almis personal blog

Awards-Season

That time of the year:

Wenn man Film und Filmpreise ein bisschen verfolgt, weiß man in vielen Fällen schon, was da ungefähr auf einen zukommen wird, an Nominierungen (morgen: die Oscars). Aber jeder wünscht sich insgeheim auch, dass es irgendwo eine Überraschung gibt, dass jemand nominiert wird, der einen total überzeugt hat, aber bei den bisherigen Awards und Nominierungen übersehen wurde.

Vor einigen Tagen hat sich auf X eine Fanbase von Tânia Maria gebildet, einer 79 jährigen brasilianischen Schauspielerin, die quasi vor sieben Jahr in diesem Job angefangen hat harhar. Filmkritiker Brian Rowe schreibt: “One of the most inspired shocker Oscar nominations that could happen (..) is Tânia Maria in Best Supporting Actress for The Secret Agent.” Und er hat recht. Kaum erscheint sie auf der Leinwand hat man das Gefühl, es mit einer realen Person zu tun zu haben. Einer schrulligen Südamerikanerin in Blümchenkleid mit Flip Flops, die permanent eine Zigarette zwischen Fingern hat. Sie spielt eine Pensioniswirtin für Menschen, die zu Außenseitern geworden sind, die vor irgendetwas oder irgendjemanden flüchten. Sie ist warmherzig, aber auch herb, sie nimmt sich kein Blatt vor den Mund, sie hat schon alles im Leben gesehen, nichts kann sie schockieren. Und es ist ihr komplett egal, was andere von ihr denken.

Die Chancen, dass sie nominiert wird, sind jetzt nicht wahnsinnig groß, das “Campaigning” für sie hat spät angefangen und sie ist auf keiner großen Prediction-Seite gelistet, wenn ich das recht überblicke. Andererseits hat The Secret Agent gerade ein enormes Momentum. Und in der Kategorie Beste weibliche Nebenrolle gibt es nur zwei sichere “Fixstarterinnen”, nämlich Teyana Taylor (One Battle After Another) und Amy Madigan (Weapons), wobei ich hoffe, dass Inga Ibsdotter Lilleaas (Sentimental Value), auch dabei sein wird, meine Lieblings-weibliche-Nebenrollen Performance dieses Jahr. Jedenfalls ist es aber eine Kategorie, die relativ volatil ist, in den anderen Kategorien sind meistens mindestens vier Plätze schon “sicher”.

Ich glaube, irgendwo recherchieren Journalisten zur Sicherheit schon, wann das früher mal passiert ist. Da kann ich helfen, das letzte Mal ist gar nicht so lange her, Andrea Risborough wurde 2023 out of the blue für To Leslie nominiert, da gabs damals aber eine Kontroverse. Auch Marcia Gay Harden in Pollock war bei den größeren Filmpreisen vor dem Oscar völlig ignoriert worden und gewann 2001 dann sogar. Soviel zu meinem unnützen Oscar-Wissen, harhar. Aber es ist doch auch mal schön, sich mit solchen sinnlosen Dingen zu beschäftigen.

Ich würds ihr jedenfalls gönnen.

“Asiatisches” Wochenende

Am Freitagabend hab ich über die Stränge geschlagen und mir einfach so ein Buch fürs Wochenende gekauft, ich bin so oarg. Harhar. Und zwar das, was ich das Wochenende davor beim Morawa angelesen habe, Han Kang – die Nobelpreisträgerin von 2024 und das Buch Deine kalten Hände.

Ich bin in den Garten gefahren, habe mich in meine Leseecke oben gesetzt. Jemand hat früher einmal zu mir gesagt, als der Stock noch nicht eingerichtet war, ich werde schon spüren, was hierhin kommen soll. Und ich habe irgendwann gespürt, nachdem das Leben mich vollkomen durchgeschüttelt hat, es soll eine Leseecke sein. Jetzt finde ich sie so gemütlich. Jedenfalls habe ich am Freitag die Stehlampe eingeschaltet, habe mir was zum Trinken und Naschen geholt und habe gleich mal hundert Seiten gelesen.

Sanftes Licht in meiner Leseecke – dazu das wunderschöne Cover von Deine Kalten Hände

Es ist einfach so gut geschrieben und gibt einem so viel zum Nachdenken, bin hin und weg und auch bald fertig. Danach habe ich wie erschlagen mal wieder halbwegs gut geschlafen.

Am Morgen sah es dann so aus:

Glatt und hier sieht man noch die Weihnachtsdeko, die dann kurz drauf von mir entfernt wurde

Einer dieser Tage, in denen es gar nicht richtig hell wird. Ich war einkaufen und am Friedhof und habe weitergelesen, bis es Zeit war, ins Filmcasino zu fahren, zum Preview von Hamnet. Ich war wieder mal ein bisschen zu früh dran und bin in der Gegend herumgestreift, zu der ich wenig Bezug habe.

Haus vom Silberwirt

Ich mag das gerne, in Stadtvierteln herumgehen und zu überlegen, was sie ausmacht. Warum es sich zwei Straßen weiter schon ganz anders anfühlt, anders riecht, die Menschen einen anderen Gesichtsausdruck haben. Die Gegend um das Filmcasino, so mein erstes Fazit, besteht aus einigen Geschäften, die zahlreiche sonderbare Dinge anbieten, die schon ein bisschen älter sind, an der Grenze von geschmacklos und unendlich hip, harhar.

Total hübsche Plakatpräsentation im Filmcasino

Dann also ins sehr volle Kino. Was soll ich sagen? Ich hatte meine Vorbehalte und Regisseurin Chloé Zhao hat sie eindrucksvoll bestätigt, harhar.

Die Darsteller spielen sehr gut, aber als Film ist es absolut nicht meines, es ist so ein gewollter Tränendrüsendrücker-Naturmystik-Kitsch für mich, ja das klingt gemein. Aber ich habe vor einigen Tagen einen anderen Film einer Asiatin (Hikari) gesehen, Rental Family, durchausnicht unkonventionell, will nix neu erfinden, aber mit kleinen Indie- Einsprengseln, stringent und warmherzig erzählt, da sind mir fünfmal die Tränen gekommen, weil es einfach so schön war. Hier, obwohl als großer Film der Empfindsamkeit angekündigt, null. Es hat mich so wenig berührt, dass es schon wieder erstaunlich ist. Mehr zu beiden Filmen bald.

Heute dann spät mit dem Kind mittaggegessen, viel Arbeit aufgeholt, wieder gelesen. Und meinen besonderen Sonntagabendgedanken nachgehangen.

Showing Up

Wie schon kurz erwähnt, habe ich mir während der kleinen Kelly Reichardt-Retrospektive im Stadtkino ihren Film Showing Up angesehen.

Es geht hier um die recht introvertierte bildende Künstlerin Lizzy (Michelle Williams), die sich auf eine kleine Vernissage vorbereitet. Ein paar Tage in ihrem Leben werden porträtiert, das zwischen Erwerbsarbeit im Büro – sie arbeitet für ihre Mutter im administrativen Bereich der Kunstuni – dem täglichen Chaos mit ihrer Vermieterin und Freundin Jo (Hong Chau), die ebenfalls Künstlerin ist, einer verletzten Taube, sowie dem “Crashout” ihres Bruders Sean (John Magaro) und die Gespräche mit ihrem Vater (Jude Hirsch) oszilliert.

Kelly Reichardt ist bekannt für ihr sehr, sehr kontemplatives Tempo des Filmemachens. Sie nimmt sich ganz viel Zeit dafür, im Grunde genommen ziemlich wenig zu erzählen. In ihrem letzten Film The Mastermind hat das vor allem wegen Josh O’Connor funktioniert. Showing Up aus dem Jahr 2022 hat da schon mehr interessantes Personal und hat so einen schönen leisen Witz, dass mich dieser Film wirklich einfach nur glücklich gemacht hat, harhar.

Nämlich, was ich so toll daran finde. Sie stellt diese Art von Künstler-Community dar, die man eh schon irgendwie “kennt”. Leicht neurotische, sonderbare, oft auch depressive Menschen, die sehr viel Nabelschau betreiben und sich auf gewisse Weise für den Mittelpunkt der Welt halten. Aber sie tut das nicht, wie man es auch kennt, auf so eine sehr überzeichnete, karikatureske Art und Weise, sondern Reichhardt hat ganz viel Verständnis für ihre Figuren, ohne ihre manchmal auch überbordernde Schrulligkeit und Selbstgerechtigkeit dabei zu sehr zu “entschuldigen”. Es gibt eine sehr tolle Szene, in der sich Lizzi bei Jo beschwert, dass das Warmwasser in ihrer Wohnung sein Tagen nicht funktioniert, und sie sich doch gerade auf ihre Ausstellung vorbereitet. Jo hängt inzwischen einen Autoreifen an einen Baum, warum wird nicht erörtert (ist das auch ein Kunstprojekt?) schaukelt und erklärt Lizzi, sie hätte gerade so viel zu tun, sie habe sogar zwei Ausstellungen “which is insane!”. Die ganze Szene hat irgendwie so eine unaufdringliche Komik und Hong Chau mag ich so gerne, sie hat so viel Charisma, gleichzeitig denkt man aber auch, jetzt nimm dich halt nicht so wichtig harhar.

Auch Michelle Williams mag ich sehr, finde aber besonders erstaunlich, wie sie hier agiert. Als komplett graue Maus, mit einer recht eigenwilligen Auffassung von Mode, fast ganz in sich gekehrt, aber total glaubwürdig. Man könnte ihr hier stundenlang zuschauen, wie sie ihre Keramik bemalt, keine Ahnung warum das irgendwie interessant ist, aber es hat etwas mediatives. Im gleichen Jahr hat Williams übrigens in The Fabelmans für mich überraschend furchtbar gespielt und nachdem ich jetzt Showing Up gesehen habe, der unmittelbar vorher gedreht wurde, bin ich überzeugt, dass wirklich sehr eigenartige Regieanweisungen von Steven Spielberg gekommen sein müssen, weil sie kann spielen.

Showing Up jedenfalls ist ein wunderschöner kleiner Film, der viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

Eternity

Einer der Filme, die ich am Wochenende gesehen habe, war Eternity.

Die Prämisse ist total interessant. Das alte Ehepaar Joan und Larry stirbt fast zeitgleich und trifft sich in einer Art Vorzimmer des Himmels wieder. Dort wartet aber schon – seit 67 Jahren – Joans erster Ehemann Luke, ihre große Liebe, mit dem sie aber nur kurz verheiratet war, bevor er im Korea Krieg getötet wurde. Er möchte mit ihr die Ewigkeit verbringen, genauso wie Larry, mit dem sie eine große Familie hat. Joan muss sich nun nicht nur für ihre persönliche Ewigkeit entscheiden, sondern auch, mit wem sie den Rest ihres äh Todes zusammensein möchte…

ACHTUNG IMMENSE SPOILER

Zunächst mal fand ich es sehr lustig, dass der Vorraum oder das Hotel zur Ewigkeit – früher nannte man es Fegefeuer harhar – durch und durch kommerzialisiert ist und den Gesetzen unserer kapitalistischen Gesellschaft folgt. Wie bei Netflix gibt nämlich eine schier endlose Auswahl an “Programmen”, die recht marktschreierisch beworben werden, wie man weiterexistieren kann. Es gibt auch einen Afterlife Coordinator. Man kann einen immerwährenden Strandurlaub ebenso wählen wie eine Holzhütte am Berg. Man kann auch etwas extravaganter sein, etwa die Ewigkeit im Museum verbringen oder, meine absolute Lieblingsidee, in der “Weimar World”. Also im Deutschland der 1930er Jahren, aber ohne Nazis, wie betont wird harhar.

Der Film ist irrsinnig kreativ im Set-Design und er hat so viele originelle Ideen, dass man in zahlreichen Szenen weiß, man versäumt jetzt auch einiges, weil man sich nicht auf alles gleichzeitig konzentrieren kann. In jeder Welt gibt es auch die sogenannten “Archives”. Das ist so etwas wie ein Kino der eigenen Vergangenheit. Hier kann man einen Spaziergang machen und die Meilensteine des Daseins, beispielsweise sein erstes Date oder die Geburt eines Kindes nocheinmal erleben. Schön ist auch, als Joan (Elisabeth Olsen) einmal (verbotenerweise) hinter die Kulissen blickt und da die eher traumatischen Aspekte ihres Lebens nochmal aufflackern sieht. Also das, was man mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hat.

Weniger gelungen fand ich die Geschichte an sich, oder sagen wir so, das fand ich insgesamt fast etwas zu konventionell. Auf letterboxd schrieben manche: Where is Luca Guadagnino when you need him? In Anspielung darauf, dass Guadagnino im Film Challengers quasi eine Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männer und einer Frau schildert, die tatsächlich in alle Richtungen geht harhar. Das würde das Problem vielleicht wirklich lösen.

Während des Films habe ich eine Theorie entwickelt, die aber entweder falsch ist oder bewusst nicht auserzählt wird. Wenn man hier stirbt, kommt man nämlich in dem Alter seines Lebens zurück, in dem man am glücklichsten war. Was ja in gewisser Weise ein Indikator für Joans Entscheidung sein könnte. Das bemerkenswerte ist, dass Joan (Elisabeth Olsen) anfangs übel ist, und sie sich noch darüber wundert, dass man das als Tote auch erleben kann. Ungefähr eine Stunde später erzählt dann Clark (Miles Teller), dass er sich immer als “Trost” empfunden hat und es wenige Momente gab, in denen er wirklich das Gefühl hatte, sie wären eine Einheit gewesen. Einer davon war bei einem Abendessen in eine Restaurant, als Joan gerade mit dem zweiten Kind schwanger war. Ha! Übelkeit, nicht? Aber wie gesagt: es wird nicht aufgelöst.

Auch sonst regt Eternity sehr zum Nachdenken an. Vielleicht hat man selbst den Traum, irgendwie ewig zu existieren, aber wäre das möglicherweise vielleicht auch auf Dauer einfach auch sehr, sehr fad? Harhar. Einmal ein erfrischend anderer Ansatz.

The Magic of Cinema

Heute Nacht wurden die Golden Globes verliehen.

Ich habe es mir nicht angeschaut, einerseits, weil es nirgends übertragen wurde harhar, aber auch, weil ich die Befürchtung hatte, mich nur ärgern zu müssen, weil viele Schauspieler sich nicht an dem orientieren, was Ricky Gervais in seiner wirklich genialen Anmoderatorin der Globes 2020 zu den Anwesenden gesagt hat: “If you do win an award tonight, do not use it as a platform to make a political speech. You’re in no position to lecture the public about anything. You know nothing about the real world. Most of you spent less time in school than Greta Thunberg” harhar, immer wieder grandios.

Sehr schön fand ich aber dann heute die Rede von Stellan Skarsgård, der sich daran gehalten hat und trotzdem oder deswegen etwas wunderbares gesagt hat. Skarsgård wurde in der Kategorie “Bester Nebendarsteller” für meinen Lieblingsfilm 2025, Sentimental Value, der übrigens auch der Lieblingsfilm von Paul Thomas Anderson war, ausgezeichnet. By the way habe ich heute den Nachbarn getroffen, der auch viel ins Kino geht und er meinte zu mir, er würde ja nie im Kino weinen, aber jetzt hat er Sentimental Value gesehen harhar…na jedenfalls sagte Skarsgård, er freue sich, dass so ein kleiner norwegischer Film, ohne viel Geld für Marketing hier vertreten ist und ihn so viele sehen. Außerdem:

“And hopefully, you’ll see it in a cinema. Because they are an extinguished species now. In a cinema, where the lights go down and eventually you share the pulse with some other people. That’s magic. Cinema should be seen in cinemas”

Hach ja, wie schön schnüff. Solche Reden wollen wir hören, genau solche.

Winterwochenende

Dieses Wochenende wars so kalt, die Arbeit stapelt sich ohnehin und das Kind war auch auswärts, so hätte ich zwei Tage nur daheim am PC sitzen können. Habe mich dann aber doch anders entschieden. Ich war an beiden Nachmittagen im Kino harhar. Und zwar im Filmhaus am Spittelberg.

Ich habe einen “geheimen” Weg entdeckt, zwischen dem Kino…

Wokes Kino, aber gemütlich harhar

…an der Benko Ruine vorbei:

Das war notwendig, dafür das alte Leiner Haus abzureißen, oder?

…zum Morawa (am Samstag)…

Recht angetan von meinen kurzen Leseproben dieser Literaturnobelpeisträgerin

…bzw. Vapiano, heute

Zu gierig bzw. um 15.30 zu hungrig für ein “vorher” Foto harhar

Schön wars, gemütlich wars und hat meiner “Mental Health” sehr gut getan. Zum Arbeiten hatte ich auch noch genug Zeit.

Dazwischen zwei Highlights:

1.) Kind kommt für 30 Minuten heim. Ich so: Das hat sich jetzt aber nicht ausgezahlt! Kind so: Ich wollte dich sehen. Ich: Ok, was ist der echte Grund? Kind: Ja wirklich, deshalb. Ich: Ohhh! Harhar.

2.) Wieder ein wunderschöner, komplett unrealistischer Traum letzte Nacht. Und auch wenn ich das weiß, habe ich es auch diesmal einfach genossen, jemanden zu sehen und mit jemandem so zu reden wie früher, mich genauso zu fühlen, wie damals, neben ihm.

Gutes Wochenende.

Sirat

So jetzt zu einem wirklich verstörenden Film, den ich irgendwie “durchgestanden” habe, nämlich Sirāt von Oliver Laxe.

Luis (Sergi López, der einzige Berufsschauspieler, alle anderen sind Laiendarsteller) und sein 12 jähriger Sohn Esteban samt Hund suchen auf einem illegalen Rave in Südmarokko nach der Tochter bzw. Schwester Mar, die zwar volljährig, aber seit Monaten vermisst ist. Nachdem die Veranstaltung polizeilich aufgelöst wird, schließen sie sich einer kleinen Gruppe von Ravern an, um durch die Wüste zum nächsten geplanten Spot zu fahren und dort weiterzusuchen…

ACHTUNG SPOILER

Pia Reiser vom fm4 Filmpodcast versucht, eine neue Begrifflichkeit für diese Art von Filmen zu etablieren und da ich diese so gelungen finde, verbreite ich sie gerne weiter. Sie nennt dieses Genre Arghouse. Also eine Mischung aus Arthouse und “arg” harhar.

Rein optisch könnte man hier, frei nach Grissemann und Stermann, sagen: Das ist Mad Max/Fury Road für Sozialhilfeempfänger. Die beiden Trucks, die durch die Wüste brettern erinnern – minus des Glamours und der Coolness – sehr an die dystopische Endzeitsaga von George Miller. Nur begleiten wir hier Menschen, die vom Leben gebrochen sind. Man sieht es ihnen auch äußerlich an. Sie wirken älter als sie sind, jemand fehlt eine Hand, einem anderen das Bein. Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen wurden oder dieser aus eigenem Antrieb den Rücken gekehrt haben, genauer wird das nicht erklärt. Die jedenfalls nichts mehr haben als diese Art der Wahlverwandtschaft und den Eskapismus in Drogen und Tanz. Es sind keine “bösen” Menschen, im Gegenteil, sie wirken zu verletzlich für diese Welt.

Schon diese Prämisse finde ich persönlich unfassbar deprimierend. Denn auch wenn ich diese Art von Hoffnungslosigkeit irgendwie nachempfinden kann oder es zumindest versuche: Depression entgeht man nicht in der Wüste, das sage ich jetzt mal so. Aber die Raver haben schon lange keine Perspektive für die Zukunft mehr. Und die Vergangenheit ist ein endloser Schmerz. Es ist alles so unglaublich bedrückend und es ist hier fast körperlich spürbar, dass sie sich nun irgendwie fatalistisch der Natur und den Umständen ausliefern, denn hier lauert eine Gefahr nach der anderen: Wie lange kommt man mit den Wasservorräten aus? Wo ist die nächste Tankstelle? Und wo die bis an die Zähne bewaffnete fragwürdige “Polizei”?

Es ist die Stärke, aber auch das wirklich beklemmende an diesem Film, dass er so radikal ist und einen mit audiovisueller Finesse sofort in die Handlung hineinzieht. Einerseits verspürt man eine gewisse Faszination des Grauens, andererseits will man nichts wie weg. Und der Zuseher wird tatsächlich nicht geschont. Es ist wirklich so arg wie alle behaupten und zwar nicht im Sinne des Horrorgenres, denn es ist kein Horrorfilm. Hier passieren Dinge, die jedem Einzelnen von uns dort genauso widerfahren könnten. Bis man schließlich total handlungsunfähig ist und, im wahrsten Sinn des Wortes, auf einem Minenfeld landet. “Sirāt” bezeichnet im Islam übrigens einen hauchdünnen, aber messerscharfen Weg, der Dies- und Jenseits trennt.

Fazit: Auch wenn es am Ende einen *klitzekleinen* Lichtstreifen am Horizont gibt, ist das über weite Strecken echtes Feelbad Cinema, da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Ja, ich bin froh, dass ich diesen Film gesehen habe. Ich empfehle ihn aber nur auf eigene Gefahr, denn ich bin kein Sadist harhar.

Weihnachtsferien, zwei

Die letzten Tage war das Kind auf quasi Zweitheimaturlaub. Ich hab ein bisschen gearbeitet, aber auch noch die freien Tage genossen. Weil die nächsten Monate werden wahrscheinlich eh ein bisschen anstrengend.

Ich habe zwei Filme gesehen. Ich habe Sirat nachgeholt, einen Film, bei dessen Trailer ich ahnte, er würde mich zerstören und den ich deshalb eigentlich ignorieren wollte. Aber nachdem er jetzt als bester internationaler Film für Spanien bei den Oscars eingereicht wurde, habe ich mich drüber getraut. Und siehe da, er hat mich tatsächlich vollkommen zerstört, harhar. Mehr bald. Zum quasi Ausgleich habe ich auch Showing Up in OV von Kelly Reichhardt im Stadtkino angeschaut. Einen Film im Künstlermilieu, in dem fast gar nichts passiert, nur Alltagsmomente, kleine Depressionen, sowie kleine Freuden eingefangen werden, aber alles mit so viel Liebe geschildert wird, das hat mir richtig gut gefallen.

Morgenblick aus dem schön warmen Haus in den winterlichen Garten

Ich war am Hauptbahnhof, um etwas zu besorgen und habe mich zwischen den vielen ankommenden und abfahrenden Menschen treiben lassen, die alle dringend irgendwohin mussten oder von irgendwoher kommen und mir gedacht, wie lange ich schon nicht mehr Teil davon bin, irgendwohin zu fahren oder irgendwo anzukommen.

Ich habe geschrieben und ich muss sagen, mit meinem Text bin ich wirklich zufrieden. Ich recherchiere außerdem gerade nach irgendwelchen Workshops, die mir Tipps geben können, wie ich an Agenturen oder Verlage herantreten kann, dass ich auch eine Chance habe. Da geht es um Exposes und Pitches und Marketing, was ich bei Geboren in Bozen irgendwie zwangsläufig auch gemacht habe, ich war sogar im Stern. Aber prinzipiell, ich verrate das hier exklusiv, liegt mir das wirklich null harhar.

Morgen beginnt wieder die Schule und für Maturanten auch bereits das zweite Semester und ja, wie gesagt, es könnte ein bisschen anstrengend werden harhar.

Song Sung Blue

Song Sung Blue (Regie: Craig Brewer) beruht auf der wahren Geschichte der Neil Diamond Tribute Band Thunder and Lightning, bestehend aus Mike “Lightning” (Hugh Jackman) und Claire “Thunder” (Kate Hudson) Sardina aus Milwaukee, die sich regional vor allem in den 1990-er Jahren einen Namen gemacht haben und deren Geschichte auch schon in einer Dokumentation beleuchtet wurde.

In diesem Film wird ihr Kennenlernen und das Formieren der gemeinsamen Band ebenso portraitiert wie die zahlreichen Ups und vor allem Downs die folgen sollen…

ACHTUNG WIE IMMER SPOILER

Und Downs ist noch untertrieben, also da war ja Hiob nix dagegen bitte. Ich kann über den Film nichts schreiben, was nicht The Hollywood Reporter schon besser geschrieben hat, und zwar in einem einzigen Satz, nämlich: “Hugh Jackman and Kate Hudson bring Sparkling Chemistry and Impressive Musicality to Disarming Boomer Love Story.” Ja, vor allem disarming, aber sowas von.

Claire und Mike sind Arbeiter. Er ist eigentlich Mechaniker, sie Friseurin, die einen Traum haben: Musiker zu sein und auf der Bühne zu stehen. Sie haben jeweils eine Scheidung hinter sich, eine Suchtvergangenheit nach Vietnam (er), psychische Probleme (sie), beide haben jugendliche Kinder, leicht schmuddelige Häuser, keine fancy Klamotten oder Lifestyle, sowie auch keine Krankenversicherung, dafür etliche finanzielle Sorgen. Aber inmitten von Elvis- und Buddy Holly Imitatoren finden sie sich bei einem bunten Abend und wie sich herausstellt sind beide füreinander genau das, was sie gerade gebraucht haben.

So schwierig das alles ist und so viele Steine ihnen vom Schicksal in den Weg gelegt werden, hier sind zwei Menschen, die sich immer wieder aufrappeln und weiter kämpfen. Ein erster Erfolg stellt sich ein, als sie von Eddie Vedder persönlich als Vorband für Pearl Jam gebucht werden und er, auf Mikes Bitte hin, sogar einen Song mit ihnen performt. Es gibt auch viele witzige Momente. Etwa als Mike die Show mit einem besonders künstlerischen Anspruch gestalten will – also nicht den Diamond Smash Hit Sweet Caroline am Anfang bringen, um irgendwie mit dem Publikum zu connecten. Sondern das unbekannte und eher sperrige Soolaimon – alleine was der Veranstalter und Mikes Manager zu diesem Titel für Assoziationen haben ist göttlich harhar. Aber am Ende des Filmes wippt man auch bei Soolaimon mit. Und natürlich wird auch Sweet Caroline im Endeffekt ausgiebig performt.

Ja hier wird das Kino nicht neu erfunden. Und ja, hier haben wir eine Menge kaum durch Ambivalenz getrübten Pathos. Das Drehbuch hat Schwächen, ich weiß das, ich sehe sie, sie stören mich hier aber nicht. Tatsächlich ist das ein Film, der einfach ehrlich ist und nix anderes sein will als er ist, vor allem nicht “cool”. Das fand ich sehr sympathisch. Ein Film, in den man sich richtig reinkuscheln möchte, der immer positiv bleibt, auch wenn hier sehr arge Dinge passieren. Beim ersten “Ereignis” habe ich mich im Kino so erschrocken, ich will es gar nicht spoilern, es ist ein enormer Effekt wenn man es einfach so sieht. Und es bleibt nicht dabei. Immer wieder fragt man sich auch, wird der trockene Alkoholiker Mike – seine Vorstellung bei den AA wird am Anfang des Films so inszeniert als stünde er auf einer Bühne (und von diesen guten Ideen gibt es auch einige in diesem Film) – rückfällig? Oder passieren ganz andere Dinge?

Jedenfalls, wie kürzlich gesagt: Ich liebe die Botschaften des Films und diese Attitüde des Weitermachens mit dem, das einem – trotz allen Verlusten – bleibt. Oft ist Heilung tatsächlich in der Kunst zu finden, wie uns auch Sentimental Value erzählt hat. Song Sung Blue (übrigens der Titel eines Neil Diamond Songs) sagt alles. Und nebenbei bemerkt singen Hugh Jackman (bei dem wusste ich das schon, er hat mal die Oscars mit einer musikalischen Performance eröffnet) und Kate Hudson tatsächlich einfach großartig und haben sichtbar auch enormen Spaß daran. Man muss kein Neil Diamond Fan sein – obwohl ich liebe Cracklin’ Rosie, ist mir wieder eingefallen – um das zu mögen.

Ein überraschend toller Film für Alexander Horwath (harhar) und mich!

Filmausblick 26

Der am meisten erwartete Film 2026, für dessen Premiere schon vor Monaten Karten verkauft wurden und dessen Trailer bereits veröffentlich wurde, ist mit Sicherheit The Odyssee von Christopher Nolan. Ich mag die Filme von Nolan sehr. Die Odyssee an sich interessiert mich eher so mittel. Nach dem Trailer denke ich mir: Naja. Aber exakt so ging es mir mit Oppenheimer auch. Physiker, die sich drei Stunden unterhalten, dazwischen ein paar Atombombentests. Puh, ich bin Geisteswissenschaftlerin harhar. Aber letztendlich wurde Oppenheimer mein Lieblingsfilm 2023. Weil Nolan eben immer was anderes draus macht, als man im vorhinein glaubt und es ist immer gleichzeitig spannend und aber auch anspruchsvoll.

Pia Reiser und Christian Fuchs sind auch bissi skeptisch, finden aber die Besetzung super. Da muss ich ehrlich sagen, das trifft bei mir leider auch nicht zu, harhar. Ich werde mit Robert Pattison und Anne Hathaway einfach nicht warm. Auf X hat jemand geschrieben: “They would not be speaking English if it were Mel Gibson.” Das ist richtig, in The Passion of the Christ wurde bekanntlich Latein und Aramäisch, toten Sprachen also, mit lebenden Akzenten gesprochen harhar.

Einen neuen Film gibt es auch von Steven Spielberg, den letzten mochte ich leider gar nicht. In Disclosure Day geht es um Außerirdische, auch hm. Aber hier spielt Josh O’Connor mit, yeah! Alejandro G. Iñárritu kehrt ebenfalls zurück, nach dem echt schrecklich prätentiösen Bardo, wo ich über die ersten 20 Minuten nie hinausgekommen bin. Die Hauptrolle in Digger spielt Tom Cruise. Relativ bald sehen wir den euphorisch besprochenen Marty Supreme mit Timothee Chalamet, und es geht um einen Tischtennisspieler. Auch so eine Prämisse, wo ich mir denke, okaaay. Aber neugierig bin ich sehr.

Außerdem gibt es einen quasi Nachfolger zu The Social Network. Wo man sich schon dachte, dieser Film würde uns etwas Unverfilmbares erzählen, gilt aber bis heute als “groundbreaking”. Der Falter schriebt damals, die Geschichte um Mark Zuckerberg und seine Weggefährten “bläht sich ein bissl über Gebühr als Königsdrama auf” (ich liebe solche Formulierungen), würde aber ansonsten überzeugen. Das Problem bei The Social Reckoning ist vielleicht, dass nicht mehr David Fincher Regie führt, sondern der Drehbuchautor Aaron Sorkin selbst. Ein zweiter Spinoff, wenn man so will ist The Adventures of Cliff Booth, und hier führt interessanterweise dann eben Fincher Regie, statt Quentin Tarantino. Wir erinnern uns, Cliff Booth (Brad Pitt) kennen wir aus dem Tarantino Film Once upon a time in Hollywood. Und auch hier bin ich etwas misstrauisch – boah ich bin heute anstrengend harhar – weil Nebencharaktere oft nicht optimal als Protagonisten funktionieren.

Ich persönlich freue mich sehr auf Father, Mother, Sister, Brother von Jim Jarmusch – es wird btw. auch eine Retrospektive im Metrokino zu Jarmusch geben. Auf Wuthering Heights von Emerald Fenell, vor allem, weil ich ihren Vorgängerfilm Saltburn so toll fand. Und auch auf Is This Thing On? von Bradley Cooper über einen Standup Comedian, sowie Blue Moon von Richard Liniklater.

Aber natürlich wird es noch viele andere Perlen zu entdecken geben, von denen wir jetzt noch gar nichts ahnen, aufregend.