homosexualität wurde nicht so offen ausgelebt, noch nicht so akzeptiert. Vor allem Oliver hat diesbezüglich Skrupel. Die Analogie besteht aber darin, dass man, egal wen man liebt, immer zurückgewiesen werden kann, dass man sich einem anderen auch immer irgendwie ausliefert; dass das eigene Glück plötzlich so sehr mit einem anderen Menschen verknüpft ist, aber wie lange man letztendlich das Leben miteinander teilt weiß man nicht, man ahnt wie schlimm der Schmerz ist, wenn es einmal endet, dennoch riskiert man es. Diese Ambivalenz bildet der Film hervorragend ab.

Der Pfirsich

Gestern war ich im Kino und habe mir in der tollen Sommerreihe des Votivkinos Was wir lieben (unbezahlte Werbung) Call me by your name angesehen. Das Kino hat folgendes auf Instagram gepostet:

Ich weiß nicht, ob ich das sehr genial oder sehr verstörend finden soll. Harhar. Wahrscheinlich beides.

Wer neugierig ist, kann ja Film plus Pfirsich googlen, es ist ein kleiner Spoiler. Jedenfalls sah man daran, wie sorglos die Menschen mit den Pfirsichen umgingen, ob sie den Film schon kannten oder nicht.

Ich kannte den Film schon, ich habe ihn 2018 als er rauskam angeschaut, wollte ihn aber unbedingt nochmal im Kino sehen. Wie Pia Reiser unlängst im fm4 Filmpodcast gesagt hat, als es um Regisseur Luca Guadagnino ging: “Call my by your name halte ich für einen ziemlich perfekten Film.” Ich auch! Da stimmt einfach alles, Schauspieler, Drehbuch, Regie, Kamera, Musik, der Film ist genauso überzeugend witzig wie traurig. Und wenn es um eine homosexuelle Liebesgeschichte geht, bin ich eindeutig Team altes Landhaus in Italien und nicht Team Schafherde in Wyoming.

Morgen schreibe ich noch mehr dazu.

P.S Wen muss ich im Votivkino bestechen, dass in der Was wir lieben Reihe nächstes Jahr La La Land gezeigt wird?

Die Herrlichkeit des Lebens

Am Donnerstag war ich schon wieder im Kino. Diesmal mit M. Wir haben uns den Kafka Film Die Herrlichkeit des Lebens angeschaut.

M. kennt sich bei Kafka wesentlich besser aus als ich, denn sie hat auf der Uni ein Proseminar über Kafkas Briefe besucht, während ich mich für “Wahr spricht, wer Schatten spricht. Lyrik und Poetologie bei Paul Celan” entschieden habe. Ich habe das Proseminar wegen des Professors genommen und auch wegen des Titels. Aber ich habe zumindest im Frühjahr die Kafka-Serie von David Schalko mit Begeisterung gesehen.

Vor dem Kino waren wir im Cafe Stein hippe Erdbeer-Lemon-Sodas trinken, das liegt ja gleich neben dem Votivkino. Die Herrlichkeit des Lebens handelt vom letzten Lebensjahr Kafkas und seiner Zeit mit Dora Diamant. Laut M. gabs es wenige Briefe von den beiden, was daran liegt, dass sie fast immer zusammen waren, bis Kafka dann im Sanatorium gestorben ist. Es ist ein schöner, ruhiger und natürlich auch trauriger Film, ohne aber übertrieben auf die Tränendrüse zu drücken. Von der Tonalität war recht ähnlich wie die Serie, es wurde nur nicht so viel gehustet wie in der 6. Folge (die “Dora” heißt). Die Darsteller sind passend besetzt, sogar Manuel Rubey als Max Brod fand ich erstaunlich ok. Harhar. Ich bin leider echt kein Rubey Fan und ich mochte der Darsteller von Max Brod in der Serie – David Kross – am allerliebsten von allen, weil er so warmherzig-verschmitzt gespielt hat.

Nach dem Kino sind wir die Währingerstraße hinauf gebummelt und haben im Gastgarten vom Cafe Weimar noch etwas getrunken und geredet bis zugesperrt wurde. Ich habe mich daran erinnert, als ich das letzte Mal dort im Cafe war, in wunderbarer Gesellschaft. Das war vor irgendeinem Lockdown, zwischen Lachen und Weinen. Der Pianist hat Sweet Child of Mine und Hotel California gespielt und wir haben ihm viel Trinkgeld gegeben; eine Stimmung wie kurz bevor die Titanic untergeht und das Orchester dieses Faktum vergessen lassen will. Einer der schönsten Abende.

Davon habe ich M. erzählt, das tat gut, wie der ganze Tag.

Am größten ist das Glück, wenn es ganz klein ist. Deshalb würde ich, wenn ich mein Leben aufschreiben müsste, nur Kleinigkeiten notieren

Franz Kafka in einem Tagebuch

Hit Man – A Killer Romance, 2

Gestern hab ich geschrieben, dass Hit Man mir schon gut gefallen hat, aber auch seine Schwächen hat.

Ein Manko des Filmes ist, dass er nach zwei Drittel Laufzeit so etwas wie ein Plot hole hat. Wobei ich nicht weiß, ob das genau der richtige Ausdruck ist, aber jedenfalls passiert etwas, das für mich komplett unlogisch ist. Würde allerdings das in diesem Fall logische passieren, würde der Film an diesem Punkt wohl spannungslos zu Ende gehen, was natürlich dramaturgisch nicht funktioniert. Es ist aber auch schwierig, eine Handlung zu setzen, die einfach – zumindest für mich – überhaupt keinen Sinn ergibt, nur damit die Geschichte weitergeht.

Eine zweite Schwäche ist die weibliche Hauptdarstellerin bzw deren Charakterisierung. Mich wundert es nicht, dass Julie Delpy ihre Texte in der Before-Reihe zum Teil selbst geschrieben hat, denn Linklater hat vielleicht nicht das beste Händchen dafür, eine Frauenfigur facettenreich zu zeichnen. Madison ist natürlich sehr attraktiv, das ist aber kein Grund, sie quasi nur von einem männlichen Blickwinkel aus zu schildern, als wäre sie eine Phantasie von Gary. Madison ist als Figur seltsam unterkomplex. Von Gary erfahren wir quasi alles – vom Grund, weshalb seine Ehe gescheitert ist bis hin zu den Namen seiner Katzen; Madison scheint dagegen überhaupt keine Geschichte vor der Begegnung mit Gary zu haben, keine Eigenschaften, keinen wirklichen Charakter. Sie ist einfach diese hübsche, junge Frau, die irgendwann in Garys Leben tritt und das ist etwas dürftig, auch wenn es sich jetzt um keinen Ingmar Bergmann Stoff handelt.

Ein Thema von Hit Man ist auch, wie sehr und ob Menschen sich ändern können, oder ob sie quasi “stuck in themselves” sind. Ein Thema, mit dem sich Regisseur Linklater bereits länger beschäftigt und das er auch mit Filmen aufarbeitet, die sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren erstrecken. In der Before-Reihe geht es um eine Beziehungsgenese in einem Zeitraum von 18 Jahren, in Boyhood um Coming of Age (über 12 Jahre gedreht), derzeit arbeitet er an dem Film Merrily We Roll Along nach einem Musical von Stephen Sondheim, an dem Linklater jetzt quasi jährlich drehen wird, bis er circa 80 Jahre alt sein wird. Natürlich kann man sich in solchen Mammut-Projekten weitaus besser mit menschlicher Fähigkeit zur Weiterentwicklung widmen als in einer Rom Com, die sich nur über eine Zeitraum von ein paar Monaten erstreckt.

Als Komödie an sich funktioniert Hit Man aber schon gut. Ein Genre mit dem sich der zeitgenössischer Film seit einigen Jahren außergewöhnlich schwertut.

Hit Man – A Killer Romance, 1

Gestern war ich bei der Vorpremiere von Richard Linklaters Film Hit Man im Gartenbaukino.

Die Fahrt gestaltete sich schwierig. Die S-Bahn ist den ganzen Sommer von Floridsdorf bis Praterstern gesperrt. Dann wollte ich mit U6 und U4 fahren, nur um draufzukommen, dass auch die U4 teils gesperrt ist, beim Schwedenplatz. Also habe ich mich dazu entschlossen, unter anderem mit der Straßenbahnlinie 2 zu fahren, die, wie ich dort feststellen durfte, ebenfalls aktuell einen größeren Umweg fährt. Mein sehr oft sehr wütender Papa hat früher, wenn sich die Öffis verspätet habe, gerne böse in Anlehnung an die dementsprechende Wiener Linien Werbung gesagt: “Die Stadt gehört dir!” So hab ich mich gestern auch gefühlt, harhar.

Auf “Deutsch” heißt Hit Man übrigens A Killer Romance. Normalerweise sind solche Titeländerungen sinnlos bis störend, dieses mal muss ich aber sagen, dass der Zweittitel wesentlich mehr Hinweise darauf gibt, welche Art von Film man sehen wird als der eigentliche. Denn Hit Man klingt ja doch wie ein Thriller/Krimi, jedenfalls ernste Materie. Was es nicht (nur) ist. Es ist tatsächlich eine krimiartige Rom-Com, die Richard Linklater, gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Glen Powell, auf einem tatsächlichen Fall beruhend verfasst hat.

Die Prämisse ist, dass Gary Johnson, eigentlich Psychologieprofessor, nebenbei ein bisschen als Techniker für die Polizei arbeitet. Eines Tages fällt der eigentliche Fake Hit Man der Abteilung aus; jemand also, der sich als Auftragskiller ausgibt und damit Menschen, die einen Mord in Auftrag geben, überführt und ins Gefängnis bringt. Johnson wird angeheuert, ihn zu ersetzen. Anfänglich ist Johnson, der ein recht beschauliches Leben mit seinen beiden Katzen führt, sehr nervös, aber dann findet er Gefallen an seiner Aufgabe, so sehr, dass er für die Tätigkeit sogar mit Leidenschaft in verschiedene Rollen schlüpft, um sich besonders gut an seine “Auftraggeber” anzupassen, wie die sich einen möglichen Auftragskiller vorstellen, nach dem Motto: Who is your Hitman? Bis er von Madison (Adria Arjona) beauftragt wird, die ihm sofort (viel zu) sympathisch ist…

Im fm4 Filmpodcast wurde Hit Man sehr euphorisch besprochen. Zum Teil kann ich die Begeisterung teilen, wenn auch nicht vollständig. Die Passagen, die ich tatsächlich auch sehr gelungen finde sind die, in denen Gary Johnson in seine Rolle als “Hit Man” schlüpft. Wo er sich – psychologisch geschult – überlegt, wie sich ein typischer amerikanischer “Red Neck” einen Auftragsmörder vorstellt, im Gegensatz zu einer reichen und gelangweilten Ehefrau, zu einem Kleinkriminellen, etcetera. Johnson verändert dabei jeweils stark sein Aussehen, seine Kleidung, seinen Akzent, seine Geschichten. Er zwingt sich dazu, wie ein Auftragskiller zu denken “Think Hit Man thoughts!”, denkt er sich Voiveover-mäßig, und einfach total in seiner Rolle aufzugehen. Das ist schon sehr, sehr lustig und klug erzählt.

Es gibt auch eine Szene mit einem Handy, wo Pia Reiser meinte, das wäre die bester Einsatz eines Handys in einem Film seit The Departed. Das ist wirklich wahr, diese Szene ist unglaublich cool und witzig gemacht und man müsste sie eigentlich ein zweites Mal sehen, um alles zu verstehen, weil sie auch so tempo- und anspielungsreich gedreht ist. Schön ist besonders für Cineasten eine liebevoll gemachte Montage, in der kurze Clips aus anderen Hit Man-Filmen wie In Bruges oder Grosse Point Blank vorkommen.

Die Passagen, wo der Film für mich weniger gut funktioniert hat, die verrate ich morgen.

Vice versa

Das Kind knipst Max Verstappen auf dem Red Bull Ring in Spielberg, ich darf das Foto mit freundlicher Genehmigung des Fotografens herzeigen

versus

Ich schaue Ingeborg Bachmannpreis (aber natürlich auch bisschen Formel 1)

Apropos Bachmannpreis Bullshit Bingo. Eine Kandidatin hat sich nicht nur ins Jurygespräch eingeschaltet, sie hat sogar ihren eigenen Text erklärt. Das würde ich nicht machen. Einerseits weil ich nicht glaube, dass man das, was der Autor oder die Autorin sagen will, 1:1 herausfinden muss, andererseits, weil jeder Text auch mit dem Leser persönlich zutun hat, weil jeder seine ureigene Interpretation für sich selbst schaffen kann und soll. Ich nehme Möglichkeiten, wenn ich zu viel erkläre und auch ein bisschen den Zauber, den Literatur immer auch hat, im ein-bisschen-nebulosem.

Allerdings habe ich jetzt auch nicht die Befürchtung der Journalisten, die nach der Lesung dazu befragt wurden, dass das jetzt ein Dauerzustand wird, dass Autoren anfangen mit den Juroren über ihre Texte zu diskutieren. Die meisten Autoren schreiben lieber als sie reden, da bin ich ganz sicher, harhar.

Meryls Quiz

Gestern hatte Meryl Streep Geburtstag, was ich dadurch erfuhr, dass ich ungefähr zehnmal das gleiche Video in meiner Twitter Timeline hatte, in dem sie vor einigen Jahren in der Talkshow von Jimmy Kimmel zu Gast war und in einer Minute sämtliche ihrer Oscarnominierungen (damals 20, mittlerweile 21) aufzählen sollte.

Nun wirkt es wahrscheinlich überheblich, wenn man dann die Filme problemlos runterrattert, aber es hat wirklich so gewirkt als müsse sie nachdenken. Eingefallen sind ihr folgende Filme, in dieser Reihenfolge: The French Lieutenant’s Woman, Kramer versus Kramer, Silkwood, Sophie’s Choice, Out of Africa, A Cry in The Dark – wo Kimmel fälschlicherweise verneinte und sie dann: “What, why not?” Und er: “You were robbed!” Harhar. Also nach 1989 war ihr nichts in schneller Erinnerung, aber sie meinte, sie wisse eher Sachen, die vor 30 Jahren passiert sind, als was sie vergangenen Mittwoch gemacht hat. Also hat sie auch The Iron Lady nicht genannt, für den sie ja den Oscar tatsächlich auch bekommen hat, in jüngerer Vergangenheit. Dass es bereits ihr dritter Gewinn war, hat sie in ihrer Rede damals recht selbstironisch kommentiert:

“Oh my god, oh come on! Alright, thank you so much. When they called my name, I had this feeling I could hear half of America going: Oh nooo. Oh come on. Her? Again? You know…..but – whatever. (laughs)”

Meryl Streep bei den Oscars 2012

Es gibt übrigens eine Acceptance Speech Database, genial; aber das nur am Rande.

Kinds of Kindness

Nachdem die Hauptkritik zu Kinds of Kindness bei Uncut schon vorhanden war, habe ich eine Kurzkritik verfasst.

Some of them want to use you/ Some of them want to get used by you/ Some of them want to abuse you/ Some of them want to be abused

Mit den Worten von Eurythmics, die den Film auch eröffnen, erzählt Giorgos Lanthimos in drei Kapiteln alles andere als konventionelle Geschichten, vielmehr handelt es sich um eine Art freie Assoziationskette voll bizarrer, surrealer und grotesker Elemente. Dennoch können wir uns jeweils an einem vagen Handlungsstrang festhalten.

Emma Stone, Jesse Plemons, William Dafoe und Konsorten verkörpern unterschiedliche Menschen auf der Suche nach Liebe – oder dem, was sie dafür halten. Dabei spielt hässliche Freizeitkleidung ebenso eine Rolle wie zertrümmerte Tennisschläger, schlecht gezogene Lidstriche, Amateurvideos, riskante Fahrmanöver und eine Prosektur.

Lanthimos interessiert sich dabei aber nicht für die Psyche seiner Figuren, sondern liefert lieber avantgardistische Detailbeobachtungen, popkulturelle Zitate und eine Menge an verquerter Symbolik, der man erst eine Bedeutung wird abringen müssen – sofern das überhaupt gelingen kann.

Poor Things erscheint im Vergleich dazu wie eine mild-nostalgische Erinnerung wenn Kinds of Kindness seine entschlossene und kompromisslose Radikalität auspackt, die allerdings nicht die Schwere von Lanthimos’ früheren Werke vermittelt, sondern im Gegenteil über weite Strecken herrlich böse-unterhaltsam ist.

Ein neuer Level von “Bonkers”.

Wie immer auch auf Uncut nachtzulesen.

P.S. Die Pressevorstellung war in OV, ich habe mir schon Sorgen gemacht, weil ich Untertitel gewöhnt bin. Man versteht aber tatsächlich praktisch alles.

P.P.S Der Teaser, der einiges an Stimmung vermittelt.

Ham kummst

Letztens habe ich mal wieder den Song Non succederà più von Claudia Mori (feat. Adriano Celentano) aus dem Jahr 1982 gehört und mir gedacht, das ist eigentlich die geheime Vorlage zu Ham kummst von Seiler und Speer.

Claudia Mori singt immer wieder monoton das gleiche, eine Anklage an ihren Ehemann, der nie da ist wenn sie schlafen geht und dann erst um drei Uhr nachts heimkommt, aber das wird nicht mehr passieren, wenn es nach ihr geht. Sie kündigt zwar keine so konkreten Maßnahmen an wie die Protagonistin bei Seiler und Speer, die ja direkt von Scheidung spricht, aber verklausuliert will Claudia Mori sicher dasselbe sagen, nur etwas poetischer. Am Ende singt dann noch Adriano Celentano, der tatsächliche Ehemann von Mori, sehr gelangweilt und auch ein bisschen genervt (wenn man mich fragt), dass er sie so liebt und sie eh die Einzige ist, während Mori im Vordergrund weiter jammert. Das Ganze könnte auch als Parodie empfunden werden, so wie ja auch Ham kummst ziemlich (schwarz)humorig ist.

Ich habe dann im sehr guten Buch Azurro von Eric Pfeil nachgelesen, in dem er sich 100 italienische Songs mit Backstory und Analyse widmet. Pfeil schreibt über Non succederà più als “unverwüstlichen Musica-leggera Hit” und “biografische Verarbeitung einer Ehekrise”; dass Mori und Celentano tatsächlich einmal getrennt waren, angeblich wegen Ornella Muti, die dann mit 70 oder so, als diese Gerüchte wieder aufkamen meinte, aber Mori hätte ja zuerst selbst einen anderen gehabt, echt italienischer Gossip.

Und auch wenn es vielleicht nach meiner Beschreibung nicht so klang, Non succederà più ist tatsächlich ein sehr schöner Song. Und Mori und Celentano sind noch oder wieder zusammen.

The Village, zwei

Nach Roger Ebert sage jetzt ich meine Meinung, SPOILER, im Zweifelsfall bitte nicht weiterlesen.

Zu den guten Aspekten des Filmes zählt seine Besetzung mit Darstellern wie William Hurt, Sigourney Weaver, Adrien Brody, Joaquin Phoenix etc. Ich glaube, ich habe Brendon Gleeson noch nie so sympathisch gesehen wie in diesem Film. Auch transportiert The Village so eine Art creepy Grundstimmung, die sehr gut funktioniert, obwohl es (Gott sei Dank) kein Horrorfilm ist. Der Plottwist selbst ist zwar vom Überraschungfaktor her gelungen, wirft aber dann eine Menge an Fragen auf, letzte Spoilerwarnung: Der Film spielt tatsächlich im Jahr 2004 und die Dorfgemeinschaft ist von einer Gruppe von Menschen gegründet worden, die ca 25 bis 30 Jahre vorher aus der Zivilgesellschaft ausgestiegen ist. Der Grund dafür ist, dass jeder von ihnen eine nahestehende Person durch eine Gewalttat verloren hat und sie dadurch den Glauben an die USA und ihre Strukturen aufgegeben haben. Sie haben eine Parallelgesellschaft gegründet, in der Verbrechen und Schmerz keine Rolle spielen sollen.

Gut und schön, aber wieso muss ich mich hier historisch korrekt verhalten und das 19. Jahrhundert komplett imitieren? Ok, der quasi-Chef William Hurt ist Geschichtsprofessor, aber muss ich penibel genau einhalten, welche technischen Geräte und medizinischen Errungenschaften es um 1890 gab und alles andere verbannen? Und wenn ich das tue, warum? Müssen Menschen an Krankheiten sterben, gegen die es bereits wirksame Medizin geben würde? Und – um Pia Reiser zu zitieren – müssen alle so furchtbar angezogen sein? Harhar. Man könnte ja auch eine Gemeinschaft gründen, die zwar technik- und digitalisierungskritisch ist und “einfach” lebt, aber gewisse Vorzüge dennoch mitnimmt; aber gut, vielleicht kriegt man das ideologisch tatsächlich nicht zusammen.

Die Schilderung der Dorfgemeinschaft ist mir jedenfalls viel zu klischeehaft-naturalistisch. Die meisten Bewohner wirken – sorry – mehr oder weniger naiv bis verhaltensauffällig und die Dialoge sind großteils furchtbar. Dazu sind die Namen so sprechend, dass sie auch super in einem Nestroy Stück funktionieren würden. Die Familie, die aus dem USA der Gegenwart hinausgeht heißt “Walker”. Diejenige, die später über eine Mauer klettern muss, heißt “Ivy”. Und der, der einer Blinden zur Seite steht, heißt “Lucius”. Da denke ich mir immer, eine Nummer kleiner wäre auch ok gewesen. Apropos blind: natürlich muss es am Ende eine blinde Person sein, die den Wald durchquert und wir sprechen hier von einem Fußweg über einen Tag; das ist wirklich gelinde gesagt ziemlich unplausibel.

The Village wurde damals von vielen als “post- 9/11”-Film rezipiert und man könnte ihn so interpretieren, dass die Abschottung des Dorfes, der Rückzug vor der Welt, die Sehnsucht nach Sicherheit etwas vom Zeitgeist der frühen Nullerjahre hat, in denen die USA den “war on terror” führt. Dem Volk wird eine Bedrohung von außen (im Film die “Those We Do Not Speak Of”, die von den Dorfältesten nur erfunden wurden) vorgegaukelt, damit nichts hinterfragt wird und sich alle nur in gewissen engen Grenzen bewegen; damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt wird, dass sich gegen andere “draußen” richtet. Hier wird Freiheit gegen (vermeintliche) Sicherheit getauscht. Im fm4 Filmpodcast wird The Village als “Metaphernfilm” bezeichnet und das ist wirklich zutreffend.

Positiv kann vermerkt werden, dass Shyamalan seine kleine Dorfutopie nicht als die Weisheit letzter Schluss verkauft. Denn natürlich leben auch dort Menschen, die menschliche Dinge tun, die Emotionen haben, die Eifersucht und innere Konflikte verspüren – weil man das Leben an sich mit Unfällen und Krankheiten, Gefahren, psychischen Problemen und Behinderungen nicht einfach aussperren kann. Natürlich ist auch eine solche Gemeinschaft letztendlich nicht vor Gewalt gefeit, was der Film auch ausdekliniert. Weil das Leben eben immer, egal was man tut, eines ist: komplex. Und das ist ja auch gut so.