almis personal blog

Babygirl

Vorige Woche habe ich zwei Filme gesehen. Einen – frei nach dem Protagonisten von Perks of a Wallflower “so good I felt different when it was over” – und einen anderen. Der andere war Babygirl von der niederländischen Regisseurin Halina Reijn. Eigentlich war ich sehr gespannt auf diesen Film und habe ihn gleich in der ersten Vorstellung am Donnerstag besucht, aber am Ende habe ich mich drüber nur gewundert bis geärgert.

Es geht um Romy (Nicole Kidman) Gründerin und CEO eines großen Unternehmens. Sie ist mit dem Theaterregisseur Jacob (Antonio Banderas) verheiratet, die beiden haben zwei Teenagertöchter, große Häuser, Geld wie Heu, soweit also das “Vorzeigeleben”. Eines Tages lernt Romy den sehr viel jüngeren Praktikanten Samuel (Harris Dickinson) kennen, der durchschaut, dass sie in Wahrheit dominiert werden will. Sie lässt sich auf ein Treffen mit ihm ein, obwohl sie weiß, dass das ihr ganzes berufliches und privates Leben in Gefahr bringen kann…

MILDE SPOILER MÖGLICH!!

Ich glaube, wir haben in den 1980ern, als es noch vergleichsweise viele Erotikthiller gab unterschätzt, wie schwierig es ist, einen solchen zu drehen, der sowohl unpeinlich, als auch in sich schlüssig ist. Babygirl ist leider beides nicht. Und er ist auch nicht erotisch, sondern eher antiseptisch.

Zuerst habe ich mir gedacht puh, Antonio Banderas, schon wieder so ein Mann, wo man sich als Zuseherin denkt: Was ist eigentlich falsch an ihm? Aber dann habe ich gesehen, was für einen nervigen Menschen er hier spielen muss. Harhar. Nur: Harris Dickinson als Samuel ist halt emotional kalt. Kidman als Romy ist ebenfalls kalt und sie sieht auch so aus – nachdem sie bei der Botoxbehandlung war, sagt ihre Tochter: “You look weird, like a dead fish”. Hier gibt es zumindest Pluspunkte für die Selbstironie, aber natürlich muss Kidman auch noch in der Robotikbranche arbeiten, um ihre Distanz zu jeglicher Gefühlsregung klar zu machen und Jacob muss zufällig gerade am Theater Hedda Gabler inszenieren. Also subtil ist da jetzt wirklich gar nichts.

Nun ja ok, Romy ist also auf der Suche nach einer SM Beziehung oder stolpert viel mehr in eine solche. Wahrscheinlich nennt man das heute anders, ich kenne mich in diesem Bereich zugegebenerweise nicht aus, aber für mich wirkt das, was Samuel und Romy hier machen wie etwas, worüber Leute, die tatsächlich SM praktizieren, wahrscheinlich schallend lachen würden. Es erscheint so unauthentisch, wie im Übrigen fast alles in diesem Film. Man muss ja wirklich nicht immer alles auserzählen, aber hier sind die Charaktere so eindimensional, dass man als Zuseher weder mit irgendjemand connecten kann, noch versteht, wieso sie sich verhalten wie sie das tun. Irgendwie fällt einem da nur Wohlstandsverwahrlosung ein, denn der Plot entwickelt sich von einer durchaus interessanten Grundidee in eine komplett unglaubwürdige Richtung, die in einem mehr als kuriosen Ende gipfelt. Oder wie ein User auf letterboxd schrieb: “I have watched actual porn with more compelling plotlines”. Harhar.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass der Film vor allem woke und Meme-able sein will – beispielsweise als Nicole Kidman #ausGründen Milch trinkt. Aber bis auf die Szene, in der Harris Dickinson zu Father Figure von George Michael tanzt (ich habe eine Schwäche für George Michaels Stimme), hat das bei mir leider alles gar nicht funktioniert.

Queer, nochmal

Im FM4 Filmpodcast hat sich Christian Fuchs ein bisschen über Queer mockiert, bzw den Zugang des Regisseurs Luca Guadagnino zu diesem Werk vom William S. Burroughs. Er kritisierte, dass der Queer Protagonist William Lee jüngere Männer aufreißt und eine Waffe trägt. Das werde “kritiklos gezeigt”, das “Toxische werde verklärt” und William Lee “verherrlicht.”

Hm. Ich schätze die cineastische Expertise von Fuchs zwar durchaus, bin da aber anderer Meinung. Zum einen hab ich das gar nicht so empfunden, dass der Protagonist William Lee, dargestellt von Daniel Craig, irgendwie “verklärt” wird, eher im Gegenteil. Man braucht sich nur den Trailer anzusehen, um zu merken, dass Lee eine zutiefst verunsicherte und fragile Persönlichkeit ist, die zwar souverän auftreten möchte, es aber nie wirklich schafft und tatsächlich aber vor allem auf der Suche nach Liebe und Verbindung ist.

Außerdem frage ich mich, sind wir jetzt schon so weit, dass nun auch schon Kunst irgendwie “eingeordnet” werden muss? Wieso ist es ein Problem, wenn “kritiklos” gezeigt wird, dass Lee jüngere Männer aufreißt (die aber zumindest im Film nie minderjährig jung sind). Ich glaube, das ist jetzt nichts, was in der wirklichen Welt nie passiert – und wir sind ja umzingelt von der Wirklichkeit, wie Deutschlands Minister Habeck auch einmal stauend festgestellt hat. Ich dachte ja bisher, dass sich die Zuseherin, der Zuseher selbst ein Bild darüber machen kann oder sollte, was sie von einem Protagonisten hält. Nicht jede Hauptfigur eines Romans oder Filmes muss (oder sollte!) ein Ausbund an political correctness sein. Er muss auch kein guter Mensch sein.

Ich habe oft das Gefühl, wir haben mehr und mehr Angst davor, dass Menschen das “falsche” denken oder fühlen könnten, wir trauen dem Publikum nicht mehr zu, seine eigene Interpretationsarbeit zu leisten. Und es geht oft mehr darum, Menschen zu erziehen, als sie künstlerisch auch herauszufordern oder sie einfach alleine zu lassen mit ihrer Rezeption. Auf die Spitze getrieben hat das ja vergangenes Jahr Regisseur Todd Philipps, der von Teilen seiner Fans des ersten Joker so entsetzt war, dass er im zweiten Teil des Filmes diese Fans ja quasi wegstößt. Nur kann man sich seine Fans nicht aussuchen. Und als Künstler sollte man im Idealfall nicht in eine Abhängigkeit zum Publikum begegeben, aber eben auch nicht in eine Kontradependenz. Beides verhindert, dass ich als Künstler, Künstlerin das tue, was ich tatsächlich machen will. Stichwort: Schere im Kopf.

Jedenfalls liegt Queer, das Buch, endlich auf meinem Nachtkasterl und ich werde nach der Lektüre noch einmal was dazu sagen.

September 5, zwei

Weitere mögliche Inhaltsspoiler!!!

Natürlich ist nichts wirklich lustig in diesem Film, es gibt aber Galgenhumor-Momente. Etwa einmal, als der Produzent, ein nicht mehr ganz junger Mann (Ben Chaplin), die deutschen Übersetzerin (Leonie Benesch) etwas paternalistisch Kaffee machen schickt. Genau in der Zeit, als sie weg ist, kommt eine Eilmeldung im Radio auf Deutsch. Daraufhin sagt der Chef vom Dienst (John Magaro): “Great, you just sent away the only person who understands German.” Das ist schon ein schöner Seitenhieb im Jahr 1972 auf die Rolle der Frau im Beruf, der sich so vielleicht oder auch nicht zugetragen hat.

Ein weiterer, sehr bitterer Seitenhieb betrifft die Organisation des olympischen Dorfes. Den Verantwortlichen wird vorgeworfen, dass sie “die heiteren Spielen” nur unzureichend sicherheitstechnisch betreut haben und insbesondere die israelische Mannschaft gar nicht speziell geschützt hätten. Die Rechtfertigung dafür lautet, es hätte komisch gewirkt, hätten mit Maschinengewehren bewaffnete Sicherheitskräfte vor den Schlafstätten der Israelis patroulliert – und damit an finstere Zeiten erinnert. Daraufhin der Produzent sinngemäß, super, dass euer deutsches Makeover wichtiger ist als die Sicherheit von Athleten. Was Deutschland tatsächlich als Folge der Geiselnahme und des (auch verständlichen) Versagens der örtlichen Polizei getan hat ist, ein Spezialeinsatzkommando (SEK) gegründet.

Daran war der damalige Innenminister Hans Dietrich Gentscher nicht unbeteiligt. Er war damals sogar persönlich ins olympische Dorf gegangen, um mit den Geiselnehmern zu verhandeln; schließlich bot er sich im Austausch für die Sportler selbst als Geisel an, was die Geiselnehmer aber ablehnten. Auch diese tatsächlichen Aufnahmen von den Gesprächen sind im Film zu sehen. Das ist schon ziemlich erschütternd.

Man kann natürlich darüber diskutieren, wie politisch oder unpolitisch dieser Film ist. In September 5 sagt der ABC Sports Präsident, verkörpert von Peter Sarsgaard einmal so auf die Art: Wir senden das jetzt einmal live und einordnen wird man das später. Ich wäre gespannt, ob das wirklich damals so gesagt wurde, denn das klingt eher nach der Handhabe der heutigen Zeit, in der alles eingeordnet, geframt und “Fakten gescheckt” werden muss. Tatsächlich beleuchtet aber auch der Film September 5 nur das Attentat und die Geschehnisse wie sie passieren. Es gibt keine “Beurteilung” in einem größeren Sinn.

Und ich weiß leider immer noch nicht, was mir an diesem Film gefehlt hat. Mir ist es bei She Said, dem Film über Harvey Weinstein ähnlich gegangen, der auch spannend und gut gespielt war. Aber bei All the President’s Men zum Beispiel nicht, den fand ich uneingeschränkt gut. Bitte es kann ja nicht nur an Robert Redford und Dustin Hoffman liegen, harhar.

September 5 wurde jedenfalls bei den Oscars gerade eben für das beste Originaldrehbuch nominiert.

September 5

Ein Freund hat meine Filmbewertungen auf letterboxd angesehen und mir ob meinen 2,5 Sternen für Anora geschrieben: “Heidi, jetzt reichts wirklich.” Sorry! harhar. Wir haben dann auf Whatsapp unsere Eindrücke ausgetauscht. Das mache ich gerne und ich bin ja auch froh, wenn andere Menschen begeistert sind. Ich versuche es auch nachzuvollziehen, ehrlich.

Beim Film, über den ich heute schreibe, könnte ich auch einiges diskutieren, auch oder gerade weil der Film bei mir einen indifferenten Eindruck hinterlassen hat. Es geht um September 5 des Schweizer Regisseurs Tim Fehlbaum, der von Sean Penn (der für mich aus verschiedenen Gründen in den letzten Jahren mehr und mehr zu einer red flag wurde, aber das nur am Rande) produziert hat. In diesem Film geht es um die Geiselnahme von israelischen Athleten bei den olympischen Spielen 1972 in München. Dieses Ereignis wird aus der Sicht eines US-amerikanischen Sportreporterteams geschildert, das eben gerade auf Sendung waren, als die Geiselnahme begann.

ACHTUNG WIE IMMER SPOILER MÖGLICH!!!

Als ich den Trailer, den Look, das Filmplakat von September 5 sah, musste ich spontan an zwei Filme denken. Einerseits München von Steven Spielberg – der sich nicht dem Attentat an sich widmet, sondern dem, was danach passiert und den ich persönlich für einen der besten Filme von Spielberg halte; und an Spotlight, auch wenn es dort um eine Aufdeckergeschichte ganz anderen Ausmaßes geht. Aber der Vibe war für mich irgendwie ähnlich, es spielt ja auch in den 1970er Jahren.

Ich sage es gleich: ich finde diesen Film handwerklich sehr gut gemacht, auch tadellos gespielt und es gibt einige interessante Dialoge. Dennoch fehlt September 5 etwas und ich weiß nicht, was es ist. Ich bin einerseits froh, dass die Journalisten nicht in irgendeiner klischierten Art und Weise auch als Privatmenschen porträtiert werden, was ja oft ins Sentimentale und Konstruierte abrutscht und ich bin auch froh, dass hier die Betrachtung von Medienethik nicht wie eine kompromierte Publizistik-Einführungsvorlesung daherkommt. Denn es gibt eine Situation, in der die natürlich auch ziemlich überforderten Sportjournalisten eine Aktion der örtlichen Polizei filmen und live senden, und sich danach fragen, ob die Terroristen dieses Bildmaterial nicht auch sehen können, was den Geiselnehmern einen nicht gewollten Informationsvorteil verschaffen würde. Aber irgendwie fehlt mir in dem Film ein bisschen die Abgrenzung zu einer tatsächlichen Dokumentation, zumal auch sehr viel Originalbildmaterial verwendet wird.

Ein bisschen hat mich die Herangehensweise auch an The Zone of Interest erinnert, wo wir als Zuseher ja auch nur das Wohnhaus und das Familienleben des SS Lagerkommandenten Rudolf Höß sehen, der genau neben dem KZ Ausschwitz lebt. Aber wir sehen im ganzen Film kein einziges Mal auch nur einen Moment das, was währenddessen im KZ passiert. Auch in September 5 kommen wir fast nie aus dem Aufnahmeraum des TV Teams hinaus und sehen das Ereignis auch immer nur über TV Bildschirme, bekommen Informationen aus dem Radio und durch Telefongespräche.

Einmal allerdings, als die Terroristen die angeforderten Hubschrauber bekommen und mit den Geiseln vom olympischen Dorf zu einem nahen Millitärflughafen fliegen, laufen alle Reporter aus dem Senderaum nach draußen, um die Hubschrauber mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören. Und das ist schon ein sehr kraftvoller Moment, weil man einerseits als Zuseher nun auch viel eher das Gefühl hat, “dabei” zu sein und andererseits auch die Journalisten viel mehr emotional in das Geschehen involviert werden, das ja die meiste Zeit davor hauptsächlich ein Job war.

Morgen dann weitere Einsichten und ein paar tatsächlich amüsante Momente das Films! Clickbait.

Best Film

Gestern wurden die Oscarnominierungen bekannt gegeben und neben relativ offensichtlichen Kandidaten gab es dann doch auch einige Überraschungen. Das führt jetzt leider dazu, dass ich von den zehn als “besten Film” nominierten Filmen erst fünf (5!) gesehen habe! Voriges Jahr habe ich es geschafft, alle hier nominierten Filme vor der Oscarverleihung zu sehen, was heuer schwierig bis unmöglich wird.

Gesehen habe ich bereits: Anora, The Brutalist, Emilia Perez, Conclave und The Substance.

Nicht gesehen habe ich bisher:

  • Wicked – eine Musicalverfilmung, die zwar aktuell im Kino zu sehen, aber nicht im Nonstop Abo enthalten ist, und zu der ich so ein bisschen eine ambivalente Haltung habe, obwohl ich bekanntlich ja durchaus für das Genre zu haben bin.

  • A Complete Unknown – das Bob Dylan Biopic, zu dem ich ebenfalls ambivalent bin, harhar. Ich fand zwar Walk the Line, die Biografie über Johnny Cash, ebenfalls von Regisseur James Mangold gut, aber A Complete Unknow sieht jetzt nicht aus als wäre es das Biopic to end all Biopics, sondern wirkt recht konventionell. Allerdings ist Timothee Chalamet an sich immer einen Kinobesuch wert. Läuft ab Ende Februar und ich werde mir dann eine Meinung bilden.

  • I’m Still Here – recht verwechselbarer Filmtitel, weil es den so oder so ähnlich schon öfter gab. Klingt aber interessant, eine vorher unpolitische Politikergattin in Brasilien, deren Mann wegen Kritik am Regime entführt wird, wird zur Menschenrechtsanwältin. Die Hauptdarstellerin Fernanda Torres wurde für die Hauptrolle ebenfalls nominiert und hat damit unter anderem Angelina Jolie und Nicole Kidman aus dem Feld geschlagen. Läuft bei uns aber erst im März nach der Oscarverleihung.

  • Nickel Boys – vielgelobt, ein Film über zwei junge Afroamerikaner in einer Besserungsanstalt. Puuuh… naja, also… Starttermin gibt es in Österreich offensichtlich noch gar keinen.

und jetzt das wirkliche Drama:

  • Dune Part 2 – ich habe von Dune Part 1 ungefähr 25 Minuten gesehen und habe festgestellt, dass Science Fiction in der Wüste leider wirklich gar nichts für mich ist. Dune Part 2 lief hierzulande sogar mal kurz im Nonstop Abo, aber ich konnte mich echt nicht aufraffen. Obwohl Timothee Chalamet an sich immer einen Kinobesuch wert ist harhar.

Ich werde es heuer also vermutlich nicht schaffen, alle Kandidaten zu sehen. Mehr zu diesen und weiteren Luxusproblemen dann in Kürze.

D. Lynch

Vorige Woche ist David Lynch gestorben. Ich habe zufällig gerade Facebook gecheckt, als seine Familie das mit in einem schlichten, aber auch poetischen Posting – “It’s a beautiful day with golden sunshine and blue skies all the way” – der Welt mitgeteilt hat. Ganz überraschend kam es ja nicht, da sein gesundheitlicher Zustand bekannt war und wie in einem surrealen Albtraum musste er erst ein paar Tage vor seinem Tod sein Haus im brennenden Los Angeles verlassen.

Erstmals bin ich als Jugendliche mit seinem Werk in Berührung gekommen. Ich hatte eine sehr gute Freundin, die in Sachen Film einen komplett anderen Geschmack als ich hatte und sie sah mit Begeisterung die “Murder Mystery” Serie Twin Peaks. Weil es ihr so gefiel, fühlte ich mich darin bestätigt, dass das wohl nichts für mich wäre. Letztendlich habe ich mich sehr getäuscht, wie ich mit Mitte 30, als ich Twin Peaks nachholte, feststellte. Ein Journalist schrieb über die Serie: “They turned prime-time TV into a giant indie art-house theater” Auf gut Deutsch: Lynch hat es geschafft, Menschen für etwas zu begeistern, was sie sich unter normalen Umständen vermutlich nie angesehen hätte und: was sie dann aber liebten.

Der Falter schreibt heute in seinem Nachruf: “Mit dem furiosen Roadmovie Wild at Heart (…) setze David Lynch (…) sein Projekt der Zertrümmerung jeglicher Handlungskohärenz auch im Kino fort.” Seine Filme waren tatsächlich “overwhelming”. Ich liebe Lost Highway, alleine schon wegen des Intros mit der Straße und dem David Bowie Song I am Derangend; aber ich habe ganz viel daran nicht verstanden. Ich habe auch Mullholland Drive nicht wirklich verstanden und von Inland Empire brauchen wir gar nicht erst anfangen.

Wenn man einen Film von David Lynch sehen will, dem man komplett folgen kann – was aber nicht unbedingt notwendig ist, um von seinen Werken fasziniert zu sein – dann sollte man sich The Straight Story ansehen. Offiziell heißt dieser Film so nach der Hauptfigur Alvin Straight, tatsächlich aber ist es ein genialer Titel, der besagt, dass das der einzige wohl streng konventionell erzählte Film von Lynch ist, in dem ein alter Mann auf einem Rasenmähertraktor 400 Kilometer zurücklegt, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen.

David Lynch sagte: “Life is very, very complicated, and so films should be allowed to be, too.” Er sagte auch: “I’m wearing dark glasses today because I’m seeing the future and it’s looking very bright” Er ließ die Log Lady in Twin Peaks sagen: “One day the sadness will end. But today it’s not that day.” Was mich erstaunlicherweise immer in eine hoffnungsvolle Stimmung versetzt.

Kyle MacLachlan, sein Hauptdarsteller in mehreren Produktionen, schrieb zu seinem Tod einige berührende Zeilen über Lynch, und an einem Teil bin ich hängen geblieben:

Aus dem Beitrag von Kyle McLachlan auf Instagram

Da hatte ich so ein Wow-Erlebnis. Weil ich mir immer wieder denke, ich habe so viele Fragen in meinem Leben, so viel, was ich nicht verstehe. Und ich habe das oft als einen Makel gesehen, als etwas, das es aufzulösen gilt. Tatsächlich aber gäbe es wohl keine Kunst und Kreativität, wenn wir immer über alles Bescheid wüssten und sofort Antworten hätten. Auch danke dafür, David Lynch.

We Live in Time, zwei

ACHTUNG WIEDER SPOILER ZUM FILM MÖGLICH!

Liebesgeschichten zählen zu einem aktuell eher vernachlässigten Genres des Kinos, mit denen die Filmschaffenden wohl nicht so viel anzufangen wissen. Nach der Hochblüte der Rom Com tut man sich anscheinend damit schwer, über Beziehungen zu erzählen, und dabei den richtigen Ton zu finden. So schwer, dass uns Geschichten, die Missbrauch zum Thema haben, offensichtlich sogar on und off screen (It ends with us), beinahe auch schon romantische Filmhightlights verkauft werden.

We Live in Time hat einen gewissen frischen Ansatz, zeigt ein junges, sehr selbstbestimmtes Paar auch dabei, zu reflektieren. Über ihre Beziehung, aber auch das, was sie darüberhinaus und ohne diese sind und sein wollen. Almut ist Arbeit als Köchin sehr wichtig, während Tobias eher in der Vaterrolle aufgeht. Deshalb wird dann auch über Familienbild und Kinder gesprochen, letztlich aber auch über das Leben, seinen Wert und aus Gründen auch über die Wahlfreiheit, was medizinische Intervention betrifft. Almut sagt: “I am not interested in a treatment, that accidently wastes our time.” Weil längere Lebenszeit ja nicht automatisch auch mehr Lebensqualität bedeutet.

Mit Florence Pugh und Andrew Garfield hat man zwei Schauspieler gefunden, die für mich nie so glatt und angepasst waren – Pugh fand ich schon in Little Women super selbstbewusst und frech und Garfield hat eh gefühlt schon alles mit seinem eigenen Twist gespielt, von Spiderman zum Jesuitenpartner (Silence) und prekären Künstler (tick tick…Boom) und die beiden sind super zusammen, weil man ihnen tatsächlich in jeder Minute abnimmt, wirklich ein Paar zu sein.

Ich mag den Galgenhumor in diesem Film; nach einer Diagnose schlägt Almut vor, einen Hund zu kaufen, damit die kleine Tochter lernt, dass liebgewonnene Wesen auch wieder gehen müssen. Worauf Tobias meint, dann müssten sie aber einen alten Hund kaufen, “or to you want to end his live preamturley?” Überhaupt geht Regisseur John Crowley auf besondere Weise mit Krankheit und Endlichkeit um; im Gegensatz zu Filmen wie dem Pain-Porn Million Dollar Baby sehen wir Almut kein einziges Mal im Krankenhaus liegen. Und gerade wie Crowley diesen Film abschließt, ist so dezent, so unspektakulär, dabei auch auch extrem herzzerbrechend für mich. Und trotzdem ist da der Silberstreif am Horizont.


Ich musste durch die Umstände – das Kind von Almut und Tobias kommt zu Silvester zur Welt, was theoretisch bei meinem Kind auch möglich gewesen wäre – sofort wieder an diese sehr arge Zeit seines Lebensbeginns denken und hatte ein fast karthartisches Erlebnis voller Dankbarkeit, dass es bei ihm gut ausgegangen ist.

We Live in Time, eins

Derzeit sind sowohl Jesse Eisenberg (wie erwähnt Mark Zuckerberg in The Social Network) als auch Andrew Garfield (Zuckerbergs Rivale Eduardo Saverin in dem genannten Film) in den Kinos zu sehen. We Live in Time hat mir im Gegensatz zu A Real Pain, aber wirklich gut gefallen und mich aber gleichzeitig auch wesentlich mehr mitgenommen und sogar ein kleines bisschen zerstört – aber dann auch wieder aufgerichtet.

Es geht in diesem Film um Tobias (Garfield), Produktmanager und Almut (Florence Pugh), Haubenköchin, in einer anfangs typischen Boy meets Girl-Variation, fast könnte man es Rom Com nennen. Allerdings wird das Paar sehr bald mit einer Krebsdiagnose konfrontiert und Almut muss sich daraufhin nicht nur für eine Therapie entscheiden, sondern auch dafür, welche Art von Zukunft sie mit Tobias haben möchte. Ein Thema, bei dem sie bis zu diesem Zeitpunkt unterschiedlicher Meinung waren…

ACHTUNG SPOILER ZUM INHALT SIND AB JETZT MÖGLICH!!!

Ok, eine Beziehung, die sich einer schlimmen Diagnose stellen muss. Das kennen wir doch schon, oder? Aber We Live in Time hat dann doch einen anderen Ansatz als beispielweise Love Story. Denn die Krebsdiagnose bewirkt, dass Almut sich zu einem Zeitpunkt bewusst für oder gegen Kinder entscheiden muss; ihre letzte Beziehung ist daran gescheitert, dass sie eben keine Kinder wollte. Und hier brauchen wir dann schon eine Menge an Suspension of Disbelief, denn – und das ist noch nicht mal ein Spoiler, wir sehen es im Trailer – Almut entscheidet sich für ein Kind, obwohl damit nun ein nicht unbeträchtliches gesundheitliches Risiko einhergeht.

Das Film ist nicht chronologisch erzählt, was ich die beste Entscheidung für diese Geschichte halte. Es wird zwar da und dort gemault, dass es so unübersichtlich wäre, aber hey, Pulp Fiction ist 30 Jahre her, wir schaffen das, einer Geschichte zu folgen, die nicht von A nach B verläuft. Brian Tellerico schreibt in seinem Review zwar sehr pointiert: “The chronological jumble will be a dealbreaker for some people who like their weepers straightforward.” Doch in Wahrheit rettet uns (oder zumindest mich) diese Erzählform. Wenn man ganz verwegen wäre, könnte man sogar sagen, dass das, woran wir uns im Zuge eines möglicherweise nahenden Todes, erinnern werden auch keine “Ordnung” haben wird. Wir werden unser Leben vermutlich nicht chronologisch vor uns ablaufen sehen. Es werden sich Erinnerungen der schönsten Momente mit denen der bittersten Stunden wohl abwechseln.

Das große Thema hier ist Zeit. Etwas, das in diesem Film sehr lange eingeteilt, verwaltet und streng gemessen wird. So läuft permanent ein Countdown bei Almuts Kochwettbewerben mit, Tobias stoppt die Zeit, die ein Schwangerschaftstest braucht, um ein Ergebnis zu liefern, und später die Wehen(-Pausen). Chemotherapie Zyklen werden nach zeitlichen Schemata geplant und fixiert, Chancen und Risken in Wochen und Monaten berechnet. Almut fragt sich: Wann habe ich wieder Zeit für mein Kind? Wann kann ich wieder arbeiten? Wann kann ich wieder leben? Und wirft dann selbstbestimmt alles über den Haufen. We live in time. Heißt: Wir leben genau jetzt!

Ich brauche auch noch mehr Zeit, daher geht es morgen weiter.

Die Plazenta

Ich glaub, das wird einer meiner seltsameren Blogeinträge, siehe Titel, harhar.

Schuld daran ist We Live in Time, den ich gestern im Votivkino gesehen habe und der mich ordentlich mitgenommen hat; ich war dann emotional sehr verstört in Straßen- und Ubahn auf dem Heimweg. Ich empfehle ihn aber trotzdem, weil es wirklich ein schöner und sehr gut gespielter Film ist.

Jedenfalls schreibt Pia Reiser von fm4 zu diesem Film:

Aus Pia Reisers Review So viel Liebe, so wenig Zeit

Oh ja, genau dasselbe habe ich mir währenddessen auch gedacht. Denn ich persönlich habe davon überhaupt erst im Kreissaal erfahren, nachdem das Kind schon auf der Welt war. Mir wurde dieses Faktum eher beiläufig mitgeteilt und ich so: “Bitte was???” Ich habe wirklich geglaubt, das ist ein Scherz harhar. Gut, ich habe den Geburtsvorbereitungskurs nicht mehr erreicht, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich auch die 31 Jahre davor nichts darüber gehört hatte, weil es niemals irgendwer erwähnt hat und mir Filme zwar über Geburten erzählt hatten, da aber nur über “heißes Wasser und Tücher”. Was auch immer damit zu tun ist.

Morgen dann mehr zu We Live in Time. Es geht ans Eingemachte!

A Real Pain

Der dieswöchige Nonstop-Kino Newsletter informiert darüber, dass der Film A Real Pain anläuft und vermerkt: “Ein Film, den man eigentlich nicht nicht mögen kann.” Oh doch, liebes Nonstop-Team, doch doch, das geht. Harhar. Alleine zum Filmtitel könnte man in diesem Fall daher schon etliche Kalauer loslassen, aber ich war in meiner Filmkritik für Uncut dann, finde ich, eh noch sehr wohlwollend, ich schrieb nämlich folgendes:

A Real Pain ist die zweite Regiearbeit von Jesse Eisenberg, der der Filmwelt bisher eher als Schauspieler (unter anderem als Mark Zuckerberg in The Social Network) bekannt ist. In seinem neuen Film, für den er auch das Drehbuch geschrieben hat, schildert Eisenberg die Reise zweier ungleicher Cousins – Eisenberg selbst als David, Kieran Culkin als Benji – in die Vergangenheit. Nach dem Tod ihrer Großmutter buchen beide eine geführte Tour durch Teile Polens, deren Heimatland.

Das Konzept diese Filmes ist, wenn man so will, quasi die 50 Shades of Pain entdecken, die zwischen dem schier unvorstellbaren Leid der Großmutter durch die Inhaftierung im KZ Lublin liegt, und dem für ihn selbst lächerlichen Schmerz von Benji, der das Gefühl hat, an seinem eigenen Leben zu scheitern, aber kein Recht dazu zu haben, darüber zu klagen; denn was ist schon seine eigene Verzweiflung gegen die, die seine Großmutter empfunden haben muss. Und damit es nicht zu traurig wird, hat Eisenberg Benji selbst gleich als Comic Relief eingebaut.

Die Idee hat etwas für sich, funktioniert nur leider in der Praxis überhaupt nicht. Denn obwohl der Gedanke offenbar war, Benji als impulsiv-rüpelhaften, aber doch warmherzigen und im Grunde liebeswerten Charakter zu etablieren, der eine durchaus tragische Backstory hat, und damit nicht nur das Herz der Reisegruppe, sondern auch das der Zuseher im Sturm gewinnt, geht diese Vision nicht auf. Benji ist vor allem ein furchtbar anstrengender, Energie ziehender Egoist, mit einem Verhaltensmuster eines Fünfjährigen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Auch der Humor, den er offensichtlich in den Film und damit in das schwere Thema bringen soll, passt großteils für mich überhaupt nicht. Er changiert zwischen Zoten, Körperkomik und reiner Provokation.

Eisenberg hat sich selbst als David Typ-gecastet; er spielt den höflich-zurückhaltenden, leicht neurotischen, beruflich und privat erfolgreichen Gegenpart zu Benji und das macht er erwartungsgemäß gut. Auch das Wiedersehen mit Jennifer Grey (Baby aus Dirty Dancing, aber seit ihrer Nasen-OP kaum zu erkennen) ist erfreulich, sie spielt die interessanteste Reisegruppen-Teilnehmerin überzeugend. Leider ist aber auch diese Gruppe sonst eher schablonenhaft geraten, allen voran der übermotivierte Vortragende mit frischem Oxford-Diplom und der ehemalige Flüchtling aus Ruanda, der zum Judentum konvertiert ist.

A Real Pain besteht großteils aus folgender, eher monotonen Abfolge: Besuch einer Sehenswürdigkeit, abendliches Kiffen, semi-ernsthaftes Gesprächs zwischen den Cousins, neuer, Benji-induzierter Eklat. Das alles untermalt von Chopin. Am besten ist der Film dort, wo er uns unkommentiert Eindrücke von Polen zeigt; nicht die touristischen Seiten, sondern die ein bisschen schmuddeligen Hinterhöfe, die unspektakulären Straßenecken, die kaputten Zäune, hinter denen die Sonne untergeht. Hier fühlt man irgendwie den Geist Polens auf sich wirken und es muss dafür kein einziges Wort gesprochen werden.

Vielleicht ist Eisenberg mit der Idee eines Roadtrips schon auf der richtigen Spur, denn er hat durchaus einen Blick für Räume und Stimmungen; an der Charakterzeichnung seiner Figuren sollte er meines Erachtens allerdings noch ein bisschen arbeiten.