almis personal blog

Sommerpläne 2

Ein Posting von A. auf Instagram, führt mit zu meinen Sommerplänen, Teil 2. Sie hat nämlich das Buch Der Sommer meiner Mutter empfohlen, ich habe gegoogelt, ob es das in meiner Bücherei gibt und habe es mir dann, gleich mit noch drei weiteren Büchern, ausgeborgt. Alles wieder einmal unbezahlte Werbung.

Nachdem ich sie in der Bücherei entliehen hatte, musste ich länger auf den Bus waren, und habe Der Sommer meiner Mutter an der Haltestelle zu lesen begonnen, als mich irgendwann eine mir unbekannte Frau antippte und meinte, ob ich nicht mitfahren will, der Bus wäre jetzt da, das Buch scheint ja sehr spannend zu sein, harhar. Ja, gibt’s ein besseres Zeichen?

Was hat das mit meinen weiteren Sommerplänen zu tun, nun die sind (auch) lesen. Vom Julie Zeh Buch erwarte ich mir eloquente Renitenz harhar, ich mag sie und ihre Ansichten sehr. Den Roman von Vera Zischke habe ich auch bei jemanden von Insta gesehen, es geht um ein Thema, an dem sich schon viele Autorinnen abgearbeitet haben, nämlich wie das geht Frau und Mutter gleichzeitig sein, aber ich gebe solchen Romanen trotzdem immer wieder eine Chance. 22 Bahnen wiederum hab ich mir vor allem wegen L. ausgeborgt, wir wollen den Film, der darauf beruht, im Herbst ansehen.

Ich möchte mir auch noch zwei oder drei neuere Bücher kaufen, einfach so, wegen der Urlaubsstimmung, ohne in Urlaub zu fahren. Ich habe da Alles wovor ich Angst habe, ist schon passiert im Auge, was ich mir bei meinem letzten Buchkauf schon fast ausgesucht hätte. Klingt ja voll nach Urlaubsfeeling, oder? Harhar. Ich finde den Titel aber super. Ich möchte gerne wissen, was andere Menschen tun, wenn das Leben sie einmal so richtig aus der Spur geworfen hat.

Außerdem möchte ich mir ein Buch von Bachmann Juror Philipp Tinger aussuchen, einfach weil ich jetzt auch wissen will, wie er schreibt. Das wird sicher irgenwas hippes aus Berlin sein und mal sehen, wie mir das gefällt. Dazu noch den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll, der Was machen wir aus unserem Leben heißt.

Ziemlich spannend finde ich auch etwas ganz anderes, nämlich Sprechende Fassaden von dem diese Woche leider verstorbenen “Fassadenleser” Klaus-Jürgen Bauer. Das brauche ich, im weitesten Sinne, auch aus Recherchezwecken, wegen meines eigenen Buchprojekts.

Le Meraviglie

Wie angekündigt, habe ich beim italienischen Filmfestival im Votivkino auch noch den dritten Film aus der Land-Trilogie von Alice Rohrwacher gesehen, chronologisch ist das der erste Teil, Le Meraviglie (Die Wunder), aus dem Jahr 2014.

In diesem Film geht es um eine Familie von Bienenzüchtern in der Toskana. Vater Wolfgang (Sam Louwyck), ursprünglich aus Deutschland, schafft es mit seinem Gewerbe eher schlecht als recht, seine Familie, bestehend aus seiner Frau Angelica (Alba Rohrwacher) und seinen vier Töchtern über Wasser zu halten. Sie sind immer von der Delongierung bedroht. Am Strand sehen sie einmal zufällig Dreharbeiten zu einer Realityshow, die nach Familien sucht, die regionale Produkte erzeugen. Die älteste Tochter Gelsomina (Maria Alexander Lungu) ist von der Moderatorin Milly (Monica Belluci) angetan und möchte ins Fernsehen. Wolfgang ist strikt dagegen, obwohl sie das Geld, das auf einen Gewinn der Show steht, sehr dringend brauchen würden…

Le Meraviglie ist sicher der am wenigsten ausgereifte und unzugänglichste Film dieser Trilogie, obwohl er schon alle Ingredenzien hat, die auch die späteren Werke von Rohrwacher auszeichnen.

Zum einen die naturalistische Schilderung des Landlebens und hier besonders der Armut, die sich vor allem in sehr einfacher Kleidung, dem desolaten Wohnhaus, einer gewissen Verwahlosung zeigt. Zum anderen gewisse surreale Elemente: Die Betten stehen immer wieder mal mitten auf dem Hof und die Familie wacht dann dort auf. In der Umgebung wird geschossen, es wird aber nie klar, warum. Einmal kauft der Vater ein Kamel, das dann am (auch kaputten) Karussell der Kinder angebunden wird. Und auch wieder das Märchenhafte: Belluci als “bezaubernde” Moderatorin, verkleidet als eine Art Nixe, seltsam faszinierend.

Aber Rohrwachers Stil schafft es hier noch nicht so wirklich, auf den Punkt zu kommen, was in manchen Reviews etwas euphemistisch als “Befreiung von narrativen Zwängen” bezeichnet wird, harhar so kann man es auch sagen. In anderen heißt es, es wäre “too understated” und dem muss ich mich anschließen. Mir ist das auch etwas zu dahintreibend gewesen, die Elemente der Erzählung stehen recht ungewichtet nebeneinander. Mich hat es daher nicht so in den Bann gezogen werden, wie Lazzaro Felice, wo ich weinen musste. Obwohl auch hier vieles sehr tragisch ist. Vor allem habe ich eine extreme Abneigung gegenüber dem Vater empfunden, der so richtig unsympathisch und derb der ganzen Familie das Leben zur Qual macht. “Non rompere” quasi sein Kommentar zu allem, “Geh mir nicht am Arsch auf die Nerven.”

Eine richtige Zuneigung scheint er nur zu Gelsomina zu empfinden, aber auch diese Beziehung wirkt ungesund, weil er Gelsomina -den Namen kenne ich persönlich nur als den der enorm tragischen Hauptfigur in Fellinis La Strada– in die Rolle des eigentlichen Familienoberhauptes drängt, die überall mitanpacken, alles (mit)entscheiden soll, die auch alle ganz offensichtlich als die intelligenteste und patenteste Person der ganzen Familie empfinden. Manchmal nimmt sie die Bienen in den Mund und lässt sie von dort wieder hinauskrabbeln. Das hat mich ein bisschen an meinen Opa erinnert, der das mit einer brennenden Zigarette machen konnte, sie komplett im Mund verschwinden und dann wieder auftauchen zu lassen, ohne sich wehzutun oder sie damit auszulöschen (bevor er das Rauchen aufgegeben hat).

Maria Alexandra Lungu als Gelsomina ist wunderbar, auch die etwas kleinere Schwester Marinella (Agnese Graziani), die, wie man in Wien sagen würde, eine richtige “Düsn” ist. Sie braucht nur auf gewisse Art und Weise dreinschauen und das Publikum lacht. Ansonsten noch eher ein, wenn auch interessantes, Experimentierfeld.

TDDL 25, zwei

Beim Text Die Jäger von Chitwan von Verena Stauffer hab ich mir gedacht, ich verstehe die Geschichte irgendwie überhaupt nicht. Etwas peinlich, aber kann ja mal passieren. Gott sei Dank bin ich keine Jurorin.

Umso witziger war es, dass Juror Philipp Tingler zu Klaus Kastberger, der die Autorin eingeladen hat, gesagt hat: Ich möchte eine schlichte Frage stellen. Worum geht’s? Harhar

Kastberger daraufhin: Heiner Müller hat einmal gesagt, wenn ich Welt-Unterrichtsminister wäre, würde ich die eine Frage verbieten lassen und zwar die Frage “Was will der Text uns sagen?”

Daraufhin entspann sich eine halbwegs hitzige Diskussion zwischen den Juroren, in der Jurorin Brigitte Schwens-Harrant den schönen Satz sagte: “Ich habe nichts gegen Sätze.” Man einigte sich darauf, dass dieser Text eine Diskursfläche im Elfriede Jelinek’schen Sinne ist.

Am Ende dann wieder Philipp Tingler: Ich möchte fürs Protokoll festhalten, vielleicht ist das eine altmodische, aber meine unumstößliche Überzeugung, dass sich ein literarischer Text die Frage gefallen lassen muss, “Worum geht es?”

Thomas Strässle: Wenn man eine Lehre ziehen will, alles hängt mit allem zusammen und alles kann in alles umschlagen.

Tingler: Aber wussten wir das nicht schon vorher?

Strässle: Wir ahnten es.

Harhar, das ist meine Art von Diskussion, ich finde das höchst amüsant. Und ja, ich bin da auch altmodisch.

TDDL 25, eins

Die Bachmannpreisträgerin von 2021 Nava Ebrahimi hat gestern mit dem Text Drei Tage im Mai den heurigen Bewerb, die Tage der deutschsprachigen Literatur, eröffnet, und ich hab mit dem Text so viele Probleme – ein nicht ganz unerhebliches davon ist, dass der Text sich überhaupt nicht mit Literatur beschäftigt – dass ich das mal gesondert behandeln muss.

Kommen wir stattdessen zur allseits beliebten Bachmannpreis Bingo Karte dieses Jahres:

Sehr hübsch wieder, ich bin auch immer neidisch auf Mara Delius wegen des Colas harhar, und diesen Punkt kann man tatsächlich schon abhaken.

Was ich bei dieser Bingokarte noch ergänzt hätte, wäre “Prätentiöses Vorstellungsvideo einer Autorin/ eines Autors”. Hätte man heute auch bereits (mehrfach) gehabt. Mir ist schon klar, jede und jeder möchte sich von seiner besten Seite zeigen und in die fünf Minuten alles reinpacken, aber es ist halt oft einfach viel zu gewollt und anstrengend.

Am heutigen ersten Lesetag wurde gleich bei der ersten Autorin Fatima Khan darüber reflektiert, was man bei Literatur in Briefform bedenken muss. Sowas ist ja immer so eine Art Germanistikseminar (in humorvoll) und ich liebe das natürlich total. Hier ging es darum, dass man einen Brief an jemandem schreibt und nicht über jemanden. Sprich: Wenn man den Lesern etwas erzählen will und diese Informationen in den Brief hineinpackt, der Adressat diese Informationen aber schon hat. In dem Fall ging es um Aspekte des islamischen Glaubens, die man den Lesern näherbringen will, nachdem der Vater (als Adressat) aber ein Islamwissenschafter ist, muss man diese ihm ja nicht erklären – was die Autorin aber teilweise gemacht hat.

Es fielen aber auch schöne Sätze wie “Ich bin in einem salzarmen Haushalt großgeworden” und “Über eine Familie wie unsere werden normalerweise keine Bücher geschrieben.” Oder nachdenkenswert, die Protagonistin ist Kunsthistorikerin: “Erinnerung ist eine Form von Architektur”.

Replik von Juror Klaus Kastberger: “Ich hätte mir in diesem Text mehr Sichtbeton gewünscht” harhar schön.

Sommerpläne 1

Mit dem Schulschluss naht auch der Sommer und wie immer fahre ich nicht weg. Ich habe vor, das kulturelle Programm in Wien zu nutzen, vor allem das Sommerkino in seinen verschiedenen Ausprägungen (unbezahlte Werbung), ich weiß, das kommt jetzt sehr überraschend.

A. hat ich gefragt, ob wir uns vielleicht etwas bei Kino wie noch nie ansehen. Das ist das Sommerprogramm vom Metro – und im Nonstop Kinoabo inbegriffen. Die Filme fangen bei Einbruch der Dunkelheit im Augarten an und sind am Tag darauf nochmal im Metrokino zu sehen. Das Flair im Augarten ist sicher super, allerdings hab ich immer das Problem der späten Beginnzeit, da ist die Heimfahrt manchmal schwierig. Die Filmauswahl scheint keinem bestimmten Konzept zu folgen. Es gibt aktuelle Filme, schon älteres und auch österreichisches.

Das Votivkino bringt heuer wieder sein, zumindest bei mir, sehr beliebtes Was Wir Lieben. Da wählen die Kinomitarbeiter selber ihre Lieblingsfilme aus, die dann gezeigt werden. Jedes Jahr hoffe ich auf La La Land. Im Juli ist es heuer zumindest noch nicht dabei, obwohl ich es hier schon mehrfach vorgeschlagen habe, tsts. Und außerdem, wenn wir schon dabei sind, was lieben wir eigentlich an Everything Everywhere All At Once oder Tree Of Life? Also ich persönlich ja nichts harhar, aber gut, man kann natürlich nicht alles super finden. Ich interessiere mich dafür besonders für Rear Window von Hitchcock, den ich tatsächlich noch nie (!) gesehen habe und Portrait Of a Lady On Fire.

Dann gäbe es noch Kino am Dach, da gibt es auch (Liebesfilm)Klassiker, die man auf Instagram mitwählen konnte, vornehmlich aber recht aktuelle Filme, weshalb ich sehr viel schon kenne, anderes sowieso auch bisher nicht sehen wollte (harhar) es gilt hier aber auch kein Nonstop-Abo. Das Gartenbaukino haut vor seiner Sommerpause einfach noch schnell random Barry Lyndon von Stanley Kubrick raus, und das ist schon ziemlich super. Ich habe den Film vor langer Zeit einmal gesehen, und es geht mir wie dem Protagonisten aus Hanekes Amour: “I don’t remember the film. But I remember the feeling”. Und das war gut, das Gefühl.

Ein paar neue Filme laufen im Sommer auch an, unter anderem The Materialists von Celine Song, für deren Erstling Past Lives ich mich weniger erwärmen konnte, als ich das erwartet hatte und das hier ist auch wieder eine Dreiecksgeschichte. Außerdem der “Corona Western” Eddington von Ari Aster. Und Aster in Kombination mit diesem ähm Genre, das macht mir schon etwas Angst.

Jedenfalls gibt es reichlich Filmauswahl, auch im Sommer.

Kleines Interview

In meiner persönlichen Recherche zu Lazzaro Felice hab ich ein ur tolles Interview mit Regisseurin Alice Rohrwacher und Josh O’Connor gefunden. O’Connor, den ich erstmals in Challengers gesehen und sofort einen Faible für ihn entwickelt habe, hat im Nachfolgefilm La Chimera die Hauptrolle gespielt und dafür Italienisch gelernt. Und wie es dazu kam, erzählen sie in diesem Interview.

O’Connor ist ja Engländer und schon relativ bekannt, würde ich sagen. Er hat (den jungen) Charles in The Crown gespielt und wurde auch schon als möglicher James Bond gehandelt. In diesem Interview erzählt er, dass er Happy as Lazzaro gesehen hat und wusste, er muss mit Rohrwacher arbeiten. “She makes my favorite movies”. Er hat seinen Agenten gesagt, er müsse mit ihr in Kontakt treten und dieser darauf nur “Good luck” harhar. Es waren keine Kontaktinformationen zu finden. So hat O’Connor ihr immer wieder Briefe geschrieben, adressiert an: Alice Rohrwacher, Umbria, Italy, “I hoped, the postman would find it.”

Irgendwann kam es zu einem Zoom Call, Rohrwacher war gerade dabei, die Hauptrolle in La Chimera zu besetzen, aber ihr Portagonist war älter konzipert als O’Connor eben ist. Nach dem Gespräch war sie sich aber sicher, er ist es. Und seitdem lieben sich beide wechselseitig sehr, wie man beim Interview sehen kann, harhar. Bei den Filmen gehe es so familär zu, es werde quasi gemeinsam gelebt, es gäbe “the best food” und Rohrwacher will am liebsten alle Darsteller, mit denen sie gearbeitet hat, wieder besetzen, daher gäbe es bei La Chimera schon an die 50 Charaktere.

O’Connor sagt: “She encourages you to not look at what a straight forward character might think in any moment. Instead what are the secrets? What aren’t we showing? What is he feeling what maybe we don’t have to show?”

Genauso habe ich seinen Charakter in La Chimera empfunden. Von mir aus können sie noch viele Filme zusammen drehen.

Lazzaro Felice

Lazzaro Felice (Glücklich wie Lazzaro) ist, wie gesagt, der zweite Teil von Alice Rohrwachers Landleben Trilogie.

Es geht um ein Arbeiterkollektiv in einer italienischen Provinz, der genaue Ort und die Zeit wird nicht ganz klar, das für die unerbittliche Marchese de Luna (Nicolette Braschi, btw. die Ehefrau von Roberto Benigni) die Tabakernte erledigt und auch sonst das Land bewirtschaftet. Sie werden für ihre Dienste nicht bezahlt, nachdem dieser Teil durch eine lange zurückliegende Flut vom Rest des Landes getrennt wurde, weiß niemand, dass die Leibeigenschaft längst verboten worden ist. Lazzaro (Adriano Tardiolo) ist einer von ihnen, der so gutmütig, dumm, naiv oder einfach menschlich ist, dass er von denen, die versklavt sind, wiederum “versklavt” und herumgestoßen wird. Doch eines Tages freundet er sich mit dem Sohn der Marchesa, Tancredi, an und sein Leben nimmt eine Wendung…

ACHTUNG HIER FOLGEN WIRKLICH MASSIVE SPOILER, WEIL MAN SONST ÜBER DEN FILM NICHTS SCHREIBEN KANN. ICH HABE EUCH GEWARNT!

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es gibt so viel zu diesem wunder-wunderschönen Film zu sagen. Zunächst Lazzaro. Er ist eine Figur irgendwo zwischen Forrest Gump und Till Eulenspiegel. Er versteht keine Zweideutigkeiten und keinen Zynismus, er nimmt alles, was ihm gesagt wird, wortwörtlich. Und das würde ihn in laufend ins Unglück stürzen, wenn er nicht so ein grundehrlicher, aufrechter Mensch wäre, der sich einfach an allem erfreuen kann. Auch daran, von den anderen permanent gebraucht zu werden, er sieht es nicht als Ausnützen an. Nur die junge Antonia scheint sich ehrlich für ihn zu interessieren. Manchmal steht er einfach so eine halbe Stunde im Regen und schaut in die Welt. Er ist innerhalb von sonderbaren Menschen ein “Sonderling”.

Lazzaro weiß nicht, wer seine Eltern sind, es spielt in dieser Gemeinschaft auch keine Rolle. Der, sagen wir mal, limitierte Genpool könnte eine Erklärung für Lazzaros Verhalten sein, aber das greift viel zu kurz. Mit Tancredi verbindet ihn (von seiner Seite aus) eine tiefe Freundschaft. Für uns Zuseher wirkt es natürlich so, als würde auch Tancredi ihn nur als Mittel zum Zweck sehen. Und das ist einer der Zauber dieses Filmes, dass unser Wahrnehmung, unsere Haltung “Jetzt wehr dich doch endlich! Jetzt lass doch nicht alles mit dir machen!” durch die Gleichmut von Lazzaro herausgefordert wird. Wieso ist dieser Mensch nur immer so glücklich?

Irgendwann wird die Dorfgemeinschaft durch die Polizei befreit und in eine nahe Stadt umgesiedelt. Lazzaro stürzt genau zu diesem Zeitpunkt in eine Schlucht. Ist er tot? Ab diesem Moment wird der Film zu einem Märchen, denn Lazzaro (siehe sein heiliger Namensvetter) steht nach langer Zeit wieder auf, gelangt auf Umwegen in die Stadt (hier muss man ein bisschen an The Village denken) und trifft sein “Rudel”, Antonia (Alba Rohrbacher, die ihren Augen nicht traut und Lazzaro voll Freude umarmt, so wie auch Trancredi wieder. Alle anderen sind, im Gegensatz zu Lazzaro, gealtert, aber auch unterschiedlich schnell. Die Reichen sind arm geworden, die Armen sind arm geblieben. Alle betteln, stehlen und betrügen für den Lebensunterhalt. Die “Befreiung” hat nichts verbessert. Eine beißende Kritik an der Gesellschaft. Und im Übrigen auch an der Kirche, denn dort werden arme Menschen, die ihrem harten Alltag kurz entfliehen und der Orgelmusik lauschen wollen, sofort als “nicht zugehörig” aus dem Gotteshaus verwiesen.

Bei oberflächlicher Betrachtung könnte man nun meinen, der Film erzählt darüber, wie schlecht die Welt und ihre Bewohner sind und, dass man als guter Mensch hier einfach nur verlieren, ausgebeutet und wahnsinnig verletzt werden kann. Tatsächlich merkt man aber, wenn man genau hinsieht, dass alle durch die Umstände geprägt sind, dass niemand per se ein “schlechter” Mensch ist. Dass alle Figuren auch ihre guten, warmherzigen Seiten haben, die aber durch gewisse Umstände verschüttet wurden, dennoch immer wieder einmal sichtbar werden. Rohrwacher hat ganz viel Empathie für ihre Figuren und sie schafft es, dass alles romantisch verklärt wirkt, auch das Leben neben dreckigen Bahngleisen.

Das Ende werde ich nicht spoilern, es ist noch rätselhafter und traurig-schöner als der Rest des Filmes. Ich musste nachher noch sehr lange mit den Tränen kämpfen.

Trilogie des Landlebens

Gestern habe ich den ersten Film im Rahmen des Nuovo Cinema Italia Festivals im Votivkino gesehen

Und zwar Lazzaro Felice (Glücklich wie Lazzaro) aus dem Jahr 2018 von Alice Rohrwacher. Es ist der zweite Teil ihrer Trilogie über das rurale Italien. Der erste Teil, Le Meraviglie, aus 2014 sehe ich nächste Woche, den dritten Teil La Chimera (2023), habe ich vor einigen Monaten angeschaut und ihn wirklich hervorragend gefunden.

Alle ihre Filme besetzt Rohrwacher teils mit Laiendarstellern, teils auch mit immer wieder denselben Schauspielern und Schauspielerinnen – bestes Beispiel Rohrwachers Schwester Alba, die auch überregional bekannt ist.

Die sehr schönen Stiegen ins Votivkino hinunter

Man denkt sich ja ok, das ländliche Italien der 1980er Jahre, Landarbeiter in verfallenen Häusern, Schmutz, Armut, auch Ungerechtigkeit und Brutaliät, klingt jetzt nicht extrem sexy. Italien sieht hier auch fast nie wie das Italien aus, das wir alle kennen und lieben, keine Spur von Strand, Dolce Vita und Urlaub, ganz im Gegenteil. Die Menschen sprechen eine grobe Sprache, die überhaupt nicht so lieblich ist, wie wir es gewöhnt sind. Will ich mir sowas wirklich im Kino ansehen, ist das nicht eher ein Stoff für eine kritische Dokumentation?

Aber Rohrwacher macht etwas anderes aus der jeweils tristen Ausgangssituation. Sie setzt der harten Realität einen merkwürdigen Zauber entgegen, sie verwendet mehr oder weniger märchenhafte Elemente und erfüllt alles mit zarter Poesie. Sie spielt mit verschiedenen Zeitebenen, lässt sich von Mythen inspirieren und erschafft beeindruckende, zugleich tröstliche Bilder. Und sie regt unsere Phantasie an. Es ist alles traurig und wunderschön gleichzeitig. Das ist eine besondere Gabe, sie ist eine herausragende Regisseurin. Ich habe einmal gelesen, sie sei “the future of cinema”. Und ja, das kann ich mir gut vorstellen.

Soviel einmal vorab, bevor ich mehr über Lazzaro Felice erzähle.

Bozen und die Ungargasse

In meinem Buch Geboren in Bozen (Werbung in eigener Sache) habe ich mir damit schwergetan, die Stadt Bozen zu beschreiben. Nachdem ich jetzt wieder mal reingeschaut habe, war ich generell sehr überrascht, wie anders mein Stil damals war, wie kurz ich mich gefasst habe, es war tatsächlich ein eher knappes Protokoll. Damals hab ich noch nicht soviel gebloggt, harhar. Ich glaube, da habe ich mich doch sehr weiterentwickelt.

Es gibt ein paar Verweise, zum Beispiel auf die Pizzaschnitten dort, das Licht auf den Straßen wie auf einer typisch italienischen Piazza und auf den Sprachduktus. Ich habe festgestellt, dass man bei den Südtiroler Ärzten und Pflegern oft nicht wusste, ob sie deutsch oder italienisch “native” sind, auch die Nachnamen waren oft nicht hilfreich; sie sprachen manchmal beide Sprachen so, als wären es Fremdsprachen für sie, das fand ich total interessant.

Ich habe von den angelehnten Fahrrädern am Bahnhof geschrieben, die alle vor dem Schild standen auf dem darauf hingewiesen wurde, dass man hier keine Fahrräder anlehnen dürfe. Ich habe das Merkantilmuseum in der Silbergasse kurz geschildert, das Ortsschild der Stadt, das direkt in einem Weinberg steht, den Bahnsteig, wo ich fast lautlos geweint habe, mit nur kleinen Geräuschen, wie ein Fisch, der auf dem Trockenen nach Luft schnappt. Ich habe geschrieben, dass Bozen für meine Zimmerkollegin anders fremd war als für mich, sie kannte die Stadt und hatte festgestellt, dass sie fremd ist, für mich war sie fremd im Sinne von “unbekannt”.

Und ja, in der Nacht nach der Geburt des Kindes habe ich über Bozen geschrieben: “Ich löschte das Licht und draußen war Bozen. Mild und ruhig und dunkel lag es vor meinem Fenster, als läge es auf der Lauer. Als würde es mich bewachen.”

In meinem neuen Text wird Wien natürlich auch eine gewisse Rolle spielen. Ich habe in den letzten Tagen Malina von Ingeborg Bachmann gelesen, wegen der Inspiration, wegen ihres “Ungargassenlandes” und oh mein Gott wie experimentell und unzugänglich ist dieser Roman phasenweise, ich bin froh, dass ich den auf der Uni nie analysieren musste.

Nicht unzugänglich aber ist der Einstieg, eben das Ungargassenland, über das Bachmann – sogar ein bisschen pointiert – schreibt:

Es gibt, und das ist leicht zu erraten, viel schönere Gassen in Wien, aber die kommen in anderen Bezirken vor, und es geht ihnen wie den zu schönen Frauen, die man sofort ansieht mit dem schuldigen Tribut, ohne je daran zu denken, sich mit ihnen einzulassen. Noch nie hat jemand behauptet, die Ungargasse sei schön, oder die Kreuzung Invalidenstraße-Ungargasse habe ihn bezaubert oder sprachlos gemacht. So will ich nicht erst anfangen, über meine Gasse, unsere Gasse unhaltbare Behauptungen aufzustellen, ich sollte vielmehr in mir nach meiner Verklammerung mit der Ungargasse suchen (…)

Ingeborg Bachmann: Malina, Seite 16.

Ja, so macht man das.

Oslo Stories: Liebe

Gestern habe ich nun den dritten Film der Oslo Stories gesehen, er heißt Liebe.

Im Mittelpunkt steht die pragmatische Ärztin Marianne (Andrea Bræin Hovig), in ihren 40ern, Single und kinderlos, die von ihrem Arbeitskollegen, dem sensiblen homosexuellen Krankenpfleger Tor (Tayo Cittadella Jacobsen), in die Welt des Datings – oder eher des “Cruisings” – was er am liebsten auf einer Fähre von Nessoden, einer vorgelagerten Insel, nach Oslo praktiziert, eingeweiht wird. Marianne ist hochinteressiert, denn auch sie hat ein Thema mit “konventionellen” Beziehungen…

ACHTUNG SPOILER MÖGLICH

Bei der Recherche zu diesem Post, habe ich gerade festgestellt, dass Liebe zwar als erster Film angelaufen ist, tatsächlich aber der dritte Teil der Trilogie – nach Sehnsucht und Träume – ist. Und ich würde die Filme auch in dieser, ihrer ursprünglichen, Reihenfolge empfehlen wollen. Für mich ist Liebe der Teil, den ich tatsächlich am wenigsten stimmig finde. Das ist natürlich Jammern auf höherem Niveau, denn auch Liebe ist sehenswert, allerdings mangelt es ihm, meines Erachtens an Humor, der in den beiden anderen Teilen sehr präsent war und den ich gerade auch in Beziehungsfilmen sehr entlastend finde, und er ist mir auch thematisch zu unfokussiert.

Denn der eigentliche Sachverhalt, welche Beziehungsformen gibt es zwischen unverbindlichen sexuellen Begegnungen mit einer mehr oder weniger fremden Person und einer konventionellen, dauerhaften Paarverbindung, die Menschen “gewöhnlich” eingehen, wird mit dem irrsinnig schweren und komplexen Thema der Prostatakrebserkrankung (und ihren Folgen) verbunden; was ich in diesem Zusammenhang fast schon ein wenig moralisierend finde. Denn der unkonventionelle Tor verliebt sich in einen Patienten, und erstmals (?) tritt der körperliche Aspekt des Zusammenseins in den Hintergrund, weil er das zwangsläufig muss. Marianne wiederum trifft einen geschiedenen Mann, der Kinder hat und steht vor der Frage, wie viel Verantwortung sie, die prinzipiell gar lieber keine tragen möchte, zu übernehmen bereit wäre. Dazu kommt noch, anlässlich einer Feier der Stadt Oslo, etwas willkürlich das Thema Stadtverwaltung ins Spiel – Mariannes Freundin ist dort beschäftigt. Also…naja. Da hätte ich persönlich plottechnisch gerne etwas entrümpelt.

Was ich bei Liebe wieder sehr schön fand ist das Vermitteln von Stimmungen. Die Atmosphäre auf der Fähre bei der Überfahrt. Das abendliche Schwimmen vor der Insel Nessoden, obwohl es immer kalt wirkt in Oslo, es ist Sommer und es werden aber durchaus auch Pullover getragen. Eine Szene ist besonders interessant: Ein Datum wird eingeblendet, eine Augustsonntag-Nacht, es ist dunkel, wir sehen das Rathaus Oslo für ungefähr eine halbe Minute. Wir denken, ah es passiert sicher gleich irgendwas, aber: es passiert gar nichts. Schnitt. Neues Datum, neuer Tag. Einen Reim darauf kann man sich selbst machen.

Was alle Oslo Stories abseits der großen Themen, die sie besprechen, eint, ist die Figur des Bjorn, der in jedem Teil vorkommt – was mir ehrlich gesagt nicht aufgefallen wäre. In Sehnsucht ist er aber auch nur sehr kurz von hinten zu sehen. Alles in allem tolles norwegisches Kino, schön, diese Hauptstadt nach The Worst Person in the World wiederzusehen und noch näher kennenzulernen.