Nun also zu Late Fame von Regisseur Kent Jones, von dem ich ehrlich gesagt noch keinen Film vorher gesehen habe. Das adaptierte Drehbuch der Schnitzler Novelle stammt von Samy Burch, deren Drehbuch zu May/December ich schon toll fand.
In Late Fame geht es um den kurz vor der Pensionierung stehenden Eduard Saxberger (William Dafoe), hier in New York der Gegenwart ansässig und als Postbeamer tätig, der von einem jungen Mann namens Myers – eine Art “Nepo Baby” – auf den Gedichtband angesprochen wird, den er in seiner Jugend geschrieben hat. Hier heißt dieser Band Way Past Go (im Original Wanderungen). Myers nimmt ihn zu seinem Freundeskreis mit, die angeblich alle große Fans von Saxberger sind und er erlebt einen “späten Ruhm” im Kreisen dieser jungen Menschen….
Zunächst einmal muss ich herausstreichen, wie hervorragend es der Drehbuchautorin gelungen ist, die Handlung des Wiens um 1900 nach New York 2023 zu transferieren und den Geist von Schnitzlers Novelle so genau zu erfasssen und zu vermitteln. Die jungen Menschen, die Saxberger kennenlernt, sind genauso (performativ) weltabgewandt wie die in der literarischen Vorlage, in der heutigen Zeit manifestiert sich das eben dadurch, dass sie Social Media komplett ablehnen, sie nennen es “Sociopath Media”. Sie interessieren sich dafür, ob er mit Künstlern wie Allen Ginsberg befreundet war – Saxberger verneint, Gloria, die einzige Frau der Gruppe daraufhin: “Just tell him yes” – was schon sehr viel über den “Vibe” aussagt. Die jungen Männer wohnen in bewusst unter-möblierten, aber umso über-preisigen Appartments, stilisieren sich aber gerne als arme Poeten.
Burch bleibt ganz nah an Schnitzlers Vorlage, es gibt lediglich zwei oder drei Szenen, die sie ergänzt oder eher das ausformuliert, was bei Schnitzler nur zwischen den Zeilen zu lesen war. Das betrifft inbesondere Saxbergers Begegnungen mit Gloria (eine wunderbar überdrehte Greta Lee) die einmal in einer Bar Surabaya Johnny von Bert Brecht und Kurt Weill singt, wie herrlich, ist das bitte! Saxberger verliebt sich ein bisschen in sie. Im Film wird Glorias Background etwas mehr – auch bildlich – geschildert. In der Novelle hat man immer den Eindruck, dass sie sich selbst etwas vormacht, quasi mehr Schein als Sein, aber es bleibt schön subtil, wie so oft bei Schnitzler. Im Film sehen wir Gloria einige Male perfekt gestylt und voller euphorischem Überschwang, bis Saxberger sie eines Tages zuhause besucht, wo ihre Haar traurig herunterhängt, und sie als Ganzes einen äußert deprimierenden Eindruck macht. Anscheinend wohnt sie auch noch dazu bei einem dominanten Mann. Hier zeigt uns der Film, dass wir Glorias “Performance” genauso wenig trauen wie allen anderen in dieser Geschichte.
William Dafoe, der vor allem für die Darstellung sehr schräger Außenseitertypen bekannt ist, spielt hier einen im Grunde ganz gewöhnlichen älteren Herren, für ihn fast revolutionär “normal”. Einen Mann mit hoher Intellektualität, aber einem einfachen Leben, das einige Leerstellen beinhaltet, was durch ein paar Telefonate mit seiner Schwester, offenbar die einzige Person aus der Familie, die noch mit ihm redet, klar wird. Als Saxberger wieder versucht zu dichten, entsteht nicht viel mehr als die Worte “Seasons collide” – was auch wieder sehr vielsagend doppeldeutig ist.
Ein stiller, großer kleiner Film.
