almis personal blog

Spätsommer

Mein Papa hat früher um diese Zeit, als ich nach sieben Wochen Kärnten wieder nachhause gekommen bin, immer gefragt, ob hier nicht alles ganz fremd für mich wäre, nach so langer Abwesenheit.

Heute bin ich durch die Stadt gegangen, an einem Sonntag im Spätsommer, und habe mir gedacht, vielleicht ist um diese Zeit ohnehin immer alles irgendwie fremd, auch wenn ich gar nicht weg aus Wien war. Weil wieder etwas zuende geht und wenn es auch nur die Jahreszeit ist. Dann habe ich mir überlegt, wie oft sich das Leben verändert, und wie fremd es einem immer wieder einmal auch wird. Und ob das gut oder schlecht ist. Wahrscheinlich ist es gut, auch wenn es schwierig ist.

Ich mag diese Zeit im Jahr, ich mag das Licht, und wie es riecht, ich mag die Luft. Es haben auch nicht nur Dinge geendet, es haben auch wunderbare Dinge begonnen, genau zu dieser Zeit. Es ist so schön daran zu denken und manchmal auch ein bisschen traurig.

Die Ambivalenz des Spätsommers.

Gute Gedanken.

Meine Mutter sagt in regelmäßigen Abständen zu mir, dass ich mir viel zu viele Gedanken über alles mache. Das bringt überhaupt nichts, findet sie, außer, dass es anstrengend ist.

Nun war ich heute mit etwas konfrontiert, was ich so nicht kommen gesehen habe. Konkreter kann ich nicht werden, da es mich, wie schon mal erzählt, nur peripher betrifft. Aber weil gerade niemand anderer verfügbar ist, war ich gefragt. Ich habe mir also zwar wie immer viele Gedanken gemacht, über diese Sache aber trotzdem zu wenig, weil mir gar nicht eingefallen ist, dass das passieren könnte. Oder hat meine Mutter recht, dass man eh nicht auf alles draufkommt, worüber man sich sorgen könnte und man es deshalb gleich lassen kann. Ich tendiere heute eher zu zweiterem, muss ich zugeben, harhar.

Jedenfalls habe ich dann ein Gespräch führen müssen, wie ich es gar nicht mag, klar, deutlich, auch bestimmt bzw bestimmend. Wäre das Kind dabei gewesen, hätte er gesagt: “Boah cold”, was er immer sagt, wenn ich eine (meistens eh nur pseudo) ernste Ansage mache. Das ist so Jugendsprech und wir lachen immer sehr drüber, soviel zu meinen ur “colden” Ansagen. Aber ja, das heute war ok. Obwohl es mich sehr herausgefordert hat, hat es auch etwas bewirkt.

Hätte das gerne jemand erzählt, wie ich ihm immer alles erzählt habe und weil ich ein bisschen stolz auf mich war. Aber im Grunde habe ich damit eh nie aufgehört, in Gedanken. Und das sind auf jeden Fall die guten Gedanken, und die werde ich mir immer machen.

Dienstag

Heute bis nach Mittag im Pyjama an zwei Projekten parallel gearbeitet. Dazwischen wollte ein Nachbar was, und ich musste ihm in diesem Aufzug öffnen harhar.

Danach endlich geduscht und etwas gegessen.

Anschließend in den Garten gefahren und mit dem Kind geschrieben, das jetzt für sieben Tage an einem Ort ohne Internet ist. Ja sowas gibt es tatsächlich. Daran gedacht, dass ich selbst fast auf den Tag genau vor 20 Jahren nach Vancouver geflogen bin und wie sehr das ein anderes Leben war.

Gelesen, dass Ozzy Osbourne gestorben ist. Wird jetzt manche überraschen, aber Ozzy war tatsächlich ein Teil meiner Jugend. Als Solokünstler, weniger bei Black Sabbath, das war mir zu hart. Aber aufgrund dessen, dass mein Freund in einer Indieband war, habe ich viel Rock gehört. Wer immer aller jetzt einen Nachruf schreibt, zitiert bitte Goodbye to Romance, da finden sich viele passende Zeilen und es ist so ein schöner, trauriger Song. Schnüff.

Am Abend unterm Baum gelegen und mein neues Buch fast ausgelesen.

Jetzt in meinem Haus, in meinem Raum zum Schreiben sitzen und eben schreiben. Aus dem Fenster schauen.

Danach werde ich schlafengehen und an jemand denken.


I guess that we’ll meet, we’ll meet in the end

(Ozzy Osbourne)

Ma

Heute in der Früh bin ich in den Garten gefahren und habe den Podcast von Michel Friedman (zu dem ich ein zwiespältiges Verhältnis habe), Friedman im Gespräch gehört. Nämlich die Folge, wo er Lars Eidinger zu Gast hatte. Eidinger mag ich als Schauspieler sehr und er sagt auch interessante Dinge, die immer ein bisschen subversiv sind. Ich muss aber zugeben, dass Friedman auch halbwegs ok war, harhar.

Es ging viel um Sprache. Gemerkt habe ich mir spontan, dass Eidinger meinte, durch das Gesagte wird Wirklichkeit geschaffen, zum Beispiel in der Politik. Da ist es gar nicht mehr wichtig, ob es sich dabei um eine Lüge handelt. Das war schon bei Shakespears Richard III so.

In Japan, erklärte Eidinger dann, gibt es ein Wort für die Stille, für die Pause, für das “dazwischen” im Gespräch. Und das wird dort “Ma” genannt. In Japan wird ein Mensch höher geschätzt, der zuhören kann als jemand, der gut reden kann. Ich glaube, mich daran erinnern zu können, so etwas auch mal über Architektur, über freie Räume zwischen Gebäuden gelesen zu haben, und wie wichtig die sind, nicht nur als Leerstelle, sondern um eben zum Beispiel Häuser so richtig zur Geltung zu bringen.

Gasthund beim Sonnenbad

Themenwechsel, aber doch nicht so ganz. Angenehm warm war es heute im Garten. Und wieder habe ich das gespürt, was ich auch gestern schon gespürt habe, als ich während des Sommerregens auf den Balkon gegangen bin, nämlich dass mich bestimmte Wetterlagen und die dabei entstehenden Gerüche der Luft, die Art, wie der Wind geht, oder wie die Sonne meine Haut wärmt, immer wieder so sehr an jemanden erinnern, oder vielmehr, dass ich ihm bei der Begegnung mit diesen Phänomen auch ihm immer wieder begegne, so quasi metaphysisch. Ich tue mir schwer, es zu beschreiben, ich möchte es so gerne in Worte fassen, aber ich kann es noch nicht.

Vielleicht ist es auch so eine Art “Ma”, ein “dazwischen”, eine Stille, ein freier Raum, der auf etwas, jemanden, hinweist.

Der Wiener Kreis

Weil ich in der Nähe war, habe ich mir gleich die Ausstellung Orte des Wiener Kreises in der Wienbibliothek im Rathaus angesehen.

Ich dachte, das wird wieder so eine Mini-Ausstellung wie Karl Kraus vor einem Jahr, tatsächlich ist diese aber doch eine Spur umfangreicher und auch ansprechender gestaltet. Es gibt einen eigenen “Ausstellungsgang”, aka Kabinett, den man selbstständig abgehen kann, auch mit audiovisueller Unterstützung. Insofern empfehlenswert, wenn man in der Gegend ist und ein bisschen Zeit mitbringt.

Überraschend war für mich, hier auch die Musikerin Patti Smith zu sehen, die auf der Philosphenstiege der Hauptuni, wo Moritz Schlick, der Gründer des Wiener Kreises, 1936 erschossen wurde, eine Meditation ihm zu Ehren abgehalten. Eine Verbindung der beiden ist irgendwie skurill, die Google KI weiß gar nichts davon harhar, aber Smith hat tatsächlich sogar einen Kurzfilm über diese “Begegnung” mit Schlick gedreht.

Bei der Ausstellung werden, Nomen est Omen, die Orte porträtiert, an denen der Wiener Kreis tätig war. Es gibt in der Ausstellung dementsprechend verschiedene Sektionen wie unter anderem die Universität selbst, die Boltzmanngasse 6, wo das Mathematikinstut beheimatet war, das Kaffeehaus an sich (siehe auch Kaffeehausliteraten), die Privatwohnungen, das Palais Epstein und das Volksheim in Ottakring – alles Orte, an denen sich die Wissenschafter regelmäßig getroffen und ihre Gedanken ausgetauscht haben. Der Wiener Kreis wurde übrigens so genannt, um positive Assoziationen zum Beispiel zum “Wiener Walzer” zu evozieren.

Nebenbei wird auf vielen Schautafeln erklärt, worum es dem Wiener Kreis eigentlich ging, was aber schon eine recht komplexe Materie ist. Grundsätzlich verband die Teilnehmer “(…) der Versuch einer Verwissenschaftlichung der Philosophie mit den Mitteln der modernen Logik und das Bekenntnis zu den Werten der Aufklärung” (siehe wikipedia)

Viele, nicht alle, Protagonisten des Wiener Kreises wollten auch das Wissen quasi demokratisieren und unterstützen das Entstehen von Volksbildungsstätten und die Entwicklung von Volkshochschulen.

Der harte Kern des Wiener Kreises umfasste 19 Personen, interessant dabei war, dass auch Studenten und verhältnismäßige viele Frauen Teilnehmerinnen bei den Treffen waren.

Die Ausstellung wird sehr lebendig durch die Tagebuchaufzeichnungen einiger Teilnehmer wie Rudolf Carnap und Kurt Gödel, die über die Zusammenkünfte berichteten. Carnap notierte zum Beispiel: “Wittgenstein scharf gegen Popularisierung der Wissenschaft. Waismann dafür aufgrund seiner Volksheimerfahrung. Nachher beide gegen Okkultismus, Wittgenstein sehr heftig ” Und Gödel philosophierte: “Je mehr ich über Sprache nachdenke, desto mehr wundert es mich, dass die Menschen sich je verstehen”

Eine gewisse menschliche Note erhält das Ganze auch durch ein Zitat von Karl Popper, der dem Wiener Kreis nicht angehörte, allerdings, wie er sagte, nicht aus Ablehnung, sondern: “Tatsache ist einfach, daß Schlick mich nicht eingeladen hat, an dem Seminar teilzunehmen. Das war nämlich die Form, in der man Mitglied des Wiener Kreises wurde.” Irgendwie interessant, dass es in allen Gesellschaftschichten und quer durch die Bildungsniveaus Ressentiments und auch ein gewisses “Gatekeeping” gibt.

Letztendlich wurde der Wiener Kreis durch das Emporkommen der NSDAP und der Emigration vieler Proponenten langsam ausgehöhlt. Das Ende fand die Gruppe, wie gesagt, in der Ermordung von Moritz Schlick.

Privileg

Letztens saß ich eine Stunde auf einer Parkbank am Rennweg, weil ich warten musste. Und ich ließ alle Gefühle und Assoziationen zu diesem Ort, vielmehr dieser Gegend geschehen.

Daran musste ich auch denken. Aber es war nicht dunkel. Es war ganz hell.

Sprachlos

Was soll man heute sagen. Alles wirkt banal und platt.

Ich kenne liebe Menschen in Graz mit Kindern, denen ich gestern gleich geschrieben habe (mit zitternden Händen) und Gott sei Dank sind alle ok. Aber es sind viele, so viele andere Menschen betroffen, die ich nicht kenne, so viele Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde, Partner, ich kann und will es mir gar nicht vorstellen. Ich kann ihnen allen nur Kraft und Heilung wünschen.

Letztendlich kann man tatsächlich nicht mehr sagen, außer das, was man immer sagt, wenn man begreift, dass das alles endlich und kostbar ist: Leb dein Leben, dein eigenes, tu jeden Tag die Dinge, die dir wichtig sind, genieße, was dir Freude macht und sag den Menschen, die du liebst, dass du sie liebst.

Und wenn du jemandem liebst, dem du das nicht so einfach sagen kann, dann kannst du an diesen Menschen denken, ganz innig, und dich so mit ihm verbunden fühlen. Ich tue das jeden Tag.

Dankbar sein für das, was ist.

Frühstück bei mir: Andre Heller

Immer wenn es irgendwo eine Sendung, ein Interview mit Andre Heller anzuschauen oder hören gibt, dann verfolge ich das. Weil es für mich persönlich immer irrsinnig bereichernd und inspirierend ist, ihm zuzuhören. So auch letzte Woche in Frühstück bei mir. Heller sagt “Gnädige Frau” zu Claudia Stöckl, siezt sie und fragt sie, wie oft sie traurig ist.

Sie sprechen viel über Hellers Park ANIMA in Marokko. Pro Tag habe dieser etwa 500 Besucher, was auch so die Grenze ist, damit er nicht übervoll wird. Heller meint, die Leute gehen dorthin um sich “auszuzittern”, vielleicht zu weinen und auch wichtige Lebensentscheidungen zu treffen. Es haben ihm schon einige erzählt, dass sie im Park beschlossen haben, sich scheiden zu lassen oder den Beruf zu wechseln. Manche sagten ihm, sie seien beim Hinausgehen mutiger gewesen als ich beim Hineingehen. Heller begreift den Park als Ort der Heilung und eine Absage daran, sich selbst zu belügen.

Sich selbst belügen, das sei auch ihm nicht fremd; in jungen Jahren habe ihm ein Darmverschluss aufgrund seiner zeitweiligen Drogenabhängigkeit fast das Leben gekostet. Er sei er “ein rachitisches Knochenbouquet” gewesen, ohne Kraft, gleichzeitig aber auch größenwahnsinnig. Er beschreibt sich als “frech, gemein und unverschämt” zu sehr vielen Menschen. Er habe dann gemerkt, dass er sich ändern müsse. Überhaupt sei sein ganzes Leben bestimmt vom Lernen und der Weiterentwicklung. Er meint: “Wenn etwas Schreckliches ins Leben kommt, muss man sich fragen – warum kommt das?” Nichts passiere grundlos. Niederlagen gäbe es für ihn aber nicht, nur Erfahrungen.

Besonders interessant habe ich gefunden, was er bereut, das seien vor allem seine Feuertheater in Lissabon und Berlin (1983 & 1984) gewesen. Aufgrund der angespannten budgetären Situation habe man die Show nicht proben können, sondern nur einmal aufführen. In Lissabon sei alles so eskaliert, dass er ein paar Stunden gefürchtet hätte, es wären dabei Menschen ums Leben gekommen. Ein Zuseher, der in Berlin dabei war, habe ihm am Wiener Graben einmal geohrfeigt, weil er so in Panik geraten sei. Dazu Heller: “Ich habe die Ohrfeige total verstanden, habe ihn umarmt und wir haben uns gegenseitig vergeben.”

Launig erzählt er dann noch, dass er ein “Rausgeher” sei, aus Filmen, die ihm nicht gefallen, aus Opern und Theaterstücken. “Warum soll ich da sitzen bleiben? Da ist es doch gescheiter, ich geh im Stadtpark spazieren.” Und wenn jemand seine Programme verlässt? “Dann weiß er hoffentlich warum.” Das habe er aber nur einmal beobachtet: “Vielleicht hat er aber Durchfall gehabt, das kann ja auch sein.” Er persönlich kaufe immer nur Ecksitzplätze und er arbeitet an einem Theater, das nur aus Ecksitzen besteht. Harhar, das wär was für mich. Generell sagt er viele Dinge ab. Er gehe nicht zu Einladungen, wo er weiß, sie werden ihm nicht guttun und er führe auch aus diesem Grund viele Gespräche nicht.

Zeit sei das Kostbarste, findet er. Jeden Abend prüfe er: “Habe ich meine Talente sorgfältig genug genützt? Habe ich mich aufgeplustert, um jemand zu imponieren?” Dann mache er noch eine Stunde etwas sinnvolles und gehe mit einem guten Gefühl schlafen.

Wirklich ein sehr schönes Gespräch.