almis personal blog

Brooklyn

Apropos Kitsch. Kürzlich habe ich Brooklyn gestreamt, einen Film unter der Regie von John Crowley, von dem ich dieses Jahr We Live in Time gesehen habe, der mir sehr gut gefallen hat.

In Brooklyn geht es um die junge Frau Eilis (Saoirse Ronan), die im Jahr 1951 aus ihrem irischen Kaff und der Perspektivlosigkeit nach New York geht. Ihre Schwester Rose, die die Intelligenz und Weltoffenheit von Eillis erkennt und merkt, dass sie in dem kleinen Dorf nicht glücklich werden wird, hat ihr einen Job in einem Kaufhaus verschafft, es ist auch geplant, dass sie dort eine Ausbildung macht. Voller Heimweh kommt Eilis in New York an und tut sich schwer, nicht überall Irland zu sehen und zu vermissen, obgleich ihr schon bewusst ist, dass das Leben hier mehr für sie zu bieten hat. Da trifft sie eines Tages den italienischstämmigen Tony (Emory Cohen)…

SPOILER, ALLERDINGS VERRATE ICH DAS ENDE NICHT

Bei diesem Plot könnte man sich denken (und das habe ich auch getan harhar), was geht mich das eigentlich an, warum eine Frau in den 1950er Jahren nach Amerika geht, es riecht außerdem nach richtig kitschiger Liebesgeschichte. Da kann ich entwarnen. Nichts an diesem FIlm ist kitschig und meiner Meinung nach ist es nicht einmal eine Liebesgeschichte, zumindest nicht eine zwischen Frau und Mann. Vielleicht eher zwischen Frau und einer Stadt oder noch besser: Einer Frau und dem Leben und seinen Möglichkeiten.

Im Grunde wird Eilis – den Namen spricht man, wie die meisten irischen Namen anders aus, als man ihn schreibt, eher so “Elisch” – laufend unter Druck gesetzt. Einerseits von Tony, der sie zwar wirklich liebt, der aber gleichzeitig nicht derjenige ist, für dessen höhere Ausbildung seine Familie Opfer bringt. Das ist sein kleiner Bruder. Tony ist Klemptner. Insofern passen Eilis und er intellektuell nicht wirklich zusammen. Außerdem ist Tony auch ziemlich unsicher und dementsprechend besitzergreifend. Und dann gibt es noch Eilis Mutter und ich denke mir da immer, nie will ich so werden als Mutter! Die Mutter will nämlich, nachdem Eilis Schwester überraschend verstirbt, dass Eilis um jeden Preis zurück nach Irland kommt und bleibt, nämlich darum, um sich um sie, die Mutter zu kümmern. Natürlich kann man verstehen, dass sie Eilis lieber in der Nähe hätte. Aber ich kann deshalb das eigene Kind nicht daran hindern, sein Leben zu leben und ihm ein schlechtes Gewissen machen, wenn es andere Pläne hat. Das ist nicht fair.

Eilis schwankt bei einem Besuch in Irland. Plötzlich wird ihr hier ein guter Job angeboten. Plötzlich gibt es einen jungen Mann, Jim (Domhnall Gleeson) der sich für sie interessiert, mit dem sie anregende Gespräche führen kann und der noch dazu ausnehmend begütert ist. Plötzlich wirkt Irland gar nicht mehr so trost- und hoffnungslos. Aber ist das nur die Wiedersehensfreude, die Verklärung, weil man längst woanders lebt? Oder ist eine Zukunft für Eilis in Irland möglich, was aber auch den Abschied von Tony bedeuten würde?

Saoirse Ronan, die ich immer sehr gerne sehe, liefert hier eine so komplett ruhige und kleine Performance ab, die gerade deswegen so eindringlich ist und den Film trägt. Denn auch wenn das ganze Ensemble gut ist und wenn der Film sehr viele interessante Szenen hat, so ist sie es, die uns die Ambivalenz von Eilis vermitteln muss, die sehr viel alleine mit Blicken, mit Mimik, transportieren muss, was in ihr vorgeht, was sie sich denkt, wünscht und erhofft. Sie erzählt uns von einer Frau, die selbstbestimmt sein möchte und einem Beruf nachgehen, in einer Zeit, in der das für Frauen nicht besonders einfach war. Ronan macht das so gut, dass sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert worden ist.

Jedenfalls ein Film, bei dem meine Vorurteile definitiv nicht angebracht waren und der so viel mehr bietet, als ich mir von ihm erwartet habe. Ich denke immer noch über ihn nach.

August

In meinem “Poetik-Feed” auf Social Media habe ich zum Anfang des Monats gelesen: “I expect too much of August and August expects too much of me.” Finde ich irrsinnig schön formuliert, geht mir aber gar nicht so, ich erwarte mir gerade gar nichts, na ja, einen Schatten unterm Baum und vielleicht doch noch ein paar Mal ins Wasser gehen, lesen und schreiben und ein paar lustige Tage mit dem Kind verbringen, wenn er wieder da ist. Was der August von mir will, ist mir ziemlich egal, harhar.

Meine Telefoniererei hat übrigens ein höchst erfolgreiches Ende genommen, nachdem ich mit Menschen von Wien, Innsbruck bis nach Bozen (extreme Flashbacks an meine Zeit dort!) gesprochen habe. Ich bin schon ein bisschen stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, Menschen zu helfen. Anscheinend liegt mir das Telefonieren doch nicht so schlecht, ich bin vor Freude ein bisschen durchs Haus getanzt. Ich habe aber trotzdem keinen, ich wiederhole keinen Wiederholungsbedarf, harhar.

Hietzing am Platz und Sonne!

Zur Feier dessen bin ich nach Hietzing gefahren, bin spazieren gegangen und habe fast eine Stunde in der Buchhandlung Kral (unbezahlte Werbung) verbracht und ganz viele Bücher angelesen. Letztendlich habe ich mich, naja, nicht für das falsche, aber doch wieder für einen Roman entschieden, nämlich Verheiratete Frauen, der mich bisher nur so halb überzeugt. Die Themen – Frauen um die 40 Jahre und ihre Beziehung(skrisen), auch Affinität zum Medium Film – interessieren mich zwar total, aber ich halte so eine verkitschte Sprache gar nicht aus, wie sie leider auch die Autorin Cristina Campos verwendet. Ich bin da eher bei Ernest Hemingway, der forderte: “Write hard and clear about what hurts”. Das kann und soll poetisch sein, aber eben kein Kitsch.

Ach ja, bei meinem Text geht es gut voran, ich weiß jetzt auch endlich wie er enden wird und das erfüllt mich auch mit einer gewissen Zufriedenheit, harhar.

Ansonsten schaue ich mir die Urlaubsfotos von anderen an und freue mich mit. Ich vermisse da nichts. Das, was ich vermisse, ist eine Melodie in meinem Alltag (siehe gestriger Eintrag) – das finde ich ein so schönes Bild und tut mir gerade gut.

The Life of Chuck

Diese Woche hab The Life of Chuck im bis auf den letzten Platz besetzten Studio-Saal im Votiv gesehen und rückblickend bin ich echt froh, dass ich mich nicht für die Pressevorstellung für Uncut gemeldet habe, weil über den Film zu schreiben ist wirklich schwer. Während ich das schreibe, weiß ich selber noch nicht, wie ich das machen werde, also seid gespannt. Harhar.

Regie führte Mike Flanagan, vom dem ich nichts kenne und der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, es ist aber kein Horror. Worum gehts? Irgendwie um das Leben von “Chuck”, Charles Krantz (Tom Hiddelston), das in drei Akten und rückwärts erzählt wird. Am Beginn steht Chuck vor seinem Ende und auch die Welt tut das – Naturkatastrophen scheinen der Menschheit den Garaus zu machen. Dennoch bedanken sich alle bei Chuck für 39 fabelhafte Jahre. Aber warum tun sie das und was hat Chuck mit dem drohenden Weltuntergang zu tun?

SPOILER!!!! ES GEHT NICHT ANDERS!

Ich bin ja bekannt dafür, dass ich Tanz in Filmen liebe. In meinem Haus hängt ein La La Land Poster am Stiegenaufgang. In The LIfe of Chuck tanzt Tom Hiddleston (übigens hervorragend) fast den ganzen zweiten Akt über, auch mit der mir bisher unbekannten Annalise Basso. Sonst hat Hiddleston im Film übrigens fast nichts zu tun, auch wenn er die titelgebende Figur ist, aber teilweise wird ja von Chuck als Kind und Jugendlicher erzählt, also insgesamt spielen drei oder vier andere Kinder bzw. Jugendliche ihn ebenfalls.

Ich liebe es auch, wenn in Filmen Gedichte zitiert werden und das kommt bei The Life of Chuck im ersten und im dritten Akt vor. Beide Male ist es etwas aus Walt Whitmans Gedicht Song to Myself: “Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, / I am large, I contain multitudes.” Ich enthalte Vielheiten. Während wir alle vielleicht ein bisschen Angst haben, vor den Widersprüchen in uns selbst, umarmt Walt Whitman sie, weil wir sind eben groß, wir verkörpern unterschiedliches. Wir dürfen auch widersprüchlich sein.

The Life of Chuck hat zwar diese durchgehende Handlung (wenn auch rückwärts erzählt) Chuck vor seinem Tod bis Chuck als Kind, aber viel mehr handelt der Film von vielen kleinen Momenten, die uns sagen, wie schön das Leben ist, wenn man auf seine Details achtet. Klingt jetzt komisch, weil ja vor allem im ersten Akt dauernd vom Weltuntergang die Rede ist, aber vielleicht auch gerade deshalb. Die Figur eines Lehres, die von Chiwitel Ejiofor dargestellt wurde, mochte ich gleich. Weil das Internet fällt aus (für immer!!!) und ein Vater kommt zu ihm, eigentlich wegen eines Elterngespräches und er sagt verzweifelt zu ihm: “Pornhub funktioniert auch nicht mehr”. Und der Lehrer könnte dann so tun als wisse er von nichts, als hätte er überhaupt noch nie von Pornhub gehört etcetera, doch er sagt so auf die Art, ja das ist mir auch schon aufgefallen, harhar. Und das fand ich irrsinnig sympathisch.

Der Film hat diese kleine Stephen King Mystik – eine Dachkammer, die man nicht besuchen soll. Das spoilere ich nicht, es ist tatsächlich ziemlich furcherregend, wenn auch nicht im Sinne von Horror. Tatsächlich aber ist meine Interpretation, dass der Film das verkörpern soll, was Chuck im Zuge seines “das Leben zieht nochmal an mir vorbei” Moments vor seinem inneren Auge sieht. Da passt nicht alles zusammen, da gibt es traumartige Sequenzen, alles ist auch ein bisschen mysteriös. Dass sich die Welt bei Chuck bedankt, interpretiere ich so, dass jeder Mensch das Zentrum seines eigenen Universums ist und, dass er sich wünscht, einen Eindruck bei anderen zu hinterlassen. Und dass die Welt untergeht? Naja, sie geht für jeden von uns in dem Moment unter, in dem wir sterben.

Soweit meine Gedanken, man kann alles aber auch anders sehen. Das ist das Schöne an diesem poetischen Film. Ach ja und am Ende hat man einen My Sharona Ohrwurm.

Frühstück Garten

Heute war M. bei mir im Garten frühstücken. Voriges Jahr hatten wir ein Frühstück am quasi kühlsten und windigsten Tag inmitten von herrlichen Sommerwochen, wir mussten im Haus sitzen. Heuer war es umgekehrt, es war endlich mal sonnig und angenehm zum draußen sitzen.

Es gab zwei Sorten Marmelade, Schinken und Käsewurst, Eier, zwei Sorten Orangensaft, Erdbeeren und Heidelbeeren, sowie diverses Gebäck und als Mitbringsel noch Linzeraugen. Es war herrlich.

Wir haben uns von 9 bis 14.30 Uhr unterhalten und am Ende wars wie immer, man könnte das gar nicht nacherzählen. M. hat es sehr poetisch formuliert, aber ich habe mir diese super Beschreibung nicht gemerkt, irgendwas mit, wir sprechen seit 30 Jahren über die gleichen Dinge, in verschiedenen Abwandlungen und mit immer wieder anderen Facetten und Perspektiven oder so. Naja, so toll krieg ich es nicht hin, aber sie hat es super gesagt!

Dann wars sie noch in meiner Bibliothek (aka Bücherregal harhar) und hat sich ein paar Sachen für den Urlaub ausgesucht unter anderem Doris Knecht. Einen Roman, den ich gestern ausgelesen habe, habe ich so kommentiert: “Mir hat es nicht besonders gefallen, aber du kannst es dir gern ausborgen.” Marketing kann ich, harhar.

Jedenfalls wars ein superfeines, langes Frühstück.

Komfortzone

Ein Zitat von Doris Knecht aus Ja, Nein, Vielleicht muss ich noch bringen, weil ich viel darüber nachgedacht habe.

Dieser Satz mit der Komfortzone, die man unbedingt verlassen muss. Ich will da nicht mehr raus. Ich habe meine Komfortzone oft genug verlassen, als ich jünger war, es war sehr anstrengend, mir reichts jetzt. Es war oft lohnend und manchmal nicht, oder vielleicht eher umgekehrt. Ich bleibe jetzt lieber im sicheren Warmen. Wenn ich es verhindern kann, gehe ich nicht unbedingt wieder hinaus. Es bricht sowieso immer etwas Unkontrollierbares in diese Komfortzone ein (…)

Ja, Nein, Vielleicht, Seite 224f.

Da dachte ich mir, ja so ist es, so empfinde ich das auch. Gibt es wirklich Menschen, denen so fad ist, die sich weder ihr eigenes Drama kreieren (harhar), noch ständige Herausforderungen von außen haben, dass sie ihr Leben als immerwährende Komfortzone betrachten? Wenn ich an mein Umfeld denke, nehme ich eher wahr, dass die meisten ihre Kämpfe haben.

Alleine in den letzten eineinhalb Wochen sind auch bei mir zwei unvorhergesehende Dinge passiert, jetzt nicht dramatisch, aber doch. Eines hatte damit zu tun, dass ich plötzlich dauernd telefonieren musste, in Vertretung. Ich habe jetzt schon so genug davon und in einer Woche werde ich sagen, ok es ist reicht für dieses Jahr. Don’t call me, I`ll call you. Or maybe not harhar.

Und wenn diese Tsunamiwarnung zwei Tage früher gekommen wäre, dann wäre das die dritte unvorhergesehene Sache gewesen, über die ich mir im Übrigen vorher auch schon wieder keine Sorgen gemacht hatte. Meine Sorgen galten Bären und dem Absturz von hohen Leiter, im wesentlichen. Bei einem drohenden Tsunami hätte ich dann keine ruhige Minute mehr gehabt, aus Angst um das Kind und seine Mitreisenden an der Küste. Und nein, sie sind nicht in Russland, harhar.

Also was ich damit sagen will, wie Doris Knecht strebe ich es an, in meine Komfortzone zu kommen und nicht raus. Unter meinen Kirschbaum, in meinen Kinosaal, auf mein Sofa, in mein Lieblingslokal, auf meine Gedankenreise und das am besten ohne schweres Herz. Also ich schließe mich dem Plädoyer für die Komfortzone vollinhaltlich an.

Ja, Nein, Vielleicht.

So, nun zum neuen Roman von Doris Knecht. Doris Knecht hat sich bereits in ihrem letzten Buch Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe ein bisschen in Richtung Autofiction a la Annie Ernaux entwickelt. In diesem Buch hat sie vom Auszug ihrer Töchter und dem Empty Nest erzählt, in ihrem neuen Roman Ja, Nein, Vielleicht geht es quasi weiter.

Die Protagonistin lebt nun ihr Leben zwischen Wien und dem Haus im Waldviertel und ist sehr zufrieden. Die erwachsenen Kinder haben alles im Griff, sie schreibt, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, trifft sich mit Freunden, genießt das Landleben, die Gartenarbeit und ihren Hund. Sie hat auch einen “Johnny”, der so etwas wie ein Friend with benefits ist, glaub ich zumindest, es bleibt etwas nebulös. Da trifft sie zufällig Friedrich wieder, einen Mann, mit dem sie 25 Jahre zuvor auch eine gewisse “Geschichte” hatte, aber zusammen waren die beiden nie. Und nun stellt sich für die Protagonistin die Frage: Was möchte sie? Will sie sich nochmal auf eine “richtige” Beziehung einlassen? Und zu welchen Bedingungen?

Dieser Roman ist in erster Linie eine Reflexion über die romantische Liebe an sich, also die Liebe abseits von gewissermaßen Notwendigkeiten. Die Protagonistin stellt sich die Frage, wozu sie als Frau mit Mitte 50 jetzt überhaupt noch eine Beziehung “braucht” – das Thema Kinder und Familie ist für sie ja bereits lange abgeschlossen. Sie hat, was sie möchte, sie ist finanziell unabhängig, sie verfügt über genügend soziale Kontakte und, nicht zu vergessen, da ist wieder die Freiheit, das Leben so zu gestalten wie sie das will. Sie muss nach 20 Jahren Kinderbetreuung – einen nicht unbeträchtlichen Teil davon alleinerziehend – keine Kompromisse mehr eingehen und sich nach niemandem richten.

Sie denkt über eine Freundin nach, die sich gerade verlobt hat, “Ich weiß, was nach diesen Liebeshighs kommt. Das ist kurz fantastisch, das hält nicht an (…) Dahinter wartet Enttäuschung, Gewöhnung und eine gute oder schlechte Komplizenschaft. Im besten Fall eine ruhige verlässliche Liebe, im schlechteren Langeweile, im schlimmsten Zurückweisung, Gleichgültigkeit, Hass.” (S. 55)

Einmal fragt sie diese Freundin, wenn jetzt wieder bei ihr, der Protagonistin, ein Mann im Haus wäre, wo würde der sitzen, was würde er tun? Und die Freundin antwortet so auf die Art, nun ja, er könnte uns Drinks mixen harhar. Tatsächlich erinnert sich natürlich auch die Protagonistin daran, was gut war, an der Liebe, an einer Partnerschaft, das Gefühl, geborgen zu sein, diese Nähe und Intimitität zu verspüren, wie es damals temporär mit diesem Friedrich war: “(…) wir wollten nur miteinander ins Bett und dann nackt nebeneinanderliegen und uns Sachen aus unseren Leben erzählen. (…) Dabei vielleicht was trinken, viele Zigaretten rauchen und dann vielleicht nochmal miteinander schlafen”

Aber auch das Gefühl, dass zu wenig zurückkommt, dass sie nicht so geliebt wurde, wie sie es gebraucht hätte, das ist ganz schnell wieder da. Kurz nach dem ersten Wiedersehen schickt sie Friedrich abends eine Nachricht und dreht dann das Handy ab:

Am nächsten Morgen wache ich auf und finde mich plötzlich wieder an diesem inneren Ort, an dem ich nie wieder hinwollte: an einem Ort, wo ich die Nachricht eines Mannes erhoffe. Ich kenne diesen Ort gut. Es ist ein Ort, dessen Landschaft sich von heute auf morgen von einem blühenden Hügel mit idyllischem Ausblick in ein kaltes, schlammiges Tal verwandeln kann (…) dort verknüpfen sich mein Wohlbefinden (…) mein Selbstwert untrennbar mit dem Blick eines Menschens auf mich, der nicht ich bin (….) Ich war dort schon zu oft, ich weiß nicht, ob ich da nochmal hinwill.

Ja, Nein, Vielleicht Seite 46.

Ja, nein, Vielleicht ist ein leicht lesbarer, streckenweise ziemlich amüsanter Roman über eine selbstbestimmte, auch sehr reflektierte Frau. Er enthält erstaunlich viele sehr poetische Betrachtungen, die einfach für mich wunderschön beschreiben, wie man sich so mitunter fühlt, in diesem Alter, nach dem vielen Leben, das man schon hinter sich hat, den Erfahrungen, die man gemacht hat, auch den Tränen und dem Schmerz und dem Bewusstsein, dass das alles gar nicht so einfach ist, wie man sich das gedacht hat, als man sich das allererste Mal verliebt hat.

Eine universelle Antwort gibt Knecht nicht, aber sie findet die Anwort für sich. Diesen Bewusstseinsbildungs-Prozess mitzuerleben, das ist höchst spannend.

Glazing

Apropos Glazing. Das Wort verwenden Jugendliche wie gesagt heutzutage für “Einschleimen”.

Das Kind hat ja in diesem Jahr darstellende Geometrie gehabt. Ein Fach, mit dem ich aus sehr vielen Gründen wirklich nichts anfangen kann – Mathematik, räumliches Sehen, Genauigkeit, Vorstellungsvermögen, Geduld, you name it. Er kann das aber gut. Jedenfalls hat er am PC ein Schachbrett mit Figuren konstruieren müssen oder wie man das nennt.

Ich komm in sein Zimmer, seh das und sag, wirklich ehrlich begeistert zu ihm: Wow, das ist ja ur toll!

Und er darauf: Der Glaze ist crazy.

Ich: Na Entschuldigung, wie konnte ich nur

Harhar, seitdem ist das ein running Gag bei uns. Leider kam Glazing/Glaze aber heute nicht in die engere Auswahl zum Jugendwort des Jahres in Deutschland. Ich hab wohl zu spät mit der Lobby-Arbeit begonnen.

Juli Wochenende

War das schon das heißeste Juli Wochenende aller Zeiten, man weiß es nicht. Denn wie man auf T-Online lesen konnte, “Dieser Hitzesommer tarnt sich gut”. Die Autorin dieses Artikels hat den Titel dann, nach etwas “Feedback” aus den sozialen Medien geändert.

Falls jemand glaubt, ich sei ein “Klimaleugner”, ein (semantisch) noch blöderer Begriff als Coronaleugner und der war schon saublöd, nein, das bin ich nicht. Aber ich gebe zu, ich finde diese permanente Hitze-Panikmache zunehmend anstrengend. Ich folge Menschen auf Insta, die sich beim ersten wirklich heißen Tag dieses Jahres, der dieses Jahr eh relativ spät und bisher auch relativ singulär war, schon dafür entschuldigen, dass sie sich über das Wetter freuen. Denn über das Wetter freuen ist ja auch schon verdächtig heutzutage.

Wie auch immer, nach langer Zeit, eigentlich das erste Mal seit Corona vor drei Jahren, war ich ein bisschen krank. Eh im Schnelldurchlauf, etwas Halsweh, eine Nacht Schnupfen aus der Hölle, bisschen Husten, fertig. Ich war im Garten und hab es mir in meinem Zimmer mit den vielen Kuscheldecken und Kuschelpolstern gemütlich gemacht. Muss ich schreiben, dass auch dieses Zimmer voll von Erinnerungen ist? Ich habe ein bisschen gearbeitet und auch an meinem Text geschrieben, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich finde ihn doch ziemlich gut, muss ich sagen harhar.

Irgendwann habe ich im Falter den Nachruf von Franz Schuh über Claus Peymann gelesen und nach vier Absätzen hab ich nochmal von vorne begonnen und geschaut, ob das wirklich ein Nachruf ist, weil der Name Claus Peymann bis dahin noch nicht vorgekommen ist. Auch originell, einen solchen Nachruf zu schreiben, in dem die eigenen Schauspielerfahrungen fast ein bisschen wichtiger sind als die Person Peymann selbst, über die man eigentlich schreiben sollte und der schon auch ein “Piefke Kotzbrocken” war – Zitat Franz Schuh. Ich glaub, Peymann hätte sich über die Bezeichnung eh gefreut und ich denke, einen Nachruf aus lauter “Glazing” (Jugendsprech für Schleimen) hätte er nicht ausgehalten, aber ich halte ehrlich gesagt so einen strangen Nachruf, durch den ich einen Wegweiser zur Orientierung bräuchte, nicht aus, tut mir leid.

Nachts hat es geregnet und ich habe bei offenem Fenster Doris Knecht Ja.Nein.Vielleicht gelesen, fast in einem durch, ich konnte nicht aufhören, es war so, so gut, ich liebe das Buch, mehr noch als das letzte von ihr, mehr dazu bald.

Und dann hab ich noch das Formel 1 Rennen geschaut, damit ich dem Kind berichten kann, und es wurde eine Stunde nicht gefahren wegen Starkregens. Die Moderatoren mussten die Zeit mit Reden überbrücken. Das wäre für mich eine echte Horrorvision, eine Rennstecke ohne Autos, 60 Minuten lang kommentieren harhar. Aber Wurz und Hausleitner haben das eh gut gemacht.

Too Much – das Ende

So, die letzten fünf Folgen der Serie Too Much kann ich in einem Blogartikel abhandeln und zwar locker! Harhar.

ACHTUNG SPOILER

Noch viel mehr unsympathische Menschen, es ist wirklich eine Kunst. Außer vielleicht Andrew Scott, der aber einen tatsächlich intendiert unguten Typen spielt. Und hier die direkte Beziehung zu Fleabag. Scott hat in der 2. Staffel von Fleabag den “hot priest” verkörpert, und er war ur toll, eine ikonische Performance. Ich habe ihn dann noch in All of us Strangers und Ripley gesehen, auch super. In Too Much macht er das Beste aus seiner Figur, aber er muss trotzdem die Zeilen sagen, die im Drehbuch stehen und sie sind halt nicht besonders gut.

Wir lernen die natürlich komplett kaputte Familie von Felix kennen – nichts gegen kaputte Familien, aber es ist, warte mal, too much, richtig harhar. Und too much ist auch das Finale der Serie und zwar komplett, nicht nur aus feministischer Sicht, sondern für jeden denkenden Menschen. Denn, haltet euch fest, hier kommt der Endspoiler der Serie: Felix macht einen Fehler oder eigentlich mehrere. Er wird als trockener Alkoholiker rückfällig und betrügt Jessica. Sie trennt sich von ihm, sieht aber ein, dass niemand perfekt ist und verzeiht ihm. Daraufhin macht er ihr, wait for it: Einen Heiratsantrag und sie nimmt an und alle feiern ein glückliches Hochzeitsfest. Ende.

Nein, einfach nur nein. Man kann nicht zwei riesige Problemfelder einfach so abhandeln, in dem man heiratet. Lassen wir mal den Betrug im Suff weg – aber sorry, er ist jetzt wieder Alkoholiker und ich kenn mich damit nicht so aus, aber ich glaube, dass ist a) irgendwie ein schlechtes Zeichen, wenn man durch eine neue Beziehung nach Jahren wieder in die Sucht zurückfällt und b) glaube ich, dass man da schon ein wirklich substantielle Aufgabe damit hat, diesen Rückfall zu bewältigen und sicher andere Sorgen hat, als eine Hochzeit zu organisieren. Und was macht Heiraten in so einer Situation genau besser? Abgesehen davon, dass die beiden auch davor nicht wirklich ein Traumpaar waren, und im Grunde nicht viel gemeinsam hatten.

Na gut, um nicht komplett als Spielverderber dazustehen, zwei Dinge, die ich in der Serie witzig fand. Einmal sagt der Arbeitskollege von Jessica über den Chef, er spüre bei ihm eine BGE – “Big Closeted Energy”, das fand ich eine coole Bezeichnung. Und dann noch Jessica, als sie über sich selbst sagt: “I am the Meghan Markle of the fat white bitches!” Oh yes, you definitely are!

Schaut euch die Serie am besten selbst an und widersprecht mir, wenn ihr wollt. Und könnt! Harhar.