almis personal blog

The Voice nostalgisch

Das Kind hat Voice of Germany entdeckt und jetzt schauen wir das also gemeinsam, zweimal die Woche.

Nach anfänglicher Skepsis mus sich sagen, finde ich die Show doch ziemlich amüsant. Vor allem die Gespräche der Juroren – die da wären Sido, Rea Garvey, Alice Merton und Mark Forster – untereinander finde ich immer ziemlich witzig, wie sie sich um potentielle Kandidaten streiten.

Gestern wurde ich dann ein bisschen nostalgisch, weil gleich zwei Teilnehmer Songs aus den 90er Jahren sangen. Zuerst eine Dame I will do anything for love von Meatloaf. Ich so zum Kind: “Damals war ich 18 oder 17.” Mark Forster gab mir dann recht mit 17, als er sagte, der Song wäre aus dem Jahr 1993. Ich erinnere mich an einen MTV Moderator, der damals mutmaßte, was das denn bedeuten solle, I will do anything for love, but i won’t do that: “Use a deodorant, stop driving the motorcycle in the house…” Harhar.

Danach noch Always von Bon Jovi. Ich zum Kind: “Da war ich etwas älter” – richtig 19! Und Mark Foster zur Kandidatin: “Wer etwas von Bon Jovi singt, hat sowieso schon gewonnen bei mir.” Und Always ist sicher der beeindruckendste Song von Bon Jovi, zumindest für mich.

Die OEAG

Im letzten Merci Cherie Podcast wurde die OEAG Österreich vorgestellt. Der hiesige Song Contest Fanclub. Ja, ich höre immer noch diesen Song Contest Podcast, der im ca. zweiwöchigen Rhymtmus weiter erscheint, bis sich die Intervalle vor dem nächsten ESC am 16. Mai wieder verdichten werden.

Jedenfalls war das Gespräch mit zwei OEAG Vereinsmitgliedern sehr spannend. Seit 2007 voten die Vereinsmitglieder im Vorfeld auf den Sieger und fünfmal lagen sie in diesen 13 Jahren richtig. Diese Quote liegt auch daran, dass hier meist die Videos der Teilnehmer beurteilt werden – der Live-Auftritt beim ESC ist oft ein anderes Kaliber – sowohl im positiven, wie im negativen Sinn. Jedenfalls wurden die Gewinner 2007 Marija Serifovic/ Molitva, 2009 Alexander Rybak/ Fairytale, 2012 Loreen/ Euphoria, 2013 Emmelie de Forest /Only Teardrops und 2018 Netta/ Toy richtig prognostiziert.

Bei Lena (2010) und Conchita (2014) lagen sie daneben, ebenso wie 2017, als sie Francesco Gabbani mit Occidentalis Karma als Sieger vorhersagten. Dazu der Podcast Moderator Alkis: “Gut, der war überall vorne.” Daraufhin Marco Schreuder: “Nur nicht beim Song Contest.” Harhar.

Interessant ist auch, dass es – wäre es nach der OEAG Wertung gegangen – Italien bereits dreimal seit 2007 den ESC gewonnen hätte, nämlich 2015 Il Volo/ Grande Amore, 2017 eben Gabbani und 2019 Mahmood mit Soldi.

Open House 19

Jedes Jahr an einem Wochenende Mitte September findet Open House statt. An diesen zwei Tagen hat man Gelegenheit, Architekur zu sehen, die sind nicht öffentlich zugänglich ist. Jedes Jahr sind da sehr spannende Objekte zu besichtigen, diesmal 69 an der Zahl.

Natürlich kann man unmöglich alles schaffen, aber heuer hab ich immerhin acht Stationen besucht. Zuerst waren wir im Seelsorgezentrum Oberbaumgarten. Eine sehr moderne Kirche im Stahlbetonbau-Stil. Die Führung dort hat die Tochter des Architekten Georg Gsteu gemacht.

Das war, wenn man so will, schon eher was für Achitektur Insider. Danach ging es ins eher populäre Palais Esterhazy, was man auch an den Wartezeiten sehen konnte. Open House bietet übrigens einen Live Ticker über die Wartezeiten via app und Internet an, was durchaus hilfreich ist. Im Palais Esterhazy musste man aber immer mit ca. 20 Minuten Wartezeit rechnen.

Anschließend ging es zur Rossauer Kaserne, wo man die Kapelle innerhalb der Kaserne besichtigen konnte. Nicht ausschließlich den Angestellten dort vorbehalten, nach Anfrage kann man auch als Zivilperson an Messen teilnehmen. Der Altar ist ein Tisch, der auf Bücherstapeln ruht. Beeindruckend fand ich auch die Gestaltung der Decke.

Danach fuhren wir in den 15. Bezirk, zum ehemaligen Dorotheum. Nach einem Mittagessen – man kann schließlich nicht dauernd nur gehen – genossen wir vor allem den beeindruckenden Blick über Wien vom Dach. Oder sagen wir, ich als Architektur-Nackerpatzerl erfreute mich vor allem an diesem, den man sich auch redlich verdient hatte, nachdem man 7 Stöcke zu Fuß hinaufgestiegen ist.

Anschließend ging es in meinem Heimatbezirk Favoriten, und zwar ganz weit hinaus, nach Rothneusiedl, zum Haschahof. Das Wetter war bestens spätsommerlich und so war der Ausflug in diese schon ziemlich ländliche Gegend besonders stimmungsvoll. Ich fand den Hof, der ja auch vom Abriss bedroht war, sehr stimmungsvoll.

Nebenan fand dann eine Führung zur Schneckenzucht von Andreas Gugumuck statt, wo wir vor allem einiges zum Liebesleben der Schnecken erfuhren. Kosten wollte ich dann keine Schnecke und auch nicht den Schneckenschleim, der Anti Aging Wirkung haben soll, berühren, aber muss man ja auch nicht unbedingt.

Zum Abschluss des Tages ging es noch Eisessen. Da habe ich dann kein Foto mehr gemacht, weil Eis zu gierig verschlungen. Harhar.

Schmerz

Ich habe alle Romane der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev gelesen. Ich mag ihren atmenlosen Stil, ihre detailierten Beobachtungen und vor allem mag ich ihre immerwährenden Themen: Beziehungen zwischen Mann und Frau, Beziehungen in einer Familie, Beziehungen zu Kindern. Oft spielen schicksalshafte Begegnungen eine Rolle und schwierige Entscheidungen.

In Schmerz ist es auch wieder so. Protagonistin Iris, eine 45 jährige Volksschuldirektorin, verheiratet und Mutter zweier (fast) erwachsener Kinder, wurde vor zehn Jahren bei einem Selbstmordattentat in Jerusalem schwer verletzt (ein Schicksal, das sie mit der Autortin Shalev teilt). Am Jahrestag der Verwundung kehren die starken Schmerzen zurück und sie muss ins Krankenhaus. Dort trifft sie ihre große Liebe Eitan wieder, ihre Beziehung scheiterte tragisch. Die Chance für einen Neubeginn zeichnet sich ab, doch will Iris das? Inzwischen gerät ihre erwachsene Tochter Alma in eine schwere Krise…

Schmerz hat mich begeistert, wie Shalevs Romane zuvor. Allerdings muss ich zugeben, dass mich der Handlungsstrang Iris/ Eitan wesentlich mehr gefesselt hat, als der Handlungsstrang Iris/Alma. Ich habe persönlich das Gefühl, dass Shalev selbst mehr Enthusiasmus für die leidenschaftliche Wiederbegegnung ihrer Protagonisten mitbringt, dass sie viel mehr in den Treffen der beiden, mit großen Gefühle und viel Sex, mitlebt. Sex ist überhaupt ein Liebligsthema von Shalev (und mir harhar) und sie schafft es, so darüber zu schreiben, dass es nie derb oder plump wirkt, aber auch nicht technisch oder steril. Das ist eine große Kunst.

Die Passagen dagegen, in denen sie die Probleme von Alma im Vordergrund stehen, erscheinen mir sehr konstruiert. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass man in eine solche Situation gerät, wie das Alma tut, sowas passiert schon hin und wieder, aber es ist ungewöhnlich, es ist nicht ganz schlüssig erzählt, es ist für mich persönlich thematisch irgendwie weit weg. Wozu ich aber Bezug nehmen kann, ist die innere Zerissenheit, die diese Probleme bei Iris auslösen. Sie, die gerade die wichtigste Entscheidung ihres Lebens treffen muss, kämpft nun an verschiedenen Fronten, es ist auch ein Kampf zwischen Kopf und Bauch, und der Leser ahnt, dass es bei jeder möglichen Opion viele Verlierer geben wird…

Nomen est Omen, Schmerz begleitet die Protagonist in jeder Form. Und auch wir LeserInnen kennen vermutlich alle das Gefühl, erlöst werden zu wollen, in welcher Form auch immer, und zu bemerken, dass uns das Leben einfach manchmal eine Erlösung verwehrt. Und wir trotzdem weiterleben müssen. Einen Lernprozess zu erleben, zu lernen und im besten Fall daran zu wachsen.

Leid und Herrlichkeit

Ein Sommer, in dem ein neuer Almodovar Film herauskommt, ist ein guter Sommer. Ein Sommer, in dem ein neuer Jarmusch Film herauskommt, ist prinzipiell auch ein guter Sommer, es sei denn, der Film handelt von Zombies.

Ich kenne fast alles von Almodovar, ich mag ihn sehr gerne und seinen letzten Film, Julieta, hab ich als sein Meisterwerk bezeichnet. Weil er wirklich beeindruckend war, ohne die Folie von Komik. Dieser Folie, die in vielen Werken von Almodovar quasi über dem Ernst des Lebens liegt, um ihn zu entschärfen und zu sagen, alles nicht ganz so schlimm. Diese Folie hat Julieta gefehlt und sie fehlt auch in Leid und Herrlichkeit wieder, trotzdem ist dieser neue Film nicht ganz so schwer und bedrückend geworden, obwohl oder vielleicht weil er ja einigermaßen autobiografisch sein soll.

In Leid und Herrlichkeit lässt Almodovar die Mutter des Portagonisten, des erfolgreichen Regisseurs Salvador Mallo (Antonio Banderas) sagen, sie mag nicht, wenn seine Werke “autofiction” sind. Und während des Filmes fragt sich der Zuschauer wohl oft, was nun tatsächlich passiert ist, in Almodovars Leben. Salvador Mallo ist jedenfalls traurig, sehr trauig. Er ist voll von körperlichen Schmerzen (Kopf, Rücken, Hals, Beine). Er ist einsam, er ist uninspiert und wie gelähmt. Und er kann keine Filme mehr machen. Roger Ebert hat Fellinis 8 1/2 als “Best film about filmmaking” bezeichnet. Und zwar, weil seine Hauptfigur Guido unfähig ist, einen neuen Film zu drehen: “But Fellini manifestly is not.” So ist es bei Almodovar auch.

Natürlich kann man auch bei Leid und Herrlichkeit das Almodovar Bullshit-Bingo spielen. Gewisse Versatzstücke sind dabei, wie ein trauriges spanisches Lied, inbrünsig dargeboten, viele bunte Farben mit einer gewissen Neigung zu Kitsch, nackte Menschen, eine übermächtige Mutterfigur – doch so schablonenartig wie früher sind Almodovars Filme bei weitem nicht mehr. Nach einem eher artifiziell-distanzierten Beginn, wird man unmerklich immer tiefer die Gefühlswelt von Mallo gezogen, in seine Erinnerungen an seine Kindheit, die sich in seine Gegenwart mischen (seine junge Mutter wird von Penelope Cruz dargestellt), in seine vielfältigen Beziehungen zu anderen Menschen, in seine Kunst- und Gedankenwelt. Irgendwann ist man so im Flow dieser – trotz der schweren Themen – ganz ruhigen Erzählung, dass das Filmende komplett unvorhergesehen kommt und einem ziemlich überraschend einfällt, dass man ja im Kino sitzt und, das eigene Leben draußen auf einen wartet.

Die Entdeckung des Filmes ist Antonio Banderas. Ok ja, wir alle kennen ihn, aber wir haben ihn noch nie so gesehen wie in diesem Film. Banderas hatte vor zwei Jahren einen lebensbedrohlichen Herzinfarkt und Almodovar hat ihm gesagt, er habe seitdem etwas in seinem Wesen, was vorher nicht da war. Genau das wolle er für Leid und Herrlichkeit. Und genau das verkörpert Banderas hier auch – eine eigenwillige Verletzlichkeit, die aber nie leidend wirkt, eine in-sich-Gekehrtheit, die weder Protest gegen die Außenwelt, noch als Hilfeschrei an diese gerichtet ist. Wir Zuseher sehen Banderas beim Nachdenken zu und das ist spannender als ein Thriller. Banderas ist am vorläufigen Höhepunkt seiner Kunst angekommen – und ähnliches gilt für seinen Regisseur.

Hier der Trailer.


Glow

Als Elter will man seinem Kind ja etwas “mitgeben”, von seinem Leben, seinem Erfahrungsschatz, von seiner Weltsicht. Von Dingen, die einen geprägt haben.

In meinem Fall: den Flashmob des Song Contests 2010. Harhar.

Das kam so: das Kind und ich fuhren über die Tangente und bei diesen Autofahrten hat das Kind das größte Redebedürfnis überhaupt, vorzugweise wenn ich gerade auf die Autobahn auffahre oder einen LKW überhole. Jedenfalls hörten wir letztens Glow – einen Song, den das Kind erstaunlicherweise kannte. Und ich geriet ins Schwärmen: Weißt du, hab ich gesagt, dass dieser Song und der Flashmob das Highlight des Song Contests 2010 war? Damals, hab ich gesagt, warst du noch ganz klein und hast noch nicht Song Contest geschaut.

Dann musste ich erklären, was ein Flashmob ist und warum der als Intervall Show des ESC in Düsseldorf so besonders beeindruckend war. Überall in ganz Europa tanzten Menschen auf der Straße zu diesem Song eine spezielle Choreografie. Manche warfen auch einfach nur die Arme in die Höhe und shakten mit.

Und das war so großartig, so voller Lebensfreude und so verbindend, ein ewiges Highlight der ESC-Geschichte.

Unterwerfung

Mein Vater sagte gerne über Männer, die naja, nicht unbedingt jugendlich geblieben wirken: “Na hoffentlich wird der einmal so alt wie er ausschaut.” Das ist natürlich oft etwas übertrieben, um genau diese Pointe anbringen zu können. Beim Autor Michel Houllebecq – Wikipedia ist gnädig und zeigt ein barmherziges Foto – hab ich mich dabei ertappt, genau das ganz unironisch zu denken, als ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Wobei Houllebecq nicht unbedingt alt aussieht, er sieht sehr ungesund aus. Oder sagen wir so: Ich hoffe, er ist gesünder als er aussieht.

Jedenfalls hab ich seit dieser Woche eine Büchereikarte und mir gleich fünf Bücher ausgeborgt. Und als erstes habe ich Unterwerfung gelesen. Wie die meisten großen Autoren ist Houllebeqc umstritten, die Leserschaft, ja sogar die Kritiker sind sich unsicher, wie sie ihn rezipieren sollen bzw. was er denn jetzt wirklich genau meint. Und was meint Houllebecq denn nun tatsächlich, wenn er ein Frankreich schildert, dass 2022 von einer muslimischen Regierung geführt wird und in dem sich einfach alles verändert? Ist das ein Thilo Sarrazin Szenario, unter dem Motto: Frankreich schafft sich ab? Warnt Houllebecq seine Landsleute vor dem Islam? Ist er gar am Ende ein rechter Autor, der zündelt?

Wenn man mich fragt: er hat einen echt abgefahrenen Humor und Lust an der Provokation. Das liest man schon auf den ersten Seiten und es hat mit dem Islam noch gar nichts zu tun. Nein, es geht da erstmal nur um den Protagonisten Francois, einem Professor für Literaturwissenschaften, der gleich mal lapidar feststellt: “Ein Studium im Fach der Literaturwissenschaften führt bekanntermaßen zu so ziemlich gar nichts.” Ich habe selbst Literatur studiert, ich habe mehr darüber gelacht als ich wahrscheinlich sollte. Das zeigt: Houllebecq (der Name ist übrigens ein Horror zum Schreiben) nimmt vieles nicht ernst, auch und wahrscheinlich vor allem sich selbst nicht.

Der Text ist ein Hybrid: Manchmal eher flapsige Schilderung des deprimierenden Lebens seines Protagonisten Francois – und ja, natürlich geht es da um Alkohol und Sex – und Fertiggerichte. Dann wieder ist es ein Befund, eine Bestandsaufnahme; mehr von Frankreich als vom Islam, der stellenweise eher in Klischees daherkommt. Und dann wieder gibt es Passagen, die einem wirklich Angst machen. Das kann H. also auch mit seiner Sprache, Situationen so bedrohlich zu schildern, dass einem der Atem stockt. So gesehen hätte Unterwerfung auch ein viel finsteres und abgründigeres Buch werden können, bei dem ich mir nicht sicher wäre, ob ich es zuende gelesen hätte.

So ist Unterwerfung aber vor allem ein Unterhaltungsroman, an der Grenze zur Satire, eine Was-wäre-wenn Geschichte, in der Houllebecq demonstriert, dass er virtous auf der Klaviatur des “Skandalsschriftstellers” spielen kann, aber das auf entsprechend hohem Niveau.

ESC das ganze Jahr lang

Seit dem diesjährigen Song Contest verfolge ich wiwibloggs intensiver, eine Plattform, die sich dem ESC mit absoluter Leidenschaft widmet.

In der High Season wird wiwibloggs als Referenzgröße verwendet, sie machen Reactions Videos, Interviews mit den Teilnehmer, ausführliche Reportagen. Für Nerds ist das ja schon ziemlich super. Aber auch abseits des Events bringen sie weiter content. Im aktuellen Youtube Video geht es darum, welche Songs weiterhin am häufigsten nach dem ESC gehört werden.

Das Ergebis: Der beliebteste ESC Song nach dem Contest ist Soldi von Mahmood. Kann ich nur bestätigen, den höre ich immer als erstes, wenn ich auf spotify zu meiner Songcontest Playliste wechsle. Ich höre dieses Jahr aber generell immer noch erstaunlich viele Songs, letztes Jahr waren es nur zwei oder drei, diesmal sind es wesentlich mehr (wie Schweiz, Aserbaidschan, Malta, Slowenien, Zypern). Auch das Siegerlied aus den Niederlanden höre ich noch, allerdings bin ich nach wie vor der Meinung, dass es weniger als Lied als solches gewonnen hat, als als Lebensgefühl. “Loving you is a losing game” – mit dieser Inbrunst gesungen, das hat irgendwie alle gepackt.

Aber Soldi – ein durchaus schwermütiger, dabei aber auch selbstbewusster Song über eine gescheiterte Vatersuche – ist für mich der beste Beitrag des letzten ESC, auch wenn er auf der Bühne nicht ganz rüberkam IMO und es extrem schwer ist, ihn nachzusingen, was auch die wiwiblogger beweisen hihi.

Das Oida Quiz

Heute auf der Heimfahrt vom Garten hat das Kind mit mir das OIDA Quiz von Krone Hit nachgespielt. OIDA steht in dem Fall für Österreich im Detail abgefragt.

Bei dem Quiz geht es darum, dass Fragen nach folgendem Muster gestellt werden: “X-Prozent der Österreicher macht dieses und jenes, in dieser oder jenen Situation (oder eben nicht).” Um es gleich zu sagen, ich bin extrem schlecht dabei. Ich hab von ca. 25 Fragen keine einzige richtig beantwortet.

Das Highligt war aber die Frage: “Was tun 40 Prozent der Österreicher wenn sie frisch verliebt sind?” Meine echt, man muss es sagen, naive Antwort: “Einen Brief schreiben.” Die tatsächliche Antwort: “Nacktfotos von sich an den Partner verschicken.”

Und ich so: “Waaaas sind die denn wahnsinnig? An jemand den man gerade erst kennengelernt hat, 40 Prozent machen das, waaaas?”

Das Kind fand meine Reaktion extrem lustig, na wenigstens etwas.

Sommerfrauen, Winterfrauen

Auf eine Empfehlung auf Facebook hin, hab ich das Buch Sommerfrauen, Winterfrauen von Chris Kraus gelesen.

Mein erster Eindruck war: Kraus’ Schreibweise erinnert mich total an Arnon Grünberg, von dem ich vor Jahren einige Romane gelesen habe, unter anderem Phantomschmerz. Das liegt wahrscheinlich daran, dass beide sich mit jüdischer Famliengeschichte beschäftigen und das auf durchaus auch flapsige Art und Weise. Bei Phantomschmerz ging es u.a. um einen Autor, der auf Kochrezepte umsattelt – sein Buch trägt den Untertitel “Kochen nach Auschwitz”, als (durchaus provokant zu lesende) Anlehnung an die Diskussion, dass man nach Auschwitz keine Lyrik mehr schreiben kann. Noch böser und politisch unkorrekter wird es, als ein deutscher Journalist das Buch unter dem Titel “Frisch aus dem Ofen” rezensiert.

Der Protagonist bei Kraus, Jonas Rosen, ein Filmstudent, soll einen Film drehen, will aber – entgegen anderslautender Wünsche – keinen “Nazischeiß” machen. Er geht also nach New York, um dort einen Film über Sex zu drehen. Wer jetzt erwartungsvoll ist: darum geht es nur am Rand. Es geht mehr um das Leben in New York, um die schrulligen Personen, die Jonas dort trifft und um – Nomen est Omen – Sommer und Winterfrauen. Er lässt eine Winterfrau zurück, seine asiatische Freundin Mah, und lernt in NY eine Sommerfrau, die Deutsche Nele Zapp kennen. Was ist nun eine Winterfrau, im Vergleich zu einer Sommerfrau? “Eine Winterfrau ist autark. Sie wohnt in ewigem Permafrost. (…) Verantwortungsvoll und groß ist sie im Schmieden von kleinen Plänen.” Sommerfrauen dagegen sind “Schönwetterfrauen. (…) Sie sind gewohnt, dass ihre Träume wichtig sind. Niemals zügeln sie ihren Leichtsinn (…)

Das ist das Beste an diesem – im Gesamtkontext gesehen vielleicht nicht optimal durchkomponierten Buch: Die genialen Formulierungen und Personenbeschreibungen. Kraus ist ein sehr genauer Beobachter und er versteht es, seine Personen so plastisch erscheinen zu lassen, dass man mit ein paar kurzen Zeilen ein ziemlich genaues Gefühl dafür bekommt, mit wem man es zu tun hat.

Über den windigen Vorstand des Goethe-Institutes in NY schreibt Kraus etwa:

Er stolperte die Treppe herunter, nur im inneren Gleichgewicht gehalten durch ein volles Bankkonto, seine Hölderlinpromotion und die Genugtuung, jede Menge Vorfahren auf preußischen Schlachtfeldern verloren zu haben.


Kraus erzählt über eine Psychologin, deren Freund ihr zu langweilig ist, weil er keine psychischen Defizite hat. Nach dem Sex mit ihm ruft sie daher ihre schwulen Freunde an, um mit denen über ihre Probleme zu reden oder sich fürs Theater zu verabreden. In der Frage, wo (sexueller) Betrug beginnt, lässt er eine Figur im Buch sagen: “Was tun wir schon? Wir liegen da und das Einzige, was wir bewegen, sind traurige Gedanken und ein paar Finger.” Ich finde das brilliant formuliert.

Also: Die Sprache ist wunderbar bei Chris Kraus, inhaltlich stehen Schilderungen von wirklich brutalen Nazimethoden (erzählt von einer Wahltante von Jonas) neben den merkwürdigen Eskapaden der Künstlertypen der New Yorker Kunstszene und die Diskrepanz könnte natürlich nicht größer sein. Als Leser fragt man sich, ob Kraus seinen eigentlichen Stoff vielleicht etwas zu oberflächlich und unbedeutet gefunden hat und – genauso wie sein Protagonist mit dem geplanten Sexfilm – nicht wirklich weiß, was er Tiefgreifendes damit sagen will. Das Holocaust Thema alleine war Kraus dann aber eventuell zu schwer und bedrückend? Die Kunst imitiert hier also, wenn man so will, das Leben.

Sommerfrauen, Winterfrauen sei den LeserInnen empfohlen, die etwas für originelle Sprache und skurille Charaktere übrig haben. Und die denken, sie können sich mit einer Collage aus “Nazischeiß” und verkrachtem Künstlerexistenz-Epos anfreunden. Ich konnte es durchaus.