almis personal blog

ESC Update

So, in der quiet season doch auch wieder mal was zum ESC. Weil am 20. August wird bekannt gegeben, ob der Songcontest nächstes Jahr in Wien oder in Innsbruck stattfindet. Ich habe da weniger Gefühle dazu als vermutlich haben sollte. Meine Ticket-Connection von 2015 gibt es leider nicht mehr, daher werde ich wohl da wie dort nicht live dabei sein können. Es sei denn, jemand schenkt mir eine Karte, damit ich darüber berichte, harhar dream on.

Marco Schreuder hat jedenfalls einen sehr guten Logo-Vorschlag für den ESC nächstes Jahr gepostet:

(c) Marco Schreuder und Aston Matters

Harhar, ja so passend.

Das Motto 2015 war eben Building Bridges, es gab dazu auch den gleichnamigen Song, den ich live in der Stadthalle gehört habe. Da hieß es, diese Brücken” (…) will stand the test of time (!). We can build a bridge until it reaches out, across the borderlines.” Damals dachte ich so ja, eh catchy der Song, aber halt auch bissl abgegriffene Plattitüden, das empfinde ich jetzt anders, weil es nicht mehr selbstverständlich ist, eben auch nicht beim ESC. Ich erinnere mich, damals haben noch so viele Fans ihre israelischen Fahnen vor der Stadthalle gewachelt, das kann man sich momentan gar nicht vorstellen.

Ach ja und es wird diesmal einen öffentlichen Vorentscheid über den österreichischen Beitrag geben, da sind die ESC Ultras natürlich extrem begeistert, weil das in der Vergangenheit immer sehr erfolgreich war harhar, not. Aber ich nehme an, der ORF will den ESC Hype ausnutzen und denkt sich, es werden sich total viele Menschen dafür interessieren und demzufolge ORF schauen. Ich bin da nicht jetzt nicht ganz so sicher. Ich mein, ich persönlich schaue natürlich fix alles. Außerdem wollen “wir” sicher nicht zweimal hintereinander gewinnen und das werden wir so auch eher nicht.

P.S. Das Literaturmuseum

Nachdem ich darauf angesprochen wurde, noch ein bisschen Hintergrundinfo zum Literaturmuseum, weil es wirklich toll ist. Im dritten Stock ist immer die jeweils aktuelle Ausstellung zu sehen – schon dafür alleine kann man Stunden verwenden. Im ersten und zweiten Stock die Dauerausstellung zur österreichischen Literaturgeschichte. Im zweiten Stock von der Aufklärung bis 1918, im ersten Stock ab dann bis zur Gegenwart.

Wunderbare Orte in Wien, fast direkt nebeneinander, das Metro Kino und das Literaturmuseum

Sehr witzig ist, dass die Ausstellung gleich mit der Aussage von Friedrich Nicolai beginnt, einem Hauptvertreter der Aufklärung, dass die österreichische Literatur quasi nichts tauge. Gut, das war 1761. Dann gibt es eine ziemliche große Sektion über Franz Grillparzer (u.a. sein Arbeitszimmer). Hier habe ich mir angehört, was Konstanze Fliedl, bei der ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, über Weh dem, der lügt zu erzählen hat – im ganzen Museum gibt es viele kleine Hörelemente. Weh dem, der lügt ist, wie man heute sagen würde, extrem gefloppt und Grillparzer hat danach keine Stücke mehr aufführen lassen. Das Scheitern wohnt den Schriftstellern auf die eine oder andere Weise ohnehin immer inne – auch Ferdinand Raimund, dem es ähnlich ging und der schließlich Suizid beging. Nestroy war eventuell etwas robuster.

Die Ausstellung ist in viele “Elemente” gegliedert, die sich teilweise natürlich auch überschneiden, so etwas wie “Die Ringstraße”, “Der Salon” – wo man auch dem Wiener Kreis wieder begegnen kann – “Der Börsencrash”, “Arbeiterbewegung” usw. Es gibt auch die Sektion “Ein Brief” und wenn man als Germanistin etwas von einem Brief liest, dann kann man nur an den einen denken, über den man wochenlang in irgendwelchen Seminaren gesprochen hat harhar, nämlich dem Chandos Brief von Hugo von Hoffmansthal. So lang ist dieser zwar nicht, beschäftigt sich aber mit Poetik und (der Grenze) von Sprache und kann deshalb nach Herzenslust analysiert und zerklaubt werden. Natürlich findet sich auch der Jedermann im Museum.

Der Fin de Siecle – meine Lieblingszeit in der Literatur – wird ausführlich behandelt, wobei ich mir mehr Schnitzler erwartet hätte. Immerhin gibt es eine schöne Wien-Karte, wo aufgezeichnet ist, in welchen Gegenden Leutnant Gustl herumgeirrt ist, vor seinem Duell mit dem Bäcker. Es gibt sehr viel Kafka und ich muss sagen, die Serie von David Schalko hat da echt sehr gut informiert. Ausgestellt ist der Brief an Max Brod, in dem Kafka ihn, Brod bittet, sein ganzes Werk zu vernichten. Wir wissen, wie das ausgegangen ist. Sidestep: Ich war ja immer dafür, dass Schalko jetzt eine Schnitzler Serie macht und nicht Braunschlag 2, aber mich fragt ja keiner.

Auch das Klimt-Fakultätsbild Die Medizin findet man hier, ich muss schon wieder an jemand denken.

Und sehr viel zur Kaffeehausszene und der sogenannten Kaffeehausliteratur:

Peter Altenbergs Allheilmittel für alles

Wir erfahren vom Brecht-Boykott, der unter anderem von Friedrich Torberg orchestriert wurde, ich muss mich da noch mehr in die Materie einlesen. Ein großer Teil ist dann noch Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann gewidmet. Auch der experimentellen Literatur wird Platz gegeben, aber mit der kann ich persönlich jetzt nicht so besonders viel anfangen. Das Ende bildet ein Überblick über die “Schreibprozess” von Schriftstellern, sammeln, notieren, anordnen, skizzieren, das fand ich sehr spannend.

Und auch wenn ich jetzt so viel geschrieben habe, so habe ich auch sehr viel vergessen. Es erfasst das Museum nur unzureichend. Wie gesagt, es ist wirklich einen Besuch wert (unbezahlte Werbung)

Ein Tag im Museum

…und zwar im Literaturmuseum. Das gemütliche Wohnzimmer, zum Chillen zwischendurch…

Stefan Zweig hat einen Punkt:

Johann Strauß auch:

Ich wusste nicht, dass Strauß damit den Börsencrash im Mai 1873 meinte, bei dem die Väter von Schnitzler, Freud und Hoffmansthall einen beträchlichten Teil ihres Vermögens verloren haben – ob ihnen diese Zeile aus der Fledermaus ein Trost war?

Auch prominent vertreten, Thomas Bernhard:

Bei den Todesarten ist natürlich auch Ingeborg Bachmann nicht weit – und der berühmte Abschlussatz von Malina: Es war Mord.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Paul Celan

Und dann war da noch, zum Nachdenken:

Und:

Kafka ging sehr gerne ins Kino, das war mir auch nicht so bewusst.

Und zum Abschluss:

Reger Andrang im Museum harhar, na es waren schon noch ein paar Leute außer mir dort. Aber man steigt sich nicht auf die Füße

Superschön wars, über drei Stunden war ich dort, ohne die aktuelle Ausstellung (die kenne ich schon). Es hätte aber noch viel länger sein können. Btw habe ich heute erfahren, man kann mit dem Ticket das Museum auch verlassen und wieder kommen. Na wenn ich das gewusst hätte, hätte ich wohl in der Früh angefangen.

Große Empfehlung!

Brooklyn

Apropos Kitsch. Kürzlich habe ich Brooklyn gestreamt, einen Film unter der Regie von John Crowley, von dem ich dieses Jahr We Live in Time gesehen habe, der mir sehr gut gefallen hat.

In Brooklyn geht es um die junge Frau Eilis (Saoirse Ronan), die im Jahr 1951 aus ihrem irischen Kaff und der Perspektivlosigkeit nach New York geht. Ihre Schwester Rose, die die Intelligenz und Weltoffenheit von Eillis erkennt und merkt, dass sie in dem kleinen Dorf nicht glücklich werden wird, hat ihr einen Job in einem Kaufhaus verschafft, es ist auch geplant, dass sie dort eine Ausbildung macht. Voller Heimweh kommt Eilis in New York an und tut sich schwer, nicht überall Irland zu sehen und zu vermissen, obgleich ihr schon bewusst ist, dass das Leben hier mehr für sie zu bieten hat. Da trifft sie eines Tages den italienischstämmigen Tony (Emory Cohen)…

SPOILER, ALLERDINGS VERRATE ICH DAS ENDE NICHT

Bei diesem Plot könnte man sich denken (und das habe ich auch getan harhar), was geht mich das eigentlich an, warum eine Frau in den 1950er Jahren nach Amerika geht, es riecht außerdem nach richtig kitschiger Liebesgeschichte. Da kann ich entwarnen. Nichts an diesem FIlm ist kitschig und meiner Meinung nach ist es nicht einmal eine Liebesgeschichte, zumindest nicht eine zwischen Frau und Mann. Vielleicht eher zwischen Frau und einer Stadt oder noch besser: Einer Frau und dem Leben und seinen Möglichkeiten.

Im Grunde wird Eilis – den Namen spricht man, wie die meisten irischen Namen anders aus, als man ihn schreibt, eher so “Elisch” – laufend unter Druck gesetzt. Einerseits von Tony, der sie zwar wirklich liebt, der aber gleichzeitig nicht derjenige ist, für dessen höhere Ausbildung seine Familie Opfer bringt. Das ist sein kleiner Bruder. Tony ist Klemptner. Insofern passen Eilis und er intellektuell nicht wirklich zusammen. Außerdem ist Tony auch ziemlich unsicher und dementsprechend besitzergreifend. Und dann gibt es noch Eilis Mutter und ich denke mir da immer, nie will ich so werden als Mutter! Die Mutter will nämlich, nachdem Eilis Schwester überraschend verstirbt, dass Eilis um jeden Preis zurück nach Irland kommt und bleibt, nämlich darum, um sich um sie, die Mutter zu kümmern. Natürlich kann man verstehen, dass sie Eilis lieber in der Nähe hätte. Aber ich kann deshalb das eigene Kind nicht daran hindern, sein Leben zu leben und ihm ein schlechtes Gewissen machen, wenn es andere Pläne hat. Das ist nicht fair.

Eilis schwankt bei einem Besuch in Irland. Plötzlich wird ihr hier ein guter Job angeboten. Plötzlich gibt es einen jungen Mann, Jim (Domhnall Gleeson) der sich für sie interessiert, mit dem sie anregende Gespräche führen kann und der noch dazu ausnehmend begütert ist. Plötzlich wirkt Irland gar nicht mehr so trost- und hoffnungslos. Aber ist das nur die Wiedersehensfreude, die Verklärung, weil man längst woanders lebt? Oder ist eine Zukunft für Eilis in Irland möglich, was aber auch den Abschied von Tony bedeuten würde?

Saoirse Ronan, die ich immer sehr gerne sehe, liefert hier eine so komplett ruhige und kleine Performance ab, die gerade deswegen so eindringlich ist und den Film trägt. Denn auch wenn das ganze Ensemble gut ist und wenn der Film sehr viele interessante Szenen hat, so ist sie es, die uns die Ambivalenz von Eilis vermitteln muss, die sehr viel alleine mit Blicken, mit Mimik, transportieren muss, was in ihr vorgeht, was sie sich denkt, wünscht und erhofft. Sie erzählt uns von einer Frau, die selbstbestimmt sein möchte und einem Beruf nachgehen, in einer Zeit, in der das für Frauen nicht besonders einfach war. Ronan macht das so gut, dass sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert worden ist.

Jedenfalls ein Film, bei dem meine Vorurteile definitiv nicht angebracht waren und der so viel mehr bietet, als ich mir von ihm erwartet habe. Ich denke immer noch über ihn nach.

August

In meinem “Poetik-Feed” auf Social Media habe ich zum Anfang des Monats gelesen: “I expect too much of August and August expects too much of me.” Finde ich irrsinnig schön formuliert, geht mir aber gar nicht so, ich erwarte mir gerade gar nichts, na ja, einen Schatten unterm Baum und vielleicht doch noch ein paar Mal ins Wasser gehen, lesen und schreiben und ein paar lustige Tage mit dem Kind verbringen, wenn er wieder da ist. Was der August von mir will, ist mir ziemlich egal, harhar.

Meine Telefoniererei hat übrigens ein höchst erfolgreiches Ende genommen, nachdem ich mit Menschen von Wien, Innsbruck bis nach Bozen (extreme Flashbacks an meine Zeit dort!) gesprochen habe. Ich bin schon ein bisschen stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, Menschen zu helfen. Anscheinend liegt mir das Telefonieren doch nicht so schlecht, ich bin vor Freude ein bisschen durchs Haus getanzt. Ich habe aber trotzdem keinen, ich wiederhole keinen Wiederholungsbedarf, harhar.

Hietzing am Platz und Sonne!

Zur Feier dessen bin ich nach Hietzing gefahren, bin spazieren gegangen und habe fast eine Stunde in der Buchhandlung Kral (unbezahlte Werbung) verbracht und ganz viele Bücher angelesen. Letztendlich habe ich mich, naja, nicht für das falsche, aber doch wieder für einen Roman entschieden, nämlich Verheiratete Frauen, der mich bisher nur so halb überzeugt. Die Themen – Frauen um die 40 Jahre und ihre Beziehung(skrisen), auch Affinität zum Medium Film – interessieren mich zwar total, aber ich halte so eine verkitschte Sprache gar nicht aus, wie sie leider auch die Autorin Cristina Campos verwendet. Ich bin da eher bei Ernest Hemingway, der forderte: “Write hard and clear about what hurts”. Das kann und soll poetisch sein, aber eben kein Kitsch.

Ach ja, bei meinem Text geht es gut voran, ich weiß jetzt auch endlich wie er enden wird und das erfüllt mich auch mit einer gewissen Zufriedenheit, harhar.

Ansonsten schaue ich mir die Urlaubsfotos von anderen an und freue mich mit. Ich vermisse da nichts. Das, was ich vermisse, ist eine Melodie in meinem Alltag (siehe gestriger Eintrag) – das finde ich ein so schönes Bild und tut mir gerade gut.

The Life of Chuck

Diese Woche hab The Life of Chuck im bis auf den letzten Platz besetzten Studio-Saal im Votiv gesehen und rückblickend bin ich echt froh, dass ich mich nicht für die Pressevorstellung für Uncut gemeldet habe, weil über den Film zu schreiben ist wirklich schwer. Während ich das schreibe, weiß ich selber noch nicht, wie ich das machen werde, also seid gespannt. Harhar.

Regie führte Mike Flanagan, vom dem ich nichts kenne und der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, es ist aber kein Horror. Worum gehts? Irgendwie um das Leben von “Chuck”, Charles Krantz (Tom Hiddelston), das in drei Akten und rückwärts erzählt wird. Am Beginn steht Chuck vor seinem Ende und auch die Welt tut das – Naturkatastrophen scheinen der Menschheit den Garaus zu machen. Dennoch bedanken sich alle bei Chuck für 39 fabelhafte Jahre. Aber warum tun sie das und was hat Chuck mit dem drohenden Weltuntergang zu tun?

SPOILER!!!! ES GEHT NICHT ANDERS!

Ich bin ja bekannt dafür, dass ich Tanz in Filmen liebe. In meinem Haus hängt ein La La Land Poster am Stiegenaufgang. In The LIfe of Chuck tanzt Tom Hiddleston (übigens hervorragend) fast den ganzen zweiten Akt über, auch mit der mir bisher unbekannten Annalise Basso. Sonst hat Hiddleston im Film übrigens fast nichts zu tun, auch wenn er die titelgebende Figur ist, aber teilweise wird ja von Chuck als Kind und Jugendlicher erzählt, also insgesamt spielen drei oder vier andere Kinder bzw. Jugendliche ihn ebenfalls.

Ich liebe es auch, wenn in Filmen Gedichte zitiert werden und das kommt bei The Life of Chuck im ersten und im dritten Akt vor. Beide Male ist es etwas aus Walt Whitmans Gedicht Song to Myself: “Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, / I am large, I contain multitudes.” Ich enthalte Vielheiten. Während wir alle vielleicht ein bisschen Angst haben, vor den Widersprüchen in uns selbst, umarmt Walt Whitman sie, weil wir sind eben groß, wir verkörpern unterschiedliches. Wir dürfen auch widersprüchlich sein.

The Life of Chuck hat zwar diese durchgehende Handlung (wenn auch rückwärts erzählt) Chuck vor seinem Tod bis Chuck als Kind, aber viel mehr handelt der Film von vielen kleinen Momenten, die uns sagen, wie schön das Leben ist, wenn man auf seine Details achtet. Klingt jetzt komisch, weil ja vor allem im ersten Akt dauernd vom Weltuntergang die Rede ist, aber vielleicht auch gerade deshalb. Die Figur eines Lehres, die von Chiwitel Ejiofor dargestellt wurde, mochte ich gleich. Weil das Internet fällt aus (für immer!!!) und ein Vater kommt zu ihm, eigentlich wegen eines Elterngespräches und er sagt verzweifelt zu ihm: “Pornhub funktioniert auch nicht mehr”. Und der Lehrer könnte dann so tun als wisse er von nichts, als hätte er überhaupt noch nie von Pornhub gehört etcetera, doch er sagt so auf die Art, ja das ist mir auch schon aufgefallen, harhar. Und das fand ich irrsinnig sympathisch.

Der Film hat diese kleine Stephen King Mystik – eine Dachkammer, die man nicht besuchen soll. Das spoilere ich nicht, es ist tatsächlich ziemlich furcherregend, wenn auch nicht im Sinne von Horror. Tatsächlich aber ist meine Interpretation, dass der Film das verkörpern soll, was Chuck im Zuge seines “das Leben zieht nochmal an mir vorbei” Moments vor seinem inneren Auge sieht. Da passt nicht alles zusammen, da gibt es traumartige Sequenzen, alles ist auch ein bisschen mysteriös. Dass sich die Welt bei Chuck bedankt, interpretiere ich so, dass jeder Mensch das Zentrum seines eigenen Universums ist und, dass er sich wünscht, einen Eindruck bei anderen zu hinterlassen. Und dass die Welt untergeht? Naja, sie geht für jeden von uns in dem Moment unter, in dem wir sterben.

Soweit meine Gedanken, man kann alles aber auch anders sehen. Das ist das Schöne an diesem poetischen Film. Ach ja und am Ende hat man einen My Sharona Ohrwurm.

Ja, Nein, Vielleicht.

So, nun zum neuen Roman von Doris Knecht. Doris Knecht hat sich bereits in ihrem letzten Buch Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe ein bisschen in Richtung Autofiction a la Annie Ernaux entwickelt. In diesem Buch hat sie vom Auszug ihrer Töchter und dem Empty Nest erzählt, in ihrem neuen Roman Ja, Nein, Vielleicht geht es quasi weiter.

Die Protagonistin lebt nun ihr Leben zwischen Wien und dem Haus im Waldviertel und ist sehr zufrieden. Die erwachsenen Kinder haben alles im Griff, sie schreibt, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen, trifft sich mit Freunden, genießt das Landleben, die Gartenarbeit und ihren Hund. Sie hat auch einen “Johnny”, der so etwas wie ein Friend with benefits ist, glaub ich zumindest, es bleibt etwas nebulös. Da trifft sie zufällig Friedrich wieder, einen Mann, mit dem sie 25 Jahre zuvor auch eine gewisse “Geschichte” hatte, aber zusammen waren die beiden nie. Und nun stellt sich für die Protagonistin die Frage: Was möchte sie? Will sie sich nochmal auf eine “richtige” Beziehung einlassen? Und zu welchen Bedingungen?

Dieser Roman ist in erster Linie eine Reflexion über die romantische Liebe an sich, also die Liebe abseits von gewissermaßen Notwendigkeiten. Die Protagonistin stellt sich die Frage, wozu sie als Frau mit Mitte 50 jetzt überhaupt noch eine Beziehung “braucht” – das Thema Kinder und Familie ist für sie ja bereits lange abgeschlossen. Sie hat, was sie möchte, sie ist finanziell unabhängig, sie verfügt über genügend soziale Kontakte und, nicht zu vergessen, da ist wieder die Freiheit, das Leben so zu gestalten wie sie das will. Sie muss nach 20 Jahren Kinderbetreuung – einen nicht unbeträchtlichen Teil davon alleinerziehend – keine Kompromisse mehr eingehen und sich nach niemandem richten.

Sie denkt über eine Freundin nach, die sich gerade verlobt hat, “Ich weiß, was nach diesen Liebeshighs kommt. Das ist kurz fantastisch, das hält nicht an (…) Dahinter wartet Enttäuschung, Gewöhnung und eine gute oder schlechte Komplizenschaft. Im besten Fall eine ruhige verlässliche Liebe, im schlechteren Langeweile, im schlimmsten Zurückweisung, Gleichgültigkeit, Hass.” (S. 55)

Einmal fragt sie diese Freundin, wenn jetzt wieder bei ihr, der Protagonistin, ein Mann im Haus wäre, wo würde der sitzen, was würde er tun? Und die Freundin antwortet so auf die Art, nun ja, er könnte uns Drinks mixen harhar. Tatsächlich erinnert sich natürlich auch die Protagonistin daran, was gut war, an der Liebe, an einer Partnerschaft, das Gefühl, geborgen zu sein, diese Nähe und Intimitität zu verspüren, wie es damals temporär mit diesem Friedrich war: “(…) wir wollten nur miteinander ins Bett und dann nackt nebeneinanderliegen und uns Sachen aus unseren Leben erzählen. (…) Dabei vielleicht was trinken, viele Zigaretten rauchen und dann vielleicht nochmal miteinander schlafen”

Aber auch das Gefühl, dass zu wenig zurückkommt, dass sie nicht so geliebt wurde, wie sie es gebraucht hätte, das ist ganz schnell wieder da. Kurz nach dem ersten Wiedersehen schickt sie Friedrich abends eine Nachricht und dreht dann das Handy ab:

Am nächsten Morgen wache ich auf und finde mich plötzlich wieder an diesem inneren Ort, an dem ich nie wieder hinwollte: an einem Ort, wo ich die Nachricht eines Mannes erhoffe. Ich kenne diesen Ort gut. Es ist ein Ort, dessen Landschaft sich von heute auf morgen von einem blühenden Hügel mit idyllischem Ausblick in ein kaltes, schlammiges Tal verwandeln kann (…) dort verknüpfen sich mein Wohlbefinden (…) mein Selbstwert untrennbar mit dem Blick eines Menschens auf mich, der nicht ich bin (….) Ich war dort schon zu oft, ich weiß nicht, ob ich da nochmal hinwill.

Ja, Nein, Vielleicht Seite 46.

Ja, nein, Vielleicht ist ein leicht lesbarer, streckenweise ziemlich amüsanter Roman über eine selbstbestimmte, auch sehr reflektierte Frau. Er enthält erstaunlich viele sehr poetische Betrachtungen, die einfach für mich wunderschön beschreiben, wie man sich so mitunter fühlt, in diesem Alter, nach dem vielen Leben, das man schon hinter sich hat, den Erfahrungen, die man gemacht hat, auch den Tränen und dem Schmerz und dem Bewusstsein, dass das alles gar nicht so einfach ist, wie man sich das gedacht hat, als man sich das allererste Mal verliebt hat.

Eine universelle Antwort gibt Knecht nicht, aber sie findet die Anwort für sich. Diesen Bewusstseinsbildungs-Prozess mitzuerleben, das ist höchst spannend.

Ein Raum zum Schreiben

Nachdem ich Ein Raum zum Schreiben von Kristin Valla jetzt tatsächlich schon (mit Begeisterung) ausgelesen habe und auch um eine Rezension gebeten worden bin, hier ein paar Gedanken dazu.

Ich weiß nicht, ob das Buch, das kein Roman im eigentlich Sinn ist, jedem so gefallen wird wie mir. Denn es geht Valla in diesem autobiografischen Text, in Anlehnung an Virginia Woolfs Postulat, darum, dass jede Frau, die schreiben will ein eigenes Zimmer, eben für sich alleine, braucht. Wo sie die Tür zumachen und ungestört sein kann. Ein bisschen Geld kann auch nicht schaden harhar. Aber das Zimmer als Gedankenraum wäre essentiell. Valla, Mitte 40, zwei jugendliche Kinder, schreibt darüber, wie sie früher als Autorin tätig war, aber durch Heirat, Kindererziehung und Brotjob einfach nicht mehr dazugekommen ist. Deshalb macht sie sich schließlich auf die Suche nach einem Haus.

Und davon erzählt dieses Buch in großen Teilen. Ihre Erkundungsfahrten nach einem Domizil, das sie schließlich in Frankreich findet, was jetzt nicht gerade um die Ecke von Norwegen ist und auch noch in einem dort entlegenen Gebiet liegt, kann man als fixe Idee oder auch Schwachsinn betrachten. Wozu braucht sie das? Wozu lädt sich sie so viele neue Probleme auf? Sie schreibt eine to do Liste:

Während ich die Liste machte, stellte ich mir vor, wie meine Tage in dem Haus aussehen würden. Ich stellte mir vor, wie ich dort leben, wie ich schreiben, Kaffee trinken, lesen, denken, im Fluss schwimmen würde. Ich brauchte eine Kaffeemascheine. Eine Bettdecke. Einen Nachttisch, auf den ich die Kaffeetasse stellen könnte. Morgenrock, Pantoffeln, Teller. Es machte mir so viel Freude, diese Liste aufzustellen, dass ich mich fragte, ob das Schreiben nur ein Vorwand dafür sei, das alles zu kaufen.

Kristin Valla: Ein Raum zum Schreiben, Seite 54

Valla steckt so viel Zeit, Geld, Energie und Tränen in ihren Traum, weil es ein altes Haus ist, das revitalisiert werden muss. Sie friert, watet im Wasser, sowie in Dreck und Staub, trifft auch tierische Mitbewohner. Zum Schreiben kommt sie lange gar nicht – aber dann doch. Die Arbeit daran, sich etwas eigenes zu schaffen, gibt ihr erstaunlich viel Inspiration und Kraft zurück. Und entgegen ihrer eigentlichen Pläne nimmt sie auch ihre Familie immer öfter mit in ihr Haus.

Zwischen den Schilderungen ihres Weges erzählt sie von vielen anderen Autorinnen, die sich ebenfalls ihren Raum geschaffen haben. Neben vielen Literatinnen aus Skandinavien, kommen da auch Frauen wie Agatha Christie, Toni Morrison, Daphne du Maurier, Patti Smith (sie verfolgt mich) und natürlich auch Virginia Woolf vor. Und ihre Geschichten sind allesamt total spannend und anregend. Die Verknüpfung Literatur mit (Innen)Architektur scheint irgendwie Sinn zu ergeben. Edith Wharton schrieb, als sie ihre Villa kaufte, “Es kommt mir vor wie zu heiraten und endlich den richtigen Mann”. Und du Maurier schleicht 15 Jahre um ihr Traum-Herrenhaus herum, Menabilly, das später das Vorbild für Manderly in ihrem Roman Rebecca wurde. “Das kann nicht von Dauer sein”, schreibt sie, “Es kann nicht bestehen. Vielleicht ist es gerade das Unsichere an dieser Liebe, das die Leidenschaft so stark macht.”

Jedenfalls ist Ein Raum zum Schreiben die Art von Buch, wo man sich richtig gedanklich reinkuscheln und wohlfühlen kann, auch wenn der Inhalt oft gar nicht so viel zur Entspannung beitragen sollte, würde man meinen. Aber vielleicht erkennen wir Leser und Leserinnen, wie Valla, dass alles am Ende Sinn ergeben wird. Außerdem müssen ja auch nicht wir im tiefsten Winter in einem unbeheizten, zugigen Haus übernachten, in dem es von der Decke tropft, harhar. Wir können gemütlich auf der Gartenliege verweilen, während wir davon lesen.

Dienstag

Heute bis nach Mittag im Pyjama an zwei Projekten parallel gearbeitet. Dazwischen wollte ein Nachbar was, und ich musste ihm in diesem Aufzug öffnen harhar.

Danach endlich geduscht und etwas gegessen.

Anschließend in den Garten gefahren und mit dem Kind geschrieben, das jetzt für sieben Tage an einem Ort ohne Internet ist. Ja sowas gibt es tatsächlich. Daran gedacht, dass ich selbst fast auf den Tag genau vor 20 Jahren nach Vancouver geflogen bin und wie sehr das ein anderes Leben war.

Gelesen, dass Ozzy Osbourne gestorben ist. Wird jetzt manche überraschen, aber Ozzy war tatsächlich ein Teil meiner Jugend. Als Solokünstler, weniger bei Black Sabbath, das war mir zu hart. Aber aufgrund dessen, dass mein Freund in einer Indieband war, habe ich viel Rock gehört. Wer immer aller jetzt einen Nachruf schreibt, zitiert bitte Goodbye to Romance, da finden sich viele passende Zeilen und es ist so ein schöner, trauriger Song. Schnüff.

Am Abend unterm Baum gelegen und mein neues Buch fast ausgelesen.

Jetzt in meinem Haus, in meinem Raum zum Schreiben sitzen und eben schreiben. Aus dem Fenster schauen.

Danach werde ich schlafengehen und an jemand denken.


I guess that we’ll meet, we’ll meet in the end

(Ozzy Osbourne)

Ein Bücherkauf

Heute habe ich einen Arbeitstag in der Wohnung eingelegt, wegen Wetter und auch wegen Skripten formatieren, das geht am PC mit dem großen Bildschirm besser.

Ich war aber auch kurz bei Bücher am Spitz (unbezahlte Werbung). Dort gehe ich sehr gern hin, weil es so gemütlich ist, weil es dort liebe Hunde gibt, die freundlich herumtrotten und weil die Buchhändlerin mir mal einen super Buchempfehlung gegeben hat, aufgrund der beiden Bücher, die ich damals gekauft hatte. Und das empfohlene Werk war besser als die, die ich mir selbst ausgesucht hatte harhar. Heute kam ein Kunde und hat ein “Buch-Abo” bestellt, das bietet sie persönlich an. Man gibt an, welches Genre ungefähr und dann bekommt man einmal pro Monat ein eigens kuratiertes Buch und wenn man – wie dieser Kunde – zufällig gegenüber der Buchhändlerin wohnt, wird es auch noch persönlich geliefert. Das alles habe ich mitgelauscht, sorry.

Ich selber habe mich, als Germanistin, mit der irrsinnig elaborierten Frage hervorgetan: “Haben Sie schon das neue Buch von Doris Knecht? Ich habe es gestern im Kurier gesehen.”

Das ist nur eine Spur besser als “Es sind Blumen am Cover”, das Äquivalent zu “Was für ein Auto?” – “Es ist blau”. Aber ich habe mir den Titel wirklich nicht gemerkt. Er lautet übrigens: Ja. Nein. Vielleicht.

Der Buchhändler, männlich, hat dann die an diesem Morgen gelieferte Kiste ausgepackt und sie zu mir: “Lassen wir ihn noch ein bisschen schwitzen” harhar. Dann meinte sie noch, um die Knecht würden sich alle reißen (ja eh, ich auch) Und es werde wohl in Kürze geliefert werden.

Anyway, ich hab ein anderes, tolles Buch dort gefunden – weil man dort immer auch weniger bekanntes ausstellt und zwar:

Quasi für mich geschrieben, hat auch Blumen am Cover

Und das neue Knecht Buch, mit den Blumen am Cover, kaufe ich dann auch dort.