almis personal blog

The Invite

The Invite, der neue Film von Regisseurin Olivia Wilde, nach einem Theaterstück, das schon öfters adaptiert wurde, erinnert von seiner Prämisse erstmal sehr an Carnage (Gott des Gemetzels)

Hier wie da handelt es sich um ein Kammerspiel von zwei Paaren, die sich treffen, um miteinander zu reden und irgendwann bei der Abrechnung über ihr Leben und ihre Beziehung landen. Hier ist allerdings nicht ein Streit unter Kindern der Auslöser, sondern Angela (Olivia Wilde selbst) hat über den Kopf ihres Mannes Joe (Seth Rogen) hinweg beschlossen, die Nachbarn von oben Hawk (Edward Norton) und Pina (Penelope Cruz) einzuladen, die ihm extrem auf die Nerven gehen, weil sie nachts sehr äh laut sind. Joe, der selten mit seiner Meinung hinterm Berg hält, will die Chance nutzen und die beiden auf ihre “Lautstärke” ansprechen, während das Angela sehr peinlich ist und sie die beiden insgeheim bewundert, weshalb sie sich auch eingeladen hat. Doch dann kommt alles anders…

SPOILER MÖGLICH!

Bei diesem Film wäre es gut, wenn man sich möglichst wenig vorab informiert (zum Beispiel hier, harhar) und sich nicht den Trailer ansieht – was fast unvermeidlich ist, wenn man öfters ins Kino geht. Dieser gibt nämlich schon gewisse Hinweise, was in diesem Film passieren wird. Aber dann auch nur über einen Teil des Films, weil es gibt den einen oder anderen Twist.

Mir hat an diesem Film gefallen, dass er sich so eine Klischeesituation vornimmt – zwei Paare, die sich kaum kennen, treffen sich, was ja immer in gewisser Weise einen performativen Charakter hat – und dann zuerst auch mit Paarklischees bzw. Stereotypen von urbanen Menschen im mittleren Alter spielt. Es geht unter anderem um Veganismus, Kosenamen, schicke Teppiche und Klappräder. Das Publikum in meiner Vorstellung war sehr erheitert, ich habe Leute schon lange im Kino nicht mehr so lachen gehört, was verständlich ist, die Besetzung ist exzellent, das Gespür für timing stimmt und die Dialoge nehmen sich auch kein Blatt vor den Mund, Andeutungen: Fehlanzeige, hier geht es ganz schön explizit zur Sache. Aber dann entwickelt sich der Film doch in eine andere Richtung.

Wir verfolgen die verschiedenen Dynamiken eines solchen Abends. Wer wann im Mittelpunkt der Gespräche steht, wer was von sich zeigen will (und was nicht), wer wann ermüdet, wer zu Hochform aufläuft und wie sich das auch immer wieder ändert. Das eher “coole” Paar hat genauso seine unsicheren Momente. Hawk neckt Pina spielerisch, weil sie ein falsches englisches Wort verwendet hat, darauf sie toternst: “Your spanish is also not as good as you think”. Das etwas “spießigere” Paar ist ehrlich zueinander, Angela: “I just didn’t want them to feel like they were visiting people who have given up.” Hier ist keine Person eindimensional, man versteht jeden und jede in manchen Momenten – und dann auch wieder nicht.

Im Laufe des Abends kommt es bei Angela und Joe zu einer großen Erkenntnis und als Pina und Hawk gehen wollen und die beiden in der Küche noch schnell Pinas Casserole auswaschen, und dann wieder zurückkommen, ist das Besucherpaar weg. Und in diesem Moment empfand ich das als etwas märchenhaftes, als wären sie weggezaubert worden, so als hätte man den ganzen Besuch nur geträumt oder erdacht, als hätten Angela und Joe einen Katalysator gebraucht, um über Probleme zu sprechen, wirklich zu sprechen, aber dieser Katalysator könnte auch nicht-materiell gewesen sein. Klingt etwas gaga? Ist es auch hahar. Aber ich habe das eben so empfunden.

Das Ende ist, wie ich es am liebsten mag – offen. Jeder Zuschauer kann und wird seine eigenen Schlüsse ziehen und diese werden maßgeblich davon beeinflusst werden, welche Erfahrungen er oder sie selbst in Beziehungen bisher gemacht hat. Von hoffnungsfroh-optimistisch bis bitter-resignativ kann da alles dabei sein.

Aller Liebe Anfang

Leute, die Judith Hermanns zwei Romane Aller Liebe Anfang von 2014 und Daheim von 2022 mögen, wären im Mittelalter wahrscheinlich auf diese typischen Märkte gegangen und hätten die Darbietungen von Menschen mit anatomischen und psychischen Besonderheiten mit Begeisterung verfolgt, harhar. Ich glaub, ich wäre keine solche Person gewesen. Der Vibe von Hermanns beiden Büchern geht für mich aber wirklich in diese Richtung, irgendwie ist sehr vieles ziemlich seltsam, archaisch, auch ein bisschen abstoßend. Als Leserin dauert es für mich etwas, bis ich damit warm werde.

Daheim hat mich kaum erreicht, aber Aller Liebe Anfang (der Titel tut IMO gar nichts zur Sache), das ich danach gelesen habe, hat mir dann wirklich gut gefallen. Deshalb möchte ich über dieses Buch ein bisschen mehr erzählen. Hier geht es um die junge Mutter Stella, die mit Mann Jason und der kleinen Tochter Ava ein stilles Leben in einer unspektakulären Vorstadtsiedlung lebt, der Ort wird nicht genannt, nicht einmal der Kontinent. Bis eines Tages ein Nachbar klingelt und über die Gegensprechanlage sagt, dass er mit ihr, Stella, sprechen möchte. Er hätte ihr viel zu sagen. Als Stella, der das merkwürdig vorkommt, ablehnt, klingelt er weiterhin täglich an ihre Tür, wirft Briefe in den Postkasten und tut alles, was einen Stalker eben so ausmacht…

SPOILER MÖGLICH

Im Prinzip ist hier immer alles möglich. Mein Gedanke war ehrlich gesagt, dass Stella, die nicht hundertprozentig glücklich mit ihrem emotional-verschlossenen und ewig abwesenden Mann ist – er arbeitet auch die meiste Zeit auswärts – sich auf ein Gespräch und vielleicht sogar mehr mit diesem Mister Pfister, wie er sich nennt einlässt; trotzdem dieser Mann wahrscheinlich in gewisser Weise gefährlich ist, das wird schon schnell klar. Gefährlich, aber auch bemitleidenswert in seiner Einsamkeit. Ich denke, auch wenn Stella ein bisschen Angst vor ihm hat, fühlt sie sich doch auch irgendwie zu ihm hingezogen oder zur Möglichkeit eines anderen Lebens. Irgendwie scheint immer durch, dass sie für das Leben, das sie hat, dankbar sein müsste, es aber nicht völlig ist. Die Situation könnte gefühlt an fast jeder Stelle in die andere Richtung kippen.

Das Buch besteht, neben der Schilderung der täglichen “Besuche” von Mr. Pfister, vor allem aus Beschreibungen von Stellas Alltag. Ihren liebevollen Umgang mit der Tochter, ihr Treffen mit Freundinen und, am interessantesten, der Arbeit mit alten, gebrechlichen Menschen – sie ist Krankenpflegerin und betreut die Patienten zuhause. Die Begegnungen mit Menschen, die ihr Leben fast hinter sich haben, bringen ebenfalls eine Perspektive auf das Leben in dieser “toten Ecke der Welt”, wie es einmal heißt. Die Menschen vermitteln ihr, was sie in deren Leben gut gelaufen ist und was nicht. “Es ist möglich, Orte zu verlassen, Versprechungen fallen zu lassen.”1 heißt es einmal. Und Esther, nicht ihre Lieblingspatientin, aber auch keine, die sie unmöglich findet, sieht Stella einmal an und sagt: “Ich habe auch einen Mann gehabt und einige Kinder, und sie sind alle weg, auf und davon. Das Leben ist grässlich, sind Sie auch schon dahintergekommen?”2 Und ja, tatsächlich gibt es Gründe, das Leben als grässlich zu bezeichnet, es gibt aber auch andere, das überhaupt nicht zu tun. Diese Ambivalenz oder Dualität oder wie immer es nennen möchte, sie bestimmt diesen traurig-poetischen Roman.

Eine große Rolle spielt – und das ist oft der Fall in der letzten Zeit, in Büchern und Filmen, manchmal misslungen, manchmal sehr geglückt3 – das Haus. Ein Haus, das da ist, nicht als Ort, an dem man halt zufällig wohnt, sondern wie eine zusätzlich Person, ein Zeuge des Lebens darin, das sich nicht verändert, wenn sich auch rundherum alles wandelt, oder, dass sich anders ändert, subtiler. Hermann schreibt: “Das ist das Haus an einem Tag im Frühjahr. Es ist niemand da.”4 Und dann schildert sie, wie niemand da ist und wie das trotzdem etwas mit dem Haus macht.

Schön. Stark.


  1. Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, Seite 218f ↩︎
  2. Hermann, Seite 214 ↩︎
  3. Vor allem in Sentimental Value ↩︎
  4. Hermann, Seite 17 ↩︎

Bitteres Fest

Ein Jahr, in dem ein neuer Almodovar Film herauskommt ist ein gutes Jahr. Auch wenn die jeweiligen Filme unterschiedliche Grade an Brillianz aufweisen.

Heuer schenkt uns Pedro Bitteres Fest, einen Film, dessen Protagonist Raul (Leonardo Sbaraglia) ein berühmter Drehbuchautor, nach Jahren der fehlenden Inspiration, wieder schreibt. Er erzählt die Geschichte der ehemalige Filmemacherin Elsa (Barbara Lennie) die aufgrund von Erfolglosigkeit in die Werbebranche gewechselt ist. Ihr Verdienst ist gut, aber die Erfüllung fehlt ihr. Eines Tages beginnt Elsa, die noch um ihre Mutter trauert, ihr Umfeld als Inspiration zu erkennen und beginnt ein neues Drehbuch zu schreiben…

ACHTUNG SPOILER!!!

Klingt ein bisschen sperrig? Nun ja, Bitteres Fest ist – im Gegensatz zu Almodovar letztem, ziemlich straight erzählten (und ersten englischsprachigen) Werk The Room Next Door wieder ordentlich verschachtelt und voll von Subtexten, die aber dann nicht so mühelos und spielerisch ineinandergreifen, wie es im vorletzten Werk Parallele Mütter der Fall war. Aber das ist ja auch ein bisschen das Thema von Bitteres Fest, einen Autor zu zeigen, der Schwierigkeiten hat, einen kohärenten, mitreißenden und schlüssigen Text zustandezubringen. Form follows function sozusagen. Aber natürlich denkt man auch gleich an das wohl berühmteste (und IMO beste) Werk über einen scheiterenden Filmemacher – 8 1/2 von Federico Fellini. Fellini hat sich damals sehr überzeugend in den Surrealismus geflüchtet.

Bitteres Fest beginnt amüsant und reiht viele kleine interessante Szenen aneinander. Je länger der Film aber dauert, umso mehr sucht man den roten Faden, das sogenannte große Ganze. Hier wird so viel erzählt, das augenscheinlich wenig Einfluss auf die “Haupthandlung” hat, das hat mich, ich gebe es zu, ein bisschen nervös gemacht. Am besten zeigt sich das an der von Raul ausgedachten des Figur Bonifacio (Patrick Criado), dem Lebensgefährt von Elsa, Feuerwehrmann und zugleich Stripper – wir verfolgen eine ziemlich lange Szene in einem Club und erleben Bonifacio in “Aktion”. Doch nachdem Bonifacio in der ersten Hälfte des Films eine große Rolle gespielt hat, nicht zuletzt auch als emotionale Unterstützung für Elsa, verschwindet er plötzlich ohne weitere Erklärung und tritt nur noch als (lästiger) Anrufer und als Name auf ihrem Handy in Erscheinung.

In den letzten (und meines Erachtens besten) 20 Minuten des Filmes, in denen es um den Schreibprozess von Raul geht, wirft Rauls Assistentin Monica ihm genau das vor, dass er Bonifacio im Film wie eine Hauptfigur einführt und dann einfach auf ihn vergisst. Sie zieht Parallelen zu Rauls Lebensgefährten Santi, der immer für Raul da ist, aber irgendwann seine Aufmerksamkeit verloren hat. Das sei, so Monica weiter, ganz typisch für Raul, den Menschen nur eine gewisse Zeit interessieren, nämlich so lange, wie sie ihm nützlich sind: vor allem als Inspiration für Charaktere in seinen Werken. Ich gebe zu, da habe ich gelacht und mich auch ertappt gefühlt, weil ich mir eben die ganze Zeit über gedacht habe, wieso ist Bonifacio verschwunden. In einem herrlich amüsanten Moment der Selbsterkenntnis sagt Raul noch, es gäbe in seinem neuen Film zwei Szenen, wo die Musik die Zuseher einlullen soll und die Protagonisten dazu bringen, etwas in ihrem Leben zu ändern. Nachsatz: Das habe ich zwar schon in anderen Filmen gemacht, aber es funktioniert halt so gut. Harhar.

Fazit: Kein Hauptwerk von Almodovar, aber wenn man seine Art, zu denken und Filme zu machen, mag, wird man auch mit Bitteres Fest seine Freude haben.

Die Odyssee (eins)

Ja nun. Also Christopher Nolan hat sich diesmal einfach mal daran gemacht, Die Odyssee nach Homer zu verfilmen. Eine schreckliche Idee, meiner Meinung nach, meisterhaft ausgeführt.

Worum es geht, weiß eh jeder so ungefähr: Odysseus (Matt Damon) begibt sich nach Endes des zehnjährigen trojanischen Krieges, den er zwar gewonnen, aber alle seine Männer verloren hat, auf die Heimreise, was dann immerhin auch wieder zehn Jahre dauert. Inzwischen gelingt es seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) kaum noch, sich vor dutzenden Freiern zu retten, die sich an ihrem Hof eingenistet haben und sie aus Gründen des Machtstrebens heiraten wollen. Der grindigste unter ihnen ist wahrscheinlich Antinous (Robert Pattinson). Penelopes Sohn Telemachos (Tom Holland) macht sich deswegen seinerseits auf die Suche nach Informationen über seinen Vater…

ACHTUNG SPOILER!!!

Christopher Nolan war bis vor kurzem dafür bekannt, sehr gegenwärtige Stoffe zu verfilmen und seinen Filmen einen eher futuristischen Look zu geben. Schon in seinem letzten Werk Oppenheimer hat er allerdings zurückgeschaut, wenn auch nur in die 1940er Jahre, diesmal geht er gleich ins 12. Jahrhundert vor Christus und gleichzeitig auch in eine Fabelwelt, was ich persönlich immer sehr kritisch sehe, weil es verfilmt oft so unglaublich peinlich sein kann. Wie Homer selbst ist Nolan ein Fan des gepflegten nicht-linearen Erzählens, aber im Gegensatz zu Mindfuck Filmen wie Inception oder Memento ist es hier nicht schwer, dennoch der Handlung folgen zu können.

Den Kern der Odyssee bilden die verschiedenen Abenteuer und Prüfungen, die Odysseus und seine Männer auf der Irrfahrt erleben und die Nolan, man muss es so sagen, vor allem visuell einfach sehr beeindruckend umsetzt. Gleich am Anfang trifft Odysseus eine unglaubliche Fehlentscheidung – der noch weitere folgen werden: er und seine Männer landen in der Höhle von Polyphem, dem einäugigen Riesen, Sohn des Poseidon. Und hier könnte so viel schieflaufen, gerade in der Darstellung dieses Polyphem, es könnte so lächerlich sein, wie Polyphem ja auch einigen der Männer dann gleich mal den Kopf abbeißt, wie ein schlechter Comic. Aber was ist? Es funktioniert und wirkt im Gegenteil extrem bedrohlich. Einen pointierten Moment hat diese Szene aber auch, als die Männer nach einiger Zeit draufkommen, dass Polyphem sprechen kann (folglich sie vielleicht mit ihm verhandeln hätte können), fragt einer Odysseus, wieso Polyphem vorher nicht gesprochen hat. Und Odysseus daraufhin: Reden wir mit Ameisen? Harhar.

Über meine Lieblingsszene bei der Abarbeitung der Stationen schreibe ich morgen (bleibt dran!), heute stattdessen noch etwas zur Besetzung, die ja teilweise kontrovers diskutiert wurde, weil die schöne Helena hier ja von einer schwarzen Darstellerin, nämlich Lupita Nyong’o dargestellt wird. Das hat mich an sich nicht so gestört, weil künstlerische Freiheit und so. Ich persönlich glaube auch nicht, dass Nolan das aus Gründen der DEI gemacht hat, ich empfinde ihn nicht als “woken” Regisseur – bei Corona war er ja schon fast ein “Leugner”; warum er sich so entschieden hat, weiß ich allerdings auch nicht. Im Prinzip ist es aber wirklich ziemlich wurscht, denn Helena kommt in diesem 172 Minuten Film vielleicht insgesamt drei Minuten vor.

Aus der restlichen Besetzung sticht für mich neben dem grauenhafen Antinous (Pattinson) vor allem Matt Damon hervor, den ja viele im Vorfeld nicht gerade als griechischen Helden par exellence gesehen haben und der in vielen Filmen auch eher unscheinbar agiert, fand ich hier wirklich sehr gut. Auch weil er eine gewisse Art von Antiheld ist und das liegt ihm gut. Was ich damit meine?

To be continued…

Dienstag

Gestern wurde Wien von der UNESCO roten Liste gefährdetes Weltkulturerbe gestrichen, auf der sie wegen des Projekts beim Heumarkt seit mehreren Jahren waren. Warum das vielleicht keine ausschließlich positive Nachricht ist, haben 50 Fachleute in einem offenen Brief beschrieben, der im ersten ORF- Bericht noch verlinkt war, was ich sehr wichtig fand. Im zweiten Bericht dann nicht mehr.

Auf meine dementsprechende Frage an die Redaktion, wurde mir heute zuerst mitgeteilt, dass der ORF einer gesetzlichen Längenbegrenzung unterliegt. Ähm, einen Link kann man doch einfach unter jeden Text drunterlegen, was hat das mit Länge zu tun. Und wieso werden dann andere Links ergänzt? Ich mein ehrlich, halten die uns alle für deppert?? Wollte schon pampert antworten, habe dann aber etwas später noch eine weitere Mail erhalten, in dem mir geschrieben wurde, der Link ist jetzt wieder drinnen. Noch mal die Kurve gekratzt. Falls jemand nachlesen will, hier der Artikel (mit Link zum offenen Brief).

Vom nochmal abgewendeten Ärger über den ORF direkt zum Ärger auf die Stadt Wien

Lets agree to disagree

Ja ich weiß, Bauarbeiten sind notwendig. Aber zwei Monate? Und überall in der Stadt gleichzeitig? Den ganzen Sommer lang? Wenn man mit der U6 fährt, muss man derzeit den Weg von der Volksoper bis zum Votivkino zu Fuß zurücklegen. Das kann ich, mache ich auch sonst häufig, zumindest abwärts, aber das gilt ja nicht für alle Menschen.

Gleisbauarbeiten auf der Währingerstraße, die gleich sieben Straßenbahnlinien lahmlegen

Dann war es aber endlich soweit und ich habe Die Odyssee gesehen. Übrigens englisch mit deutschen Untertitel und quasi erstmals in der Geschichte ist die deutsche Synchro vielleicht seriöser als das Original, denn hier hört man in der Adaption von Homers Epos Sätze wie “What about your daddy” und “Get the fuck out of here” Harhar. Aber was soll ich sagen? Die Geschichte interessiert mich an sich wirklich null, (harhar) aber Nolan gelingt es ein weiteres Mal, und da war ich diesmal wirklich sehr skeptisch, dass ich nach 30 Minuten komplett fasziniert und total dabei bin.

Doch noch ein sehr schöner Tagesabschluss. Mehr zum Film dann bald.

Geschwister

Jetzt etwas zum Buch Geschwister der schwedischen Autorin Moa Herngren Ich hab mir das Buch ausgesucht, weil ich die Passagen, in die ich reingelesen habe, sehr gut geschrieben fand und weil mich menschliche Beziehungen interessieren, es aber auch mal entlastend ist, etwas über Beziehungen zu lesen, mit denen ich (als Einzelkind) nichts zu tun habe, harhar.

In Geschwister, Nomen est Omen, geht es um Andrea, Ulrika und Rasmus, drei erwachsene Kinder eines eben verstorbenen Vaters. Die Mutter lebt noch. Im Zuge dieses einschneidenden Ereignisses arbeiten alle drei quasi ihre Vergangenheit und ihre Verbindungen untereinander auf. Und hier ist Herngren etwas spannendes eingefallen, um die Familiengeschichte dem Leser bzw der Leserin näherzubringen: sie schildert die Ereignisse nacheinander aus der Sicht aller drei Kinder.

Zuerst lesen wir von Andrea, dem mittleren Kind, das eine sehr gute und innige Beziehung zum Vater hatte. Und natürlich nehmen wir zunächst mal beim Lesen ihre Perspektive ein, weil wir ja erstmal nur diese kennen. Ich habe mir schon bald gedacht, Andrea ist natürlich zwanghaft perfektionistisch und nicht unbedingt eine angenehme Zeitgenossin. Sie ist ein Kontrollfreak, gleichzeitig erklärt sie aber auch immer, sie muss beispielsweise die Planung des Begräbnisses ganz alleine schultern, weil ihre Geschwister auch auf Nachfrage nicht helfen. So denkt man sich, ja okay, sie ist anstrengend, aber irgendwie versteht man auch ihren Standpunkt. Andreas Schilderung nimmt den größten Teil des Romans ein.

Dann lesen wir von Ulrika, der ältesten Tochter, die ein Familiengeheimnis bewahren muss, von dem die beiden jüngeren Geschwister nichts wissen und die deshalb einen völlig anderen Blickwinkel auf ihren Vater hat – er war für sie eine ganz andere Person. Diese Beziehung war gestört und desillusioniert und dementsprechend ist das Leben von Ulrika völlig anders verlaufen als das von Andrea. Und schließlich am Schluss lesen wir von Rasmus, der in der Familie am wenigsten Platz eingenommen hat und auch hier nur vergleichsweise geringe Seitenanzahl aus seiner Perspektive bekommt.

Während des Lesens kommen wir drauf: aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen, mit unterschiedlichen Geschichten im Hintergrund, auch unterschiedlichem Wissen, finden wir vielleicht trotzdem nicht jede Entscheidung und Handlung gleich gut und nachvollziehbar, aber wir können sie besser verstehen und wir sehen auch, welche Missverständnisse und Fehlinterpretationen es geben kann, obwohl man (scheinbar) eh miteinander kommuniziert. Dieser Roman vermittelt herrlich, wie komplex Menschen sind, wie kompliziert es oft ist, mit anderen auszukommen und wie viel Rolle Vorurteile und Erwartungshaltungen spielen. Das ist auch ein Hinweis für jeden Leser, diese Überlegungen in den eigenen Alltag, in die eigenen Beziehungen mitzunehmen. Ich mein, theoretisch wissen wir das eh, wenn wir uns aber praktisch über jemand ärgern, gerät das etwas in den Hintergrund.

Der Schluss hat mir hier, im Gegensatz zu Wir in zehn Jahren, sehr gut gefallen. Weil er zwar einen gewissen Hoffnungsschimmer vermittelt – ich mag ja so bittere Enden nicht, wo quasi alles Orsch ist – aber auch nicht auf Friede, Freude, alles ist toll macht. Weil das einfach unrealistisch wäre. Strukturen, die sich über Jahrzehnte aufgebaut und verfestigt haben, lassen sich nicht binnen einer halben Stunde lösen. Aber eine halbe Stunde kann ein Anfang sein.

The Piano Tuner

Sowohl fm4 Filmpodcasterin Pia Reiser wie auch mein Sohn empfahlen mir den Film Tuner. Auf “deutsch” übrigens: The Piano Tuner. Und jetzt empfehle ich ihn euch.

Worum geht’s? Niki (Leo Woodall) betreibt mit seinem väterlichen, mittlerweile schwerhörigen Freund Harry (Dustin Hoffman) ein Klavierstimmer-Unternehmen in New York. Im Gegensatz zu Harry leidet Niki seit einem Unfall unter Hyperakusis, schon Alltagsgeräusche sind zu laut für ihn und er trägt, wenn er nicht arbeitet, fast immer Kopfhörer. Ist das der Grund, warum er seine vielversprechende musikalische Karriere beendet hat? Und was passiert, als er entdeckt, dass sein Talent auch zum Knacken von Safes eingesetzt werden kann?

ACHTUNG SPOILER

Zunächst mal: der Film hätte wahrscheinlich auch meinem Papa gefallen. Dann gleich am Anfang läuft ein Stück, das andere Kinder als “Panoptikum Signation” bezeichneten, während mein Papa mir schon, während ich noch den Kindergarten besuchte, erklärte, das sei Unsquare Dance von Dave Brubeck. Er hatte natürlich die Platte, er war ein großer Jazzfan. Zu seinem Leidwesen wurde ich selbst nie zu einem solchen, wobei Unsquare Dance ist, wie auch Take Five, natürlich super.

Wie auch immer, ich dachte dieser Film sei eine Art schrullige Gangsterkomödie. Und sie beginnt auch so. Als Niki eine Bande osteuropäischer Safeknacker auf frischer Tat – beim Aufbohren eines Tresors nämlich – ertappt, beschwert sich deren Boss über Nikis Fremdenfeindlichkeit. Was, sagt er, nur weil wir einen Akzent haben, sind wir gleich Verbrecher? Woraufhin Niki darauf hinweist, dass er eher durch die beobachtete Tätigkeit auf diese Idee kam. Harhar. Er könne das jedenfalls leiser erledigen. Dieses Gaunertrio agiert einerseits herrlich menschlich, sie haben einen kleinen Hund, um den sie sich liebevoll kümmern, einer von ihnen hat immer ein Chipssackerl in der Hand; im nächsten Moment kann aber schon die Stimmung komplett kippen. Das hat mich ein bisschen an den Balanceakt erinnert, den James Gandolfini als Mafia Capo Tony Soprano meisterhaft geleistet hat.

Der Film hat so viele Tonalitäten (pun intended). Er ist ziemlich witzig, ich meine wie toll ist Hoffman, der immer noch irgendwie lausbubenhaft wirkt, mit seiner verschmitzten Art, das Leben zu nehmen wie es kommt. Der Film ist musikalisch, hat wie gesagt einen tollen Soundtrack und weist ganz nebenbei darauf hin, welche Expertise als Klavierstimmer notwendig ist, obwohl manche Kunden von Harry und Niki denken, sie könnten, wenn sie schon mal da sind, genauso gut gleich das tropfende WC reparieren. Der Film ist aber auch phasenweise wirklich sehr unbarmherzig und hart, denn wir befinden uns dann doch in der Unterwelt und deren Protagonisten sind dementsprechend nicht zimperlich.

The Piano Tuner ist aber auch romantisch denn, das habe ich noch nicht erwähnt, Niki lernt die Pianistin Ruthie (Havana Rose Liu) kennen, eine sensible Künstlerin, die ihn heraufordert, sein Leben ganz neu zu denken. Sie ist super, auch Woodall ist super. Obwohl ich ihn bisher nicht so wirklich überzeugend fand, er hat praktisch immer den süß-sexy Sidkick von irgendwem gespielt, aber hier macht er etwas ganz anderes, er vermittelt die Schwere und Melancholie seiner Figur so glaubwürdig und wahrhaftig, dass es beeindruckend ist.

Filme wie The Piano Tuner sind tatsächlich mittlerweile zur Mangelware geworden: Innovative und kluge Crowdpleaser nämlich, mit Anspruch, außerhalb des Marvel Cinematic Universe und anderer Franchises. Einfach ein schöner, geradliniger Film mit Stil.

Allegro Pastell, postscriptum

Autor Leif Randt lebt ja in gewisser Weise einen Traum.

Zum einen kann er vom Schreiben leben. Zum anderen hat er mit Allegro Pastell einen Bestseller verfasst, der quasi als Stimme einer Generation gilt. Das erinnert an Lena Dunham, die ihre Hauptfigur Hannah in der Serie Girls sagen lässt: “I think that I may be the voice of my generation. Or at least a voice… of a generation.” Harhar, Dunham ist ja auch ein Millenial und hat begriffen: Hier ist jeder sein eigenes Sprachrohr. Aber weiter zum Traum: Also Randt hat diesen Bestseller geschrieben und dann wird der auch noch verfilmt und er schreibt das Drehbuch dafür. Wie cool ist das? Laut Randt übrigens gar nicht mal soo, im fm4 Filmpodcast hat er gesagt, er hat für das Drehbuch fast länger als für den Film gebraucht. Aber es hat sich gelohnt, finde ich.

Ich wollte ja noch ein paar Details aus dem Buch vorstellen. Und die beste Beobachtung ist sicher die der “vorauseilenden Wehmut”. In Allegro Pastell heißt es einmal: “Jerome dachte dass er eines Tages wehmütig an diesen Moment zurückdenken würde, und als dieser Gedanke auch noch während der dritten Tasse Tee präsent war, war er nicht mehr sicher, ob ihn nicht schon jetzt ein wehmütiges Gefühl eingeholt hatte”1. Und das sagt natürlich eines, dass diese Menschen nicht, wie es so schön heißt, im Moment leben. Sondern das alles Erleben quasi eingebettet ist in eine Rückschau und zugleich ein Vorausblicken. Hier wird alles analysiert und interpretiert. Aber wer von uns kennt es nicht, die Momente, in denen man denkt, sie sind so schön, doch sie können und werden nicht bleiben. Weil sich Menschen ändern, Umstände, weil die Zeit vergeht, manches sowieso von Anfang an nicht von Dauer sein kann und man weiß es auch. Manchmal will man es trotzdem nicht wahrhaben.

Randt beobachtet sehr genau. Er lässt Jerome etwas sagen, von dem Tanja bemerkt, dass dieser Spruch gar nicht zu Jerome passen würde. Ich finde, mit solchen Aussagen kann man den Charakter von literarischen Figuren fast noch besser beschreiben, als würde man sie einen Satz sagen lassen, der ihnen entspricht. Falls noch jemand weiß, was ich meine, harhar. Einmal liest Tanja Jerome etwas aus einem Essayband über bedingungsloses Grundeinkommen vor (finde ich ja zum Schreien, ich mein, wie romantisch, transportiert aber auch die Haltung)

Dann erzählt Jerome etwas “mit zu großer Ernsthaftigkeit” – weil er Knieschmerzen hat. Odee sinniert er über die Midlife Crisis: “Eine Midlife Crisis fing vermutlich damit an, dass sich alles so anfühlte, als wäre es schon mehrfach da gewesen, bei gleichzeitig sinkender Intensität”. Was für ihn auch auf Sex zutrifft: “Sex hatte mit Mitte dreißig jedes Geheimnis verloren und war deshalb ungebrochen angenehm und entspannt (…) aber auch ein klein wenig austauschbar, unpersönlich und egal”2

Mir hat dieser lakonische und doch poetische Stil wikrlich gefallen, ich habe mir gleich noch ein Buch von Randt bestellt.


  1. Leif Randt: Allegro Pastell, S. 77 ↩︎
  2. a.a.O, S. 212 ↩︎

Mein langes Wochenende, zwei

Bezüglich des Buches, das man schreiben muss, wenn man es selbst braucht, aber nicht findet: so ging es mir bei der Frühgeburt auch. Da gab es ebenfalls nichts. Keine Erfahrungen, an die man anknüpfen hätte können. Zweiter Punkt: man kann sich die Dinge schon auch von der Seele schreiben, das ist nicht nur so daher gesagt.

Den Tag heute hat aber mit folgender, eher profanen Feststellung meiner Mutter begonnen: “Der Alfons Haider ist richtig fesch als Frau.” Ich: “Ich brauch zuerst einen Kaffee” Harhar. Es war ein Foto in der Sonntagszeitung und ja. Sie hat recht.

Dann weist mich die Filmapp letterboxd darauf hin, dass ich eintragen kann, in welchen verschiedenen Formaten ich The Odyssee sehe. Also ernsthaft, wie oft glaubt letterboxd, dass ich mir dieses 172 Minuten lange griechischen Epos anschauen werde?? Harhar.

Danach war ich spazieren, hab das ganzes erste Kapitel meines Textes umgeschrieben (bin schlecht bei Anfängen), habe ein neues Fliegengitter in meinem Zimmer angebracht (auch da bin ich schlecht.) Bin neugierig, ob das jemand anschauen kann, ohne zu lachen anzufangen. Glaube eher nicht.

Dann wieder geschrieben und geputzt und jetzt so:

Neuer Tisch, neuer Läufer, neue Pilzlampen harhar

Fühle mich ganz gut. Schreiben immer ein Glücklichmacher für mich.

News beim ESC

In der letzten Woche gab es zwei Neuigkeiten, den ESC betreffend, die ich beide mit so eher gemischten Gefühlen aufgenommen habe.

Die erste: Ab nächstem Jahr ist Kanada dabei. Und da bin ich jetzt nicht gerade vor Freude an die Decke gesprungen. Nun muss die erste Reaktion ja nicht zwangsläufig immer die “richtige” sein oder unverändlich, aber es war eben mein spontanes Gefühl dazu und ich habe natürlich nix gegen Kanada an sich. Aber ich finde mehr ist nicht immer gleich besser und es ist auch so ein bisschen ein Jumping the shark Moment, zumindest die Gefahr eines solchen, aber Eurovision überlebt eh viel.

Habe mir dann dazu eine ESC Kompakt Folge angehört, wo erklärt wird, wie das überhaupt möglich ist, dass jetzt Kanada dabei sein. Das Land war bisher assoziiertes Mitglied beim Zusammenschluss der öffentlich rechtlichen Sender und nun ist es ein Vollmitglied. Das bedeutet tatsächlich einen anderen Status als Australien, das immer quasi als Gast eingeladen werden muss und im Fall eines Sieges den Bewerb auch nicht austragen darf. Natürlich werden hier wohl auch ökonomische Gründe vorliegen, denk ich mir. Mir persönlich wäre es halt trotzdem lieber, man holt die Länder zurück, die jetzt wegen des elenden Boykotts abgesprungen sind – Niederlande und Slowenien vor allem, aus musikalischer Sicht, mochte die Beiträge der letzten Jahre aus diesen Ländern sehr. Ich würde mich auch freuen, wenn Nationen wie Ungarn oder Bosnien wieder mitmachen. Ich persönlich finde das Euro in Eurovision nämlich nicht obsolet.

Die zweite Änderung betrifft San Remo und ist mir mindestens genauso unverständlich. San Remo war ja bisher kein ESC Vorentscheid, wie ich hier obergescheit immer wieder gepostet habe, sondern einfach das italienische Musikfestival, dessen Sieger zum ESC fahren durfte (nicht musste). Nun übernimmt Stefano De Martino als neuer (junger!) Leiter das Festival und er will am Freitag – das Festival läuft ja fünf Tage – zu einem ESC Abend machen, wo es auch um die Inszenierung der Songs geht.

Und ja, wenn Italien – das immerhin erfolgreichste ESC Land der letzten zehn Jahre – etwas nicht kann, dann ist es die Inszenierung. Im besten Fall fällt sie einfach nicht auf, wie zum Beispiel bei Lucio Corsi, der einfach zwei meterhohe Verstärker hinter sich platziert hat oder bei Il Volo, die irgendwelche Objekte aus dem Kolloseum in Rom eingeblendet haben. Marco Mengoni hat überhaupt nur ein Trampolin mitgebracht, auf dem zwei Männer relativ unmotiviert herumgesprungen sind. Das war die “Bühnenshow” harhar. Im schlechtesten Fall sind die Inszenierungen so überladen, dass sie dem Song tendenziell eher schaden – siehe Francesco Gabbani oder Mahmood (der trotzdem Zweiter wurde) oder heuer auch Sal da Vinci, der beim eigenen Staging ja nur eine Nebenrolle spielte. Wie gesagt: Platzierungsmäßig heißt “schaden” aber immer noch Top 6.

Wie sich das San Remo konkret vorstellt, 20 verschiedene Spezial-Inszenierungen auf der eher kleinen Bühne des Teatro Ariston zu präsentieren, frage ich mich schon. Und letztlich ist Italien immer gut damit gefahren, sich nicht an den Songcontest anzubiedern, was bei Schweden und seinem Melodifestivalen zu einem häufig etwas seelenlosen Einheitsbrei führt. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, es wäre nicht das erste mal (harhar) und alles wird ur toll.