almis personal blog

Ein Tag im Museum

…und zwar im Literaturmuseum. Das gemütliche Wohnzimmer, zum Chillen zwischendurch…

Stefan Zweig hat einen Punkt:

Johann Strauß auch:

Ich wusste nicht, dass Strauß damit den Börsencrash im Mai 1873 meinte, bei dem die Väter von Schnitzler, Freud und Hoffmansthall einen beträchlichten Teil ihres Vermögens verloren haben – ob ihnen diese Zeile aus der Fledermaus ein Trost war?

Auch prominent vertreten, Thomas Bernhard:

Bei den Todesarten ist natürlich auch Ingeborg Bachmann nicht weit – und der berühmte Abschlussatz von Malina: Es war Mord.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Paul Celan

Und dann war da noch, zum Nachdenken:

Und:

Kafka ging sehr gerne ins Kino, das war mir auch nicht so bewusst.

Und zum Abschluss:

Reger Andrang im Museum harhar, na es waren schon noch ein paar Leute außer mir dort. Aber man steigt sich nicht auf die Füße

Superschön wars, über drei Stunden war ich dort, ohne die aktuelle Ausstellung (die kenne ich schon). Es hätte aber noch viel länger sein können. Btw habe ich heute erfahren, man kann mit dem Ticket das Museum auch verlassen und wieder kommen. Na wenn ich das gewusst hätte, hätte ich wohl in der Früh angefangen.

Große Empfehlung!

Brooklyn

Apropos Kitsch. Kürzlich habe ich Brooklyn gestreamt, einen Film unter der Regie von John Crowley, von dem ich dieses Jahr We Live in Time gesehen habe, der mir sehr gut gefallen hat.

In Brooklyn geht es um die junge Frau Eilis (Saoirse Ronan), die im Jahr 1951 aus ihrem irischen Kaff und der Perspektivlosigkeit nach New York geht. Ihre Schwester Rose, die die Intelligenz und Weltoffenheit von Eillis erkennt und merkt, dass sie in dem kleinen Dorf nicht glücklich werden wird, hat ihr einen Job in einem Kaufhaus verschafft, es ist auch geplant, dass sie dort eine Ausbildung macht. Voller Heimweh kommt Eilis in New York an und tut sich schwer, nicht überall Irland zu sehen und zu vermissen, obgleich ihr schon bewusst ist, dass das Leben hier mehr für sie zu bieten hat. Da trifft sie eines Tages den italienischstämmigen Tony (Emory Cohen)…

SPOILER, ALLERDINGS VERRATE ICH DAS ENDE NICHT

Bei diesem Plot könnte man sich denken (und das habe ich auch getan harhar), was geht mich das eigentlich an, warum eine Frau in den 1950er Jahren nach Amerika geht, es riecht außerdem nach richtig kitschiger Liebesgeschichte. Da kann ich entwarnen. Nichts an diesem FIlm ist kitschig und meiner Meinung nach ist es nicht einmal eine Liebesgeschichte, zumindest nicht eine zwischen Frau und Mann. Vielleicht eher zwischen Frau und einer Stadt oder noch besser: Einer Frau und dem Leben und seinen Möglichkeiten.

Im Grunde wird Eilis – den Namen spricht man, wie die meisten irischen Namen anders aus, als man ihn schreibt, eher so “Elisch” – laufend unter Druck gesetzt. Einerseits von Tony, der sie zwar wirklich liebt, der aber gleichzeitig nicht derjenige ist, für dessen höhere Ausbildung seine Familie Opfer bringt. Das ist sein kleiner Bruder. Tony ist Klemptner. Insofern passen Eilis und er intellektuell nicht wirklich zusammen. Außerdem ist Tony auch ziemlich unsicher und dementsprechend besitzergreifend. Und dann gibt es noch Eilis Mutter und ich denke mir da immer, nie will ich so werden als Mutter! Die Mutter will nämlich, nachdem Eilis Schwester überraschend verstirbt, dass Eilis um jeden Preis zurück nach Irland kommt und bleibt, nämlich darum, um sich um sie, die Mutter zu kümmern. Natürlich kann man verstehen, dass sie Eilis lieber in der Nähe hätte. Aber ich kann deshalb das eigene Kind nicht daran hindern, sein Leben zu leben und ihm ein schlechtes Gewissen machen, wenn es andere Pläne hat. Das ist nicht fair.

Eilis schwankt bei einem Besuch in Irland. Plötzlich wird ihr hier ein guter Job angeboten. Plötzlich gibt es einen jungen Mann, Jim (Domhnall Gleeson) der sich für sie interessiert, mit dem sie anregende Gespräche führen kann und der noch dazu ausnehmend begütert ist. Plötzlich wirkt Irland gar nicht mehr so trost- und hoffnungslos. Aber ist das nur die Wiedersehensfreude, die Verklärung, weil man längst woanders lebt? Oder ist eine Zukunft für Eilis in Irland möglich, was aber auch den Abschied von Tony bedeuten würde?

Saoirse Ronan, die ich immer sehr gerne sehe, liefert hier eine so komplett ruhige und kleine Performance ab, die gerade deswegen so eindringlich ist und den Film trägt. Denn auch wenn das ganze Ensemble gut ist und wenn der Film sehr viele interessante Szenen hat, so ist sie es, die uns die Ambivalenz von Eilis vermitteln muss, die sehr viel alleine mit Blicken, mit Mimik, transportieren muss, was in ihr vorgeht, was sie sich denkt, wünscht und erhofft. Sie erzählt uns von einer Frau, die selbstbestimmt sein möchte und einem Beruf nachgehen, in einer Zeit, in der das für Frauen nicht besonders einfach war. Ronan macht das so gut, dass sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert worden ist.

Jedenfalls ein Film, bei dem meine Vorurteile definitiv nicht angebracht waren und der so viel mehr bietet, als ich mir von ihm erwartet habe. Ich denke immer noch über ihn nach.

August

In meinem “Poetik-Feed” auf Social Media habe ich zum Anfang des Monats gelesen: “I expect too much of August and August expects too much of me.” Finde ich irrsinnig schön formuliert, geht mir aber gar nicht so, ich erwarte mir gerade gar nichts, na ja, einen Schatten unterm Baum und vielleicht doch noch ein paar Mal ins Wasser gehen, lesen und schreiben und ein paar lustige Tage mit dem Kind verbringen, wenn er wieder da ist. Was der August von mir will, ist mir ziemlich egal, harhar.

Meine Telefoniererei hat übrigens ein höchst erfolgreiches Ende genommen, nachdem ich mit Menschen von Wien, Innsbruck bis nach Bozen (extreme Flashbacks an meine Zeit dort!) gesprochen habe. Ich bin schon ein bisschen stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, Menschen zu helfen. Anscheinend liegt mir das Telefonieren doch nicht so schlecht, ich bin vor Freude ein bisschen durchs Haus getanzt. Ich habe aber trotzdem keinen, ich wiederhole keinen Wiederholungsbedarf, harhar.

Hietzing am Platz und Sonne!

Zur Feier dessen bin ich nach Hietzing gefahren, bin spazieren gegangen und habe fast eine Stunde in der Buchhandlung Kral (unbezahlte Werbung) verbracht und ganz viele Bücher angelesen. Letztendlich habe ich mich, naja, nicht für das falsche, aber doch wieder für einen Roman entschieden, nämlich Verheiratete Frauen, der mich bisher nur so halb überzeugt. Die Themen – Frauen um die 40 Jahre und ihre Beziehung(skrisen), auch Affinität zum Medium Film – interessieren mich zwar total, aber ich halte so eine verkitschte Sprache gar nicht aus, wie sie leider auch die Autorin Cristina Campos verwendet. Ich bin da eher bei Ernest Hemingway, der forderte: “Write hard and clear about what hurts”. Das kann und soll poetisch sein, aber eben kein Kitsch.

Ach ja, bei meinem Text geht es gut voran, ich weiß jetzt auch endlich wie er enden wird und das erfüllt mich auch mit einer gewissen Zufriedenheit, harhar.

Ansonsten schaue ich mir die Urlaubsfotos von anderen an und freue mich mit. Ich vermisse da nichts. Das, was ich vermisse, ist eine Melodie in meinem Alltag (siehe gestriger Eintrag) – das finde ich ein so schönes Bild und tut mir gerade gut.

The Life of Chuck

Diese Woche hab The Life of Chuck im bis auf den letzten Platz besetzten Studio-Saal im Votiv gesehen und rückblickend bin ich echt froh, dass ich mich nicht für die Pressevorstellung für Uncut gemeldet habe, weil über den Film zu schreiben ist wirklich schwer. Während ich das schreibe, weiß ich selber noch nicht, wie ich das machen werde, also seid gespannt. Harhar.

Regie führte Mike Flanagan, vom dem ich nichts kenne und der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, es ist aber kein Horror. Worum gehts? Irgendwie um das Leben von “Chuck”, Charles Krantz (Tom Hiddelston), das in drei Akten und rückwärts erzählt wird. Am Beginn steht Chuck vor seinem Ende und auch die Welt tut das – Naturkatastrophen scheinen der Menschheit den Garaus zu machen. Dennoch bedanken sich alle bei Chuck für 39 fabelhafte Jahre. Aber warum tun sie das und was hat Chuck mit dem drohenden Weltuntergang zu tun?

SPOILER!!!! ES GEHT NICHT ANDERS!

Ich bin ja bekannt dafür, dass ich Tanz in Filmen liebe. In meinem Haus hängt ein La La Land Poster am Stiegenaufgang. In The LIfe of Chuck tanzt Tom Hiddleston (übigens hervorragend) fast den ganzen zweiten Akt über, auch mit der mir bisher unbekannten Annalise Basso. Sonst hat Hiddleston im Film übrigens fast nichts zu tun, auch wenn er die titelgebende Figur ist, aber teilweise wird ja von Chuck als Kind und Jugendlicher erzählt, also insgesamt spielen drei oder vier andere Kinder bzw. Jugendliche ihn ebenfalls.

Ich liebe es auch, wenn in Filmen Gedichte zitiert werden und das kommt bei The Life of Chuck im ersten und im dritten Akt vor. Beide Male ist es etwas aus Walt Whitmans Gedicht Song to Myself: “Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, / I am large, I contain multitudes.” Ich enthalte Vielheiten. Während wir alle vielleicht ein bisschen Angst haben, vor den Widersprüchen in uns selbst, umarmt Walt Whitman sie, weil wir sind eben groß, wir verkörpern unterschiedliches. Wir dürfen auch widersprüchlich sein.

The Life of Chuck hat zwar diese durchgehende Handlung (wenn auch rückwärts erzählt) Chuck vor seinem Tod bis Chuck als Kind, aber viel mehr handelt der Film von vielen kleinen Momenten, die uns sagen, wie schön das Leben ist, wenn man auf seine Details achtet. Klingt jetzt komisch, weil ja vor allem im ersten Akt dauernd vom Weltuntergang die Rede ist, aber vielleicht auch gerade deshalb. Die Figur eines Lehres, die von Chiwitel Ejiofor dargestellt wurde, mochte ich gleich. Weil das Internet fällt aus (für immer!!!) und ein Vater kommt zu ihm, eigentlich wegen eines Elterngespräches und er sagt verzweifelt zu ihm: “Pornhub funktioniert auch nicht mehr”. Und der Lehrer könnte dann so tun als wisse er von nichts, als hätte er überhaupt noch nie von Pornhub gehört etcetera, doch er sagt so auf die Art, ja das ist mir auch schon aufgefallen, harhar. Und das fand ich irrsinnig sympathisch.

Der Film hat diese kleine Stephen King Mystik – eine Dachkammer, die man nicht besuchen soll. Das spoilere ich nicht, es ist tatsächlich ziemlich furcherregend, wenn auch nicht im Sinne von Horror. Tatsächlich aber ist meine Interpretation, dass der Film das verkörpern soll, was Chuck im Zuge seines “das Leben zieht nochmal an mir vorbei” Moments vor seinem inneren Auge sieht. Da passt nicht alles zusammen, da gibt es traumartige Sequenzen, alles ist auch ein bisschen mysteriös. Dass sich die Welt bei Chuck bedankt, interpretiere ich so, dass jeder Mensch das Zentrum seines eigenen Universums ist und, dass er sich wünscht, einen Eindruck bei anderen zu hinterlassen. Und dass die Welt untergeht? Naja, sie geht für jeden von uns in dem Moment unter, in dem wir sterben.

Soweit meine Gedanken, man kann alles aber auch anders sehen. Das ist das Schöne an diesem poetischen Film. Ach ja und am Ende hat man einen My Sharona Ohrwurm.

Ja, Nein, Vielleicht.

So, nun zum neuen Roman von Doris Knecht. Doris Knecht hat sich bereits in ihrem letzten Buch Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe ein bisschen in Richtung Autofiction a la Annie Ernaux entwickelt. In diesem Buch hat sie vom Auszug ihrer Töchter und dem Empty Nest erzählt, in ihrem neuen Roman Ja, Nein, Vielleicht geht es quasi weiter.

Die Protagonistin lebt nun ihr Leben zwischen Wien und dem Haus im Waldviertel und ist sehr zufrieden. Die erwachsenen Kinder haben alles im Griff, sie schreibt, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, trifft sich mit Freunden, genießt das Landleben, die Gartenarbeit und ihren Hund. Sie hat auch einen “Johnny”, der so etwas wie ein Friend with benefits ist, glaub ich zumindest, es bleibt etwas nebulös. Da trifft sie zufällig Friedrich wieder, einen Mann, mit dem sie 25 Jahre zuvor auch eine gewisse “Geschichte” hatte, aber zusammen waren die beiden nie. Und nun stellt sich für die Protagonistin die Frage: Was möchte sie? Will sie sich nochmal auf eine “richtige” Beziehung einlassen? Und zu welchen Bedingungen?

Dieser Roman ist in erster Linie eine Reflexion über die romantische Liebe an sich, also die Liebe abseits von gewissermaßen Notwendigkeiten. Die Protagonistin stellt sich die Frage, wozu sie als Frau mit Mitte 50 jetzt überhaupt noch eine Beziehung “braucht” – das Thema Kinder und Familie ist für sie ja bereits lange abgeschlossen. Sie hat, was sie möchte, sie ist finanziell unabhängig, sie verfügt über genügend soziale Kontakte und, nicht zu vergessen, da ist wieder die Freiheit, das Leben so zu gestalten wie sie das will. Sie muss nach 20 Jahren Kinderbetreuung – einen nicht unbeträchtlichen Teil davon alleinerziehend – keine Kompromisse mehr eingehen und sich nach niemandem richten.

Sie denkt über eine Freundin nach, die sich gerade verlobt hat, “Ich weiß, was nach diesen Liebeshighs kommt. Das ist kurz fantastisch, das hält nicht an (…) Dahinter wartet Enttäuschung, Gewöhnung und eine gute oder schlechte Komplizenschaft. Im besten Fall eine ruhige verlässliche Liebe, im schlechteren Langeweile, im schlimmsten Zurückweisung, Gleichgültigkeit, Hass.” (S. 55)

Einmal fragt sie diese Freundin, wenn jetzt wieder bei ihr, der Protagonistin, ein Mann im Haus wäre, wo würde der sitzen, was würde er tun? Und die Freundin antwortet so auf die Art, nun ja, er könnte uns Drinks mixen harhar. Tatsächlich erinnert sich natürlich auch die Protagonistin daran, was gut war, an der Liebe, an einer Partnerschaft, das Gefühl, geborgen zu sein, diese Nähe und Intimitität zu verspüren, wie es damals temporär mit diesem Friedrich war: “(…) wir wollten nur miteinander ins Bett und dann nackt nebeneinanderliegen und uns Sachen aus unseren Leben erzählen. (…) Dabei vielleicht was trinken, viele Zigaretten rauchen und dann vielleicht nochmal miteinander schlafen”

Aber auch das Gefühl, dass zu wenig zurückkommt, dass sie nicht so geliebt wurde, wie sie es gebraucht hätte, das ist ganz schnell wieder da. Kurz nach dem ersten Wiedersehen schickt sie Friedrich abends eine Nachricht und dreht dann das Handy ab:

Am nächsten Morgen wache ich auf und finde mich plötzlich wieder an diesem inneren Ort, an dem ich nie wieder hinwollte: an einem Ort, wo ich die Nachricht eines Mannes erhoffe. Ich kenne diesen Ort gut. Es ist ein Ort, dessen Landschaft sich von heute auf morgen von einem blühenden Hügel mit idyllischem Ausblick in ein kaltes, schlammiges Tal verwandeln kann (…) dort verknüpfen sich mein Wohlbefinden (…) mein Selbstwert untrennbar mit dem Blick eines Menschens auf mich, der nicht ich bin (….) Ich war dort schon zu oft, ich weiß nicht, ob ich da nochmal hinwill.

Ja, Nein, Vielleicht Seite 46.

Ja, nein, Vielleicht ist ein leicht lesbarer, streckenweise ziemlich amüsanter Roman über eine selbstbestimmte, auch sehr reflektierte Frau. Er enthält erstaunlich viele sehr poetische Betrachtungen, die einfach für mich wunderschön beschreiben, wie man sich so mitunter fühlt, in diesem Alter, nach dem vielen Leben, das man schon hinter sich hat, den Erfahrungen, die man gemacht hat, auch den Tränen und dem Schmerz und dem Bewusstsein, dass das alles gar nicht so einfach ist, wie man sich das gedacht hat, als man sich das allererste Mal verliebt hat.

Eine universelle Antwort gibt Knecht nicht, aber sie findet die Anwort für sich. Diesen Bewusstseinsbildungs-Prozess mitzuerleben, das ist höchst spannend.

Ein Raum zum Schreiben

Nachdem ich Ein Raum zum Schreiben von Kristin Valla jetzt tatsächlich schon (mit Begeisterung) ausgelesen habe und auch um eine Rezension gebeten worden bin, hier ein paar Gedanken dazu.

Ich weiß nicht, ob das Buch, das kein Roman im eigentlich Sinn ist, jedem so gefallen wird wie mir. Denn es geht Valla in diesem autobiografischen Text, in Anlehnung an Virginia Woolfs Postulat, darum, dass jede Frau, die schreiben will ein eigenes Zimmer, eben für sich alleine, braucht. Wo sie die Tür zumachen und ungestört sein kann. Ein bisschen Geld kann auch nicht schaden harhar. Aber das Zimmer als Gedankenraum wäre essentiell. Valla, Mitte 40, zwei jugendliche Kinder, schreibt darüber, wie sie früher als Autorin tätig war, aber durch Heirat, Kindererziehung und Brotjob einfach nicht mehr dazugekommen ist. Deshalb macht sie sich schließlich auf die Suche nach einem Haus.

Und davon erzählt dieses Buch in großen Teilen. Ihre Erkundungsfahrten nach einem Domizil, das sie schließlich in Frankreich findet, was jetzt nicht gerade um die Ecke von Norwegen ist und auch noch in einem dort entlegenen Gebiet liegt, kann man als fixe Idee oder auch Schwachsinn betrachten. Wozu braucht sie das? Wozu lädt sich sie so viele neue Probleme auf? Sie schreibt eine to do Liste:

Während ich die Liste machte, stellte ich mir vor, wie meine Tage in dem Haus aussehen würden. Ich stellte mir vor, wie ich dort leben, wie ich schreiben, Kaffee trinken, lesen, denken, im Fluss schwimmen würde. Ich brauchte eine Kaffeemascheine. Eine Bettdecke. Einen Nachttisch, auf den ich die Kaffeetasse stellen könnte. Morgenrock, Pantoffeln, Teller. Es machte mir so viel Freude, diese Liste aufzustellen, dass ich mich fragte, ob das Schreiben nur ein Vorwand dafür sei, das alles zu kaufen.

Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben, Seite 54

Valla steckt so viel Zeit, Geld, Energie und Tränen in ihren Traum, weil es ein altes Haus ist, das revitalisiert werden muss. Sie friert, watet im Wasser, sowie in Dreck und Staub, trifft auch tierische Mitbewohner. Zum Schreiben kommt sie lange gar nicht – aber dann doch. Die Arbeit daran, sich etwas eigenes zu schaffen, gibt ihr erstaunlich viel Inspiration und Kraft zurück. Und entgegen ihrer eigentlichen Pläne nimmt sie auch ihre Familie immer öfter mit in ihr Haus.

Zwischen den Schilderungen ihres Weges erzählt sie von vielen anderen Autorinnen, die sich ebenfalls ihren Raum geschaffen haben. Neben vielen Literatinnen aus Skandinavien, kommen da auch Frauen wie Agatha Christie, Toni Morrison, Daphne du Maurier, Patti Smith (sie verfolgt mich) und natürlich auch Virginia Woolf vor. Und ihre Geschichten sind allesamt total spannend und anregend. Die Verknüpfung Literatur mit (Innen)Architektur scheint irgendwie Sinn zu ergeben. Edith Wharton schrieb, als sie ihre Villa kaufte, “Es kommt mir vor wie zu heiraten und endlich den richtigen Mann”. Und du Maurier schleicht 15 Jahre um ihr Traum-Herrenhaus herum, Menabilly, das später das Vorbild für Manderly in ihrem Roman Rebecca wurde. “Das kann nicht von Dauer sein”, schreibt sie, “Es kann nicht bestehen. Vielleicht ist es gerade das Unsichere an dieser Liebe, das die Leidenschaft so stark macht.”

Jedenfalls ist Ein Raum zum Schreiben die Art von Buch, wo man sich richtig gedanklich reinkuscheln und wohlfühlen kann, auch wenn der Inhalt oft gar nicht so viel zur Entspannung beitragen sollte, würde man meinen. Aber vielleicht erkennen wir Leser und Leserinnen, wie Valla, dass alles am Ende Sinn ergeben wird. Außerdem müssen ja auch nicht wir im tiefsten Winter in einem unbeheizten, zugigen Haus übernachten, in dem es von der Decke tropft, harhar. Wir können gemütlich auf der Gartenliege verweilen, während wir davon lesen.

Dienstag

Heute bis nach Mittag im Pyjama an zwei Projekten parallel gearbeitet. Dazwischen wollte ein Nachbar was, und ich musste ihm in diesem Aufzug öffnen harhar.

Danach endlich geduscht und etwas gegessen.

Anschließend in den Garten gefahren und mit dem Kind geschrieben, das jetzt für sieben Tage an einem Ort ohne Internet ist. Ja sowas gibt es tatsächlich. Daran gedacht, dass ich selbst fast auf den Tag genau vor 20 Jahren nach Vancouver geflogen bin und wie sehr das ein anderes Leben war.

Gelesen, dass Ozzy Osbourne gestorben ist. Wird jetzt manche überraschen, aber Ozzy war tatsächlich ein Teil meiner Jugend. Als Solokünstler, weniger bei Black Sabbath, das war mir zu hart. Aber aufgrund dessen, dass mein Freund in einer Indieband war, habe ich viel Rock gehört. Wer immer aller jetzt einen Nachruf schreibt, zitiert bitte Goodbye to Romance, da finden sich viele passende Zeilen und es ist so ein schöner, trauriger Song. Schnüff.

Am Abend unterm Baum gelegen und mein neues Buch fast ausgelesen.

Jetzt in meinem Haus, in meinem Raum zum Schreiben sitzen und eben schreiben. Aus dem Fenster schauen.

Danach werde ich schlafengehen und an jemand denken.


I guess that we’ll meet, we’ll meet in the end

(Ozzy Osbourne)

Ein Bücherkauf

Heute habe ich einen Arbeitstag in der Wohnung eingelegt, wegen Wetter und auch wegen Skripten formatieren, das geht am PC mit dem großen Bildschirm besser.

Ich war aber auch kurz bei Bücher am Spitz (unbezahlte Werbung). Dort gehe ich sehr gern hin, weil es so gemütlich ist, weil es dort liebe Hunde gibt, die freundlich herumtrotten und weil die Buchhändlerin mir mal einen super Buchempfehlung gegeben hat, aufgrund der beiden Bücher, die ich damals gekauft hatte. Und das empfohlene Werk war besser als die, die ich mir selbst ausgesucht hatte harhar. Heute kam ein Kunde und hat ein “Buch-Abo” bestellt, das bietet sie persönlich an. Man gibt an, welches Genre ungefähr und dann bekommt man einmal pro Monat ein eigens kuratiertes Buch und wenn man – wie dieser Kunde – zufällig gegenüber der Buchhändlerin wohnt, wird es auch noch persönlich geliefert. Das alles habe ich mitgelauscht, sorry.

Ich selber habe mich, als Germanistin, mit der irrsinnig elaborierten Frage hervorgetan: “Haben Sie schon das neue Buch von Doris Knecht? Ich habe es gestern im Kurier gesehen.”

Das ist nur eine Spur besser als “Es sind Blumen am Cover”, das Äquivalent zu “Was für ein Auto?” – “Es ist blau”. Aber ich habe mir den Titel wirklich nicht gemerkt. Er lautet übrigens: Ja. Nein. Vielleicht.

Der Buchhändler, männlich, hat dann die an diesem Morgen gelieferte Kiste ausgepackt und sie zu mir: “Lassen wir ihn noch ein bisschen schwitzen” harhar. Dann meinte sie noch, um die Knecht würden sich alle reißen (ja eh, ich auch) Und es werde wohl in Kürze geliefert werden.

Anyway, ich hab ein anderes, tolles Buch dort gefunden – weil man dort immer auch weniger bekanntes ausstellt und zwar:

Quasi für mich geschrieben, hat auch Blumen am Cover

Und das neue Knecht Buch, mit den Blumen am Cover, kaufe ich dann auch dort.

Ma

Heute in der Früh bin ich in den Garten gefahren und habe den Podcast von Michel Friedman (zu dem ich ein zwiespältiges Verhältnis habe), Friedman im Gespräch gehört. Nämlich die Folge, wo er Lars Eidinger zu Gast hatte. Eidinger mag ich als Schauspieler sehr und er sagt auch interessante Dinge, die immer ein bisschen subversiv sind. Ich muss aber zugeben, dass Friedman auch halbwegs ok war, harhar.

Es ging viel um Sprache. Gemerkt habe ich mir spontan, dass Eidinger meinte, durch das Gesagte wird Wirklichkeit geschaffen, zum Beispiel in der Politik. Da ist es gar nicht mehr wichtig, ob es sich dabei um eine Lüge handelt. Das war schon bei Shakespears Richard III so.

In Japan, erklärte Eidinger dann, gibt es ein Wort für die Stille, für die Pause, für das “dazwischen” im Gespräch. Und das wird dort “Ma” genannt. In Japan wird ein Mensch höher geschätzt, der zuhören kann als jemand, der gut reden kann. Ich glaube, mich daran erinnern zu können, so etwas auch mal über Architektur, über freie Räume zwischen Gebäuden gelesen zu haben, und wie wichtig die sind, nicht nur als Leerstelle, sondern um eben zum Beispiel Häuser so richtig zur Geltung zu bringen.

Gasthund beim Sonnenbad

Themenwechsel, aber doch nicht so ganz. Angenehm warm war es heute im Garten. Und wieder habe ich das gespürt, was ich auch gestern schon gespürt habe, als ich während des Sommerregens auf den Balkon gegangen bin, nämlich dass mich bestimmte Wetterlagen und die dabei entstehenden Gerüche der Luft, die Art, wie der Wind geht, oder wie die Sonne meine Haut wärmt, immer wieder so sehr an jemanden erinnern, oder vielmehr, dass ich ihm bei der Begegnung mit diesen Phänomen auch ihm immer wieder begegne, so quasi metaphysisch. Ich tue mir schwer, es zu beschreiben, ich möchte es so gerne in Worte fassen, aber ich kann es noch nicht.

Vielleicht ist es auch so eine Art “Ma”, ein “dazwischen”, eine Stille, ein freier Raum, der auf etwas, jemanden, hinweist.

E-Bow the Letter

Apropos Patti Smith, auch wenns konstruiert klingt: ich habe in den letzten Tagen und Wochen immer wieder einen Song gehört, der gleichzeitig eh der einzige Song ist, den ich von ihr kenne, nämlich E-Bow the Letter. Eigentlich ist es ein REM Song, Smith singt hier die Backing Vocals und wurde von der Band als große Einflussgröße genannt.

Der Song war die erste Single aus dem REM Album New Adventures in Hi-Fi aus dem Jahr 1996 und als solche völlig ungeeignet. Weil sie ist ur lang, über fünf Minuten, sperrig und er hat halt auf keiner Ebene das Zeug zum Ohrwurm, was ja die erste Single schon immer haben sollte, wenn man nach den Pop-Markt-Gesetzmäßigkeiten geht. Das Video ist ebenfalls sehr Arthouse (verwackelt, unscharf, etc) und es geht viel ums (Weg)Fahren und unterwegs sein.

Ich mag E-Bow the Letter aber immer schon sehr gerne, weil der Song etwas tut, was ich total schätze. Und zwar, komplett unmusikwissenschaflich erklärt: Die Musik macht das eine, der Sänger (hier Michael Stipe) singt irgendwie daneben vorbei und in diesem Fall gibt es eben noch Patti Smith, die auch wiederum ihr eigenes Ding macht. Es ist niemals ein Zusammenspiel von mehreren Komponenten, sondern ein parallel geführter Alleingang, jeder könnte gefühlt auf einem anderen Planeten sitzen, wenn man so will, es ist aber trotzdem stimmig.

Ich hab jetzt recherchiert und Stipe hat den Song für den verstorbenen Schauspieler River Phoenix geschrieben, mit dem er befreundet war. Es ist ein frei assoziierender Brief und der “E-Bow” ist, habe ich auch erst jetzt herausgefunden, ein Zusatzgerät bei einer E-Gitarre, das die Saite in elektromagnetische Schwingungen versetzt und damit einen lang anhaltender Ton erzeugt. Also quasi ein Brief, der schwingt, vielleicht?

Der Text ist irrsinnig schwer zu dechiffrieren, man könnte sagen, Stipe philisophiert über Sucht und Ruhm und Sinn. Er erschuf hier die extrem strange, aber auch interessante Zeile: “This fame thing, I don’t get it. I wrap my hand in plastic to try to look through it” Diese Zeile spürt man eher, als man sie versteht. Er singt auch, sehr berührend: “I wear my own crown of sadness and sorrow” und er stellt fest: “Aluminum tastes like fear.” Alles irgendwie eigenartig, aber wirklich schön.